Das zweite in Raymond Martins Volksverlag erschienene Sammelband-Softcover-Album des französischen Comic-Enfant-Terribles Gotlib datiert in Original wie deutscher Lizenz aufs Jahr 1983, seine rund 100 Seiten blieben diesmal jedoch unkoloriert. In Sachen Blasphemie und Sex setzte Gotlib in seinen anarchisch-satirischen Comics jedoch noch einen drauf, ergänzt um menschliche Ausscheidungen.
Ein hervorragendes, der Fachzeitschrift „Comic Forum“ entnommenes, fünfseitiges und somit recht ausführliches Portrait Gotlibs stimmt auf den Inhalt ein, der neben kurzem Nonsens diverse absonderliche Geschichten enthält. So trifft der Bürgermeister von Huon im Wald auf allerlei sich Sex und Perversionen hingebende Märchengestalten. Ein paar Panels entpuppen sich dabei als eine Art Prequel der Erlebnisse Herrn Junghans‘ aus Band 1. In „La coulpe“ streift Gotlib persönlich durch die Gegend und macht eigenartige Erfahrungen. Ein beliebtes Motiv Gotlibs scheinen hier zweckentfremdete bzw. umplatzierte Körperteile zu sein; so hat jemand beispielsweise eine Penishand und einen Handpenis, ein anderer kackt aus dem Kopf. In einer „Was bin ich?“-Persiflage hat der Kandidat einen Fuß statt einer Hand und umgekehrt – und führt vor, wie er damit onaniert.
Ein verklemmter Zensor wird von Gott gezwungen, durch Scheiße zu schwimmen, zu onanieren, mit seiner Mutter zu vögeln und seinen Vater zu töten – provokanter ging es wirklich kaum noch. Etwas bemüht wirkt die Pointe des exzellent gezeichneten Vorgangs der Morgentoilette eines Normalbürgers, der für sich privat halt popelt und furzt, der Jugend am Ende aber mangelnde Manieren vorwirft – gleichwohl gelten diese nun einmal in erster Linie für den Umgang mit anderen. Es folgt eine sehr schwarzhumorige Parodie klassischer Melodramen, und mit der Geschichte vom Mann mit den zwei Schwänzen wird’s wieder blödsinnig pubertär. Die letzte längere Geschichte handelt von der Erfindung des Klopapiers und einer Art Abroller, inklusive Schwänzen, Kot (natürlich) und etwas Ejakulat.
Fast überall geht es diesmal also um Schwänze und Sex, was die bundesdeutsche Zensur den Band dann auch indizieren ließ. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer, aber Gotlib feuert mit Kot und Sperma aus allen Rohren – das reinste Comic-Tourette. Die Übersetzung erlaubte sich wieder die eine oder andere Lokalisierung und leidet bedauerlicherweise unter einer Als/wie-Schwäche. Band 3 liegt mir leider nicht vor, würde mich aber ebenfalls interessieren…
