Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 2 of 29)

Fuchsi – Zorro & Ko

Nachdem der Karikaturist und Comiczeichner Peter „Fuchsi“ Fuchs im Jahre 1983 mit „Zorro: Der Rächer der Enträchteten“ sein erstes eigenes Buch im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“) veröffenlicht hatte, folgte Zorros zweiter Streich zwei Jahre später – im gewohnten Verlagsstandard von rund 150 leider unnummerierten Schwarzweiß-Seiten im großen Taschenbuch.

Auf ein Inhaltsverzeichnis wurde diesmal verzichtet und der Band heißt „Zorro & Ko“, weil nicht jede enthaltene Geschichte eine des schwarzmaskierten Rächers ist. Dieser führt aber als Erzähler durchs Buch und präsentiert verschiedene Geschichten, ordnet diese zudem grob thematisch. Anarcho-Zorro-Onepager sind dennoch wieder reichlich vertreten, auch Zorro-lose oder Einpaneler satirischer Ausrichtung – aber eben auch etwas längere Geschichtchen.

So beispielsweise die zweier bayrischer Touristen, die nachhaltig in die Berliner Alternativszene eingemeindet werden. Fuchsi lässt hier Sympathie für jene Szene, aber auch einiges Augenzwinkern durchblicken. Der Öko Martin Müsli und der Punk Atze Ätzend, bekannt aus den Pullover-Comics, sind die Protagonisten gleich mehrerer Geschichten, in denen mal der eine, mal der andere der Dumme ist. In der Märchenecke werden Hänsel und Gretel bis zur Unkenntlichkeit satirisch in die Gegenwart übertragen, und etwas dystopische Science-Fiction findet sich ebenfalls. Eine Technokratie-Geschichte wird in „Friede · Freude · Eierkuchen“ fortgesetzt, obwohl jene Sammlung vorher erschien…? Verrückt.

Bei seinen Zeichnungen sowie Seiten- und Panelstrukturen nimmt sich Fuchsi alle Freiheiten, die er braucht, ein paar Rechtschreibfehler haben sich eingeschlichen und nicht jeder Gag sitzt, aber die Schlagzahl ist hoch und die Trefferquote kann sich sehen lassen.

Mawil/Michalke/Kleist/Naatz/Fil – Geschichten aus dem Comicgarten

Rund 220 unkolorierte Seiten stark ist dieses mittelgroße Paperback, das im Jahre 2002 offenbar in fünf verschiedenen Covern bei Berlin Comix erschien. Fünf miteinander befreundete Berliner Comiczeichner, u.a. der noch am Anfang seiner Karriere stehende Mawil und der damals bereits recht renommierte Kleist, zeichneten und schrieben die experimentelle Funny-Sammlung „Geschichten aus dem Comicgarten“. Zur Entstehung lese man das famos selbstironische Vorwort – wenngleich einmal dahingestellt sei, ob das dort beschriebene Konzept, innerhalb einer bestimmten Zeitvorgabe eine bestimmte Anzahl Comicseiten zu schaffen, also total spontan drauflos zu zeichnen, tatsächlich exakt so gegriffen hat.

Bei Michalkes kurzem Liebesdrama um Fuchsi und Fiesi in einfachem Strich hat es aber diesen Anschein; ebenso bei Mawil, der seinen Hasi in eine irre Justizposse stürzt, den Duracelhasen sterben lässt und sich selbst beim Nachdenken zeichnet, zwei Seiten nur mit schwarzen Panels füllt, die eine Ohnmacht ausdrücken sollen, mit Kommissar Hunter, den Schlümpfen, Goofy und Micky Maus bekannte Figuren auffährt und die eigentlichen Ereignisse ausspart, nur nachträglich von einer Figur behaupten lässt.

Von Fil stammt das Herzstück in drei Akten, ebenfalls voller bekannter Figuren: Lolek und Bolek, Catwoman, Werner, die Schlümpfe, Rudolf Scharping, Hulk bzw. Halk, Speedy Gonzales, ein Panzerknacker… und (Achtung!) das Filhuhn! (Tusch!) Damit nicht genug, das Bienchen ruft „Zeter und Mordillo“ – genau mein Humor. Fast überrascht war ich, dass Fil tatsächlich ein pointiertes Ende seiner Geschichte findet. Für Michalke wiederum ist der Comicgarten ein Urlaubsland, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird und ein Rockabilly, der sich für ultracool hält, sein Fett wegbekommt. Naatz zeichnete eine Bulle-von-Tölz-Persiflage mit viel Mundart und Seitenhieben gegen Fickmangas, Pokémons und japanische Vergangenheitsbewältigung.

Und last but not least ist der Comicgarten für Kleist ein Knast, aus dem es zu entkommen gilt – doch im Comicuntergrund ist man zwar frei, hat aber nichts zu beißen. Eine bissige Parabel auf die Comicverlagsbranche inklusive wieder zahlreicher bekannter Figuren und am Ende einem frühen Seitenhieb gegen Computerautomatisierungen, was heutzutage KI wäre, gezeichnet in hübsch düsterem Stil und mit filmischen Perspektiven, die an Ausbrecherkinofilme erinnern.

Das ist alles angenehm und (zumindest mir) nie zu schräg und in jedem Falle besser als Geschichten aus dem Paulanergarten. Wer mag, darf trotzdem ein Weizen dazu genießen.

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Das Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten

Dietmar Wischmeyers erstes „Logbuch“ stammt aus dem Jahre 1997 und lautete „Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Um eine der vielen Fortsetzungen handelt es sich bei diesem „Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten“, erschienen im Jahre 2002 im Münchner Ullstein-Verlag als rund 130 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Satiriker Wischmeyer versammelt hier ungefähr 50 weitere seiner verächtlichen, bissigen Radiokolumnen, kulturpessimistische Polemiken aus spitzer Feder. Einschübe wie humoristisch absurde Namensfindungsversuche eines Paars fürs Kind oder eine leider nur mäßig witzig kommentierte Fotostrecke in der Buchmitte lockern die Kapitel auf. Wischmeyers Rundumschlag ist keiner Ideologie oder sonst irgendwem oder irgendetwas verpflichtet, was ihn sehr erfrischend macht. Es trifft nicht immer die Richtigen (Schlingensief?!), manches wirkt etwas weit hergeholt oder erzwungen, hier und da wäre vielleicht doch etwas Demut ratsam gewesen. Einiges ist aber auch verdammt gut beobachtet (Der Rumlatscher im Zug! Die homophoben Dauerpubertierenden!). Zudem findet sich einiges an Zeitkolorit, wodurch die Glossen mitunter aber auch etwas überholt wirken. Großartig: „Die Bibel in 15 Minuten“. Und mit dem Radiogespräch „Wohin steuert die SPD?“ wandelt Wischmeyer auf den Spuren Loriots.

„Das absolut Ekelerregende am deutschen Analcharakter ist ja sein Obrigkeitsduckmäusertum und dessen Kehrseite: das unkontrollierte Saurauslassen, sobald keiner mit der Knute daneben steht.“

Pointierte Abrechnungen mit den Schattenseiten deutscher Mentalität und Gesellschaft wie in obigem Zitat sind eine feste Säule der Tiraden Wischmeyers und zählen zu den Höhepunkten des Buchs, das mir ungeachtet ein paar weniger Silbentrennungs- und Zeichensetzungsfehler direkt Lust aufs nächste Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten macht – das natürlich in der immer breiter werdenden Regalzeile ungelesener Bücher längst bereitsteht, denn auch ich zähle zu den Bekloppten und Bescheuerten…

Henning Schöttke – Die Abenteuer der Kannibalin Latona

Der Hamburger Comiczeichner, Illustrator und Autor Henning Schöttke debütierte im Jahre 1983 mit seiner Graphic Novel „Latona“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“). Die rund 120 unkolorierten Seiten des großen Taschenbuchs sind handgelettert und im Gegensatz zu anderen frühen Semmel-Veröffentlichungen paginiert.

Latona ist eine sog. Wilde, eine im fernen Dschungel lebende Häuptlingstochter, die dort mit einem weißen Diamantensucher zusammenlebte. Nach dessen Tod reist sie in die Zivilisation, um dessen letzten Willen zu erfüllen und Diamanten an eine Vera Morales zu übergeben. Dabei lernt sie Max, einen jungen weißen Städter, kennen, der ihr erst hilft, sich zurechtzufinden, sich dann in sie verliebt und schließlich zurück in ihren Dschungel begleitet. Doch Latona, die ihren Max nur Utumba nennt, ist Kannibalin…

Schöttke trumpft mit schönen detaillierten Zeichnungen auf, eingebettet in eine sehr aufgeräumte Panelstruktur. Die Panels in flexibler Größe sehen auf dem großzügigen Seitenhintergrund zwar echt schnieke aus, manchem hätte ein etwas größerer Abdruck aber gutgetan. Ein paar wenige Rechtschreibfehler („hälst“ statt „hältst“) haben sich eingeschlichen, halten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Die Geschichte unterhält zunächst mit Culture Clash und arbeitet mit Begriffen aus der fiktionalen Sprache Latonas. Max verknallt sich in die Kriegerin, während sie sich ihn schon als Braten vorstellt und wiederum missversteht, dass er sie „vernaschen“ will. Nach erledigter Diamantenübergabe bei Vera Morales und Sex mit Max will sie zurück in den Urwald, doch Max überredet sie, ihn mitzunehmen – ohne Visum, Schutzimpfung oder Reiseapotheke, wie er schließlich bemerkt. Was er nicht ahnt: Zurück in Latonas Dorf soll er gegessen werden.

Sie weiht ihn während der Reise ein, wie sie und ihr Volk in Einklang mit der Natur leben. Sie jagen Tiere, die sie grillen und verspeisen, kämpfen mit einem Krokodil… Max versucht, sie zu beeindrucken, bringt sich und sie damit aber öfter mal in Gefahr. Zwei Männer der vermeintlichen Vera Morales sind hinter ihnen her, weil sie mehr Diamanten und den Goldschmuck will. Einer von ihnen landet überm Feuer und wird verspeist, wobei Max Glauben gemacht wird, es handle sich um ein Sumpfschwein. Erst bei Ankunft kapiert Max, dass seine Angebetete eine Kannibalin ist.

„Die Abenteuer der Kannibalin Latona“ wird vom Culture-Clash-Spaß zum Abenteuer im Dschungel, inklusive gezeichneter Sexszenen. Eine quasi-feministische Geschichte, weil eine Ehrerbietung an starke, kräftige, selbstbewusste Frauen, zugleich durch die männliche Perspektive fetischiert. Und es geht um Cockringe. Das Ende ist ein offenes  inklusive Ankündigung einer Fortsetzung, die aber offenbar leider nie erschien. Als Bonus finden sich die Entstehung eines Bilds in acht Phasen sowie ein Kurzporträt  Schöttkes.

Neue Pullover Comics

Hierbei handelt es sich um eine weitere Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs. Mittlerweile schrieb man das Orwell-Jahr 1984 und der Verlag trat inzwischen mit seiner kultgewordenen „Verlach“-Schreibweise auf dem Buchumschlag auf. Der Band vereint auf den gewohnten rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unpaginierten) Seiten im großen Taschenbuch Comic-Beiträge der Künstler Brösel, Volker Reiche, Bernd Pfarr, Fritsche, Drühl und Michael Gutmann.

Pullover also – auf dieses Thema für eine Comiczusammenstellung muss man erst mal kommen. „Der Pilz“ ist wilder Slapstick Brösels um das zusammenlebende Paar aus Wolf Wolfgang und Bär Dietlof, beide anthropomorph, und Wolfgangs neuen Pullover, auf dem ihn die Abbildung eines Pilzes nervt. Größere Panels und einfachere Zeichnungen finden sich bei Bernd Pfarr, dessen anthropomorphe, sich als Maurer verdingende Ente Dulle einen Pullover braucht – was zu einer etwas arg harmlosen Verwechslungsgeschichte gerät. Der Erwin-Ärmel-Onepager erinnert mich an den hessischen Badesalzhumor. Völlig genial: Brösels quasi dialoglose, zumindest schriftfreie Geschichte über mediale Beeinflussung durch das Fernsehen, die surreal wird. Drühl dröselt in hochwertigem Zeichenstil die Geschichte der Pullover auf – als handle es sich bei ihnen um parasitäre Lebewesen, die irgendwann eine unheilige Allianz mit den Menschen eingingen. Per grobschlächtigerem Zeichenstil schickt Fritsche seinen Käptn Pulver auf die Jagd nach dem wollenen Vlies. Die Geschichte entpuppt sich jedoch als Traum dieses versoffenen alten Seefahrers, in dem er sogar vom weißen Hai gefressen wird, der ihn prompt wieder auswürgt.

Auf einen Wortspiel-Quickie Brösels folgt noch einmal Dulle, der jemanden beauftragt, das Grab seiner Mutter während seiner Abwesenheit zu pflegen und den Grabstein mit einem Pullover zu polieren – naja… Gutmann ist mit einem satirischen Modejournal über Männer in Pullovern vertreten und zeichnete ferner ein etwas müde pointiertes Gespräch auf der Straße. Brösel und Reiche arbeiteten für den Frankfurter Heinz zusammen, der mit seinem Kumpel Ossi an die Nordsee schüsselt und eine Wattwanderung mit ihm unternimmt. Heinz findet dort einen alten Pullover und man picknickt; Ossi besorgt Flens und man lässt es sich gutgehen. Die Dialoge finden ausschließlich im Dialekt statt, aus der Mundart ergibt sich der eigentliche Witz dieser Geschichte.

Und als Fan befunde ich: Sollte man allein schon aufgrund der Beiträge Brösels im Comicregal stehen haben.

Rolf Boyke – Die gesemmelten Abenteuer von Hanni und Kutte

Aus dem Jahre 1984 stimmt diese weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch immer jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Sie umfasst wie gewohnt rund 150 unkolorierte, handgeletterte (und leider erneut unnummerierte) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch – und passt mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung einmal mehr zum Verlagsprogramm wie das Bierchen zum Fußball: Perfekt.

Auf den ein- bis fünfpaneligen, standardmäßig vier Panels im, wann immer nötig, flexiblen Grid umfassenden Seiten finden sich humorige bis satirische Geschichtchen und Geschichten im Funny-Stil um das Paar Hanni und Kutte aus der Anarchoszene, das in einem besetzten Haus lebt und sich gegen das Abrissunterfangen wehrt. Die erste längere Geschichte dreht sich um Beziehungskisten sowie gebetene und ungebetene Gäste – und überzeugt mit köstlichem Humor. In der nächsten längeren Erzählung wollen die beiden spontan in den Urlaub fahren, woraus leider nur Camping auf dem Lande inklusive zahlreicher Widrigkeiten sowie Begegnungen mit einer Neo-Hitlerjugend und dem Militär wird. Grandios und vermutlich aktueller denn je. Und der dritte längere Schwank aus dem Leben unserer Titelhelden wird als Liebedrama angekündigt und nimmt Esoterikgeschwurbel aufs Korn. Hanni lässt sich wahrsagen, sie werde einen tollen Typen kennenlernen. Daraus resultiert eine furiose Geschichte über Suff und Eifersucht.

Am Schluss ist das besetzte Haus dann leider abgerissen worden, bis dahin aber präsentierte sich die ja oft bei Semmel vertretene (ich nenne sie mal) linksalternative Szene erfrischend selbstironisch. Onepager und Kurzgeschichten fungieren als Intermezzi dieses wiederentdeckungswürdigen, hintergründigen Spaßes.

Zeichner und Autor Boyke hatte zuvor für „Hinz & Kunz“ gezeichnet und sein Semmel-Stelldichein durch seine Mitarbeit an „Friede · Freude · Eierkuchen“ gegeben. Ich freue mich schon auf seine weiteren Arbeiten für den Kieler Kultverlag.

Christine Coring – Das Levikon

Dieses im Jahre 2021 im Münchner Kunstmann-Verlag erschienene, rund 210-seitige Taschenbuch ist eine Mischung aus einer Sammlung mehr oder weniger kurioser und für Nichtmuttersprachler nicht gleich verständlicher Wörter und Redewendungen – teils vornehmlich regional auftretend oder als veraltet bzw. jugendsprachlich geltend – und einem Vokabelheft zum Selbstausfüllen.

Es möchte zum einen Freude am Umgang mit Sprache vermitteln, indem es für im Grunde kuriose Wortschöpfungen und den Metapherreichtum des Deutschen sensibilisiert, und zum anderen ganz konkrete Hilfestellung denjenigen bieten, die häufig nur Bahnhof verstehen. Zudem ruft es dazu auf, es eigenhändig zu erweitern, wenn man selbst etwas aufschnappt. Das ist ein lobenswerter Ansatz, den das Buch mit seinem bunten Layout unterstreicht. Besonders gelungen ist die humorige grafische Gestaltung vieler Wörter, die ihre Bedeutung dadurch visualisieren.

Wer es jedoch nicht selbst vollschreiben und nur kurzweilig unterhalten werden möchte, wird schnell feststellen, dass er eben etliche fast leere Seiten gekauft hat. Hier und da runzelte ich dann auch etwas mit der Stirn: Jemanden zu zeigen, was eine Harke ist, bedeutet nicht, schlicht jemandem zu zeigen, wie man etwas richtig macht, sondern eine absolute Demonstration eigener Überlegenheit. Manche Begriffe habe ich noch nie gehört, Wörter wie „wehleidig“, „Dings“, „Kerzendocht“, „apathisch“, „Gräte“ oder „Weiche“ sollte man wiederum nun wirklich niemandem erklären müssen. Mancher Abschnitt ist auch enttäuschend knapp geraten: „Zinnober“ und „Bahö“ sind enthalten, „Bohei“ fehlt. „Astrein“ ja, das besonders schöne pseudoitalienische „picobello“ nein. Sich blümerant zu fühlen bedeutet nicht unbedingt Unwohlsein, und „verschlimmbessern“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die Optik von etwas.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf regionale Begriffe gerichtet. Schön, dass auch die deutschsprachigen Nachbarn aus Österreich und der Schweiz zum Zuge kommen. Alles in allem ist das unsortierte und ohne Inhaltsverzeichnis oder Index auskommende Buch aber ein ziemliches Durcheinander. Gelernt habe ich dennoch etwas, z.B. dass das perverse Wort „Fleischpflanzerl“ gar nicht Österreichisch, sondern Bayrisch ist.

Kay Czucha – Fliegende Piranhas

„Fliegende Piranhas“ aus dem Jahre 1983 ist eine weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Mit seinem Umfang von rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unnummerierten) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch reiht es sich nahtlos ins damalige Verlagsprogramm ein.

Cartoonist Kay Czucha versammelt hier Cartoons und Kurzcomics im gröberen Karikaturstil – vom sich verschwenderisch über zwei Seiten erstreckenden riesigen Einzelbild bis zur sechspaneligen Seite. Manche querformatige Zeichnung hätte sich im ebensolchen Format gedruckt besser gemacht als im Hochformat. Viel satirische Politik- und Systemkritik sowie Verballhornung einer reaktionären Exekutive und eines bigotten Klerus, beseelt vom damaligen Zeitgeist innerhalb der progressiven Linken und Anarchos, hinterlassen einen positiven Eindruck. Demgegenüber stehen viele alberne bis lahme Gags, die es eben auch in dieses Buch schafften, das man zudem sehr schnell durchgeblättert hat.

Frank Schäfer – Metal Antholögy: Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen

Nach „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ aus dem Jahre 2010 und „Talking Metal“ (2011) komplettierte der Braunschweiger Autor, Journalist und Ex-Metal-Gitarrist Frank Schäfer im Jahre 2013 mit „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ seine Metal-Buch-Trilogie für den Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Allen drei Werken ist gemein, dass Lemmy Kilmister den Schutzumschlag ziert. Nachdem „Talking Metal“ ausschließlich aus Interviews mit Szene-Protagonistinnen und -Protagonisten bestand, mischt Schäfer hier wieder Platten-, Festival- und Musikbuch-Rezensionen mit Coming-of-age-Anekdoten und Vergangenheitsbewältigung, in die er Songempfehlungen situativ einflicht, Band-/Musiker-Kurzbiographien, jüngeren persönlichen Geschichten, Beobachtungen usw. miteinander – rund 260 zwischen zwei feste Buchdeckel gebundene Seiten und 81 Kapitel lang sehr abwechslungsreich und pointiert, aber nur witzig, wenn intendiert.

Wie oft bei Schäfer dreht es sich dabei nicht ausschließlich um das, was man sich heutzutage unter Metal vorstellt, der Mann hat auch ein Faible für Musik der 1970er und noch frühere. So finden sich auch hier immer wieder Ehrerbietungen an THIN LIZZY, eine seiner Lieblingsbands. Manches hat nur sehr am Rande überhaupt mit Musik zu tun, beispielsweise wenn er ausgehend von einem Zahnarztbesuch auf Italo-Film-Erlebnisse zu sprechen kommt. Einer meiner Höhepunkte ist sein Bericht von VICIOUS RUMORS live in Gifhorn. Aus der Vorstellung seiner 59 favorisierten Livealben habe ich mir das eine oder andere zum Reinhören notiert, VENOMs „Eine kleine Nachtmusik“ darf man hier aber nicht erwarten – BLIND GUARDIANs famose „Tokyo Tales“ leider auch nicht, was mich etwas überrascht hat.

Schäfer testet ein Rock-Gesellschaftsbrettspiel und spricht sich witzigerweise im nächsten Kapitel gegen ebensolche aus. Musiker Jari Antti kommt zu Interview-Ehren. Im schön geschriebenen Abriss über die Eidgenössen KROKUS hätte er auf den AC/DC-Vergleich hin vielleicht noch schreiben können, dass sie nach ihrer zwischenzeitlichen Versoftung in den 1980ern wieder metallischer wurden, vgl. das Album „Heart Attack“. Ein weiterer Höhepunkt ist sein Erlebnisbericht vom Besuch einer Plattenbörse. Er beschreibt sein erstes Mal – bzw. das Drumherum – und huldigt Tony Jasper sowie dessen Heavy-Metal-Show im Radioprogramm der ‘80er, den er ebenfalls interviewt. Nicht so zwingend finde ich die mehrseitige schlichte Auflistung von Songs, die „Metal“ im Titel tragen.

Ansonsten stellt er die eine oder andere Band jüngere Band vor und beschreibt das Gitarrenspiel diverser Gitarristen mit einigen musiktheoretischen Fachbegriffen, geht also über das übliche in Musikzeitschriften gebotene Niveau hinaus. Ein weiteres Steckenpferd ist das Schreiben über andere, die über Musik geschrieben haben – diesmal über Lester Bangs, was einen weiteren Höhepunkt des Buchs darstellt und mit dem er gemein hat, als Musikkritiker weit mehr als reine Gebrauchsliteratur zu erzeugen. Folgerichtig wird Schäfer auch auf Lesungen eingeladen, die er hier rekapituliert. Eine fand sogar auf einer dieser unsäglichen Wacken-Kreuzfahrten statt. All dies und mehr wird von einem diesmal verhältnismäßig hohen (Schwarzweiß-)Bildanteil aufgelockert, der unter anderem Fotos und Scans historischer Eintrittskarten zeigt. Bei manchen Kapiteln handelt es sich sogar um reine Fotostrecken, deren Material sich jedoch nicht durchweg für farblose Abbildung oder die Verkleinerung auf Briefmarkengröße eignet; zudem habe ich einen Doppler entdeckt.

Weitere kritische Anmerkungen: Tony Iommi hat Lymphdrüsen-, nicht Blutkrebs, und HELLOWEEN spielten anfänglich Speed Metal, nicht Thrash Metal – das würde ich schon gern unterscheiden. Das eine oder andere Kapitel kommt mir auch wie üblich aus vorausgegangenen Büchern Schäfers verdächtig bekannt vor. Davon unabhängig habe ich die Lektüre aufgrund Schäfers persönlich geprägten und kreativen Schreibstils, seines sympathischen Humors und gerade auch seiner steten Sicht über etwaige Tellerränder hinaus einmal mehr genossen.

Cinema-Sonderband Nr. 15: Sex im Kino ’87

Titel wechsel dich: Statt „Erotik im Kino“ kehrte man für diese Fleischbeschauvorschau aufs Kinojahr 1987 wieder zum ursprünglichen Titel der Cinema-Sonderbandreihe zurück. „Sex im Kino ‘87“ also – und anhand des Umfangs (132 statt wie zuvor 100 Seiten) könnte man meinen, das erotische Kino habe einen Aufschwung erlebt.

Dem war natürlich nicht so (bis „Basic Instinct“ waren es noch ein paar Jährchen), doch dürften sich diese Bücher, bei denen es sich mehr oder weniger um Bildbände mit ein wenig Text handelt, nach wie vor gut verkauft haben. Also wurde der Markt bedient, so lange es ging. In Ermangelung echter Erotikfilme, die die Seiten füllen könnten, ohne auf den Pornographie-Bereich zurückgreifen zu müssen, knallte man aufs Papier, wer immer sich in den letzten Jahren als attraktive Frau einmal im Rahmen einer Spielfilmrolle vor der Kamera ausgezogen hatte (oder nicht einmal das: Helen Slater, WTF?!). Damit dies gelang, wich man vom bisherigen Konzept, Filme vorzustellen, ab und präsentierte Schauspielerinnen, ähnlich wie in den Sonderbänden „Sexstars“ oder „Göttinnen des erotischen Films“. Damit ist „Sex im Kino ‘87“ zwar ein retrospektiv nicht uninteressanter Überblick darüber, welche als sexy empfundenen Schauspielerinnen seinerzeit angesagt waren, aber weniger die erwartete Kino- oder Videovorschau. Nichtsdestotrotz lässt sich den Filmographien entnehmen, dass in vielen Fällen der jeweils jüngste Film der Damen nach Deutschland in den Verleih kam – darunter eben auch Familientaugliches.

Jeder Schauspielerin wurde ein von der Redaktion erdachter Titel zuteil; so ist Maruschka Detmers „die Wildkatze“, Béatrice Dalle „die Sensation“, Jessica Lange „die Intellektuelle“ und Madonna „der Megastar“. Von der sei übrigens, so heißt es im Text, ein „Pornofilm“ aufgetaucht. Ist damit „A Certain Sacrifice“ gemeint (der nun wahrlich kein Porno ist)? Das Bildmaterial ist wie gewohnt hübsch anzusehen, in Teilen aber lediglich in Schwarzweiß gedruckt worden und wiederholt sich in den zahlreichen Cinema-Veröffentlichungen zum Thema. Die Textinhalte gehen als Kurzporträts durch und größtenteils in Ordnung, die Fehlerquote scheint sich in Grenzen zu halten (in die Bildunterschrift auf S. 25 schlichen sich aber gleich zwei Stück). Am Schluss liefert der Band noch einige Szenenbilder inklusive eines Russ-Meyer-Specials und ein paar Bond-Girls. Ein Inhaltsverzeichnis und ein Namensindex erleichtern das schnelle Auffinden der Inhalte.

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