Bevor der spätere „Mecki“- und „Strizz“-Zeichner Volker Reiche als Auftragszeichner für Disney arbeitete, hatte er im Jahre 1976 mit „Liebe“ debütiert, das prompt indiziert wurde. Im Jahre 1984 erschien der von ihm gezeichnete erste „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“-Band im Volksverlag und eben der mir nun vorliegende „Willi Wiedehopf räumt auf!“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“).
Das wie quasi alle damaligen Semmel-Veröffentlichungen rund 150 leider unnummerierten Schwarzweiß-Seiten umfassende große Taschenbuch birgt drei in einer Welt anthropomorpher Tiere spielende Geschichten um den titelgebenden komischen Vogel. Die Seitenstruktur umfasst ein bis fünf Panels pro Seite, wirkt sehr aufgeräumt und niemals gequetscht, im Gegenteil: Reiches Zeichenstil erweist sich als sehr angenehm und mit Mut zu großen Abbildungen. Willi führt zwischen den Geschichten knapp in dieselben ein.
In „Willi will fernsehen!“ wird er als Rabauke und Eintracht-Frankfurt-fast-schon-Hooligan charakterisiert, der betrunken seine Stammkneipe demoliert und sich mit seinen neuen Nachbarn anlegt: Wolfgang, dessen Frau, Dietlof und Alfons. Die beiden letztgenannten kennt man bereits aus den „Pullover-Comics“ (über die hier als nettes Randdetail eine herumliegende „Bild-Zeitung“ schlagzeilt); ebenso Bernd Pfarrs „Dulle“, dem Reiche einen Cameo gezeichnet hat. Jedenfalls wird’s schwierig, einen Platz zum Gucken des Endspiels zu finden – doch Willi ist opportunistisch und dreist genug, als dass ihm nicht noch etwas einfiele…
In „Willi räumt auf!“ ist er arbeitslos und pleite, zudem in seiner Stammkneipe verschuldet, will am Abend zum dortigen Preisskat – ergo muss Kohle her. Doch stattdessen wird Willi auf ungesunde Weise mehrfach mit dem Thema Aufräumen konfrontiert. Großartig, wie Reiche Willis sich auf- und schließlich entladende Wut zeichnet. Außerdem ist auch diese Geschichte hübsch kneipenkulturell.
Ein stolzer Alfa-Fahrer ist er in „Willi drückt drauf!“, wo er sich ein Wettrennen gegen einen anderen Alfa-Fahrer auf der Autobahn liefert. Für die nötige Reparatur seines Vehikels fehlt ihm leider das Geld, doch dank seiner Bauernschläue weiß er eine zufällige Begegnung für sich zu nutzen. Nach einem Fußball- und Kneipenrüpel in der ersten und arbeitslosem Großmaul in der zweiten Geschichte ist er hier nun also ein Autoproll inklusive entsprechendem Gequatsche und Verhalten.
Reiche hat mit „Willi Wiedehopf“ eine tolle Figur für eine jugendliche und erwachsene Leserschaft erschaffen und in einen Mikrokosmos wiederkehrender Nebenfiguren eingebettet. Schade, dass es nie zur angekündigten Fortsetzung kam. Dies liegt vermutlich daran, dass er ab 1985 die „Mecki“-Comics für die Fernsehzeitung „Hörzu“ zeichnen konnte, die mich als Kind, wenn ich sie einmal zu lesen bekam (meine Eltern hatten „TV Hören und Sehen“ abonniert), begeisterten und meine erste Begegnung mit Reiches Œuvre darstellten.
