Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 2 of 13)

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 2: 1953 – 1954

„Demut vor dem Leben in all seiner Rätselhaftigkeit“ – Gary Groth über Charles M. Schulz

Wie in meinen Zeilen zum ersten Band bereits erwähnt, begann der Hamburger Carlsen-Verlag im November 2006, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte „Peanuts“-Werkausgabe zu veröffentlichen. Der zweite, erneut rund 350 Seiten starke Hardcover-Band umfasst die täglichen Comic-Strips der Jahre 1953 und 1954 inkl. aller umfangreicheren Sonntagsseiten. Drei Seiten lang führt Andreas Platthaus, Comic-Experte der in ihren Beiträgen zur politischen Meinungsbildung so beschämend reaktionären, für ihren Kulturteil aber vielgelobten F.A.Z., in diese Ausgabe ein, indem er vornehmlich auf die Besonderheiten in Schulz’ Comics dieses Zeitabschnitts hinweist und damit noch neugieriger auf sie macht, als man als Peanuts-Freund und/oder Comic-Archäologe ohnehin schon ist. Zwei Seiten lang darf ferner Gary Groth Charles M. Schulz charakterisieren und ein Index sowie eine Vorschau auf den nächsten Band komplettieren das wie gehabt auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch im Schutzumschlag.

„Ich glaube, ich bin ein geborener Außenseiter… Ich scheine einfach nirgends hineinzupassen.“ – „Vielleicht könntest du dich einer Gruppe Außenseiter anschließen…“ – „Selbst da würde ich vermutlich nicht hineinpassen…“ – Charlie Brown und Schröder im Gespräch

Der Hauptteil gehört natürlich den unkolorierten Comic-Strips und der Evolution Schulz’ Figuren, die damals noch nicht abgeschlossen war: Sie alterten noch immer, was hier zu interessanten Entwicklungen wie den zahlreichen Marotten führt, die sie immer stärker ausbilden. Dies trifft insbesondere auf Lucy zu, die – neben Charlie Brown, versteht sich – diesen Band dominiert. So wird sie in Bezug auf Lebensmittel enorm pingelig, hadert bereits mit dem Kindergarten wie Ältere mit Schule oder Arbeit und versucht 1954 ständig, die Sterne am Himmel und später Wolken und Sonnen (!) zu zählen. Außerdem kommentiert sie in schöner Regelmäßigkeit mit Unverständnis die Texte von Kinderliedern – und natürlich ist sie stolz, eine Nörgelliese zu sein, was sie für eine Art sportlicher Disziplin hält. Erfreulich ist für sie, dass sie zu lesen beginnt, wenngleich sie nun gern pseudowissenschaftlichen Nonsens von sich gibt und den die Dinge besser wissenden Charlie als Dummkopf bezeichnet, was diesem auf den Magen schlägt und woran er im weiteren Verlauf regelrecht verzweifelt. Dass er trotzdem wirklich immer im Dame-Brettspiel gegen sie verliert, macht die Sache nicht besser.

Dass Charlie ein Alter Ego seines Schöpfers ist wird im Running Gag deutlich, in dem er Comics zeichnet, deren Pointen partout nicht ankommen. Geradezu selbstreferentiell mutet es an, wenn Schulz im Mai 1953 (S. 58) Comiczeichner Charlie in die Sprechblase legt, sein Humor sei zu subtil für den gemeinen Leser. Dies und vieles andere muss der Melancholiker mit sich selbst ausmachen. Dass man als Leser(in) bei Team-Aktivitäten Charlies wie z.B. Baseballspielen die Interagierenden so gut wie nie sieht, verstärkt den Eindruck von Einsamkeit und Isolation, der zu einem seiner Markenzeichen wurde, wenn er auch längst nicht jedem Strip immanent ist. Das Lächeln seines Hundes stimmt ihn aber schnell wieder fröhlich. Snoopy läuft nach wie vor auf allen Vieren, seine von Platthaus als vermeintlichen Stilbruch gewerteten Sprechblasen im August 1953 (S. 98) interpretiere ich eher als Gedankenblasen bzw. als Lautartikulation, die für Menschen unverständlich sind, aber natürlich auf Snoopys menschliche Eigenschaften verweisen. Wie häufig er Süßigkeiten zu fressen bekommt, irritiert indes noch immer.

Lucys kleiner Bruder Linus darf im Juni 1953 (S. 74) erstmals eigene Gedanken formulieren, seine Schmusedecke debütiert am 1. Juni 1954 (S. 222). Als sie später wieder aufgegriffen wird, avanciert sie gar kurzzeitig zum Trend: Alle Jungs haben plötzlich eine! Mit Schmuddelkind Pig-Pen feiert im Juli 1954 (S. 240) eine meiner Lieblingsfiguren ihren Einstand und hat eine ganze Reihe starker Auftritte, wenngleich sie noch nicht permanent eine Schmutzwolke um sich herum erzeugt. Als auf traurige Weise visionär erweist sich ein Strip aus dem Mai 1954, in dem Kriegscomicsammler Charlie nicht weiß, ob er sich nach den Ausgaben „Der Unabhängigkeitskrieg“, „Der Krieg von 1812“, „Bürgerkriegs-Comics“, „Der Erste Weltkrieg“, „Der Zweite Weltkrieg“ und „Der Koreakrieg“ auf das nächste Heft freuen soll. Im Oktober 1953 (S. 122) verfügt eine Sonntagsseite erstmals über einen eigenen Titel („Das Kricket-Spiel“) und das Motiv Charlies erfolgloser Drachensteigversuche wird auf einer Sonntagsseite im Juni 1954 (S. 227) eingeführt. So, wie die Figuren noch altern, tun dies auch die äußeren Umstände, sprich: Es gibt Jahreszeiten. Eigenartigerweise zeichnete Schulz am 31.10.1954 keinen Halloween-Strip, obwohl das Thema in den Strips zuvor aufgegriffen wurde. Dass Schulz neben seinem reduzierten Strich auch wesentlich aufwändiger, detaillierter und realistischer zeichnen konnte, beweisen in den Strips auftauchende Objekte wie Schröders Beethoven-Büste oder auch Vögel, die mit Snoopys späterem Freund (und hier noch lange nicht herbeiflatterndem) Woodstock nicht das Geringste gemein haben.

Welchen Aufwand es bedeutet, dem eigenen Komplettismusanspruch gerecht zu werden, lässt der abschließende Kommentar der Herausgeber erahnen, die einen Einblick in die schwierige Ausgangslage gewähren und denen gar nicht genug dafür gedankt werden kann, sich dennoch auch der verschollensten Strips angekommen und sie aufwändig restauriert zu haben, sodass auch diese Ausgabe vollständig ist und sich die Rezipientinnen und Rezipienten ins comichistorische Vergnügen stürzen können.

Mad-Taschenbuch Nr. 23: Don Martin – Super Mad oder Die gesammelten Abenteuer von Käpt’n Hirni

1978 war es so weit: Meine Lieblingsfigur des Mad-Stammzeichners Don Martin, Käpt’n Hirni, feierte sein Debüt im Taschenbuchformat! Die Superhelden-Persiflage um einen in seiner Kindheit und Jugend Superhelden-Comic-süchtigen grenzdebilen, ausschließlich in Soundwords monologisierenden Tunichtgut, der von seinen Eltern, der Schule, dem Arbeitsamt und schließlich seiner Vermieterin herausgeworfen wird, dessen Schicksal aber eine entscheidende Wendung nimmt, als er sich in suizidaler Absicht von einem Hochhausdach stürzt und dabei versehentlich einen Bankräuber zur Strecke bringt, beginnt mit seiner Origin Story und erstreckt sich schließlich über vier wahrhaft heldenhafte Geschichten. So muss er es mit dem infantilen Superschurken Hugo Schlonz alias Babyboy ebenso aufnehmen wie mit einem widerspenstigen Aufzug, mit Gorgonzola, der Monsterspinne und als großes Finale Baldur, dem bösen Bomber. Hierfür hat er wie aus den Mad-Taschenbüchern gewohnt 160 Schwarzweiß-Seiten zur Verfügung, die sich meist auf ein, manchmal zwei Panels beschränken, sodass Don Martins klarer karikierender Strich in den kauzigen, bizarren Zeichnungen optimal zur Geltung kommt. Brutaler Slapstick und anarchischer, respektloser bis absurder Humor geben sich die Klinke in die Hand und verschmelzen zu einer satirischen Parodie klassischer Superhelden-Topoi. Darüber hinaus wird der Film-noir-Stil aufs Korn genommen, wenn Käpt’n Hirni bedeutungsschwanger wie ein Off-Sprecher in kurzen Blocktexten zu seinen Leserinnen und Lesern spricht, jedoch von den dazugehörigen Bildern konterkariert wird, wenn sie die tatsächlichen, wenig rühmlichen Umstände und Ereignisse zeigen. Das „Käpt’n Hirni“-Konzept ist mitsamt seinen Gags ziemlich gut gealtert und ich amüsiere mich nach wie vor köstlich über die Abenteuer des Helden in seiner gepunkteten Unterhose. Käpt’n Hirni for MCU!

Mad-Taschenbuch Nr. 22: Sergio Aragones – Zum Schießen

Im 22. Mad-Taschenbuch kam zum vierten Mal Heftrandzeichner Sergio Aragones zu alleinigen Ehren. Das Bill Gaines gewidmete, 160 Schwarzweißseiten starke Büchlein versammelt eine Vielzahl sich über eine bis maximal drei Seiten erstreckende textlose Gagzeichnungen im gewohnten karikierenden Funny-Stil, deren Pointen sich von banal bis genial bewegen. Die Zeichnungen sind bisweilen überraschend detailliert ausgefallen und manchmal muss man schon mehrmals hingucken, um die Gags zu erfassen. Wer Aragones mag, wird hiermit seinen Spaß haben, der natürlich in doppelter Hinsicht entsprechend kurzweilig ausfällt: Textlastigere Mad-Taschenbücher wird man länger in den Händen halten und auch den einen oder anderen hintergründigeren oder satirischeren Witz mehr erhalten. Nichtsdestotrotz ein schönes weiteres Stelldichein eines Mad-Familienmitglieds der ersten Stunde.

TV-Jahrbuch 1991

ISBN: 3-8927779-01-6

Firmierte das erste TV-Jahrbuch „Spielfilme 89 – Die Höhepunkte des Fernseh-Jahres“ noch unter der Mutterzeitschrift „Cinema“, war es also ein Ableger jenes Kinomagazins und somit der Kino Verlag GmbH, vermarktete man den Nachfolger „Spielfilme 1990“ als Buchableger der „Video Plus“-Zeitschrift, einem damals neuen „Cinema“-Spin-Off für den Heimkinomarkt, und gab daher im Impressum die Video Zeitschriften Verlag GmbH an. Nachdem im August 1990 die legendäre und sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuende TV-Zeitschrift „TV Spielfilm“ ins Leben gerufen wurde, prangt nun deren Logo auf dem Buchrücken des TV-Jahrbuchs 1991, das Impressum weist die Verlagsgruppe Milchstraße aus. Die Anzahl der Senderlogos auf dem Titel hat sich um zwei auf insgesamt neun erweitert, denn die Kabel-/Satellit-Kanäle 3Sat und Eins Plus waren hinzugekommen. Statt Stallone druckte man ein gezeichnetes „Conan“-Motiv Arnold Schwarzeneggers aufs Cover des nun knapp 200 Seiten umfassenden Bands.

Sein Vorwort nutzt Chefredakteur Willy Loderhose, um die von den Privatsendern vorangetriebene Tendenz zum Senden rund um die Uhr (das damals noch nicht selbstverständlich war) und die damit gestiegene Nachfrage nach dadurch nach den Regeln des Markts immer teurer werdenden Sendelizenzen für Spielfilme zu skizzieren, was im Nachhinein die Zunahme von Werbeblöcken erklärt. Damit einher geht aber auch ein immer breiteres Spielfilm-Angebot im TV, was Loderhose zur Überschrift „Fernsehen = Heimkino“ veranlasste – zumal er am Ende auf den in den Startlöchern stehenden Pay-TV-Sender „Premiere“ verweist, damals für 39 DM monatlich abonnierbar. Auch aufgrund der dadurch zunehmenden Konkurrenz zeigt er sich dem Fernsehjahr 1991 gegenüber optimistisch. Das Inhaltsverzeichnis macht Werbung für die „TV Spielfilm“, bevor Thomas Müller-Siemens im Vorwort zum Spielfilmteil jedoch vor Masse statt Klasse warnt.

Dieser Abschnitt nimmt natürlich den Löwenanteil des Buchs ein und stellt Filme wie „Amadeus“, „Harry und Sally“, „The Untouchables“, „Angel Heart“ etc. inklusive schöner großer Bilder vor. Überraschend kritische Worte findet man zu den „Rambo“-Fortsetzungen, Tim Burtons „Batman“-Filmen, dem dritten „Indiana Jones“ und „Der Sizilianer“. Wenn im Artikel über „Der Prinz von Zamunda“ auf ein Interview mit Eddie Murphy verwiesen wird, das sich im Buch gar nicht findet, ahnt man: Bei den Filmvorstellungen und -rezensionen dürfte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um unverändert aus verschiedenen „Cinema“-Ausgaben übernommene Texten handeln. Dass diese mitunter vom Buch-Layout stark abweichen, irritiert ebenso wie das mangelnde Lektorat, denn anscheinend wurden einige orthographische Klopse direkt mittransferiert. Die Infokästen zu den einzelnen Filmen sind mitunter unvollständig, teilweise fehlt gar das Erscheinungsjahr. Schlimmer ist aber das lange Zeit für die „Cinema“-Filmvorstellungen übliche Spoilern von Wendungen, Pointen und Enden.

Der „Filmhits des Jahres“-Abschnitt wird von der Vorstellung diverser sich bestimmten Schauspieler(inne)n, Figuren oder Regisseur(inn)en widmenden Filmreihen aufgelockert, wobei man mitunter kritische Worte zur Filmauswahl fand. Offenbar als weniger wichtig erachtete Spielfilme erhalten in den senderspezifisch eingestreuten „Kurz belichtet“-Rubriken lediglich Kurzvorstellungen, was leider auch für diverse Werkschauen gilt. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil an Spielfilmen findet sogar nur noch in unsortierten Auflistungen ohne weitere Informationen statt, im Falle meine ehemaligen Lieblingssenders Tele5 betrifft dies leider den Großteil der Ausstrahlungen. Immerhin erfährt man so, dass Filme wie „Spasmo“, „Mit Django kam der Tod“ oder „Il Nero – Hass war sein Gebet“ dort offenbar liefen. Generell macht es Spaß, sich zu erinnern zu versuchen, was man damals selbst gesehen hat, und abzugleichen, was es als TV-Mitschnitt ins VHS-Privatarchiv gebracht hat. Weniger schön hingegen ist es, feststellen zu müssen, die eine oder andere in der deutschen Fassung überhaupt nicht mehr erhältliche, echte Rarität mitzuschneiden versäumt zu haben…

Im Vorwort zum Serienteil beschreibt Meriko Gehrmann die RTL-Produktion „Ein Schloss am Wörther See“ [sic!] als Novum, hatten die Privatsender bis dahin doch vornehmlich Serien eingekauft, statt sie selbst zu produzieren – der Erfolg schien RTL recht zu geben, denn wie wir wissen, folgten unzählige weitere Eigenproduktionen. Der Serienteil wird hier stattdessen noch bestimmt von „Twin Peaks“, „Allein gegen die Mafia“, „Alf“, „Miami Vice“ und „Peter Strohm“. Schön, dass auch weniger geläufige Serien, die seinerzeit auf Tele5 liefen, Berücksichtigung finden. Den aufkeimenden Wettkampf um immer gewinnträchtigere und spektakulärere Gameshows zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten handelt man auf einer Doppelseite im Serienteil ab, die im Inhaltsverzeichnis unterschlagen wird.

Der vom übrigens Inhalt losgelöste Erotikteil fällt mit nur vier Filmvorstellungen erneut ziemlich dünn aus und wird wie gewohnt ergänzt von einer Übersicht über andere Erotikformate – „Tutti Frutti“ & Co. waren immer noch Themen, waren sie doch Aufreger und Quotenbringer gleichermaßen. So greift Artur Jung sie auch in seinem Vorwort auf und kritisiert die Doppelmoral, mit der man ihnen gegenüberstand. Ein wunderbares Zeitdokument ist der von einem Vorwort Silke Kieneckers eingeleitete Abschnitt „Stars 1991“, der neben Peter Striebeck, Thekla Carola Wied, Peter Falk, Günther Jauch und Konsorten auch die durch die Wiedervereinigung ins gesamtdeutsche Fernsehen drängenden Stars der ehemaligen DDR porträtiert, angefangen bei Wolfgang Lippert über Carmen Nebel bis hin zu Gunther Emmerlich. Den Sonderstatus, den Programmansager Denès Törzs damals einnahm, unterstreicht seine Berücksichtigung in dieser Kategorie, war er doch bekannt für besonders eloquente und informative Filmeinführungen – gute alte Zeiten. Leider endet dieser Abschnitt eher peinlich, wenn im üppig bebilderten Text über das Hamburger „Die Schmidts“-Varieté aus Lilo Wanders „Frau Wandas“ wird, die „life“ statt live auftritt…

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ist auch ein Thema des Sportteils, in dessen Vorwort Michael Schrödner große Hoffnung in die Athletinnen und Athleten des ehemaligen deutschen Realsozialismus setzt.  Ferner gehen aus seinen Zeilen die Bedeutung des deutschen Siegs der Herrenfußball-WM im Vorjahr und der anhaltenden Erfolge im Tennis durch Steffi Graf und Boris Becker hervor. Heute nur noch schwer vorstellbar: Damals hatten tatsächlich die Privatsender den Öffentlich-Rechtlichen zum wiederholten Male die Lizenzen für Spitzenfußball- und -Tennis-Berichterstattung weggeschnappt, weshalb sich ARD und ZDF auf weniger populäre Sportarten beschränken mussten. Schrödner verweist auf das kommende Pay-TV-Angebot Premieres, „jede Woche ein Bundesligaspiel live und in voller Länge“ auszustrahlen, woraus bekanntlich das Hauptverkaufsangebot des Senders erwuchs, dessen Nachfolger Sky heute etliche Privathaushalte und Gaststätten mit x parallelen Sport-Liveübertragungen sowie -Konferenzen versorgt. Eine Doppelseite beschreibt den aktuellen Stand der Schwergewichts-Weltmeisterschaft im Boxen und verweist in weiser Voraussicht auf den ehemaligen DDR-Champ Henry Maske, Wrestling heißt noch Catchen und wird ebenso wie andere Randsportarten in den Sportspartenkanälen Eurosport oder Sportkanal zu sehen sein, die somit nun auch Erwähnung finden – innerhalb eines Artikels, der den Siegeszug des Sport-Pay-TVs voraussagt. Auf einen kurzen Abschnitt zum Tennis folgt eine Übersicht über die wichtigsten Sportereignisse 1991, wobei die Spalte „TV“ in vielen Fällen frei blieb: Offenbar waren die Übertragungsrechte noch nicht geklärt.

Den damaligen Stand der Fernsehlandschaft in der Rezeption fasst der für ein solches Buch relativ detaillierte Statistikteil zusammen, in dem erwartungsgemäß die Fußball-WM-Spiele mit deutscher Beteiligung die Einschaltquoten-Ranglisten dominieren, ansonsten aber erstmals die Privaten – im sechsten Jahr ihres Bestehens – die Öffentlich-Rechtlichen überholt haben. Somit wird der temporäre Siegeszug des Privatfernsehens dokumentiert, während zugleich Michael Lohmann in seinem Vorwort den Wettbewerb zwischen beiden Formen begrüßt. Wie gehabt runden ein Inhaltsverzeichnis, ein Index  und ein ausführliches Adressverzeichnis auch diesen Band ab, der sich gut eignet, die damalige TV-Landschaft ausgehend vom Fokus aufs Spielfilmangebot nachzuvollziehen, aber auch an seine Grenzen hinsichtlich der schieren Fülle gerät – und nicht zuletzt ob seiner Fehler etwas mit heißer Nadel gestrickt wirkt.

Frank Schäfer – Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I

Der Braunschweiger Frank Schäfer dürfte einer der umtriebigsten popkulturellen Autoren sein, die Deutschland zurzeit zu bieten hat. Auf „Generation Rock“ folgten „Homestories. Zehn Visiten bei Schriftstellern“ und „Woodstock ’69. Die Legende.“, die ich beide nicht gelesen habe. Bei „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ jedoch, dem Auftakt zu einer neuen losen Reihe von Rezensions- und Essaysammlungen, musste ich jedoch wieder zugreifen, vereint er doch einmal mehr jüngere Texte aus Zeitschriften wie dem „Rolling Stone“ und der „Sounds“, Tageszeitungen wie der „Neuen Zürcher Zeitung“, der „jungen Welt“ und der „taz“ sowie den Online-Angeboten des „Spiegels“ und der „Zeit“. Erschienen ist dieser rund 180 Seiten umfassende Band im broschierten Taschenbuchformat 2010 im Münsteraner Oktober-Verlag.

24 Kapitel lang setzt sich der Doktor der Philosophie und ehemalige Heavy-Metal-Musiker nicht etwa nur mit Rock’n’Roll, sondern mit weit mehr, was ihn irgendwie beschäftigt hat, auseinander. Auf ausführliche, sich in gewohnter Weise von den üblichen Kurzkritiken in Musikmagazinen abgrenzenden Schallplattenrezensionen treffen somit Beobachtungen der Neo-Hippie-Veranstaltung Burg-Herzberg-Festival und persönliche Einblicke in seine private musikalische Sozialisation, die in eine wunderschöne Thin-Lizzy-Ehrerbietung münden, spricht bzw. schreibt er mir aus der Seele, wenn er seine „Schwierigkeiten beim Hören schwarzer Musik“ darlegt (nicht, dass ich es nicht noch mal probieren würde!) oder den sozialen Aspekt von Gesellschaftspiele-Abenden anzweifelt, gibt er The Human League eine Mitschuld am Tode Lester Bangs, setzt er sich mit seinen eigenen Steckenpferden, den Rockromanen und Musikkritiken, kritisch auseinander und unterhält er sich mit Kulturtheoretiker und Schriftsteller Klaus Theweleit über Jimi Hendrix. Schäfer hat auch gelesen, was Greil Marcus über Bob Dylan geschrieben hat, verfasste einen Nachruf auf Popkritiker Helmut Salzinger und den legendären britischen Radio-DJ John Peel und besuchte – einer meiner Favoriten dieser Sammlung – die Comiczeichner Mawil und Kleist in Berlin.

Am tiefsten beeindruckt hat mich Schäfer diesmal jedoch mit seiner klugen Erklärung der Peter-Pan-Obsessionen Michael Jacksons, die er zum Aufhänger nimmt, durchaus auf andere Personalien übertragbare Rückschlüsse auf eine versäumte Kindheit zu ziehen. Und damit nicht genug: Wie er in „Nur eine Nacht“ das Wiedersehen eines ehemaligen Liebespaars auf einem Thin-Lizzy-Reunion-Konzert detailliert nacherzählt, vereint, was Schäfer so häufig ausmacht: Sein sensibles Gespür für Musik und für menschliche Biographien sowie sein von Melancholie geprägter Blick in die Seelen seiner Protagonistinnen und Protagonisten vor dem Hintergrund unerbittlich verrinnender Zeit, was positiv an seine Rockromane erinnert, die es sich in meinem Regal zwischen Salinger und Schamoni längst gemütlich gemacht haben.

Sicher, sein Bericht vom Wacken Open Air 2007 liest sich reichlich verklärend – vielleicht handelte es sich aber auch tatsächlich um das letzte W:O:A dieser Art, bevor man dort für Geld bereit wurde, so gut wie alles zu tun. Das Schöne an allen Essays Schäfers ist es jedoch, dass sie quasi nie theoretisch sind; ganz so also, wie es wirkliches Essays voraussetzen: Sie scheinen auf persönlichen Erlebnissen und Begegnungen oder eben der eigenen offenen und ernsthaft interessierten Herangehensweise an seine unterschiedlichen Themen zu beruhen. Daraus resultiert, dass man sich gar nicht selbst für all diese zu interessieren braucht; es reicht vollkommen, sich für Schäfers erzählerischen Schreibstil zu erwärmen. Dieser ist glücklicherweise meist vor allem in Bezug auf eine angenehme und gut rezipierbare Sprachästhetik anspruchsvoll, aber auch erneut mitunter durchaus herausfordernd – zumindest habe ich für mich neue Wörter wie „konzis“ (offenbar sein damals neues Lieblingswort, das er etwas über Gebühr strapaziert), „inkommensurabel“, „kregel“, „Inauguratoren“ und „Epiphanie“ gelernt.

Hollywood Story: Der ultimative Guide zu Batman

Anlässlich des 80. Geburtstags der Comic- und Filmfigur Batman veröffentlichte der New Yorker Centennial-Media-Verlag 2019 einen 104-seitigen A4-Band mit Klebebindung und Cover aus festem Kartonpapier, der auch ins Deutsche übersetzt wurde und in den Filmzeitschriftenabteilungen der Bahnhofskiosks für 9,80 € erhältlich war. In einem äußerst ansprechenden, professionellen, hübsch bunten Layout inkl. vieler toller Abbildungen werden Hintergrundinformationen zur Entstehung der Comic-Figur und, begleitet von durchaus kritischen Worten, ihrer Schöpfer geliefert, bevor es natürlich zunächst um die klassischen Comics geht. Anschließend widmet man sich Batmans Sidekick Robin, der komödiantischen Fernsehserie aus den 1960ern , Batmans Helfern und Femmes Fatales, seinen „zehn übelsten Gegenspielern“, seinem Kostüm, seinem Batmobil und seiner Bat-Höhle. Recht ausführlich werden die verschiedenen Verfilmungen (inkl. Lego-Film) abgehandelt, wobei ein starker Fokus auf die jeweiligen Schauspieler gelegt wird. Das ist sogar etwas zu viel des Guten, aber, ok – schließlich befindet man sich ja in einer „Hollywood Story“. Ohne wirklich in die Tiefe zu gehen schlägt man auch kritische Worte zur einen oder anderen umstrittenen Kino-Adaption an. Leider zog man nur eine einzige Zeichentrickserie heran, die beliebte „Batman: The Animated Series“ aus dem Jahre 1992, andere Zeichentrickauftritte des dunklen Ritters werden lediglich am Rande erwähnt. Abschließend werden einige Sammlerstücke exemplarisch vorgestellt, wird knapp auf Kuriositäten wie die Batman-Achterbahn, eine Batman-Briefmarke oder Batman-Lego-Crossover-Videospiele eingegangen und als Rausschmeißer ein furchtbar unvollständiger und damit komplett überflüssiger Zeitstrahl untergebracht.

Bei der Fülle an Themen und dem starken Augenmerk auf Batmans Leinwandadaptionen liegt es in der Natur der Sache, dass vieles lediglich oberflächlich angerissen wird. So sind z.B. insbesondere die Schurken des Batman-Universums kongeniale Geniestreiche – eine vollständige Übersicht über alle wiederkehrenden Gegenspieler(innen) wäre toll gewesen. Auch hätte ich mir gewünscht, dass in Bezug auf die Comics mit Begriffen wie Silver oder Golden Age gearbeitet worden wäre. Auf die deutschen Comicausgaben wird leider mit gar keiner Silbe eingegangen. Im Filmteil hätte ich gern mehr über die alten Kurzfilmreihen erfahren. Auch eine vollständige Übersicht über die verschiedenen Zeichentrickadaptionen wäre wünschenswert gewesen. Nahezu unverzeihbar ist der vollständige Verzicht auf Actionfiguren innerhalb dieses Bands.

Dennoch: Für einen mehr als nur groben Überblick ist diese Ausgabe durchaus geeignet, Batman-Fans dürften beim Durchblättern allein schon aufgrund der vielen Abbildungen ihre Freude haben und vielleicht das eine oder andere wieder- oder neu entdecken. Die Texte habe ich als frei von orthographischen Fehlern in Erinnerung, der Genitiv war jedoch kein Freund des Übersetzers oder der Übersetzerin. Aufgrund seines hochwertigen Hochglanzpapiers ist „Der ultimative Guide zu Batman“ auch ein schönes haptisches Erlebnis. Ein etwas weniger marktschreierischer Titel hätt’s jedoch auch getan. Und ich bin um die Erkenntnis reicher: Ich muss endlich mal die Batman-Filmographie komplettieren…

Patrick Cadot / Michel de Bom – Die phantastischen Abenteuer von Yvain und Yvon: Band 1 – Die Spur des Baphoment / Band 2 – König der Wölfe

In den alten Yps-Comicheften wurden neben in sich abgeschlossenen Episoden verschiedener Comicreihen i.d.R. auch Fortsetzungsgeschichten veröffentlicht. So gerne ich Yps damals als Kind gelesen habe, so wenig war daran zu denken, dass ich lückenlos die Hefte erwerbe bzw. erworben bekomme. Das führte dazu, dass ich Yps sehr unchronologisch las und daher die Fortsetzungsgeschichten zwar stets zur Kenntnis nahm, aber lediglich überblätterte. Eine, die mich mit ihren Zeichnungen am meisten faszinierte, war „Isegrims Abenteuer“ um einen Wolf mit leuchtend roten Augen, die ihre deutsche Erstveröffentlichung 1987 in Yps Nr. 592 fand und bis 1989 in Nr. 716 abgedruckt wurde. Es handelte sich um die Reihe „Yvain et Yvon“ der Belgier Patrick Cadot und Michel de Bom, die im Original 1985 erschienen war.

Der deutsche Feest-Verlag veröffentlichte 1988 und 1989 unter dem neuen Titel „Die phantastischen Abenteuer von Yvain und Yvon“ zwei jeweils rund 50-seitige Softcover-Alben in neuer Übersetzung von Petra Butterfaß, die ich anlässlich meiner Wolfs-Tätowierung antiquarisch erwarb. Yvain und Yvon sind Zwillingsbrüder im Kindesalter, von denen sich Yvon in den rotäugigen, sprechenden Wolf Ysengrin verwandeln kann. Dies halten die beiden vor fast allen anderen geheim und durchstehen gemeinsam aufregende, gefährliche Abenteuer.

Im Band „Die Spur des Baphomet“ befinden sie sich in den Ferien in Südfrankreich, wo sie mit der Sagengestalt des Baphomets konfrontiert werden und aufgrund ihrer Neugier, ihres Spürsinns und natürlich Yvons besonderer Fähigkeiten einem habgierigen Komplott um einen uralten Schatz der Templer auf die Spur kommen. In klar strukturierten, in den Größen variierenden vollfarbigen Panels wird in typischen frankobelgischen Zeichnungen eine spannend konzipierte Detektivgeschichte mit Fantasy-Elementen erzählt, die die Mythologie um den Baphomet und die Templer aufgreift und sehr frei adaptiert. Gepaart mit etwas Humor und skurrilen Erwachsenenfiguren wurde ein Comic zu Papier gebracht, der von seiner geheimnisvollen Stimmung und den sympathischen Protagonistin lebt, die ihr großes Geheimnis hüten und außerhalb der familiären Obhut über sich hinauswachsen. Damit ist er bestens für etwas größere Kinder geeignet sowie natürlich für alle Freunde des unverkennbaren frankobelgischen Zeichenstils. Abgerundet wird dieser erste Band durch eine Kurzvorstellung Cadots und de Boms.

Im zweiten Band „König der Wölfe“ geht es ins elsässische Tritenheim – und wesentlich härter zur Sache als in der vorausgegangenen Geschichte. Ysengrin vernimmt dank seiner Wolfsinstinkte eine innere Stimme, die ihn zum Treffen der Oberhäupter aller Wolfsclans lockt. Der Grund: Der neue König der Wölfe soll gewählt werden. Doch Tetramund, der noch amtierende Wolfskönig, wird von Baron von Wallenstein gefangen und dessen dekadenten Gästen vorgeführt..

„König der Wölfe“ entspinnt eine ganz neue, düstere Mythologie um die Gattung der Wölfe und klagt den Umgang der Menschen mit ihnen an. Tetramunds Gefangennahme und anschließende Befreiung ist dabei erst der Auftakt zu einer blutigen Eskalation mit Toten auf beiden Seiten, bei der die Wut der Zeichner auf trophäenjagende Adlige und ihre speichelleckende Gefolgschaft mehr als nur durchschimmert. Das ist konsequent, trotz einigen Humors auch traurig und bitter und somit sicherlich nichts für ganz junge Leserinnen und Leser. Für Freunde frankobelgischer Comics mit einem gewissen inhaltlichen Anspruch jedoch handelt es sich um eine lohnenswerte, berührende Entdeckung, die angesichts der Hysterie schießwütiger feiger Exemplare der Gattung Mensch aufgrund der Rückkehr des Wolfs in hiesige Gefilde aktueller denn je ist. Ich jedenfalls bin begeistert!

Schade, dass es mit dem bereits angekündigten dritten Band in Deutschland nichts mehr wurde…

U-Comix präsentiert #50: Max – Peter Pank, der Werwolf-Punk

Der spanische Comiczeichner Max alias Francesc Capdevila hat anscheinend ab 1983 insgesamt drei „Peter Pank“-Comics veröffentlicht, von denen es leider nur einer zu einer deutschen Übersetzung brachte: Die Peter-Pan-Parodie„Peter Pank, der Werwolf-Punk“ scheint aus dem Jahre 1987 zu stammen und wurde 1991 im Alpha-Comic-Verlag als Nummer 50 der sich an ein erwachsenes Publikum richtenden „U-Comix präsentiert“-Reihe u.a. in der mir vorliegenden großformatigen, 50-seitigen, vollkolorierten Softcover-Variante veröffentlicht.

Ein durchgeknallter, machthungriger Grufti reanimiert den eigentlichen toten Punkrocker Peter Pank, macht ihn aber mittels Gehirnwäsche zu einem willenlosen Sklaven mit dem Auftrag, Graf Dracula zu töten. Auf dieser Mission trifft Peter auf eine Gruppe Skinheads, die sich ihm zumindest zum Teil anschließt, und auf oben ohne herumflatternde bestrapste Elfen, deren Mutter sich prostituiert und die wiederum die rebellierende Punk-Elfe Karin kennenlernen. Ein paar Teds sind auch noch involviert und runden den subkulturellen Reigen ab. Der im Funny-Stil gezeichnete Comic setzt darüber hinaus vor allem auf Humor durch Überzeichnung, Spiel mit Klischees und Verwechslungen, versteht es aber auch, seine Geschichte in drei parallelen, erst gegen Ende zusammengeführten Handlungssträngen zu erzählen und dadurch interessant zu halten. Versetzt mit Fantasy- und Horrorelementen und abwechslungsreich mit variierenden Panelgrößen gestaltet, ist „Peter Pank, der Werwolf-Punk“ ein anarchischer, kurzweiliger Spaß, der auch ohne Kenntnisse der (hier sehr frei interpretierten und adaptierten, eher weitererzählten denn direkt parodierten) Peter-Pan-Geschichte problemlos funktioniert. Für comiclesende Punks ein Pflichtalbum, für Freunde spaßiger, letztlich aber eher harmloser Underground-Comics ebenfalls etwas für die Beuteliste – wenn nicht die gesamte „U-Comix präsentiert“-Reihe ohnehin längst im Regal steht.

Von Max ebenfalls dort erschienen ist das Album „Der geheime Kuss“, das verschiedene Kurzgeschichten enthält und ich sicherlich mitnehmen werde, wenn es mir mal in die Hände fällt.

Peter Osteried / Martin Hentschel – Simple Movie Porträt #7: Edwige Fenech

Der MPW-Verlag widmete sich in seiner achtbändigen „Simple Movie Porträt“-Reihe verschiedenen internationalen weiblichen Erotikfilm-Ikonen. Die 2010 erschienene Nr. 7 steht ganz im Zeichen Edwige Fenechs. Die algerischstämmige Tochter eines maltesischen Vaters und einer italienischen Mutter, die einst zur „Miss France“ gekürt wurde, begann ihre Karriere vor der Kamera 1967 mit mal mehr, mal weniger schlüpfrigen Komödien, avancierte in den 1970ern zu einem der weiblichen Aushängeschilder des italienischen Giallo und beackerte schließlich das Feld der Commedia Sexy all’ Italiana, bevor sie auf die Produzentinnenseite wechselte. Unter Freunden des europäischen Genre-Kinos genießt die attraktive Schauspielerin bis heute Kultstatus.

Die „Redateure“ (wie sie im Impressum bezeichnet werden) Peter Osteried und Martin Hentschel (nicht „Henschel“, wie peinlicherweise ebenfalls im Impressum angegeben) sind für die Texte dieses auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier gedruckten Hefts verantwortlich. Diese spielen jedoch zunächst einmal nur eine untergeordnete Rolle angesichts der vielen erotische Fotografien der Fenech und all der Filmplakate und Aushangfotos in bestechender Qualität, die das Heft fast zu einer Art Bildband machen, in jedem Falle zu einer sehr vergnüglichen Materialsammlung, anhand derer sich anschaulich nachvollziehen lässt, wie Fenechs Filme damals beworben wurden und welche ihrer Attribute über ihr schauspielerisches Talent hinaus das Publikum ins Kino und in die Videotheken lockte. Hat man sich erst einmal sattgesehen, lohnt es sich aber auch, sich mit den Texten zu befassen: Auf ein knappes Vorwort Osterieds folgt Fenechs sich über mehrere Seiten erstreckende Vita, bis sich die minutiös abgebildete Filmographie als Herzstück auch dieses Bands herausstellt: Chronologisch sortiert bekommt man Informationen inkl. Inhaltsangaben und Kurzkritiken zu vermutlich tatsächlich jedem einzelnen Film, in dem Edwige Fenech mitspielte, und sei es auch nur eine Nebenrolle gewesen. Von „Toutes folles de lui“ über „Der Killer von Wien“ bis zu „Hostel II“ liefert das Heft einen kompletten Überblick über Fenechs schauspielerisches Wirken, ergänzt um ihre Fernsehauftritte und eine Auflistung ihrer eigenen Produktionen sowie einen Einschub zu Regisseur Sergio Martino, unter dem ihre besten Filme entstanden und mit dessen Bruder, dem Produzenten Luciano Martino, sie zeitweilig liiert war.

Leider entpuppen sich manch Angaben zu den Heimkino-Veröffentlichungen als unvollständig, was umso unverständlicher anmutet, wenn die jeweilige Veröffentlichung in Bildform abgedruckt wurde. Seltsam mutet es auch an, dass zu einem Film wie „Flotte Teens und die neue Schulmieze“ verschwenderisch viel Material abgedruckt wurde, zu anderen Filmen hingegen überhaupt keines. Und Umberto Lenzi anlässlich der „Die große Offensive“-Filmkritik zu porträtieren, ohne seine Gialli und Polizieschi auch nur zu erwähnen, ist schon ein ganz grober Schnitzer. Generell hat diesen Band wieder niemand vor dem Druck korrekturgelesen, sodass erneut ein paar dicke Böcke geschossen werden, die sich bis hin zu sich ständig wiederholenden Unachtsamkeiten wie fehlenden schließenden Klammern hinter den deutschen Filmtiteln ziehen.

Anstatt das Heft mittels eines angehängten Texts über das Komiker-Duo Franco & Ciccio ohne inhaltlichen Bezug zu Fenech auf die gewünschte Seitenzahl zu strecken, wäre mehr über die Porträtierte wünschenswert gewesen, beispielsweise ein aktuelles Interview oder ein Essay eines Filmgelehrten. So aber bleibt einmal mehr ein durchwachsener Eindruck einer nur semiprofessionellen Arbeit, für die diese Reihe leider bekannt ist. Der Schauspielerin und dem Menschen Edwige Fenech wird man damit nicht gerecht.

Das Cover meiner Ausgabe weicht übrigens vom hier abgebildeten ab, offenbar existieren verschiedene Auflagen.

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 1: 1950 – 1952

„Ich möchte wirklich niemandem zu nahe treten und ich glaube auch nicht, dass das nötig ist. Ich glaube, man kann lustig und gleichzeitig unschuldig sein, und trotzdem muss es nicht zwangsweise zuckersüß oder dumm sein.“ – Charles M. Schulz

Ich war seit jeher von den Peanuts und der mit ihnen allem Humor zum Trotz einhergehenden, eigenartigen Melancholie fasziniert. Der US-amerikanische Zeichner Charles M. Schulz erfand sie einst und brachte sie erstmals 1950 als schwarzweißen Comic-Strip in Tageszeitungen unter. Der Hamburger Carlsen-Verlag begann im November 2006 mit der Mammutaufgabe, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte Werkausgabe zu veröffentlichen, die bis zum März 2019 auf 26 Bände angewachsen ist. Der rund 350 Seiten starke erste Hardcover-Band im Querformat (21,5 x 17,0 cm) mit Schutzumschlag umfasst die ersten drei Jahre der Peanuts von 1950 bis 1952 und präsentiert pro Seite drei der meist aus vier Panels bestehenden Strips sowie die später hinzugekommenen Sonntagsseiten, die jeweils eine ganze Buchseite einnehmen. Die Einführung des Humoristen und Dichters Robert Gernhardt umfasst vier Seiten; im Anschluss an die Comics folgen der 14-seitige Essay des Schulz-Biographen David Michaelis „Charles M. Schulz: Sein Leben und Werk“ sowie ein ausführliches, ursprünglich 1987 im Comic-Fachblatt „NEMO: The Classic Comics Library“ veröffentlichtes Interviews Rick Marschalls und Gary Groth’ mit Schulz, das sich über satte 34 Seiten erstreckt, bevor ein Index das auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch abrundet.

Das Besondere an den Peanuts ist in erster Linie, dass sie anhand einer (nach und nach wachsenden) Gruppe Kinder nicht nur die Kinder-, sondern auch die Erwachsenenwelt karikiert, ohne jemals Erwachsene zu zeigen. Die Zielgruppe waren schließlich auch Erwachsene, für Kinder waren sie nie gedacht. Daraus ist ein Konzept entstanden, das aus Kindern sehr individuelle, für einen Comic ungewöhnlich starke Charaktere macht, deren Eigenheiten im Vordergrund stehen – allen voran natürlich der anfänglich noch nicht einmal eingeschulte, aber bereits so oft melancholische, sorgenvoll trübsinnige Charlie Brown, der von Minderwertigkeitsgefühlen und einem permanenten Gefühl der Verunsicherung geplagt wird. Bereits im ersten Strip wird er namentlich genannt, im 29. Strip legt man ihm in die Sprechblase, vier Jahre alt zu sein. Erst nach und nach erfährt man die Namen der anderen Kinder: Patty (nicht zu verwechseln mit Peppermint Patty), die zwischen Charlie und einem anderen, anfänglich namenlosen, im Dezember 1950 Shermy getauften Jungen hin und her gerissen ist. Im Februar 1951 gesellt sich mit dem Mädchen Violet ein weiteres Kind hinzu, diesem macht Charlie Avancen. Charlie kann aber auch sehr frech sein, insbesondere wenn er auf Pattys Annäherungsversuche hin sich einen Spaß daraus macht, die passionierte Sandkuchenbäckerin zu verärgern. Snoopy läuft noch auf allen Vieren und muss ohne seinen gefiederten Freund Woodstock auskommen, zudem scheint er in der Größe noch zu variieren. Im September 1951 ist erstmals seine Hundehütte zu sehen. Es irritiert, dass man ihm ständig Süßigkeiten zu futtern gibt und es dauert bis zum Mai 1952, bis er seine erste Denkblase mit ausformulierten Sätzen bekommt.

Die Evolution der Figuren nachzuvollziehen, ist ein Riesenspaß, zumal sie hier noch altern: Als das spätere Klavier-Ass Schroeder im Mai 1951 eingeführt wird, ist er noch ein Baby, sein geliebtes Musikinstrument bekommt er erst im September. Lucy stößt im März 1952 dazu und ist noch ein Kleinkind mit großen Kulleraugen. Seit dem Herbst 1951 besucht Charlie Brown die Schule. Im Juni 1952 hat Schroeder bereits seinen eigenen Plattenspieler und spricht, auch Lucy ist nun kein Kleinkind mehr. Ein interessanter stilistischer Ausreißer ist im Herbst 1952 zu beobachten, als Schroeder sich bewusst zu sein scheint, eine Figur in einem Comicstrip zu sein. Im Juli 1952 erwähnt Lucy erstmals, einen kleinen Bruder zu haben, doch es dauert bis zum September 1952, bis er auch zu sehen ist und schließlich namentlich genannt wird: Die Rede ist natürlich von Linus. Im Januar 1952 kamen die Sonntagsseiten hinzu, die Schulz einmal pro Woche mehr Platz einräumten. Bereits im Laufe dieser allerersten Jahre wurden die Strips immer detailreicher, insbesondere ihre Hintergründe. Auf einer Sonntagsseite im Oktober 1952 kommt Snoopy seinem späteren Charakter bereits sehr nahe; der Running Gag um Lucy, Charlie und den Football wird auf einer Sonntagsseite aus dem November 1952 etabliert. Ansonsten wird viel Baseball, aber auch überraschend häufig Golf gespielt. Leider ist Shermy im Laufe der Zeit sang- und klanglos so gut wie verschwunden.

Der einfache Strich Schulz’ verfügte bereits von Beginn an über seinen Charme und die Gags sind überraschend gut gealtert. So sehr Schulz sich darüber ärgerte, dass seine Auftraggeber von der Zeitung den Namen „Peanuts“ durchgesetzt hatten, so erfolgreich wurde er mit ihnen: Schulz gilt als erfolgreichster einzelner Comickünstler überhaupt. Tatsächlich hat er bis zuletzt so gut wie allein gearbeitet und damit – dem Namen zum Trotz – stets seine eigene Vision durchgesetzt. Der ausführliche Anhang dieses Buchs verdeutlicht, wie sehr Charlie Brown das Alter Ego Schulz’ war. Schulz war offenbar ein sehr bescheidener Mann, der einen wachen Blick auf die Welt und das gesellschaftliche Zusammenleben hatte. Sein Charakterzug, nicht selbstsicher laut loszupoltern, sondern stets skeptisch und zweifelnd zu bleiben und, an das Gute im Menschen glaubend, niemandem wehtun zu wollen, hatte starken Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung seiner Strips und dürfte entscheidend zu seinem speziellen Stil beigetragen haben. David Michaelis grast prägende biografische Stationen des Zeichners ab, was hilft, dessen Lebenseinstellung nachzuvollziehen.

Menschliche Gefühle, Verhaltensweisen und Macken abstrakt humoristisch und nachdenklich zugleich anhand einer Gruppe Kinder (und eines Hunds) darzustellen und zu abstrahieren, war Schulz’ große Kunst. Diese dank dieser Werkausgabe von Beginn nachverfolgen zu können, ist spannende comicarchäologische Aufarbeitung und großes Vergnügen zugleich. Die Bände 2 und 3 liegen schon bereit!

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