Günnis Reviews

Autor: Günni (page 14 of 111)

Chester Brown – Fuck

Die Graphic Novel „Fuck“ (im Original „I Never Liked You”) des kanadischen Comiczeichners Chester Brown erschien ursprünglich von 1991 bis 1993 als Fortsetzungsgeschichte in seiner Heftreihe „Yummy Fur“. Mir liegt die deutschsprachige Ausgabe aus dem Reprodukt-Verlag vor, die dort im Jahre 2008 als rund 200-seitiges, unkoloriertes Taschenbuch erschien.

„Fuck“ ist eine autobiographische Coming-of-age-Geschichte Browns, die sein Aufwachsen in einer kanadischen Kleinstadt zum Inhalt hat. Er ist der introvertierte Sohn einer gottesfürchtigen Mutter, die später körperlich schwer erkrankt. Sein Vater ist so gut wie nie zu sehen und sagt nie ein Wort – außer gegen Ende, bei den schrecklichen Krankenhausszenen. Über ihn erfährt man nichts. In bewusst reduziertem Stil mit karikierendem, jedoch nicht humorigem Strich und unter Gebrauch von Zeitsprüngen, Wiederaufnahmen und Parallelmontagen (denen sich aber stets gut folgen lässt) entwickelt Brown ein unvollständig bleibendes Familienporträt sowie eine Reflektion seiner selbst, insbesondere in seiner Unfähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zuzulassen. So spielen – natürlich – Mädchen eine große Rolle, ihr unterschiedliches Verhalten ihm gegenüber, ebenso sein Versagen im Umgang mit ihnen.

Herauslesen lässt sich mittels einfacher psychologischer Abstraktion eine gewisse seelische Verkümmerung eines Jungen, dessen Vater nie für ihn da war und dessen Verhältnis zu seiner Mutter derart gestört ist, dass sie ihn irgendwann auch auf der Gefühlsebene nicht mehr erreichte. In einer späteren Arbeit offenbarte Brown, dass seine Mutter schizophren gewesen sein. Seine Panelaufteilung gestaltet Brown sehr flexibel; die Kapitel lässt er meist mit nur einem Panel auf einer Seite beginnen und enden, wobei diese nicht die großformatige Funktion eines Establishing Shots übernehmen, sondern lediglich rund ein Sechstel der Seite einnehmen und dort beinahe verloren wirken. Inhaltlich betreibt Brown einen äußerst intimen Seelenstriptease, bei dem er aber wortkarg und reserviert bleibt, als werde er selbst noch nicht ganz aus sich schlau – oder als sei er eine Art „Gefühlsspastiker“. Sein Umfeld skizziert er dafür umso präziser.

Ein besonderer Independent-Comic, der in der Comicszene viel Zuspruch erhielt.

22.12.2023, Indra, Hamburg: St. Pauli Punk Festival #3 mit PSYCH OUT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + G31 + BULLSHIT BOY

Diese Veranstaltung stand unter keinem wirklichen guten Stern. Während die ersten beiden von Bitzcore-Juergen durchgeführten Ausgaben mit großen Namen oder einer kultigen Oldie-Punk-Fraktion auftrumpfen konnten, wirkte das Indra diesmal leicht überdimensioniert. Der Vorverkauf war schleppend und als kurzfristig auch noch ASTRA ZOMBIES und – noch kurzfristiger – RESTMENSCH absagten und auch BULLSHIT BOY von der krass grassierenden Krankheitswelle erwischt wurden, stand das Ding sogar komplett auf der Kippe. Als Hoffnungsschimmer erwies sich, dass PSYCH OUT von einem Tag auf den anderen als Ersatz gewonnen werden konnten und BULLSHIT BOY sich bereiterklärten, statt als Trio kurzerhand als Duo aufzutreten. Die Parole lautete also: Durchziehen!

Beim Ausloten, wer wann spielen soll, erinnerten wir uns an unseren Schwur, uns nicht mehr bis nach hinten durchreichen zu lassen und verteidigten damit zumindest den dritten Slot. Eine Premiere für uns war, wie alle Bands dieses Abends über Kemper-Amps zu zocken, den Gitarren- und Basssound also aus fertigen Simulations-Presets auszuwählen, statt den erprobten Klang am eigenen Verstärker einzustellen. Dieser wurde dann auch nicht wie üblich über Bühnenboxen abgenommen, wir hatten also lediglich Monitore auf der Bühne. Einer der Gründe hierfür war, dass alle Auftritte auf 24 Spuren mitgeschnitten und den Bands anschließend zur Verfügung gestellt wurden. Eigentlich sollte nur die erste Band ‘nen richtigen Soundcheck machen und die anderen lediglich ‘nen Line-Check direkt vorm jeweiligen Gig bekommen. Da die erste Band aber nur aus zwei Leuten (Gitarre/Schlagzeug) bestand, ging der Plan nicht ganz auf.

Egal, die für diesen Abend zum Duo geschrumpften BULLSHIT BOY machten vor mittlerweile dann doch gar nicht so rar erschienenem Publikum den Anfang und mussten auf ihre Bassistin verzichten. Sängerin/Gitarristin Sabine und Drummer Carsten begannen mit ‘ner coolen Instrumental-Surfnummer, dem das punk’n’rollige „The World is on Fire“ folgte. Mit ‘nem Song über (keine) Mandelhörnchen auf Helgoland kann ich persönlich nun weniger anfangen, mit dem BLONDIE-Cover „One Way or Another“ dafür schon mehr, ebenso mit dem schön aggressiven „The Pressure is on“ von der noch zu veröffentlichenden Single. Der größte Hit war vermutlich „Pretty Boy“ und am Schluss gab’s mit „Bodies“ von den SEX PISTOLS ‘ne weitere Coverversion. Der Mix aus deutsch- und englischsprachigen Punkrocks-Songs machte Laune, war ein guter Opener – wenn auch die Abwesenheit des Basses sich in einem zeitweise etwas dünnen Sound bemerkbar machte. Aber wat willste machen?

G31 um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain haben bereits ihr zweites Album „Die Insel der versunkenen Arschlöcher“ veröffentlicht, flogen bisher aber weitestgehend unter meinem Radar. Gesehen hatte ich sie bisher nur einmal kurz bei der Jede-Band-spielt-nur-Fünf-Minuten-Sause im Störtebeker und das ist schon wieder verdammt lange her. Damals konnten sie mich nicht überzeugen, was sich heute Abend ändern sollte. Mittlerweile hat sich die Band um Peter von u.a. ANTIKÖRPER, LEISTUNGSGRUPPE MAULICH und zahlreichen weiteren HH-Punkbands verstärkt und zockt mit zwei Klampfen schöne Pogoriffs und eingängige Licks, die die Rhythmussektion gut nach vorne peitscht. Mitra legt mit ihrem kräftigen Organ melodischen Gesang zwischen klar und rotzig darauf, der durchdachte, deutschsprachige Texte mit durchaus klischeefreien, originellen Ansätzen formuliert, bewegt sich dazu zum Tanz auffordernd bis lasziv und kokettiert mit ihrem selbstbewussten weiblichen Charme. G31 brachten gut Stimmung in die Bude und haben mich sehr positiv überrascht, wenn auch Monitorprobleme der Band zu schaffen machten und der Bass bis zum Schluss leider viel zu leise war.

Nun galt es, meine nicht mehr ganz nüchternen Bandkollegen zusammenzutrommeln, den Umbau möglichst rasch hinter uns zu bringen und Mischer Andy möglichst noch ‘nen Soundcheck unterzujubeln. Das klappte so semi, denn während des Gigs in ungewohntem Bühnenaufbau (s.o.) stellte sich bald heraus, dass ich anscheinend der Einzige war, der mit seinem Monitorsound wirklich gut klarkam. Die Konsequenz waren über den Gig verteilte verpatzte Einsätze und Asynchronitäten, die uns sicherlich weit mehr auffielen als denjenigen, die vor der Bühne für Bewegung sorgten; immerhin waren wir angetrunken genug, uns davon nicht verunsichern zu lassen. Während „Wænde“ bei seiner Premiere auf dem Gaußplatz noch gut flutschte, verkackten wir ihn diesmal doch ziemlich. Nachdem wir ihn direkt nach dem Einstieg abbrechen mussten, höre ich mich auf der Aufnahme sagen: „So, das war das Intro. Jetzt kommt der eigentliche Song. Kurze Trinkpause. Prost.“ Einfach das Beste daraus machen! Bei „Elbdisharmonie“ schleuderte ich versehentlich mein Mikro von der Bühne, „Spaltaxt“ klang etwas arg schräg usw… Besser liefen da „Blutgrätsche“, den wir bei G31-Peter kürzlich für einen geplanten HH-Punk-Sampler im Studio aufgenommen haben und bei dem er uns auf der Bühne gesanglich unterstützte, sowie die ebenfalls recht neue Nummer „Phoenix aus der Flasche“. Die im unmittelbaren Anschluss – und damit als Abschluss – geplante Livepremiere eines brandneuen Songs sparten wir uns daher besser und räumten die Bühne für PSYCH OUT. Auch wenn die Leute offenbar ihren Spaß hatten, als Fazit für uns nehmen wir mit: Kemper-Amps einmal und nie wieder, und wenn wir schon keine Bühnensound-Boxen haben, müssen wir uns die Zeit für ‘nen ordentlichen Monitor-Soundcheck nehmen.

Völlig wumpe war all dies PSYCH OUT um HH-Punk-Urgestein Holli, Stoffel von YACØPSÆ (und seit einiger Zeit auch RAZORS) sowie den rauschebärtigen Shouter Lars, die knapp 20 Songs in gefühlt genauso vielen Minuten durchschrubbten, bei denen es Lars eher selten auf der Bühne hielt. Auch diese Band kannte ich eigenartigerweise bisher lediglich vom Fünf-Minuten-Gig im Störtebeker anno schießmichtot. Ultrapräzise ballernder Fast- und Oldestschool-US-Hardcore erfreute Kenner(innen) und Genießer(innen) der groben Kelle, die fortgeschrittene Stunde hingegen schien den/die eine(n) oder andere(n) Besucher(in) vertrieben zu haben; die Reihen hatten sich jedenfalls leider gelichtet. Songs wie „Take This Shit And Burn It Down“, „Fuck Your Scene”, „Humanity/Bullshit” oder das HASS-Cover „Ihr Helden” waren für mich der perfekte Abschluss des Abends, der noch bei ein, zwei Bierchen im Backstage-Bereich ausklang.

Danke an alle, die den Abend unter (in erster Linie krankheitsbedingt) widrigen Umständen doch noch zu ’ner geilen Party gemacht haben sowie an Dr. Martin für die Fotos unseres Gigs! Und ‘n Extraküsschen aufs Nüsschen an unseren Ex-Drummer Dr. Tentakel, der unser Merch betreute!

Walt Kelly – Pogo

Im Jahre 1974 veröffentlichte der Melzer-Verlag innerhalb seiner „Brumm Comix“-Reihe die erste und bis dato anscheinend einzige deutsche Übersetzung der „Pogo“-Comicstrips Walt Kellys, die der US-Amerikaner von den 1940ern bis in die 1970er hinein vorrangig für eine Vielzahl von Tageszeitungen anfertigte. Der Band im Taschenbuch/Softcover-Album-Zwischenformat muss leider ohne Seitenzahlen auskommen, dürfte aber auf um die 100 bis zu sechs Panels umfassende Schwarzweißseiten kommen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind hier 14 Geschichten abgedruckt.

Den als schwierig zu übersetzen geltenden Comics um das titelgebende anthropomorphe Opossum, das im Okefenokeesumpf mit vielen weiteren anthropomorphen Figuren zusammenlebt, wurde ein recht ausführliches Vorwort vorangestellt, das sich jedoch etwas herausfordernd liest, da es viele diesen Strips immanente Wortschöpfungen bereits vorwegnimmt und wie selbstverständlich anwendet.

„Pogo“ ist eine mit spitzer Feder gezeichnete Satire, in der frei von falschem Respekt und unter Zuhilfenahme anarchischen Humors Autoritäten, Politik, Bürokratie, Religion und Umweltverschmutzung aufs Korn genommen werden. Diverse damalige Politiker fanden sich als zumindest in der zeitgenössischen Rezeption deutlich wiedererkennbare Figuren wieder. Eine Eigenart dieser Strips sind die Sprechblasen, denen mehrfach eine besondere grafische Bedeutung zuteilwird, die ihre Figuren zu charakterisieren hilft.

In die Übersetzung haben sich ein paar wenige Rechtschreibfehler eingeschlichen, was nichts daran ändert, wie dankbar man dem Melzer-Verlag sein muss, zumindest ein bisschen „Pogo“ auch nach Deutschland gebracht zu haben. Man scheint sich dabei sinnigerweise weniger auf das damalige politische Tagesgeschehen karikierende als mehr auf allgemeingültigere und -verständlichere Strips konzentriert zu haben. Und diese finde ich in ihrer autoritätskritischen, humanistischen Haltung im wahrsten Wortsinn (wegen Tieren zugeschriebener menschlicher Eigenschaften, gelle?) fabelhaft.

Martin Hentschel – Zitroneneis, Sex & Rock’n Roll: Die deutsch-israelische Filmreihe EIS AM STIEL (1978-1988)

Von alten Sexklamotten, wie sie hierzulande nach der sexuellen Revolution ab Ende der 1960er produziert wurden, geht auf manch Filmfreund eine seltsame Faszination aus, wovon auch ich mich nicht freisprechen kann – illustrieren sie doch nicht zuletzt die Entwicklung des Umgangs mit Themen wie Erotik und Sexualität auf der Leinwand und sind sie nicht selten entlarvende Zeitdokumente. Die ab 1978 produzierte, diegetisch Ende der 1950er angesiedelte deutsch-israelische „Eis am Stiel“-Reihe vermengte Coming-of-Age-Elemente mit Sex und Humor in unterschiedlicher Gewichtung und Qualität, wobei es sich zumindest bei den ersten beiden Teilen um tatsächlich gute Filme handelt. Ausgemachter Fan dieser Reihe ist der Düsseldorfer Schauspieler und Autor Martin Hentschel, der bereits zur Commedia sexy all’italiana sowie zur „Kumpel“-Reihe publiziert hatte und im Jahre 2016 – wie gewohnt im Eigenverlag – dieses rund 380-seitige Taschenbuch zum Thema veröffentlichte.

Markus Hagens Covergestaltung ist ein echter Hingucker und macht Lust darauf, das Buch aufzuschlagen. Bereits das „Eis am Stiel“-Regisseur und -Autor Boaz Davidsons filmische Inspirationsquellen weit über „American Graffiti“ hinaus aufzeigende Vorwort vermittelt viele wertvolle Informationen und ist ein eleganter Einstieg in die chronologische Abhandlung aller „Eis am Stiel“-Teile und -Ableger. Jedes Filmkapitel beginnt mit ausführlichen Stab-Angaben, schildert auf aufschlussreiche Weise die jeweiligen Produktionsumstände, versammelt Inhaltsangaben und Trivia und geht biographisch auf die Schauspielerinnen der jeweiligen weiblichen Haupt- und bedeutenderen Nebenrollen ein, beziffert ferner die Einspielergebnisse und arbeitet die Unterschiede internationaler Fassungen heraus. Und da die Musik in diesen Filmen stets eine große Rolle spielte, wird der jeweilige Soundtrack minutiös aufgelistet und ebenfalls in Bezug auf unterschiedliche Fassungen kommentiert. Darüber hinaus – und das ist es dann auch, was das Buch auf seine stattliche Seitenzahl bringt – druckt Hentschel massenweise Original-Werbe- und Infomaterial sowie zeitgenössische Stimmen und Kritiken ab, jedoch leider oft ohne Beschreibung oder genauer Quellenangabe. Das ist trotzdem grundsätzlich nicht verkehrt, wenn es auch in Farbe noch einmal eindrucksvoller (aber vermutlich im Druck unbezahlbar) wäre und ich mich frage, wem in Hebräisch abgedruckte Originalbriefe ohne Übersetzungen etwas nützen.

Ausgiebig ergänzt wird dieser Hauptteil des Buchs mit einem mehrseitigen Exkurs zur Produktionsfirma Cannon Films, ausführlichen Biographien der männlichen Hauptdarsteller und einer genaueren Inaugenscheinnahme im Fahrwasser des „Eis am Stiel“-Erfolgs entstandener Epigonen. Innerhalb der Biographien schweift der Autor mitunter aber stark ab, im Kapitel über Zachi Noy beispielsweise geht es plötzlich um Dolly Dollar und Klaus Lemke. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eines der stärksten Kapitel des Buchs. Yftach Kazurs und Jonathan Sagalls Biographien enthalten gar sehr informative, exklusive Interviews, die Uwe Huber mit ihnen führte und in denen es nicht nur um „Eis am Stiel“ geht.

In all seinen Kapiteln bleibt Hentschel betont sachlich, persönliche Meinungen bringt er nicht ein und Kritik, wenn überhaupt, nur in Form von Zitaten anderer an – mit zwei Ausnahmen: Der Film „Russian Roulette – Moscow 95“, in dem Zachi Noy mitspielt, ist anscheinend selbst für Hentschel eine Nummer zu abstrus, wie er auf S. 307 zu Papier bringt. Und auch mit dem „Eis am Stiel“-Rip-Off „Hometown U.S.A.“ alias „California Graffiti” konnte er nichts anfangen, wie er einen wissen lässt. Zur politisch-kulturellen Dimension der Filmreihe bzw. dessen Gattung im Allgemeinen hält er sich leider auch vollständig bedeckt. Wer kontextualisierende Filmanalysen sucht, wird hier demnach nicht fündig.

Auf das unsägliche Namenswirrwarr der Hauptfiguren in den deutschen Fassungen, bei dem die deutsche Synchronarbeit auf beschämende Weise versagte, geht der Autor seltsamerweise erst im Kapitel zu „Hasenjagd, 2. Teil“ ein, obwohl es sich um eine verwirrende Kuriosität handelt, die fast ein eigenes Kapitel verdient gehabt hätte. Das Buch enthält zudem einige Anzeigen, die nicht immer als solche gekennzeichnet wurden, aber dennoch klar als solche erkennbar sind. Beim Foto auf s. 258 ging offenbar etwas schief, das ist fast nicht zu erkennen. Ansonsten macht „Zitroneneis, Sex & Rock’n Roll“ bis auf ein paar Zeichensetzungsfehler und die oben erwähnten fehlenden Quellenangaben zum die Filmaufführungen begleitenden Material aber für das, was es ist und offenbar sein will, einen ordentlichen Eindruck. Es bietet einen schönen Rundumschlag zum Thema und einen guten Überblick über die durchwachsene Filmreihe, wenn eben auch ohne analytischen Tiefgang oder Diskussion mit den Filmen verbundener Kontroversen. Und nicht zuletzt liest es sich im Sommer am Strand angenehmer als sich das Klicken durch etliche Internetlinks beim Versuch gestalten würde, die in diesem zusammengetragenen harten Fakten aus dem Netz zu fischen.

10.12.2023, Bambi Galore, Hamburg: CHRIS HOLMES + HARSH

Blind in Billstedt

In letzter Zeit habe ich irgendwie dann doch (wieder) Spaß an den alten Gassenhauern der US-Sleaze-Show-Metaller W.A.S.P. gefunden, vor allem, seit ich mir kürzlich das „Live at the Lyceum, London“-Video mit einer frühen Liveshow aus der Mitte der glorreichen ‘80er angesehen habe. Die Band existiert noch immer, wenngleich es sich seit geraumer Zeit eher um ein Soloprojekt das Bandkopfs Blackie Lawless handeln dürfte. Auf ein Konzert des unlängst zum „wiedergeborenen Christen“ mutierten Lawless, sprich: auf Playback in irgendwelchen Kackläden, habe ich trotzdem keinen Bock. Manchmal schätze ich die Encyclopaedia Metallum doch sehr für ihre ebenso einfachen wie präzisen Angaben. So findet sich bei W.A.S.P. der Eintrag: „Sex, Party (early); Society, Anti-religion (mid); Christianity, Politics (later)” – das fasst das Œuvre der Band gut zusammen. Eine Show des ehemaligen Gitarristen Chris Holmes, mittlerweile sein Soloprojekt betreibend und auch schon 65 Lenze zählend, reizte mich da schon eher, zumal mir setlist.fm im Vorfeld verriet, dass er üblicherweise eine ganze Reihe alter W.A.S.P.-Kracher zockt. Als ich sah, dass er an einem Sonntag im gemütlichen Billstedter Metal-Club gastieren würde, besorgte ich mir ein Ticket für ‘nen fairen Zwanni und war gespannt, was mich erwarten würde.

An diesem feuchten Adventsabend schienen sich zunächst einmal nicht allzu viele Freundinnen und Freunde der verzerrten E-Gitarre aufzuraffen und so war es beim Opener HARSH aus Frankreich noch sehr übersichtlich. Vor über’n Daumen gepeilt 20 Nasen (inkl. meinem Bandkollegen Holler und meiner Wenigkeit) erfüllten sich meine Befürchtungen: Vier Poser, von denen insbesondere der Frontmann das Haupthaar „schön“ hatte, zockten schlüpferstürmenden Glam-Hardrock/-Metal, von dem ungefähr die Hälfte von Skid Row, Guns N‘ Roses und wat weiß ich wem zusammengeklaut klang. Trotz Vorband-Status lieferten sich beide Klampfen zwischendurch ein Solo-Battle und zusammen mit jemandem, der sich später als Chris Holmes‘ Sänger und Bassist herausstellen sollte, als Gast-Duettpartner coverte man MICHAEL SEMBELLOs ‘80er-Pop-Klassiker „Maniac“. Gegen Ende des Sets wanderte das HARSH-Frisurenwunder mit seiner Klampfe durchs Publikum und gab sich als Plüschrocker zum Anfassen. Der Gig war insofern ok, als man sich nicht die Ohren zuhalten musste; außerdem dürfte sich heutzutage kaum noch jemand aus geschäftlichen Gründen diesem einst kommerziell so einträchtigen Stil verschreiben, sondern mit einer gewissen ehrlichen Leidenschaft agieren – nur macht das die Mucke leider nicht besser. Not my cup of pee. Umso überraschter war ich vom letzten Song, einem besonders auf der Gitarre und an den Drums sehr kompetent gezockten „Johnny B. Goode“-Cover. Gut, auch daraus haben JUDAS PRIEST in den ‘80ern noch etwas Eigenes gemacht, ein versöhnlicher Abschluss war’s dennoch.

CHRIS HOLMES stieg direkt mit dem W.A.S.P.-Klassiker „On Your Knees“ ein, wie alle Songs seiner ehemaligen Band gesungen von seinem Bassisten (der mit dem „Maniac“-Gastspiel zuvor). Der hat diese Blackie-Lawless-eigene Mischung aus dreckig und klagend zwar nun nicht gerade in der Stimme, ist aber ein wirklich guter, melodischer Sänger, der in den Refrains von Holmes‘ Geknurre unterstützt wird. Beinahe müßig zu erwähnen, dass ich – wie auch bei allen weiteren herrlich eingängigen Refrains des Sets – frohlockend mitsang. Schon nach den ersten drei Songs gönnte sich Holmes‘ einen kleinen Gitarrensolo-Slot, ohne es dabei mit dem Gegniedel zu übertreiben. Die Stimmung stieg und auch vor der Bühne verdoppelte sich die Anzahl der Gäste rasch. Trotz Miniclub und eher spärlichem Sonntagspublikum wirkten Holmes & Co. motiviert – und lieferten ab: Zu geilen Eigenkompositionen wie „The Devil Made Me Do It“ oder „Born Work Die“, von Holmes mit schön dreckiger, rauer Stimme dargeboten, gesellten sich W.A.S.P.-Hits aus der „Sex, Party (early)“-Phase von „L.O.V.E. Machine“ und „Sleeping (in the Fire)“ über „Blind in Texas“, bei dem ich endgültig beschloss, mich zu betrinken (Holmes hingegen hielt sich an einer Wasserflasche gütlich), bis hin zu „Wild Child“ und „Animal (Fuck Like a Beast)“. Das hielt die Party am Laufen und war tatsächlich der große Spaß, den ich mir erhofft hatte. Nur „I Wanna Be Somebody“, einen der größten W.A.S.P.-Hits, hatte ich am Schluss noch erwartet, doch der blieb aus. Möglicherweise ist der gar nicht von Holmes komponiert…? Stattdessen gab’s NEIL YOUNGs „Rockin‘ in the Free World“ als perfekt in die Zeit passenden Abschluss, dem, so meine ich mich zu erinnern, auch ein paar deutliche Worte an die Diktatoren dieser Welt vorausgingen und für den sich Mitglieder von HARSH noch einmal auf der kleinen Bühne einfanden, um mitzuträllern. In dieser Form bleibt uns der dichttätowierte Hüne, der einst wenig vorteilhaft betrunken und dekadent im Swimmingpool innerhalb der „The Decline of the Western Civilization, Part II: The Metal Years“-Doku porträtiert wurde, hoffentlich noch lang erhalten – denn mit dem weltfremd wirkenden L.A.-Rockstar von damals scheint der mittlerweile in Frankreich lebende Holmes nicht mehr viel gemein zu haben – außer dem Gespür für geile Riffs und Licks sowie ins Ohr gehende Singalongs.

P.S.: Den Dokumentarfilm „Mean Man – The Story of Chris Holmes” muss ich mir mal vormerken…

Derber Trash #1

Es wurde wirklich mal Zeit, mich mit den Erzeugnissen des deutschen Weissblech-Comics-Verlags zu beschäftigen. Dieser gründete sich, zunächst als Hobby-Projekt, in den 1990ern und lehnte sich hommagenartig an den US-amerikanischen Kultverlag „EC“ an – entsprechend kürzt er sich „WC“ ab… Und dort würde manch Sittenwächter(in) sicherlich auch gern dessen Heftchen hinunterspülen, allen voran vermutlich solche, wie sie in diesem, sich an eine erwachsene zumindest volljährige Leserschaft richtenden Sammelband aus dem Jahre 2010 um eine Rahmenhandlung herum neu aufgelegt wurden.

Der 100 Schwarzseiten umfassende Softcoverband in halber Albengröße beherbergt die Heftchen „Drogengeile Teenieschlampen“, „Wenn Sexmonster auf Erden wandeln“ und „Zombie Terror“ aus der Anfangszeit des Verlags, die von verschiedenen Zeichnern und Textern verbrochen wurden. Das bedeutet: Bewusst auf geschmacklos getrimmte Sex- und Monstergeschichten, wie man sich für sie ab einem bestimmten Alter zu interessieren beginnt, dargereicht mit dem typischen selbstironischen Augenzwinkern des kalkulierten Schunds und mitunter inklusive Kommentaren zu Zeitgeist und Gesellschaft im Subtext. So wird in „Drogengeile Teenieschlampen“ u.a. die Loveparade aufs Korn genommen, bietet „Wenn Sexmonster auf Erden wandeln (mit enorm großen Geschlechtsteilen)“ exakt das, darüber hinaus aber auch eine Parodie auf propagandistische US-Comics, wenn der Weltkommunismus bekämpft wird, indem „kommunistische Raketenweiber vom Planeten Z“ besiegt werden, und versucht eine redaktionelle Non-Comic-Bildungsseite die Frage „Sexmonster – Mythos oder Wirklichkeit?!“ zu beantworten. In „Zombie Terror“ finden sich neben der Origin Story des merkwürdigen Fischjungen Storys mit neugierig machenden Titeln wie „Fäule in der Lederhose“ oder „Nazizombies gegen Mangagirlies“, denen man nun ebenfalls wirklich keinen Etikettenschwindel nachsagen kann. Pubertäre bis anarchische Späße ohne jede Selbstlimitierung, die zumindest zeichnerisch ein gewisses Niveau nie unterschreiten (also keine Kritzeleien oder dahingerotzten Kleckse).

Flankiert wird all das von der Rahmenhandlung um Herrn Dreck und den merkwürdigen Fischjungen, die auf dem Weg zum garstigen, kapitalistischen Verleger sind, um an ihre Tantiemen zu kommen. Historische Abrisse zur Verlagsarbeit, knappe Reflektionen dieses alten Quatschs (wobei auch die im Original belassenen Rechtschreibfehler bemerkt werden) und die zuvor unveröffentlichte, aus dem Papierkorb gefischte „Xena“-Parodie „Kena und die Labertasche“ strecken den Spaß auf die 100 Seiten und stellen auch für Besitzer(innen) der Originale interessantes Bonusmaterial und somit einen Kaufanreiz dar.

Man merkt manch Geschichte an, dass zunächst der Titel feststand und erst dann versucht wurde, eine Stimmige Handlung dazu zu entwerfen, und die Limitierungen auf nur wenige Seiten pro Story tragen ihren Teil dazu bei, dass diese Comics eine Art Äquivalent zu kruden, billigen B-Movies vergangener Zeiten darstellen, bei denen mit reißerischen Plakatmotiven auf Geldgebersuche gegangen wurde, um überhaupt mit dem Verfassen des Drehbuchs beginnen zu können. Wer ein Herz für Schund hat, ist hiermit also gut bedient. Ich jedenfalls hatte meinen Spaß – und mit Sicherheit nicht meinen letzten Weissblech-Comic in der Hand.

11.11.2023, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: INBREEDING CLAN + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Von INBREEDING CLAN hatte ich schon länger nichts mehr gehört, bis im Sommer die Anfrage kam, ob wir ‘nen kleinen Soli-Gig mit ihnen in der Gaußplatzkneipe zocken würden, um ein paar Penunsen für einen alten, von Lukaschenkos Regime drangsalierten Kumpel in Belarus zu sammeln. Klar hatten wir das. Als Termin wurde ein Samstagabend mit Schnapszahl eingetütet. Kurioserweise hatten wir zuletzt an einem 12.12. zusammengespielt, nämlich im Jahre 2015, um unseren damaligen Basser Stef (R.I.P.) gen Frankreich zu verabschieden.

Mit dem Bollerwagen karrten wir unsere Plünnen in die ofenbeheizte, muggelige Kneipe, Aufbau und Soundcheck mit Technikchef und Mischer Wurzel waren weitestgehend entspannt. Nach und nach trudelte der CLAN ein und die ersten Bierchen kreisten. Auch mit Gästen füllte sich das Etablissement langsam, aber sicher, was gar nicht so selbstverständlich war, da am selben Abend mindestens vier weitere Punkkonzerte in Hamburg stattfanden. Als INBREEDING CLAN gegen 20:30 Uhr ihr Scum-Rock-Fass aufmachten und zu derangierten Südstaaten-Hillbillys mutierten, waren jedenfalls genügend neugierige Augenpaare auf die Performance gerichtet, die Sänger Flo beim Grimassieren, Tanzen, Stampfen und ungesund klingenden Krächzen der aus dem Leben eines Inzucht-Clans gegriffenen Texte beobachteten, begleitet von einer bewusst zurückgenommenen Instrumentierung und gelegentlichen Backing Vocals. In seinen Ansagen schimpfte Flo auf JOHNNY CASH, um dann später doch „Ghostriders in the Sky“ zu covern, mal verrutschte er in der Setlist oder verballhornte den KKK, bevor „Riding with the Clan“ angestimmt wurde. Auch das GG-ALLIN-Cover „Fuck Off, I Murder“ wurde im CLAN-Sound kredenzt. Fanden sie seinerzeit in der Lobusch kein Ende, boten sie diesmal ein kompaktes Set von ca. 45 Minuten, während derer sie den Gaußplatz in die subtropischen Sümpfe Louisianas verwandelten. INBREEDING CLAN sind so was wie ein sich stets irgendwie neben der Spur bewegendes Gesamtkunstwerk. Ich find’s großartig. Sollen endlich mal ‘ne Platte aufnehmen!

Wir bildeten anschließend einen musikalischen Kontrast, profitierten aber wie der CLAN von einem anscheinend ziemlich geilen P.A.-Sound, der zudem so gut mit dem Bühnensound abgestimmt worden war, dass ich keinerlei Monitor brauchte, um mich selbst shouten zu hören. Für so etwas lohnt es sich dann eben doch, auch in einem vergleichsweise kleinen Raum alle Instrumente einzeln abzunehmen. Unser Set hatten wir ein wenig umgestellt, das von Basser Holler mitgebrachte PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Cover „ACAB“ deutlich vorgezogen und das ebenfalls anwesende Geburtstagskind Snorre – Sänger des Originals – mit sanftem Druck dazu überredet, die Nummer mit mir zusammen zu schmettern. Bezeichnenderweise entfiel uns beiden im Eifer des Gefechts die dritte Strophe, sodass wir zusagten, sie später nachzureichen… Die Stimmung war prächtig, vor der Bühne einige Bewegung und unsere Live-Premiere „Wænde“ funzte überraschend fehlerarm. „Cop Killing Day“ widmeten wir wie immer Stef, der die Nummer von SCHÖNES GLATTES FELL nach deren Auflösung im Entwurfsstadium zu uns mitgebracht hatte. Nach 15 Songs gab’s dann noch mal „ACAB“ im Duett mit Snorre, diesmal inklusive abwechselnd gesungener dritter Strophe, und weil man uns weiter nötigte, einfach noch mal „Blutgrätsche“. Feierabend!

Nachdem zuvor bereits der Hut rumgegangen war, wurde nun noch eine restaurierte E-Gitarre, die INBREEDING CLAN zur Verfügung gestellt hatten, für den guten Zweck versteigert, sodass insgesamt anscheinend tatsächlich ein hübsches Sümmchen zusammenkam. Ich hielt mich noch ‘ne Weile am Veltins fest und ging, als ich Gesichter nur noch verschwommen wahrzunehmen begann. Ein gelungener Abend! Danke an alle, die sich eingebracht oder beteiligt haben, insbesondere die Kollegen von INBREEDING CLAN und das Gaußplatz-Team um Wurzel & Co.!

P.S.: Danke auch an Flo(rentine) für die Schnappschüsse unseres Gigs!

Das Riesen-Ferien-Buch

Als ich dieses rund 200-seitige Softcover-Album aus der Carlsen-Qualitätscomicschmiede in einer Wühlkiste auf der Comic- und Manga-Convention in der Hamburger Fabrik entdeckte, fühlte ich mich wohlig an meine Kindheit erinnert, als ich mich immer freute, ein extradickes Ferien-Comicsonderheft auf dem Flohmarkt zu finden und es genüsslich während des Sommers zu verschlingen. Also sackte ich den im Mai 1996 veröffentlichten, vollfarbigen, auf mattem Qualitätspapier gedruckten Wälzer ein und vergrub mich auf meinem Urlaubsflug nach Mallorca darin.

Die vielen eingestreuten, sich an eine kind- und jugendliche Leserschaft richtenden Rätsel interessierten mich dabei weit weniger als das äußerst gelungene, kurzweilige Sammelsurium frankobelgischer Funny-Comics von „Spirou und Fantasio“ über die Gesetzeshüter-Karikatur „Dein Freund und Helfer“ (dessen Protagonisten ich seinerzeit über Kauka und Moewig als „Bully Bouillon“ kennengelernt hatte), den Krankenhaus-Irrsinn „Die kranken Schwestern“, die Abenteuer des Kfz-Mechanikers Isidor oder des Grundschülers Cedric bis hin zur Touristen-Animateure-Parodie „Cactus Club“, wovon mir das meiste zuvor unbekannt war. Erstmals las ich so auch das „Spirou und Fantasio“-Prequel-Spin-Off „Der kleine Spirou“, das mit seinem Humor und seiner Niedlichkeit heraussticht. Makaberer geht’s beim Totengräber Pierre Tombal zu; durchaus schwarzhumorig auch beim „Höllenspaß“, der Gags an der Himmelspforte mit Rätseln kombiniert. Zumindest zum Teil tut dies auch der Satansbraten „Die kleine Lucie“. Fast alle Reihen sind mit mehreren Geschichten vertreten, deren Umfang von Einseitern bis zu mehrseitigen Erzählungen reicht.

„Das Riesen-Ferien-Buch“ bietet somit auch einem erwachsenen Publikum einen sehr unterhaltsamen, abwechslungsreichen Überblick über frankobelgische Funnys und drängt sich damit als lockerer Einstieg in die Urlaubslektüre geradezu auf.

14.10.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: COCKNEY REJECTS + NINETEEN EIGHTY FOUR + ON THE RAMPAGE

Man mag es kaum glauben, aber ich hatte die COCKNEY REJECTS noch nie livegesehen – die (Mit-)Erfinder des Oi!-Punk, die West-Ham-Legende aus Londons East End, die mit „Stinky“ Turner & Co. personifizierte Street Credibility! Es ist ja nun nicht so, dass sie nicht seit mittlerweile doch einigen Jahren regelmäßig Station in Hamburg machen würden; einmal hätte ich sogar die Gelegenheit gehabt, mit meiner eigenen Kapelle zu eröffnen, aber es war jedes Mal etwas dazwischengekommen. Nicht so diesmal! Zumal es sich um die Abschiedsrunde der Band handeln soll, die fortan zwar weiterbestehen und vereinzelte Gigs spielen, aber nicht mehr auf Tournee gehen wolle. In meinen Plattenregalen tummeln sich ehrlich gesagt „nur“ die bescheiden „Greatest Hits Vol. I-III“ betitelten drei Alben aus den Jahren 1980 und ‘81, was danach kam, soll seinerzeit mit hardrockigeren Klängen (zeitweise gar unter dem gekürzten Namen „The Rejects“) die alten Fans vergrault haben – und habe ich mir deshalb nie angehört. Könnte ich in diesen Musikstreaming-Zeiten eigentlich locker mal nachholen. Und natürlich auch die jüngeren Alben, mit denen sie zum alten Stil zurückgefunden haben sollen.

Zumindest auf letzteres habe ich nach diesem Konzert richtig Bock, aber der Reihe nach: Im 350 Gäste fassenden, ausverkauften Monkeys hatten die Niederländer ON THE RAMPAGE bereits zu spielen begonnen, als meine bessere Hälfte und ich unsere Tickets gegen Stempel eintauschten, waren demnach ober- oder gar etwas überpünktlich auf die Bühne gegangen. Sie zockten gerade recht kompetent ein THE-CURE-Cover („A Forest“), als wir dazustießen, und peppten ansonsten ihren etwas roheren, mit heiserer Stimme vorgetragenen Streetpunk mit sehr coolen Bassläufen auf, die schon mal die Gitarre als Lead-Instrument ablösten und bei Top-P.A.-Sound viel Spaß machten. ON THE RAMPAGE haben bisher ein Album am Start, das 2020 auf Sunny Bastards und Comandante Records erschienen ist. Ihre Ansagen hielten sie auf Deutsch und über die nächste Band wussten sie zu sagen, dass sie „gar nicht so scheiße“ sei.

Gemeint waren die französischen NINETEEN EIGHTY FOUR, die bisher zwei Alben und eine Handvoll Siebenzöller anzubieten haben. Frauen in Bands sind nichts Außergewöhnliches, eine Drummerin ist aber nach wie vor die Ausnahme. Diese verpasste dem recht smoothen, melodischen Streetpunk, nun mit zwei Gitarren, mit schönen Chören angereichert und einer auf die späten Siebziger abzielenden Oldschool-Ausrichtung, einen ordentlichen Punch. Gesungen wurde – nicht selbstverständlich für französische Bands – auf Angelsächsisch und zwei Nummern, insbesondere die letztere der beiden, erinnerte mich stark an THE CLASHs „Guns of Brixton“ (und andere nicht auf fröhlich getrimmte Punk/Reggae/Ska-Crossover-Songs). Schöner Gig, der nun auch ein paar mehr Leute zum Tanzen animierte. Leider gab’s keine Zugabe.

COCKNEY REJECTS eröffneten mit „Fighting in the Streets“ und hauten anschließend einen Gassenhauer nach dem anderen ‘raus, von frühem Material wie „I’m Not a Fool“ und „Flares ’n‘ Slippers“ über quasi sämtliche Hits der ersten beiden Alben bis hin zu in kleiner Dosis eingestreuten Stücken späterer Platten. Vom ungeliebten „The Power and the Glory“ gab’s den tatsächlich hörenswerten Opener „Power & Glory“ sowie „On the Streets Again“, aufhorchen ließ mich auch der Hit „I love Being Me“, der sich, wie ich jetzt weiß, auf „East End Babylon“ befindet. War überhaupt etwas von der aktuellen Langrille „Power Grab“ dabei? So oder so: Ein Best-Of-Set, wie man es sich als Fan der Klassiker nur wünschen konnte. Über die Form der Band hatte ich die letzten Jahre nur Gutes vernommen, was sich bewahrheiten sollte: Da saß jedes Riff, und Frontmann Turner, ehemaliger Boxer und nebenbei als Boxlehrer tätig, hat sein schrilles, herrlich rotziges Punkorgan kaum eingebüßt, war zudem permanent in Bewegung: Wenn er gerade nicht sang, ging er seinem Erkennungszeichen, dem Schattenboxen, nach und trainierte seine Beinarbeit. Mein lieber Scholli, wenn ich mal in dem Alter bin, will auch noch derart fit sein. Seine Ansagen erfolgten stilecht im breiten Cockney-Slang und er interagierte mit dem Publikum, ging auf Tuchfühlung, hielt dem Pöbel des Mikro zum Mitgrölen der Refrains vor die Fratzen. Entsprechend gut was los war vor der Bühne – Pogo, gereckte Fäuste, inbrünstig skandierte Songtexte. Stimmungshöhepunkte waren „We Are The Firm“, „The Greatest Cockney Rip-Off” (das ich schon den ganzen Tag im Ohr hatte), „Police Car“ und natürlich die West-Ham-Hymne „I’m Forever Blowing Bubbles“ sowie „Oi! Oi! Oi!“, der, soweit ich mich erinnere, bis ganz zum Schluss aufgespart wurde. Die Band gab sich generell keinerlei Blöße, zockte die rüpeligen Songs, als hätten wir 1982, und ist an den entscheidenden Positionen Gesang und Gitarre originalbesetzt. Das Publikum habe ich als angenehm gefunden, gemeinsam wurde ‘ne astreine Party gefeiert. An diesem Auftritt hab‘ ich so gar nichts zu bekritteln; im Prinzip verlief er genauso, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Danke an die COCKNEY REJECTS für die musikalische Rückbesinnung, das Fitbleiben der verbliebenen Originalmitglieder und den Spaß an subkulturellen Clubshows, und danke ans Monkeys, das einmal mehr den idealen Rahmen für eine Veranstaltung wie diese bot. Würde mich freuen, die Band irgendwann noch mal sehen zu können.

Das knallgelbe „Bad Man“-Shirt vom Merch-Stand hätte ich mir vielleicht im nüchternen Zustand nicht unbedingt zugelegt, aber warum nicht mal wieder etwas Mut zur Farbe? 😀

Frank Schäfer – Woodstock ’69: Die Legende

Der Braunschweiger Frank Schäfer, Autor zahlreicher Veröffentlichungen aus den Bereichen Literatur- und Musikkritik, Populär- und Subkultur sowie autobiographisch geprägter Romane, machte sich mit dem im Jahre 2009 im österreichischen Residenz-Verlag veröffentlichten „Woodstock ‘69“ daran, ein ganz dickes Brett zu bohren: eine sich über rund 200 Taschenbuchseiten erstreckende Rekonstruktion des legendären Hippiefestivals, die sich auf eine beachtliche Zahl an Quellen stützt. Natürlich war der 1966 geborene Schäfer seinerzeit nicht selbst vor Ort. Dank seiner akribischen Quellenauswertung liest sich das in fünf Hauptkapitel unterteilte Buch jedoch mitunter, als sei er es gewesen.

So lassen sich die Vorbereitungen von der Gründung der Veranstaltungsfirma mit ihren gegensätzlichen Charakteren über fragwürdige Finanzdeals inkl. deren Hintergründe bis zu den Schwierigkeiten, ein passendes Gelände zu finden, nachlesen. Dass das Festival letztlich gar nicht in Woodstock, sondern 50 Kilometer entfernt stattfand, dürfte bereits für viele nicht unbedingt zum Allgemeinwissen zählen. Man erfährt Details zur Zusammenstellung des Line-Ups, sogar die einzelnen Gagen werden genannt. Schäfer schreibt unterhaltsam und bei aller Faktentreue spannend. Kritische Worte in Richtung der Veranstalter und deren Organisationsschwächen lassen früh erahnen, dass Schäfer nicht daran gelegen ist, den Woodstock-Mythos weiter zu nähren. Stattdessen stellt er diesen infrage, setzt sich aber auch mit von anderen kolportierter Kritik auseinander und zitiert zahlreiche Zeitzeugen. Über Schein und Wirklichkeit der u. a. von Warner Brothers finanziell gepuderten Veranstaltung heißt es beispielsweise auf S. 39:

„[…] [D]as öffentliche Bild war – und ist bis heute – ein anderes: nämlich das eines finanziellen Fiaskos. Und die Verantwortlichen taten gut daran, dieses Bild aufrechtzuerhalten, denn es verschaffte allen ein Alibi. Man konnte sich hier amüsieren, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, den Ausverkauf der Hippie-Lehre zu unterstützen. ‚Erst das‘, konstatiert Thomas Groß zu Recht, ‚machte aus dem Ereignis eine Art Lourdes des gegenkulturellen Glaubens.‘“

Einen Großteil des Buchs machen detaillierte Beschreibungen der einzelnen Auftritte aus, die weit über das hinausgehen, was man in den bekannten Dokumentarfilmen zu sehen und hören bekommt. Schäfer liefert Hintergrundinformationen, Analysen und Stimmen. Er geht auf die gesellschaftlichen und politischen Umstände angesichts des Vietnamkriegs sowie die Gründe für die Reihenfolge, in der die verschiedenen Acts die Bühne betraten, ein und zitiert ganze Songtextpassagen, stets begleitet vom Stimmungsbild der öffentlichen Berichterstattung und Beschreibungen der immer schlechter werdenden infrastrukturellen Umstände vor Ort – und wie man ihnen begegnete. CANNED HEAT und MOUNTAIN als musikalisch etwas härtere Bands sind ebenso Teil Schäfers musikhistorischer Reflektion wie THE GRATEFUL DEAD, wenn er der Frage nachgeht, weshalb ausgerechnet diese Vorzeigehippies trotz ihres Auftritts so wenig mit Woodstock in Verbindung gebracht werden. Mit CCR und THE WHO betraten wirklich gute Bands die Woodstock-Bühne, von denen mindestens letztere gar nicht so recht aufs Festival passten – wie Schäfer treffend analysiert.

Unterbrochen wird der musikalische Teil von einem Exkurs zu LSD-Papst Timothy Leary – frei von Verklärung, vielmehr fundiert und angemessen kritische Stimmen zitierend – sowie etwas, das sich bereits immer mehr angedeutet hatte: einem vielleicht recht hart anmutenden, aber gerechten Abgesang auf den Woodstock-Mythos und die Hippies, wofür Schäfer das „Westcoast-Woodstock“ Altamont Free Concert und die bereits zuvor verübten Morde durch die „Manson-Family“ heranzieht. Er zitiert verschiedene Erklärungsversuche und -ansätze und fasst die Ausschreitungen auf etlichen Festivals nach Woodstock zusammen. Anschließend geht es zurück nach Woodstock und damit zu den Sonntagsauftritten, wie jenem von CROSBY, STILL, NASH & YOUNG kurz vor der Veröffentlichung des ersten Soloalbums Neil Youngs, dem der Rock’n’Roll-Covertruppe SHA NA NA und natürlich Headliner JIMI HENDRIX‘, der – wie seine Vorgänger – erst am Montagmorgen spielte, als der Großteil des Publikums bereits wieder abgereist war! Seine Berichte zu den nicht in den bekannten Dokumentar- und Konzertfilmen enthaltenen Auftritten fußt Schäfer auf etlichen anderen Quellen bis hin zu Bootleg-Aufnahmen, aus denen er sie gewissermaßen rekonstruiert. Meist macht er zudem Angaben zum jeweiligen Bild- und/oder Ton-Veröffentlichungsstatus der einzelnen Auftritte, auch hier bis hin zu Bootlegs und YouTube-Fragmenten, was Woodstock-Archäolog(inn)en und -Sammler(innen) erfreuen dürfte (heute, also 14 Jahre später, aber wahrscheinlich nicht mehr ganz aktuell ist).

Teil des Woodstock-Mythos ist jener um JIMI HENDRIX, und auch dieser hat bei Schäfer kaum Bestand. Hendrix habe den US-Krieg gegen Vietnam sogar befürwortet und die Nationalhymne schon lange im Programm gehabt. (Schäfers Bibliographie weist übrigens zwei gesonderte Veröffentlichungen zu Hendrix auf: „A Tribute To Jimi Hendrix“, 2002 und „Being Jimi Hendrix“, 2012.) Das letzte Kapitel widmet sich der Postfestival-Rezeption und beginnt mit einer Art Pressespiegel. Außerdem wird die sicherlich nicht ganz unbedeutende Rolle der Filmcrew einzuordnen versucht. Schäfers These, und sie wird wahr sein: Der überraschend friedliche Ablauf beruht vor allem darauf, dass die Polizei draußen bleiben musste und der Sicherheitsdient sich aus eigenen, quasi subkulturellen Reihen rekrutierte – in Kombination mit einem drogensedierten Publikum. Dass Veranstalter, Publikums, Einzelinterpreten und Bands aber ein verschworener, für Love & Peace an einem Strang ziehender Haufen gewesen seien, gehört aber ins Reich der Fabel. Schlussendlich zieht er ein sich aus zahlreichen Zitaten zusammensetzendes Fazit zur Entstehung des Woodstock-Mythos, den er mit seinem Buch beeindruckend auseinandergenommen hat.

Insgesamt setzt Schäfer 240 Quellenverweise; wiederholt geht er auch über die Zitatform hinaus auf andere Literatur zum Thema sowie Szenen der Woodstock-Filme ein. Er zitiert auch sich widersprechende Aussagen und versucht, durch Abwägungen der Wahrheit näherzukommen. Für diese Kleinarbeit gebührt ihm ebenso Respekt wie für sein Geschick, daraus eine spannende Lektüre zu formen, die sich flüssig liest. Außer in jenen Momenten, in denen Schäfer seiner Schwächen für die Verwendung möglichst obskurer Wörter nachgibt. Gestolpert bin ich u.a. über lysergsauer (S. 27, = unter LSD-Einfluss), bramarbasiert (S. 76, = prahlerisch), Inaugurationsakt (ebd., = Amtseinführungsakt), Locus amoenus (S. 140, = idealisierende Naturschilderung in der Literatur), bukolisch (S. 141, = idyllisch), ausbedungen (S. 165, = zur Bedingung gemacht), decrouvierenden (S. 170, = entlarvenden) und arrondierend (S. 181, = abrundend).

Ein paar Fotos wären indes schön gewesen, insbesondere dann, wenn Schäfer Bilder wie z. B. die Plakatgestaltungen beschreibt. Die Buchmitte offeriert zumindest ein wenig Vor-Ort-Bildmaterial in Schwarzweiß. Sei’s drum, „Woodstock ‘69“ brachte mir als grundsätzlich pop- und rockkulturell interessiertem Leser, der jedoch Hippies und ihre Musik verabscheut, nicht nur den Festivalverlauf, sondern generell US-Musik der 1960er näher, wobei Schäfers subjektiver Musikgeschmack natürlich in seine Bewertungen miteinfloss. Interessanterweise schreibt er im Zusammenhang mit SHA NA NA vom Musicalfilm „Grease“ als das Ende eines ersten ‘50er-Revivals, das bereits Ende der 1960er begonnen habe – gewissermaßen also auch durch den SHA-NA-NA-Gig auf der Woodstock-Bühne.

Als überraschend hart empfand ich lediglich Schäfers JOAN-BAEZ-Schelte. Frank, wir wissen doch beide: Ohne Baez kein „Diamonds and Rust“ von JUDAS PRIEST!

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