Günnis Reviews

Datum: 19. Dezember 2009

HAGBARD CELINE – AM ENDE DIE GUTEN CD

(www.nix-gut.de) / (www.myspace.com/hagbardcelinepunk)

Mit der Titelmelodie der Kult-Jugend-Science-Fiction-Serie „Die dreibeinigen Herrscher“ als Intro punktet man bei mir schon mal. Und zu meiner Überraschung klingt das Album ganz anders als noch der Vorgänger, der mir als schlechter KNOCHENFABRIK/CHEFDENKER-Möchtegern-Klon in Erinnerung ist. Das ist hier glücklicherweise nicht mehr der Fall. Der Sänger grölt sich jetzt leicht schief und heiser durch zwölf deutschsprachige Songs mit zu einem großen Teil recht schwermütigen Texten, in denen viel Persönliches von Chris de Barg, dem Kopf der Band, steckt und mich vom Gesangsstil her an z.B. WEHRLOS erinnert. Dazu passend die vernünftig produzierte Mucke, die flotten, aber trotzdem getragenen, mitunter auch melancholisch wirkenden Punkrock souverän darbietet. Die Abwechslung bleibt dabei allerdings auf der Strecke und die immer gleiche Art des Vortragens kann durchaus ermüdend wirken. Wer aber Lust auf ein Album hat, auf dem sich jemand durch seine persönlichen Abgründe wühlt und dabei auch immer mal gegen System und Gesellschaft schießt, kann hier genau das finden, und zwar ohne aufgesetzte Attitüde oder Poser-Schnickschnack. Zum „Easy Listening“ gänzlich ungeeignet, weil irgendwie runterziehend und auf Dauer monoton, aber besser als der xte halbherzige Klischee-„Deutschpunk“-Aufguss. Letztendlich werden sich die Geister am Gesang scheiden, der alles andere als schön, dafür aber inbrünstig und energisch klingt. Mir persönlich fehlen aber einfach die Abwechslung, die Auflockerung und der Überraschungseffekt. Im farbigen und passend illustrierten Booklet lässt sich, stellenweise sogar mit Kommentaren versehen, nachlesen, was dem Sänger so auf der Seele brennt. Zwölf Songs in 40 Minuten. 3-. Günni

ATEMNOT – UNVERGESSEN CD

(www.myspace.com/atemnotband)

Schon wieder ein neues ATEMNOT-Album? So sieht’s aus. Diesmal leider ohne die ESA-ZECKEN, stattdessen fast allein von Einhorn mit Unterstützung von ein paar Freunden eingespielt. Während mir das letzte Album, das mit besagten ESA-ZECKEN zusammen eingezimmert wurde, überraschend gut gefiel, muss man hier leider wieder deutliche Abstriche machen. Die Mucke schwankt zwischen angezogener Handbremse und flotten Uffta-Attacken und kommt relativ überraschungsarm daher. Die Texte sind mal wieder sehr durchwachsen. Einige sind nicht verkehrt, andere aber Totalausfälle („TV Total“ – ein vernünftiger medienkritischer Song ist was anderes, „Zukunft/Fortschritt“ – stumpfe Technologiefeindlichkeit ausgerechnet von Leuten, die E-Gitarre spielen und selbst Webseiten im Netz haben) und viele sind verdammt holprig ausgefallen, reimen sich schlecht oder gar nicht… Naja, an ATEMNOT-Songs aber viel interessanter ist meines Erachtens, wie viel von Einhorns Persönlichkeit, der das Ganze ja anscheinend glücklicherweise noch immer mit viel Spaß und Herzblut betreibt (und gemäß Fotos in hervorragender körperlicher Verfassung zu sein scheint), durchschimmert und für den Hörer spürbar wird. Insofern gefallen mir die persönlicheren, sentimentaleren Anklänge auch hier am besten. Das Stück „Mein Kapitän“ wird übrigens von einer weiblichen Stimme (Agnes?) begleitet und sticht dadurch schön hervor, gefällt mir gut. Weitere Gastsänger sind Deutscher W., KELLERGEISTER-Karin, Michael von WILDE ZEITEN und Uwe Golz (DAILY TERRORISTEN), der das Album auch produziert hat. Die einzelnen Songs sind verdammt kurz ausgefallen und aus vielen hätte man wohl textlich und musikalisch noch mehr herausholen können, aber so richtig schlecht ist das nun alles auch nicht. Beim Lesen des Booklets, in dem alle Texte abgedruckt wurden, sind mir aber wieder verdammt viele Rechtschreibfehler wie „Argentur“ oder „Wehr’t euch“ aufgefallen, die doch echt nicht sein müssten, wenn man da noch mal jemanden drüberlesen lassen würde. Sowas macht auf mich immer einen unangenehm schludrigen Eindruck (und, nein, ich finde nicht, dass das Punk ist). Und macht die Frau aus „Spießer Revier“ wirklich „wieder willig“ die Beine breit oder doch eher „widerwillig“? Veröffentlicht wurde „Unvergessen“ übrigens auf dem bandeigenen Label und die auf 500 Exemplare limitierte Erstauflage enthält zwei Bonustracks, einer davon ist der Song „Unvergessen“ von Einhorn auf bayrisch eingesungen. Hat etwas gedauert, bis ich die Sprache erkannt hab, haha. 16 Songs in 36 Minuten. 3-4. Günni

(R)OHRPOST #8

(www.myspace.com/rohrpostfanzine, T. Osterkamp-Koopmann, am Schützenplatz 18a, 26409 Wittmund)

Aus dem nördlichen Niedersachsen, genauer: aus Ostfriesland stammt das (R)ohrpost-Zine von TurboTorben, das ich nun zum ersten Mal in die Finger bekam. Im Vorwort des A5ers merkt dieser auch gleich an, dass er für diese Ausgabe wieder ca. ein Jahr gebraucht hat, so dass natürlich nicht alle Inhalte topaktuell sind. Muss ja auch nicht. Ein Konzertbericht aus dem Jahre 2007 ist dann aber vielleicht doch etwas überholt, oder? Oder hat diese Ausgabe auch schon ein paar Monate auf dem Buckel und wurde uns erst jetzt zugeschickt? Weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Wie dem auch sei, diese Ausgabe bietet ein ausgewogenes Potpourri aus teilweise sehr Persönlichem aus dem Leben Torbens und seiner Mitstreiter (z.B. einen sehr schönen Bericht über den steinigen Weg zum Punkerdasein auf dem Dorf und wie es dann so richtig losging – sehr geil!), Politischem und Kritischem (Schwerpunkt dieser Ausgabe: Hausbesetzungen) und natürlich Musik (Interviews mit PARADOX, der türkischen Punkband POSTER ITI und ein Kurzgespräch mit BEHIND ENEMY LINES). Es geht viel um Freiräume, um persönliches Engagement und seinen subkulturellen Weg zwischen Party feiern auf der einen und politischem Bewusstsein auf der anderen Seite, es geht um Solidarität untereinander, auch wenn man nicht immer einer Meinung ist und was mir an der politischen Seite dieses Zines am besten gefällt: Torben und Co. sind auf dem Boden der Tatsachen geblieben und schreiben nicht arrogant von oben herab oder leiden unter Realitätsverlust. Insgesamt bietet das Heft einen prima Überblick über die Geschehnisse im hohen Norden der Republik Außerdem wird Mareike vom RANDGESCHICHTEN-Zine ebenso interviewt wie die „Cakekingmafia“, die Muffins auf Punkkonzerten verteilt. Dazu passend gibt’s Rezepte (kommt eigentlich noch irgendein Fanzine ohne aus?). Das Interview mit der „texanischen Oi!-Crust-Band Distroi!“ fällt wohl unter Satire und neben den obligatorischen Konzertberichten und Reviews weiß ein Frankreich-Reisebericht gut zu unterhalten. Etwas wirr, aber trotzdem interessant erscheint mir das Geschreibsel eines Seemanns auf Reisen, während die Piraten vor der afrikanischen Küste in aller Munde und Medien waren. Nicht so sinnvoll finde ich hingegen, seitenweise per Copy/Paste Berichte über Naziaktivitäten aus fremder Quelle einzufügen, wobei ich aber nicht beurteilen kann, wie wichtig das evtl. für die Region ist. Leider hat man es in der langen Erstellungszeit des Hefts auch nicht geschafft, es noch einmal auf die teilweise haarsträubende und den Lesefluss störende Rechtschreibung hin zu überprüfen. Und leider wird auch bei der (R)OHRPOST immer mal wieder auf linkes Dummdeutsch zurückgegriffen, was, vor allem bei halbherziger Anwendung und in Verbindung mit Rechtschreibfehlern erst recht nicht gerade der Lesefreundlichkeit dienlich ist. Beispiel gefällig? „Wenn einem da nach ist, macht Mann/Frau halt ein kleines Fanzine und beglückt den ein oder anderen LeserInn!“ Argh! Eher verzeihlich finde ich da den einen oder anderen Layoutpatzer, z.B. wenn die letzte Zeile einer Seite fehlt oder der Absatz erst auf der übernächsten Seite weitergeht… Schade allerdings, dass man die Seiten nicht konsequent durchnummeriert hat – die Nummerierung hört, warum auch immer, plötzlich auf!? Trotzdem ein wie gesagt interessant zusammengestelltes Fanzine von interessanten Leuten, in dem viel Persönliches und spürbar viel Herzblut steckt, nur eben mit Abzügen in der B-Note. 😉 Ca. 80 Seiten im Schnipsellayout, die mit einem lächerlichen Euro zubuche schlagen. Günni
P.S.: Da Torben im Vorwort auf einen etwas angeschlagenen gesundheitlichen Zustand hinwies, möchte ich an dieser Stelle einfach mal alles Gute wünschen. P.P.S.: Die (R)OHRPOST-Meute macht auch Punkrock-Radio, schaut mal unter rohrpostfanzine.blogsport.de!

DIE PUCKS – NOCH MEHR GEILE SCHEISSE! CD

(www.rilrec.de) / (www.diepucks.de)

Falls die Dresdner sich nach Puck, der Stubenfliege, benannt haben, sind sie ähnlich lästig wie seine Artgenossen, denn nach meinem unmissverständlichen Verriss des Debüts vor zwei Jahren fühle ich mich tatsächlich belästigt, nun auch noch mit dem Folgewerk betraut zu werden. Aber was soll’s, Ohren zu und durch. Ich muss zugeben, die Texte überraschen mich diesmal positiv. Die sind aus dem Leben gegriffen, durchdacht, klischeefrei, trotzdem mitunter kritisch und nachdenklich. Wirklich nicht schlecht. Nur leider ist die Mucke nach wie vor unerträglich. Der Sänger lispelt immer noch wie die Sau, die Sängerin klingt ausdruckslos und schief und das Schlagzeug wirkt oft neben der Spur. Trotzdem ist ein Fortschritt erkennbar, ganz so mies wie die erste Platte ist das nicht mehr. Manche Melodie klingt gar nicht verkehrt. Alles in allem ist das aber immer noch viel zu harmlos und nix, was meiner Meinung nach als vollwertiges Album auf die armen Fanziner losgelassen werden sollte. Obwohl das von Frank Ludes (NONSTOP STEREO) gestaltete Cover witzig gestaltet wurde, der übrigens zusammen mit Dirk von den SMELLY CAPS als Gastsänger dabei ist. Vollfarbiges Booklet mit allen Texten, 14 Songs in 34 Minuten. Texte: 2, Mucke: 4-5. Günni

ABSTURTZ – ALLES RISKIERT CD

(www.nix-gut.de) / (www.absturtz.de)

Bereits mit ihrem letzten Album haben die Schleswig-Holsteiner ABSTURTZ mir bewiesen, dass sie ein ordentliches Metal-Punk-Brett mit viel Energie spielen können. Auch hier geht’s ziemlich flott und ungestüm mit aggressivem Gesang zur Sache, druckvoll produziert mit vielen hymnischen Mitgrölrefrains, sporadisch aufgelockert durch Offbeat-Parts u.ä. Die Musik, von der Band ganz bescheiden als „Deutschpunk Deluxe“ umschrieben, geht ab, keine Frage. Textlich fällt aber auf, dass man sich quasi gänzlich von Songs über Politik und Gesellschaft verabschiedet hat und eine mitunter etwas selbstverliebt anmutende persönliche Schiene fährt, die mich hier und da sogar an eine Frankfurter Kultband erinnert. Mit dem „Sankt Pauli Lovesong“ hat man noch eine echte Schunkelhymne geschaffen und mit „Mach was du willst“ ’ne Ballade ans Ende gepackt, nach der aber noch ein versteckter Track in Form einer derben Holsteiner Saufhymne folgt. Freunde der Band werden mit diesem Album gut klarkommen; wer sie vorher nicht mochte, wird es jetzt vermutlich erst recht nicht tun. Ich find’s geil. 16 Songs in 39 Minuten. 2. Günni

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