Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 2 of 19)

Matthias Sesselmann – Revolution im Herzen. Ein Ex-68er begegnet dem echten Revolutionär

Die Einbandgestaltung mit auffällig roter Farbe, Straßenprotestfoto und stilisiertem „Antifa-proof“-Störer ist anscheinend darauf ausgerichtet, ein entsprechend affines Publikum anzusprechen. Dieses dürfte jedoch schnell dahinterkommen, dass dieses 100-seitige Mini-Taschenbüchlein ein sog. Missionstool (Selbstbezeichnung) des christlichen Münchner Soulbooks-Verlags ist, das 2015 in seiner ersten Auflage erschien und gestaffelt ab 1,- EUR abwärts rausgehauen wird, also in größerer Menge beispielsweise für Straßenmissionierungsaktionen erworben werden kann.

Das Vorwort stammt von den Glücklichen, die sich die gott.de-Domain sichern konnten; Autor Matthias Sesselmann blickt von der Buchrückseite als Jesus-Lookalike mit langen Loden und Augenringen an einem vorbei. Ein ‘68er sei er gewesen, verrät der Klappentext, nach dem „Woodstock-Desaster“ sei jedoch eine „heilsame Ernüchterung“ gefolgt. Der Titel verrät bereits eine Begegnung mit „dem echten Revolutionär“ – na, wer damit wohl gemeint sein wird…?

Der in 18 Kapitel unterteilte Text ist in angenehm großer Schriftgröße auf Recyclingpapier gedruckt und mit zahlreichen Schwarzweißfotos aus Sesselmanns Leben illustriert. Der Einband ist aus fester Pappe und die Mühe, ein Inhaltsverzeichnis voranzustellen, hat man sich auch gemacht. Sesselmann beschreibt die verschiedenen Stationen seines Lebens und, aufgrund seiner Eigenschaft als ehemaliger ‘68er-Polit-Hippie-Aktivist, somit auch der jeweiligen Politik sowie des in seinen Kreisen jeweils vorherrschenden Zeitgeists. Und das könnte alles typischer kaum sein: Demonstrationen und andere Protestaktionen, Ärger mit der Exekutive, Hausbesetzungen, alternative Zentren und schließlich Abkehr vom Radikalismus, Fremdeln mit nachwachsenden Generationen, Enttäuschungen, innere Einkehr und Sinnsuche. Dies ging einher mit Drogenkonsum, Interesse an „östlicher Mystik“, schließlich Drogenabhängigkeit und gesundheitlichen Problemen. Dann die Religion als Rettungsanker und Missionierung in Teestuben, um anderen „verlorenen Seelen“ zu helfen.

Über weitere Strecken lesen sich Sesselmanns Erinnerungen wie ein kurzweiliger, weil durchaus auch hier und da mit etwas Humor versehener Schnelldurchlauf einer typischen Hippiekarriere, die in einem bedenklichen Drogenmissbrauch mündet und als letzte Station der ewigwährenden Sinnsuche die christliche Religion entdeckt. Dass es Sesselmann dabei leider nicht um eine gesunde Spiritualität als Ausgleich zu einer materialistischen Welt geht, um Horizonterweiterung und Selbstfindung oder das Erreichen einer inneren Balance, sondern ums Beharren auf einer monotheistischen Religion mit Jesus als einzig wahrem Anführer, wird dann auf den letzten Metern deutlich, genauer: ab S. 84, wenn er von seiner Plauderei mit Barclay-James-Harvest-Mitglied Lees berichtet, der sich zu seinem Bedauern „nicht in seinem zusammengewürfelten Privat-Glauben“ habe „erschüttern“ lassen. Von nun an zeigt Sesselmann sein wahres Gesicht, geht weiter mit seinem Kontakten zu Bands und nun auch bis in die Politik hausieren, schildert seine Missionierungsversuche und stellt zum Ende hin noch einmal klar, dass man keinesfalls für verschiedene Glaubensrichtungen offen sein solle, sondern besser ausschließlich an Jesus glaube.

Dass ein ehemaliger Weltverbesserer nun einen solch anmaßenden, absolutistischen Ansatz vertritt, zeigt, dass er letztlich nichts – weder von Weltoffenheit und gegenseitiger Akzeptanz noch von den Ursachen der zahlreichen Konflikte auf dieser Welt – verstanden und stattdessen sein Seelenheil gefunden hat, indem er seine geistige Freiheit zugunsten einer monotheistischen religiösen Führergestalt aufgab. Damit landet dieses Buch in meiner kleinen Religionsecke beim anderen bedenklichen Propagandamaterial der Zeugen Jehovas und der Jesus Freaks. Fazit: Never trust a hippie.

Niklas Hofmann / Klaus Raab – Ein Kult für alle Fälle: Die ultimativen Serien der Achtziger

US-amerikanische Krimi- und Actionserien der 1980er haben in eben jenem Jahrzehnt, in dem sie jeweils mit ein paar Jahren Latenz im deutschen öffentlich-rechtlichen wie im Privatfernsehen ankamen, mindestens eine Generation geprägt. Sie galten nicht nur als schwer unterhaltsam, sondern auch als heißer Scheiß, der Coolness transportierte und ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelte. Ganz weg waren sie aus dem deutschen Fernsehen nie und spätestens im Zuge der nostalgisch gefärbten Rückbesinnung auf die 1980er als Kultdekade betrachtete sie manch mittlerweile erwachsene(r) Zuschauer(in) in den besten Jahren retrospektiv mit ausgeprägtem Gespür dafür, wie sie den Zeitgeist und die Populärkultur mitprägten. Irgendwo zwischen den Polen einfacher wohliger Erinnerung und zeitgeschichtlicher Medienanalyse ist das von den Journalisten Niklas Hofmann und Klaus Raab geschriebene und von Maike Hettinger illustrierte, im Jahre 2013 im Suhrkamp-Verlag erschienene, ca. 210-seitige Taschenbuch anzusiedeln. Es widmet sich den hierzulande ursprünglich im Vorabend- und Abendprogramm gelaufenen zwölf Serien Agentin mit Herz, Airwolf, Das A-Team, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich, Knight Rider, MacGyver, Magnum, Miami Vice, Remington Steele, Simon & Simon und Trio mit vier Fäusten.

Obwohl ich in den 1980ern ein Knirps war, sind mir einige dieser Serien zumindest geläufig. Bei „Agentin mit Herz“ verstand ich überhaupt nicht, worum’s geht, doch die weibliche Hauptrolle war mir ungemein sympathisch. Bis heute liebäugle ich hin und wieder mit einem Erwerb der Komplettbox, um die Erinnerungen aufzufrischen (und zu prüfen, ob ich mittlerweile etwas mehr als damals verstehe…). „Das A-Team“ habe ich eine Weile gern geguckt, das dürfte aber schon in den 1990ern gewesen sein. „Ein Colt für alle Fälle“ genoss tatsächlich auch bei mir Kultstatus, „Knight Rider“ fand ich top (schien mir später aber schlecht gealtert), „MacGyver“ kannte ich lediglich von Erzählungen meiner Mitschüler. „Magnum“ sowie „Airwolf“ fand ich doof und „Miami Vice“ lief zu spät abends, aber das „Trio mit vier Fäusten“ rangierte zusammen mit Colt Seavers auf einem vorderen Kultplatz. Auch hier ist der Reiz der Anschaffung nach wie vor groß…

Aber zurück zu diesem Büchlein: Der Einstieg ist famos. Alle zwölf Serien werden kurz, aber auf den Punkt gebracht vorgestellt, sodass man auch ohne je eine Episode gesehen zu haben einen guten, anschaulichen Eindruck bekommt. Neben einigen handfesten Daten begeistern insbesondere zwei Abschnitte: „Die idealtypische Episode, die es so nicht gab“, wofür sich jeweils eine komplette Handlung ausgedacht wurde, die das jeweilige Serienkonzepte und die damit einhergehenden Stereotype humorig persifliert und dadurch veranschaulicht, sowie „Worum es eigentlich geht“, weil dort in ein, zwei Sätzen eben das abstrahiert auf den Punkt gebracht wird. Anschließend geht’s mit reichlich Trivia und unnützem Wissen quer durch die Serien und Themengebiete, wobei es naturgemäß sehr nerdig – dabei jedoch stets mit einem Augenzwinkern – zugeht. Das fällt mal interessanter (Frei erfundene Fakten, Vorspänne, Cameos, Castings, fast alles zu „Miami Vice“, Simpsons-Gastauftritte, Kulturvergleich mit BRD-Serien, Auftritte von DDR-Agenten, Das Vietnam-Trauma, Fehler, Quoten, Kinoreferenzen bei „Remington Steele“) und mal belangloser (Quiz: Welcher Bart gehört zu wem?, Nummernschilder, Zigarren, Kfz-Quartett) aus. Insbesondere die Hintergrundinformationen zum damaligen Streik der Drehbuchautorinnen und -autoren sind aufschlussreich. Die einzelnen Kapitel werden meist auf nur wenigen Seiten abgehandelt, sodass das Buch gut in kleinen Häppchen rezipiert werden kann. Etwas einfach machte man es sich jedoch, wann immer man es bei bloßen Aufzählungen beließ. Weiter aufgelockert wird das bunte Sammelsurium von Hettingers sehenswerten Zeichnungen sowie „Werbepausen“, in denen prägende Werbespots des ‘80er-TVs rezitiert werden. Einige nicht serienspezifische, sondern sehr allgemeine Informationen zu den 1980ern hinterlassen allerdings eher den Eindruck von Streckmitteln.

Wichtig zu wissen ist, dass es sich um keine Fachliteratur handelt, die tatsächliche Filmanalysen oder wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzungen mit dem damaligen Zeitgeist vornehmen würde. Das ist ein bisschen schade, denn ein wenig stärker hätte „Ein Kult für alle Fälle“ gern in diese Richtung tendieren dürfen. Dennoch überzeugt der originelle Ansatz, der neben einigem Quatsch viele Informationen zutage fördert, die in verschüttgegangenen Erinnerungen zu schwelgen, bei der Entscheidungsfindung, ob die eine oder andere Serie noch einmal geschaut werden sollte, oder bei der nachträglichen Einordnung damals Gesehenen mit dem Wissen von heute helfen. Schade ist indes das Fehlen eines Inhaltsverzeichnissen (dafür existiert ein Register) und sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, gelte es, den einen oder anderen Fehler (deutsche „Miami Vice“-Erstausstrahlung, „Simon & Simon“-Bild bei „Trio mit vier Fäusten“) auszubessern. „Agentin…“ und „Trio…“ hin oder her: Nach dieser kurzweiligen Lektüre bin ich mir a) sicher, dann wohl doch mal „Miami Vice“ gucken zu müssen, weiß b), weshalb innerhalb dieses Kanons „MacGyver“ das exakte Gegenteil von „Airwolf“ ist und bin c) um Informationen reicher, auf die ich eigentlich auch gut hätte verzichten können: so z.B., dass Dwight „Murdock“ Schultz heutzutage als rechtspopulistischer Internet-Kolumnist auf Hetzseiten in Erscheinung tritt. Schnapp ihn dir, B.A. – meinen Segen hast du!

Mad-Taschenbuch Nr. 37: Dick de Bartolo / Al Jaffee – Mad macht mehr aus dir. 1000 Tips zur Verbesserung von Geist und Körper

Ursprünglich aus dem Jahre 1979 stammt die von Dick de Bartolo geschriebene und von Al Jaffee gezeichnete, rund 160 Seiten unkolorierte Seiten lange Verballhornung von Selbstoptimierungsratgebern, deren deutsche Fassung 1983 erschien und angesichts des seit einigen Jahren grassierenden Selbstoptimierungstrends ihrer Zeit voraus war.

Über 14 Kapitel erstrecken sich die von Jaffee großzügig bebilderte satirische Texte. Nach einem witzig widersprüchlichen Einstieg lernt man, „wie man sich fit hält“, „wie man die Körpersprache deutet“, „wie man bewusster lebt“ usw. (Kapiteltitel). Körperkult, Fitnesswahn und Motivationsküchenpsychologie werden in pointierten Texten aufs Korn genommen, an deren Ende i.d.R. die Umkehrungen bekannter Ratschläge und Binsenweisheiten stehen und auch ein paar darüberhinausgehende gesellschaftliche Seitenhiebe verteilt werden. Cartoons und Selbsttests lockern den wie üblich kurzweiligen Spaß weiter auf und die Mad-typische Selbstironie fehlt ebenso wenig wie die eine oder andere je nach Lesart köstliche oder alberne Absurdität.

Wie gut der Humor über weite Stecken gealtert ist, spricht für Mad, ist aber auch ein Indiz dafür, welch Dauerbrenner das als Aufhänger gewählte Thema ist – wenngleich es sich strenggenommen um eine Mogelpackung handelt, denn 1.000 Tipps zähle ich bei bestem Willen nicht…

Cinema-Sonderband Nr. 9: Sex im Kino ’84 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex sells – das wusste man Mitte der 1980er auch in der Redaktion der Hamburger Filmzeitschrift Cinema. Deren Sonderhefte/-bände Nummer 6 bis 9 trugen die Titel „Erotik im Film – Kino der Lüste“, „Sex im Kino ‘83“, „Sexstars“ und „Sex im Kino ’84“, um das es hier gehen soll.

Unschwer zu erkennen, handelt es sich um den Nachfolger von „Sex im Kino ‘83“, wenn auch in leicht abgespeckter Form: Auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die eigenartige Kapiteleinteilung des Vorgängers, auch der Portraitteil, der sich mehr oder weniger verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten des erotischen Films gewidmet hatte, entfällt. Stattdessen geht es nach einem Inhaltsverzeichnis in diesem erneut 132-seitigen, großformatige Softcover-Band Schlag auf Schlag mit vermutlich nicht nur den „Höhepunkten“ des Erotikgenres, die uns der Titel verspricht, sondern schlicht allen nach Dafürhalten der Redakteure als ihm zugehörig kategorisierbaren Filmen, die 1984 (oder 1983, da nimmt man’s nicht so genau…) in den deutschen Kinos (wieder-)aufgeführt wurden. Konkret bedeutet das jedoch, das ärgerlicherweise wieder nicht zwischen Erotik-/Softsex-Filmen und Pornos unterschieden wurde, die hier munter durcheinandergewürfelt wurden. Harmlose Komödien mit Erotik-Touch oder Fantasy-Streifen wie „Die Mächte des Lichts“ oder „Das Duell der Besten“ finden sich hier wie selbstverständlich zwischen HC-Fleischfilmen.

Jeweils ein bis sechs Seiten lang werden hier Filme wie „Erste Sehnsucht“, „Flashdance“ (!), „Sunshine Reggae auf Ibiza“, „Gwendoline“, „Das Mädchen von Triest“ und „Eis am Stiel“, Teile IV und V, vorgestellt, wobei auf allzu viel Text zugunsten großzügiger Abbildungen von Filmszenen verzichtet wird. Neben dem Jahreskatalogeffekt, über den dieses Buch verfügt und der in Zeiten von durchsuch- und filterbaren Internetdatenbanken weitestgehend uninteressant geworden ist, machen diese knackscharfen Fotos den eigentlichen Reiz des Buchs aus, das damit aber zu nicht viel mehr als einem Bildband degradiert wird. Beim überwiegenden Teil der Texte handelt es sich nämlich um keine Rezensionen oder gar kritische Reflektionen, sondern lediglich um knappe Inhaltsangaben inklusive hin und wieder einem wertenden Adjektiv. Diese werden um ein paar Stabangaben ergänzt, bei denen diesmal nicht einmal die Produktionsjahre angegeben werden.

Seltsamerweise finden sich auch hier wieder Einträge, die sich nicht verifizieren lassen: In keiner Datenbank habe ich Filme wie „Patricia – Das süße Früchtchen“ (Regie: angeblich Raymond Lewin) oder „Ein Sommer voller Liebe“ (Alba Gran) finden können. Aus Walter Molitors Porno „Supergirls for Love“ macht man „Supergirls in 3-D” und gibt als Regisseur einen Amato Beceli an. Kritische Worte findet man immerhin zum von der Fassbinder-Crew gedrehten Exploitationfilm „Insel der blutigen Plantage“, um nur ein paar Seiten weiter bei der Inhaltsangabe zu „Das Frauenlager“ gleichgeschlechtliche Beziehungen in einem Atemzug mit Brutalität, Misshandlungen, Vergewaltigungen und einigem negativ Konnotierten mehr zu nennen. Puh. Apropos: Auffallend ist die relativ hohe Anzahl an Frauengefängnisfilmen, die offenbar seinerzeit ins Kino drangen.

Viel mehr Erkenntnisse lassen sich diesem kruden Sonderband jedoch nicht entnehmen, sodass ich mein Fazit zum Vorgänger mit angepasster Jahreszahl wiederholen kann: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1984 hingegen vollkommen ungeeignet.

Frank Schäfer – Talking Metal: Headbanger und Wackengänger. Die Szene packt aus

Nachdem sich der Braunschweiger Dr. phil. Frank Schäfer in „Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur“ dem Literaturbetrieb gewidmet hatte, spürte der Autor, Journalist und ehemalige Musiker im 2011 im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf veröffentlichten „Talking Metal“ wieder seiner zweiten großen Leidenschaft nach: dem Hardrock und Heavy Metal.

Über rund 270 gebundene Seiten zwischen zwei festen Deckeln im illustrierten Schutzumschlag erstrecken sich diesmal keine Essays oder Rezensionen, sondern Interviews mit 15 Protagonistinnen und Protagonisten der Szene. Vom Produzenten und ehemaligen HEAVEN‘S-GATE-Gitarristen Sascha Paeth und der CRIPPER-Sängerin Britta Görtz über den Musikwissenschaftler Dietmar Elflein, den Metal-aus-Ostdeutschland-Kenner Christian Heinisch, den Radiomoderator Jakob Kranz und den Bandlogo-Gestalter Christophe Szpajdel bis hin zum Online-Rezensenten Björn von Oettingen, dem Roadie Henrik Schwaninger, dem A&R-Manager Markus Wosgien und dem Verleger Matthias Mader, nicht zu vergessen dem Buchautor Matthias Penzel, dem Coverkünstler Axel Hermann, dem Wacken-Open-Air-Chef Thomas Jensen oder dem Printredakteur Götz Kühnemund, reicht das ebenso überraschend wie angenehm breite Spektrum, das das Buch abdeckt.

So erhält man also Informationen aus erster Hand sowie zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen des metallischen Teils des Musikgeschäfts und der headbangenden Subkultur. Die jeweils mit einer Vorstellung und Einordnung des jeweiligen Gesprächspartners respektive der Gesprächspartnerin eröffnenden Interviews sind weniger klassischer Natur wie beispielsweise in Musikzeitschriften, sondern wesentlich ausführlicher und entwickeln sich meist zu Gesprächen, bisweilen gar Diskussionen, auf Augenhöhe. Dietmar Elflein wird von Schäfer zuweilen gar in Grund und Boden gequatscht, bevor es dann etwas arg musiktheoretisch wird. Im Gespräch mit Britta Görtz geht Schäfer u. a. Fragen nach Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nach, was 2011 noch nicht allgegenwärtig oder gar en vogue war. „Ostbeauftragter“ Christian Heinisch spielt bei GORILLA MONSOON, hat eine Diplomarbeit über Heavy Metal verfasst und ist etwas zu jung, um noch den Metal zu DDR-Zeiten erlebt zu haben, kann über die Nachwendezeit aber berufen aus dem Nähkästchen plaudern. Im Gespräch mit dem Roadie Henrik Schwaninger irrlichtern beide Gesprächspartner ein bisschen bei der Definition von Speed Metal, aber Schäfer fordert ihn auch mit ein paar Spitzen heraus und versteht es, möglichst konkrete Antworten zu seinem Beruf aus ihm herauszukitzeln.

Schwer irritiert hat mich, was von Oettingen, Mitarbeiter einer Promo-Agentur und Betreiber des Online-Fanzines „Metalglory“, aus seinem Alltag berichtet. Das klingt alles eher danach, wie man es gerade nicht machen möchte bzw. sollte, nämlich nach purem Stress, der mit Musikgenuss oder Spaß am Schreiben und Rezensieren nicht mehr viel gemein zu haben scheint. Himmel! Oder vielmehr: Hölle! Ernüchternd auch das Gespräch mit Szene-Schreiberling Matthias Mader, hier in erster Linie in seiner Eigenschaft als Verleger metallischer Bücher mit dem Iron-Pages-Verlag. Dass es derart schwierig ist, mit Metal-Literatur höhere Absatzzahlen zu erreichen, hätte ich nicht gedacht. Das Gespräch mit A&R-Manager Markus Wosgien entbehrt leider jeder Kritik an von seinem Label gehypten Dünnbrettbohrern wie SABATON – da wäre es sicher interessant gewesen, einmal zu fragen, inwieweit Szenegroßlabels mit dem gezielten Pushen bestimmter Bands eigentlich Einfluss auf die Szenelandschaft nehmen. Auch dem Wacken-Häuptling hätte man gern mit ein paar kritischeren Fragen auf den Zahn fühlen dürfen, Ansätze gäb’s genug. Und wie sehr Penzel ausgerechnet die 1990er-Dekade abfeiert, ist im Metal-Bereich sicherlich eher ungewöhnlich.

Gewohnt gut aufgelegt ist der damalige Chefredakteur des Rock-Hard-Magazins und heutiger Böss des Deaf Forever, Götz Kühnemund, mit dem Schäfer übers Altern im Metal plaudert, wobei Götz zahlreiche Fußballvergleiche anstrengt. Dokumentiert ist hier auch, dass Judas Priest damals als nicht unbedingt in Würde gealtert galten (was sich längst wieder geändert hat). Es gibt in diesem Schmöker noch weit mehr zu entdecken, beispielsweise das letzte Kapitel, in dem Schäfer mit seinem Alter Ego Fritz Pfäfflin in Klausur geht, sich also selbst interviewt. Diesen Kunstgriff nutzt er u. a., um sich hinsichtlich der Auswahl der Gesprächspartner(innen) zu erklären und so ganz nebenbei noch eine Rezension des ANVIL-Albums „Juggernaut of Justice“ ins Buch zu schmuggeln.

Schäfers leidenschaftliches, ehrliches Interesse beschert eine Vielzahl angenehm zu lesender Gespräche, die auch für jemanden wie mich, der seit zig Jahren mehrere Musikzeitschriften aus dem härteren Sektor im Abo hat, einige neue Erkenntnisse, interessante Perspektiven und streitbare Ansichten vermitteln, gerade weil der Fokus nicht auf Musikerinnen und Musiker gerichtet ist. Irgendwo hat sich ein „Gravedigger“ (statt GRAVE DIGGER, Digger!) eingeschlichen, und weshalb der Verlag wie bereits für Schäfers „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ auf Lemmy Kilmister fürs Cover zurückgriff, obwohl auf S. 64 festgestellt wird, dass jener mit Metal gar nicht so viel zu tun habe, erschließt sich einem erst, wenn man Maders Ausführungen zu Buchverkaufszahlen gelesen hat. Das ändert aber nichts am positiven Gesamteindruck, der mir das Gefühl vermittelt, dass „Talking Metal“ vielleicht tatsächlich gleichermaßen für Szenekenner wie für Außenstehende, die etwas über die Szene abseits von Bandporträts erfahren möchten, geeignet ist.

Benedikt Eppenberger / Daniel Stapfer – Mädchen, Machos und Moneten. Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich

Wer sich fürs europäische Genre-Kino interessiert und/oder auf Exploitation-Filme steht, dürfte vermutlich früher oder später auf den Namen Erwin C. Dietrich stoßen. Alle anderen hingegen eher nicht, und das ist schade, denn Dietrichs sich auf über 100 Filmproduktionen erstreckendes Schaffen dürfte eigentlich für jeden aufschlussreich sein, der sich für Kinohistorie interessiert. Abhilfe schafft da dieses edel aufgemachte, großformatige, gebundene, vollfarbige und mit Schutzumschlag versehene Buch aus dem Verlag Scharfe Stiefel, das dort im Jahre 2006 erschien und sich auf rund 200 Seiten aus hochwertigem Glanzpapier reichbebildert Dietrichs Lebenswerk als Filmemacher (Urania-Film, Elite/Ascot), Filmverleiher (Avis, Ascot-Elite) sowie Erotikfilm- und Multiplex-Pionier widmet. Laut den Autoren basiert es auf ausführlichen Interviews mit Dietrich persönlich, was die unheimliche Detailfülle erklärt.

Auf ein Vorwort Jess Francos, jenem Spanier und besessenen Vielfilmer, mit dem Dietrich einige erfolgreiche Erotik- und Sexfilme realisierte, folgt chronologisch aufgearbeitet Dietrichs berufliche Vita. Es ist die eines Mannes, der sich auf Grundlage seines eigenen Arbeitsethos von bescheidenen Anfängen Stück um Stück organisch hochgearbeitet hat und nicht immer, aber oft den richtigen Riecher für Film- und Publikumstrends hatte – und gut mit Geld umzugehen verstand. Natürlich sind seinerzeit viele auf der Erotik- und Sexfilmwelle als Folge der sexuellen Revolution mitgesurft, doch Dietrich war früher als viele andere am Start und häufig einfach besser. Seine Filme sind alles andere als perfekt, verfügen aber oftmals über wesentlich mehr Charme, Verve und/oder Inspiration als beispielsweise die direkte bundesdeutsche Konkurrenz mit ihren peinlichen Machwerken, was besonders retrospektiv auffällt. Pornos hingegen hat Dietrich stets abgelehnt (aber dennoch einen in der Filmographie).

Eppenbergers und Stapfers wohlsortiert in Kapitel unterteilte Buch liest sich fesselnd und spannend, nicht zuletzt, da auch Dietrichs Fehlentscheidungen und Krisen nicht ausgespart werden, und weil sie die popkulturelle Gesamtsituation der jeweiligen Zeitabschnitte einbeziehen und einschätzen – sodass sich Dietrichs Beiträge zu ihr besser einordnen lassen. Partner und Weggefährten Dietrichs wie George Morf, Peter und Walter Baumgartner, Werner Zeindler, Euan Lloyd, Paul Grau, Wilhelm Sigg u. a. werden mit ausführlichen Lebensläufen vorgestellt; es geht also nicht nur um Dietrich, sondern um Dietrich und sein ganzes Konglomerat. Dem umstrittenen Women-in-prison-Sujet wird ebenso ein Exkurs zuteil wie dem Jugendfilm-Verleih (S. 129, sehr lesenswert…), die „Mad Foxes“-Story hingegen hätte deutlich detaillierter ausfallen müssen – immerhin einer der unglaublichsten Filme der Welt! Schade auch, dass auf die Hintergründe der den Film höchst amüsant torpedierenden „Django Nudo“-Synchronisation gar nicht eingegangen wird.

Sexfilme oder meinetwegen auch einen Porno hin oder her, der eigentliche Sündenfall Dietrichs war die Zusammenarbeit mit dem faschistoiden Briten Lloyd für einen Propagandafilm (ausgeführt auf S. 128). Mit Lloyd zusammen hatte Dietrich auch den Söldnerfilm „Die Wildgänse kommen“ umgesetzt, der einen Kinotrend auslöste, der im Buch sehr anschaulich beschrieben wird. Am Schluss darf man sich noch an einem Exkurs in die Schweizer Lichtspielhausgeschichte erfreuen, denn auch dieser liest sich interessanter, als man vielleicht vermuten würde, und stimmt auch einen Bundesdeutschen ein bisschen nostalgisch. Natürlich hat das Buch noch weit mehr zu bieten; schließlich offenbart es ein bedeutendes Stück Trivialfilmgeschichte, das unbedingt einmal erzählt werden musste. Zur Anwendung kommt dafür ein der schweizerischen Rechtschreibung gehorchendes, gutes Deutsch, das qualitativ über so manche Filmbuchveröffentlichung aus bspw. dem MPW-Verlag herausragt und nur wenige, erstauflagentypische Fehler aufweist.

Ein Schmöker, der einlädt, Dietrichs Œuvre selbst einmal im Heimkino aufzuarbeiten – zumindest ausgewählte Stücke daraus…

Die friedliche, freiheitliche und demokratische Revolution Rostock ’89 – Erlebnisberichte der Akteure und Photographien von Siegfried Wittenburg

Die friedliche Revolution in der DDR und die Wende waren bemerkenswert, was daraus schließlich wurde hingegen eine Farce – so weit, so bekannt. Der Rostocker Fotograf Siegfried Wittenburg war seinerzeit mittendrin und hat so viel wie möglich mit seiner Kamera festgehalten. Somit kann er auf ein beträchtliches Fotoarchiv aus der Zeit des Umbruchs in der Stadt an der Ostseeküste zurückgreifen, das er u.a. für dieses Buch öffnete. Wittenburg brachte es im Selbstverlag im Jahre 2009 heraus, und es macht äußerlich einiges her: Die rund 80 Seiten bestehen aus festem Kartonpapier und stecken im festen Einband zwischen zwei stabilen Deckeln. Großflächige Schwarzweißfotos werden von Erlebnisberichten 14 verschiedener damals Beteiligter ergänzt, das Layout ist luftig und zum Lesen einladend. Große wie kleine Bilder sind jeweils mit Orts- und Jahresangaben versehen, der Großteil stammt – logisch – aus dem Jahre 1989.

Die Texte vermengen überlieferte jüngere deutsche Zeitgeschichte mit subjektiven Erlebnisberichten – und sind der Schwachpunkt dieses Bands. Einer der Autoren ist Joachim Gauck, Pfaffe und Bundespräsident a.D., dessen generell antisozialistische Haltung auch in den Berichten der anderen Verfasserinnen und Verfasser durchschimmert. So lassen diese auch keinerlei kritische Distanz erkennen, weder zu Gauck, den sie meist bei seinem Spitznamen „Jochen“ nennen, noch zu den Folgen des Beitritts der DDR zum Staatsgebiet der BRD. Man feiert sich in erster Linie selbst und möchte das alles natürlich als Mahnung und Lehre für jüngere Generationen verstanden wissen, wie Wittenburg in seinem zweiseitigen Nachwort sinngemäß schreibt.

Dafür sind die (ein paar Tippfehler aufweisenden, vermutlich also unlektorierten) Texte jedoch zu subjektiv, einseitig und vermitteln zu wenig geschichtliches oder politisches Hintergrundwissen. Im Kapitel um die Grenzöffnung am 9. November 1989 beispielsweise werden Egon Krenz und seine Rolle dabei mit keiner Silbe erwähnt, dafür jedoch eine komplette Seite für ein Foto einer Anti-Krenz-Karikatur aufgewandt. Mit Verlaub, aber das mutet schon etwas geschichtsvergessen und tendenziös an.

Wittenburgs Fotos sind wichtige Zeitdokumente eines Staats im Umbruch, der in der weiteren Konsequenz zu seinem Niedergang führte, und somit sehens-, ausstellens- und druckenswert. Zum Lesen würde ich (nicht nur) jüngeren Generationen jedoch andere Lektüre nahelegen.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – „…anarcho-terroristische Kräfte“. Die Rote Armee Fraktion und die Stasi

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch dieser 116-seitige Band im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier aus dem Jahre 2017, der sich dem Umgang des MfS mit westdeutschen RAF-Terroristinnen und -terroristen widmet. Hierfür wurden die Scans zahlreicher MfS-Akteneinträge abgedruckt, die seitens des BStU komplett unkommentiert bleiben. Dafür führt jedoch ein dreiseitiges Vorwort ins Thema ein und versucht sich an einer Auslegung der aus den Unterlagen gewonnenen Erkenntnisse. Die Dokumente wurden in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Kapitel („Anfänge“, „Beobachtung und Aufklärung“, „Projekt Übersiedlung“, „Unterstützung“ sowie „Verschleierung und Distanzierung“) aufgeteilt, denen jeweils ein kurzer Text mit geschichtlichen und politischen Hintergründen vorangestellt wurde. Im Anhang finden sich ein Abkürzungsverzeichnis und BStU-Kontaktdaten.

So erhält man also einen unmittelbaren Eindruck, wenngleich die Auswahl der abgedruckten Akten durch den BStU getroffen wurde. Wer glaubt, das MfS habe sich über die Aktionen der RAF und ähnlicher Organisationen gefreut, weil man schließlich einen gemeinsamen Feind habe, und eine aktive terroristische Zusammenarbeit gegen die BRD und die Nato gefördert, sieht sich anhand dieser Lektüre getäuscht: RAF und Konsorten wurden als Sicherheitsrisiko erachtet und „individueller Terror“ abgelehnt, ihre Mitglieder so gut es eben ging beobachtet und überwacht. Verschlug es eine westdeutsche Terroristin respektive einen ebensolchen Terroristen in die DDR, wurde sie oder er verhört. Die RAF suchte im Laufe der Zeit aktiv die Unterstützung durch die DDR, Asyl erhielt man letztlich jedoch nur gegen Wissens- und Informationstransfer. Zehn unter neuer Identität in der DDR lebende Aussteigerinnen und Aussteiger fielen einer totalen Überwachung durchs MfS anheim und wurden zur Zusammenarbeit mit der Behörde gezwungen (was indes nicht immer funktioniert hat).

Ab Seite 41ff. gibt es einen interessanten vom MfS aufgestellten Vergleich der Entführungen Hanns Martin Schleyers durch die RAF und Aldo Moros durch die italienischen Roten Brigaden, der zeigt, wie genau man diese Ereignisse analysierte. Der Paradigmenwechsel des MfS, tatsächlich Aussteigerinnen und Aussteiger zu DDR-Bürgerinnen und -Bürgern zu machen, erfolgte im Jahre 1978 und lässt sich anhand der abgedruckten fiktionalen Lebensläufe Silke Maier-Witts und Monika Helbings sowie Berichten über die Eingliederungsprozesse, Enttarnungen und Neueingliederungen Maier-Witts und Susanne Albrechts nachvollziehen. Das sind einerseits tiefe Einblicke in Privatbereiche dieser Frauen, ist aber auch eine hochinteressante Kalter-Krieg-Lektüre (die, wie auf S. 70, leider dort abbricht, wo es besonders spannend wird). Bis zur endgültigen Enttarnung im Zuge der Auflösung der DDR zieht sich eine sehr distanzierte Haltung des MfS gegenüber der RAF, auch ihrer jüngeren Generationen bzw. Inkarnationen, durch die Akten, während im Vorwort zum letzten Kapitel von „aktiver Komplizenschaft“ die Rede ist. Das kann man vielleicht so nennen, wenngleich man sich darunter wohl doch noch etwas anderes vorstellt – und auch die RAF-Leute sich etwas anderes vorgestellt hätten – als das, was sich tatsächlich ereignete.

Somit bietet dieser Auszug aus dem „Stasi-Archiv“ durchaus erhellende Einblicke in einen Themenkomplex, der sich als weit weniger aufregend und politisch brisant herausstellt, als es medial vermittelt mitunter den Eindruck hat.

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts Megakatastrophen

Die Erlebnisse des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung gehen in die nächste Runde: Nach „Berts heimlichen Katastrophen“ sind es nun gar „Megakatastrophen“, die die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson im siebten Band der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe beschreiben, die Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr enthalten. Die humorige Coming-of-Age-Reihe ist von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschienen. Olsson und Jacobsson versetzen sich in die Gefühlswelt ihres Protagonisten und versuchen diese so wiederzugeben, wie a) er sie in einem Tagebuch niedergeschrieben hätte und b) sie ein jugendliches Publikum mit ähnlichen Voraussetzungen erreichen, das sich mit der Figur identifizieren kann. „Berts Megakatastrophen“ ist in Schweden 1994 und in der deutschen Übersetzung 1997 veröffentlicht worden.

Seit ich an einige aus einer Bibliothek ausgemusterte Bände der Reihe gekommen bin und mich irgendwann zögerlich an sie herangewagt habe, versuche ich, mir wenigstens einmal ein Jahr den jeweils nächsten Band zu Gemüte zu führen. Auch dieses siebte „Bert“-Buch verfügt über eine neugierig machende, bunte Zeichnung auf dem Buchdeckel und bringt es mit rund 160 recht groß geletterten und mit einigen comicartigen Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdings versehenen Seiten auf zehn mehr als der Vorgänger. Die Einträge sind nicht mehr mit Datum versehen, knüpfen aber wieder unmittelbar an den Vorgänger an. Bert besucht nun die neunte Klasse und ist erst 15, später 16 Jahre jung. Er hat keine Freundin, aber ein Auge auf diverse Mädchen in seinem Umfeld geworfen.

Je älter Bert wird, desto mehr bin ich geneigt, ihm den zuvor etwas zu geschliffenen Schreibstil abzunehmen und weniger die erwachsenen Autoren dahinter zu sehen. Bert berichtet seinem Tagebuch von seinem Ferienjob in der Keksfabrik und später vom Sexualkundeunterricht sowie von seinen Kämpfen gegen Spontanerektionen. Seine Band, die Heman Hunters, löst sich auf, wird über einige Umwege aber gleich neu gegründet. Seine Einträge schließt er jeweils mit einem „Gedicht des Tages“, die leider allesamt sehr verzichtbar sind. Viel besser gefällt mir die Bezeichnung „ekliger Geilhuber“ für einen Lehrer, der zu eng mit einer Siebtklässlerin tanzt. „Seine“ Schreibe verfügt über lakonischen Humor und wird manchmal regelrecht sarkastisch, teils auch ein bisschen vulgär. Von Sex schreibt er (bzw. schreiben Olsson und Jacobsson bzw. Übersetzerin Birgitta Kicherer) als „bimpern“ – Freunde, das heißt immer noch „pimpern“! In einem Kapitel wie „Eine Nachricht aus dem Unbekannten“ um eine an die Klowand geschmierte Telefonnummer wirkt Bert unrealistisch naiv, in „Ein Diktator wird geboren“ geht’s dafür durchaus hintergründig um Parteipolitik.

Völlig aus dem Rahmen fällt die Krebserkrankung, die Mitschüler Björna plötzlich erleidet. Die humoristische Geschichte über Schimmelbefall der gesamten Schule ist spätestens dann grenzwertig, wenn Bert Björnas Erkrankung damit in Verbindung nimmt. Das nimmt dem Buch seine Leichtigkeit und ich weiß nicht, ob es das wirklich gebraucht hätte. Ansonsten denkt Bert ständig an Mädchen und Sex, doch dazu kommt es hier nicht – das gesamte Buch über hat er nie eine Freundin. Das ist irgendwie enttäuschend, aber, hey – auch durchaus realistisch. Gegen Ende lernt er seine alte Bekannte Nadja neu kennen und verknallt sich gleich in sie, wobei die Initiative tatsächlich von ihr ausging. Wird sie sein erster Stich? Zur Beantwortung dieser Frage werde ich wohl den nächsten Band zur Hand nehmen müssen.

Da der Fremdschamfaktor von den Autoren, die einen Pubertierenden imitieren, mit den „Megakatastrophen“ (so, wie eigentlich intendiert) zu Bert übergegangen ist und dort seine kathartische Wirkung entfachen kann, wird dafür vielleicht nicht wieder ein ganzes Jahr ins Land ziehen, wenngleich es sicherlich zuhauf spannendere, lustigere, oder abgedrehtere Jugendliteratur ähnlicher Ausrichtung gäbe – nur befand sich diese eben nicht ausgemustert im Tauschschrank. Und ein Auftrag ist ein Auftrag…

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 8: 1965 – 1966

Einmal mehr versammelt der Hamburger Carlsen-Verlag auf rund 330 Seiten sämtliche je vierpaneligen Zeitungsstrips und großformatigen Sonntagsseiten der „Peanuts“-Comicreihe aus der Feder des US-Amerikaners Charles M. Schulz. Die gebundene Werkausgabe Nr. 8 fasst in chronologischer Reihenfolge die unkolorierten deutschen Übersetzungen der Jahre 1965 und ’66 zusammen und bietet diesmal dem Literaturkritiker Denis Scheck die Vorwortbühne, die er nutzt, um zu erklären, weshalb er die „Peanuts“ gruselig findet und welche Comics er (nicht) mag. Gary Groths Nachwort ist inzwischen ebenso hinlänglich bekannt wie der Stichwortindex und vor allem das Glossar hilfreich sind, erläutert letzteres doch die Inhalte einiger für heutige Mitteleuropäer nicht mehr unbedingt selbsterklärenden Gags und weist es zudem auf Unterschiede zwischen Original und deutscher Übersetzung hin.

Und es war wieder einiges los im „Peanuts“-Kinder-Mikrokosmos: Linus’ bedauernswerte Lehrerin Fräulein Othmar erleidet einen Nervenzusammenbruch, Charlie Brown lernt die Tücken der Prokrastination kennen – und Snoopy die erste Liebe! Leider bereitet die Beagle-Hündin, die man – Parallele zum kleinen rothaarigen Mädchen? – nie zu Gesicht bekommt, ihm tierischen Liebeskummer. Eigentlich eine Winterbekanntschaft, trifft Snoopy sie im Sommer noch einmal wieder. Charlies Drachen steigen genauso schlecht wie im Vorjahr und die neue Baseball-Saison geht genauso kläglich verloren, natürlich fällt er auch wieder auf Lucy herein, die ihm einen Football hinhält, dafür tauchen aber erstmals Skateboards (1965!) auf. Und im Frühjahr (genauer: am 2. Mai 1965) beginnt Charlie wieder über das kleine rothaarige Mädchen zu sinnieren, während Schröder sich mittlerweile Lucys Anwesenheit beim Klavierüben verbittet. Wer hier verliebt ist, ist’s in den oder die Falsche(n).

Snoopy arrangiert ein Familientreffen seines Wurfs und kehrt konsterniert zurück, verlässt gar seine Hütte für ein Vogelpaar, zieht aber bald wieder ein und etabliert mit seinen schriftstellerischen Ambitionen (stets beginnend mit „Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“) einen neuen Running Gag. Die Vogelküken auf Seite 65 sehen übrigens erstmals aus wie Woodstock, doch bis zu dessen Debüt muss man noch ein paar Jährchen warten. Am 10. Oktober 1965 beginnt Snoopys Jagd auf den Roten Baron und damit einer der tollsten Standards der „Peanuts“-Historie: Ein Hund mit Helm und Fliegerbrille, der sich auf seiner Hundehütte sitzend in Weltkriegsabenteuer fantasiert. Im Frühjahr 1966 spielt er gar Fremdenlegionär Beau Geste aus dem gleichnamigen Film bzw. Roman nach, wie es – vermutlich später – auch sein „Kollege“ Droopy einst tun sollte. Sogar zum Surfer avanciert der Tausendsassa zwischenzeitlich.

Kein „Peanuts“-Halloween ohne den „Großen Kürbis“, an den Linus nach wie vor unbeirrt glaubt. Sally macht das durch, was früher viele Kinder ertragen mussten, heutzutage aber gänzlich verschwunden scheint: Sie muss eine Zeitlang eine Augenklappe tragen. Als wiederkehrende Figur wird Roy eingeführt, den erst Charlie und später Linus im Ferienlager kennenlernt. Bedeutender ist jedoch Roys Freundin, die am 22. August 1965 auf den Plan tritt und seither aus den „Peanuts“ nicht mehr wegzudenken ist: Peppermint Patty, eine der liebenswürdigsten Figuren des Ensembles! Die Snoopy-Strips ab dem 19. September 1965 haben einen traurigen Hintergrund: So, wie Snoopys Hundehütte ein Raub der Flammen wird, wurden es kurz zuvor Schulz’ Keller und Atelier – einer der vielen interessanten Hintergründe, die das Glossar vermittelt.

Dass ausgerechnet Charlie Brown Schülerlotse wird, ist eine weitere überraschende Entwicklung, die diese zwei Jahre abrundet. Zwei Jahre, in denen entscheidende Weichen auch für die weitere Entwicklung der Reihe gestellt wurden, was sich vor allem im „Roten Baron“ und Peppermint Patty, jener neuen, enorm charismatischen weiblichen Figur, widerspiegelt. Hand in Hand gehend mit Schulz’ angenehmem, oft hintergründigem oder nachdenklichem bis melancholischem Humor bieten all die kleinen und großen Geschichten dieses Bands eine ebenso aufschluss- und erkenntnisreiche wie vergnügliche Comic-Zeitreise, wie gewohnt in optimaler Form von Carlsen dargereicht.

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