Günnis Reviews

Datum: 20. Mai 2016

Straßenkinder in Deutschland VHS

straszenkinder in deutschland vhs-cover front (weboptimiert)Die VHS-Kassette mit der 34-minütigen Dokumentation „Straßenkinder in Deutschland“ war Teil des von „D2 Mannesmann“ in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Off Road Kids“ anberaumten „Buddy-Projekts“, einem pädagogischen Präventionsprojekt für die Sekundarstufe aus dem Jahre 1999. Für den von Sönke Wortmann produzierten Film führte Arne Feldhusen („Stromberg“, „Der Tatortreiniger“) Regie.

Vier Berliner Jugendliche gewähren einen Einblick in ihr Leben auf der Straße und berichten von den Umständen, die sie aus ihrem Elternhaus dorthin trieb – unterlegt von Bildern: Die 16-jährige Sunshine wird beim Schnorren gezeigt und der gleichaltrige Stricher Chris hängt in einer Kneipe ab. Patrick wiederum ist sogar noch ein richtiges Kind; er ist gerade einmal zwölf Jahre jung, bezeichnet sich als Zecke und Punk und wird von der Kamera ausgehend von Konsolenspielen im Einkaufszentrum in ein leerstehendes Haus begleitet, wo er raucht, von seiner kleinkriminellen Karriere berichtet und schließlich randaliert. Renate ist mit ihren 19 Jahren die Älteste und sie hat es am härtesten erwischt: Seit einer Drogen-Überdosis ist sie gelähmt und versucht, mit therapeutischer Hilfe ins Leben zurückzufinden. Bei Chris überrascht die Nonchalance, mit der er sich prostituiert, weil er keine Lust zu schnorren habe.

Diverse ehrenamtliche Helfer geben verschiedene Statements ab und es wird auf typische Krankheiten der Klientel eingegangen, vergnügt kommentiert von Sunshine, für die das alles ein großer Spaß zu sein scheint – oder ist es provokativer Trotz? Ein weiterer Straßensozialarbeiter weist noch vor den Schluss-Statements der Porträtierten darauf hin, dass es viele Anlaufstationen und Hilfsmöglichkeiten gäbe, von denen viele Straßenkinder gar nichts wüssten. Leider versäumte man die Chance, hier anzusetzen und viel stärker zu hinterfragen, weshalb Sunshine, Chris und Co. diverse Angebote ausschlagen oder nur unzureichend annehmen, wo genau die Probleme und/oder Ablehnungsgründe liegen.

Wer vorher kein Verständnis für diese Lebensweise dieser Menschen hatte, wird es auch durch Sichtung dieses Films nicht entwickeln – so gut er gemeint gewesen sein mag. Zumindest Renate und Chris jedoch dürften stärkere abschreckende Wirkung auf die eigentliche Zielgruppe, Schüler der Sekundarstufe, haben, während Sunshine mit ihrer lebenslustigen Art den dokumentierten erfolglosen Schnorrversuchen zum Trotz auf den einen oder anderen gar einladend wirken könnte – und manch Präpubertärer vielleicht Lust entwickelt, mit jemandem wie Patrick in Einkaufszentren abzuhängen, Ruinen zu erkunden und „Scheiße zu bauen“.

Machtmaschine Strauß – Rudolf Augstein über seinen Widersacher DVD

machtmaschine strausz dvdDieser 28-minütige Nachruf des „Spiegel“-Herausgebers Rudolf Augstein auf den reaktionären, urbayrischen CSU-Politiker Franz Josef Strauß wurde am 9. Oktober 1988, also kurz nach dessen überraschendem Tod, unter dem Titel „Tod und Verklärung des FJS“ in „Spiegel TV“ auf RTL plus ausgestrahlt und 2012 auf DVD wiederveröffentlicht.

Mit der „Spiegel-Affäre“ im Jahre 1962 eskalierte der Konflikt zwischen Augstein und Strauß und auch im Nachhinein hatte man sich gegenseitig gern auf dem Kieker und setzte sich nie dem Verdacht aus, in eigener Weise miteinander befreundet zu sein. Anhand aneinandergereihter Originalaufnahmen zeichnet dieser Film grob Strauß’ politische Karriere sowie noch einmal die Eckpunkte der „Spiegel-Affäre“ nach, in süffisant-entspanntem Tonfall aus dem Off von Augstein kommentiert, assistiert von Stefan Aust. Es dürfte Augsteins Art des Abschieds von seinem Intimfeind gewesen sein, der so gern Bundeskanzler geworden wäre, es mithilfe des „Spiegels“ aber glücklicherweise nie wurde. In demonstrativer Gelassenheit und gönnerhaften Teilrespektsbekundungen triumphiert Augstein mit seinem Film über Strauß, der damit nicht nur Nachruf und Abschied, sondern auch eine Art Endabrechnung ist.

Aus meiner heutigen Sicht handelt es sich damit um ein interessantes Stück deutscher Polit-TV-Geschichte, das jedoch nie angetreten war, ein sachliches Porträt Strauß’ zu zeichnen, weshalb ich zwar wie Augstein von Strauß bis auf dessen tumbe Polterigkeit, sein Polarisierungs- und Feindbild- und nicht zuletzt Unterhaltungspotential nichts halte, mich aber doch ein wenig wundere, dass ausgerechnet dieser Film 1989 mit dem silbernen Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

Die Blitzkrieg-Legende – 1940: Der deutsche Überfall auf Frankreich DVD

blitzkrieg-legende,-die-dvdDie „Spiegel TV“-Autoren Hans von Brescius und Michael Kloft widmen sich in dieser mehr als dreistündigen Dokumentation aus dem Jahre 2010 dem Westfeldzug Nazi-Deutschlands, an dessen Ende die überraschend schnelle Kapitulation Frankreichs stand. Im Mai 1940 war die Wehrmacht durch Luxemburg und Belgien Richtung Kanalküste vorgerückt, um schließlich das wenig wehrhafte Frankreich einzunehmen.

Ein Sprecher aus dem Off führt durch den Film, der Originalaufnahmen, Videos und Fotos en masse präsentiert und sie gern aktuellen Bildern ehemaliger Kriegsschauplätze gegenüberstellt. Zahlreiche Zeitzeugen kommen zu Wort, die sich in ihren Aussagen nicht selten dem militärischem Duktus des Sprechers anschließen und ihre Faszination für das damalige kriegstaktische Kalkül kaum verhehlen. Die Ereignisse werden nach Art einer spannenden Geschichte nachzuzeichnen versucht. Dies lässt zwar Raum für NS-interne Querelen und Uneinigkeiten, in denen Hitler mit anscheinend bisweilen gefährlichen Fehleinschätzungen keine sonderlich gute Figur abgibt, so gut wie keine Zeit wird jedoch darauf verwendet, was die Okkupierungen für die Bevölkerung bedeutete, wie sie darauf reagierte, sich ggf. arrangierte und in welchem Ausmaße Tod und Elend mit Hitlers West-Expansion einhergingen. Nichtsdestotrotz wird der Krieg minutiös Stück für Stück, Etappe für Etappe abgehandelt, was auf seine trockene Weise recht schnell ermüdend wirkte und den Eindruck erweckte, man wohne als Unbeteiligter einem Strategiespiel bei.

Noch fragwürdiger jedoch erscheint mir die inhaltliche Herangehensweise und Ausrichtung, die beispielsweise Churchills mindestens ambivalente Rolle in Kriegsentwicklung und -geschehen komplett ausspart und zudem mit keiner Silbe die vorausgegangene Kriegserklärung Frankreichs erwähnt – was, wie ich fürchte, Wasser auf die Mühlen von Geschichtsrevisionisten und „Lügenpresse“-Krakeelern sein dürfte.

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