Günnis Reviews

Autor: Günni (page 15 of 115)

Mad-Taschenbuch Nr. 21: Ivica Astalos – Das Mad-Buch der Technik

Astalos‘ zweites Mad-Taschenbuch hatte ich bereits gesprochen, nun endlich kann ich sein Taschenbuch-Debüt nachreichen: „Das Mad-Buch der Technik“ aus dem Jahre 1979 umfasst wie üblich rund 160 unkolorierte Seiten, die in ein Vorwort und elf Kapitel aufgeteilt sind. Jenes Vorwort, in dem Herbert Feuerstein seinen Cartoonisten augenzwinkernd, aber furztrocken beleidigt, ist bereits der erste große Lacher, bevor Astalos diverse Technik bzw. den Glauben an sie aufs Korn nimmt. Alltagsprobleme werden vermeintlichen technischen Lösungen gegenübergestellt, ob nun situationsübergreifend oder spezialisiert auf das morgendliche Aufstehen, den Straßenverkehr, öffentliche Verkehrsmittel oder Comichelden (!). Technische Mängel und ihre (vermeintliche) Abhilfe verballhornt Astalos ebenso satirisch wie die Technik-Historie, die Astalos‘ Texte und Zeichnungen mit absurden „technischen“ Skizzen zu geschichtlichen Ereignissen verbindet.

Die „neuen Methoden zur Abwehr von Autodieben“ haben sich seltsamerweise nicht durchgesetzt, während die „Vorschläge zur Verbesserung des Telefonsystems“ nostalgisch in Festnetz-Zeiten und die mit ihnen verbundenen Probleme zurückblicken lassen – und sich das eine oder andere Problem mittlerweile tatsächlich technisch gelöst hat! Die „klugen Antworten auf dumme Sprüche“ adaptierte Astalos bereits hier von seinem US-Kollegen Al Jaffee, inklusive Mehrfachauswahl und Platz zum Notieren einer jeweils eigenen Antwort. Dass die Technik zum Fluch werden kann, zeigt eindrucksvoll das letzte Kapitel auf, das mit einer ähnlichen Selbstironie wie jener, die das Buch eröffnete, schließt.

Durch die in Teilbereichen relativ detaillierten Zeichnungen und die vielen spaßigen, aber nie zu ausufernden oder das Cartoon- und Karikatur-Konzept ad absurdum führenden Texte liest, guckt und schmunzelt man länger an diesem Mad-Taschenbuch als an manch anderem aus der Reihe. Dass Astalos der Spagat zwischen Albern- und Verspieltheit, findigen Alltagsbeobachtungen und durchaus hintergründigem Humor gut gelingt, macht ihm zu einer meiner favorisierten Mad-Autoren und -Zeichner.

20.07.2024, Amphitheater Gelsenkirchen: KLASH OF THE RUHRPOTT

Liebes Konzerttagebuch,

kaum hatte ich meine negativen Erfahrungen auf dem letztjährigen Rock-Hard-Festival und meine daraus resultierende Konsequenz, dass sich mehrtägige Kommerzfestivals für mich bis auf Weiteres erledigt haben, niedergeschrieben, wurde bekanntgegeben, worauf die Thrash-Szene so lange hatte warten müssen: Die „Big Teutonic Four“, also die vier deutschen Thrash-Größen KREATOR, SODOM, DESTRUCTION und TANKARD, würden ein gemeinsames Konzert geben, ein Ein-Tages-Open-Air im – da war es wieder – Gelsenkirchener Amphitheater. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, also wie so viele andere gleich mal ein Ticket gesichert und ruckzuck war der Bums auch ausverkauft. Eine bezahlbare Übernachtungsmöglichkeit in GE war leider schwer zu finden, in Veranstaltungsnähe fand ich keine – dafür ‘ne AirBnB-Bude im Stadtteil Buer. Für die Bahnfahrt musste ich dank Deutschland-Ticket nichts extra zahlen, denn Gelsenkirchen ist von Hamburg aus mit den Regionalverkehr ganz gut zu erreichen. Für den Notfall wäre damit auch etwas Taxikohle übrig gewesen.

Und dieser trat natürlich ein. Von Altona nach Harburg, von dort nach Bremen und von Bremen nach Osnabrück lief alles gut, aber auf der letzten Teilstrecke tat die Bahn dann das, was die deutsche Bahn eben so tut: Sie fuhr mit einem kaputten Zug, dessen Türdefekt dazu führte, dass an jeder Haltestelle ewig lang gewartet werden musste – was sich auch noch potenzierte, als man beschloss, zwischen zwei Käffern außerplanmäßig jede Milchkanne anzufahren. Die Fahrgäste wurden immer unruhiger, einer schien kurz vorm Ausrasten zu ein. Die Informationspolitik war desolat. Letztlich brauchte man für die Strecke doppelt so lange wie ursprünglich geplant, mit satten 80 Minuten Verspätung kam ich im schönen Gelsenkirchen, der grünen Lunge des Ruhrgebiets, endlich an. Gut, dass ich für diesen auf Schienen schleichenden Elektroschrott nicht noch Kohle hatte latzen müssen. Ca. 45 Minuten später war ich dann auch in meiner Unterkunft. Mit noch in Ruhe etwas essen und irgendwo ‘ne 0,5-Liter-Plastikbuddel für die aufgrund der Hitze „großzügigerweise“ gestattete Softdrink-Mitnahme auftreiben war’s essig. Zu allem Überfluss landete ich auch noch beim langsamsten Frittenschmied Deutschlands. Wenigstens etwas gestärkt rief ich mir also ein Taxi und ließ mich vom freundlichen und sehr interessierten Fahrer zum Amphitheater chauffieren. Ohne abgetastet zu werden (was mich etwas überraschte) kam ich rein und zehn Minuten oder so später eröffneten dann auch schon TANKARD den Ruhrpott-Klash.

Der Veranstalter hatte im Vorfeld aufgrund der erwarteten (und eingetroffenen) brütenden Hitze dazu geraten, eine Kopfbedeckung aufzusetzen und sich gut einzucremen, was ich brav tat, daraufhin aber noch mehr schwitzte. Mir lief die Suppe nur so runter und ich sehnte mir etwas Schatten herbei. TANKARD begannen mit „One Foot in the Grave“, der sich als cooler Opener entpuppte, gefolgt vom großartigen Klassiker „The Morning After“, dem jungen „Ex-Fluencer“, mit „Alien“, „Chemical Invasion“ und „Zombie Attack“ weiteren Klassikern und „Beerbarians“ vom aktuellen Langdreher. „A Girl Called Cerveza“ wurde als TAYLOR-SWIFT-Cover angekündigt, womit man ironisch Bezug auf die Swift-Manie nahm, von der Gelsenkirchen kurz zuvor ergriffen worden war, weil die US-Pop-Sängerin drei aufeinanderfolgende Konzerte gegeben hatte und die Stadt sogar in „Swiftkirchen“ umbenannt worden war. „(Empty) Tankard“ schloss wie üblich den Gig, mehr als neun Songs waren leider nicht drin. Dafür war die sympathische Band bestens drauf, hatte sichtlich Bock und wurde zurecht gefeiert. Wer gehofft hatte, TANKARD würden anlässlich dieses besonderen Ereignisses eine spezielle Setlist mit einigen Überraschungen schnüren, sah sich aber getäuscht. Wahrscheinlich hatte man das aufgrund des erst kürzlich zurückliegenden Personalwechsels an den Drums auch einfach nicht erwarten können. Ex-HOLY-MOSES-Drummer Gerd Lücking, der Olaf Zissel auf dem Drumhocker beerbte, machte seine Sache dafür ganz ausgezeichnet. Als nicht so ausgezeichnet entpuppte sich die Getränkeversorgung. Von den zwei Bierbuden am Innenrund hatte ich mich an die mit der kürzeren Schlange gestellt, briet aber locker 20 Minuten in der Sonne, bis ich unverschämte 5 Öcken für 0,4 Liter Veltins berappen und auch noch 4 (!!!) Euro Becherpfand drauflegen durfte. Derartige Schnarchnasen hatte ich noch an einem Bierstand erlebt. Die schienen das tatsächlich zum ersten Mal zu machen…

Anschließend schaute ich mich auf dem übrigen Gelände mit Merchstand (35,- EUR für’n T-Shirt, wurden seltsamerweise trotzdem fleißig gekauft) und Verzehrbutzen um und hatte damit anscheinend die gleiche Idee wie alle anderen, denn das artete in ein übles Gedrängel aus. Immerhin war damit die Zeit bis DESTRUCTION totgeschlagen, die mit „Curse The Gods“ kongenial einstiegen und auch darüber hinaus ausschließlich Hits im Köcher hatten, von „Invincible Force“, „Mad Butcher“, „Life Without Sense“, „Total Desaster“ und „Thrash ‘til Death“ aus den glorreichen ‘80ern über „Nailed to the Cross“ als leider einzigem ‘00er-Song bis hin zu „Diabolical“ vom bisher letzten Album und der aktuellen Single „No Kings No Masters“, die live so viel geiler klang als in der Studioversion, mit deren Sound ich hadere. Überhaupt, der Sound: Der knallte mit ordentlich Druck aus der P.A. und die aktuelle Besetzung mit zwei Klampfern lässt diesen erst gar nicht abfallen. Zwar zockten auch DESTRUCTION kein speziell angepasstes Set (wie gerne würde ich mal wieder „Unconscious Ruins“, „Reject Emotions“ oder mehr Kracher der 2000er-Reunion-Alben hören), muss aber auch gar nicht, denn das hier hatte es reichlich in sich. Mehr als die Hälfte des Auftritts verbrachte ich durstiger Depp aber wieder in der nun noch länger gewordenen Schlange am entschleunigten Bierstand…

Langsam wurde ich schlauer und nutzte die nächste Umbaupause, um mich direkt wieder für’n Bierchen anzustellen, um vielleicht sogar pünktlich zu SODOM eines zu bekommen. Was dann auch klappte. Gelsenkirchens Finest starteten nach dem Instrumental „Procession to Golgatha“ überraschend mit „S.O.D.O.M.“ vom „Epitome of Torture“-Album – welch geiler und eigentlich so naheliegender Live-Opener! – und spalteten anschließend Schädel mit unverwüstlichen Splittergranaten wie „Nuclear Winter“, „Blasphemer“ (diesmal anscheinend mit Toms Livelache anstelle der sonst üblichen aus der Konserve) und „Sodomy and Lust“, entmottete den „Crippler“, zog „Napalm in the Morning“ aus dem Giftschrank, setzte auf „Agent Orange“-Standards wie den Titeltrack und „Remember the Fallen“ und ließ abschließend den „Bombenhagel“ aufs Amphitheater nieder. Wat’n mehr als gediegener Abriss! Die Band zockte tight und holte, ähnlich wie zuvor DESTRUCTION, eine deftige Soundwand aus den beiden Gitarren heraus. Mit dem Nebel und Rauch übertrieb man es zuweilen vielleicht etwas, zeitweise ließ sich die Anwesenheit der Band nur noch erahnen. Die Refrains wurden aus etlichen Kehlen lauthals mitgesungen. Vorm „Crippler“ gab Tom bekannt, was eifrige ZDF-Volle-Kanne-Gucker (lol) schon längst wussten, nämlich dass die langerwartete „Tapping The Vein“-Vinylbox noch vor Weihnachten endlich erscheinen werde, und stellte auch Neuveröffentlichungen von „Obsessed by Cruelty“, „Get What You Deserve“ und „Masquerade in Blood“ in Aussicht! Sehr geil, dass sich da endlich etwas tut. Eine kleine Spitze gegen den TAYLOR-SWIFT-Hype konnte sich Tom, der das Amphitheater mit „Hallo Heimat“ begrüßt hatte, natürlich nicht verkneifen. Frank Blackfires Posing ist immer noch, äh, Geschmackssache, aber das Großartige an diesem Line-up ist – neben der Double-Axe-Power – die Freude, die es offenbar dabei empfindet, immer wieder die Setlist stark zu variieren und Songs auszugraben, die ewig nicht mehr gespielt wurden. Das ist Eins-A-Service (nicht nur) für die Die-Hard-Fans! Mich hat der Gig einmal mehr geflasht – und viel geiler geht’s in Sachen Thrash meines Erachtens auch gar nicht. Erlebnisse wie dieses rufen mir nicht nur immer wieder ins Gedächtnis, dass ich Fan bin, sondern auch warum.

Die Stimmung im Publikum war mittlerweile prächtig, zumal es auch nicht mehr so dermaßen heiß war, da die Sonne langsam im Untergang begriffen war. KREATOR schienen sich mir für die Umbauphase, die hinter einem riesigen Transparent konspirativ stattfand, etwas mehr Zeit zu lassen. Links und rechts an den Bühnenrändern wurden Gummidämonen angebracht und vermutlich wurden auch die Pyros installiert, die gezündet wurden, als es endlich losging. Das geniale „Sergio Corbucci is Dead“-Intro im Italo-Western-Stil erklang aus der Konserve, die erste livegespielte Nummer war – natürlich – „Hate über alles“, der Titeltrack des aktuellen Albums (und der klingt auf diesem ehrlich gesagt etwas garstiger). Mit „Phobia“, dem zweiten Song, war aber auch die Aggressivität voll da. Bereits hiernach rief Mille zur Wall of Death auf, woraufhin ich mich dann ehrlich gesagt aus dem Pit verkrümelte. Ein weiteres, wenn live auch altbekanntes Highlight war „Hordes of Chaos“, bei dem ich mich dann – zusammen mit einem großen Publikumschor – endgültig heiser brüllte. Neben den Pyros wurden auch Papierschlangenbomben oder sowat gezündet, spaßigerweise auch auf den Stufen des Theaters. Vor der Bühne ging’s so richtig rund und eigentlich war alles prächtig. Sogar mein Pils bekam ich aufgrund einer anscheinend entzerrten Situation auf dem Gelände außerhalb des Halbrunds nun recht flott.

Bis, ja bis… die ersten Tropfen fielen. Diese nahm ich zunächst noch dankbar als kleine Erfrischung entgegen. Als es richtig zu plattern begann, suchte ich allerdings ein halbwegs trockenes Plätzchen, das ich schließlich nur noch unterm Vordach eines Verzehrstands fand und die nächsten KREATOR-Nummern glatt verpasste. Der Regenguss täuschte aber bald an, lediglich ein Schauer zu sein, und versiegte fast komplett, sodass ich mich zurück vor die Bühne begab, wo KREATOR gerade ins Oldschool-Set, beginnend mit „Ripping Corpse“ und „Riot of Violence“, gestartet waren. Doch nach letzterem gab einer der Organisatoren bekannt, dass die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen unwetterbedingt abgebrochen werden müsse. KREATOR hatten bis hierher ca. 50 Minuten gespielt. Der Überbringer der schlechten Nachricht erntete ein paar Buhrufe, weil das Schlimmste überstanden schien, doch rasch entwickelte sich ein veritables Gewitter mit gar nicht mehr aufhörendem Starkregen. Ich gab noch schnell meinen Pfandbecher zurück, lernte dabei sogar noch einen seit seiner Bundeswehrzeit in Hamburg verliebten Gelsenkirchener kennen, der mir von der Hansestadt vorschwärmte, und kämpfte mich durch den Regen übers keinerlei Schutz bietende Gelände bis zur Bushaltestelle an der Straße, deren Wartehäuschen natürlich längst überfüllt war. Außer einem Reisebus nach Recklinghausen ließ sich dort allerdings anscheinend kein Bus blicken, von den versprochenen Shuttle-Bussen zum Bahnhof keine Spur. Stattdessen trieb die Security sämtliche Gäste unwirsch vom Gelände. Mittlerweile dürften alle, die nicht mit dem Auto gekommen waren, bis auf die Knochen durchnässt gewesen sein. Ein Blitz schlug sogar in unmittelbarer Nähe ein. Ich versuchte, ein Taxi herbeizurufen. Die seien bereits alle auf dem Weg, hieß es. Dauerte trotzdem gefühlt ewig. Während ich unter der unablässigen Himmelsdusche wartete, lernte ich kurioserweise noch jemanden aus meiner alten Heimat kennen, dem ich dort nie übern Weg gelaufen bin, der sich aber auch öfter auf Hamburger Konzerten herumtreibt. Grüße! Mit ihm zusammen kaperte ich ein Taxi, das mich zurück zur Unterkunft und ihn nach Bochum brachte, wo er untergekommen war. Klitschnass schälte ich mich aus den Klamotten, war im AirBnB-Smarthome damit überfordert, die Glotze anzukriegen, ließ es gut sein und haute mich nach ‘ner letzten Kippe etwas frustriert in die Koje.

Weshalb dieser Frust, fragst du, liebes Konzerttagebuch? Die Bands waren doch alle bockstark und für so’n Unwetter könne schließlich niemand etwas? Ich will es dir erklären: Dass es arschheiß werden würde, war klar. Darauf, dass der Veranstalter im Halbrund keine zusätzlichen schattigen Orte schaffen würde, z.B. durchs Spannen von Planen im Gestänge oder zwischen den Tauen des Theaters, war ich eingestellt, denn mehr oder weniger konnte ich das aus seinem Aufruf herauslesen, sich gut einzucremen und Kopfbedeckungen mitzubringen. Etwas schade ist das trotzdem, aber sei’s drum. Dass lokales Industriebier zu Champagner-Preisen verkauft wird, kannte ich schon vom Rock-Hard-Festival und hatte ich zähneknirschend einkalkuliert. Statt WC-Wagen mit fließend Wasser Dixis und Pisspilze, auch ok. Händewaschen wäre schön, muss aber nicht… Dass man Valiumpatienten in die Bierbuden stellte, war dann aber schon ein Wermutstropfen. Dass sich die großspurig angekündigte Gratis-Trinkwasser-Ausgabestelle Überlieferungen zufolge (ich habe sie gar nicht gesehen, geschweige denn gesucht) als Schlauch mit genau einer Öffnung herausstellte, vor dem sich lange Schlangen bildeten, ist hingegen nicht nur ein Witz, sondern Verarsche. Wenn’s nach mir ginge, wäre es Pflicht (statt Gnade), seinen Gästen bei Freiluft-Veranstaltungen im Hochsommer Trinkwasser kostenlos zur Verfügung zu stellen, wenn man die Mitnahme eigener Getränke unterbindet oder stark rationiert. Muss dafür auch erst ein Gesetz her oder kapiert ihr das vielleicht doch noch selbst? Dass man aus Sicherheitsgründen die Veranstaltung abbricht, war sicherlich richtig. Die zigtausend Leute dann aber ohne jeden Evakuierungsplan mitten in ein heftiges und langanhaltendes Gewitter hinauszupferchen und sich selbst zu überlassen, dabei nicht einmal die Shuttle-Busse bereitzustellen, ist hingegen eine Frechheit sondergleichen. Sein Wucherpfand hat dabei mit Sicherheit auch nicht jeder zurückerhalten. Da war sie wieder, diese Gewissheit, dass man als Fan und Gast nicht mehr ist als eine Cash-Cow, die gemolken wird, bis nichts mehr geht, und sich anschließend möglichst schnell zu verpissen hat. Danke für nichts!

Das bringt mich aber auch zu generellen Überlegungen hinsichtlich Open-Air-Veranstaltungen in Zeiten des Klimawandels. Zumindest hierzulande scheint es mittlerweile ja eher die Regel denn Ausnahme zu sein, dass es im Sommer ständig Wetterextreme gibt: Schwüle Affenhitze und heftigste Niederschläge oder Gewitter. Die Veranstaltungsbranche sehe ich zunehmend in der Pflicht, dies einzukalkulieren und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Anderenfalls dürfte manch einem nachhaltig die Lust auf solche Veranstaltungen vergehen. Beim „Klash of the Ruhrpott“ wurde die Leidensfähigkeit des Publikum jedenfalls wieder einmal auf eine harte Probe gestellt – und ich für meinen Teil bin, wenn sich nicht grundlegend etwas ändert, eine solche Scheiße ein für alle Mal leid.

Abschließend noch ein paar versöhnliche Worte: Dies gilt keinesfalls für die Bands, die allesamt gute bis sehr gute Shows gespielt haben, und dies gilt auch nicht für die Soundcrew, die, abgesehen von ein paar kleineren Schwächen wie dem zu leisen Gesang bei SODOM, wenn man eher seitlich stand, oder den bei DESTRUCTION zeitweise im Vergleich zur Snare überproportional lauten Toms und der Bassdrum im Vergleich zur Snare, einen für meine tauben Ohren amtlichen Job machte. Natürlich ist auch mir daran gelegen, dass möglichst viele, die an einem solch besonderen Happening teilnehmen wollen, auch die Möglichkeit dazu bekommen. Immerhin kamen hier Fans aus ganz Deutschland und dem Ausland zusammen. Für Veranstaltungen dieser Größenordnung wäre es aber erstrebenswert, Organisatoren und Orte zu finden, für die bzw. in denen dies auch ohne all die von mir beschriebenen negativen Begleiterscheinungen möglich ist. Oder wat?

P.S.: Der Fairness halber sei noch angemerkt, dass die Bahn es auf der Rückfahrt mitunter etwas spannend machte, ob die Anschlüsse erreicht werden, letztlich aber alles reibungslos lief.

P.P.S.: Sicher gibt es bessere Fotos, aber dies sind die meinigen (Schnappschüsse mit dem Fon). Im Netz gibt’s aber reichlich sehr gute und professionelle Fotos. Wer sich dafür interessiert: Am besten mal in den asozialen Netzwerken umgucken!

Cinema-Sonderband Nr. 10: Sex im Kino ’85 – Höhepunkte des erotischen Films

Der Cinema-Verlag machte mit seinen fragwürdigen „Sex im Kino“-Jahrbüchern noch eine ganze Weile weiter. Nach den Bänden über die Jahre 1983 und 1984 nun also das Jahr 1985. Viel geändert hat sich auf den ersten Blick nicht: 132-seitiger Softcover-Band, Inhaltsverzeichnis und Vorstellungen derjenigen Filme mit nach Einschätzung der Redaktion mindestens höherem Erotikanteil, die 1985 in die Kinos kommen sollten – bzw. vielleicht hätten kommen können. Die titelgebenden „Höhepunkte“ sind es mit Sicherheit nicht, vielmehr mutet das Buch erneut wie ein Gesamtüberblick an. Immerhin scheint man diesmal glücklicherweise auf die Vermengung pornographischer Filme mit Erotik-/Softsex-Filmen verzichtet zu haben und lässt den Hardcore-Bereich außen vor. Die Vorstellungen von Filmen wie „Baby Cat“, „Geschichte der O., 2. Teil“, „Gegen jede Chance“, „Eine Liebe von Swann“, „Loft“, „Ekstase“ oder auch „Splash – Jungfrau am Haken“ sind wie gewohnt jeweils ein bis sechs Seiten lang ausgefallen, wobei der Großteil aus Fotos von Filmszenen besteht. Diese heben meist den Erotikanteil der quer durch die Genres ausgewählten Filme hervor und sind somit nicht immer unbedingt repräsentativ, aber zumindest häufig hübsch anzusehen.

Bei den Texten handelt es sich überwiegend um reine Promotion, manchmal wird auch die Handlung weitestgehend oder gar komplett gespoilert, hin und wieder findet sich auch eine Filmkritik dazwischen. Ein durchgehendes textliches Konzept lässt sich nicht ausmachen. Teilweise schienen die deutschen Verleihtitel noch nicht festzustehen, sodass sie falsch wiedergegeben oder die Originaltitel genannt werden. Aus Jess Francos Katja-Bienert-Heuler „Diamonds of Kilimandjaro“ wird hier beispielsweise „Liane – frei geboren“. Manche Filme, wie z.B. „Questo e quello“ von Sergio Corbucci mit Désirée Nosbusch, haben es hingegen leider nie nach Deutschland geschafft. Bei „Flamingo Kid“ wusste man nicht, wer der Regisseur ist (Garry Marshall wär’s gewesen), bei „Fear City“ ist von „sexueller Notdurft“ die Rede, was ekliger klingt, als es gemeint gewesen sein dürfte, und in „Le voyage“ „schiffen sich Thomas und Véronique auf einer Autofähre ein“. Ich mag solche Stilblüten. Die „Geschichte der O“-Erstverfilmung datiert man auf Mitte der Sechziger (1975 wäre korrekt) und aus Rob Reiner wird Bob Reiner. Beim Satz „Nichts wünscht er sich sehnlicher, als seine Jugendfreundin Maria heiraten zu Luftwaffen-Colonel beispielsweise, der können, die gerade stolze 15 Jahre alt war, als er ins Feld ziehen mußte“ frage ich mich dann aber doch, wie heiß genau die Nadel eigentlich war, mit der dieser Sex-sells-Cash-in zusammengestrickt wurde.

Mit „La France interdite“ findet sich interessanterweise eine Art obskurer französischer Mondofilm mit Brigitte Lahaie im Buch. Ansonsten irritiert aber die unter dem Buchtitel zusammengefasste Filmauswahl, die bis hin zu harmlosen Fantasy- und Familienkomödien reicht. Somit wiederhole ich mein Fazit bereits zum zweiten Mal mit angepasster Jahreszahl: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1985 hingegen vollkommen ungeeignet.

12.07.2024, Lobusch, Hamburg: THRASHING PUMPGUNS + GIF

Die Hamburger THRASHING PUMPGUNS luden zum Record-Release-Gig ihres nach „The Lord is Back“ aus dem Jahre 2014 (echt schon zehn Jahre her?!) zweiten Albums in die Lobusch. Das konnte natürlich nur gut werden. Als Vorband hatte Shouter Rolf die seit letztem Jahr existierenden JPEG PNG GIF verhaftet, nachdem er sie auf dem Gaußplatz live gesehen hatte. Verständlich, denn das sich, wenn ich richtig informiert bin, aus Mitgliedern von ATTACK OF THE MAD AXEMAN und KSM40 zusammensetzende Quartett spielt musikalisch einwandfreien, schnörkellosen und vom Drummer mit flottem, wuchtigem Punch vorangetriebenen Hardcore, zu dem der vor statt auf der Bühne agierende Shouter überwiegend deutschsprachige, prägnant auf den Punkt gebrachte Texte herausschreit, die sich kritisch mit den Begleiterscheinungen von Kokainkonsum („König Kunde“), dem Klimawandel („Anthropozän“) oder auch zynischem Gelächter („ROFL“) auseinandersetzen. Mit „Tot geboren“ coverte man BLITZKRIEG bzw. BOSKOPS, „Es Mentira“ war ‘ne spanischsprachige Nummer und weil vehement Zugaben gefordert wurden, zockten GIF noch „Löschkalk“ und „Friedensnobelscheiß“, bis dem Gitarristen ‘ne Saite riss. Nach gut 30 Minuten war Schluss. Geiler Gig, geile Band – geht absolut klar! GIF haben ein Tape draußen, anhören kann man es sich auch auf Bandcamp: https://gifpunk.bandcamp.com/album/das-lachen-der-hyaene

Beim HC-/Thrash-Crossover-Sound der THRASHING PUMPGUNS rappelte es dann so richtig in der mehr als gut gefüllten (und an diesem Sommertag entsprechend temperierten) Kiste. Man zockte einen bunten Mix aus Klassikern und neuem Material, das zwar auf Vinyl erhältlich war, aber zumindest Stand heute noch nicht im Netz zu finden ist. Wie schon bei GIF war der P.A.-Sound schön druckvoll, und hier kamen auch die beiden Gitarren relativ differenziert durch. Erstmals sah ich die Band mit meinem Bandkollegen Holler am Bass, der seine Sache absolut souverän zu meistern schien. Die beiden ehemaligen Bandmitglieder Flo und Oli befanden sich im Publikum und alle hatten Bock auf Party, die die Band mit Entertainer Rolf am Mikro dann auch wie bestellt abfackelte. Nach wenigen Songs war vor der Bühne gut was los, die speedigen Riffs flogen einem nur so um die Ohren und manch launige Ansage sorgte für zusätzliche Kurzweil. Vic an den Drums haute kräftig auf die Pauke und schwitzte sämtliche Klamotten durch. Der MANOWAR-Diss-Track „Girlowar Not Manowar“ hat das Zeug, die True-Metal-Fraktion zu vergrätzen, aber die war gar nicht da. Was von der Decke tropfte, war übrigens kein Schweiß, sondern Rolfs Rotze, die er dort verteilte, bis sie sich wie glibberige Stalaktiten abseilte… Wie viele Songs genau gespielt werden würden, hatte sich laut Holler erst während des Gigs entschieden; dafür gab’s dann wie üblich bei den PUMPGUNS keinen Nachschlag in Form einer klassischen Zugabe, immerhin aber noch ‘nen kleinen Jam. Astreines Oldschool-Crossover-Geschrote, das demnächst wohl auch quer durch die Republik getragen werden wird. Viel Erfolg mit der neuen Platte (die ich mir mangels verbliebenem Kleingeld in der Tasche noch nicht direkt mitnahm – aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben) und hoffentlich auf bald mal wieder!

Danke an den eigens aus dem hohen Norden angereisten Rohrpost-Torben, auf dessen Fotofundus ich zurückgreifen durfte – alle mit „Foto: TR“ markierten Bilder stammen von ihm!

Mad-Taschenbuch Nr. 4: Don Martin dreht durch

Es musste ja so kommen: Nachdem „Mad“-Stamm- und Kultzeichner Don Martin bereits die Taschenbuchreihe hatte eröffnen dürfen, schnappte er über, als man ihm sagte, dass auch die Nummer 4 wieder ihm ganz allein gewidmet sein würde. Im US-amerikanischen Original erschien diese im Jahre 1974, ein Jahr später stand die deutsche Fassung in den Regalen der Hochliteratur. 160 unnummerierte Schwarzweiß-Seiten strapazieren das Zwerchfell, für die Dick de Bartolo Don Martin bei den Texten unterstützte.

Die versammelten Cartoons und Geschichten erstrecken sich über drei bis etliche Seiten, wobei mit dem Platz großzügig umgegangen wird, weisen sie doch in der Regel lediglich ein Panel auf. Eines der Herzstücke des Buchs ist das eigentliche Taschenbuch-Debüt Käpt’n Hirnis, der hier seltsamerweise noch „Privatdetektiv Feinbein“ heißt und es mit dem „Unhold mit den 1000 Gesichtern“ zu tun bekommt. Schön, wie dort die Schwarzweiß-Gestaltung für einen Telefon-Gag aufgegriffen wird. Ebenfalls recht viel Platz nimmt die Zoologie-Persiflage „Die Küchenschabe als solche“ ein. Wie später im Taschenbuch Nr. 38 findet sich auch hier eine „Die Fliege“-Verballhornung und „King Kong“ bzw. das Hollywood’sche Film-Biz werden ebenfalls kräftig aufs Korn genommen.

Die Macken des Taschenbuch-Debüts wurden ausgemerzt, übrig blieb pures Don-Martin-Destillat, gewonnen aus schrägem Anarcho-Slapstick-Humor, herrlich karikierendem Strich und kreativem Gebrauch von Soundwords. Schön, dass ich diese Lücke endlich habe schließen können.

06.07.2024, Indra, Hamburg: St. Pauli Punk Festival #5 mit COCK-UPS + FREVEL + ASTRA ZOMBIES + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + FIRST-CLASS LEG SPACE

Die von Bitzcore-Juergen organisierten St.-Pauli-Punk-Festivals – eintägige Indoor-Festivals mit jeweils vier bis fünf lokalen Bands – gingen in die fünfte Runde und nachdem wir vor ‘nem guten halben Jahr bereits bei der mehr oder weniger improvisierten #3 dabei waren, durften wir erneut ran. Diesmal konnte man auch seine eigenen Amps mitbringen, statt seinen Sound über einen Kemper simulieren zu müssen, konnte sich somit seinen gewohnten Bühnensound zurechtpfriemeln, und bei der P.A. funktionierten auch die Tieftöner wieder. Das waren schon mal gute Voraussetzungen. Um 20:00 Uhr sollte es losgehen und obwohl die Boxen für die Bühne erst kurz vor knapp kamen, wurde der Zeitplan glaube ich weitestgehend eingehalten. Keine der Bands habe ich ihren kompletten Auftritt lang konzentriert verfolgt, weil ich viel zwischen Backstage, Merch-Stand und Biergarten hin und her lief, aber doch jeweils genug mitbekommen – zumal der Sound eigentlich überall (außer im Backstage) gut zu vernehmen war. FIRST-CLASS LEG SPACE machten mit punkigem Alternative Rock den Anfang, der mir dann am besten gefiel, wenn der gut aufgelegte, bewegungsfreudige Sänger etwas rauer zur Sache ging. ‘ne Offbeat-Nummer inklusive Tröteneinsatz gab’s auch, doch auch ohne hatte man das Publikum zum Tanzen gebracht – und somit als Opener alles richtig gemacht! (War der letzte Song eigentlich ‘ne Coverversion? Kam mir jedenfalls irgendwie bekannt vor.)

Dann gaben wir uns die Ehre. Monitor- und Bühnensound passten, das war ein großer Unterschied zum Dezember-Gig hier. Um ‘ne ordentliche Anzahl Songs unterzubringen, versuchten wir, relativ stringent und ohne viel Palaver durchzuziehen. Trotzdem gab’s natürlich die eine oder andere Stimmpause, eine überraschenderweise mitten im Song – zunächst dachte ich, Kai sei ‘ne Saite gerissen, was sich zum Glück nicht bewahrheitete. „Wæende“ mussten wir allerdings abbrechen und von vorn beginnen, weil ich Depp meinen Einsatz vergessen hatte. Ebenso erging es mir mit der Hälfte der letzten Strophe, die ich glatt unterschlug. Dat üben wir noch mal… Dafür feierte das größtenteils von unserem Ex-Drummer Dr. Tentakel getextete „Straße“ (Arbeitstitel) seine Live-Premiere. Ansonsten gaben wir uns glaube ich keine allzu große Blöße. Auch wir brachten einige Leute zum Zappeln und erhielten Zuspruch, der sich auch am Merchstand bemerkbar machte. Bei den knackigen Temperaturen im Indra geriet der Gig wie so oft zu ‘ner Art Workout; umso angenehmer war dann das Klima im Backstage, wo das Schraibfela-Video-Fanzine ein Kurzinterview mit uns führte (wie übrigens auch mit allen anderen Bands).

Die MISFITS-Coverband ASTRA ZOMBIES hatte im Anschluss mehr zu bieten als lediglich das Nachspielen der altbekannten Horrorpunk-Gassenhauer, denn zum einen fanden sich auch ein paar nicht ganz so populäre (bzw. zumindest mir nicht so geläufige) Nummern im Set und zum anderen hatte man keinen Möchtegern-Danzig am Mikro, sondern eine Sängerin, die mit ihrer tollen Stimme die Songs in einem ganz anderen Licht erstrahlen ließ. Alle Bandmitglieder waren stilecht geschminkt, der Gitarrist im Jason-Voorhees-Look sogar unter seiner Eishockey-Maske, damit’s an deren Rändern hübsch modrig durchscheint. (Ich hoffe, das war jetzt keine versehentliche „Maske? Welche Maske…?“-Taktlosigkeit von mir.) Und das bei den Temperaturen – Respekt! Vorbehaltlos zu empfehlende Band, die entsprechend bejubelt wurde. An Halloween übrigens live im Monkeys Music Club!

FREVEL packten wieder die grobe Kelle aus und wüteten sich durch ein deutsch- und englischsprachiges Hardcore-Punk-Set, dessen RAWSIDE-Einflüsse (von denen Shouter Tim auch ein Shirt trug) unüberhörbar waren – was ja nun beileibe keine verkehrte Inspirationsquelle ist. Songs voller authentisch rüberkommender Aggression gegen „Bullen, Bonzen, BRD“ (so der Name des Albums), gespielt mit ‘ner gut ballernden, Druck erzeugenden Rhythmusfraktion und ‘ner sehr kompetenten, sägenden Metal-Klampfe. Tim hielt es nicht dauerhaft auf der Bühne, stattdessen ging er auf Tuchfühlung mit dem Mob davor. Gecovert wurde „Greif ein“ von DRITTE WAHL und „Fascist Scum“ als Zugabe ein zweites Mal dargereicht. All das wurde dankend angenommen, gefeiert und war teilweise gar nicht so weit weg von dem, was wir so machen. Vielleicht sollte man mal zusammen zocken?

Mit meiner anderen Band hatte ich 2016 mal zusammen mit COCK-UPS in Rotenburg gespielt, sie seitdem aber nicht mehr zu Gesicht bekommen. Von der Besetzung ist seit damals nur noch Bandkopf und Sänger Sven übrig, an der Schießbude aber nun ein Altbekannter: Jaybee, der u.a. in den ‘90ern bei LA CRY spielte. Ich glaube, die Band ist etwas härter geworden, jedenfalls hat Jaybee ‘nen ordentlich treibenden Punch. Musikalisch geht’s stark Richtung UK-’82-HC- und Chaos-Punk, der aber immer mal wieder durch kleine Gitarrenmelodien und Soli aufgelockert wird. Ansonsten geht’s schnörkellos und relativ puristisch zur Sache und Sven bellt sich amtlich durchs Repertoire. Ein Teil der zahlenden Gäste schien mittlerweile ein wenig ausgelaugt und müde zu sein, andere genossen aber auch diese Adrenalinkicks noch in vollen Zügen, bevor irgendwann Feierabend war. Danke übrigens für Stellen des Drumsets!

Alles in allem war’s ‘ne geile Party bei durch die Bank weg gutem, wuchtigem Sound (Danke, Andy!), wenngleich parallel das Wohlwill-/Brigittenstraßenfest mit zwei Open-Air-Gratis-Punkrock-Bühnen gleich um die Ecke stattfand. Dafür hatte sich dann doch eine ansehnliche Anzahl Besucherinnen und Besucher ins Indra verirrt. Juergen führt dort diese Festivals in schöner Regelmäßigkeit vierteljährlich durch und ich kann, auch unabhängig von etwaigen Straßenfesten oder „Konkurrenz“veranstaltungen, nur hoffen, dass sich das für alle auch wirklich lohnt. Uns als Bands kann’s egal sein, wir dürften alle unseren Spaß gehabt haben! Nur scheint mir das Indra nach wie vor etwas überdimensioniert für diese Festivals, solange kein zugkräftiger, „großer“ Name dabei ist. Läden wie die Lobusch oder die Gängeviertel-Druckerei hingegen wären wahrscheinlich voll gewesen. Und die eine oder andere Werbemaßnahme (Flyer, Plakate, Fratzenbuch-Event) etwas früher anzuberaumen, hätte sicherlich nicht geschadet 😉 Wie auch immer, das Konzept hinter diesen Lokalfestivals ist ‘ne feine, unterstützenswerte Sache.

P.S.: Auch diesmal wurden mit Profiequipment Audioaufnahmen aller Auftritte angefertigt und an die Bands verteilt – auch dafür besten Dank! Ebenso danke an Dr. Martin für die Fotos unseres Gigs. Und hier noch das erwähnte Schraibfela-Video:

Frank Schäfer – Zensierte Bücher

Zu meinen favorisierten zeitgenössischen deutschen Autoren sowohl im Sachbuchbereich als auch in der Belletristik zählt der Braunschweiger Literatur- und Musikexperte Frank Schäfer, ohne dessen im Jahre 2007 im Erftstädter Area-Verlag erschienener, rund 400-seitiger Abhandlung über von der Zensur betroffene Bücher ich nicht mehr auszukommen beschloss und sie mir neben Bud Spencer, Eis am Stiel und diversen Comics als Urlaubslektüre einpackte.

Der hübsch gebundene Schmöker widmet sich 32 verschiedenen Werken quer durch die Literaturgeschichte, enthält eine Handvoll Interviews und wird von einem ausführlichen, sich über zehn Seiten erstreckenden Vorwort Schäfers eingeleitet. Bis auf eine Ausnahme hat er bereits in „Kultbücher – Was man wirklich kennen sollte“ rezensierte Bücher ausgespart und äußert sich zu Herangehensweise und Selbstverständnis wie folgt:

„(…) außerdem keine Aufnahme findet der neonazistische, rassistische, antisemitische Dreck der rechten Subkultur. Wer sich auf so ein Niveau begeben will, möge dies tun – ich nicht.
Die Forschung zum Thema ist umfangreich, wenn nicht inflationär. Warum also die vielen Regalmeter Sekundärliteratur noch um drei Zentimeter verlängern? Nun, zum einen, weil die bisherigen (oft auch nicht mehr lieferbaren) Arbeiten schlicht veraltet sind, folglich auf die neueren Zensurfälle gar nicht mehr eingehen konnten.
Zum anderen weil eigentlich allen die Literatur selbst aus dem Blick gerät. Man zeichnet detailliert die Publikations- und Rezeptionsgeschichte nach, aber an einer literaturkritischen Auseinandersetzung ist eigentlich so recht keiner interessiert.“ (S. 19)

Das älteste Buch dieses Reigens stammt aus dem Jahre 1749 („Die Abenteuer der Fanny Hill“), die beiden jüngsten aus 2003 („Esra“ und „Meere“); dazwischen finden sich Titel wie „Die Abenteuer von Huckleberry Finn“, „Lady Chatterley“, „Mephisto“, „Unsere Siemens-Welt“, „Harte Mädchen weinen nicht“ und „American Psycho“, also ganz unterschiedlicher Popularität und Qualität. Schäfer arbeitet religiös verbrämte oder von fragwürdigem und mangelndem Kunstverständnis bis hin zu von der Kontinuität der Nazi-Ideologie geprägte Urteile auf und erwähnt mehrere Grundsatzurteile, die im Laufe der Jahrzehnte gesprochen wurden. Die verhandelten Bücher fasst er auf den Punkt gebracht zusammen, beschreibt und analysiert nie zu lang oder ausschweifend, aber bei entsprechend bescheinigter Qualität Lust auf die jeweilige Primärqualität machend, von denen er Eindrücke durch ausführliche Zitate vermittelt. In eigenen Beurteilungen und Kritiken schreibt er differenziert, sprachlich herausragend und eine große Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben erkennen lassend – wenn auch immer mal wieder in etwas zu gewollt bildungsbürgerlichem Duktus. Und natürlich lässt er es sich auch nicht nehmen, die jeweiligen Urteilsbegründungen süffisant zu kommentieren. Ein großes Plus des Buchs ist es, dass Schäfer Werke und Urteile zeithistorisch einordnet und auch über Zensurversuche berichtet, die mal den Werken vielleicht sogar nützten, häufig aber den Verlagen immensen Schaden zufügten.

Zumindest Teile Schäfers Texts über Timothy Learys „Politik der Ekstase“ kannte ich bereits aus seinem Woodstock-Buch, sein Interview mit Günter Amendt zum Thema LSD im direkten Anschluss hingegen noch nicht. Nicht nur juristisch besonders interessant wird es im Falle „Josefine Mutzenbacher“, wenn sich die Zensoren der Bundesprüfstelle (BPS), der Schäfer „aggressive Ahnungslosigkeit“ attestiert, sogar über das BVerfGE hinwegsetzen, Verlage in dieser Pattsituation aber trotzdem fröhlich veröffentlichen. Der Witz, mit dem Schäfer über Mutzenbacher schreibt, scheint jenem Werk angemessen. Geradezu schildbürgerlich: Von Henry Millers „Opus Pistorum“ wird eine Neuauflage beschlagnahmt, die Originalausgabe aber bleibt unbehelligt. Unfassbar auch die Begründungen auf S. 321, die tief blicken lassen – spricht aus ihnen doch noch der restauratorische Prä-‘68er-Staat zum einen, der paranoide Cancel-Culture-Staat der Zeit der Terror- und Kommunistenparanoia zum anderen. Da schimpft Schäfer dann auch mal wie ein Rohrspatz – zurecht! Einmal verschlägt es dem eigentlich so eloquenten Autor angesichts hanebüchener Urteilsbegründungen auch glatt die Sprache: Man müsse nicht jeden Blödsinn kommentieren. Das Fazit jedenfalls: Die Bundesprüfstelle agiert verfassungsfeindlich.

Die Zensurversuche gegen Comiczeichner Ralf König und andere Comics in den 1990ern hatte ich damals selbst mitbekommen, auch das erfreuliche Kontra der Populär- und Subkultur. Ein skandalöser Fall von Homophobie im Namen des Jugendschutzes durch bayrische Behörden, das Urteil der BPS fiel glücklicherweise zugunsten Königs aus. Kein Fan ist Schäfer von „American Psycho“, um dessen Indizierung die BPS kurioserweise jahrelang und letztlich vergeblich rang, nachdem bereits 70.000 Exemplare abgesetzt worden waren und das Ding anscheinend unabhängig seines jeweiligen rechtlichen Status ein Bestseller über Jahre hinweg geworden war. Bezeichnend ist es, wie sich die BPS regelmäßig über Expertengutachten hinwegsetzt. Häufig geht es um die vermeintliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten und das Abwägen gegen die Kunstfreiheit, so auch im Falle der Autorin Birgit Kempker, die Schäfer ebenfalls interviewte. Zugleich geht es dabei aber auch um den Streisand-Effekt, der sich häufig als Bumerang für die Klagenden erweist.

Interessanterweise findet mit „Esra“ auch ein Fall Berücksichtigung, bei dem eigentlich, so sollte man meinen, das Persönlichkeitsrecht hätte greifen müssen. Schäfer erläutert, warum dem, ungeachtet des seines Erachtens miserablen profilneurotischen Schlüsselromans, nicht so ist bzw. hätte sein sollen. Zudem führte er zu dieser Causa ein Interview mit dem KiWi-Geschäftsführer Helge Malchow. Der letzte Fall, Alban Nikolai Herbsts „Meere“, war bei Drucklegung noch nicht abgeschlossen. Wie er ausging, lässt sich bei Wikipedia & Co. nachlesen.

Viele Prozess- und Urteilsbegründungen offenbaren ein elitäres und dennoch höchstens halbgebildetes Kunstverständnis, das vielleicht die Folge totalitärer deutscher Vergangenheit und ihrer Zensurgeschichte, aber auch einer hochnäsigen Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur ist. Schäfers Buch bietet einen erkenntnisreichen wie unterhaltsamen (also „E“ und „U“ vereinenden) Überblick über deutsche Zensurbemühungen im Literaturbereich und ist ganz sicher nicht nur für, Zitat: „Freunde juristischer Rabulistik“. Lediglich bei seinen Ausführungen zum Fall „Siegfried“ kam ich nicht ganz mit, wenn auf S. 231 von einem Prozess gegen die beiden „Spiegel“-Redakteure die Rede ist. Diese waren es doch (u.a.), die gegen Jörg Schröder geklagt hatten…? Vielleicht hat sich in diesem (mir ansonsten sauber lektoriert erscheinenden) Buch dort lediglich ein falsches Wort eingeschlichen.

Frank, wann kommt eigentlich „Zensierte Musik“?

15.06.2024, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2024

Der Bauwagenplatz im Herzen der Stadt lud einmal mehr zum zweitägigen Gratis-Open-Air-Festival bei Bier für ‘nen lumpigen Euro sowie Essen und Eis zum Selbstkostenpreis. Das Wetter spielte diesmal nicht ganz so gut mit wie beispielsweise noch letztes Jahr und am ersten Tag musste ich passen, am zweiten ließ ich mir einen Besuch aber nicht nehmen. Zwei Bands hatte ich dennoch auch diesen Samstag schon verpasst; FRONTALANGRIFF, die aktuelle Band um Ex-RAWSIDE- und Ex-TROOPERS-Mitglied Ralle an der Gitarre schienen aber noch nicht allzu lange zu spielen, als ich eintraf. Rustikaler deutschsprachiger HC-Punk der alten Schule aus Berlin, der gut Alarm machte und sich inhaltlich mit den Schattenseiten der Gesellschaft und der menschlichen Existenz auseinandersetzte. Wurde entsprechend gut aufgenommen und machte Lust auf mehr. Es war noch früh am Abend, das Wetter hatte sich bereits seit ein paar Stunden beruhigt und der Platz war neben den Bewohnerinnen und Bewohnern voller Gäste, die Bock auf Party hatten.

Nach relativ kurzer Umbau- und Soundcheck-Phase betrat mit THE SYSTEM eine uralte (1980 gegründete) UK-Anarchopunk-Combo die Bühne, die sich – im Gegensatz zu den alten Aufnahmen – mittlerweile mit weiblichem Gesang präsentiert. Hatte ich beim ersten Song noch die Befürchtung, dort würden ein paar alte Säcke gelangweilt ihr Set runterschrubben, änderte sich dies schon mit der zweiten Nummer: Die Stimme der Sängerin erweitert den Sound um eine reizvolle zusätzliche Klangfarbe, zudem zockte die Band derart tight, dass sich die Mischung aus ’77, Anarcho-Stakkato und UK ‘82 angenehmerweise eher zu letzterem verschob. Die meist mehrstimmigen Refrains blieben im Ohr und ließen sich rasch mitsingen, u.a. weil der von Wurzel gezauberte Sound so gut war, dass der Gesang mitsamt seinem charmanten britischen Akzent schön im Vordergrund stand. Auch wenn die Sängerin wie angewurzelt dastand und lediglich ein bisschen hin und her wippte: Vor der Bühne ging’s nun richtig rund und es wurde fröhlich durch den Matsch gesprungen. So schnell wollte THE SYSTEM dann auch niemand gehen lassen, sodass zwei, drei Songs noch mal als Zugaben über den Platz schallten. Sehr geiler Gig!

BARACKCA aus Budapest, Ungarn (oder wie es die Band sagt: „aus Scheißland“), existieren auch schon seit 1993 und sind sowas wie ‘ne lebende Ostblock-Punk-Legende – wie mir mein Kollege Holler verriet, denn ich hatte die nicht wirklich auf dem Schirm. Der Sound bewegt sich irgendwo zwischen Punkrock und Melodic Hardcore, frei von etwaigen folkloristischen Elementen. Der Sänger machte sämtliche Ansagen auf Deutsch und bereits während des Soundchecks Werbung fürs auf dem Platz angebotene Speiseeis für Mensch und Hund. Während seiner langen, zum Teil ironie- und humorgespickten Einführungen ließ sich prima Punk-Bingo spielen: Gegen Religion: check, gegen Politik: check, gegen Geld, Polizei und Arbeit: check, gegen Grenzen, Krieg und Nationalismus: check, für Hausbesetzungen, Anarchismus, und die Arbeiterklasse: check, für Alkohol: check, für Atomkrieg, damit endlich Ruhe ist: Bingo! Gesungen wurde vornehmlich in Landessprache, zuweilen aber ebenfalls teutonisch, beispielsweise beim „Arbeit ist scheiße“-Song oder beim Alkohollied – inklusive „Jawohl, jawohl, ich liebe Alkohol“-Mitsingpart fürs Publikum. Dieses – und da nehme ich mich keinesfalls aus – hatte seinen Spaß, sodass noch ‘ne Zugabe und sogar ein bisschen mehr durchgepeitscht wurde.

Schöne Bandauswahl wieder, soweit ich es dieses Jahr mitbekommen habe, und bei den Getränkepreisen geht man irgendwann voll wie tausend Ungarn nach Hause und hat nächsten Mittag trotzdem noch ein paar Kröten für die Frühstücksbrötchen auf Tasch‘. Danke den Bewohnerinnen und Bewohnern des Gaußplatzes für die einmal mehr gelungene Sause! Und die Arschlöcher, die am Freitag Teile der sanitären Anlagen zerstört haben, soll der Blitz beim Scheißen treffen! Sind wir hier auf dem Gaußfest oder bei FCSP vs. HRO im Millerntorstadion?!

Bud Spencer – Was ich euch noch sagen wollte…

Der alte Mann und das Netz

Mit der Veröffentlichung der ins Deutsche übersetzten Biographie des Schauspielers Bud Spencers im Jahre 2011, in deren Zuge Spencer auch durch Deutschland tourte, hatte der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf offenbar einen großen Coup gelandet. Böse Zungen behaupten, dass anschließend die Kuh gemolken werden sollte, solange sie noch Geld gibt, sprich: dass die darauf gefolgten drei (!) autobiographischen Bücher vom Verlag lanciert wurden, um aus dem Phänomen des damals schon kränkelnden und 2016 dann ja auch leider verstorbenen Bud Spencer möglichst viel Kapital zu schlagen. Für diese These sprechen die teuren Sondereditionen (Spencer soll sogar 10.000 (!) Exemplare handsigniert haben) und die etlichen Veranstaltungen, die zusammen mit Spencer durchgeführt wurden – zu einem Zeitpunkt, zu dem man dem Mann in erster Linie Ruhe und Zeit mit seiner Familie gegönnt hätte. Ich weiß es natürlich nicht und habe – Schockschwerenot! – seine ersten drei Bücher (von denen zumindest das erste, „Mein Leben, meine Filme“ vorbehaltlos zu empfehlen sein soll) noch nicht einmal gelesen. Beim dritten handelte es sich übrigens um eine philosophische Abhandlung übers Essen.

Gelesen habe ich aber das vierte Buch: „Was ich euch noch sagen wollte…“ Den rund 370-seitigen, 20 Kapitel plus Pro- und Epilog umfassenden gebundenen Wälzer im Schutzumschlag, der im April 2016 (also kurz vor Spencers Tod) bei den Schwarzköpfen erschien, bekam ich einst zum Geburtstag geschenkt und legte mich im Sommer vergangenen Jahres in eine mallorquinische Bucht damit.

Wie zuvor verfasste Spencer das Buch zusammen mit Lorenzo de Luca, die Übersetzung besorgte Johannes Hampel. Spencer nimmt seine neue Facebook-Präsenz „Facebud“ zum Anlass, seine Gefühle bei der Kommunikation mit Fans zu beschreiben, zu erkunden zu versuchen, woher seine anhaltende Popularität rührt, aber auch immer wieder aus seinem Leben zu berichten, Respektsbekundungen und Ehrerbietungen an Kollegen und Regisseure dazulassen und auch einzelne Filme – eigene wie fremde – hervorzuheben sowie seine Arbeitsphilosophie zu erklären. Als Aufhänger dient ihm dabei jeweils eine Antwort auf einen Facebook-Kommentar. Er hält ein Plädoyer gegen Rassismus, liefert Anekdoten und Überlegungen zum Thema Sport (Spencer war einst Leistungsschwimmer) und zur Abschottung junger Menschen durch Flucht in virtuelle Welten. Er bricht eine Lanze für seine Heimat Neapel und gibt sich bodenständig, bescheiden und verständnisvoll, u.a. wenn er beschreibt, wie er damit umzugehen versucht, dass Fans ihn zu einem Mythos stilisieren.

Von der europäischen Idee zeigt er sich begeistert, wirkt aber politisch naiv, wenn er glaubt, China werde sich schon in Richtung Demokratie entwickeln, und verfängt sich ein wenig in der „Seid froh, wie gut es hier habt“-Politphrase, denn: „Das ist die Drohung mit dem Faschismus. sie ist immer da.“ (Ronald M. Schernikau) Spencer schreibt weiter: „Wir schwitzen und rudern herum, aber schließlich haben wir Italiener doch zwei Weltkriege überstanden, haben den Terrorismus, die Inflation und eine endlose Folge von Regierungen und Skandalen überlebt. Wir werden es auch diesmal schaffen.“ (S. 83) Nun ja, dieses Aushalten, Durchstehen und Überleben darf nicht unser europäischer Anspruch sein – gerade nicht nach Faschismus und zwei Weltkriegen. Gegen Kriege spricht er sich dann auch deutlich aus, gegen korrupte Politik und gegen unmenschliche Subjekte ebenso – seine Ansprüche scheinen also doch nicht ganz so niedrig zu sein – und spannt den Bogen zur Kraft der Solidarität und seiner Hoffnung für die Menschheit, ja, bezieht sogar Position für die Solidarität mit übers Mittelmeer kommenden Flüchtlingen und nennt als Ursache unter anderem die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch die sog. Erste Welt. Er ist sich der Abstraktion seiner Filme, ihrer Vermittlung schlichter Weltbilder, bewusst, und kritisiert Banken, Rüstungsindustrie und Kapitalismus. Das sechste Kapitel heißt dann gar „Krieg dem Krieg!“. Leider verfiel er der NATO-Propaganda, im jugoslawischen Krieg habe es KZs gegeben, philosophiert im Anschluss aber klug über Krieg und Frieden und erwähnt eine Reihe Antikriegsfilme lobend.

Er teilt mit seinen Leserinnen und Lesern seine Erinnerungen an seine Zeit als Straßenbauer in Südamerika. Dann lässt er seine 55-jährige glückliche Ehe Revue passieren – ganz wunderbar, ohne sentimental zu werden. Als ehemaliger Raucher spricht er sich gegen das Rauchen aus, bezieht Stellung gegen Drogen und Alkohol und reflektiert auch kurz seine Adipositas. Er stellt echte Freundschaften, auch die zu Terence Hill, dem Geltungsdrang anderer Prominenter im Netz gegenüber. Das ist in Ordnung, eigentlich aber auch klar und sicherlich dem Missverständnis geschuldet, dass Facebook Vernetzungen mit anderen Personen Freundschaften nennt. Anschließend plaudert er ein wenig über Schauspielkollegen, allen voran über Giuliano Gemma weiß er nur Gutes zu berichten. Hiernach geht es um die Regisseure, mit denen er drehte. Ausgehend von einem Facebook-Kommentar geht er noch einmal tiefer auf seine Freundschaft zu Hill ein und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den von ihnen verkörperten Filmfiguren heraus – und zwar während der Konversation mit einem einsamen, introvertierten jungen bei Facebook, der sich ihm öffnet und die Freundschaft zwischen Hill und ihm idealisiert. Spencer scheint sich seiner Verantwortung sehr bewusst. Anhand dieses Kontakts lernt er auch Schattenseiten sozialer Netzwerke kennen. Zum Web 2.0 resümiert er: „(…) ich halte es für ein Eigentor, wenn man sich als älterer Mann in den sozialen Netzwerken so exponiert, denn letztlich wird man ja dann irgendwelche sinnlosen Wortgefechte mit kleinen Jungs austragen, und in gewisser Weise entwürdigt man sich dadurch auch selbst. Der Meinungsaustausch mit den jüngeren Generationen ist sicher sinnvoll; das aber via Web zu machen kitzelt manchmal die hässlichste Seite in den Menschen hervor. (…) Die Kommentarmöglichkeiten im Web kommen mir wie eine Art Prüfstein für den IQ von Menschen vor, die im normalen Leben durchaus angenehme Zeitgenossen sein mögen.“ (S. 153f)

Es folgt ein Kapitel über seine Begeisterung für Motorentechnik, das aber schnell zum Thema Cybermobbing und die Verantwortung der Eltern übergeht. Ein weiterer Exkurs in seine Zeit in Venezuela geht erneut vom Gedankenspiel aus, dass es bereits in den 1950ern PC und Mobilfunk gegeben hätte. Sprunghaft geht es auch im darauffolgenden Kapitel zu: Von seiner Liebe zur Musik über die Frage nach seinem Glauben zu Kritik an US-Actionfilmen und Überlegungen zu Waffenbesitz hin zur Flüchtlingswelle in nur wenigen Zeilen – puh, da kann einem schon mal schwindelig werden. Gedanken zu Politik und zum modernen Fernsehen, Ehrerbietungen an weitere Filmklassiker – dieses Kapitel ringt um seinen Fokus, findet ihn aber schließlich in der Glaubensfrage: Natürlich ist er kein religiöser Fanatiker, dennoch wird’s hier etwas anstrengend, denn an seinen Überlegungen zur Existenz eines Gottes lässt er einen sehr detailliert teilhaben. Darüber landet er jedoch bei Bibelverfilmungen, inklusive einer schönen Anekdote vom „Barabbas“-Set, an dem er mitwirkte. Ein Kapitel weiter geht es ihm um seinen Glauben an ein Leben nach dem Tod, um seine Serienfolge „Extralarge gegen Tod und Teufel“ sowie um neapolitanische Bräuche und Legenden. Vom Teufel persönlich kommt er zum Geld und seinen Umgang damit. Das Kapitel endet köstlich!

Im Netz sieht sich Bud Spencer auch mit Falschmeldungen und Verschwörungstheorien wie von seinem Tod oder der Fälschung der ersten Mondlandung konfrontiert, woraufhin er Überlegungen zu Raumfahrt und Wissenschaft allgemein anstellt. Sein nächster Exkurs in die Vergangenheit führt zu seiner ersten Zusammenarbeit mit Terence Hill – und wie es zur ihr kam. Mit am schönsten ist es, wenn er Beiläufiges aus seinem Privatleben erwähnt, das ihn nahbar macht, zu Facebook und was sich auf seiner dortigen Seite so tut übergeht und dann anhand eines einzelnen Kommentars ein bestimmtes Thema herauspickt und vertieft – so wie in Kapitel 16, als er mit einem Ausreißer chattet. In diesem Zusammenhang spricht er sich gegen Homophobie und für die gleichgeschlechtliche Ehe aus, bittet aber auch darum, die Berichterstattung angemessen zu gewichten und keine Hysterie oder Kontraproduktivität durch Omnipräsenz zu erzeugen. Als er dem Ausreißer rät er müsse seinem Vater auch Zeit lassen, sich an eine Realität, die er nicht kannte, zu gewöhnen (S. 250), mutet dies beinahe exemplarisch für eine mögliche Progression der Gesellschaft auch in ganz anderen Fragen an.

Bud Spencer ist gegen Gewalt, kokettiert aber immer mal wieder mit der cartoonesken Variante eben dieser und seinen Filmen. Er erzählt ehrlich und zugleich herzlich von seinem Vater und beantwortet die 21 ihm am häufigsten gestellten Fragen, darunter jene, wie oft er im Leben jemanden wirklich verdroschen habe. In seiner Antwort fehlt seltsamerweise der Vorfall, den er im nächsten Kapitel erwähnt und schon oft erzählt habe. Ein Spaziergang im Park fördert Erinnerungen und nachdenkliche Gedanken zutage – und endet einmal mehr mit einer köstlichen Pointe. Ein hypothetischer Chat mit seiner Rolle Banana Joe führt ihn zum Thema Bürokratie und dazu, wie gut der Film gealtert sei. Er erwähnt recht häufig alte Meister, besonders gern Philosophen, scheint in dieser Hinsicht wirklich belesen. Dies war offenbar auch Teil seines dritten Buchs „Ich esse, also bin ich“. Das Paradoxon von Achilles‘ Wettlauf mit der Schildkröte wendet er auf seine früheren Sorgen an, in finanzieller Hinsicht ein guter Familienvater zu sein.

Auf Seite 318 liefert er eine Definition seiner Paraderollen des rauen, aber gutmütigen Riesen: „(…) dass jener Außenseiter, sowohl als Solist als auch im Duo, eine Gestalt ist, die gestern wie heute auf unblutige Art die einfachen Menschen vor den Bedrängnissen rettet, denen sie Tag um Tag ausgesetzt sind, ohne sich zur Wehr setzen zu können.“ Von hier aus gelangt er zu Politikern und Politik und schließlich zur Reflektion eben jener Paraderolle. In seiner Bescheidenheit hadert er damit, sich als Schauspieler zu bezeichnen. Im Epilog zieht er ein Stück weit Bilanz eines erfüllten Lebens. Enttäuschend jedoch: Letztlich gibt er zu, dass die Facebook-Kommentare und -Chats frei erfunden waren.

„Was ich euch noch sagen wollte…“ ist gespickt mit dem feinen, selbstironischem Humor eines überwiegend altersweisen, besonnenen Senioren, der gern blumige Sprache verwendet und in Metaphern und Bildnissen schreibt. Große Teile des Buchs sind kreativ und originell verfasst, zudem gut übersetzt. Bud Spencer wirkt am Ende seines Lebens sehr dankbar, gelassen und optimistisch. Sein Buch steckt voller positiver Energie. Unbedingt erwähnenswert sind auch die beiden eingearbeiteten Fotostrecken, die ihn bei einer Stippvisite in Berlin zeigen und Porträtaufnahmen eines schelmischen Bud Spencer enthalten.

Filmfans erfahren sicherlich aus anderen Büchern mehr über Spencers Arbeiten, zudem fehlen mir die Vergleiche mit den von mir ungelesenen vorausgegangenen drei Büchern. Insofern kann ich nicht beurteilen, was zum Beispiel eventuell doppelt und damit redundant wäre. Und noch weniger kann ich wissen, wie groß Spencers Anteil an diesem Buch tatsächlich war und wie viel davon der kreativen Schreibe Lorenzo de Lucas entspringt. Ich fühlte mich aber dann doch überraschend gut unterhalten, fand Inspiration und wurde zum Nachdenken animiert – und erhielt interessante Einblicke in das Leben, Wirken und Denken dieses Schauspielers, der mich seit Kindheitstagen begleitet. Wenn es sich also um aus in erster Linie monetären Gründen nachgeschobenes „Bonusmaterial“ handelt, liest es sich dafür ziemlich gut – wenngleich man auf den „Facebud“-Aufhänger gern hätte verzichten dürfen, suggeriert er doch eine unmittelbare Fan-Nähe, die sich am Ende als Trugschluss erweist.

17.05.2024, Lobusch, Hamburg: 1323 + BOMBE + RE-NI-TENT

Zurzeit kommt man aus dem Feiern kaum noch raus: Nach dem Hafengeburtstag und dem Aufstieg des FC St. Pauli stand die letzte reguläre Partie des AFC vor der Aufstiegsrunde an, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits die Meisterschaft der Hamburger Oberliga gesichert hatte. Aus dem Stadion ging’s direkt in die Lobusch, wo zwei (von drei) Bands spielten, die sich bereits eine Woche zuvor auf dem alternativen Hafengeburtstag ein Stelldichein gegeben hatten, von denen ich eine – BOMBE – jedoch verpasst hatte. Ich war dabei anscheinend etwas sehr schnell, denn um kurz nach 21:00 Uhr war noch nicht viel los. Nach und nach trudelten aber so einige bekannte Gesichter aus dem Stadion und weitere Freundinnen und Freunde des deutschsprachigen HH-Punks ein, ohne dass es übermäßig voll und drängelig geworden wäre – was auch mal sehr angenehm ist.

Das Trio RE-NI-TENT mit Leuten von ANSCHLAG und 1323 machte den Anfang. Bei im Vergleich zum Hafengeburtstag (wo ich sie erstmals sah) wesentlich saftigerem P.A.-Sound kamen die melodischen, aber auch flotten und zuweilen mit HC-Punk-Kante versehenen Songs noch mal besser rüber. Von ANSCHLAG fanden sich Songs wie „Revolution“, „Fundament“ und der Ohrwurmgarant „Melodie“ im Set, das Stück über Georg Elser hatte ich gar nicht derart, äh, kompakt in Erinnerung, sein Fett weg bekam u.a. die Hamburger Karikatur eines Innensenators, namentlich Andy Grote. Der Gesang kann Melodie, ist aber kein Gefistel, sondern schön angeraut. Leider verhinderte ein Atemwegsinfekt des Sängers/Gitarristen, dass auf die Zugabeforderungen eingegangen worden wäre. Egal – überzeugender Gig, weiter so!

BOMBE scheinen mir eine Art Nachfolgeband von HOT SCHROTT zu sein, die letztes Jahr auf dem Gaußfest ihren Abschiedsgig gespielt hatten (und sich wiederum zum Teil aus Leuten von CIRCUS OF HATE rekrutierten). Größte Auffälligkeit bei allen drei Bands ist die Geige, die bei einigen Songs zum Einsatz kommt. Zumindest zu Beginn des Lobusch-Auftritts wurden auch schon mal die Instrumente durchgetauscht, beim Gesang wechselten sich Männlein und Weiblein ab. Statt auf große Melodien oder Geballer setzt man eher auf leicht postpunkige Monotonie als Stilelement und kombiniert diese mit metapherreichen Texten. Den Leuten gefiel’s, Zugaben wurden verlangt, gleich drei Stück gab’s. Der unnachgiebige Ohrwurm „Die Uhr“ von HOT SCHROTT entließ aus diesem Auftritt, während der Gitarrist ins Publikum sprang. Das ist zweifelsohne kreatives, originelles Zeug, das seine Zielgruppe hat, auch wenn ich mich damit etwas schwertue.

Meinem persönlichen Geschmack kamen dafür 1323 umso mehr entgegen. Keine Ahnung, warum es schon wieder fünf Jahre oder so her ist, dass ich die zuletzt live sah, verlernt ham’se jedenfalls nix: Hardcore-Punk der guten alten ‘80er-Schule in Musik und Attitüde, meist eher desillusioniert-düster und/oder derbe angepisst nach vorne peitschend, hier und da mit Auflockerungen (z.B. dem spanischen „La pinche soledad“) und manch mitsingkompatiblem Refrain versehen. Drummer Andi brachte mit seiner Bassdrum die Bude zum Beben, Ali (der nach seinem Auftritt mit RE-NI-TENT nun noch mal ranmusste) schepperte ‘nen richtig geilen Bass und Phil schrammte sich durch die Akkorde, während er am Mikro seinen Aggressionen freien Lauf ließ. Ein paar Songs wurden wie üblich auch von Andi gesungen, dessen Lautstärke dabei leider eher auf Background eingepegelt worden war. Das auch im Original alles andere als balladeske „Staatsfeind“ von CANALTERROR wurde in gefühlt doppelter Geschwindigkeit durchgeholzt, dominiert wurde das Set aber natürlich vom Material des „Realität“-Albums. Arschgeiler Gig ganz nach meiner Kragenweite, der mich dann auch zum Tanzen und Bierrumspritzen animierte. Brauchte ich mal wieder!

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