Nachdem ich Christian Eichlers mir einst von Onkel Joe vermachtes Buch „Weltmeisterschaften Tag für Tag“ gelesen hatte, schrieb ich, gern mehr von ihm lesen zu wollen. Gerade einmal acht Jahre später (*hüstel*) ist es so weit, begleitend zur in Teilen unfassbar absurden WM 2026 nahm ich das „Lexikon der Fußballmythen“ des deutschen Sportjournalisten zur Hand. Es erschien ursprünglich im Jahre 2000 bei Eichborn; mir liegt eine aktualisierte Neuauflage aus dem Jahre 2004 vor, die Piper als Taschenbuch herausbrachte. Das Buch gliedert sich in 29 Kapitel plus Vorwort, ausführlichem Quellenverzeichnis und Register.

Im Vorwort verweist Eichler darauf, dass einige Informationen wiederholt abgedruckt sind, schlicht weil sie zu mehreren behandelten Themen passen. Diese Wiederholungen und Querverweise stören mich ebenso wenig wie der Umstand, dass es sich keinesfalls um ein Lexikon im klassischen Sinne handelt, sondern vielmehr um eine mit faktenbasierten Informationen pickepackevollgepackte Essay-Sammlung zu übergeordneten Begriffen wie Spiel, Kampf, Spieler, Team und Verein, oder auch Skandal, Angst, Schönheit, Sprache und Kult. Diese Kapitel wiederum sind gegliedert in dann tatsächlich alphabetisch sortierte Unterkapitel, womit ein lexikalischer Aufbau zumindest angetäuscht wird wie bei einem guten Übersteiger.

Eichler schreibt in einer Mischung aus informiertem Journalisten und kritischem Fan des Fußballsports, woraus ein angenehm zu lesender Stil resultiert. Er trägt internationales Wissen zusammen, sortiert es in die unterschiedlichen Aspekte des Fußballs ein, bereitet es nachvollziehbar, oft betont locker auf und schließt fast immer mit einer besonders (trocken-)humorig präsentierten Anekdote. Eines der schönsten Beispiele findet sich im Kapitel „Film“:

„[…] spätere Kollegen haben die Peinlichkeiten in anderen Streifen nachgeholt: Paul Breitner im deutschen Western »Potato-Fritz«, Wolfgang Kleff als Double des Komikers Otto, Franz Beckenbauer als er selbst in »Der Libero« (produziert von Konsul Weyer), zuletzt Eric Cantona als Leibwächter eines Affen in »Monkey«. Kein Wunder, daß unter Fußballern »Schauspieler« ein Schimpfwort ist.“

Immer wieder zitiert er Kollegen der schreibenden Zunft, Sportler, Trainer und andere aus dem Fußballrummel, besonders gern alte Brasilianer sowie den uruguayischen Fußballromantiker Eduardo Galeano, der es ihm – ebenso wie der ehemals so schöngeistige südamerikanische Spielstil – besonders angetan zu haben scheint. Am Ende der rund 440 Nettoseiten hat man tatsächlich das Gefühl, man habe alles Wissenswerte und noch viel mehr vermittelt bekommen.

Inhaltlich endet das Buch jedoch (ich hoffe, ich liege jetzt nicht daneben) im Jahre 2002. Und seitdem ist viel passiert! So ergänzte ich das eine oder andere Kapitel im Geiste und machte mir dadurch bewusst, was seither eigentlich so alles geschehen ist und sich in mein Langzeitgedächtnis eingebrannt hat. Das Kapitel über Verletzungen müsste um Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 erweitert werden, jenes über Wendepartien um Dortmund versus Schalke sowie Deutschland gegen Schweden, die jeweils nach einer 4:0-Führung unentschieden ausgingen. Ein Kapitel über Skandale ohne den korrupten Schiri Hoyzer? Undenkbar. Und wenn ich von einem Büchsenwurf lese, wirkt dieser harmlos gegen den Golfball, den Oliver Kahn später abbekommen sollte. Im Kapitel über Medien, in dem er bereits Attacken der Springerpresse gegen Jürgen Klinsmann anspricht, heißt es an einer Stelle (auf S. 399): „Einflußreicher als die Presse ist längst das Fernsehen […]“ – und man wünscht sich, er hätte die Zeit mit Klinsmann als Nationaltrainer noch ins Buch einfließen lassen können… Was Eichler darüber hinaus wohl zu all den Video-Assistant-Referee-Aufregern gesagt hätte, zu Fußball vor leeren Rängen während der Covid-19-Pandemie oder zu einer Weltmeisterschaft in Katar?

Über ein paar Ungereimtheiten bin ich gleichwohl auch gestolpert: Nach den WM- und EM-Blamagen 1998 und 2000 legt Eichler den Kritik an vernachlässigter Nachwuchsarbeit Übenden eine regelrecht nach Ressentiment klingende Schuldzuweisung an „zu viele Ausländer“ (S. 102) in den Vereinen in den Mund, was etwas arg polemisierend ist. Die Manndeckung Maradonas im WM-Finale 1990 (S. 135) übernahm nicht Berthold, sondern Buchwald, und Argentinien ist in jenem Turnier mitnichten mit nur einem Tor ins Finale gelangt. Auf S. 256 wird aus Altnazi Hans-Ulrich Rudel ein gewisser Ernst-Ulrich, und „dem Fritz sei Wetter“ (S. 273) ist Dativ, kein Genitiv. Auch gehe ich – wie schon im eingangs erwähnten Buch – bei seiner Beurteilung der WM 1990 nicht mit, auch nicht in Bezug auf die Leistungen der DFB-Auswahl, die er aus irgendeinem Grunde – anscheinend weil sie eher konservativen, kämpferischen Fußball statt südamerikanische Ballzauberei oder progressive Taktikmodelle bot – überkritisch sieht.

Im Kapitel 24 über Macht, in dem es vor allem um Politik geht, bleibt er zunächst etwas arg oberflächlich und droht sich hier und da zu verheben, ab dem Buchstaben M (wie Mielke) wird’s dann aber doch noch äußerst interessant. Am schönsten aber ist das Kapitel über Sprache. Eichlers Kritik an den Fernsehübertragungen würde ich im hier abgedruckten Ausmaße nicht mehr unterschreiben, mit der mangels Draufsicht aufs komplette Feld vor dem TV-Gerät nur schwer erfassbaren Taktik dürfte er aber bis heute nicht ganz unrecht haben. Generell hadert er teils berechtigt, teils übertrieben mit modernen Fernsehfußball-Phänomen. Am Schluss präsentiert er schließlich die mehr oder weniger titelgebenden 50 populären Fußballirrtümer, die noch einmal besonders kurzweilig geraten sind, einem dabei aber schöne Fakten fürs nächste Kneipengespräch mit auf den Weg geben.

So verbindet Eichler in seinem um 35 Schwarzweiß-Abbildungen ergänzten Buch Fachwissen mit unaufdringlichem Humor sowie der einen oder anderen streitbaren These – und macht nach einer kurzen Verschnaufpause Lust auf mehr. Der nächste Eichler ist schon geordert (und wird hoffentlich keine acht Jahre bei mir nachreifen).