Nachdem ich Frank Schäfer durch seine Anekdotensammlung „Metal Störies“, die mich prächtig unterhalten konnte, kennengelernt hatte, habe ich mal recherchiert, was der Braunschweiger „Rolling Stone“- und „taz“-Journalist darüber hinaus an Büchern zum Thema Musik veröffentlicht hat. Zu seinen diesbezüglichen Frühwerken ist „Heavy Metal – Geschichten, Bands und Platten“ aus dem Jahr 2001 zu zählen, das sich grob in vier Abschnitte unterteilen lässt: Eine allgemeine, immer noch etwas oberflächliche und in Detailfragen sicherlich streitbare, ansonsten aber gelungene und informative Abhandlung zur Entwicklung und Geschichte des Musik-Genres, eine ausführliche, kritische Vorstellung der nach Schäfers Meinung sieben wichtigsten Bands, einige Plattenkritiken (exemplarische Klassiker als Streifzug durch seine Plattensammlung sowie zum Veröffentlichungszeitpunkt aktuelle Scheiben) und ein paar Konzertberichte. Leider bedient sich Schäfer unverständlicherweise eines angeberischen, vollkommen übertriebenen Geschwurbels, das möglichst viele weitestgehend unbekannte Vokabeln unterzubringen versucht. Wie überflüssig das tatsächlich ist, wird dadurch deutlich, dass seine Texte auch weitestgehend problemlos zu verstehen sind, ohne die Bedeutung seiner Spracheskapaden zu kennen. Das wiederum ist natürlich ein Pluspunkt, denn dadurch lassen sich seine durchaus unterhaltsamen und humorvollen, mit einer gewissen, aber nie abwertenden Ironie für sich selbst und das Genre versehenen Kapitel zügig konsumieren und dank Schäfers Meinungsfreudigkeit aus Fan-Sicht nickend bestätigen oder auch kopfschüttelnd ablehnen. Ein paar offensichtliche Fehler („Grunge“ entstammt nicht der Mittelschicht, wurde dieser mittels MTV & Co. aber massiv dargereicht, so dass zumindest die Speerspitze der „Bewegung“ Gefahr lief, von weißen Mittelklasse-Trendkonsum-Kids überlaufen zu werden; nicht „Strange World“, sondern „Invasion“ der Iron-Maiden-„Soundhouse Tapes“ wurde erst viel später noch einmal veröffentlicht) gehen natürlich mit den üblichen Geschmacksfragen einher. So musste ich gerade bei der ungewohnt kritischen Auseinandersetzung mit der „Black Sabbath“-Diskografie ziemlich schmunzeln und konnte vieles nachvollziehen, wenngleich ich „War Pigs“ für einen geilen Song halte. Von schwerer Geschmacksverirrung muss jedoch ausgegangen werden, wenn Schäfer dem Album „Dehumanizer“ jegliche Qualitäten abspricht. Auch irritiert doch stark, wenn er ausgerechnet „Seventh Star“ als einziges durchweg gelungenes „Black Sabbath“-Album bezeichnet; natürlich hat er ein Recht auf sein Lieblingsalbum, jedoch impliziert dies, ein „Headless Cross“ beispielsweise würde Füllsongs enthalten, was natürlich jeder Grundlage entbehrt – wie auch jegliche über den Sound hinausgehende Kritik am Iron-Maiden-Götterwerk „Seventh Son of a Seventh Son“, womit sich Schäfer jedoch in unrühmlicher Gesellschaft so vieler Musikkritiker befindet, die seinerzeit möglicherweise bereits zu alt waren, um für die besondere Magie dieses Albums empfänglich zu sein und der simplen Versuchung erlagen, es mit normalen Maßstäben messen zu wollen, dadurch keinen Zugang fanden. Wenn man dann andererseits lesen muss, wie Schäfer viel zu viel Southern Rock abfeiert, weiß man spätestens, dass da eben manchmal allzu sehr der kleine Redneck in ihm mit ihm durchgeht, der sonst erfrischend ehrlich verkopftes Prog-Gefrickel und verkifften Hippie-Blues kritisiert. Wenn er Kiss‘ „Space Ace“ mit „All-Atze“ übersetzt, muss ich lachen, wenn ich erfahre, dass er zum „Monsters of Rock“-Festival 1988 pilgerte, ohne sich Headliner Iron Maiden anzusehen, bleibt mir jedoch nur noch, die Hände überm Kopf zusammenzuschlagen (ich hätte mir damals ein Bein ausgerissen, um dabeisein zu dürfen). Seine eigene, höchst obskure Metal-Band „Salem’s Law“, mit der er in den späten ’80ern unterwegs war, erwähnt er hier übrigens noch mit keiner Silbe, aber gerade in den anekdotenreichen Konzertberichten ist bereits sein schöner Stil erkennbar, den ich bei „Metal Störies“ zu schätzen gelernt habe. Ein insgesamt durchschnittliches, dabei trotz allem sympathisches Buch für Genre-Affine, das jedoch in seinen Bewertungen nicht ernstgenommen werden und niemanden davon abhalten sollte, sich die erwähnten Alben selbst anzuhören. Drei weitere Frank-Schäfer-Schmöker sind bereits geordert.

Das war ja die erste WM (Mexico!), die ich seinerzeit so am Rande mitbekam. War interessant, das alles mal nachzulesen und mir die schönen alten Bilder anzusehen, von denen das Buch sehr viele im Großformat enthält. Gut geschrieben ist’s allemal, wenn auch anscheinend nur wenige Texte wirklich von Beckenbauer stammen. Hatte ich mal für 2,- EUR aus ’ner Art Trödelladen mitgenommen und mir als Strandlektüre eingepackt.
Nachdem ich einen Schmöker über die WM ’86 gelesen hatte, griff ich zu Valériens Retrospektive der EM ’88 in Deutschland, die ich als Knirps tatsächlich über weite Strecken am Fernsehgerät verfolgt hatte. Auch dieser Band mit vielen Bildern wurde gut und unterhaltsam und vor allem fair allen Mannschaften gegenüber geschrieben und ließ mich meine Erinnerungen auffrischen. Irland hatte ja damals gegen England 1:0 gewonnen; ein geschichtsträchtiges Ereignis, das ich gar nicht mehr auf Schirm hatte. Extra Kapitel wurden interessanterweise dem Phänomen des Hooliganismus gewidmet und Gastautor Herbert Riehl-Heyse brachte einen überraschend kritischen Artikel über die möglichen Ursachen unter, an anderer Stelle jedoch wird das Thema wieder sehr oberflächlich behandelt. Interessant auch der mehrseitige Abschnitt über die Entwicklung der Europameisterschaft als regelmäßiges Turnier und die vorausgegangenen Turniere mit ihren jeweiligen Siegern und Verlierern. Dass man Ronald Koemans extrem unsportliche Geste nach dem Halbfinalspiel gegen Deutschland mit keiner Silbe erwähnt, irritiert mich jedoch sehr.
Auch diesen Schmöker hab ich vom Trödel mitgenommen und meine Lieblings-WM noch einmal Revue passieren lassen. Schön, die Erinnerungen noch einmal aufzufrischen, gerade auch in Bezug auf die anderen Mannschaften. Die Vorrunde allerdings wird relativ kurz abgefrühstückt, damit’s kein allzu dicker Wälzer wurde. Im Bericht über eines der spannendsten Länderspiele schlechthin, das Halbfinale zwischen England und Deutschland, die nervenaufreibenden Pfostenschüsse unerwähnt zu lassen, verstehe ich nicht ganz. Irritierend auch, dass die Vorstellungen der einzelnen Nationalmannschaften offenbar vor Turnierbeginn verfasst, aber ans Ende des Buches gesetzt wurden. Auffallend finde ich, wie mehrmals auf das damals noch immer hochbrisante Thema der Fußballgewalt mit Todesfällen eingegangen wird und wie hier und da Kritik laut wird, beispielsweise an der Eintrittskartenvergabe. Generell werden negative Ereignisse, Entscheidungen und Dinge recht konrekt beim Namen genannt. Statistiken etc. runden das Werk ab.
ISBN-10: 3881999418
„Splatterpunk“ hatte ich im Sommer auf einem Flohmarkt für ’ne Handvoll Kreuzer mitgenommen und jetzt kürzlich gelesen. Es enthält einige Kurzgeschichten der bisweilen etwas härteren Gangart, die allein schon dadurch interessant sind, dass Clive Barkers „Midnight Meat Train“ dabei ist. Im Anschluss befindet sich eine lange Auseinandersetzung mit dem Begriff „Splatterpunk“, für die auch immer wieder auf Spielfilme Bezug genommen wird. Außerdem werden diverse Autoren vorgestellt. Was anfänglich für mich wie redundante Begriffsklauberei anmutete, erwies sich als durchaus spannende Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Horror-Genres in Literatur und Film. Trotz anscheinend etwas schludrigen Lektorats habe ich Lust auf den zweiten Band bekommen. Einen dritten gibt es auch noch. Alle anscheinend nur noch gebraucht zu bekommen.
Ein enger Mitarbeiter Günter Mittags rechnet gnadenlos ab. Ist als eine Art Gegenentwurf zu Mittags Rechtfertigungsbuch zu sehen und geht durchaus auch auf die allgemeinen Fehler im System ein, Stichwort: Kommandowirtschaft. Recht interessante, intimere Einblicke hinter die Kulissen. Aber natürlich oft auch von einer tief verwurzelten, persönlichen Abneigung des Autors gegen Mittag geprägt. Insofern etwas zweischneidig.
Ohne die Einheit Deutschlands wäre es in der DDR zu einer „wirtschaftlichen Katastrophe mit unübersehbaren sozialen Folgen“ gekommen.- Diese Bankrotterklärung, abgegeben von einem der mächtigsten Männer der DDR, steht am Ende seiner Betrachtung über vierzig Jahre praktizierte sozialistische Planwirtschaft: Günter Mittag, Ökonom, Politbüromitglied, Stellvertreter Honeckers im Spätsommer 1989, analysiert als Beteiligter die Strukturen der Macht und die Ambitionen der Mächtigen, sucht nach den Ursachen für den verhängnisvollen Zustand der DDR-Wirtschaft und findet sie unter anderen in den enormen Aufwendungen für „innere Sicherheit“ und Rüstung, im Mißverhältnis von Subventionen, Konsumtion und produktiver Akkumulation, im Vereiteln längst fälliger Reformen. Systembedingte Abhängigkeiten und subjektives Versagen werden dem Urteil der Geschichte preisgegeben. (Verlagstext)
„Klartexte“ enthält gesammelte Texte aus den Mitteilungen der ja so oft verteufelten Kommunistischen Plattform der Linkspartei, die in Bezug auf die Geschichte des Sozialismus und der ihn aus Sicht der Kommunisten notwenig machenden Umstände im Allgemeinen und des real existiert habenden Sozialismus im Speziellen stehen.
Beginnt ziemlich wissenschaftlich und nicht unbedingt einfach zu lesen, doch hat man die Einleitung erst mal hinter sich gelassen, wird an exemplarischen Beispielen deutlich, dass auch die DDR über progressive Elemente verfügte, die im Zuge der Einheit und einseitiger Geschichtsschreibung hinweggefegt wurden und in Vergessenheit geraten sind bzw. sollen.
Kurzweilige Kurzgeschichtensammlung über ungewöhnliche Phobien. Unterhaltsam und leicht konsumierbar geschrieben, wenngleich ich nicht allen Geschichten ihren Realitätsgehalt ganz abkaufe. Zu häufig gibt es „rein zufällige“ Begegnungen mit Traummännern und Happy Ends… das riecht mir etwas zu sehr nach fiktiver Weiberlektüre. Zudem spielen einige Geschichten in widerlichen Yuppie-Millieus. Die Schilderungen der einzelnen Phobiesymptome sind aber stets sehr interessant und helfen vielleicht tatsächlich, Betroffenen mehr Verständnis entgegenzubringen.
Die BAD BRAINS waren eine außergewöhnliche US-amerikanische Hardcore-Band: Schwarze Rasta-Musiker, die ihre spirituellen Überzeugungen mit beißendem, rasantem HC-Punk vermengten, positive Energie ausstrahlten und ihr Programm mit vielen Reggae-Stücken auflockerten. Jene Band hat zahlreiche Musiker nachhaltig beeinflusst, noch immer gelten sie als ein Musterbeispiel für eigenständigen, originellen Hardcore. Gefallen lassen mussten sie sich allerdings die Vorwürfe, homophob und religiös verwirrt zu sein. Ebenfalls inspirieren lassen hat sich Chefzyniker, Exhibitionist, Ex-Kanzlerkandidat, Idiotenklavierspieler, Gedankenverpester und Comic-Verleger Karl Nagel (ex-MILITANT MOTHERS), der mit KEIN HASS DA das wahnsinnige Experiment wagte, BAD-BRAINS-Songs mit deutschen Texten zu versehen und auf eigene Weise zu interpretieren, ohne dabei das Konzept des Originals zu verraten oder bis zur Niveaulosigkeit zu abstrahieren. Dass dieser Versuch als gelungen bezeichnet werden kann, davon konnte ich mich vor zwei Jahren bei einem der ersten Auftritte der Band in Hamburg überzeugen. Nagel hat die Songs nicht nur gehört, sondern studiert und in sich aufgesaugt und scheint, auf der Bühne mit dem Mikro in der Hand stehend, eins geworden zu sein mit der Energie, die die Band transportierte. Mit einem mauen Abklatsch hat das nicht das Geringste zu tun und mit gemütlichem Altherren-Rock schon mal gar nicht. Nagel will’s mit seinen mittlerweile auch schon 50 Lenze noch einmal wissen und legt nun mit dem fertigen, sage und schreibe 29 Songs in 78 Minuten umfassenden Tonträger Zeugnis darüber ab, dass mich mein positiver Eindruck vom Konzert seinerzeit nicht getäuscht hat, ganz im Gegenteil: Den Musikern seiner Band gelingt es vorzüglich, das Songmaterial – egal ob HC-Punk oder Reggae – in die Gegenwart zu portieren, die Produktion ist über jeden Zweifel erhaben und Nagel singt in einer Qualität mit einem Stimm-, Stimmungs- und Stilumfang, als hätte er nie etwas anderes gemacht. KEIN HASS DA haben das Erbe der BRAINS nicht besudelt oder ausgebeutet, sondern veredelt und mit einer starken eigenen Note versehen, so dass sie nie in eine arschkriecherische Huldigungs-Haltung zu verfallen drohen. Nagels Interpretationen könnten Jüngeren sogar dabei helfen, den Geist des Originals überhaupt erstmals zu begreifen und damit Lust auf die alten Scheiben aus den 1980ern zu machen. Die Texte sind frei von stumpfen Parolen und regen in ihrer Poesie, klischeefreien Spiritualität und ihrem Metapherreichtum zum Nachdenken an – z.B. über Unabhängigkeit, Konsumverhalten, Hass und Gewalt, Selbstreflexion und –bewusstsein, Verweigerung usw . Nicht alle muss man dabei unterschreiben, aber als Inspirationsquelle taugen sie hervorragend. Aus „Sailin’ On“ wird dabei „Setz’ die Segel“, aus „Sacred Love“ der „Traumvulkan“, aus „I against I“ wird „Einfach dagegen“, aus „Attitude“ der „Billigflug“ etc. Religiösen Unfug umschiffte man dabei geschickt, selbst ein „Rückkehr nach Eden“ („Return To Heaven“) ist so allgemein gehalten, dass auch Atheisten und Agnostiker nichts zu befürchten brauchen. Trotz der beachtlichen Spielzeit läuft die Scheibe hier rauf und runter und wirkt dank ihres Abwechslungsreichtums kurzweilig und trotz des Tiefgangs und Anspruchs weder aufdringlich noch nervig. Man bekommt nie den Eindruck, dass das hier zu dick aufgetragen oder zuviel des Guten wäre. Ich kenne mich nun nicht so perfekt mit dem BAD-BRAINS-Katalog aus, vermutlich sind aber von jeder Veröffentlichung Songs enthalten mit Schwerpunkt auf dem ganz alten Stoff. Vier Songs wiederum stammen komplett aus der KEIN-HASS-DA-Feder, bedienen sich aber des typischen BAD-BRAIN-Stils und fügen sich perfekt in die Veröffentlichung ein. Soweit, so genial, doch KEIN HASS DA setzen noch einen drauf: Die CD ist alternativ zusammen mit einem großformatigen, gebundenen Hartcoverbuch erhältlich, das in einem Comic die (fiktive) Bandgeschichte erzählt und die Songtexte in zahlreichen Illustration von verschiedensten Künstlern abbildet, die damit ihre eigenen Deutungen der Stücke in kleinen Kunstwerken zum Ausdruck bringen. Die Comiczeichnungen stammen übrigens von Vincent Burmeister, der auch schon mit dem Skandal-Comic „Die! Oder wir“ für Aufregung sorgte, die Story ist von Karl Nagel persönlich. Unfassbar, mit wie viel Herzblut und Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde, ich bin völlig begeistert! Das Buch ist für diejenigen, die nach Kauf der Einzel-CD angefixt wurden, auch ohne CD erhältlich. Wer das Buch direkt bei der Band bestellt, bekommt zusätzlich noch eine Vinyl-Single dazu, die drei weitere Songs enthält, die nicht mehr auf die CD gepasst haben. Diese liegt mir leider nicht vor, würde aber sehr gern von mir separat besprochen werden, wenn man sie mir denn nachschickte. Meines Erachtens ist dieses großartige Gesamtkunstwerk die momentane Referenz für den achtungsvollen, nicht rückwärtsgewandten, sondern zukunftsorientierten Umgang mit dem musikalischen Erbe „unserer Szene“ in Tribut-Form und eine, wenn nicht sogar DIE Veröffentlichung des Jahres! 1. Günni