Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 2 of 31)

Mürmann/Nofi – Stinkstiefel

Wolfgang Mürmann war vornehmlich Musiker, lieferte aber auch Ideen und Inhalte für Cartoons, unter anderem für die in der Illustrierten „Neue Revue“ abgedruckten „Stinkstiefel“-Strips, die als rund 100-seitiges querformatiges Taschenbuch im Jahre 1995 gesammelt beim Kieler Semmel-Nachfolger Achterbahn erschienen. Bei Nofi dürfte es sich um ein Pseudonym des Hamburger Zeichners Lutz Nosofsky gehandelt haben, mit dem Mürmann auch für weitere Cartoon-Publikationen zusammenarbeitete.

Das auf Seitenzahlen verzichtende, unkolorierte Büchlein beginnt mit einer kurzen Einführung in die Figuren, in deren Mittelpunkt der rotzfreche Lümmel Justus, nur Stinkstiefel genannt, steht. Die Zeichnungen sind in einem wunderbar karikierenden Funny-Stil gehalten; die Strips bestehen aus ein bis vier Panels, in einem sich über zwei Seiten erstreckenden Fall sogar aus acht. Stinkstiefel legt einen herrlichen Sarkasmus an den Tag, reißt ab und an auch mal einen politik- oder gesellschaftskritischen Spruch oder ergeht sich in Wortwitzen. Hin und wieder bekommt er auch selbst sein Fett weg.

Alles in allem ist das aber nichts, was aus der Masse an ähnlichen Comics groß herausstechen würde, und nicht jeder Gag sitzt. Schade, dass man sich für Maschinen- statt Handlettering entschied, und wenn ich „Scater“ statt „Skater“ lese, wird mir ganz anders. Als kurzweiliger Zeitvertreib aber nicht verkehrt.

Carlsen Pocket Nr. 4: Gotlib – Peter Pervers

„Peter Pervers“ aus der Feder des für seine satirischen Geschmacksgrenzenauslotungen berüchtigten französischen Comiczeichners und -autors Gotlib erschien im Original im Jahre 1981. Zwei Jahre später lizenzierte der Volksverlag den Comic für ein Softcover-Album. 1990 sicherte sich Carlsen die Rechte an einem Abdruck innerhalb seiner bunt gemischten, aber inhaltlich qualitativ hochwertigen Taschenbuchreihe „Carlsen Pocket“, als deren vierter Band das Peterle erschien. Ob sich diese inhaltlich vom Album unterscheidet, ist mir leider nicht bekannt. Weiß jemand mehr?

Über rund 130 unkolorierte Seiten mit freier, aber aufgeräumter Panelstruktur erstreckt sich dieser satirische Funny-Comic mit häufig dialoglosen, sich maximal über wenige Seiten ziehenden, pointierten Kurzgeschichten des schlechten Geschmacks. Gotlib eröffnet mit einigen Gags zum Klassiker-Topos „Exhibitionisten mit Mantel“, die aber nur dem eigentlichen Star die Bühne bereiten: Bald kommt Peter, manchmal auch Petra, ins Spiel, jener alte Sack mit der Schniefnase, der anderen gern nicht immer, aber öfter sexualisierte streiche spielt und sich am Ende völlig übertrieben darüber wegschmeißt. Dabei geht enorm albern, mitunter aber auch schwarzhumorig zu. Als Identifikationsfigur taugt Peter Pervers dabei genauso wenig wie Don Martins Käpt’n Hirni.

Einmal taucht plötzlich Lucky Lukes Gaul Jolly Jumper auf, ein anderes Mal ist Peter ein Dschungeltarzan oder auch ein Raumfahrer, woraus eine „Alien“-Verballhornung wird. Als notgeilen Superman-Verschnitt lernt man ihn ebenso kennen wie als Dr. Pervers und Mr. Peter im alten London, wo er von Sherlock Holmes verfolgt wird. Überraschung: Mr. Peter ist „Der Unsichtbare“ – welch herrliches absurdes Mash-up! Irgendwann ist er auch Gott und Peter Pervers von Nazareth, womit Gotlib seinem Faible für Blasphemie nachgehen konnte.

Es wirkt, als sei es Gotlib irgendwann zu langweilig geworden, Peter Pervers als reinen Streichespieler im Hier und Jetzt zu zeichnen, sodass er viel mehr Freude daran entwickelte, diese kuriose Figur in die eigenartigsten und eigentlich unpassendsten Sujets zu transferieren. Ein bescheuerter, kurzweiliger Spaß, der immer mal wieder bewusst „drüber“ ist.

Gotlib – Gotlib (Band 2)

Das zweite in Raymond Martins Volksverlag erschienene Sammelband-Softcover-Album des französischen Comic-Enfant-Terribles Gotlib datiert in Original wie deutscher Lizenz aufs Jahr 1983, seine rund 100 Seiten blieben diesmal jedoch unkoloriert. In Sachen Blasphemie und Sex setzte Gotlib in seinen anarchisch-satirischen Comics jedoch noch einen drauf, ergänzt um menschliche Ausscheidungen.

Ein hervorragendes, der Fachzeitschrift „Comic Forum“ entnommenes, fünfseitiges und somit recht ausführliches Portrait Gotlibs stimmt auf den Inhalt ein, der neben kurzem Nonsens diverse absonderliche Geschichten enthält. So trifft der Bürgermeister von Huon im Wald auf allerlei sich Sex und Perversionen hingebende Märchengestalten. Ein paar Panels entpuppen sich dabei als eine Art Prequel der Erlebnisse Herrn Junghans‘ aus Band 1. In „La coulpe“ streift Gotlib persönlich durch die Gegend und macht eigenartige Erfahrungen. Ein beliebtes Motiv Gotlibs scheinen hier zweckentfremdete bzw. umplatzierte Körperteile zu sein; so hat jemand beispielsweise eine Penishand und einen Handpenis, ein anderer kackt aus dem Kopf. In einer „Was bin ich?“-Persiflage hat der Kandidat einen Fuß statt einer Hand und umgekehrt – und führt vor, wie er damit onaniert.

Ein verklemmter Zensor wird von Gott gezwungen, durch Scheiße zu schwimmen, zu onanieren, mit seiner Mutter zu vögeln und seinen Vater zu töten – provokanter ging es wirklich kaum noch. Etwas bemüht wirkt die Pointe des exzellent gezeichneten Vorgangs der Morgentoilette eines Normalbürgers, der für sich privat halt popelt und furzt, der Jugend am Ende aber mangelnde Manieren vorwirft – gleichwohl gelten diese nun einmal in erster Linie für den Umgang mit anderen. Es folgt eine sehr schwarzhumorige Parodie klassischer Melodramen, und mit der Geschichte vom Mann mit den zwei Schwänzen wird’s wieder blödsinnig pubertär. Die letzte längere Geschichte handelt von der Erfindung des Klopapiers und einer Art Abroller, inklusive Schwänzen, Kot (natürlich) und etwas Ejakulat.

Fast überall geht es diesmal also um Schwänze und Sex, was die bundesdeutsche Zensur den Band dann auch indizieren ließ. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer, aber Gotlib feuert mit Kot und Sperma aus allen Rohren – das reinste Comic-Tourette. Die Übersetzung erlaubte sich wieder die eine oder andere Lokalisierung und leidet bedauerlicherweise unter einer Als/wie-Schwäche. Band 3 liegt mir leider nicht vor, würde mich aber ebenfalls interessieren…

Gotlib – Gotlib

Den französischen Holocaust-Überlenden und Comiczeichner Marcel Gotlieb alias Gotlib lernte ich im gerade noch präpubertären Alter kennen, als ich „Hamster Fidel und seine Wölfchen“ in der Carlsen-Pocket-Taschenbuchausgabe als preisreduziertes Mängelexemplar für 1,99 DM mitnahm und mich über den sexuell aufgeladenen Inhalt ebenso wunderte wie beömmelte. Raymond Martins Volksverlag hatte Gotlibs Werke unter anderem in seinen „U-Comix“ publiziert und lizenzierte diesen 100-seitigen, vollfarbigen Sammelband in Albumform im Jahre 1982. „Gotlib“ bildete den Auftakt einer drei Alben umfassenden Reihe. Das Comic-Enfant-Terrible Gotlib war ein humoristisch-satirischer Zeichner, der mittels Blasphemie und Sex provozierte und mit einem stark karikierenden Strich arbeitete, der die Gesetze der Anatomie regemäßig außer Kraft setzte.

Den in diesem Band versammelten Comics – mitunter eher dadaistische Ein- und Zweiseiter, aber auch längere Geschichten – ist ein sich über zwei Seiten erstreckendes, ausführliches Porträt Gotlibs aus der Feder Horst Schröders vorangestellt. Los geht’s mit dem Weihnachtsmann beim Geschenkeverteilen, der an den Menschen verzweifelt – sowohl an den Erwachsenen als auch den Kindern. Im Anschluss schmeißen sich, heillos übertrieben gezeichnet, Witzeerzähler einer TV-Sendung immer mehr weg, je schlechter die Witze werden. Diese wurden über die Übersetzung hinaus eingedeutscht, eine der Figuren spricht sogar mit Berliner Dialekt. Durandal ist dann eine Persiflage auf Fantasy-Abenteuer à la „Excalibur“. Gotlib versah diese mit ein paar Anachronismen (und der Verlag vergaß, einen französischen Randtext zu übersetzen), Groucho Marx taucht plötzlich auf und Sinn ergibt das alles keinen.

Hans Junghans wird seine Hilfsbereitschaft nicht gedankt; Barbaralice ist eine sexploitative und etwas arg dialoglastige Persiflage gleichsam auf Alice im Wunderkind und Barbarella inkl. Titten, Schwänzen und Ejakulationen, über die sich Lewis Caroll dann auch persönlich beschwert; und ein grüner Bruce-Lee-Verschnitt macht den dicken und chauvinistischen französischen Superhelden Superdupont nach allen Regeln der Kampfkunst fertig, wobei die Pointe mit Referenzierungen kulinarischer Befindlichkeiten arbeitet. Es folgt ein grandioser Meta-Comic, in dem der Protagonist – wohl Gotlib selbst – mit den Leserinnen und Lesern konfrontiert wird. Dann verliert der heilige Augustus bei einem Fußball-Kick zweier kleiner Engel seinen Kopf, was unter blasphemischem Slapstick einsortiert werden kann, ebenso die Verballhornung des Abendmahls Jesus‘. Ein fiktionaler expressionistischer Stummfilm Fritz Langs findet sich ebenso wie eine ungewöhnlich schöne Geschichte, in der Gotlib einen Fernsehauftritt hat, verfolgt von seiner stolzen Mutter und ihren Rentnerfreunden. Am Schluss trifft ein Bruchpilot in der Sahara auf einen kleinen Prinzen mit Sprachfehler – eine Geschichte über die Tücken misslingender Kommunikation mit eher schwacher Pointe, aber gewohntem Irrwitz.

Gotlib bewegt sich stets zwischen pubertär und provokant, macht nach jedem Gag neugierig auf den nächsten und vor niemandem Halt; hat es auf die ganze Gesellschaft abgesehen, ohne agitatorisch oder belehrend zu wirken – im Gegenteil. Er lebt sich entfesselt anarchisch in seinen Comics aus, die in dieser Lizenzausgabe um ein paar Anspielungen auf den deutschen Verleger Raymond Martin – dem man danken muss, diesen und anderen sich an eine jugendliche und erwachsene Leserschaft richtenden Stoff nach Deutschland geholt zu haben –, aber auch ein paar Rechtschreibfehler ergänzt wurden.

Bernd Pfarr – Dulle: Schwer genervt

Der leider viel zu früh verstorbene Comiczeichner, Cartoonist und Maler Bernd Pfarr veröffentlichte sein erstes (mir noch unbekanntes) Comicalbum im Jahre 1984 in Form des zweiten Bands der „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ des Volksverlags. Im selben Jahr beteiligte er sich an den „Pullover-Comics“ des Kieler Semmel-Verlags, wo er seinen anthropomorphen Enterich Dulle auftreten ließ. Seinen Einstand hatte Dulle anscheinend bereits ein paar Jahre zuvor im Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ gefeiert. Ihm widmete Semmel ein Jahr später ein ganzes Taschenbuch, nachdem Pfarr bereits im Frühjahr 1985 ebendort „Ich liebe dich!“ veröffentlichen konnte.

Auf das Inhaltsverzeichnis des unkolorierten, diesmal aber mit Seitenzahlen versehenen Buchs folgt ein kurzes Vorwort Michael Gutmanns zur Figur des wortkargen, stets stoisch genervt dreinschauenden Schrottplatz- und Autoverwertungshofbetreibers Dulle in einer Welt unterschiedlicher anthropomorpher Wesen. Die mit klarem Strich kreierten, übersichtlichen Zeichnungen sind auffallend groß, die Buchseiten werden mit maximal Panels belegt.

In der ersten Geschichte lässt man (also Dulle und seine beiden Mitarbeiter Kurz und Kapuste) nach allen Regeln der Kunst einen Kunden auflaufen – eine köstliche Parodie auf Handwerksbetriebe, die es sich leisten können, schlecht mit Kundschaft umgehen oder erst gar keinen Bock auf welche haben. Wie Pfarr menschliche Verhaltensweisen hier in Comicform karikiert, ist ein großer Spaß. Hochklassig auch die Geschichte um Dulles Neffen Rötger, den er für zwei Wochen zu sich nimmt: einen ausschließlich an Schach interessierten Autisten. Die anderen, meist wesentlich kürzeren Geschichten fallen dagegen – mitunter doch arg – ab. Nichtsdestotrotz bietet „Dulle“ einen interessanten Einblick in Pfarrs frühes Schaffen und macht mich neugierig auf mehr.

Volker Reiche – Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen (Band 1)

Nachdem ich mich kürzlich mit Volker Reiches früher Semmel-Verlach-Veröffentlichung „Willi Wiedehopf räumt auf!“ beschäftigt hatte, wurde ich erst recht neugierig auf sein Frühwerk. Seine nach „Liebe“ zweite Veröffentlichung in Albumform dürfte der erste Band der im Jahre 1984 im Volksverlag erschienenen „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ sein. Bei diesem rund 90-seitigen unkolorierten Softcover-Album scheint es sich um eine Zusammenstellung überwiegend zuvor im ebenfalls im Volksverlag veröffentlichten Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ abgedruckter Comics Reiches handeln. Das Herzstück bildet sein „Comic-Roman“ (Graphic Novel sagte man damals noch nicht) „In Biblis ist die Hölle los!“, der als Fortsetzungsgeschichte in Hinz & Kunz erschienen war.

Statt eines Vorworts finden sich Fotos Reiches, wie er an einem Tisch voller Bierflaschen mit seiner (wiederum gezeichneten) Figur Schnurr über den Inhalt dieses Bands diskutiert – wobei sich Schnurr sehr kritisch gegenüber seinem Zeichner äußert. Diese Meta-Ebene zieht sich durch die gesamte Handlung, für die Reiche eine Vielzahl auf verschiedenen Tierarten basierender anthropomorpher Figuren einführt, von skrupellosen Industriellen bis zu radikalen AKW-Gegnern. Besonders angetan hat es mir der unpolitische Filmliebhaber, der auf alte Horrorstreifen steht und einen eigenen Godzilla-Film drehen möchte. Die über einen langen Zeitraum und ursprünglich als Anti-AKW-Comic entstandene Geschichte um die Machenschaften der Atomindustrie und Widerstand gegen dieselbe wird immer wieder unterbrochen und zwischen Reiche und seinen Figuren reflektiert. Teil der Reflektion ist, dass sich Reiche (mittlerweile übrigens selbstironisch als mit Halbglatze gezeichnete Comicfigur auftretend, während aber auch der eine Lederjacke tragende Bello Bautz optisch verdächtig an Reiche erinnert) am liebsten von der AKW-Geschichte verabschieden würde, weil zwischenzeitlich Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt worden ist und angesichts des NATO-Doppelbeschlusses eine Kriegsangst herrscht, gegen die die AKW-Problematik verblasst. Reiche hält also nicht stur am ursprünglichen Konzept fest, sondern lässt unmittelbar aktuelle politische Entwicklungen einfließen.

Nachdem „In Biblis ist die Hölle los!“ wenig stringent, dafür umso dynamischer zu einem Ende gebracht wurde, fordert Schnurr seine Bettgeschichte ein, die in Form des fünfseitigen Sex-Funnys „Liebe auf den ersten Blick“ folgt. Weitere Kurzgeschichten und Comicstrips um die Schnurr-Brüder machen Lust auf mehr (ein Höhepunkt: das Wimmelbild der Weihnachtsfeier), doch anschließend droht Reiche ihnen mit dem Radiergummi und kotzt sich auf einer ganzen Seite über kitschige Reaktionen linker Kreise auf die Wahl Mitterands zum französischen Präsidenten aus. Interessanterweise sitzt er im Zwiegespräch mit den Schnurrs mit einer Ausgabe der FAZ auf einem Sofa, die bekanntlich später sein langjähriger Arbeitgeber werden sollte. Ein kurioser Zufall oder bereits ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Auch in den „Zu Gast bei H&K“-Comic hat Reiche sich selbst gezeichnet, darüber hinaus seine Zeichnerkollegen, die gemeinsam ihre Kunst im Zuge einer Arbeitssitzung kontrovers diskutieren – einmal mehr wird also fröhlich auf der Meta-Ebene getänzelt. Der Einseiter „Fuchsjagd“ verrät, dass Reiche & Co. D.O.N.A.L.D.-Mitglieder und somit Anhänger des Donaldismus sind, eine weitere Seite nimmt Psychoanalytiker aufs Korn. Im Bereich „Lebenshilfe“ ätzt Reiche gegen zum Klischee gewordene Kopfbedeckungen und ihre Träger, wobei manch Politnick sein Fett abbekommt, ein weiterer Beitrag verballhornt den Hype um Adidas-Treter. Noch aus dem Jahre 1979 stammen die Comics, die Reiche für die „Pardon“ gezeichnet hatte und entsprechend schlüpfrig ausfallen, während „Die alten Freunde in der Stadt…“ Öko-Hippes veralbert. Für ein paar vierpanelige Strips hat er anscheinend neue Figuren ausprobiert oder aber bewusst als leichte Fingerübungen erdacht und wieder fallengelassen. Ganz am Schluss darf ein Betrunkener einen aufgekitschten Hippie-Citroën vollreihern.

„Comics für Erwachsene“ sind’s einerseits, weil recht freizügig mit Sexualität umgegangen wird, vor allem aber aufgrund der zahlreichen Bezugnahmen auf Politik und Gesellschaft, die eine zu junge Leserschaft größtenteils wohl gar nicht verstanden hätte. Obschon Reiche offenbar dem alten Anarcho-Klüngel entstammt, lässt er immer wieder durchblicken, wie wenig er von Hippies und hyperpolitischer Klientel hält. Anhand dieses Bands lässt sich möglicherweise neben seinem immer feiner und sicherer werdenden Zeichenstil auch Reiches persönliche Entwicklung nachvollziehen, die ihn schließlich zum Comiczeicher für „Hörzu“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ machte. Seine Passion sowohl für eigenentwickelte anthropomorphe Figuren als auch bissigen Humor wird mehr als deutlich und es ist ein bisschen schade, dass in dieser Hinsicht später anscheinend nicht mehr so viel kommen sollte.

Sowohl für an der Entwicklung moderner deutscher Underground-Comics interessierte Comic-Archäologinnen und -Archäologen als auch generell für Liebhaberinnen und Liebhaber von Zeitkolorit im Comic ist dieses Album eine echte Fundgrube. Mal sehen, ob ich auch Reicherts Debütalbum „Liebe“ noch irgendwo herbekomme…

Robert Crumb – Head Comix

Robert Crumb – erster kommerziell erfolgreicher Underground-Zeichner und Ikone des Anti-Establishments, die sich explizit an eine erwachsene Leserschaft richtet. Noch bevor ich anfing, über mein gelesenes Zeug zu bloggen, hatte ich das eine oder andere Werk des US-Amerikaners in der Hand, eines schräger als das andere. Chronologisch sein Œuvre durchgegangen bin ich aber nie. Diese (später indizierte) deutsche Erstveröffentlichung der im US-Original in den Jahren 1967 und ’68 erschienen „Head Comix“ fand ich auf einem Flohmarkt. Sie erschien ursprünglich 1970 im März-Verlag, ich habe ein Exemplar der dritten Auflage aus dem Jahre 1971 ergattert. Sie umfasst 112 unnummerierte und unkolorierte Seiten im mittelgroßen Softcover.

Konsequenterweise ließ man die Seitenzahlangaben auch gleich im Inhaltsverzeichnis weg, womit es wenig Sinn ergibt. Immerhin erhält man so einen Überblick über die (wenn ich mich nicht verzählt habe) 44 enthaltenen Geschichten. Diese beinhalten eine Absage an Stino-Spießer, Fritz the Cat, der Mädels mittels Hippiegequatsche zu einer Orgie überredet, ein nichtssagendes surreales Comicexperiment, die Fetischierung einer „wilden““ Schwarzafrikanerin, die man heute rassistisch nennen würde, weitere wiederkehrende Figuren, allen voran den bärtigen afghanischen Guru Herrn Natürlich, einige Perversitäten, einmal sogar Kindesmissbrauch, am Ende gar Inzest mit expliziter Sexszene zwischen Vater und Tochter, dazu ein paar gezeichnete Drogentrips und immer mal wieder rassistisch anmutende Comics mit Schwarzen. Bei nicht wenigen Geschichten frage ich mich, auf welchen Drogen sie funktionieren – was die drei Seiten mit verschiedenen illustrierten Stoned-Zuständen allerdings beantworten könnten.

Hat man sich auf die Guru-Verballhornungen um Herrn Natürlich erst einmal eingegroovt, kommen diese aber ganz gut. Die eine oder andere Spießbürger-Verarsche ist außerdem sehr treffend. Dann und wann wird’s gar ernsthaft feministisch, endet aber stets sexuell. In seiner Seitengestaltung lässt sich Crumb natürlich kaum in starre Muster zwängen, sein Funny-lastiger Zeichenstil mit den häufig überbetonten oder anatomisch ungewöhnlich wirkenden Gliedmaßen ist unverkennbar und wirkt häufig angenehm plastisch. Inhaltlich zeigt sich viel Nonsens, auch unlustiger, die deutsche Bearbeitung addierte ein paar Rechtschreibfehler. Einige Panels sind unheimlich klein und das Handlettering zuweilen regelrecht in die Blasen gequetscht, wodurch leider nicht alles lesbar ist. Der Band schließt mit einem Fließtext über Crumb und dem Versuch einer gesellschaftskritischen Einordnung seines Wirkens.

Comichistorisch also wieder einmal interessanter Stoff, dem man aber wohl attestieren muss, zumindest in Teilen nicht sonderlich gut gealtert zu sein. Zugleich ist er aber eben auch Spiegel seiner Zeit und eines Milieus, das bewusst provozierte, Grenzen auslotete und überschritt und vieles ausprobierte, um dabei nicht selten übers Ziel hinauszuschießen.

Bill Watterson – Calvin und Hobbes: Wir wandern aus!

Band 3 der in den Nullerjahren beim Hamburger Carlsen-Verlag erschienen elfbändigen Funny-Zeitungsstrip-Reihe im beinahe quadratischen Softcover datiert im US-Original aufs Jahr 1989. Calvin ist ein mit einer überbordenden Fantasie gesegnetes Einzelkind, das mit seinen Eltern und seinem Stofftiger Hobbes zusammenlebt, der für Calvin zum Leben erwacht und sein bester Freund ist. Auch dieser Band umfasst 130 Schwarzweiß-Seiten, die die meist aus vier Panels bestehenden Strips sowie die Sonntagsseiten enthalten.

Anstelle eines Vorworts eröffnet „Wir wandern aus!“ mit einem sehr gut ins Deutsche übersetzten Gedicht. Calvins Alter ego, der Raumfahrer Spiff, ist ebenso wieder dabei wie Nachbarskind Susi und Babysittern Rosalyn – Calvins Nemesis. Wiederkehrende Gags wie die „Wiederwahl zum Vati“ werden weiter etabliert, besonders gelungen aber ist die längere Strecke über einen (gottverdammten!) Zelturlaub. Wie bei anderen stripbasierten Comics auch, erstrecken sich viele Geschichtchen über eine Vielzahl Strips, weisen aber pro Strip eine kleine Pointe auf – das ist die hohe Kunst. Der Band geht zudem sehr schön die einzelnen Jahreszeiten durch.

Einmal mehr hat Watterson die Komik, die Kind- oder Elternsein häufig mit sich bringen, herausragend beobachtet und zur Grundlage seiner Comics gemacht. Kindliche Naivität, Fantasie und Frechheit treffen auf erwachsene Abgeklärtheit, Verantwortungsbewusstsein und Reizbarkeit – und, in meinem Falle, all dies auf einen interessierten wie amüsierten Leser.

Государственная Третьяковская галерея (dt.: Staatliche Tretjakow-Galerie)

Bin ich bewandert in bildender Kunst oder habe ich ein ernsthaftes Interesse an historischen Gemälden? Nö. Diesen im Jahre 1961 in der Sowjetunion veröffentlichten Bildband der Staatlichen Tretjakow-Galerie aus dem Nachlass meiner Großmutter hatte ich mir für den vergangenen Sommerurlaub trotzdem eingesteckt und an einem sonnigen, aber etwas windigen Tag in einem Marseiller Park ausgepackt. Das großformatige Hardcover-Buch mit Serows „Das Mädchen, das von der Sonne beschienen wird“ zeigendem Schutzumschlag hat einst einen Wasserschaden erlitten, sieht entsprechend ramponiert aus und müffelt beim Aufschlagen; trotzdem tauchte ich genüsslich und interessiert in seinen Inhalt ein.

Auf einen vierseitigen russischen Einführungstext V. Chesnokovs folgen, grob chronologisch sortiert – beginnend im 15. Jahrhundert, größtenteils dem 19. und 20. Jahrhundert entstammend – verschiedenste Motive, sofern bekannt mit Angabe des Künstlers, des Werktitels und des Jahres. Diese Angaben finden sich in drei Sprachen, u.a. Deutsch, übersetzt auch im Anhang. Unter den insgesamt 55 Abdrucken auf hochwertigem Papier befinden sich handwerklich unfassbar gute Malereien und Gemälde, die einen Eindruck der russischen Kunstgeschichte vermitteln: Landschaften, Tiere, Menschen, mal Stimmungen und Gefühle transportierend, mal betont nüchtern.

Und als ich mich erst einmal sattgesehen und meine Lesepause bzw. meinen „Museumsbesuch by Proxy“ beendet hatte, widmete ich mich meinem nächsten Comic. Doch der nächste Griff in Omas Fundgrube wird hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen.

Derber Trash #2

Der zweite „Derber Trash“-Sammelband des deutschen Weissblech-Comicverlags erschien im Jahre 2011 und umfasst auf seinen 100 Schwarzweißseiten im Softcover in halber Albumgröße erneut drei ältere Schundhefte, ergänzt um eine eigens für diesen Band angefertigte Rahmenhandlung.

Diese entpuppt sich als selbstironische Justizposse um die Urheberschaft an den Comics. „Unglaubliche Sexfiction“ enthält Sexploitation-Science-Fiction-Geschichten, aus denen jene von Bella Star erzählte, auf Erden spielende qualitativ heraussticht. Diese ist zwar ausnahmsweise leider nicht handgelettert, dafür aber ein überraschend und zugleich angenehm klassisches Moralstück um russische Mädchenhändler und Vergewaltiger. „Drogengeile Teenieschlampen auf Mallorca“, der zweite Teil der Saga um die drogengeilen Teenieschlampen, nimmt unter anderem Mallorca-Klischees sexploitativ aufs Korn, das Party-Erklärbild erinnert gar an „Mad“. „Amazonen – Busenwunder der Bronzezeit“ ist vielleicht das interessanteste Heft dieses Sammelbands und eröffnet mit einer barbusigen, aber sexfreien, sogar recht „seriösen“ Amazonen-Fantasy-Handlung, gefolgt von „Morag“, einem Monstrum von einer Kriegerin in einer humorigen Geschichte, die Altertum-Fantasy mit der Moderne mischt. Die dritte Erzählung wartet wieder mit einer expliziten Sexszene auf (was diesen Bänden wohl stets die Jugendfreigabe kostet), eingebettet in einer in der Gegenwart spielenden Expedition zu den Amazonen.

Ein Rückblick auf die Entstehung der Comic, sozusagen ein Metatext mit Hintergrundinformationen, ergänzt die Sammlung. Geschrieben wurde er von Verleger Levin Kurio, der unter anderem von erfolglosen Messebesuchen als Aussteller berichtet. Auch schön: Ein Abriss über Hefte, die es nie gab. Und ein Bonuscomic handelt vom Besuch einer Comicmesse in Essen, für den Kurio sich grandios auf die Schippe nehmend selbst zeichnete und der zudem einmal mehr fabelhaft satirisch ausfällt. Eine leichte Das/dass-Schwäche und den einen oder anderen Zeichensetzungsfehler muss man hinnehmen, Laune machen die von Roman Turowski, Levin Kurio, Eckart Breitschuh mal mit gröberem, mal feinerem Strich gezeichneten Elaborate allemal – ein Affinität zu spekulativem, bewusst Geschmacksgrenzen hinter sich lassendem Trash vorausgesetzt!

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