Günnis Reviews

Monat: Dezember 2020

Mad-Taschenbuch Nr. 28: Sergio Aragones – Mad-süchtig!

Mad-Urgestein Sergio Aragones‘ fünfter Band innerhalb der Mad-Taschenbuchreihe erschien im US-amerikanischen Original bereits im Jahre 1977, drei Jahre später folgte die deutsche Ausgabe. Aragones blieb seinem Stil treu und füllte die rund 160 Schwarzweißseiten mit ein- bis dreiseitigen gezeichneten Gags ohne jede Sprech- oder Denkblase oder sonstigen Text. Seine karikierenden Strichzeichnungen sind unverkennbar und enthalten einfache, aber auch etwas hintergründige Witze, die diesmal besonders gern diverse Klischees aufs Korn nehmen. Mitunter tummeln sich in einzelnen Bildern fast schon wimmelbildartig solch viele Details, dass man genauer hingucken muss, um alles zu erfassen oder auch, um die Pointe nicht zu verpassen. Dieser Umstand führt dazu, dass der Lesefluss immer mal wieder etwas gebremst wird, wodurch man das recht großzügig mit seinen Platzverhältnissen umgehende Büchlein nicht ganz so schnell durchgeblättert hat, wie es zunächst den Anschein haben mag. Schön auch, wie die Titelzeichnung auf der allerletzten Seite fortgesetzt wird.

TV Spielfilm Jahrbuch 93

ISBN: 3-89324-100-0

Im Jahre 1992 war die „TV Spielfilm“ aus der Hamburger Verlagsgruppe Milchstraße, in der schon lange das renommierte Kinomagazin „Cinema“ erschien, bereits eine feste neue Größe auf dem hart umkämpften Markt der Fernsehzeitungen, weshalb auf dem fünften und letzten, im zweiten Halbjahr 1992 veröffentlichten Band der TV-Jahrbuchreihe selbstbewusst großformatig das „TV Spielfilm“-Logo prangt. Den Buchdeckel ziert nun Robocop und der weiteren Ausdifferenzierung der Fernsehlandschaft zollt man Tribut, indem statt noch neun wie im Vorjahr nun satte 17 Senderlogos das Cover verzieren: Hinzugekommen sind die Sender Kabelkanal, Arte und Sky Channel, Eins Plus ist wieder dabei und fünf dritte öffentlich-rechtliche Programme werden diesmal separat abgebildet. Auf der Titelseite fehlt der offenbar kurzfristig hinzugekommene Ableger „RTL II“, für dessen Symbolisierung im Innenteil offenbar auch kein offizielles Senderlogo zur Verfügung stand, weshalb man eher schlecht als recht improvisierte und ins „RTL plus“-Logo eine kleine „2“ hineinmogelte. Dass der Hauptsender sich in RTL umbenannte und mit neuem Logo firmierte, schien sich ebenfalls mit der Drucklegung überschnitten zu haben. Der Umfang ist mit rund 200 Seiten identisch geblieben.

Auf die neue Sendervielfalt geht auch Chefredakteur Willy Loderhose in seinem Vorwort – in diesem Band das einzige – ein, in der er jedoch nicht nur Vorteile sieht: „[…] im ewigen Spannungsfeld von Quoten und Quantität leidet inzwischen bei allen die Qualität.“ Tatsächlich war 1993 in meiner Erinnerung in etwa die Zeit, in der das Programm der großen Privatsender zunehmend uninteressanter und formelhafter wurde, der mitunter experimentelle und freche Charme der Gründerjahre blieb leider immer mehr auf der Strecke. In diesem Buch geht es nun aber vornehmlich um eine Vorschau auf die zu erwartenden Spielfilmausstrahlungen aller Sender inklusive des Premiere-Bezahlfernsehens, und diese bestanden erwartungsgemäß viel aus frühen Produktionen der Neunzigerjahre sowie Endachtziger-Stoff: „Pretty Woman“, „Cyrano von Bergerac“, „König der Fischer“, Ghostbusters II“, „Dick Tracy“, „Der Feind in meinem Bett“, „Der mit dem Wolf tanzt“, „Full Metal Jacket“, „Kuck mal, wer da spricht“, „Terminator II“ oder „Die nackte Kanone 2 ½“ lauteten die Zugpferde, die die Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Fernsehgeräte locken sollten. Dieser Hauptteil des Buchs beginnt ungewohnt kritisch, indem man angesichts des „Pretty Woman“-Erfolgs dem deutschen Publikum Geschmacksverirrung unterstellt. Ungewöhnlich ist auch die kritische Haltung gegenüber „Der Priestermord“, dem man Schwarzweißmalerei attestiert. Auch scheint man die Nase voll von seit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts überholten Feindbildern aus Kalter-Kriegs-Zeiten zu haben, wie anhand des Inhalts der „Jagd auf Roter Oktober“-Vorstellung deutlich wird.

Ausstrahlungsreihen älterer Filme werden wie üblich auf Schwarzweißseiten mit weniger Fotos und wesentlich knapperen Filmbesprechungen, dafür ergänzt um recht ausführliche Einleitungen, zwischengeschoben. Demnach liefen 1993 Clint-Eastwood-, Robert-De-Niro-, Bob-Hoskins-, George-Cukor-, Michael-Caine-, Agentenfilme- und Burt-Lancaster-Reihen – außerdem im ZDF „Mittwochskino – Filme der 50er und 60er Jahre“, die ich hier hervorhebe, weil die Einleitung kein gutes Haar an den entsprechenden deutschen Produktionen lässt. Begrüßenswert auch, dass man „Airborne – Flügel aus Stahl“ als das US-militärische Propagandaprodukt bezeichnet, das es ist. Seine kritische Haltung behält man auch bei der Besprechung von Brian de Palmas Kriegsfilm „Die Verdammten des Krieges“ bei und hadert mit dessen Einstufung als Antikriegsfilm. Zunächst macht das neue Jahrbuch einen sehr ordentlichen Eindruck, denn die Fehlerzahl hat man anscheinend reduzieren und die Filmvorstellungen verbessern können. Dieser Eindruck muss jedoch bald zumindest relativiert werden: Die „Pelle, der Eroberer“-Besprechung endet nicht nur mitten im Satz, sondern sogar inmitten eines Worts, Joel Schumachers „Flatliners“ wird vollkommen zu unrecht verrissen und die „Robocop 2“-Kritik liest sich doch arg seltsam („In ,Robocop’ rückte Paul Verhoeven seinerzeit den Konflikt zwischen Mensch und Maschine auf der Suche nach der eigenen Identität in den Mittelpunkt härtester Action. In diesem Sequel, das keine Fortsetzung ist, sondern die gleiche Geschichte mit noch mehr Leichen erzählt, verzichtet Irvin Kershner auf Plattitüden dieser Art.“). Dass „Terminator II“ in Hollywood einen Trend zu weniger Superlativen eingeleitet habe, halte ich für ein Gerücht, den Film „Grenzpatrouille“ datiert man auf das Jahr 1980 (korrekt wäre 1982), die Rechtschreibfehler häufen sich insbesondere in der zweiten Buchhälfte, das Layout ist nicht immer einheitlich und die Formulierung „Diebstahl-Thriller“ für einen Heist Movie erscheint mir eher ungelenk. Auf ein Lektorat scheint man leider wieder verzichtet zu haben, sodass das Buch einen erneut lediglich semiprofessionellen Eindruck hinterlässt.

„Kurz belichtet“-Sektionen mit Kurzvorstellungen oder schlicht Auflistungen weiterer Spielfilmausstrahlungen runden den Hauptteil ab (der mich zumindest mit der Information, „Les bois noirs“ sei auf RTL II gelaufen, überrascht hat – kann das jemand verifizieren?); das letzte Viertel wird unter „Service“ zusammengefasst und behandelt Serien wie „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“, „Auf Achse“, „Der Fotograf“, „Alaska Kid“, „Freunde fürs Leben“, „Marienhof“ (als „Konkurrenz für die Lindenstraße“ bezeichnet), „Der rote Blitz“ und einige weitere. Besonders interessant erscheint mir „Ein Mann am Zug“ mit Eberhard Feik, die am Hamburger Hauptbahnhof spielt – wenn auch leider Anfang der verdammten ’90er und nicht mehr in den ’80ern. Weiter geht’s mit einem gleich vierseitigen Abschnitt über „Reality TV“ – damals der heiße Scheiß und immer, so auch hier, einen kritischen Kommentar wert, wobei mich die Erwähnung von „Notruf“ mit Hans Meiser, wofür echte Unglücke mit Laiendarstellern oftmals unfreiwillig komisch nachgestellt wurden, immer wieder überrascht – harmloser ging’s doch nun wirklich kaum. Auch das Tränendrückerformat „Verzeih mir“ und Dänikens Ufo-Theorien wurden von der Redaktion eigensinnigerweise zum „Reality TV“ hinzugezählt – Däniken wird’s gefreut haben… Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Artikel, der auch von Medienethik handelt, ist, wie die Öffentlich-Rechtlichen ebenfalls ihr Fett wegbekommen:

„Soll keiner sagen, das der Wirklichkeit entliehene Blutbad sei nur eine neue Scheußlichkeit, die die Privatsender ihrem Publikum zumuten. Die seriösen Öffentlich-Rechtlichen sind beim Gemetzel gern dabei. Beim Geiseldrama von Gladbeck beispielsweise machten sie die Gangster Rösner und Degowski zu Fernsehstars. Von der Hinrichtung des Karpaten-Hitler [sic!] Çeaușescu [sic!] sparten sie nur die Szene des Todesschusses aus. Für soviel Pietät klopfen sie sich heute noch selbst auf die Schulter.“

 Oh ja, da werden Erinnerungen wach. Im Anschluss widmet man sich speziell einigen TV-Personalien wie Linda de Mol, deren „Traumhochzeit“ man ebenfalls kritisch beäugt, Ingolf Lück, als „[d]as ewige Nachwuchstalent“ überschrieben, Turm-Talker Erich Böhme (ich vermisse diese Sendung…) oder auch Helmut Fischer, wie sollte es auch anders sein als „Monaco Franze oder der ewige Stenz“ bezeichnet. Der Einstieg in sein Porträt hat es dann jedoch in sich:

„Wenn einer Schauspieler ist und erst mit über 50 sein berufliches Coming Out hat, dann ist er entweder verdientermaßen schlecht, oder es handelt sich um ein verkanntes Genie. Letzteres muss bei Helmut Fischer der Fall sein, denn anders ist nicht zu erklären, daß ein Mime, der jahrzehntelang als Provinzjockel und besseres Komparse Kritiker und Publikum gleichermaßen anödete, plötzlich zum gefragten Fernsehstar aufsteigt.“

 Äh, ok… Weiter zum Sport: Dieser Abschnitt beginnt mit einem der traurigsten Ereignisse deutscher Fernsehgeschichte: Mein geliebtes Tele5 wurde zu DSF und damit vollkommen bedeutungslos, zumindest für mich. In erster Linie dreht sich die Doppelseite aber darum, dass die Privatsender öffentlich-rechtlich vernachlässigte Sportarten aufgreifen, weitere Doppelseiten widmen sich Formel-1-Fahrer Michael Schumacher, damals noch blutjung und hauptverantwortlich für eine Renaissance des allgemeinen Motorsportsinteresses der Deutschen, und dem Eishockey, das damals meines Wissens ebenfalls einen Boom verzeichnete. In Tabellen- bzw. Listenform werden die wichtigsten Sporttermine und Show-Ausstrahlungen auf einen Blick geliefert, bevor das „In Memoriam“-Kapitel in Form kurzer Nachrufe traurigerweise vom Tode Benny Hills, Otto Simaneks und anderer Film- und Fernsehgrößen berichtet. Der Statistikteil schließlich liefert wieder ganze andere Auswertungen als das vorherige Buch, wobei drei Informationen besonders interessant sind:

  1. Dass die einst durchaus beliebte oder zumindest weitläufig akzeptierte einmalige Werbeunterbrechung von im Privatfernsehen gesendeten Spielfilmen zu nervigen drei ausgiebigen Werbeblöcken anwuchs, ist anscheinend einer Rundfunkstaatsvertragsänderung aus dem Jahre 1992 geschuldet (ein weiterer Faktor zu ungunsten des Faszinosums privater Rundfunk).
  2. Die Marktanteile öffentlich-rechtlichen Werbefernsehens sanken in extremem Maße, was ein Indiz für ein gegenüber den privaten Angeboten weitaus unattraktiveres Vorabendprogramm sein dürfte.
  3. Die großen Privatsender RTL plus und Sat.1 zwackten ARD und ZDF weitere Marktanteile ab, wobei der Vorsprung von RTL gegenüber Sat.1 immer größer wurde und das ZDF sich 1992 laut Diagramm wieder im Aufwärtstrend befand – worauf der erläuternde Text jedoch mit keiner Silbe eingeht.

Adressen und ein Index runden auch diesen Band ab, der erst gar nicht mehr den Versuch unternimmt, den Eindruck zu erwecken, einen Gesamtüberblick über das Spielfilmangebot zu liefern – bei der mittlerweile verfügbaren Senderanzahl wäre das ein schier aussichtsloses Unterfangen gewesen. Intransparent ist nach wie vor, wie genau die Auswahl nicht nur der vorgestellten Filme, sondern auch des Begleitwerks vonstatten ging. Generell schien das Konzept sich langsam, aber sicher zu überholen. Als grober Überblick über die ’80er/’90er-Übergangsphase des Populärfilms ist es gut geeignet, der „Service“-Abschnitt liest sich insbesondere retrospektiv spannend und fungiert als interessantes Zeitdokument, anhand dessen sich der massenmediale Fernsehzeitgeist ablesen lässt. Sich durch den Hauptteil mit seinen zahlreichen stilistisch divergierenden Filmbesprechungen zu arbeiten, war jedoch nicht nur aufgrund manch dem Konzept geschuldeter Wiederholung gegenüber den vorausgegangenen Bänden nicht immer das reine Vergnügen. Gründe, weshalb mich ein „Jahrbuch 1994“ noch weniger interessiert hätte, sind neben dem immer beliebiger gewordenen Fernsehprogramm auch die nachlassende Attraktivität von Kinoproduktionen in den 1990er-Jahren. Die ’80er waren eben endgültig vorbei.

Frank Schäfer – Hühnergötter

Für seinen im Jahre 2017 im Innsbrucker Limbus-Verlag in gebundener Form veröffentlichten Roman „Hühnergötter“ schlüpft der freie Braunschweiger Journalist, Autor und Literaturkritiker sowie Ex-Heavy-Metal-Gitarrist Frank Schäfer rund 200 Seiten und 25 Kapitel lang erneut in die Rolle seines Alter Ego Friedrich „Fritz“ Pfäfflin – zehn Jahre nach „Kleinstadtblues“, dem dritten in sich abgeschlossenen Roman dieser losen Reihe.

Die mutmaßlich erneut stark autobiographisch geprägte Handlung dreht sich um eine Erbschaft – und was sie mit sich bringt: Friedrich, verheirateter Schriftsteller, ein Sohn, erbt das Haus seines verstorbenen Onkels Adolf, einen Klinkerbau in seinem alten Heimatdorf in der niedersächsischen Einöde, irgendwo zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Die kleine Familie ist sich unschlüssig, was sie mit der Erbschaft anstellen soll. Während seine Frau Antonia mit Sohn Ansgar auf einer Mutter-Kind-Kur auf der Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst weilt, bezieht Friedrich für vier Wochen das alte Gemäuer, um es zu renovieren und sich über die weitere Verwendung klarzuwerden – verkaufen, vermieten? Oder doch… einziehen? Schnell holt ihn die Vergangenheit in Form zahlreicher Erinnerungen an seine Dorfkindheit und -jugend sowie an seinen alkoholkranken Onkel ein.

„Hühnergötter“ ist mit seinen vielen eingewobenen Anekdoten aus der Vergangenheit eine Zeitreise in Friedrichs Sozialisation mit seinen alten Freunden, der gemeinsamen Band, mit Partys und zarten Liebschaften, und zugleich eine Aufarbeitung seiner Familiengeschichte. Die Erzählform der Ich-Perspektive erlaubt einen sehr intimen Zugang zu dieser Figur, die durch das anstehende Klassenjahrgangstreffen mit ihren ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern ein weiteres Mal mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird und sich plötzlich zwischen zwei Frauen stehend wiederfindet. Die Rückblicke sind von viel Melancholie, aber auch juvenilem Humor geprägt, während sich vor dem geistigen Auge des Rezipierenden das verschlafene Dorf mit seiner ganz eigenen Dynamik aufrichtet und einen ebenso gefangenen nimmt wie den Protagonisten – und ein authentisch anmutendes Bild nicht nur vom Dorfleben, sondern auch von Onkel Adolf entsteht, den Schäfer angenehm differenziert als ambivalente Figur zeichnet und ihm seinem Alkoholismus zum Trotz die Ehre erweist.

Friedrich hat sich zudem auf sympathische Weise die kindliche Begeisterung für Bücher bewahrt und eine emotionale Bindung zu ihnen aufgebaut. Schäfer fasst diese in wunderschöne Worte und bildet damit einen Kontrast zur unwirtlichen Familienrealität, die die Kehrseite seiner Erinnerungen darstellt. Bücher als kindlicher Rückzugsort – wunderbar. Überhaupt ist man sofort wieder in Schäfers im Laufe der Jahre und Veröffentlichungen so angenehm gewordenem Schreibstil drin und fühlt sich schnell heimisch. Wenn nur nicht wieder dieses Recycling wäre: Die Führerschein- und Autounfall-Anekdote aus Schäfers „Was Männer niemals sagen würden“ findet sich hier ebenso wieder wie die bereits bekannte Geschichte um seine autofahrende Mutter. Eine Weile wirkt „Hühnergötter“ dann auch wie eine eher behelfsmäßig von einer Rahmenhandlung zusammengehaltene Anekdotensammlung, doch Schäfer bekommt bald wieder die Kurve.

So liest es sich durchaus spannend, mit Friedrich auf Sinnsuche zu gehen, an seinen ein bisschen nach Midlife Crisis klingenden Zweifeln an seiner Ehe teilzuhaben und sich mit ihm in ein gefährliches Abenteuer zu stürzen, das seine Integrität als Familienvater infragestellt. Hier und da werden einem Einblicke in die Arbeit als Schriftsteller gewährt, mittels einiger fallengelassener Band- und Songnamen kokettiert Schäfer etwas mit seinem Wissen um die härtere Gitarrenmusik und geht es um die Band seiner Jugend, erahnen Kenner, dass von Salem’s Law die Rede ist, auch wenn dieser Name nie fällt. Die Beschreibungen der Zusammenkunft im alten Proberaum und des Klassentreffens sind echte Gänsehautmomente, sie transportieren die zwiegespaltene emotionale Ebene nahezu perfekt. Nett auch die Erwähnung des Musikmagazins „Rock Hard“, für das Schäfer mittlerweile selbst als Rezensent, Kolumnist und Redakteur tätig ist. Da fand zusammen, was zusammengehört.

Einer der tragikomischen Höhepunkte ist das Kapitel 23, das ganz von Onkel Adolfs seinerzeit neuentdeckter Leidenschaft für die Rolling Stones handelt, jedoch losgelöst vom Rest der Handlung ebenfalls bereits in einer Schäfer’schen Textsammlung veröffentlicht worden war. Dennoch: Wer sich auch nur halbwegs von den genannten Themen angesprochen fühlt und eventuell ohnehin weniger zu nostalgisch verklärten als vielmehr widersprüchlichen, melancholischen, etwas weh- oder schwermütigen Rückblicken in die eigene Vergangenheit neigt, dürfte sich in „Hühnergötter“ wiederfinden – einem Buch, das ich übrigens stilecht im Sommerurlaub in Prerow auf eben jener eingangs erwähnten Halbinsel las, während ein Hühnergott von meiner Halskette baumelte.

Ralf Heimann / Jörg Homering-Elsner – Bauchchirurg schneidet hervorragend ab

Die Journalisten Ralf Heimann und Jörg Homering-Elsner sammeln seit einigen Jahren auf ihrer Facebook-Seite „Perlen des Lokaljournalismus“ (und deren Pendant „Kurioses aus der Presseschau“) Mumpitz, Stuss und Stilblüten, den deutschsprachige Zeitungen in Printform und auf ihren Web-Präsenzen anscheinend unablässig produzieren. Eine Art Best of bot bereits das im Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag erschienene querformatige Taschenbuch „Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst“.  Im Jahre 2017 folgte dessen Nachfolger „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab“.

Auf rund 200 Seiten findet sich je eine verunglückte Meldung in Foto- bzw. (mitunter etwas pixeliger) Screenshot-Form samt amüsantem Kurzkommentar der Herausgeber. Orthographisches Versagen gibt sich mit inhaltlichen Fehlgriffen, missverständlichen Formulierungen und übersehenen, aber eigentlich sofort ins Auge springenden groben Patzern die Klinke in die Hand. Bei anderen Meldungen wollen Bild und Text partout nicht zusammenpassen oder ist der Inhalt derart absurd bzw. irrelevant, dass es – je nach Lesart – zum Verzweifeln oder aber die reinste Freude ist. Den Vogel schießt manch Layout-Fauxpas ab, wenn beispielsweise vergessen wurde, Platzhaltertexte vor Drucklegung zu ersetzen.

Wenngleich sich das eine oder andere Beispiel darunter befindet, das auch auf den Humor der Urheberin bzw. des Urhebers schließen lassen könnte und wie ein bewusst produzierter Sprachwitz anmutet, liefert der überwiegende Teil doch ein befremdliches Bild vom Qualitätsniveau des Lokaljournalismus und dem Zustand seiner Redaktionen. Mit einem seriösen Lektorat wäre das jedenfalls nicht passiert, aber da wird wohl einmal mehr am falschen Ende gespart.

Doch das Schöne daran: Es ist zum Totlachen! Ich weiß nicht, wann ich zuletzt während einer Lektüre derart Tränen gelacht habe wie bei diesem Büchlein geschehen. Somit sind Heimanns und Homering-Elsners Sammlungen zunächst einmal vorbehaltlos zu empfehlen, ob nun gratis im Internet oder für 9,99 EUR in Buchform. Es gilt indes dasselbe, was ich bereits zum kürzlich hier vorgestellten „Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt: Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken“ schrieb: Ob einem der Spaß Geld wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch ob am Strand, auf dem Klo oder wo einem auch immer der Sinn nach dieser Art Humor und Realsatire steht – oder eben auch als nettes Mitbringsel für nicht so webaffine Menschen: Das Printprodukt ist eine schöne (und bleibende) Ergänzung zur Sammlung im World Wide Web.

Frank Schäfer – Was Männer niemals sagen würden

Nanu? Frank Schäfer goes Mario Barth und macht sich über das weibliche Geschlecht auf Grundlage überholter Klischees für ein paar wohlfeile Pointen lustig? Keine Sorge, zwischen seinen Metal-Büchern „Metal Störies“ und „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ veröffentlichte der Braunschweiger Dr. phil. und Autor, bekannt für seine Literaturkritik, seine biographisch geprägten Romane und seine popkulturellen Essays mit schwermetallischer Schlagseite, im Jahre 2013 ein humoristisches, rund 190-seitiges Taschenbuch im Oldenburger Lappan-Verlag, das vornehmlich männliche Geschlechtsgenossen aufs Korn nimmt.

In 55, mit eben jenen Phrasen wie „Werd endlich erwachsen!“, „Oh, wie süüüß!“, „Ich hab keinen Durst mehr!“ oder „Sehe ich darin dick aus?“, die Männern (vermeintlich) nie über die Lippen kommen, übertitelten anekdotenreichen Geschichtchen, Beobachtungen und Polemiken nimmt Schäfer all den Unfug auf die Schippe, der als typisch oder gar besonders männlich gilt, Männer aber nur schwerlich als vernunftbegabte Wesen erscheinen lässt. Abhandlungen über tiefverankerte toxische Männlichkeit sollte man nicht erwarten, aber diverse Macken und Spleens werden aufgegriffen, die viel mit nach wie vor von nicht wenigen Männern mit Begeisterung adaptieren Rollenklischees zu tun haben oder schlicht anerzogene Ergebnisse ihrer Sozialisation sind. Schäfer versucht sich in amüsantem, lockerem, niemals kopflastigem oder gar wissenschaftlichem Stil an entsprechenden Einordnungen und Begründungen und lässt dabei immer wieder persönliche Erfahrungen einfließen. Und längt nicht immer kommen Männer schlecht weg, manch liebenswürdige Eigenheit lässt sich ebenfalls finden (wobei das mitunter sicherlich auch Auslegungssache ist).

Vieles dürfte einem bekannt vorkommen und lässt sich tatsächlich immer wieder beobachten (und in der Tat halte ich Kroketten für unentbehrlich, aber das nur am Rande), Selbstironie ist dabei ein ständiger Begleiter und auch Metaller bekommen buchstäblich ihr Fett weg. Doch längst nicht alles stimmt: Mein Chef beispielsweise betont durchaus gern und wiederholt sein „Bauchgefühl“, die Lehnwortsünden, um die sich ein Kapitel dreht, dürften in erster Linie der Werbebranche entspringen, und welchen Narren Schäfer plötzlich an „Lass mein Knie, Joe“, jener eigenwillig eingedeutschten und von Wencke Myhre vorgetragenen Coverversion des Bonnie-Tyler-Hits „It’s a Heartache“, gefressen hat, der sie fälschlicherweise in gleich zwei voneinander unabhängigen Kapiteln der dänischen Sängerin Gitte Hænning andichtet, weiß wohl nicht einmal mehr das Lektorat, dem dieser Fauxpas durchgerutscht ist.

Die Laptop-Geschichte ist bereits aus einem anderen Buch Schäfers bekannt und weshalb man ausgerechnet für diese im Jahre 2013 kaum noch zeitgemäße Anekdote das berüchtigte Inhaltsrecycling betreibt, erschließt sich mir nicht. Dafür gibt es aber Schäfers Lieblings-AC/DC-Geschichte diesmal in Gedichtform. Mit seiner großzügig skalierten Schrift und den zahlreichen Illustrationen des Cartoonisten Michael Holtschulte lässt sich „Was Männer niemals sagen würden“ relativ rasch rezipieren, unterhält dabei dank Schäfers angenehmem Erzählstil aber trefflich und macht sich als kurzweilige Nachttischlektüre sicher ebenso gut wie in meinem Falle als leichte Sommerurlaubsmuse, die den einen oder anderen Ansatz für reflektierende Gespräche mit der Partnerin bot.

Ob Autor und/oder Verlag mit der poppig bunten Aufmachung und der niedrigschwelligen, massenkompatiblen Thematik versuchten, neue Zielgruppen zu erschließen, weiß ich nicht, aber wenn ein Buch wie dieses prominent in den Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen ausliegen sollte und vielleicht sogar einen Teil derjenigen erreicht, die Mario Barth und Konsorten für begnadete Humoristen halten, sei es ihnen gegönnt.

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