„Woran erinnert sich eine Generation, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt hat wie in einem wiedervereinten?“, fragt der Einband dieser Sammlung der seit 2006 auf den Sonntagsseiten des Berliner Tagesspiegels erschienenen Comicstrip-Reihe des deutschen Zeichners Felix Görmann alias Flix, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist und deren dritte erweiterte Auflage, die anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Öffnung der Berliner Mauer veröffentlicht wurde, ich mir gekauft habe. Sie umfasst im Hardcover 34 inkl. jeweiligem Titelblatt je vierseitige, meist aus zwölf Panels bestehende „Erinnerungen an hier und drüben“, die auf Interviews basieren, die Flix mit Freunden und Bekannten aus Ost- und Westdeutschland geführt hat, um deren individuelle Erinnerungen an die DDR im Funny-Stil auf Papier zu bringen. Die erste entspringt dabei seinem eigenen Hirn, eingeführt durch ein Splash-Panel, das ihn mit einer Gesprächspartnerin in einem Café sitzend zeigt, die ihn explizit nach seiner eigenen Erinnerung fragt. Während die Farbgebung dieses Panels blass ist, wird der Fokus auf diesen Dialog gelegt, indem dessen Figuren und ihr unmittelbares Umfeld durch kräftige Farben hervorgehoben werden. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die bunte Vielfalt der Erinnerungen sich im breiten Farbspektrum des Comics widerspiegelt: Jedes Kapitel verfügt über seine eigene Farbwelt. Inhaltlich reichen sie von kindlich-naiv und -rührend fantasievoll oder absurd-komisch über bemerkenswerte kleine Details des großen Ganzen wie unterschiedliche Gerüche oder den regen DDR-Tauschhandel bis hin zur Dialektik bzw. den Dualismus, den man den Menschen aufzwang, zu Nostalgie, Melancholie und Verklärung, zerplatzten Illusionen und Träumen, Tragik, schreiender Ungerechtigkeit und Tod. Doch nicht nur die DDR wird kritisch betrachtet, mitunter auch die Wiedervereinigung bzw. die BRD. Positive und negative Erinnerungen dürften sich in etwa die Waage halten, völlige Gleichgültigkeit ist selten. Es verdichtet sich jedoch ein Bild von einer in der DDR möglichen sorglosen Kindheit und einer von Widersprüchen geprägten Erwachsenenwelt. Fast sämtliche Facetten des Erinnerungsspektrums werden abgedeckt, ohne dass sie bewertet würden. Große Teile wurden aber sehr humoristisch aufbereitet, ihre Erzähler karikiert und hintergründig ironisiert. Der Humor, den Flix hier an Tag legt, ist ebenso herzlich wie erfrischend, doch auch in den tragikomischen bis tieftraurigen Abschnitten trifft er den richtigen Ton und schafft es, den Leser zu berühren. Wie es Flix gelingt, den Leser auf eine solche Achterbahn der Gefühle in dieser Kompaktheit mitzunehmen, ist große Kunst. Damit ist „Da war mal was…“ ein Wende-Comic, der sich stilistisch wie inhaltlich wohltuend von staatlich geförderten Beiträgen zur Erinnerungskultur abhebt und mir den unlängst mit Preisen überhäuften Flix als Zeichner und Autor eindrücklich empfiehlt. Ich möchte mehr von ihm lesen!


2009, zum 20-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, erschien Simon Schwartz’ Diplomabschlussarbeit an der HAW Hamburg, der 120 Seiten starke Comicband „drüben!“, im Avant-Verlag. Der 1982 in Erfurt geborene und in Berlin aufgewachsene Schwartz hat sich für sein Buch intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt und beschreibt, wie und warum seine Eltern einst einen Ausreiseantrag in der DDR stellten, was damit verbunden war und wie sie schließlich zu dritt 1984 in die BRD übersiedeln konnten.
1978 erschein der bereits vierte Don-Martin-Band innerhalb der Mad-Taschenbuch-Reihe. Wie gehabt wurden rund 160 Schwarzweiß-Seiten mit Martins Comic-Strips gefüllt, wobei sich hier kurze, zum Teil dialogfreie Gags mit einer recht langen „Der Glöckner von Notre Dame“-Parodie, die leider überproportional viel Blocktext enthält, ebenso abwechseln wie mit immer wieder eingestreuten Episoden der Telenovela-Persiflage „Die Feinbein-Saga“, die es auf je ein bis vier Seiten bringen. Gewohnterweise dominieren Martins abgedrehter Zeichenstil, Slapstick mit extra vielen Onomatopoetika (Lautmalereien) und anarchische, schwarzhumorige oder satirische Pointen. Und wie so oft ist man auch mit diesem Büchlein recht schnell durch: Selten schaffen es ganze zwei Panels auf eine Seite, meist wird einem einzelnen großzügigerweise eine ganze Seite zur Verfügung gestellt. Ein somit wieder etwas sehr kurzweiliger, jedoch ungeachtet dessen gelungener Spaß zwischen trashigem Klamauk, Haudrauf-Humor und Hintersinn.
Wenn man ein Germanistik-Studium begonnen hat und zunächst einmal mit
2005, zwischen seiner Anekdoten-Sammlung
1977 widmete sich die Mad-Taschenbuch-Reihe zum zweiten Mal rund 160 Seiten lang Dave Bergs in satirischen kurzen Comics festgehaltenen Alltagsbeobachtungen, diesmal kapitelweise gebündelt in unterschiedliche Schwerpunkte wie „Abt. Kleinbürgertum – Rund um das Kind“, „Abt. Jugend-Stil – Rund um die Teenager“, „Abt. Altblütig – Rund um die Eltern“ oder „Abt. Weltscherz – Rund um die Welt“. So werden Irrsinn und Wahnwitz des Alltags aufs Korn genommen, zumeist innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen, gern Generationenkonflikte und Kommunikationsprobleme betonend. Dabei gehen die Pointen auf Kosten aller Generationen und spiegeln wie üblich den damaligen Zeitgeist mit allen Widersprüchlichkeiten wider, der süffisant persifliert wird. Der halbrealistische Zeichenstil ist gewohnt einladend, der Humor nie zu abgedreht, sondern in der Realität verwurzelt und ein besonderes Augenmerk verdient einmal Herbert Feuersteins Übersetzung inkl. der typischen Mad-Nachnamen: Zum obligatorischen Feinbein gesellen sich Zuffnik, Fröhn und Ödmann. Leider wurde mit dem Platz wieder recht großzügig umgegangen, sodass bei lediglich einem Panel pro Seite das Buch schnell durch ist.
In der achtbändigen „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich der MPW-Verlag, beginnend mit Laura Gemser, weiblichen Erotikfilm-Ikonen vergangener Jahrzehnte oder auch, wie im Falle des zweitens Bands über die „Schulmädchen-Report“-Filme, einer bestimmten Filmreihe. Das dritte 84-seitige Heft, schätzungsweise aus dem Jahre 2007 oder 2008, ist eine Art Zwitter: Von der italienischen Schauspielerin und „Miss Teenage 1974“ Gloria Guida ausgehend, spannt man einen Bogen über durch sie mitinitiierten „Flotte Teens“-Filmreihe hin zum Italo-Sex-Klamauk, der Commedia Sexy all’ Italiana. Es geht also mitnichten lediglich um nackte Haut, sondern um alte Kinophänomene, die aus der durch die sexuellen Revolution ermöglichten Lust an der Freizügigkeit und den daraus resultierenden Gewinnmöglichkeiten in den 1970ern noch vor der Legalisierung von Pornographie entstanden und im Jahre 2018 vielfach in Vergessenheit geraten sind oder schlicht als längst völlig irrelevant gelten, weil die jederzeit gratis per Klick erhältliche Pornographie den Erotikfilm alter Schule längst überflüssig gemacht habe. Dass es sich dabei um ein durchaus faszinierendes Kapitel Populärkultur zwischen Kunst und Kommerz handelt, dessen Bedeutung gerade in der Retrospektive und gerade in Zeiten US-Kino-diktierter Prüderie sich einem ganz neu erschließen kann, wird dabei gern übersehen. Insofern darf man aus cineastischer und europhiler Sicht dankbar sein, dass sich jemand dieser Nischenthemen annimmt, zumal sich Guidas Schaffen eben nicht auf Klamauk beschränkte, sondern sie auch in durchaus ernstzunehmenden Erotikdramen Hauptrollen be- bzw. entkleidete.
„Martin Opitz war der Begründer der Schlesischen Dichterschule, deutscher Dichter und ein bedeutender Theoretiker des Barock“, weiß Wikipedia. Germanistikstudenten ist er jedoch in erster Linie als Nervensäge bekannt. Sein o. g. Buch wurde in die Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags aufgenommen und rund 220-seitig als eines der berüchtigten gelben Büchlein veröffentlicht, wobei seine o. g. Aufzeichnungen lediglich die ersten 76 Seiten ausmachen. Der übrige Teil besteht aus diversen Anhängen und Anmerkungen, die nicht Teil dieser Besprechung sein sollen. Poeterey, das bedeutet zunächst einmal Dichtkunst/Poetik, aber auch das Nachdenken über dieselbe – und ihre Lehre. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit während des 30-jährigen Kriegs mit dem Ziel der Legitimation deutscher Dichtkunst neben der damals gebräuchlichen französischen, lateinischen und griechischen sowie die Etablierung des Deutschen als Hochsprache. Opitz vertritt das Dichterbild des Poeta doctus, also eines Dichters, der sowohl über sprachliches Talent als auch über fundiertes Wissen lateinischer und griechischer Dichtung und ein daraus resultierendes Regelverständnis verfügt. Opitz schlägt eine Brücke zu mittelalterlichen deutschen Dichtern wie Walther von der Vogelweide und versucht auch damit, eine Lanze für die deutsche Poesie zu brechen. So weit, so gut.