Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 10 of 13)

Von Iced Earth bis Sodom: Die Kunst des Axel Hermann

hermann, axel - von iced earth bis sodom - die kunst desEinen nicht ungefähren Teil der Faszination des Metal-Genres machen zweifelsohne die Plattencover aus, die häufig große Kunst in Form morbider Visionen, dämonischer Fratzen, blasphemischer Illustrationen, fantasiereicher bunter Welten oder auch detailreicher Comiczeichnungen bieten. Mit seinem 2013 veröffentlichten großformatigen, ca. 160 Seiten starken Hochglanz-Bildband bietet der Iron-Pages-Verlag einem der anerkanntesten deutschen Künstler auf diesem Gebiet, dem Dortmunder Axel Hermann, ein Podium, um seine interessantesten Arbeiten in Buchform zusammenzufassen, zu präsentieren und zu kommentieren und vereint außerdem viele Stimmen von Szene-Angehörigen, für die er gearbeitet hat. Nach einem Vorwort Götz Kühnemunds und Robert Kampfs und ein paar persönlichen Zeilen Axel Hermanns nimmt letzterer den Leser des komplett zweisprachigen Buchs (alle Texte sind auf deutsch und englisch abgedruckt) mit auf eine spannende und inspirierende Reise durch sein Gesamtwerk, beginnend bei allerersten, köstlichen Zeichenversuchen eines typischen Metal-Fans über erste Auftragsarbeiten für „Century Media Records“-Veröffentlichungen, durch die man anhand des großartigen Covers für MORGOTH’ „Resurrection Absurd“ schnell beim Death Metal landet, einem seiner Hauptbetätigungsfelder. Weiter geht es mit den US-Metallern von ICED EARTH, deren Stammzeichner er geworden ist, über T-Shirt-Designs, Skizzen und Karikaturen bis hin zu jungen Arbeiten aus dem aktuellen Jahrzehnt. So bekommt man häufig einen Einblick in die Entstehungsprozesse weltberühmt gewordener Motive und erfährt interessante Details. Abgerundet wird das Buch durch Schnappschüsse aus Axels privatem Fotoarchiv und Humor sowie etwas Selbstironie kommen auch nicht zu kurz. Ein wertiger Schmöker nicht nur für Metal-Fans, den sich Axel Hermann redlich verdient hat und den durchzublättern nicht nur einen schönen Überblick über sein Schaffen bietet, sondern auch dazu einlädt, die eine oder andere Platte aufzulegen und/oder sich in den vereinnahmenden Bildern zu verlieren.

Und ich hätte gern die Gesichter sowohl des Buchhändlers als auch meiner Stiefmutter gesehen, als er ihr den Band mit den leicht entsetzt klingenden Worten „Das ist aber nicht für Sie, oder?!“ aushändigte – ich hatte ihn mir zum Geburtstag gewünscht…

Gerhard Seyfried – Invasion aus dem Alltag

seyfried, gerhard - invasion aus dem alltagAuf „Wo soll das alles enden“ folgte das mir noch unbekannte „Freakadellen und Bulletten“, bevor der Wahl-Berliner Cartoonist Gerhard Seyfried im Jahre 1980 für seinen rund 90-seitigen Farbcomic „Invasion aus dem Alltag“ zum Rotbuch-Verlag zurückkehrte. Zur wortspielreichen Deutschland-Karte des Debüts gesellt sich hier eine ebensolche (T)Europa-Topographie, bevor Seyfried erklärt, der Comic spiele „in der Linken“ und auf den folgenden Seiten einige derer Vertreter vorstellt, wofür er karikierend mit Klischees spielt. Fortan dreht es sich um eine fünfköpfige Clique, die im knollennasigen und detailreichen Funny-Stil gern mal mit den Gesetzeshütern in Konflikt gerät, welche hier eindeutig negativ und satirisch überzeichnet dargestellt werden und es natürlich darauf hinausläuft, dass diese den Kürzeren ziehen. Nach einigen doppelseitigen Zukunftsvisionen beginnt knapp nach der Hälfte jedoch das eigentliche Herzstück des Comics: In der Wohngemeinschaft versammelt sich die Clique zum gemeinsamen Kiffen und Fernsehen, als der Sprecher der „Abendschau“ verkündet, dass über dem Schöneberger Rathaus ein Ufo verharre. Am nächsten Morgen macht man sich auf den Weg und findet das Rathaus verlassen vor, während die Außerirdischen Berlin für die Hauptstadt des ganzen Planeten und unsere Anarcho-Freunde für seine offiziellen Repräsentanten halten. Das Missverständnis wird jedoch schnell ausgeräumt und man freundet sich locker miteinander an, doch die tatsächlichen Regierungsvertreter schicken Soldaten – zum Zorn der freundlichen, kugelförmigen Außerirdischen. Sie reagieren auf die irdische Provokation, indem sie den Anarchos eine Bombe bzw. „die entsetzlichste Waffe des Universums“ schenkt und sie zur neuen Regierung adelt. Die Soldaten und die Polizei nehmen daraufhin panisch Reißaus, doch aus Versehen geht die Bombe hoch und verwandelt die Erdenbewohner in „absolut unregierbare“ Individuen, was Seyfried erneut Anlass bietet, seine autoritätsfeindlichen freiheitsliebenden Ideale zum Ausdruck zu bringen. Im Zusammenspiel mit den bunten, klaren Zeichnungen und dem immer wieder bei aller trotzigen Naivität und Plakativität auch durchaus feinsinnigen Humor, der nebenbei Science-Fiction-Motive aufgreift und persifliert, ergibt sich ein kurzweiliges Vergnügen, das auf eine gewitzte Pointe zusteuert – und trotz viel Zeitkolorit angesichts der politischen Situation Deutschlands bzw. der Welt natürlich auf seine Weise zeitlos ist.

Gerhard Seyfried – Wo soll das alles enden

seyfried, gerhard - wo soll das alles endenDer gebürtige Münchener und Wahl-Berliner Gerhard Seyfried avancierte im Laufe der Jahre zu einem der „linksradikalen“ Cartoonisten, dessen Zeichnungen weit über die Grenzen linker oder sonstiger Subkultur Bekanntheit erlangten. Sein erstes Buch erschien 1978 im Rotbuch-Verlag: „Wo soll das alles enden“, ein „kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken“. Dieser besteht in erster Linie aus Zeichnungen, die zwischen 1972 bis 1978 im alternativen Münchner Stadtmagazin „Blatt“ erstveröffentlicht wurden. Vornehmlich in Einzel- und Wimmelbildern und mit vielen Wortspielen bis hin zu Kalauern zeichnet Seyfried karikierend die Entwicklung der außerparlamentarischen Opposition (APO) nach, über die Entstehung alternativer Buchläden, Magazine etc. bis hin zu alternativen Lebensentwürfen und der staatlichen Repression. All das ist angenehmerweise alles andere als frei von Selbstironie, wirkt aus heutiger Sicht aber bisweilen auch reichlich naiv und schwankt zwischen genial witzig und etwas infantil und platt. Damit ist Seyfried aber auch ein schönes Zeitdokument gelungen, das auf humoristische Weise einen Einblick in den damaligen Zeitgeist und das seinerzeitige Lebensgefühl und Selbstverständnis erlaubt, das auch heute noch auf seinen rund 100 Seiten für manch Lacher gut ist.

Spiegel special: Die 50er Jahre

spiegel special - die 50er jahreDer Spiegel-Verlag brachte im Jahre 2006 dieses Sonderheft heraus, das sich auf 180 Seiten (abzgl. diverser Werbung) ausschließlich der spannenden Zeit des ersten deutschen Nachkriegsjahrzehnts widmet. Verschiedene Autoren widmeten sich verschiedenen Themenbereichen und ebenso unterschiedlich sind auch Informationsgehalt und Qualität zu bewerten. Klaus Wiegrefe steigt mit den Gründerjahren ein, gefolgt von einem Interview mit Altkanzler Helmut Schmidt. Reich bebildert sind viele Seiten, die einen Überblick über geschichtsträchtige Gebäude und Orte bieten. Viel wird auf die Rolle Konrad Adenauers eingegangen, wobei man für meinen Geschmack zu viele Seiten zu lang recht unkritisch bleibt. Kürzere Essays, z.B. über die versäumte Aufarbeitung von Kriegstraumata einer ganzen Generation, über jüdische Displaced Persons, Versuche der Aussöhnung mit Israel und deutsche US-Emigranten werden zwischengeschoben und reißen interessante Perspektiven an, die sicherlich eine tiefergehende Auseinandersetzung rechtfertigen würden. Großen Raum nehmen folgerichtig der schnell entfachte Kalte Krieg und die mit ihm einhergehenden Zugeständnisse an die Bevölkerung und alte Nazi-Schergen ein. Nachdenklich stimmt beispielsweise ein Artikel über den Krupp-Konzern und wie er sich aus seiner Verantwortung stehlen konnte. Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sind ebenso Thema wie die unfassbaren Attacken der katholischen Kirche gegen die evangelische und die theologischen Differenzen des Jahrzehnts, bei denen die Katholiken nicht gut wegkommen. Zur von verschiedenen Autoren beleuchteten Personalie Adenauer gesellt sich ein kritischer Blick auf den „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard, dessen Mythos ein gutes Stück weit auseinandergenommen wird – denn so „sozial“ wie heutzutage insbesondere von SPD-„Genossen“ gern kolportiert, war seine Marktwirtschaft mitnichten. Daraus resultierend und überaus lesenswert ist Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Wehlers Aufräumen mit dem wirtschaftlichen „Wachstumsfetischismus“, der immer wieder das „Wirtschaftswunder“ nostalgisch verklärt und dem Wunschtraum nachhängt, derartige Wirtschaftswachstumszahlen noch einmal erreichen zu können – gern auch als Argumentation im Klassenkampf von oben gegen die Unterschicht eingesetzt. Relativ ausführlich widmet man sich der größten Schande der deutschen Nachkriegsgeschichte, der versäumten Entnazifizierung – nicht ohne die „Sachzwänge“, die dazu ihren entscheidenden Teil beitrugen, gegenüberzustellen, ohne jedoch den damit einhergehenden Zynismus in vollem Umfang zu verdeutlichen und zu verurteilen. Vielleicht war das auch gar nicht nötig, denn es liest sich auch so beschämend genug. Die beschriebenen Schwierigkeiten für deutsche Kriegsheimkehrer, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen, entbehren hingegen nicht einer gewissen Tragik. Wie ein Lichtblick erscheint da die breite Protestbewegung gegen Wiederbewaffnung und Westbindung, die das Spiegel special korrekt als Wendepunkt der politischen Kultur einordnet. Auf lediglich zwei Seiten tendenziell als eher abgefrühstückt hingegen empfinde ich Alexander Szandars Ausführungen zur von Adenauer flugs vorangetriebenen Wiederbewaffnung. Eher einseitig, dennoch in ihrem zusammenfassenden Charakter alles andere als uninteressant fallen unterdessen die Berichte über die Luftbrücke und ihre „Rosinenbomber“ aus. Und auch das Thema der deutsch-deutschen Spionage hätte auch in diesem begrenzten Rahmen wesentlich mehr Stoff als für nur eine Doppelseite geboten. Da verwundert es auch kaum, dass die komplexe und spannende Thematik der DDR nur in aller Kürze, am Rande und extrem einseitig abgehandelt wird – eines der größten Versäumnisse dieser Publikation.

Voller Russenklischees steckt Jürgen Dahlkamps Erzählung „WG mit dem Iwan“, in der es um russische Soldaten geht, die während der Besatzung bei deutschen Familien einzogen – anhand eines einzelnen Beispiels. Das ist stereotypisch einerseits, aber eben doch ob seiner Bizarrerie voller Humor und zudem zutiefst menschlich, fast wie ein Beitrag zur Völkerverständigung. Auflockernd wirkt es dann nach aller politischen Schwere ebenfalls, wenn sich Hellmuth Karasek – eigentlich selbst ein Konservativer – mit süffisantem Humor entlarvend der Alltags- und Populärkultur der 1950er widmet, die bestimmt war von der Sehnsucht nach „Normalität“ und heiler Welt. Mathias Schreibers Erörterung der „neuen Einfachheit“ in Literatur und Architektur hingegen erscheint mir eher hypothetisch und wenig allgemeingültig, auch Susanne Beyer scheint mir in ihrem Bemühen, die Stilsuche und -unsicherheit der Angehörigen einer ganzen Nation von oben herab einfachen Formeln zu- und Erklärungen unterzuordnen, etwas fragwürdig. Henryk M. Broder ordnet derweil die Südtirol-Begeisterung der Nachkriegsdeutschen gesellschaftspolitisch ein, was – wie so oft bei ihm – den unangenehmen Nachgeschmack einer nur unzureichend kaschierten tendenziösen Polemik hat, deren Allgemeingültigkeit angezweifelt werden sollte. Von besonderem Interesse waren für mich natürlich Urs Jennys Zeilen zum deutschen Nachkriegskino, das in der BRD von Heimatfilmen und Artverwandtem bestimmt war. Viel Neues bietet der Artikel indes nicht und klammert wieder einmal die DDR nahezu komplett aus – eine vertane Chance. Höhepunkt dieser sich nur indirekt mit Politik auseinandersetzen Artikelreihe im letzten Heftabschnitt ist jedoch insbesondere für mich als Fußball-Fan Jürgen Leinemanns Beschäftigung mit dem „Wunder von Bern“, was erfreulich differenziert und angereichert mit unpopulären Details geschieht und dabei doch viel Respekt vor dem Fußballsport erkennen lässt und ein Gefühl dafür vermittelt, was auf friedliche Weise durch Sport erreicht werden kann, was möglich wird, wenn ein Volk generationsübergreifend zu positiven Identifikationsmöglichkeiten zurückfindet, die sich außerhalb von Politik, Mord und Totschlag finden und trotz ihres spielerischen Charakters ungekünstelt und authentisch im Gegensatz zu gänzlich realitätsentführendem Kitsch sind.

Damit sind zwar viele, aber längst nicht alle Themengebiete genannt, die diese Zeitschrift abdeckt. Mit einigen Abstrichen ist sie sicherlich für einen relativ breiten Überblick über die behandelte Epoche der BRD geeignet. Die Autoren- und damit auch Stilvielfalt, die zudem mit einem gewissen stets um kritische Distanz bemühten Meinungsallerlei (innerhalb eines klar abgesteckten staatstragenden Rahmens) einhergeht, ist nicht frei von einigen Wiederholungen, während die unterschiedlichen Perspektiven einerseits etwas anstrengen, aber auch als Chance zur eigenen Meinungsbildung begriffen werden können. Auch aufgrund meines Vorwissens war mir eine Lesart, die nach Umblättern der letzten Seite in erster Linie Respekt vor der Aufbau- und Wirtschaftsleistung der BRD in den 1950ern einflößt, jedoch nicht möglich und auch wenn die Titelseite dies vielleicht aus Verkaufsgründen suggeriert, dürfte dies auch tatsächlich nicht die oberste Priorität der Publikation gewesen sein. Bei mir persönlich weckte sie im Gegenteil vor allem gesteigertes Verständnis für all jene, die bis heute damit Schwierigkeiten haben, sich wie selbstverständlich mit dem Nachkriegsdeutschland zu identifizieren.

Frank Schäfer – Verdreht

schaefer, frank - verdrehtDr. phil. Frank Schäfer ist nicht nur Musikjournalist und Autor sich immer wieder gern anekdotenhaft mit Hardrock und Heavy Metal auseinandersetzender Werke, sondern auch ein hervorragender Beobachter mit Sinn für Details, der in immer irgendwie autobiographisch wirkenden Geschichten und Geschichtchen den vermeintlich unbedeutenden Kleinigkeiten ebensoviel Platz einzuräumen scheint wie dem Spektakuläreren. Die 2003 im Oktober-Verlag veröffentlichte, rund 170-seitige und in neun Kapitel bzw. Abschnitte unterteilte Sammlung von Beziehungskisten und Alltagsbeobachtungen, von melancholischen Erinnerungen und auch mal witziger Situationskomik, der er den Titel „Verdreht“ vergab, erzählt vornehmlich von einer Jugendparty mit einem Schwerverletzten und später von einem Klassentreffen gealterter Männer und Frauen, dazwischen kürzere, autarke Erinnerungen. Der besondere Kniff ist, dass Schäfer die Haupthandlung um die Party, in der es um Andreas’ Interesse für Birgit geht, immer wieder zugunsten der in ihren Inhalten davon unabhängigen Anekdoten unterbricht, aber mehr als einmal zu ihr zurückkehrt, dabei auch gern nichtchronologisch die Geschichte weiter ausarbeitet. Neben den Empfindungen des Protagonisten in einer undurchsichtigen Gemengelage seines Freundeskreises, der sehr anschaulich skizziert und charakterisiert wird, bezieht sie ihre Spannung aus der Frage, wie genau es zu dem Unfall am Pool kam, der einen jungen Mann ins Krankenhaus brachte. Geht es gegen Ende des Buchs vornehmlich um ein Klassentreffen und das Wiederaufflammen einer alten Liebe, weicht die postpubertäre Stimmung jungmännischer Verunsicherung einer gereiften Melancholie angesichts gescheiterter Lebens- bzw. Beziehungsentwürfe, die Schäfer vor dem Abgleiten in die Desillusion rettet und stattdessen Hoffnung spendet, ohne die Bedeutung jahrzehntealter Kontakte, Freundschaften und Bindungen zu relativieren. Schäfers gern eingestreute pop- und subkulturelle Verweise (Dokkens „Breaking The Chains“ anyone?!) dürfen natürlich genauso wenig fehlen wie seine Vorliebe für obskure Fremdwörter, die er glücklicherweise so gut in den Griff bekommen hat, dass ihr sporadisches Durchscheinen wie ein individuelles Stilelement wirkt, das nicht stört. „Verdreht“ liest sich schnell und gut durch, wird auch durch das Lokalkolorit niedersächsischer Provinz authentisch verortet und geerdet und verleugnet seinen vermutlich ehrlichen, bodenständigen Anspruch nie zugunsten wenig nachvollziehbarer oder erzwungen wirkender Entwicklungen zwecks fragwürdiger Aufmerksamkeitsbuhlerei – konsequenterweise bekommt somit auch nicht alles einen positiven Ausgang. Etwas schade finde ich lediglich, dass er mit „Kirschblüte“ eine Geschichte erneut abdrucken ließ, die bereits aus dem nur ein Jahr zuvor veröffentlichten „Ich bin dann mal weg – Streifzüge durch die Pop-Kultur“ bekannt war.

Fritz Pfäfflin (Hg.) – Soundtrack eines Sommers – Wie Popsongs unser Leben retteten

pfäfflin, fritz - soundtrack eines sommersMenschen, die über ein Mindestmaß an Empfindsamkeit verfügen, neigen dazu, prägende Lebensabschnitte oder -ereignisse mit Songs in Verbindung zu bringen. Diese müssen inhaltlich gar nicht einmal zwingend dazu passen, sondern einfach zu jener Zeit präsent gewesen zu sein – ob bewusst oder unbewusst ausgewählt oder ohne eigenes Zutun dank medialer Omnipräsenz. Ertönt Jahre später solch ein Lied, ist sofort die Erinnerung oder ein bestimmtes Gefühl wie aus dem Nichts wieder wach. Es wird schwierig, einen solchen Song wieder anders im Unterbewusstsein zu verknüpfen, aber i.d.R. will man das auch gar nicht, schwelgt stattdessen in süßer oder bitterer Melancholie. Einer Reihe Beispiele für dieses Phänomen widmet sich das 2005 bei „Herder spektrum“ von Frank Schäfer („Metal Störies“) unter seinem Pseudonym Fritz Pfäfflin herausgegebene, ca. 190 Seiten starke Büchlein. Unterteilt in 16 Kapitel schreiben ebenso viele verschiedene Autoren ihre Erinnerungen auf, die sie mit bestimmten Songs quer durch unterschiedliche Genres verbinden. Das Spektrum reicht von der pubertären ersten Sommerliebe (sehr schön: Fritz Tietz – Alte Liebe) und schmerzhaften Verlusten im familiären Umfeld über das Entdecken bestimmter Musik, Partyerinnerungen, unerfüllte Erwartungen, juvenilen Sex, Reminiszenzen an eine Casting-Show und die damit verbundenen Dialoge zweier Freundinnen (ungewöhnlich, aber herausragend: Kerstin Grether – Candy und Mandy tun’s) bis hin zu Liebeserklärungen an lateinamerikanische Klänge und Hassbekundungen gegenüber Disco-Rhythmen. Frank Schäfer persönlich bedient die Abteilung des Härteren (THIN LZZY – Renegade), Ueli Bernays widmet sich in einer tragischen Geschichte der Homosexualität und Michael Quasthoff beschreibt aufs Köstlichste, jedoch nicht minder tragisch seine Konfrontation mit der Unterschicht und dem Punk der Band HANS-A-PLAST. Satiriker Oliver Maria Schmitt gibt ein fiktives Kapitel aus seinem (selbst-)ironischen Punk-Roman „Anarchoshnitzel schrieen sie“ zum Besten, bei dessen Genuss man noch einmal so richtig lachen kann. Inhaltliche Tragweite und Schreibstil schwanken selbstredend angesichts des Autoren-Potpourris, große Ereignisse reichen biographischen Randnotizen die Hand, bisweilen wird es gar inhaltlich nichtssagend, dafür jedoch stilistisch interessant. Als Strandlektüre im Warnemünder Kurzurlaub jedenfalls habe ich „Soundtrack eines Sommers“ genossen und ich bin geneigt, eine Playlist aller genannten Songs zusammenzustellen – wenngleich diese sicherlich nicht Soundtrack meines Sommers werden würde. Welcher das sein wird, wird sich erst noch zeigen – ich bin jedenfalls ganz Ohr.

Frank Schäfer – Ich bin dann mal weg – Streifzüge durch die Pop-Kultur

schaefer, frank - ich bin dann mal wegFrank Schäfer bzw. Dr. phil. Frank Schäfer veröffentlichte 2002 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf eine rund 250 Seiten umfassende Sammlung in Postillen wie „Rolling Stone“, „taz“, „Titanic“, „Junge Welt“ etc. bereits veröffentlichter Erzählungen, Anekdoten, Beobachtungen, Erinnerungen etc., die für sich genommen jeweils lediglich wenige Seiten lang sind und zum Großteil noch einmal überarbeitet oder erstmals vollständig abgedruckt wurden. Als grober Aufhänger und Unterteilung dienen die Jahrzehnte der 1970er, -80er und -90er, deren mehr oder weniger populärkulturellen Phänomenen sich Schäfer ohne jedes Diktat der Vollständigkeit, allgemeiner Anerkennung oder Relevanz widmet. Dies geschieht mal in Form persönlich Reminiszenzen, mal in Polemiken, mal in fiktiven Dialogen etc., was neben der breitgefächerten Themenauswahl für willkommene Abwechslung sorgt. Schäfer beackert hauptsächlich die Felder Musik, Film und Literatur, womit er sich von jemandem wie mir, der mit all diesen Bereichen etwas anfangen kann, schon mal die Aufmerksamkeit sichert. Und so entpuppt sich auch diese Essay-Sammlung als kleine Wundertüte von Inhalten, die mein Interesse treffen oder zumindest ankratzen, aber auch gern einmal haarscharf daran vorbeischlittern oder mir lediglich Fragezeichen in die Mimik zaubern. Doch das bedingt nun einmal eine solch schwer subjektive Themenauswahl, die dennoch oder gerade deshalb geeignet ist, den eigenen Horizont zu erweitern oder zumindest von diesem oder jenem schon einmal etwas gehört gehabt zu haben. Der recht persönlich gehaltene Schreibstil kommt nicht immer ohne Schwurbeleien und Fremdwortkaskaden aus, verfügt aber oft genug über genügend Charme und Profil, um nicht zu nerven. Positiv auf das Lesevergnügen wirkt sich der vermittelte Eindruck aus, Schäfer habe lediglich Phänomene angeschnitten, zu denen er tatsächlich einen persönlichen Bezug hat oder hatte. Dass ich beispielsweise die 1990er ganz anders erlebt habe und vollkommen divergierende Erinnerungen und Künstler abgehandelt hätte, liegt da in der Natur der Sache. Dennoch sei einmal dahingestellt, wie viel die eine oder andere biographische Anekdote noch mit Pop-Kultur gemein hat – ohne sie damit abwerten zu wollen. Die Punk-Subkultur mit nur drei Seiten abzukanzeln oder in der „A Clockwork Orange“-Retrospektive erst gar nicht auf die spezielle Ästhetik Kubricks fulminanter Verfilmung und ihrer Signalwirkung auf die Subkultur einzugehen, empfinde ich aber als vertane Chance. Zu anderen Aufsätzen hingegen kann ich nur gratulieren, von „gut zusammengefasst und auf den Punkt gebracht“ über ob des Humors viel Schmunzeln bis hin zu gewecktem Interesse reichten meine unmittelbaren Reaktionen während der Lektüre, die in ihrer unprätentiösen Art und dem Blick für unspektakuläre, deshalb aber nicht gleich redundante Details sich einmal mehr schnell durchlesen lässt und dabei mit der mittlerweile gewohnten Schäfer’schen Mischung aus akademischem Habi- und Duktus, kumpelhaft-proletarischer Bodenständigkeit und ehrlicher Faszination für Pop- bis Subkultur trotz einiger Ausschweifungen in mir fremde und laut meines Bauchgefühls überbewertete Sphären gut und ansprechend unterhält. Denn bei allem, was Schäfer schreibt, schwingt irgendwie der Eindruck mit, dass man mit ihm gut und gerne in einer Arbeiterkneipe ein bis neun Bierchen pitschen und sich dabei leidenschaftlich über all diese liebgewonnenen Nebensächlichkeiten und ihre gesellschaftlichen oder auch persönlichen Auswirkungen abseits von Hochkultur und Weltpolitik unterhalten, freuen und streiten könnte…

Misha Anouk – Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ

anouk, misha - goodbye, jehova!Der 1981 auf Gibraltar geborene Misha Anouk ist britischer Staatsbürger, in Bielefeld aufgewachsen, Autor und Poetry-Slammer – und war bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr Zeuge Jehovas. In seinem 2014 erschienenen autobiographischen und gut 500 Seiten starken Buch „Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ“ beschreibt er in wunderbar unaufgeregtem Stil seine Kindheit als Sohn strenger Zeugen Jehovas, sein Aufwachsen innerhalb der Sekte, die Irrungen und Wirrungen und die vielen Dilemmas, die das mit sich bringt – und schließlich seinen ebenso erfolgreichen wie folgenreichen Ausstieg. Dabei holt er den Leser dort ab, wo dieser die Zeugen Jehovas aller Wahrscheinlichkeit nach stehen sieht – als Missionare vor der Haustür. Sein Buch ist gespickt mit viel Humor und Selbstironie und alles andere als eine wütende Anklage. Geht es direkt um die Zeugen Jehovas und die hinter ihnen stehende Wachtturm-Gesellschaft (WTG), geht er stattdessen so sachlich wie möglich und voller Akribie zur Sache, zitiert zahlreiche Publikationen der WTG und verwendet hunderte Fußnoten, deckt die Mechanismen der Sekte auf. Doch obgleich er auch sagt, dass nicht alles schlecht war, räumt er mit kaum einem Vorurteil auf, denn auch in seiner Analyse bestätigt sich das allgemeine Bild der Zeugen Jehovas als die Bibel trotz all ihrer Widersprüche wörtlich zu nehmen versuchende Sekte, die sich auch manch „Wahrheit“ gern mal allzu bemüht zurechtbiegt und glaubt, die einzig wahre Interpretation der „heiligen Schrift“ für sich gepachtet zu haben, zentralistisch gesteuert wird und weder Zweifel noch Widerspruch von ihren Schäfchen duldet. Er geht davon aus, dass keine ausschließlich am schnöden Mammon interessierten Geldhaie die Sekte leiten, sondern Menschen, die ihre Lebenslügen tatsächlich glauben. Ja, auch bei Anouk sind die Zeugen Jehovas im Prinzip harmlose Spinner, die einer derart simplen und stumpfsinnigen Ideologie folgen, dass sie für normale, durchschnittlich vernunftbegabte Menschen keine Gefahr darstellen – zu durchschaubar ist ihr Handeln. Auf fruchtbaren Boden fällt ihr missionarischer Eifer jedoch mitunter bei schwachen Menschen oder Menschen in Krisensituationen, denen die Gemeinschaft der Sekte neuen Halt im Leben gibt, indem sie bereit sind, all die einfachen Lösungen zu akzeptieren und ihr Leben in ein von Demut geprägtes strenges Verhaltenskorsett zu zwängen. Wenn man denn so will, könnte man hier von freien Entscheidungen mündiger Menschen sprechen, wenngleich gezielt Ängste geschürt werden. Wie es sich jedoch bei Kindern verhält, die innerhalb der Sekte aufwachsen, beschreibt Anouk anhand seines eigenen Beispiels sehr detailliert, offen und persönlich. So wird deutlich, in welchem Ausmaße er indoktriniert und zu großen Teilen seiner Kindheit beraubt wurde. Dass er dabei seinen Humor nicht verloren hat und nie in Jammerei verfällt, ist ihm hoch anzurechnen. Bei allem seziert er säuberlich das Lügenkonstrukt der WTG um den bevorstehenden Weltuntergang, den „Harmagedon“, und den streng autoritären Umgang mit den Mitgliedern, was keinesfalls einer perfiden, trickreichen Psychologie gleichkommt, sondern derart simpel gestrickt ist und voller offensichtlicher Fehler steckt (beispielsweise milchmädchenhaft errechnete Weltuntergangstermine, die immer wieder korrigiert werden mussten), dass man sich wundert, wie erwachsene Menschen darauf hereinfallen können. Wenn Anouk aber ein paar Schritte aus der Sekte herausmacht und sich allgemein dem Thema Religion und ihrem Nutzen widmet, wird deutlich, dass es eben Menschen gibt, die mit dem Leben in Freiheit überfordert sind und die feste Struktur eines selbstgewählten geistigen Gefängnisses regelrecht suchen. Dies ist einer der großen Pluspunkte des Buchs: Es empfiehlt keinesfalls als Alternative die etablierten Kirchen, sondern rechnet mit (organisierter) Religion allgemein ab. Was all das jedoch für einen Menschen bedeutet, der seit Geburt an mit dieser Ideologie konfrontiert wird und als jugendlicher Ausstiegspläne zu hegen beginnt, kann sich wohl kaum jemand vorstellen, der das nicht selbst erlebt hat. Diese Komponente Anouks Buchs ist sowohl psychologisch als auch schlicht menschlich interessant und spannend, in schonungsloser Offenheit erzählt und wird zwischen den Kapiteln bereits immer mal wieder kurz angeteasert. Allerspätestens beim Ausstieg (der strenggenommen ein Ausschluss war) wird es dann auch richtig ernst und ohne falsche Scham verdeutlicht Anouk, wie schwer ihm ein Leben ohne die Gemeinschaft, vor allem aber ohne seine Eltern, die den Kontakt zu ihm daraufhin abbrachen, fiel und wie es sich anfühlte, von einem Tag auf den anderen in die Realität gestoßen zu werden: „Es gibt einen Grund, weshalb man sich nicht an die eigene Geburt erinnert. Ich wurde ein zweites Mal geboren und bekam diesmal das ganze Grauen in jedem kleinsten Detail mit, ich wurde hineingeworfen, unvorbereitet, in die echte Welt. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung vom echten Leben, dort draußen in der Wildnis, vor der ich gegen meinen Willen behütet worden war. Das neue Leben packte mich bei beiden Füßen und schlug mich auf den Hintern, bis ich schrie, bis ich selbständig atmete.“ Geradezu beiläufig schockiert er mit einem Selbstmordversuch und gesteht, wie er dem Alkoholismus sowie massiven psychischen Problemen anheim fiel, bis er sich endlich zu fangen und ein tatsächlich selbstbestimmtes Leben zu führen imstande war. Eindrucksvoll zeigt dies die Folgen einer in entscheidenden Fragen, hier sektenbedingt versagt habenden Erziehung auf und lassen Anouks Schilderungen Rückschlüsse auf die Kämpfe zu, die generell Aussteiger aus extrem autoritären, selbstbestimmtes Denken und Handeln negativ konnotierenden Gemeinschaften zu bewältigen haben. Ich kann Mischa Anouk nur Respekt zollen und sowohl zu seinem derzeitigen Leben als auch diesem Buch mit all seiner weit über die Zeugen Jehovas hinausgehenden Christentum- und Religionskritik beglückwünschen und es allen ans Herz legen, die auf schwer sympathische Weise aus erster Hand mehr über eben all diese Themen erfahren möchten, ohne sich seitenlang durch Zorn, Trauer, Missmut und andere nur allzu menschliche Emotionen kämpfen zu müssen, die derartigen Werken den bitteren Beigeschmack persönlicher rachegesteuerter Abrechnungen verleihen und in ihrer Subjektivität sowohl Sachlichkeit als auch den eigentlichen Kern zu vergessen drohen. Ganz im Gegenteil dazu findet Anouk eine erfrischende Balance und überzeugt mit augenzwinkerndem Witz statt mit Rachsucht. Mein einziger Kritikpunkt wäre seine WTG-Zitatewut, evtl. wäre hier weniger mehr gewesen – denn sich immer wieder durch manipulative Absätze in stupidester Sekten-Westentaschen-Psychologie zu kämpfen, kostete mich dann und wann dann doch etwas Überwindung bei der Lektüre. Andererseits sind dies natürlich exzellente abschreckende Beispiele und somit vermutlich doch ganz gut dort aufgehoben.

Frank Schäfer – Pünschel gibt Stoff

schaefer, frank - puenschel gibt stoffDas 2004 im Maro-Verlag erschienene, knapp 200 Seite starke Büchlein sammelt Autor und Musikjournalist Frank Schäfers Anekdoten um Lebenskünstler und Geschichtenerzähler Thomas Püschel, die zuvor jeweils in der Samstagsbeilage der „jungen Welt“ veröffentlicht wurden, in ungekürzter und überarbeiteter Form. Die meist nur wenige Seiten kurzen Storys handeln von eben jenem Pünschel, einem Kumpel des Erzählers und verhindertem Erfolgsautor, der sich irgendwie durchs Leben schlägt, immer wieder bizarre Situationen erlebt, diese aber auch selbst gern erzählerisch ausschmückt oder gar gänzlich frei erfindet bzw. etwas bedeutungsschwanger wiedergibt, was er irgendwo aufgeschnappt hat – einfach um etwas zu erzählen zu haben. Damit er liegt er regelmäßig dem Erzähler in den Ohren, wenn sie sich i.d.R. irgendwo in Braunschweig treffen, an der Supermarktkasse oder in der Kneipe. Die Charakterisierung Pünschels wechselt dabei durchaus bzw. geschieht ambivalent: Vom Laberkopp, mit dem man besser nur die nötigsten Worte wechselt über den kleinkriminellen Unsympathen bis hin zum liebenswerten Musik-, Film- und Literaturliebhaber und eben Lebenskünstler. Die pointierten Geschichten sind manchmal ziemlich unspektakulär, aber auch haarsträubend, witzig, absurd, augenzwinkernd, sympathisch. Immer mal wieder scheint auch Schäfers Kunst- und Popkultur-Verständnis durch, so dass manch Story wunderbar nerdig ausfällt. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Persiflage auf den Nadsat-Jargon aus Anthony Burgess’ Roman „A Clockwork Orange“. Vieles mutet recht autobiographisch an und so tauchen z.B. auch bekannte Namen aus Schäfers Rockroman „Die Welt ist eine Scheibe“ auf; eine andere Geschichte mit Musikbezug wiederum war bekannt aus Schäfers Sachbuch „Heavy Metal“. Die Kürze der Geschichten lädt dazu ein, jeweils schnell noch eine zu lesen, und noch eine, bis man sie schließlich alsbald alle durch hat. Den einen oder anderen Rohrkrepierer verzeiht man da gern, dann zündet eben die nächste. Unterhaltsame, kurzweilige und wie so oft bei Schäfer charmante und irgendwie einnehmende Konfrontation der betonten Bodenständigkeit des Erzählers (und eben vermutlich Schäfer-Alter-Egos) mit der skurrilen Weltsicht und Phantasie seines Gegenübers, die er sich selbst tendenziell verbietet, der er auf diese Weise aber freien Lauf lassen kann.

Michael Schumacher – Tankard: Life In Beermuda. Die etwas andere Biographie

schumacher, michael - tankard - a life in beermudaAutor Michael Schumacher ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem Formel-1-Weltmeister. Der Namensvetter des Rennfahrers ist Musikwissenschaftler und Doktorand an der Kölner Uni, aber was viel wichtiger ist: Fan der hessischen Thrash-Band TANKARD. So fühlte er sich berufen, einmal deren Biographie aufzuschreiben, was zu diesem 200 Seiten starken Schmöker geführt hat, der im schicken, festen Einband kommt und die Geschichte der Frankfurter rekapituliert. Die Schrift ist relativ groß, das Buch reich bebildert, mit zahlreichen eingestreuten Kommentaren von Musiker-Kollegen gespickt und um einen Anhang ergänzt, der eine komplette Konzertübersicht liefert. Verglichen mit anderen Biographien von Bands, die ähnlich lange existieren, bleibt also gar nicht allzu viel Platz, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Dennoch klappert Schumacher die wichtigsten Stationen der Bandkarriere ab, hat viele witzige Anekdoten auf Lager (von denen natürlich viele mit Alkoholkonsum und Zerstörungswut zu tun haben) und schafft es, zu vermitteln, was es bedeutet, eine Band wie TANKARD als Hobby, aber dennoch professionell zu betreiben: Dies bedeutet nämlich keinesfalls, versagt oder „es nicht geschafft“ zu haben, sondern im Falle TANKARDs bodenständig zu bleiben, weitestgehend unabhängig zu sein und sich seine künstlerische Freiheit kompromisslos zu bewahren – sowie konstant abzuliefern, auch durch Täler hindurch, in der Thrash Metal gerade wenig populär ist. Das liest sich ebenso kurzweilig wie interessant, wobei natürlich die Anfangstage am spannendsten sind, aber auch die Zeit des Mauerfalls verdient besondere Aufmerksamkeit. Jede Plattenproduktion (derer es bei TANKARD viele gibt) wird zumindest einmal angeschnitten und die ersten vier Alben gehören meines Erachtens zur Pflichtausstattung einer Thrash-Sammlung. Was danach kam, empfand ich häufig als etwas durchwachsen und was das Buch leider nicht wirklich geschafft hat, ist es, mir jene Platten noch einmal schmackhaft zu machen, mich häufiger auf bestimmte Songs, evtl. vergessene oder übersehene Perlen hinzuweisen o.ä. Gerade auch in Bezug auf die Texte der Band, die zwar i.d.R. über viel Humor und Selbstironie verfügen, aber auch sehr kritische und ernste Töne anschlagen können, hätte ich mir mehr gewünscht, denn ich glaube, dass Shouter Gerre & Co. viel Leidenschaft und Herzblut in manch Song fließen lassen. Relevanter (und mitunter sehr aufschlussreich) sind da aber verständlicherweise die Interviews mit Ex-TANKARD-Musikern, Manager Buffo, Produzenten, Label-Betreibern und Cover-Künstler Sascha Krüger sowie die Abschnitte über das NDW- und Schlager-Cover-Nebenprojekt TANKWART (etwas arg unkritisch) und das Engagement für Eintracht Frankfurt. Alles in allem ein sympathisches Buch über eine ebensolche Band, die vor allem live ein absoluter Killer ist, sich selbst stets treu geblieben ist, noch immer aufopferungsvoll dem ehrlichen Thrash frönt und anscheinend nie weniger als 100% gibt. Den Charme der trinkfesten Hessen fängt „A Life in Beermuda“ gut ein und liefert einen gelungenen Einblick in ihr Selbstverständnis. Die „etwas andere Biographie“ dokumentiert ein wichtiges Stück deutsche Thrash-Geschichte und ist deshalb sowohl für TANKARD-Fans als auch -Kritiker und -Skeptiker von Interesse – Hauptsache Musikliebhaber. Überfordern sollte es niemanden, denn es liest sich innerhalb einiger Stunden schnell weg. Darauf ein Space Beer!

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