Wie Gotlib hatte ich auch den französischen Comiczeichner Édouard Karali alias Édika über die „Carlsen Pocket“-Taschenbuchreihe kennengelernt, innerhalb derer Édikas „Blödmannski Totalnikoff“ neu aufgelegt worden war. Zuvor war es jedoch einmal mehr Raymond Martins Volksverlag bzw. dessen Nachfolger alpha-comic, der den in Albumform im Jahre 1981 in Frankreich debütierenden Édika nach Deutschland holte, dessen provokante, anarchische bis groteske Funnys in seinem U-Comix-Magazin abdruckte und ihn schließlich auch als Alben veröffentlichte. „Knock Out!“ erschien im Jahre 1987 als 50-seitiges, unkoloriertes und handgelettertes Softcover-Album, bildet die Nummer 3 der „U-Comix präsentiert“-Reihe und umfasst acht Geschichten.
Diese stecken voller Nonsens und Absurditäten. Ein dreiseitiges Bilderrätsel wird von Édika am Ende selbst sabotiert wird. Gegen Gotlib, an dessen Stil Édika nicht nur aufgrund der multiplen Sprachblasen einer Figur pro Panel und der völlig überzogenen Gefühlsregungen erinnert, setzt es Seitenhiebe; auf Seite 15 scheint sich rechts unten gar dessen Peter Pervers eingeschlichen zu haben. Die Klogeschichte „Pippi, Kacka und so weiter…“ setzt auf Ekeleffekte, offenbar ein Stück aus Édikas analer Phase. Édika zeichnet ins Absurde übersteigerte Exzesse in vielerlei Hinsicht sowie große, sich betont sexy gebende Frauen, denen die Brüste heraushängen und die Möchtegern-Machos übel mitspielen – beispielsweise einem Typen, der eine Tanzpartnerin sucht. Am Rande tauchen immer wieder Punks auf, die offenbar damals auch das französiche Stadtbild mitprägten. Ein vermeintlicher Sittenstrolch stiehlt Gegenstände zu einem bestimmten Zweck zusammen, was in eine eher durchschnittliche Pointe mündet; vielleicht gingen bei der Übertragung ins Deutsche aber auch Lokalkolorit und Wortwitz verloren. Oft sind‘s indes ohnehin weniger die Pointen als vielmehr der Weg zu ihnen, der aufgrund seines heillos überzeichnenden, karikierenden Humors für Amüsement sorgt. So auch beim armen Tropf, der seine Comics bei einem Verleger unterzubringen versucht – was natürlich als Seitenhieb auf die Branche und ihre Gatekeeper zu verstehen ist. Schwärzesten Humor beherrscht er auch: Ein Blinder wird im Straßenverkehr Stück für Stück aufgrund seines notgeilen und leicht ablenkbaren Blindenhunds regelrecht zersplattert. Dann hat ein Kaufhausdieb wenig Glück und scheitert trotz immer ausgefeilterer Methoden stets am Gesetzeshüter. Die letzte Geschichte verrät, wie man es zum Bodybuilding-gestählten Körper in nur einer Woche schafft. Oberflächlichkeiten und Triebgesteuertheit sind häufig Ziele Édikas Spotts.
Auch die Vielzahl gezeichneter Extremitäten, um schnelle Bewegungen und Hektik auszudrücken, erinnern an Gotlib. Édikas Figuren aber haben diese charakteristischen Auberginen-Nasen. Auch Gotlib hat ein Faible für die Meta-Ebene und arbeitet mit Kommentaren sowie Figuren, denen bewusst ist, dass sie Teil eines Comics sind. Fast überraschend wirkt die zwar dynamische, zumeist aber sehr klare, aufgeräumte Panelstruktur. Einer der Running Gags ist die plötzliche Verwendung englischer Sprache, ein weiterer die wiederkehrende Frage: „Warum so viel Hass?“ Ein paar deutsche Lokalisierungen ließ der Volksverlag dem Comic anheim werden. Wie bestimmte andere Nachkriegszeichner und -autoren auch löst sich Édika von sämtlichen etwaigen Fesseln und zeichnet ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung oder Zensur, was ihm in den Sinn kommt. Das wirkt auch heute noch erfrischend und löst ein Verlangen nach Mehr aus, das Èdika sicher vortrefflich hätte zeichnerisch karikieren können.
