Günnis Reviews

Autor: Günni (page 4 of 109)

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 32: Asterix plaudert aus der Schule

Dieser ursprünglich im Jahre 2003 erschienene Sonderband der französischen Comic-Reihe um die aufmüpfigen Gallier zu Zeiten des Römischen Reichs wurde erst nachträglich mit der Nummer 32 versehen und somit zwischen die regulären Bände eingereiht. Ich bekam die dritte und erweiterte Neuauflage geschenkt, die eine weitere Kurzgeschichte enthält. Denn darum geht es hier: Die neben den albenfüllenden Abenteuern entstandenen Kurzgeschichten zu kompilieren und kommentiert dem Asterix-Publikum näherzubringen. Statt der üblichen rund 50 Seiten umfasst dieses Softcover-Album über 60, wodurch die comicfreien Einleitungen nicht so stark ins Gewicht fallen.

In einem Onepager begrüßt Majestix die Leserschaft in einer Art Pressekonferenz; die erste reguläre Geschichte ist „Der gallische Schulanfang“ vom 6. Oktober 1966, in der Asterix und Obelix über zwei Seiten renitente gallische Kinder einfangen und in die Schule schleifen müssen – wo Obelix aufgrund seines mangelndes Allgemeinwissens am Ende ebenfalls landet. „Die Geburt von Asterix“ wurde im Oktober 1994 anlässlich des 35-jährigen Asterix-Jubiläums erstveröffentlicht und lüftet auf vier Seiten das Geheimnis um die Geburt der beiden berühmtesten Gallier. 1977 versuchte man, auf dem US-Markt Fuß zu fassen, wofür, um die Yankees mit den Gallien vertraut zu machen, ein Dreiseiter für den „National Geographic“ entwickelt wurde, der sogar in Frankreich lange unbekannt war. Im Schnelldurchlauf macht „Im Jahre 50 v. Chr.“ mit dem Dorf und seinen Bewohnern vertraut, ein Musterbeispiel für Kompaktheit.

Bisher gänzlich unveröffentlicht war die fünf Seiten umfassende Geschichte „Kokolorix, der gallische Hahn“, die ganz dem Hahn im Dorf gewidmet sind. Dieser muss sich und seine Hühner gegen das römische Wappentier, einen Adler, verteidigen, und bekommt dabei Hilfe von Idefix. Ein Kleinod, in dem Asterix und Obelix nur am Rande stattfinden und das die Kraft solidarischer Zusammenarbeit herausstellt. Die zwei Seiten „Neujahr unterm Mistelzweig“ vom 7. Dezember 1967 waren ein kleines Weihnachtsspezial, das Obelix‘ heimliche Liebe zu Falbala humorig aufgreift. „Mini, Midi, Maxi“ erschien am 2. August 1971 in der französischen Frauenzeitschrift „Elle“ und karikiert das Geschlechterverhältnis, indem die Geschichte auf nur zwei Seiten einen Streit zwischen zwei Frauen zu einer Massenkeilerei der männlichen Dorfbewohner eskalieren lässt.

Einer der Höhepunkte ist „Asterix, wie Sie ihn noch nie gesehen haben…“ vom 11. Dezember 1969, in der Goscinny und Uderzo drei Seiten lang verschiedenste Kritik an ihren Asterix-Comics persiflierend aufgreifen, u.a. indem Zeichner Uderzo den Stil unterschiedlichster Zeichnerkollegen imitiert. Köstlich! Auf den 25. Oktober 1986 datiert der vierseite Comic „Olympiade in Lutetia“, der Teil der (letztlich erfolglosen) Pariser Bewerbung um die Olympischen Spiele 1992 war und in der Lutetia sich gegen Rom durchsetzen muss. Die Geschichte verbindet augenzwinkernd die Antike mit dem modernen Paris.

Auf zwei Seiten bringt es „Der gallische Frühling“ vom 17. März 1966: Der personifizierte Frühling muss sich gegen den nicht kampflos abtreten wollenden Winter durchsetzen, was nach zwei Seiten auch gelungen sein wird. „Das Maskottchen“ aus dem Juni 1968 wurde ursprünglich für ein Informationsblatt einer Stadtverwaltung entwickelt und komprimiert, wenn ich das richtig verstanden habe, die Ereignisse aus „Asterix der Gallier“, um sie mit der Einführung des Hündchens Idefix auf nur vier Seiten zu verweben. „Latinomanie“ ist ein auf eine Seite passender spaßiger Kommentar zum Bohei um in die Sprache Einzug haltende Anglizismen, umgemünzt aufs antike Gallien, das immer mehr lateinische Ausdrücke verwendet – ohne dass dies den Bewohnern zwingend bewusst wäre. Etwas Besonderes ist auch „Obelisc’h“ aus dem Februar 1973, eine fünfseitige Geschichte, in die Goscinny und Uderzo sich selbst als Protagonisten hineinzeichneten und sich auf einen Nachkommen Obelix‘ in der Gegenwart treffen lassen. Beide treten auch in „Die Geburt einer Idee“ auf, eine einzelne, aber umso witzigere Seite, die in ihrer Verballhornung des inhaltlichen Gehalts von Comics (bzw. der Außensicht wenig comicaffiner Menschen darauf) exakt so auch aus „Mad“ stammen könnte und vielleicht mein humoristischer Höhepunkt des Albums ist.

„ABC-Schütze Obelix“ aus dem Mai 2004 schlägt gewissermaßen eine Brücke zur ersten Geschichte: Obelix will Lesen lernen, weil Falbala ihm geschrieben hat. Das sind ebenso amüsante wie pädagogische drei Seiten, die vermitteln, weshalb es von Bedeutung ist, lesen zu können.

Dieser Asterix-Band, ob nun als Sonderband oder als Nummer 32 betrachtet, bietet die übliche aufgeräumte Panelstruktur und tolle bunte Kolorierung des gewohnt großartigen frankobelgischen Funny-Stils, die schöne, an Handletterungen angelehnte Schriftart in den Comics und die Einleitungen im Schulheft-Design. Eine liebevoll editierte Erweiterung der Sammlung oder auch eine willkommene Abwechslung zu den sonst üblichen albumfüllenden Geschichten, die zudem viel Hintergrundwissen transportiert und einen Eindruck von der Bedeutung Asterix‘ innerhalb der französischen Populärkultur vermittelt.

Kevin Richard Russell – Circvs Maximvs

Da saßt du also, „Stimme aus der Gosse“, Sänger der vermutlich erfolgreichsten deutschsprachigen Rockband, Identifikationsfigur, Seelentröster und Vorbild für so viele, Beweis dafür, dass man’s auch nach oben schaffen kann, wenn man von ganz unten kommt, Mutmacher, dazu Zeichen- und Tattoo-Künstler. Da saßt du also, ehemaliger Schläger, polytoxikomaner Hardcore-Junkie und Alki, wegen dem sich jene Band einst auflöste, der du die Verantwortung für sein eigenes Lebens einst komplett aufgegeben und sogar beinahe zwei andere Menschen das Leben gekostet hattest, als du knüppelvoll mit Drogen als rasende Apotheke einen Unfall auf der Autobahn verursachtest, du, Ex-Knacki und Ex-Klapskalli. Da saßt du, Kevin Russell, seit etlichen Jahren clean, wie es wohl kaum noch jemand für möglich gehalten hatte, und wieder mit deiner Band aktiv, also, um deine Autobiographie niederzuschreiben. Eine Art Selbsttherapie: von der Seele schreiben, veröffentlichen, abgeben. In Form dieses Buchs aber auch anbieten: Hier, das bin ich, take it or leave it.

Und so saß ich, in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre vom Metal kommend in der Pubertät bei den Onkelz und Nirvana gelandet und von dort aus zum Punk weitergetorkelt, da also mit diesem im Oktober 2023 erschienenen Klopper von Buch, 33,5 x 25 x 5 cm groß, fast vier Kilo schwer, rund 500 Seiten stark mit eingewobenem Lesezeichen, Goldkante und Pappschuber im Eigenverlag veröffentlicht. Drunter machst du’s nicht. Zum Nebenherlesen in Bus und Bahn gänzlich ungeeignet, die Klolektüre verbietet sich ohnehin. Für diesen Wälzer muss man sich bewusst Zeit nehmen, zu Hause, im Lesezimmer. Und die nahm ich mir. Praktischerweise ist das Buch in viele einzelne Kapitel unterteilt, die ihm Struktur verleihen und der abschnittsweisen Lesbarkeit entgegenkommen. Der Lesbarkeit zuträglich ist ferner die große Schrift, die die Ausmaße dieses Schinkens etwas relativiert. Zahlreiche zuvor unveröffentlichte Fotos aus deinem Privatarchiv wurden großzügig eingearbeitet, darunter sehr intime. Vielleicht würde ich durch diese Lektüre ja erfahren, wer du, Sohn eines Briten und einer Hamburgerin, den ich nur als Sänger der Böhsen Onkelz (ok, und von Veritas Maximvs) kenne und um den sich die wildesten Gerüchte und Geschichten ranken, wirklich bist. An meinen gewonnenen Eindrücken lasse ich die Leserschaft meines kleinen Blogs gern teilhaben:

Einleitend beschreibt Kevin seine Faszination fürs Römische Reich und vermittelt einen Eindruck seiner Belesenheit zu diesem Thema, das fortan vor allem in Form von Metaphern immer wieder aufblitzen wird. Von diesem seinem Interesse und seinem Faible für antike Bücher wusste ich tatsächlich schon aus irgendeinem alten Interview, woraufhin sich damals in meinem Kopf ein Bild geformt hatte, wie er in seinem Haus in Irland im Sessel vorm Kamin mit so’ner alten Schwarte auf dem Schoß sitzt. Dass sein Leben seit besagtem Interview dann doch etwas anders verlaufen sollte, auch davon wird dieses Buch künden. Später. Zunächst einmal gibt es einen Abriss zu seinen Ahnen; ins Thema Onkelz steigt er direkt mit dem Gig im Vorprogramm der Rolling Stones ein, nach dem beschlossen worden war, die Band aufzulösen. Auch dazu später mehr, denn von nun an geht er, ausgehend von seiner Kindheit, grob chronologisch vor: das erste Telefon in der Familie, wie der kleine Kevin fasziniert die Mondlandung in der neuen Schwarzweiß-Glotze verfolgt, wie er auf dem Bolzplatz fußibufft. Diese Zeilen muten wie ein Zeitporträt an und sind anheimelnd geschrieben – zunächst. Schon bald geht’s ans Eingemachte und man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, wie sehr dies ihn geprägt hat: Von seinen auf die Leserinnen und Leser sadistisch anmuten müssenden Eltern wird er regelmäßig misshandelt, in der Schule ebenso, mit sechs Jahren wäre er wegen einer falsch behandelten Salmonellenvergiftung fast abgenippelt. Dies hat ihn doppelt traumatisiert, psychisch wie physisch. Von da an war er kränklich und hatte entsprechend viele Schulfehlzeiten, in denen er aber seine Lesesucht entwickelte. Ja, die erste Sucht war eine positive. Mit zehn, elf Jahren aber fängt er im Partykeller seiner Eltern zu saufen an. Seine Mutter entwickelt ein Alkoholproblem und beginnt, die Kinder zu vernachlässigen. Bald müssen sich die Kinder um sie kümmern statt umgekehrt.

Als horizonterweiternd erweist sich ein Urlaub in Kenia. Auf weitere traumatische Erlebnisse (es kam aber auch immer dicke…) folgt der Umzug nach Hösbach, wo er Stephan und Pe kennenlernt, mit denen er kurz darauf die Band gründet. Er beschreibt, wie er sich gewalttätig gegenüber seinem größeren Bruder behauptete, ohne jedoch zuvor erwähnt zu haben, dass dieser ihn tyrannisiert hatte – hätte den Kohl wohl auch nicht mehr fettgemacht. Traurigerweise sei Kevins erste wirkliche Liebe auch seine letzte gewesen. Das in einem Song seiner Band besungene Terpentin habe er tatsächlich gesoffen.

„Wenn ich mich heute erinnere, grenzt es schier an ein Wunder nicht schon in dieser frühen Phase meines Lebens ins Irrenhaus eingeliefert worden zu sein, oder ein Bad im Jordan genommen zu haben.“

Auch die Ausbildung zum Schiffsmechaniker war, ähnlich wie während Onkelz-Gitarrist Gonzos Seefahrerzeit (vgl. dessen Biographie), von heftiger körperlicher Gewalt auf See geprägt. Ins Schwärmen gerät Kevin, wenn er an die Natur und die Wunder, die er als Matrose erlebte, zurückdenkt. Sehr anschaulich schildert er die Episode, wie er auf einer Überfahrt in Lebensgefahr geriet und wohl mehr als nur Glück hatte. Interessanterweise schien er in seiner provisorischen, temporären Rolle als Smutje voll aufzugehen. Er wurde dann aber doch lieber Tätowierer, nachdem er sein zeichnerisches Talent wiederentdeckt hatte. Er zieht in die berüchtigte Weberstraße 28 in Frankfurt, wo er sich kräftig Alk und verschiedene Drogen reinpfeift, und schlägt im wahrsten Wortsinn eine Karriere als Straßenschläger ein. Eigene Gewaltexzesse schildert er in aller Drastik, woraufhin er sich bei seinen Opfern entschuldigt. Angesichts seiner Schilderungen völlig entfesselter, ekelhafter Gewaltorgien musste ich schlucken und das Buch erst einmal beiseitelegen.

Einerseits ist es das miese alte Spiel, wie man es von Menschen, die auf die schiefe Bahn gerieten, in Variationen und mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt immer wieder zu hören bekommt: Eine elterliche Bezugsperson geht quasi flöten und kehrt das Verhältnis um: Noch als Kind muss er beginnen, sich um seine Mutter zu kümmern. Zu allem Überfluss war der Vater damals ein gewalttätiger Tyrann, was Kevin dann gewissermaßen reproduziert. Andererseits fällt es schwer, nachzuvollziehen, dass er aus den Erfolgen, die er feiert – Durchsetzen auf Frankfurts harten Straßen, bemerkenswerte Band am Start, ausgeprägtes Gesangstalent für diese Musik, talentierter Zeichner, als Matrose die Welt kennengelernt, krasse Sachen er- und überlebt, sein Kochtalent entdeckt, nun gutes Geld mit Tattoos verdienend, mit der Liebsten ’ne tolle Wohnung mit zudem offenbar sehr leidensfähigen Nachbarn bezogen usw. – nicht genug Selbstvertrauen und Selbstachtung zieht, um zum einen etwas demütiger mit den Drogen umzugehen und zum anderen über prolligen Gewaltexzessen irgendwann drüberzustehen, sich nicht mehr ständig beweisen zu müssen, den Adrenalinkick anderweitig zu erhalten. Sicherlich hat es oftmals die Richtigen getroffen, aber eben längst nicht immer. Und er kann von Glück sagen, dass er niemanden unbeabsichtigt, aber gröbst fahrlässig Schlimmstes inkaufnehmend tot- oder zum Pflegefall geschlagen hat. Das war völlig drüber und daran hatte ich als Leser wirklich zu knabbern.

Erfreulicher ist, dass er die richtigen Namen fallenlässt: The Clash, Cockney Rejects, Angelic Upstarts, Cock Sparrer, Dead Kennedys – all diese feinen Bands waren damals regelmäßig auf seinem Plattenteller zu Gast. Er geht auch noch einmal aus persönlicher Sicht auf den Auftritt in der Fernsehsendung „Live im Alabama“ zu ausländerfeindlichen Skinhead-Zeiten ein. Schwer unterhaltsam ist dann auch eine Episode aus seinem Hool-Leben, an deren Ende er auf der Flucht in eine Schwulenbar gerät. Diese Gelegenheit nutzt er zu einer Reflektion zum Durchbrechen der Gewaltspirale: „Alles, was ich zuhause an Schlägen und Züchtigung bekommen hatte, gab ich in der Außenwelt doppelt und dreifach zurück. Erst in meiner eigenen Familie sollte es mir gelingen, diesen circulus vitiosus zu brechen.“ Und wiederum ganz anders lesen sich der Abschnitt über seine Angelleidenschaft und Episoden aus Kenia Ende der 1980er-Jahre, die mit vielen positiven Erinnerungen verknüpft sind. Zurück in der Mitte des Jahrzehnts: Mit Anfang 20 ist Kevin heroinabhängig. Er beschreibt zwei immer wiederkehrende, erschreckende Alpträume, die selbst ihn so richtig fertigmachten. Interessanterweise schienen diese seine Heroinsucht zu manifestieren, nicht erst der tragische, völlig sinnlose Tod seines bestens Freundes Trimmi während der Fußball-WM 1990, wenngleich dieser alles noch viel schlimmer machte. Offen bleibt, weshalb er nie auf die Idee gekommen war, es mit einer Therapie zu versuchen.

„H ist ein Fulltime-Job.“

Durch sein Leben scheinen sich gruseligerweise generell unvermittelte Erfahrungen mit dem Tod zu ziehen, sodass man fast auf die Idee kommen könnte, es handle sich um Omen oder Warnungen. Wie schnell ein Menschenleben vorbei sein kann, wurde ihm jedenfalls anscheinend immer wieder vor Augen geführt. Trimmi ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Größe beweist Kevin, indem er seiner damaligen Partnerin Moni, der er in einer enorm belastenden Phase nicht zur Seite stehen konnte, den Platz einräumt, sich selbst zu äußern, also ihre Perspektive ungefiltert abzubilden. Zur Heroinabhängigkeit gesellt sich nun Jägermeister-Sucht. Aus einem handgeschriebenen Brief an Auge, den Inhaber seines Tätowierstudios, spricht seine ganze Verzweiflung. Diese Phase illustrieren eigene Bleistiftzeichnungen. Was er auf Seite 261 beschreibt, liest sich, als habe er eine Borderline-Störung entwickelt. Gescheiterte Entzugsversuche münden im kalten Entzug 1993 in Stephans Keller. Anschließend ist er zumindest noch substituiert. 1994 erhält er seine Hepatitis-C-Diagnose. Auf eine erfolgreiche Therapie folgt ein H- und Jägi-Rückfall. Er nennt sie „die siamesischen Bräunlinge“. Ein recht rascher weiterer Entzug ist dann aber erfolgreich und hält in Bezug auf die Zwillies auch lange an. Kritisch sehe ich die durchklingende Kokain-Verharmlosung, offenbar war die ganze Band am Ziehen. 1997 kam für Kevin sogar Crack ins Spiel, worauf er dank seiner Substitution zum Glück nicht hängenblieb – und dieses Zeug wird nun auch kein bisschen verherrlicht.

„…meine Existenz diente einzig und allein nur noch der Suchtbefriedigung, bei stetig steigendem Konsum.“

Irgendwann tritt eine neue Frau in sein Leben: Andrea, bulimisch und ebenfalls süchtig. Die Gründe hierfür sind unappetitlich, machen wütend und werden von Kevin nicht verschwiegen. Ende der 1990er zieht er nach Irland um, ist aber wieder auf H. Er berichtet vom „Dunkler Ort“-Videodreh und dem Besuch bei H.R. Giger im Jahre 2000, in dem er auch seinen ersten schweren Verkehrsunfall erleidet. Interessant hierbei auch: Wenngleich als Grund für seinen erneuten Totalabsturz gemeinhin dieser Unfall und die Schmerzmittelabhängigkeit, die er daraufhin entwickelt habe, angenommen wurde, führt er diese gar nicht als alleinige eindeutige Ursache an. Er äußert Kritik an MTV und dem „MTV Masters“-Beitrag über seine Band, die erstaunlich differenziert, gegenüber der Autorin der Sendung gar versöhnlich ausfällt. Nettes Detail: Die von mir geschätzte ehemalige MTV-Moderatorin Nora Tschirner lobt er für ihre Haltung zu ihrem ehemaligen Brötchengeber – die kenne ich gar nicht, weshalb ich gern noch erfahren hätte, was genau gemeint ist.

Als er innerhalb Irlands umzieht, ist er zunächst fit wie ein Turnschuh, doch dann folgt eben der erneute Absturz. Auf S. 318 schließt sich der Kreis zum Beginn: der Stones-Gig. Ich muss ja zugeben, dass ich, hätte ich nur ein Zehntel dessen intus gehabt, was dort durch Kevins Körper schoss, es gar nicht erst auf die Bühne geschafft hätte – er aber zieht den Auftritt immerhin voll durch. Im Folgenden lässt er die Endphase der Band bis zu ihrer damals als unumkehrbar erachteten Auflösung Revue passieren. Nach dem zweitägigen Abschiedsfestival 2005 auf dem Lausitzring dann der totale Absturz, der auf alle bisherigen noch mal einen draufsetzt – minutiös von Kevin beschrieben. Onkelz-Basser Stephan und anschließend Sanitäter und Ärzte retten ihm gerade noch so das Leben. Nach einem Herzstillstand hat er eine Nahtoderfahrung und ist er dem Tod gerade noch so von der Schippe gesprungen. Nach der Reha zieht er ins nächste Fünf-Sterne-Hotel und lebt zeitweise in einem Luxuscamper.

Schließlich die Katastrophe (das Kapitel heißt genauso), der verheerende Autounfall mit anschließender Farce vor Gericht, völliger Zerstörung seines Rufs, Knast- und Therapieaufenthalt. Er beschönigt nichts, sondern rekapituliert sehr offen, schuldbewusst und reumütig. Mich wundert, dass er hinter Gittern keine Substitution erhielt und kalt entziehen musste – das ist krass. Ist das so üblich? Die Therapie scheint er als letzte Chance zu begreifen und steht sie erfolgreich durch. Er zieht im Taubertal in ein neues Zuhause mit seiner neuen Freundin Simone, deren Tochter Emily und seinem Sohn Julian. Er gewinnt den Kampf gegen die Drogen, was wohl kaum noch jemand für möglich gehalten hätte. Mehrmals wiederholt er seine Dankbarkeit gegenüber der Therapie, sogar gegenüber den Knästen. Es zieht ihn wieder auf die Bühne und so gründet er sein Soloprojekt Veritas Maximvs, mit dem er ein Album aufnimmt sowie erfolgreich und offenbar ohne Zwischenfälle auf Tour geht – alles ein paar Nummern kleiner als mit den Onkelz, mit denen es schließlich im Jahre 2014 tatsächlich zur Reunion kommt. 2014 und 2015 gibt er mit ihnen in Sachen Aufwand und Publikumszuspruch Rekordkonzerte. Weitere Stationen des gesundeten Kevin sind das Orchesterprojekt mit den Onkelz und seine Heirat Simones.

„In meinem Drogenkreislauf machten sich endlich wieder Spuren von Blut bemerkbar, ich war kein Chemielabor mehr, sondern Mensch!“

Mit den Onkelz verschlägt es ihn gar für Auftritte nach Südamerika und er nimmt zwei neue Studioalben mit ihnen auf. Er nennt die wichtigsten Konzerte und Festivals nach der Reunion und lässt durchblicken, wie es ihm während der Covid-19-Pandemie erging – so nutzte er die Zeit u.a., um dieses Buchprojekt zu beginnen. „Damit hatte der selbsterkorene ,ALPHA HOMO NOVUS‘ in seinem selbstkreierten Anthropozän-Zeitalter nicht gerechnet. Leider kam dieser Arschtritt, den die Menschen länger verdient hatten, viel zu spät und mit immer noch viel zu wenig Wucht, um ein wirkliches Umdenken in allen Bereichen zu erwirken, die ein Leben auf dieser Erde gerechter und gesünder gestalten könnten.“ (Kevin über Covid-19) Sehr unterhaltsam und lässig liest sich der Bericht vom „Ñero“-Filmdreh mit u.a. Ben Becker. An der Musikindustrie übt er berechtigte Kritik („Als wir seinerzeit dann doch unseren Echo erhielten, hab ich meinen (…) vollgepisst.“), ebenso an Religionen – aus seiner antireligiösen Einstellung macht er keinen Hehl. Er bezeichnet sich als Kosmopolit (womit er quasi im Vorbeigehen auch jeglichem Nationalismus eine Absage erteilt), als umgekehrtes Stehaufmännchen („Fallummännchen“) und, aufgrund einer nötig gewordenen OP, bei dem ihm Teile seines Gehirns entfernt werden mussten, als einzigen hirnamputierten Punkrock-Sänger, äußert sich gegen die Strafbarkeit des Containerns, lobt Oliver Kalkofe für dessen Mediensatire und wirkt generell nicht dumm, sondern reflektiert, interessiert und nicht unsympathisch – trotz allem. Schonungsloser offen als in diesem in sehr blumiger, metapher- und vor allem in den Kapitelüberschriften wortspielreicher Sprache verfassten Buch dürfte es auch kaum gehen, eine Biographie voller Widersprüche: Ein so starker und doch so schwacher Mann, der, seit er endlich mit seinen Schwächen umzugehen gelernt hat, einen zweiten Frühling zu erleben scheint. Wie sehr sich die Zahl 28 durch sein Leben zieht, ist dabei nur eines von vielen kuriosen Details.

Gegen Ende erfährt man einige Hintergründe zum Entstehungsprozess des Buchs: Der Entschluss, seine Biographie zu schreiben, hing eng mit zwei anderen Personen, Thilo und Mumpi, zusammen und wird sehr detailliert und nachempfindbar beschrieben, sodass es sich anfühlt, als sei man selbst dabei gewesen. Es stand zunächst im Raum, sie von Thilo schreiben zu lassen. Dieser entwarf dann auch den Prolog, den Kevin leicht verändert verwendete, sich dann aber dazu entschloss, doch selbst zur Feder zu greifen. Zum Geschriebenen habe Thilo schließlich seinen „Feinstaub“ dazugegeben. Kevin resümiert und bedankt sich gegen Ende ganz Gentleman-like bei seinen Leserinnen und Lesern. Das Buch schließt mit einer sehr sehenswerten Bildstrecke von den nachgeholten Jubiläumskonzerten, offenbar auf der Bühne geschossen.

Genug des Lobs, Raum für Kritik: Dass die Chaostage 1984 wie auf S. 126 beschrieben wirklich von „Althippies“ anberaumt wurden, wage ich zu bezweifeln, ebenso dass die EU Schuld an der Inflation sein soll (S. 138). Oder war das ein missverstandener bzw. missglückter Witz? Die grundsätzlich gute, lebendige Schreibe, der auch Humor und Selbstironie alles andere als fremd sind, weist leider viele Zeichensetzungsfehler auf, falsch geschriebene Wörter aber nur wenige (auf S. 157 ausgerechnet „Stefan“ statt Stephan). Einiges weist auf eine britische Schreibe hin (auseinander- statt zusammengeschriebene Wörter, die Kommasetzung) – evtl. wegen Kevins britischem Hintergrund? Das Presseticket auf S. 246 ist falschherum, der verbreitete Millenniumfehler (das war 2001, nicht 2000!) findet sich auch hier und ab und zu entgleiten ihm seine Fabulierungen (z.B. auf S. 281: „Auflösung der Bindung“ war gemeint, oder?). Vielleicht erweisen sich diese Anmerkungen ja für eine etwaige überarbeitete Neuauflage als hilfreich. Wenn es ein Korrektorat gab: Das waren Amateure, verlang dein Geld zurück. Wenn es keines gab: Am falschen Ende gespart.

Das ändert aber wohlgemerkt nichts an den inhaltlichen Qualitäten, die sicherlich nicht nur mich positiv überrascht haben. Eines der Versatzstücke, die das Faszinosum Böhse Onkelz ausmachen, ist der Umstand, dass Stephan Weidner zahlreiche Texte über Kevins Suchterkrankungen und daraus resultierende Probleme verfasst hat und es an Kevin war, diese zu singen. Unter anderem darin liegt die von Fans vielbeschworene Authentizität, die die Band von so vielen Kopisten unterscheidet. Als guter Zuhörer konnte man Kevin zumindest ein Stück weit kennenlernen. Mit diesem frei von jeglichem Selbstmitleid geschriebenen Buch ist dies nun ohne diese künstlerische Abstraktion möglich. Kevin nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Hölle und zurück. Möge es sich vor allem für diejenigen als inspirierend, ermutigend und hilfreich erweisen, die schon in den Onkelz-Songtexten Trost, Verständnis, aber auch Arschtritte fanden. Es ist nie zu spät – hier ist der Beweis.

19.07.2025, Krähenwiese, Hamburger Stadtpark: „LäggerMugge und Bier“-DIY-Open-Air

Sommer, Sonne, Sand und Meer

Zwei Punkrocker waren da was am Planen dran: Anlässlich ihrer Geburtstage ein kleines unkommerzielles DIY-Open-Air auf der Krähenwiese im Hamburger Stadtpark mit pfandfreiem Dosenbier aus Dänemark. Für einen von ihnen sollte es ein Revival werden, der hatte so was früher schon öfter mal ausgeheckt. Sieben bis neun Bands waren im Gespräch, am Ende wurden’s fünf – und wir waren eine davon. Das klang nach Chaos, Anarchie und Spaß, also waren wir dabei. Gestellt wurden ein Schlagzeug, Boxen und ‘ne Gesangsanlage, Aufbau direkt auf der Wiese, dahinter ‘ne Kühlbox mit Getränken, alles generatorbetrieben. Leider musste während der Gigs die Stromzufuhr zur Kühlbox gekappt werden, aber irgendwas ist ja immer. Das Wetter spielte perfekt mit, inmitten zeitweise reichlich verregneter Tage hob sich dieser Samstag mit strahlendem Sonnenschein empor.

Unser Drummer hatte sich bereiterklärt, in Sachen Technik – Transport, Aufbau etc. – tatkräftig zu helfen und war demnach wenig zu beneiden, als er schon ab dem späten Vormittag damit beschäftigt war. Als ich nach dem Frühstück um kurz vor 15:00 Uhr dazustieß, stand die „Bühne“ und BUDDERFAHRT besorgten den Soundcheck. Mit den anderen Bands wurde die Reihenfolge ausgeknobelt, immer mehr buntes Volk trudelte ein und das fröhliche Betrinken in der Sonne nahm seinen Lauf.

Um 17:00 Uhr legten BUDDERFAHRT perfekt passend mit ‘nem das Zeug aus der Überschrift thematisierenden Liedchen los. Im weiteren Verlauf ging das Trio nicht immer ganz so fröhlich vor, nachdenkliche Midtempo-Song gaben sich mit punkig geschrammeltem, schnellerem Material und Feiersongs die Klinke in die Hand. Sänger/Gitarrist Meik führte mit launigen Ansagen durchs Set und bewahrte sich eines der Highlights, ein seinem verstorbenen Vater gewidmetes Lied, bis zum Schluss auf. Sehr sympathischer Opener, den ich hier – wie alle andere Bands – zum ersten Mal live sah.

Dann war es an uns (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS), unsere 16 etwas aggressiven Nummern durchzuprügeln. Meine Bandkollegen hatten mich genötigt, eine nicht 100%ig geschmackssichere Kette, die ich zum Geburtstag von ihnen erhalten hatte, umzuhängen, was ich zumindest ein paar Songs lang tat. Um mich gut selbst zu hören, latschte ich vor die Gesangsboxen und freundete mich schnell mit der dortigen Bewegungsfreiheit an, die man von kleinen Clubbühnen natürlich nicht gewohnt ist. Mein Radius wurde lediglich durchs Mikrokabel eingeschränkt, mit dem ich versehentlich – Obacht, Kabelsalat! – mehrmals Gitarrist Kais Tretmine rauszog. Wir brachten ein paar Leute zum Tanzen, versemmelten den Schluss vom angesichts der Jahreszeit vielleicht nicht ganz passend erscheinenden „Blutiger Schnee“ so’n bischn und legten die eine oder andere kurze Trinkpause ein. Als wir fertig waren, sah mein ehemals weißes T-Shirt (sicherlich nicht die beste Idee gewesen…) aufgrund der ständigen Berührungen mit dem durch Rasen und Matsch gezogenen Mikrokabel aus, als hätte ich mich in einer Pfütze gesuhlt. Hat Spaß gemacht – dabei fing der Spaß jetzt erst so richtig an!

Die Schuldigkeit war nämlich getan, nun galt es nur noch zu trinken und zu feiern. BRIGADE HELBING, junge Hamburger Oi!-Band, bestehend aus alten Hasen, lieferte mit ihrem rustikalen Sound den perfekten Soundtrack dazu. Der ehemalige TESTOSTERON-Sänger Markus, HARBOUR-REBELS-Gitarrist Dennis und die Rhythmusfraktion aus L.A.K.- und SMEGMA-Leuten mischten eigenes Material mit Coverversionen von u.a. SMEGMA und coverten „Mehr als Fußball“, jenen FCSP-Song der Band des Drummers, im Duett mit Jule von HARBOUR REBELS. Letzteres taten sie als lautstark geforderte Zugabe dann gleich noch mal. Spitzen-Party-Gig, nach dem ich folgerichtig gut angeheitert war.

Es folgten KYLMÄ KRYPTA, was Finnisch ist und so viel wie „Kalte Gruft“ bedeutet – eine Band, die ich über ihren Gitarristen Flo kennengelernt hatte, der mir wiederum immer beim AFC auf der Kampfbahn über den Weg läuft. Das ist selbst für einen Post-Punk-Muffel wie mich erfrischend angegrufteter, dabei glücklicherweise sehr punkiger Stoff, der mit seiner finnischen Sängerin und ihren in Muttersprache verfassten Texten ein echtes Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen hat. Ebenfalls (noch immer) nicht alltäglich: eine Drummerin. Habe mir die schick aufgemachte Tape-EP gleich mal eingesackt.

Mit HORDAKS HORDE machte eine schon recht lange existierende HH-Punk-Band den Rausschmeißer. An den Gig kann ich mich nicht erinnern, weil ich viel zu betrunken war, Fotos zu machen habe ich auch vergessen, aber ich werde die Etherianer mit ihrer hervorragenden ‘80er-Kult-Actionfiguren-Kenntnis bestimmt gebührend gefeiert haben. Anschließend war mir anscheinend mehr danach, mal ein Nickerchen unter freiem Himmel zu machen, wurde aber aufopferungsvoll von meinem Kumpel Christian und meiner wesentlich besseren Hälfte durch den ÖPNV nach Hause geleitet. Danke dafür, danke an die beiden Geburtstagskinder, auf deren Party ich bis ins Delirium mit- und meinen eigenen Geburtstag quasi eingezeckterweise nachfeiern durfte, danke an alle Helferinnen und Helfer und die zumeist sympathischen, entspannten Gäste von Hund über ganz jung über angeblich erwachsen bis in Ehre ergraut! Und nicht zuletzt an alle, die Schnappschüsse unseres Gigs gemacht und uns zukommen lassen haben.

15.07.2025, Bürgerweide, Bremen: IRON MAIDEN (+ AVATAR)

Photo by Charly Alex

IRON MAIDEN sind seit jeher eine meiner Lieblingsbands, aber ihre Konzerte meist teuer und überfüllt. Daher nehme ich bei Weitem nicht jede Tour mit, sondern gehe nur alle Jubeljahre mal hin. Oh, die kommen zum 50. Bandjubiläum nach Bremen, und dann auch noch an meinem Geburtstag? Shut up and take my money! Mein letzter MAIDEN-Gig lag Jahre zurück; dies war die passende Gelegenheit, den Gönni zu machen und mir was zu gönnen. Die Monate strichen ins Land, Urlaub wurde eingereicht und in meinem Bandkollegen Christian ein Abnehmer für meine vorsorglich gleich mitgekaufte zweite Karte gefunden, denn der hatte die NWOBHM-Veteranen doch tatsächlich noch nie livegesehen. Nach ‘nem halben Tag Arbeit brach ich früh genug gen Bremen auf, um in Ruhe in meinem günstigen, aber ein paar Kilometer entfernten Zimmer einzuchecken (und mich mit dem Bremer ÖPNV vertraut zu machen). Ich hatte beschlossen, über Nacht zu bleiben und den nächsten Tag in Bremen zu verbringen. Christian kam etwas später nach und wir trafen uns am Bahnhof wieder, um noch etwas zu essen und das erste Kioskbierchen zu zischen.

Auf Teile des Drumherums freute ich mich, zum Beispiel den Anblick des sich fest in Hand von MAIDEN-Fans befindenden Bahnhofsviertels und die meist angenehme Atmosphäre innerhalb dieser Klientel zwischen Feierlaune und Vorfreude. Angenehm auch, dass das Gelände dieses Open-Air-Konzert direkt am Bahnhof liegt, man also keine langen Wege hat. Auf anderes freute ich mich hingegen überhaupt nicht, hatte mich aber damit abgefunden und mich darauf eingestellt: Ein mediokrer Veranstaltungsort, der nun mal nichts anderes als ein gepflasterter Platz ist, auf den man eine Bühne gestellt hat; völlig entfesselter Kommerzwahn bei Verpflegung (0,5 Liter Bier 7,- EUR + 3,- EUR Becherpfand – fuck you!) und, wie bei MAIDEN leider üblich, eine weder qualitativ noch musikalisch passende Vorband, die es zu überstehen galt. Daher hatten wir’s auch nicht allzu eilig, das Gelände zu betreten, sondern tranken uns mit Kioskgetränken auf dem Vorplatz warm, wo wir zwei ausländische Musiker beobachten konnten, die Klassiker wie „Angel of Death“ und „Highway to Hell“ über ‘ne kleine portable Anlage zockten.

Irgendwann ging’s dann aber doch rauf aufs Gelände, wo wir zwei von angeblich 35.000 Fans waren. In diesem Getümmel bekannte Gesichter zu finden, war reine Glückssache, funktionierte in zumindest einem Fall aber doch (Hallo Sascha!). Ok, also erst mal AVATAR, „Alternative Metal“ oder so aus Schweden. Boah, nee. Belanglose Musik und ein als Mischung aus Marilyn Manson und Alice Cooper verkleideter Sänger, der das Publikum zu animieren und – warum auch immer – zwischen den Songs mit Kopfstimme zu kreischen versuchte, obwohl er’s gar nicht konnte. Und obwohl der Wetterbericht einen trockenen Abend in Aussicht gestellt hatte, kamen dem Wettergott angesichts dieser Performance die Tränen. Zum Glück waren die Bierstände überdacht.

Kaum waren AVATAR mit ihrem Set durch, klarte der Himmel für England’s Finest wieder auf. Diese hatten sich für die Tour ein Best-Of-Set zurechtgelegt, das ausschließlich zwischen 1980 und 1992 veröffentlichtes Material enthielt – Songs aus der erweiterten klassischen Phase also. Deep Cuts brauchte man nicht zu erwarten, allerdings auch keine Durststrecken. Kurzum: Mit einem solchen Set kann man nicht viel falsch machen. Wir positionierten uns ungefähr am Ende des ersten Drittels schräg zur Bühne, von wo aus Bierstand und Klos in akzeptabler Reichweite waren, man aber trotzdem ‘nen passablen Blick auf die Bühne hatte. Und ziemlich pünktlich gegen zehn vor neun erklang dann auch wie üblich UFOs „Doctor Doctor“ aus der Konserve, ein wichtiger Bestandteil des MAIDEN-Live-Ritus. Und eine Band dieser Größenordnung kann sich gleich zwei Intros leisten, also noch „The Ides of March“ hinterher, bereits versehen mit einer wirklich geil gemachten Computeranimation, die durch die Stationen früher Artworks und Texte führte – und mit Erscheinen der Band auf der Bühne in den ersten Livesong „Murders in the Rue Morgue“ überging. Der Sound war zunächst nicht das Gelbe vom Ei, noch recht matschig und Bruce viel zu leise. Finde ich immer schade, so was, ist aber leider alles andere als unüblich. Es folgten gleich drei weitere Songs aus der frühen Phase mit dem leider kürzlich verstorbenen Ex-Sänger Paul Di’Anno und der/die Mischer(in) bekam den Sound in den Griff, nur Bruce blieb enttäuschend leise. Auch dies änderte sich aber bald – möglicherweise noch während „Phantom of the Opera“, wenngleich ich ihn gern noch lauter gehört hätte, zumal er sowohl körperlich als auch stimmlich topfit wirkte und es die reinste Freude war, ihm zuzusehen und zuzuhören.

Sicher, das Zusehen gelingt ab einem gewissen Abstand zur Bühne nicht ohne Weiteres, erfreulicherweise verstand die für die Videoscreens links und rechts der Bühne zuständige Regie ihr Handwerk aber formidabel: Solierende Gitarristen wurden ebenso stets eingefangen wie Bruce‘ Posen und seine verschiedenen Kostüme. Zu jedem Song wurde der Bühnenhintergrund in passende digitale, zum Teil animierte Backdrops gehüllt, echte Pyros kamen wohldosiert zum Einsatz. Auf „The Number of the Beast“ folgte „The Clairvoyant“, auf „Powerslave” „2 Minutes to Midnight”. Mit „Rime of the Ancient Mariner” spielte man den wohl beeindruckendsten Longtrack der klassischen Phase, vollständig inklusive der beunruhigenden Geräusch-Samples aus der Konserve. „Run to the Hills“ ist aufgrund der Tonlage echt schwierig mitzusingen, was mich natürlich nicht davon abhielt, ganz gleich, wie krumm und schief es klang – was raus muss, muss raus! Überraschend gab’s mit „Seventh Son of a Seventh Son“ einen zweiten Longtrack, der, wenngleich von einem meiner Lieblingsalben stammend, live aufgrund seiner Keyboard-lastigen Parts etwas verlor – schlicht deshalb, weil kein Keyboarder auf der Bühne zu sehen war. So hätte ich mir stattdessen lieber drei andere Songs des Albums gewünscht, z.B. „Can I Play With Madness“, „The Evil That Men Do“ oder „Infinite Dreams“.

Sei’s drum, mit dem nach wie vor hochgradig beeindruckenden „Hallowed Be Thy Name”, „The Trooper“ (etwas irritierend: Bruce u.a. mit Deutschlandfahne wedelnd) und dem das reguläre Set beschließenden „Iron Maiden“ reihte sich Hit an Hit, bevor „Churchill’s Speech“ den Zugabenteil mit – natürlich – „Aces High“, „Fear of the Dark“ (Bruce als Nachtwächter) und dem großartigen AOR-Singalong-im-Sci-Fi-Metal-Gewand-Kracher „Wasted Years“ einleitete. Dann war Feierabend. Maskottchen Eddie war nicht nur im Artwork allgegenwärtig, sondern auch in unterschiedlichen Inkarnationen überlebensgroß über die Bühne gestampft und hatte Saures bekommen, was nach wie vor seinen herrlich trashigen Charme hat. Auf „The Loneliness of the Long Distance Runner” wird man aber wohl zeitlebens verzichten müssen und angesichts der vielen derzeit tobenden Kriege hätte ich „Afraid to Shoot Strangers“ als angebracht empfunden. Als einziges Album der genannten Phase wurde „No Prayer for the Dying“ komplett ausgespart, und dass „Revelations“ nicht gespielt wurde, war vielleicht ganz gut, denn dann hätte ich wohl weinen müssen. Das sind angesichts dieses bockstarken Sets aber Luxusprobleme. Nicht nur Bruce wirkte topfit, die ganze sechsköpfige Band mit ihren drei Gitarren war’s und Simon Dawson, der nach über 40 Jahren Nicko McBrain am Schlagzeug beerbte, gab sich ebenfalls keine Blöße. Einziger Wermutstropfen: Sein reduzierteres Schlagzeug sieht bei Weitem nicht so beeindruckend aus wie Nickos. Als mitten im Set die Dämmerung einsetzte, war auch die Atmosphäre perfekt, das Wetter blieb zudem trocken und der Großteil des Publikums hielt sich an die Bitte der Band, nicht ständig die Smartphones in die Höhe zu reißen und permanent zu filmen oder zu fotografieren. Das tat auch ich, weshalb ich nur wenige Schnappschüsse angefertigt und mich darüber hinaus im Netz bedient habe. Die Credits habe ich jeweils genannt; wer mit der Verwendung hier nicht einverstanden ist, braucht mich nur kurz anzuschreiben, dann entferne ich sie wieder.

Nach einem Absacker am Kiosk verabschiedete ich Christian, der das Glück hatte, dass seine eigentlich verpasste letzte Bahn kräftig verspätet war, und begab mich zu meiner Unterkunft. Den nächsten Tag stromerte ich noch durch Platten- und Comicladen, war dann aber auch einigermaßen matt und froh, am frühen Nachmittag nach Hause fahren zu können.

Damals wie heute: UP THE IRONS!

04.07.2025, Goldener Salon, Hamburg: MAID OF ACE + BOLANOW BRAWL

Unser dritter Gig in neuer Besetzung fand im schönen Goldenen Salon des Hafenklangs statt, der gegenüber dem „eigentlichen“ Hafenklang den Vorteil einer breiten Fensterfront mit Aussicht auf die Elbe sowie eines Tresens, an den gelehnt man weiterhin das Treiben auf der Bühne verfolgen kann, hat. Und auf der Fläche vor der Bühne befinden sich keine Stützsäulen, die den Blick erschweren könnten. Dafür muss man auf einen Backstage-Raum verzichten. Es handelte sich um ein Frühkonzert, das bereits um 20:00 Uhr beginnen sollte, weil die Räume im Anschluss für eine andere Veranstaltung benötigt wurden. Als wir um 17:00 Uhr ankamen, waren MAID OF ACE, die die Backline stellten, gerade mit dem Bühnenaufbau beschäftigt. Kurz darauf gab’s lecker Schmackofatz; zum ohnehin bereitstehenden kalten Buffett servierte mit Thommy einer meiner Hamburger Lieblings-Bandköche ein köstliches Kartoffel-Blumenkohl-Curry auf liebevoll angerichtetem gelben Reis. MAID OF ACE sind vier Schwestern (!), die offenbar alles selbst machen, jedenfalls fuhren sie selbst und hatten keinen Roadie oder Mercher dabei. Die Bassistin fehlte aufgrund eines dringenden anderen Termin leider, dafür war eine Freundin aus L.A. kurzerhand eingeflogen gekommen, die sich ihre Bassparts innerhalb knappster Zeit draufgeschafft hatte. Wow, ok! Es wurde soundgecheckt und als alles standesgemäß klang, waren wir an der Reihe. Allzu viel Zeit blieb allerdings nicht mehr, denn der Einlass war eigentlich für 19:00 Uhr geplant und das Volk begehrte denselben. Ein, zwei falsch ins fremde Equipment eingesteckte Kabel beschleunigten den Ablauf nicht unbedingt, aber irgendwas ist ja immer. Umso schöner, dass der Soundmann cool blieb und neben der P.A. den Bühnen- und Monitorsound bestmöglich mit uns aufeinander abstimmte.

Dieser Freitag lag inmitten zahlreicher relevanter Punkkonzerte, die an den Tagen zuvor stattfanden oder kurz darauf stattfinden sollten. Dennoch bot sich uns eine beachtliche Kulisse, als wir um kurz nach acht anfingen. Der interessiert dreinschauende Haufen gab sich zwar zunächst Hamburg-typisch etwas reserviert, aber mit ein paar dummen Sprüchen lockerten wir die Stimmung auf und brachten hier und da schließlich etwas Bewegung in die Bude. Es war der Tag der Veröffentlichung unserer ersten Digital-Vorab-Single („Cliché“) aus dem am 22. August bei Smith & Miller herauskommenden Album. Jenen Song spielten wir zusammen mit elf weiteren Nummern, wobei wir beim letzten Song trotz der einen oder anderen kurzen Stimmpause seltsamerweise irgendwie out of tune klangen. Die durch die eingangs erwähnte Fensterfront scheinende Sommersonne sorgte für eine für Indoor-Konzerte ungewöhnliche Tageslichtatmosphäre, gegen die die Nebelmaschine zumindest auf der Bühne ab und zu anarbeitete. Hat Spaß gemacht, gröbere Pannen waren ausgeblieben und die Anwesenden dürften passabel für den Hauptact aufgewärmt worden sein.

MAID OF ACE haben seit ihrer Gründung Mitte der 2000er eine für ‘ne D.I.Y.-Punkband ohne Plattenlabel beachtliche Größe erreicht. Drei Alben hat man herausgebracht und ist letztes Jahr mit GREEN DAY getourt. Derzeit sind sie auf Festland-Tour, was die fleißigen Ladies schon öfter waren, aber seltsamerweise hatte ich bisher keines ihrer Konzerte besucht und mich auch erst, als sich dieser Gig anbahnte, musikalisch mit ihnen beschäftigt. Asche auf mein Haupt, denn das ist wirklich geiler Scheiß: Klangen anfänglich noch herrlich dreckige Grunge-Einflüsse in ihrem rotzig-frechen UK-Punk durch, nahmen später die Streetpunk-Einflüsse zu. In jedem Falle aber geht’s immer kräftig in die Offensive, und als so umgänglich und freundlich sich die Mädels auch erwiesen, auf der Bühne wurden sie zu den reinsten Krawallschachteln, die aggressiv riffen, ballern und kehlig Gift verspritzen. Die Songs kommen dabei meist schnell auf den Punkt und bleiben dank mehrstimmiger Chants und Shouts sowie eingängiger Refrains haften. Der Sound im mittlerweile rappelvollen und entsprechend drängeligen Goldenen Salon war geil, das Publikum feierwütig und der Gig bis auf ein Manko ganz nach meinem Geschmack: Er hätte gern noch ‘ne Viertelstunde länger sein dürfen.

Unser Basser Urko hatte am nächsten Morgen eine wichtige Prüfung und verabschiedete sich daher frühzeitig, wir anderen halfen den Maids noch beim Equipmentschleppen und zumindest zu dritt plus Freunden führten wir sie noch zum Onkel Otto, wo sie bewiesen, auch am Glas ziemlich gut zu sein. Bei lauschigen Sommertemperaturen konnte man prima draußen sitzen und sich die Bettschwere antrinken. Und während wir den Rest des Wochenende freihatten, mussten MAID OF ACE am Nachmittag schon wieder auf die Bühne des Ruhrpott-Rodeos…

War ‘ne gelungene Sause! Danke an MAID OF ACE, ans Hafenklang-Team, die Besucherinnen und Besucher und nicht zuletzt Sandy für die Schnappschüsse unseres Gigs!

Ralf Heimann / Jörg Homering-Elsner – Zentralfriedhof wie ausgestorben

„Perlen des Lokaljournalismus“ zum Dritten: Die ersten beiden Bände bescherten mir Lachanfälle, also musste auch der dritte her. Dieser wurde im Januar 2019 wie gehabt im Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag als querformatiges, rund 200-seitiges Taschenbuch veröffentlicht und umfasst um die 200 neu eingesendeten und von Heimann sowie Homering-Elsner amüsant kommentierten Nachrichten-Schnipsel aus der deutschsprachigen lokalen Online- und Print-Journaille.

Einmal mehr geben sich missverständliche Formulierungen, sinnentstellende Schreibfehler und radebrechende Formulierungen die Klinke mit Text-Bild-Scheren oder fragwürdigen Layout-Entscheidungen in die Hand. Da fordert schon mal eine Politikerin die „Todesstrafe für Selbstmord-Attentäter“, werden „Pollenböller“ gefunden oder bittet die Stadtverwaltung „um mögliche Belästigungen“. Gefühlt diesmal etwas mehr enthalten sind tatsächliche Skurrilitäten, die die Presse schlicht aufgegriffen hat, z.B. der sich vor Blinden zeigende Exhibitionist. Leider abgenommen haben hingegen übersehene Platzhalter. Von besonderer Qualität sind erneut die Kommentare, die die Leserinnen und Leser auf den Humorgehalt der Fundstücke nicht nur stoßen, sondern ihn zuweilen potenzieren.

Auch in der dritten Runde immer noch lustig bis aberwitzig und damit eine perfekte leichte Lektüre für verschiedenste Gelegenheiten – von Bahnkurzstrecke über Strandkorb bis Klo.

20.06.2025, Monkeys Music Club, Hamburg: KNOCK OFF + RAZORS

Zugegeben, der Allerjüngste bin ich nicht mehr, und es häufen sich die Wochenenden, an denen ich mich bewusst anderen Aktivitäten als Konzertbesuchen widme – erst recht nach den allwöchentlichen beiden Krachproben mit meinen eigenen Kapellen. Doch nicht so an diesem Wochenende. Seit ich Wind von diesem Gig bekommen hatte, war meine Vorfreude von Tag zu Tag gestiegen. Das lag zum einen daran, dass ich KNOCK OFF noch nie live gesehen hatte, obwohl ich mir seinerzeit das „You Get One Life“-Vinylalbum zugelegt hatte und sie meines Wissens immer mal wieder in Hamburg vorstellig geworden waren. Der nächste Grund war, dass ich die RAZORS lange nicht mehr gesehen hatte – vermutlich, weil ich deren alljährliche Knust-Gigs „zwischen den Jahren“ regelmäßig schwänze. Zuvorderst ausschlaggebend aber war, dass mir mal wieder der Sinn nach klassischem Punkrock zwischen ’77 und ’82 stand, und zwar unprätentiös im Club.

In eben jenem dachte ich mir von so’nem großen Blonden, hey, den kennste doch…? Tatsächlich: Der Gitarrist von HEROES 2 NONE, mit denen wir kürzlich in Flensburg die Bühne geteilt hatten, war zusammen mit Freunden eigens für dieses Konzert aus Dänemark angereist. Kiek an! Hamburgs Punk-Ursuppe, die RAZORS, betraten um 21:30 Uhr die Bühne, aufgrund eines zickenden Monitors (der Klassiker!) verzögerte sich der Beginn noch um ein paar wenige Minuten. Mit Danker als Sänger und Sven an den Drums sind noch zwei Originalmitglieder des Quartetts dabei, das mit „Don’t Go“ in sein umfassendes, Klassiker des deutschen, aber englischsprachigen ’77-Punkrocks ebenso wie mal etwas streetpunkigeres, mal etwas ruppigeres Post-Reunion-Material abdeckendes Set einstieg. Vor „Come Closer“ gab Danker die Geschichte zum Besten, wie der Song entstanden sei – nämlich wegen der HEARTACHES im Vorprogramm von THE BONES im Jahre 2002 im SO36. Während „Christ Child“ verließ er die Bühne und mischte sich unters Publikum, das überwiegend auch nicht mehr zum jüngsten zählte, aber auch ohne Blutpogo sichtlich seinen Spaß hatte – nicht zuletzt an der humorigen Kommunikation mit der Band. Man kennt sich eben. Danker ist mit Mitte 60 fit wie ein Turnschuh und bestens bei Stimme, generell machte die Band einen supereingespielten und nach wie vor leidenschaftlichen Eindruck. Drums und Bass sorgten für ordentlich Wumms und Stoffel an der Klampfe, der vor ein paar Jahren von Witte übernahm, macht seine Sache offenbar mit viel Verve und Hingabe. Die Backing-Chöre saßen wie ‘ne Eins und der Sound war super – da gibbet echt mal gar nix zu meckern. An Coverversionen gab’s wie üblich das hübsch verpunkte „Heroes“ (DAVID BOWIE) und das in „You’ll Never Walk Alone“ übergehende „Because You’re Young“ (COCK SPARRER). Richtig geiler Gig, der mich euphorisiert hat und zu dem das Bier noch mal besser schmeckte.

Das britische Trio KNOCK OFF war seit Veröffentlichung seines Debütalbums 2014 ziemlich fleißig und bringt es mittlerweile auf sechs Langrillen sowie diverse EPs. War der Sound anfänglich noch UK82-beeinflusst, wurde er bald darauf immer streetpunkiger. Die, grob geschätzt, eine gute Stunde abdeckende Setlist bot ein schöne Mischung quer durch die Diskographie. Das bedeutet: Klassischer britischer Sound mit einfachen, dafür sofort zündenden Melodien, vielen Mitsingrefrains und ganz viel Attitüde inklusive dickem Mittelfinger gegen Politik und sonstige Autoritäten, die einem das Leben erschweren. „We Are Proud“ widmete man dem leider verstorbenen THE-BUSINESS-Sänger Micky Fitz mit Verweis auf deren „Real Enemy“-Message. Dass der Bassist ganz neu dabei war, merkte man ihm nicht an. Souverän und spielfreudig reihten sie die eingängigen Songs mitsamt kurzer, prägnanter Ansagen aneinander und spielten auch ihre Zugaben, ohne vorher die Bühne zu verlassen und sich zurückbitten zu lassen. Für meinen Geschmack könnte die Band ein paar Tempowechsel und die eine oder andere Uptempo-Nummer vertragen, aber auch im Midtempo brachten sie nicht nur mich zum Tanzen und hielten die gute Stimmung unter den vermutlich knapp hundert Gästen mehr als nur aufrecht. Sie hätten mehr Publikum verdient gehabt und ich wünsche mir, dass die Jugend diesen schnörkellosen, guten alten Sound irgendwann für sich entdeckt.

Aufgrund des stark blendenden Lichts war’s nicht leicht, halbwegs ansprechende Schnappschüsse zu fabrizieren, was man dem einen oder anderen Foto ansehen dürfte. War aber ein gelungener Abend, der musikalisch so verlief, wie ich ihn erwartet und mal wieder gebraucht hatte. Danke dafür!

13.06.2025, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2025

Wieder einmal feierte der Altonaer Bauwagenplatz in der Gaußstraße sein alljährliches Gratis-Open-Air-Festival, diesmal wieder bei Spitzenwetter. Der Bierpreis blieb stabil bei 1,- EUR (!), Essen gab’s auch, vor allem aber Livemusik und ein zahlreich erschienenes buntes Publikum von jung bis alt. Wie üblich ging die Sause zwei Tage lang, ich war am ersten da – einem Freitag, den 13. Ob das gutgehen konnte…? Ja, doch:

Die erste Band, HOBBY AUF’M DORF, habe ich verpasst, zu FREVEL aus Schleswig-Holstein war ich aber pünktlich am Start. Die haben einen neuen Basser namens Paul und zocken nach wie vor kompromisslosen deutsch- und englischsprachigen HC-Punk mit kräftiger Thrash-Kante. Der aggressive Sound mit Shouter Tims kehligem Gebrüll passt perfekt in die heutige Zeit, die Tim in klugen Ansagen kommentierte. Entsprechend fiel diesmal auch die Songauswahl aus, die auf spaßigere Lieder weitestgehend verzichtete. Für musikalische Abwechslung sorgte die eingestreute Funk-Punk-Nummer „Bombe“ (o.ä.). Vor der Bühne war ordentlich was los, immer mal wieder verließ Tim die Bühne und machte einfach mit. Der Sound klang anfangs hier und da noch etwas übersteuert, wurde mit der Zeit aber immer besser. Als lauthals geforderte Zugabe spielte man „Die Maschine“ ein zweites Mal, vermutlich hat sich der neue Mann am Viersaiter noch nicht das gesamte Repertoire draufgeschafft. Der ehemalige Bassist fand sich übrigens feiernd im Publikum wieder und werde, so hieß es, wohl eine neue Band gründen.

MALAKOV aus Braunschweig und Gelsenkirchen kamen nach einer rekordverdächtig langen Umbaupause auf die Bretter – und hatten prompt Probleme mit ‘nem Gitarrenkabel. Irgendwann ging’s aber los, und es kam mir von Anfang an bekannt vor. Spätestens beim Song mit der repetitiven „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“-Aufforderung war mir klar, dass mir die schon mal irgendwo live untergekommen sein mussten. Mittlerweile weiß ich: Klar, genau hier, auf dem Gaußfest vor drei Jahren. Das Quintett ist zum Quartett geschrumpft, keine Ahnung ob dauerhaft oder nur temporär. Das bedeutet, dass der deutschsprachige Punkrock mit nur noch einer Gitarre gezockt wird. Mir kommt’s im Nachhinein – nach Vergleich mit meinen damaligen Eindrücken – zudem so vor, als habe die Band diesmal verstärkt melancholisches, mitunter gar balladeskes Material gespielt, das mir nicht so gut reinlief. Die Knüppelsongs hingegen waren geil und passten auch besser zum Organ des Sängers. Wie bei Frevel wurde ausgelassen getanzt, gefeiert und mit Bier gespritzt. Nach gleich mehreren Zugaben gab’s Pausenunterhaltung in Form einer Show-Einlage mit brennenden Fackeln vor der Bühne von lateinamerikanisch anmutenden Gauklern.

Als mit HUMAN BEHAVIOR die letzte Band des Abends loslegte, war es dunkel geworden, was der Atmosphäre zuträglich war. Als die ersten Riffs erklangen, erinnerte mich der Sound an S.O.D. und Konsorten, was mich vor die Bühne lockte. Dort war ich erstaunt, lediglich ein Duo vorzufinden, das Krach für ‘ne ganze Band machte: Die beiden Typen aus Berlin und Wien zockten tiefergestimmten (und dadurch basslastig anmutenden) HC-Punk mit deutschen und englischen Texten humorlos und zunächst ohne jegliche Ansagen herunter, zwischen den eher kurzen Songs gab’s dafür nicht zu knapp Feedback-Gequietsche auf die Ohren. Der Drummer trommelte pornös, der Gitarrist brüllte zwischen heiser und brachial die Texte. Gegen Ende fand dann doch ein bisschen Kommunikation mit dem von der Darbietung sehr angetanem Publikum statt und auch hier gab’s Zugaben. Respekt für diese Zwei-Mann-Leistung, die live bei perfektem Sound sehr geil kam.

Danke, Gaußplatz – hoffe, der zweite Tag war genauso gelungen!

HM Photo Book: Heavy Metal in Japan

Es gibt offenbar diverse Fotobücher, die ausschließlich aus Hardrock- und Heavy-Metal-Musiker(innen) und -Bands abbildenden Fotografien bestehen, wofür es vor World Wide Web und dessen asozialen Medien anscheinend einen größeren Markt gab. Als ich neulich an einem freien Tag nach langen Jahren erstmals wieder jenem verwunschenen Ort, in dem ich aufwuchs, einen Besuch abstattete, steuerte ich zielstrebig einen recht großen Gebrauchtwarenhandel an, wie ich es als Perlentaucher und Schnäppchenjäger üblicherweise so mache. Dort fand ich null komma nix, das Büchertauschregal des Supermarkts aber hielt dieses Schätzchen hier für mich bereit, als habe es nur meiner Abholung geharrt.

Auf den (laut Amazon, es hat keine Seitenzahlen und ich habe nicht nachgezählt) 128 Seiten dieses 1983 im Londoner Verlag Omnibus Press erschienenen broschierten Buchs halten sich groß- und mittelformatige Fotos verschiedener Fotografen von Bands wie Black Sabbath, Thin Lizzy, AC/DC, Motörhead, Deep Purple usw. in Farbe und Schwarzweiß in etwa die Waage. Das sind mal Fotos von Liveaufnahmen, mal Backstage-Impressionen oder privat anmutende Schnappschüsse, aber auch gestellte Posen und Porträts. Allen gemein ist die hohe Qualität und dass sie in Japan entstanden sein sollen. Da es sich mitnichten um allseits bekanntes Material, das ständig irgendwo abgedruckt würde, handelt, freue ich mich über diesen Zufallsfund, in dem einem die Michael Schenker Group übrigens beim Baden im Meer die blanken Hintern zeigt.

David E. Gehlke – Systemstörung: Die Geschichte von Noise Records

Das vom US-amerikanischen Metal-Nerd und -Journalisten David E. Gehlke geschriebene Buch „Damn The Machine“ aus dem Jahre 2017 über das legendäre Berliner Metal-Label Noise Records wurde vom Berliner Iron-Pages-Verlag lizenziert, wo es in deutscher Übersetzung durch Rock-Hard-Redakteur Andreas Schiffmann erschien. Das Taschenbuch ist rund 500 Seiten stark und enthält weshalb auch immer ein Vorwort Hansi Kürschs, der mit keiner seiner Bands (u.a. Blind Guardian) jemals auf Noise Records war. Dem Korrektorat ist da ein bisschen was durchgerutscht, was leider auch im weiteren Verlauf immer mal wieder passierte. Übersehene Tippfehler u.ä. ziehen sich durchs Buch und die englischen Anführungsstriche (auf beiden Seiten oben) irritieren. Aber es kommt ja auf den Inhalt an:

Gehlke erklärt Noise zum „Grundstein der weltweiten Metal-Szene“, was mir nicht nur etwas hochgegriffen scheint, sondern – bei allem Respekt vor Noise und den geilen Platten, die dort erschienen – schlicht Quatsch ist. Zunächst ist sein Buch eine Biographie des Label-Inhabers Karl-Ulrich Walterbach. Dieser studierte, wie wir erfahren, in Münster und Dortmund, bevor er nach Berlin zog, schlug eine Karriere als linker Terrorist ein, die jäh gestoppt wurde, landete für eineinhalb Jahre im Knast, war Hausbesetzer und Technik-Hehler. Mit Punk begann sein musikalisches Interesse und erstmals tat er etwas Sinnvolles, indem er gute Pionierarbeit im Konzert- und Labelbereich leistete (nicht minder legendär als manche Noise-Veröffentlichung sind die Punkscheiben auf Walterbachs „Aggressive Rockproduktionen“-Label). Zu diesen zählt die Compilation „Soundtracks zum Untergang“, der Gehlke respektive Schiffmann die Beteiligung einer Band namens „Hate Ahead“ andichten (S. 36). Tatsächlich enthalten sind die Bands „Hass“ und „Aheads“ – ein Fauxpas aus der Übersetzungshölle?

Die Gründung des Hamburger Punk-Labels Weird System datiert Gehlke aufs Jahr 1993, was ebenfalls verkehrt ist: 1982 wär’s gewesen. Nichtsdestotrotz liest sich der Punkteil des Buchs interessant, u.a. wenn es um Walterbachs DDR-Kontakte und die „DDR von unten“-Veröffentlichung geht. Während der Punk-Krise Mitte der 1980er wechselte Walterbach zum aufstrebenden Metal und gründete mit punkiger Attitüde, aber auch einem guten Näschen fürs Geschäft Noise Records. Über Heavy Metal und dessen damalige Akzeptanz sagt er (S. 69):

„Die selbsternannte Elite, diese intellektuellen Musikzensoren… für sie war das unerhört. Metal, so etwas konnte man nicht machen. Was sollte das überhaupt sein? Schrott. Der Lärm der Arbeiterklasse. Nichts, womit sich ein Denker abgeben würde.“

Und (ebd.):

„Die Frage, ob man Geld verdiente oder nicht, wird in der Metal-Szene nicht ideologisiert. Vielmehr heißt man Erfolg gut, wohingegen man sich im Punk kasteien musste. Mit der Zeit ging mir das echt auf die Nerven, die dauernden Rechtfertigungen, dieser unsinnige Vorwurf der Kommerzialisierung. Darum bin ich froh, es mit Metal probiert zu haben. Verdiente man Geld und zeigte es, indem man etwa einen Jaguar fuhr, steigerte das eher noch das Prestige. In der Punk-Szene ist es genau umgekehrt!“

Auf Seite 70 wird suggeriert, in den Jahren 1993 und 1997 seien zwei weitere „Soundtracks zum Untergang“-Compilations bei Walters nie offiziell aufgelöstem Punklabel erschienen. Dazu sei angemerkt, dass es sich beim dritten Teil um eine reinen Hip-Hop-Sampler handelte und Teil 4 nicht bei Aggressive Rockproduktionen, sondern bei Impact Records erschienen war.

Fortan geht es nun aber also vornehmlich um die ersten Noise-Jahre, wofür Walterbachs erste PR-Beauftragte Kunold ebenso zu Wort kommt wie seine Sekretärin Nielsen und die Vertriebswegbeaufsichtigerin Lange, sodass das Buch nicht allzu monoperspektivisch ausfällt. Der Voivod-Song „Ripping Headaches“ befindet sich allerdings auf „Rrröööaaarrr“, nicht auf „Dimension Hatröss“ – das hätte spätestens Schiffmann beim Übersetzen auffallen müssen. Interessante Einblicke bieten die Abrisse zu den US-Labels Metal Blade und Megaforce, mit denen Noise Lizenzen tauschte. Die erste richtige, eigene Labelband wurden Grave Digger. Gehlke schreibt über die ersten beiden Noise-Compilations, darunter „Death Metal“ mit dem ein Jahr später zensierten Cover, und widmet den Schweizern Celtic Frost ein eigenes Kapitel. Ain, Fischer und Priestly kommen zu Wort, wobei unklar bleibt, ob Gehlke die Statements woanders aufgeschnappt oder wirklich fürs Buch mit ihnen geredet hat. So oder so kommen lesenswerte Interna ans Licht und beide Seiten – Band wie Label – zu Wort. Gehlke findet angemessen kritische Worte zu Walterbach und dazu, wie dieser Celtic Frost behandelte.

Auf ein Kurzporträt des Cover-Künstlers Andreas Marschall folgt ein eigenes Kapitel über Grave Digger, das gerade auch wegen der Verirrung mit der kommerziell ausgerichteten Umbenennung in Digger und der anschließenden temporären Auflösung interessant ausfällt. Jedoch findet sich hier in erster Linie Walterbachs Sicht der Dinge, und an Bandkopf Chris Boltendahl lässt er kein gutes Haar. So richtig spannend wird’s im Running-Wild-Kapitel: Auf der ambitionierten US-Tour mit Celtic Frost und Voivod floppte die Hamburger Kombo und erstmals werden die Streitereien zwischen Noise und EMI erwähnt. Folgerichtig geht’s mit Helloween weiter. Die Hamburger waren Walterbachs bestes Pferd im Stall, die Briten wollten sie Walterbach wegschnappen und die Band wurde zwischen beiden Fronten regelrecht zerrieben. Leider endet das Kapitel abrupt noch vorm Götteralbum „Keeper of the Seven Keys Part 2“, jenem bis heute unerreichten Meilenstein des europäischen Power Metal. Den Song „Gorgar“ hat Gehlke falsch interpretiert, denn er handelt von Video- oder Flipperspielsucht und hat nichts mit einem etwaigen „Monster-Fetisch“ zu tun. Erwähnen hätte er vielleicht noch können, dass Maskottchen Fangface später bei Gamma Ray wieder zu Ehren kam, jene Band, die Gitarrist Kai Hansen aus der Taufe hob, nachdem er Helloween verlassen hatte.

Unfassbar knapp ist das Rage-Kapitel ausgefallen, obwohl die Herner Band um Peter „Peavy“ Wagner satte sieben Alben bei Noise veröffentlichte. Auf Deutschlands größten Thrash-Export Kreator folgt ein kurzes Kapitel übers Kuriosum Rosy Vista, eine es damals lediglich auf eine Mini-LP gebracht habende reine Frauenband, in dem Walterbach alles andere als gut aussieht. Um die Frankfurter Alcoholic-Metaller und Bembel-Thrasher Tankard geht es bis zum Labelwechsel. Kapitel 11 dreht sich um Noise‘ Expansion gen USA und UK und damit in erster Linie ums internationale Geschäft, was es mitunter etwas schwer zu lesen macht. (Und das englische Pop-Duo heißt Erasure, nicht „Eraser“…) Bei der Aufzählung besonders angesagter E-Gitarrenbands zu Beginn der 1990er unterschlägt Gehlke doch glatt Metallica, die mit dem „Black Album“ überlebensgroß wurden (und leider vergaßen, sich anschließend aufzulösen).

Dem Streit zwischen Celtic Frost und Noise widmet Gehlke anschließend ein eigenes Kapitel, aus dem all die Ignoranz Walterbachs dieser fantastischen Band gegenüber hervorgeht. Jedoch wird auch das „Cold Lake“-Desaster detailliert geschildert, so detailliert zumindest, wie ich es zuvor noch nicht gelesen hatte. Die innovativen, von Noise veröffentlichten Tech-, Prog- und Post-Thrash-Bands Coroner, Voivod, Watchtower und Sabbat werden in einem separaten Kapitel zusammengefasst und anschließend Helloween wieder aufgegriffen, sodass auch den Ereignissen nach den „Keeper…“-Alben genügend Raum geboten wird. Eine der spannendsten Geschichten des deutschen Metal-Business, das beweist, wie viel Macht die Labels damals hatten – und wie sie sie auf dem Rücken von Bands missbrauchen konnten.

Das Ende der DDR schuf auch für Walterbach neue Märkte und Möglichkeiten. Als er vom legendären Konzert mit Noise-Bands am 04.03.1990 in der Werner-Seelenbinder-Halle erzählt und angesichts über 4.000 zahlender Gäste nicht glaubt, dass der Ort jemals zuvor derart gut besucht gewesen sei, hat er offenbar das nicht minder legendäre Depeche-Mode-Konzert vergessen, zu dem 1988 die FDJ geladen hatte und das natürlich ausverkauft war. Generell wirkt Walterbach gegenüber der ehemaligen DDR etwas arrogant.

Mittlerweile ist das Buch in den 1990ern angekommen, das für die klassischen Metal-Spielarten kein sonderlich gutes Jahrzehnt war. So geht es im weiteren Verlauf viel um Walterbachs Bestrebungen, mit den sich verändernden musikalischen Vorlieben und Marktbedingungen Schritt zu halten, womit sich einiges nachlesen lässt, was man seinerzeit vielleicht nicht mitbekommen oder schlicht ignoriert hat, weil einen das Genre nicht mehr sonderlich interessierte. Darunter finden sich einige ganz spannende eingestreute Geschichten, es geht aber auch relativ ausführlich um Noise‘ Unternehmungen und Dependancen im Ausland inklusive viel Namedropping und wer genau wann wo welchen Vertrieb für Noise übernahm oder von Noise angestellt wurde, was für mich persönlich eher semiinteressant ist. Am Ende steht der Verkauf des Labels an Sanctuary. Angemerkt sei noch, dass Timo Kotipelto erst ab 1994 bei Stratovarius sang, nicht wie auf Seite 405 behauptet bereits ab 1984.

Der letzte Abschnitt befasst sich mit Walterbachs Aktivitäten im Band-Management. Das Nachwort gehört Walterbach persönlich. Gehlkes Danksagungen, die Noise-Top-5 verschiedener Szene-Größen und eine komplette Noise-Diskographie runden das Buch ab, das trotz erwähnter Fehlerchen einen umfassenden Einblick nicht nur in die Geschichte von Noise Records, sondern auch in die Vita und den Charakter des streitbaren Karl-Ulrich Walterbachs gewährt und zahlreiche Szenestimmen zu Wort kommen lässt, die verhindern, dass es zu Walterbach-exklusiv würde. Auch als jahrzehntelanger Metal-Postillen-Leser, dem vieles bereits bekannt war, habe ich einiges Neue erfahren, vorhandenes Wissen auffrischen oder tiefer ins Detail gehen und nicht zuletzt einer über weite Strecken unterhaltsamen Lektüre über eines meiner Steckenpferde frönen können. Die vielen Fotos, seien es die Schwarzweiß-Bebilderungen im Text oder die beiden mehrseitigen Farbfotostrecken, lockern das Buch zudem angenehm auf und zeigen nicht nur Altbekanntes.

Nicht am falschen Ende zu sparen und das Manuskript vor Drucklegung einem Lektorat zu überantworten, hätte wohl die o.g. Fehler verhindert; und ein professionelles Korrektorat hätte sicherlich Tippfehler wie „Mitpreis“ (S. 88, statt „Mietpreis“) oder „Maquis“ (S. 270, statt „Marquis“) oder auch Sätze wie „Wir baten ihnen sogar von uns aus, wieder mitzumachen“ (S. 95) respektive „Du denkst, du bekommst eine große Chance, und jemand niemand sie dir“ (S. 353) ausgemerzt. Einerseits mögen das typische Erstauflagenkrankheiten sein, andererseits ist es ein bisschen schade, dass dieses als Standardwerk zu Noise Records zu bezeichnende Buch davon betroffen ist.

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