Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 1 of 27)

Friede · Freude · Eierkuchen

Die nach „Semmels Satire Sammelsurium“ zweite Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“) stammt aus dem Jahre 1982 und umfasst rund 150 unkolorierte, handgeletterte Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch, das einen sehr hübschen bunten Einband aufweist. Es enthält sowohl ganz kurze als auch relativ lange Geschichten satirischer Natur.

Nicht nur Tomas M. Bunks „Die Flasche!“ zum Einstieg ist sehr vom Kalten Krieg und der Wahl Reagans zum US-Präsidenten geprägt, ließe sich aber auch 1:1 auf den Schwachmaten Trump übertragen. Selbst Rolf Boykes lange, köstliche Geschichte zweier verfeindeter Froschvölker weisen Parallelen zu Reagan auf, heißt einer der Froschkönige doch Bonzo (Reagans Spitzname). „Krieg der Frösche“ ist aber eine allgemein gehaltene Parabel auf sinnlose Kriege und die Idiotie nationalautoritärer Staatsformen. Auch schön: In Detflef Surreys „Die Hex‘ im Wald“ geraten zwei Hexen in die Auseinandersetzungen um die Erweiterung eines Militärgeländes, wobei die eine nicht im Wald, sondern in der Stadt lebt und statt auf einem Besen ganz fortschrittlich auf einem Staubsauger reitet. Haralds „Friedenslärm und Kriegsgeflüster“ ist ein interessanter Comic mit extra viel Zeitkolorit, in dem eine Westberliner Punkerin und Hausbesetzerin einen westdeutschen Friedensaktivisten kennenlernt, mit ihm sexuell wird und er sie daraufhin in Berlin besucht, wo eine Militärparade der Alliierten gestört werden soll. Harald greift damit damalige Debatten nicht nur um Militanz und Pazifismus auf. Leider geriet die Durchführung der Aktion gegen die Parade etwas unübersichtlich.

Bunks „Szenen eines Flops“ ist superdetailreich und dabei superböse, sein aufwändiger und detailverliebter Schraffurstil kommt besonders in seiner Karsten-Dose-Geschichte „Affentanz“ zur Geltung – herrlich makaber, wie ein naiver Pazifist den dritten Weltkrieg auslöst. Fuchsi steuert neben seinem Zorro eine abgefahrene Geschichte über Maschinen mit Bewusstsein, die die Erde beherrschen, sich im Krieg selbst ausrotten und damit Platz für den aus Eiern schlüpfenden Menschen machen, bei.

Alle Geschichten handeln auf die eine oder andere Weise von Krieg, womit dieser Band den damaligen (zahlreiche Parallelen zur Gegenwart aufweisenden) vorherrschenden Zeitgeist dokumentiert – zumindest jenen innerhalb der sich ob der Zuspitzung des Kalten Kriegs besorgt zeigenden Anarcho-/Indie-Comicszene. Lesenswert sind grundsätzlich alle Geschichten, auch die nicht von mir herausgestellten, wenngleich die eine oder andere qualitativ etwas abfällt.

LeON / Vincenzo Cucca – Anne: Die lustigen Abenteuer einer drallen Erstsemester-Schnitte

Dieser im Jahre 2021 im Insektenhaus-Verlag in deutscher Übersetzung als rund 60-seitiges Hardcover-Album erschienene Comicband des belgischen Autors LeON und des italienischen Zeichners Vincenzo Cucca macht erst einmal einiges her: Cuccas realistischer Stil mit Anleihen beim karikierenden Funny entfaltet auf dem hochwertigen Kartonpapier seinen vollen Glanz, die Kolorierungen sind hübsch bunt, die Panelstruktur dynamisch. Doch inhaltlich liegt einiges im Argen.

Erstsemester-Studentin Anne hat einen superdrallen Busen und ebensolchen Po, ist geistig aber sehr unbedarft unterwegs. Ihr Vater passt immer auf sie auf und misshandelt Missetäter, die seinem Töchterchen zu nah kommen. Statt einer durchgehenden Geschichte hangelt Anne sich von einer Episode voller Studentenlebenklischees und Altherrenfantasien zur nächsten, wobei einem vieles vorenthalten wird und gar nicht mehr gezeichnet stattfindet. Zudem soll das alles lustig sein, ist’s aber nun überhaupt nicht: viel Übergriffiges, Missbrauch und Gewalt, nicht nur, aber eben auch gegen Frauen. Vieles davon geht eigentlich gar nicht, derart frauenfeindlich wirken Szenerie und Humor. Angesichts des Titels hatte ich einen sich an alten, spaßigen Erotikcomics orientierenden und diese modernisierenden Band erwartet, oder aber augenzwinkernden Sleaze à la Weissblech. Zu allem Überfluss wurde bei den Seitenzahlen gemogelt, denn mehrere Seiten voller Zeichenskizzen strecken das Teil.

 

Danke, nein.

Naomi Fern (Hrsg.) / Reinhard Kleist (Hrsg.) – Bettgeschichten: Comics für Erwachsene

In dem im Jahre 2012 im Stuttgarter Zwerchfellverlag erschienen, rund 110-seitigen Softcoverband im Zwischenformat geben sich 18 Zeichnerinnen und Zeichner der deutschen Independent-Comicszene ein Stelldichein, darunter Maike Plenzke, Mawil, Steffi Schütze, Calle Claus und auch die Herausgeberin und der Herausgeber. Allen gemein ist, dass sie einmal ihren libidinösen Fantasien freien Lauf lassen und eine Kurzgeschichte für diesen Band beisteuern. Dadurch umfasst der vollfarbige Band eine kunterbunte stilistische Mischung. Manches ist eigentlich reiner Porno, bekommt aber doch noch eine leicht amüsante Pointe angehängt; anderes ist hingegen von vornherein deutlich humoristisch angelegt.

Schön ist’s, dass mehrere Frauen dabei sind – deren Fantasien sich offenbar gar nicht so sehr von denen der männlichen Kollegen unterscheiden. Manche „Geschichte“ geriet ultrakurz, beispielsweise Mahlers Beitrag, der sich eher einen kleinen Spaß erlaubt haben dürfte. Ein anderer Beitrag leidet etwas unter den vielen Rechtschreibfehlern. Allen aber merkt man die Freude daran an, einmal an einem solchen Projekt partizipieren zu können. Mawils Nackedeis in seinem typischen schrägen Zeichenstil sind urst schau. Heterosex trifft in „Bettgeschichten“ auf Gleichgeschlechtliches und Zwitterfantasien; eine Wundertüte, in der für jeden etwas dabei ist und die weitestgehend ohne patriarchalen Sexismus auskommt. Aber Obacht: Es geht mitunter sehr explizit zu, entsprechend ist der Band auch erst ab 18 Jahren freigegeben.

Das stabile, matte Papier fasst sich gut an und hinterlässt einen wertigen Eindruck. Die Kurzportraits aller Zeichnerinnen und Zeichner im Anhang sind aber leider etwas arg klein geraten.

Mawil – Wir können ja Freunde bleiben

Nachdem es mir Mawils Wende-Comic „Kinderland“ so sehr angetan hatte, wurde es Zeit, mich endlich seinen weiteren Werken zu widmen. Der Berliner Comic-Autor und -Zeichner Mawil heißt eigentlich Markus Witzel, ist im Jahre 1976 geboren und schreibt/zeichnet gern „Supahasis“, aber auch autobiographisch – so auch in seinem 64-seitigen, unkolorierten Coming-of-age-Comic „Wir können ja Freunde bleiben“, der im Jahre 2003 bei Reprodukt als Taschenbuch im Softcover erschien (wo man leider auf Seitenzahlen verzichtete). Diese Veröffentlichung verkauft sich offenbar sehr gut, mir liegt die bereits fünfte Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Ein paar Freunde haben sich zu einer Trinkrunde versammelt, wo Markus von seinen Liebesgeschichten zu erzählen beginnt. Die Trinkrunde dient fortan als Klammer, die die einzelnen als Rückblenden gezeichneten Geschichten zusammenhält. Markus‘ erste große Liebe war eine heimliche Schwärmerei während der Schulzeit, von der die Angeschwärmte gar nichts wusste. Statt wie üblich die religionsfreie Jugendweihe musste der Bedauernswerte zu DDR-Zeiten eine Kommunion über sich ergehen lassen. Anfang der 1990er befand er sich während einer Katholikenfreizeit in einer Disco, in der Nirvana lief – und er sich in ein Mädchen beim Tanzkurs verknallte, das ihm abends auf der Party anbot, Freunde zu werden… Auf der alljährlichen Fahrradtour an der Ostsee inklusive aller Widrigkeiten trifft man auf Neonazis und auf Mädels. „Geil“ heißt hier noch „schau“ und Mawil bringt perfekt zu Papier, wie sich ein geil-langweiliger improvisierter Urlaub anfühlt, wenn man jung ist und die Mädchen die einzig weiteren Jugendlichen weit und breit sind. Am letzten Tag scheint er seinen Schwarm herumzukriegen, vermasselt’s aber, weil er nicht weiß, was sie von ihm erwartet, sie aber auch nicht die Initiative ergreift. Der Klassiker, möchte man meinen.

Im nächsten Kapitel ist er weiter gereift und bezieht zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Herren Länder einen leerstehenden Plattenbau. Fortan herrscht dort ein kreatives, babylonisches Chaos, doch so richtig interessant wird’s erst, als die Spanierinnen dazustoßen. Besonders eine hat’s ihm besonders angetan. Das spanische Temperament und das, was wir Deutschen gern mal als ein bisschen verrückt erachten, bringt Mawil famos zum Ausdruck. Jedenfalls versteht er sich mit der Frau bombig, darüber hinaus will sie aber leider nichts von ihm. Ein weiterer Klassiker.

Auf den meisten Seiten arbeitet Mawil mit einer 3×3-Panelstruktur, die wann nötig jedoch aufgebrochen wird. Mawil verfügt sicherlich nicht über den anmutigsten Zeichenstil, beherrscht es aber aus dem Effeff, Emotionen zu vermitteln, indem er seinen Figuren Körpersprache und Mimik einhaucht und damit lebendig werden lässt. Zeichnerisch und textlich genial umgesetzt ist beispielsweise seine Nervosität, als er bei seiner Tanzkursbekanntschaft klingelt, um ihr zum Geburtstag einen kleinen Blumenstrauß zu überreichen. Hinzu kommt Mawils Gespür für überaus authentisch wirkende Dialoge, bei denen sich mitunter die Sprechblasen überlagern. All dies sowie der eine oder andere unkonventionelle Kniff wie eine Seite mit dem Kopf stehenden Panels, ein paar unaufdringliche wiederkehrende Gags und eine köstliche, formwollendete Selbstironie machen „Wir können ja Freunde bleiben“ zu einer (außer für den Protagonisten) sehr erfreulichen Angelegenheit – bei der man dem Handlettering allerdings durchgehen lassen muss, dass es sich konsequent dem „ß“ verweigert, als handle es sich um eine schweizerische Publikation.

Entgegen etwaigen Erwartungshaltungen besteht „Wir können ja Freunde bleiben“ letztlich jedoch aus sehr harmlosen Geschichten bar jeglichen Fremdschampotenzials, in denen sich der Protagonist nie wirklich zum Obst macht. Wie ihm dürfte es etlichen ergangen sein oder gar noch immer bei der Partnersuche unter (hier übrigens stets namenlos bleibenden) Mädchen und Frauen ergehen – und andere hätten sicherlich noch ganz andere Geschichten zu erzählen, die sie aber wohlweislich eher für sich behalten dürften…

Sanni Kentopf / Alberto Saichann – Honigfeigen

Für Panini ist diese Comic-Veröffentlichung ungewöhnlich, ist der Verlag doch nicht unbedingt für seinen Erotiksektor bekannt. Umso überraschter war ich, als mir dieser vollfarbige, 72 (leider unnummerierte) Seiten umfassende Softcover-Band aus dem Jahre 2010 im 26 cm hohen Zwischenformat antiquarisch in die Hände fiel. Geschrieben wurde er von Sanni Kentopf, einer gebürtigen Norddeutschen, die unter anderem als Tänzerin tätig ist (oder war). Die in dynamischer Panelstruktur angeordneten Zeichnungen stammen von Alberto Saichann, der einen realistischen Stil verfolgt.

„Honigfeigen“ möchte an Charlottes Roches „Feuchtgebiete“ anknüpfen; so ist es unschwer zu erraten, dass es sich um jenes Buch handelt, das in der Wohngemeinschaft von Stan, Marla, Ricky, Linda und Leonie kursiert und die Bewohnerinnen ermutigt, eigene sexuelle Anekdoten miteinander zu teilen, die in Form von Rückblenden eingearbeitet sind und den eigentlichen Inhalt dieses Buchs ausmachen. Alle fünf jungen Frauen werden charakterlich auf der Innenseite des Buchdeckels kurz angerissen; die 18-jährige Ricky, die die WG gerade bezieht, führt als Erzählerin durch den Comic.

Leonie hatte einen langweiligen Sexualpartner, der erst aus sich herauskam, als sie ihm ihren Finger in den Hintern schob. Seine weiteren Wünsche mit Natursekt und Kerzenwachs waren ihr aber zu pervers. Linda ging zu einer Prostituierten in den Asia-Puff und ließ sich von dieser verwöhnen. Marla schnitt sich ein Loch ins Höschen, weil das ihre Fantasie beflügelte und sie heiß machte. Sie besuchte eine Party, wo sie auf ihren Schwarm Manni traf und sich im Wandschrank von ihm lecken ließ. Was sie nicht wusste: Sie hatte ihre Tage und Manni daraufhin ein blutverschmiertes Gesicht. Stan rieb sich Muschisaft als Lockstoff hinter die Ohren und ließ sich von Alex abschleppen. Der eröffnete ihr anschließend, sie super zu finden, dass ihr Parfum aber gar nicht gehe… Schlussendlich ist Ricky dran: Sie hat noch gar nichts zu erzählen, muss erst noch Erfahrungen sammeln. Also fährt sie zum Friseur und lässt sich eine Intimfrisur schneiden, woraufhin sie ganz geil auf den Friseur wird. Später treibt sie es mit Leonie.

In seinen Bildern ist „Honigfeigen“ recht freizügig, ohne dabei in die Vollen zu gehen. Ein softpornöser Comic, der, obwohl von einer Frau geschrieben, ganz auf ein männliches Publikum und dessen schlüpfrige Fantasien von den Vorgängen innerhalb einer weiblichen Wohngemeinschaft zugeschnitten ist. Das verwundert und geht sogar so weit, dass sich der Erotikfaktor vornehmlich aus der Zurschaustellung weiblicher Körper speist, während männliche Genitalien gar nicht erst zu sehen sind. Die Bezugnahme auf „Feuchtgebiete“ wirkt reichlich bemüht, zumal der Ekelfaktor hier wesentlich geringer ausfällt, um den Erotikgehalt nicht zu torpedieren. So liest sich „Honigfeigen“ auch weit weniger provokant, als es vielleicht gern wäre, und verweilt überwiegend dann eben doch in Erotikstandards. Diese jedoch sind in ihrer sexpositiven Ausrichtung recht ansprechend umgesetzt und gestehen ihren Protagonistinnen selbstbestimmte Abenteuer ebenso zu wie sich auszuprobieren und offen damit umzugehen.

Ein vierseitiges, mit vielen Fotos versehenes Interview mit Sanni Kentopf findet sich im Anhang.

Anne Geelhaar / Ingeborg Meyer-Rey – Köpfchen, mein Köpfchen

Jetzt mal etwas ganz anderes: Manchmal verschwimmen die Erinnerungen. War es dieses Buch, das mir meine Oma zu lesen gab, als wir 1986 umgezogen waren, kurze Zeit mit ihr zusammen in ihrer Waldhütte lebten und am Ostersonntag gerade die Leckereien versteckt wurden? Jedenfalls kam mir das Titelbild sehr vertraut vor, als ich es kürzlich zufällig in einem Tauschschrank entdeckte und einfach mal mitnahm.

Beim Lesen stellte sich heraus, dass ich dieses rund 30-seitige, im Jahre 1979 im DDR-Kinderbuchverlag erschienene Buch für die Jüngsten auf jeden Fall kannte. DDR-Kinderbücher genießen für gewöhnlich einen guten Ruf, und tatsächlich ist auch dieses unheimlich liebevoll gestaltet worden. Was in der BRD vielleicht als winziges Pixi-Heftchen vermarktet worden wäre, findet sich hier als gebundenes Buch mit altersgerecht großer Schrift und Meyer-Reys wunderschönen, großflächigen bunten Illustrationen zwischen festen Buchdeckeln. Die Geschichte der renommierten Kinder- und Drehbuchautorin Anne Geelhaar handelt in Form einer Fabel davon, wie Meister Lampe den Wolf Isegrim davon abhält, ihn zu fressen, indem er ihm drei kuriose und absurde Geschichten auftischt. Die Aussage ist klar und schlägt sich bereits im Buchtitel wieder: Klug eingesetzte Intelligenz hilft vermeintlich Schwächeren gegen vermeintlich Stärkere.

Eine zeitlose Fabel für ABC-Schützinnen und -Schützen, natürlich auch prima zum Vorlesen geeignet.

Mad-Taschenbuch Nr. 44: Al Jaffee – Igitt! Schon das dritte Mad-Buch zum Thema: Kluge Antworten auf dumme Fragen

In Mad-Urgeisten Al Jaffees sechstem Soloband aus dem Jahre 1980, der hierzulande 1984 veröffentlicht wurde, widmet er sich zum wiederholten Male die gewohnten 160 Schwarzweißseiten lang seiner Lieblingsbeschäftigung: der Auseinandersetzung mit (vermeintlich) dummen Fragen und den (vermeintlich) klugen Antworten auf diese.

Aufgeteilt ist das Büchlein in zwölf Kapitel, von denen einige wie gehabt je einen Dialog pro Comic-Doppelseiten enthalten und mehrere Antwortmöglichkeiten inklusive je einer Sprechblase zum Selbstausfüllen bieten. Mehr als die Hälfte der Kapitel enthalten jedoch „klassische“ Comic-Geschichtchen, in denen mehr oder weniger dumme Fragen mehr oder wenige große Rollen spielen und die nicht selten mit schwarzhumorigen Pointen enden. Und auch diesmal ließ Jaffee es sich nicht nehmen, sich im letzten Kapitel selbstironisch zu verhohnepiepeln.

Unverzichtbar – heute wahrscheinlich sogar mehr als damals.

Jordi Bernet / Carlos Trillo / Eduardo Maicas – Betty 6

Vor ein paar Jahren schrieb ich nach der Lektüre meines ersten „Betty“-Bands, dass ich diese Reihe zwar nicht sammeln, aber mir eine weitere Ausgabe mitnehmen würde, sollte sie mir einmal antiquarisch und günstig über den Weg laufen. Mit der Nummer 6 der neunteiligen schwarzweißen Erotik-Funny-Comic-Reihe eines spanischen Zeichner-/Autoren-Trios im Softcover und ca. 24 cm hohen Zwischenformat, die zwischen 1999 und 2003 in ihrer deutschen Übersetzung im Verlag Edition Bikini erschien, geschah dies tatsächlich.

Wie gehabt dreht es sich rund 100 Seiten lang um die Prostituierte und alleinerziehende Mutter eines Sohns. Betty, so ihr Name, geht ihrem Beruf freiwillig und voller Freude nach, wie die jeweils doppelseitigen, sechs bis neun Panels in dreizeiligen Grids umfassenden und stets innerhalb des nichtexpliziten Softsex-Bereichs bleibenden Geschichten pointiert und humorvoll erzählen. In der Regel gibt Betty den Ton an, während die Männer mehr kleine Männeken sind und nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Aber all das habe ich so oder ähnlich ja bereits zu Band 5 geschrieben.

Wiederkehrende Nebenfiguren sind Bettys Sohn sowie der arme Blinde, der stets um Geld für eine Nummer mit Betty bettelt. Eine Besonderheit ist die Geschichte auf den Seiten 36 und 37, in die die deutsche Übersetzung eine Anspielung bzw. einen Meta-Gag auf den Verlag Edition Bikini eingeschmuggelt hat und in der Betty sich ausnahmsweise einmal von der Männerwelt übertölpeln lässt. Aus der Reihe fällt auch die eigentlich sehr traurige Origin-Story ab Seite 66. Insgesamt überwiegt aber die frivole Kurzweil, die auf natürlich nicht ernstzunehmende Weise Sex- und Sexarbeitspositivität mit feministischer Ausrichtung aus wiederum männlich-lüsterner, sich dabei aber selbst karikierender Perspektive miteinander vermengt.

Mad-Taschenbuch Nr. 43: Antonio Prohias – Der sechste Band von Spion & Spion

Bereits zum sechsten Male murksen sich die beiden verfeindeten Spione mit den spitzen Nasen gegenseitig im Taschenbuchformat ab. Das US-Original erschien im Jahre 1982, diese deutsche Ausgabe, wie gewohnt 160 unkolorierte Seiten umfassend, folgte zwei Jahre später. Gewidmet sind die 13 neuen, „Fälle“ genannten Geschichtchen mit alliterationsfreudigen Titeln „den Spionen in aller Welt, damit sie sich ein Beispiel nehmen und sich immer nur GEGENSEITIG umbringen.“

Ins Inhaltsverzeichnis hat die Redaktion bereits den ersten kleinen Gag eingebaut. Anschließend lässt sich auf ein bis zwei Panels pro Seite verfolgen, wie die Methoden, sich gegenseitig den Garaus zu machen, immer komplizierter und absurder werden, woraus Prohias‘ dialoglose Zeichnungen ihren speziellen Reiz beziehen. Was der gute Antonio sich hier wieder an Plänen, Konstruktionen und Kettenreaktionen aus den Hirnwindungen presste, ist in seiner morbiden Kreativität aller Ehren wert. Besonders angetan haben es mir die „Fälle“, in die Tiere involviert sind, beispielsweise Möwen mit Muscheln oder Piranhas.

Kult.

Frank Schäfer – BLAM! BLAM! BLAM! Ein Comic(ver)führer

Der Braunschweiger Frank Schäfer schreibt gern und viel über Musik und publiziert regelmäßig in diesem Metier, schiebt aber auch immer wieder Texte und Bücher zu Literatur dazwischen. Einige habe ich bereits gelesen und hier besprochen. Sein „Comic(ver)führer“ mit dem von Karsten Weyershausen ausgesprochen hübsch illustrierten Titel erschien im Jahre 2014 als rund 130-seitiges Taschenbuch im Reiffer-Verlag und widmet sich in seinen 25 Kapiteln ganz der Neunten Kunst.

Nach einem Vorwort, in dem ich mich mehr als nur ein bisschen wiedererkenne, skizziert Schäfer zunächst die Geschichte dieser besonderen Literaturform, geht auf Marvel und insbesondere deren Spiderman ein, empfiehlt einige anspruchsvoller klingende Titel, ehrt Charles M. Schulz und dessen Peanuts und huldigt Robert Crumb als erstem kommerziell erfolgreichen Underground-Zeichner. Er schreibt über Jean Giraud und vermittelt, was dessen Blueberry-Westerncomics so besonders macht, sowie über Girauds Science-Fiction-Alter-Ego Moebius, unter dem er freier und offener arbeiten konnte. Durchaus auch kritische Worte findet er zu Comics mit Musik(er)-Bezug und stellt Titel vor, die noch nicht ins Deutsche übersetzt vorlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit „Zappaesk“ wird’s etwas hochtrabend und verkopft, ansonsten liest sich alles sehr angenehm und flüssig. Das Adjektiv „skrupulös“ verwendet er aber vielleicht etwas häufig und Schäfer-typisch haben sich wieder ein paar abgefahrene Fremdwörter eingeschlichen.

Mit einigen Zeichnern hat Schäfer persönlich gesprochen, beispielsweise mit Mawil und Kleist – wobei ich dieses Interview bereits aus dem Buch „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ zu kennen meine. Das darauffolgende zweite Gespräch mit Mawil jedoch war mir, wenn mich nicht alles täuscht, neu. Folgerichtig geht’s mit einem Interview mit Coming-of-age-Zeichner Arne Bellstorf weiter, den ich wohl unbedingt einmal lesen sollte. Dies gilt auch für Adrian Tomine, den mir dieses Buch näherbrachte. Mit Sascha Hommer spricht Schäfer über „Insekt“, bevor er weitere Musik-Comics vorstellt. Schäfer las Walter Moers‘ „Der Bunker“ ebenso wie „Phineas & Ferb“ und bespricht Ulli Lusts Comicadaption des Zweiter-Weltkrieg-Romans „Flughunde“. Über Tardis Kriegscomics lässt er sich ebenso aus wie über diverse auslandskorrespondistische Reportage-Comics und Howard Cruses in den 1960ern angesiedelten „Stuck Rubber Baby“ über Homosexualität und Rassismus in den USA sowie die erkämpften Veränderungen. Craig Thompsons Werk und „The Walking Dead” schließen das Büchlein ab.

Zum Thema des jeweiligen Kapitels werden Rezensionen anderer passender Werke eingeschoben, einige Schwarzweiß-Abbildungen peppen die Textsammlung auf. Dieser merkt man den Essay-Sammelbandcharakter an, als roter Faden zieht sich aber – wie üblich – Schäfers ehrliches Interesse und persönliche Begeisterung für die Gegenstände seiner Betrachtungen durch die Kapitel und Seiten. So erweitert sich auch der eigene Horizont beim Lesen, bekommt man doch einen Eindruck davon, welch breites Spektrum die Comicwelt bereithält und wie unterschiedlich die jeweiligen inhaltlichen Ansätze sein können. Der eine oder andere Comic-Tipp fällt dabei in jedem Falle ab.

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