Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 2 of 27)

Manuel Andrack – Meine Saison mit dem FC

Manuel Andrack, ehemaliger Redaktionsleiter und Sidekick der Harald-Schmidt-Show, ist bekennender Fan des 1. FC Köln. Das war ich auch einst, als ich nach der WM 1990 begann, mich auch für Vereinsfußball zu interessieren und feststellte, dass einige meiner Lieblingsspieler mit dem Domstadt-Club verbunden waren. Als ich erwachsen wurde, spielten andere Faktoren bei der Wahl des Lieblingsvereins eine Rolle – mit dem FC sympathisiere ich aber nach wie vor.

Im Jahre 2025 war dieser nach einem erneuten Ausrutscher, der ihn mal wieder eine Runde in Liga 2 drehen ließ, zurück ins Oberhaus aufgestiegen. Den Beginn der neuen Saison mit einem nun also wieder erstklassigen FC nahm ich zum Anlass, mir einmal Andracks Buch (nach einem über Wandern sein zweites) vorzuknöpfen, das 20 Jahre zuvor, nämlich 2005, im KiWi-Verlag erschienen war. Auch damals war der FC nach einer Zweitligasaison wieder aufgestiegen – und Andrack hatte versucht, bei so vielen Zweitligaspielen seines Teams wie möglich dabei zu sein, daheim wie auswärts. Eben davon handelt dieses von Tim Parks‘ „Eine Saison mit Verona“ inspirierte, rund 250-seitige Taschenbuch.

Über Andrack erfahren wir, dass seine Eltern ihn gar nicht zum FC, sondern zu Viktoria Köln mitgenommen hatten. Der 1. FC Köln hingegen war für ihn lange ein „Fernsehverein“ – wie für mich auch und noch immer. Mitte der 2000er war er zum „Fahrstuhlverein“ geworden, der zwischen den obersten beiden Ligen pendelte. Nun aber war Wolfgang Overath neuer Präsident und Europapokal-Huub-Stevens Trainer, womit man sich wesentlich besser als zuvor aufgestellt wähnte. Von Lukas „Poldi“ Podolski im Sturm ganz zu schweigen.

So weit zur Ausgangssituation. Andrack nimmt seine Leserschaft nun von Spiel zu Spiel mit, wobei jedes ein eigenes Kapitel bildet. Statt langweiliger Spielberichterstattung lässt er sich etwas einfallen, beschreibt beispielsweise sehr unterhaltsam das Spiel gegen Oberhausen als Drama in fünf Akten inklusive Diss gegen einen ehemaligen Kölner sowie Zeichnungen seiner Gesten. Er beschreibt das Drumherum, die Fahrten, fremde Stadien, den allgemeinen Zustand der Liga, die Entstehung neuer Fan-Gesänge, Begegnungen mit anderen (nicht nur) Fans, unternimmt historische Exkursionen, hat Anekdoten parat und ist zur Selbstironie fähig.

Einer meiner Favoriten: Der FC auswärts in Unter-fuckin‘-Haching an einem Montagabend (die Unsitte der Montagsspiele ist mittlerweile glücklicherweise passé). Gegen Auge nimmt er auf der Pressetribüne Platz und besucht auch die Jahreshauptversammlung. Das Kapitel zum Spiel gegen Eintracht Trier ist eine Ehrerbietung an seinen Vater. Zum Spiel in Duisburg kritisiert er die übertriebene Bullenpräsenz auf dem Weg zum Stadion. In der Winterpause zieht es ihn sogar zum Freundschafts- bzw. Testspiel gegen den FC Bayern. Und mitten in die Saison platzt der Skandal um den korrupten Schiedsrichter Robert Hoyzer.

Er gewährt Einblicke in Kölsche Karnevalsfangesäge, aber auch in die eine oder andere Terminschwierigkeit, die verhindert, dass er tatsächliche alle Spiele mitnehmen kann: Zum Spiel nach Dresden fliegt er zusammen mit der Mannschaft einen Tag vorher, wodurch er einige Interna erfährt, doch das Spiel wird witterungsbedingt abgesagt. Zum Nachholspiel an einem Mittwoch kann er nicht. Das nächste Spiel gegen Saarbrücken muss er sich krankheitsbedingt im TV ansehen, das Rückspiel gegen Oberhausen kann er wegen eines Auftritts mit Harald Schmidt nur im Videotext verfolgen und auch beim Rückspiel gegen ‘haching fehlt er aus dem gleichen Grund. Gegen Fürth sucht er ausnahmsweise seinen ehemaligen Stehplatz in der Südkurve wieder auf und berichtet von seinen Erfahrungen mit den Ultras. Und einmal geht er sogar wieder, wie früher als Kind, zu Viktoria, um sich vom FC zu erholen. Nach Aue fährt er einen Tag früher und gibt sich Landschaft und Kultur. Dort wird dann bereits am 31. Spieltag der Aufstieg perfekt gemacht, gegen Trier setzt es im Anschluss aber die erste Heimniederlage.

Wirklich kritische Worte zum DFB- und DFL-Fußballzirkus findet man nicht viele, zumindest erwähnt er aber auf Seite 207 den Quasi-Erwerb ganzer Vereine durch „absolutistische Vereinsherrscher“ wie Dietmar Hopp, dessen Hoffenheimer es zum damaligen Zeitpunkt bereits bis in die dritte Liga gebracht hatten. Dass ihm solche Modelle lieber sind als Werksvereine kann ich jedoch nicht unterschreiben und ist möglicherweise seiner Abneigung gegen Bayer Leverkusen geschuldet.

Jedes Spieltagskapitel schließt mit einer Übersicht über alle Ergebnisse und die jeweils aktuelle Tabelle, ein paar Schwarzweißfotos lockern den Text auf und im Anhang findet sich eine Übersicht über den Spielerkader der Saison 2004/05. Den Paraphrasierungskonjunktiv beherrscht Andrack leider nicht, ansonsten liest sich seine Schreibe aber angenehm und niedrigschwellig. Auch wer sich weder für den 1. FC Köln noch überhaupt für Fußball interessiert, findet hier aufschlussreiche Einblicke in die Psyche und Emotionen eines Fußballfans sowie in dessen Freizeitgestaltung mit ihren schönen und weniger schönen Seiten, wenngleich Andrack verglichen mit dem typischen Stehplatzkarteninhaber natürlich das eine oder andere Privileg genießt. Das Happy End für Andrack und den FC ist der beste Abschluss, den er sich für sein Buch hätte wünschen können.

20 Jahre später gelesen hat dieses Buch auch etwas Nostalgisches, allein schon wegen der anderen Mannschaften, die sich damals so in der zweiten Liga tummelten. Aber wo war eigentlich der FC St. Pauli? Tja…

Christian Ulmen – Für Uwe

Der umtriebige Medienschaffende Christian UImen versuchte sich mit „Für Uwe“ (wenn ich richtig informiert bin erstmals) auch als Belletristik-Autor. Im Mittelpunkt des rund 220-seiten starken, im Juli 2009 bei Rowohlt erschienenen Taschenbuchs steht Ulmens Kunstfigur Uwe Wöllner, ein zurückgebliebener Erwachsener, den er ursprünglich für die humoristische Reality-TV-Serie „Mein neuer Freund“ gespielt hatte und auch im Nachfolgeformat „ulmen.tv“ mit viel Inbrunst verkörperte. Das in 22 Kapitel plus Pro- und Epilog sowie ein Bonuskapitel und Danksagungen aufgeteilte Buch schreibt Ulmen aus Uwes Perspektive, schlüpft also einmal mehr in die Rolle.

Es handelt sich um eine Art verspätete Coming-of-age-Geschichte, denn nachdem Uwes Mutter infolge eines Unfalls unerwartet gestorben ist, zieht das „Muttersöhnchen“ 31-jährig aus dem Elternhaus in Hannover-Garbsen aus bzw. wird ausgezogen: Sein Vater möchte, dass Uwe endlich lernt, auf eigenen Beinen zu stehen, drängt ihn dazu, dessen kleine Eigentumswohnung in Berlin zu beziehen und besorgt ihm einen Job – Uwes ersten überhaupt – bei einem Bestatter.

Zu Beginn bringt Ulmen einige Zitate aus und Referenzen auf „Didi, der Doppelgänger“ unter, einem der Lieblingsfilme Uwes (sein Zweitlieblingsfilm ist „Ghostbusters“). Ulmen versucht, Sprache und Satzbau einfach zu halten, trotzdem wirkt vieles out of character. Das beginnt damit, dass Uwe niemals ein Buch schreiben würde und dass, wenn er es täte, er kein Wort wie Okularen für Augen verwenden würde und vermutlich auch keinen Genitiv. Damit es flüssig lesbar bleibt, hält sich Ulmen mit Uwes typischem Duktus zurück, beschränkt sich weitestgehend auf „goil“ und die charakteristischen „Herrn“- und „Herr“-Verwechslungen. Ein gutes Beispiel für die Vermischung von Uwe-Duktus und für Uwe arg unrealistische Schreibweise findet sich auf S. 54:

„Ich wollte Herr Weiß zu erkennen geben, dass ich von dem Antlitz der Hinterbliebenen genauso erschüttert war wie er. Und so grimassierte ich ihm meinen Ekel entgegen, als sich Herr Ringiers übelst unansehnliche Tochter umdrehte, um uns in Haus zu führen. Herrn Weiß blieb ungerührt.“

An diese Stil-Mixtur muss man sich gewöhnen, was jedoch recht schnell gelingt. Uwe bezieht seine soziale Intelligenz aus dem Privatfernsehen, u.a. Trash-Talkshows, und erwähnt interessanterweise wiederholt Collien Fernandes, mit der Ulmen kurz nach Veröffentlichung des Buchs zusammenkam. Wie mein Chef bringt Uwe Sprichwörter und Redewendungen durcheinander. Ganz beiläufig erhält man Kenntnis von diversen Fremdschammomenten, aber auch eigentlich sehr Traurigem aus Uwes bisherigem Leben.

„Den Heiratsdokumenten entnahm ich die genaue Anschrift meiner Frau.“

Als Leserin oder Leser begleitet man also einen 31-jährigen Zurückgebliebenen, der nicht weiß, dass er zurückgeblieben ist und sich selbst völlig normal findet, beim Erwachsenwerden, was für Uwe bedeutet: Er freundet sich in Berlin mit Pubertierenden aus prekären Lebensverhältnissen an und verliebt sich unsterblich in die rumänische Prostituierte Malina, die ihn in die zwischenmenschliche Sexualität einführt und irgendwann erkennt, dass sie ihn ausnutzen kann, was er jedoch nicht kapiert. Bei „ulmen.tv“ war Uwe ein geistig Behinderter, der zugleich ein empathieloser Arsch war, was Ulmen als Grundlage für so etwas wie Sozialexperimente nutzte. Dies steht hier nicht so sehr im Vordergrund, Uwes Besuch einer Prostituierten gegen Ende von „ulmen.tv“ dafür umso mehr. Denn im Finale des Buchs wird deutlich, was es für ihn bedeutete, als der, der er ist, überhaupt einmal Sex zu haben, womit ein gesellschaftliches Tabuthema angeschnitten wird, für das Ulmen aber auch keine Patentlösung präsentiert. Die Beschreibungen sind übrigens sehr explizit und würden als Film keine Jugendfreigabe erhalten. Die feine konservative Gesellschaft, der Uwes Vater angehört, bekommt ein paar Seitenhiebe zu spüren, ihre Bigotterie wird aber leider nur angerissen. Malina wiederum wird nicht als durchtrieben und böse charakterisiert, allein schon, weil sie es für Uwe nicht ist – und für Ulmen offenbar auch nicht.

Das Bonuskapitel wollte der Verlag (laut Uwe) angeblich nicht haben, konnte aber ins Buch geschmuggelt werden. Ein paar wenige kleine Rechtschreibfehler sind dem Korrektorat durchgerutscht und wenn mal ein Konjunktiv falsch ist, weiß man eben nicht so genau, ob das Uwe- oder Ulmen-Duktus ist. Ein sehr unterhaltsames, überraschend lesenswertes Buch, das in Hinblick auf seine behandelten Themen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken einlädt.

Fuchsi – Zorro: Der Rächer der Enträchteten

Der leider bereits im Jahre 2000 verstorbene Peter „Fuchsi“ Fuchs war zunächst Karikaturist und Comiczeichner, später Schriftsteller und Maler. Er arbeitete für die Tageszeitung „taz“ und debütierte mit seiner Figur Zorro, einer modernisierten Variante der klassischen Romanfigur, in Buchform 1982 in der Satirecomic-Zusammenstellung „Friede, Freude, Eierkuchen“, einer frühen Veröffentlichung des Semmel-Verlachs. 1983 folgte ebendort sein Solo-Einstand „Zorro – Der Rächer der Enträchteten“, ein Schwarzweiß-Band humorig-satirischer Funnys in typischer Semmel-Verlach-Größe, rund 150 Seiten stark.

Das (ohne Seitenzahlen leider nicht sonderlich sinnvolle) Inhaltsverzeichnis ist im Stil der Tagesübersicht einer Fernsehzeitung gefertigt und damit bereits zum Einstieg ein origineller Hingucker. Die Inhalte und Panels sind in ihren Größen dynamisch, folgen keinem starren Raster. Das Buch ist unterteilt in verschiedene Themenbereiche bzw. Sendungen, denn Zorro sitzt die ganze Zeit vor der Glotze und sieht sich selbst in den kurzen Gags und Geschichtchen (was etwas seltsam ist). Die Schöpfungsgeschichte, in deren Zuge auch Zorro geschaffen wird, mutet auch noch etwas eigenartig an und generell ist mancher Gag besonders in der Retrospektive ziemlich flach.

Aber längst nicht jeder! Richtig gut, weil voller Realismus und Zeitkolorit ist beispielsweise eine Geschichte, die Partei für Hausbesetzungen ergreift, in der viele Punks vorkommen und in der ein Prügelbulle umzudenken beginnt. „Wie werde ich ein kollektiv?“ ist eine ganz neue Version der Bremer Stadtmusikanten inklusive Finanzierungsberatung durch Dagobert Duck, böse schwarzhumorig hingegen „Der Recher der Schutzbedürftigen“, der mit der Angst vorm Dritten Weltkrieg spielt.

Etliche Gags sind indes lediglich eine Seite kurz. Für ein paar wenige, panelreichere Geschichten wirkt das Format hingegen fast zu klein. Bis auf die Titel hat das alles nichts mit Zorro, wie man ihn kennt, zu tun, was natürlich Teil des Spaßes ist. Ab und zu fehlt ein Satzzeichen oder ist ein Wort falschgeschrieben, was den noch nicht hundertprozentig professionellen Anfängen des Verlags geschuldet sein dürfte.

„Zorro“ ist ein typischer, grundsympathischer Anarcho-Comic der Semmel-Anfangsjahre, in dem, wenngleich das eine oder andere aus heutiger Sicht etwas naiv anmuten mag, noch immer viel Wahrheit steckt.

Wolfgang Sperzel – ABS

Der Hamburger Comiczeichner und Cartoonist Wolfgang Sperzel, der insbesondere mit seinem zweiten Album „Rast(h)aus“ seinem Hass auf Autos freien Lauf ließ, hatte gewissermaßen die Seiten gewechselt und im Jahre 1993 begonnen, wöchentlich Cartoons für die Zeitschrift „Auto-Bild“ zu zeichnen. Diese erschienen 1995 zu einem rund 60-seitigen Softcover-Album zusammengefasst im Achterbahn-Verlag. Es war der vorletzte Comicband Sperzels.

Hauptsächlich handelt es sich um ganzseitige, einpanelige Cartoons, manche erzählen auch in mehreren Panels kleine Geschichten. Länger als eine Seite ist aber nichts – Cartoons statt „richtiger“ Comicgeschichten eben. Diese sind mal farbig, mal grau, mal schwarzweiß, eigenartigerweise sind manche sogar lediglich als Bleistiftskizzen enthalten.

„Auto-Bild“ hin oder her – auch hier bekommen Autofahrer in Sperzels Funny-Stil humorvoll ihr Fett weg, jedoch nicht nur: Unwirtliche Situationen, in die sie gelangen oder gezwungen werden, sind die Kehrseite der Medaille, die Sperzel ebenso aufgreift. Er war also nicht unbedingt altersmilde, aber differenzierter und etwas verständnisvoller geworden. Am schönsten ist es aber nach wie vor, wenn er den deutschen Auto-Fetisch und daraus resultierende Absurditäten aufs Korn nimmt.

Captain Berlin Supersammelband #1

Der deutsche Superheld Captain Berlin wurde von Jörg Buttgereit erdacht, der in den Jahren 1982 und 1984 zwei Kurzfilme mit ihm drehte. Es folgten Hörspiele und ein Theaterstück, bis er 2013 seiner eigentlichen Bestimmung als Comicheld zugeführt wurde. Bis heute sind 17 „Captain Berlin“-Comichefte im Weissblech-Verlag erschienen. Die ersten vier wurden 2017 in diesem erweiterten, 132-seitigen Sammelband zusammengefasst, für den die Geschichten in die chronologische Reihenfolge gebracht wurden.

Auf ein Vorwort Buttgereits folgt eine Origin Story, in die der versuchte Tyrannenmord durch Stauffenberg eingearbeitet wurde. Hitler spricht in seinem Dialekt und teils in Frakturschrift, Hakenkreuze wurden abgeändert. Die zweite Geschichte knüpft unmittelbar an, mopst ihr Motiv aber aus „Frankenstein“ und enthält eine Anspielung auf den japanischen Science-Fiction-Film „U 2000 – Tauchfahrt des Schreckens“. Captain Berlin wird nach Hiroshima entführt und muss gegen mechanische Ninjas kämpfen. Durch den Abwurf der Atombombe erlangt der Captain neue Superkräfte, womit nicht nur der Zweite Weltkrieg endet, sondern auch der Origin-Zyklus. Großartiger Stoff! Schade nur, dass Hitler nicht mehr im Dialekt spracht.

Im weiteren Verlauf verschlägt es Captain Berlin in die geteilte deutsche Stadt des Jahres 1968 zu Zeiten der Studentenproteste. Ähnlich wie Superman hat er sich eine Geheimidentität als Journalist zugelegt. Er wird Zeuge eines Attentatsversuchs auf Rudi Dutschke durch einen Altnazi. Parallel gründet Aleister Crowley in einer ägyptischen Pyramide eine Sekte, die sich erst einmal einer Orgie hingibt. Crowley hat das Necronomicon gefunden und mit dessen Hilfe Unsterblichkeit erlangt. Doch Hitlers ehemalige Top-Wissenschaftlerin Ilse von Blitzen ist auch hinter dem Buch her, um den Führer, den sie einkonserviert hat, wieder zum Leben zu erwecken. Mag sein, dass ich leicht zu begeistern bin, aber das ist eine der geilsten Storys, die ich jemals gelesen habe – Top-Schund deluxe, der leider mit Verweis auf eine DVD endet.

„Captain Berlin und der unglaubliche Elefantenmensch“ spielt dann beinahe in der Gegenwart, nämlich im Jahre 2009. Gleich zu Beginn erschießt von Blitzen Michael Jackson. Aus der DNA des Elefantenmenschen und dem Serum, das Captain Berlin seine Kräfte verlieh, erschafft sie einen Superschurken, den sie auf Vernichtung des Captains programmiert hat. Auch diese Geschichte nimmt Bezug auf reale Geschehnisse, einmal sogar in Form eines Abdrucks eines originalen Zeitungsartikels. Es folgt ein Infospecial Buttgereits zum wahren Elefantenmenschen mit Fotos sowie Hintergründen zum Comic, womit auch der Bildungsauftrag erfüllt wäre. Eine Fukushimaploitation-Geschichte gerät zur Hommage an den Kaiju-Regisseur Fukuda und selbst zu einer Art Kaiju, für die auch Captain Berlin radioaktiv mutieren muss und der Ostberliner Leuchtturm eine nicht unentscheidende Rolle spielt. Auch Bezüge auf die vorausgegangenen Storys finden sich hier, gefolgt von etwas ganz anderem: einem Labyrinthspiel als Bonus wie in Kindermagazinen. Ein die Historie Captain Berlins abreißendes Special sowie eines zum Titelbild der Ausgabe #4 runden den Sammelband ab, der somit vielleicht auch dann eine schöne Ergänzung darstellt, wenn man die Originalhefte bereits besitzt.

Die Zeichnungen der Geschichten stammen von Rainer F. Engel, Fufu Frauenwahl, The Lep, Levin Kurio, Roman Turowski und Martin Trafford, wobei sich insbesondere Traffords Stil recht deutlich von dem der anderen unterscheidet. Die Texte schrieben Buttgereit, Kurio und Trafford. „Captain Berlin“ ist exzellente postmoderne, alte US-Superhelden-Comics persiflierende Comixploitation und im Prinzip ein riesiger Fanservice – es macht Laune, all die nerdigen Referenzen zu erkennen. Mögen zudem die Jüngeren hierüber auf den guten alten Schund gestoßen zu werden!

Marita und Peter Bursch, Kim Schmidt – Peter Burschs Gitarrencomic: Gib mal’n A

Ein Kuriosum meiner Comicsammlung: Peter Bursch, Musiker und mit seinen zahlreichen Lehrbüchern „Gitarrenlehrer der Nation“, veröffentlichte zusammen mit seiner Frau Marita und dem Zeichner Kim Schmidt im Jahre 1996 dieses rund 50-seitige, vollfarbige Softcover-Comicalbum im Kieler Achterbahn-Verlag.

Ein Mehrparteienaltbau dient hier als Mikrokosmos verschiedenster Bewohnerinnen und Bewohner, die sich mit Peter Burschs Musikschule konfrontiert sehen, die dort ebenfalls residiert und drei grundverschiedenen Schülerinnen und Schülern das Gitarrenspiel beizubringen versucht. Schmidt zeichnete karikierend im typischen Funny-Stil, der hier mit besonders viel Slapstick-Humor und vielen spaßigen zeichnerischen Details versehen wurde. Und so ganz nebenbei werden die wichtigsten Grundgriffe vermittelt, mit denen sich dann bereits „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (respektive VORKRIEGSJUGENDs „Die Bombe“) schrammeln lässt. Ein schönes, kurzweiliges Vergnügen.

Günter Ohnemus – Zähneputzen in Helsinki

Der gebürtige Passauer Günter Ohnemus ist Schriftsteller und Übersetzer englischer Literatur ins Deutsche. Im Jahre 1982 veröffentlichte er seine erste Prosa „Zähneputzen in Helsinki“ im MaroVerlag, von der mir ein Exemplar der dritte Auflage der Neuausgabe vorliegt. Frank Schäfer hatte irgendetwas darüber in „Rumba mit den Rumsäufern“ geschrieben, das mich dazu getrieben hatte, es auf meine Liste zu setzen (und schließlich auch mal zu lesen).

Ohnemus erzählt in diesem rund 180-seitigen Taschenbuch um die 35 kleine, meist nur wenige Seiten, manchmal gar nur wenige Zeilen umfassende (autobiographische?) Beobachtungen, Anekdoten und Geschichten (oder „Stories“, wie es der Verlag auf den Titel druckte), die scheinbar banal beginnen, aber im Stile einer Art nüchterner Melancholie häufig nachdenklich, traurig oder verstörend (z.B. bei der Beschreibung US-amerikanischer Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg) enden. Er schreibt über „(…) Leute, die nicht so ganz mit den Sachen zurechtkommen, die ihnen zugestoßen sind, und die nicht viel mehr miteinander verbindet, als daß sie eine Zeitlang in ihrem Leben nicht wissen, was sie jetzt noch sollen.“ (aus: Katerwohnung) Selten trifft aber auch nichts davon zu; jenes lässt ihn dann schon mal wie einen etwas wirren Sonderling erscheinen.

Ein ganzes Kapitel ist dem Kino seiner Kindheit gewidmet – dort war er verdammt oft. Zuweilen widerspricht er sich: Erst will er während des Todes seines Großvaters Tipp-Kick gespielt haben, dann im Kino gewesen sein – oder aber es geht um zwei verschiedene Großväter. Auch etwas schrägen, schwarzen Humor über die Absurdität des Lebens beherrscht Ohnemus. Aus den in diesem Rahmen ungewöhnlich langen, in etliche Kurzkapitel unterteilten Beschreibungen seines Großvaters erfährt man, dass er – Günter (respektive das literarische Ich) – seine Mutter extrem früh verloren hat. Familienerinnerungen nehmen generell einen großen Raum ein und manche Geschichte enthält eine Anspielung auf eine vorausgegangene. Die Kürze der Kapitel lädt ein, stets schnell noch das nächste und wiederum dessen nächstes zu lesen, und ehe man sich versieht, ist man von Ohnemus‘ Stil eingelullt – und das Buch auch schon durch. Gelangweilt habe ich mich demnach nicht, nur hin und wieder gewundert.

Das Korrektorat hat ein paar wenige Grammatikfehler übersehen (ein statt einen u.ä.), mehr zu mosern habe ich nicht.

Herbert Ewe – Hiddensee

Die deutsche Ostseeinsel Hiddensee war für mich schon lange ein kleiner Sehnsuchtsort. Da traf es sich gut, im Fundus meiner Großmutter auf dieses Buch zu stoßen, das ich auf meiner im Frühjahr endlich angetretenen Reise in den Hiddenseer Kurzurlaub zu lesen begann und gemütlich in der Pensionskoje liegend beendete – schräg gegenüber übrigens ein Buchhandel, der historische Hiddensee-Bücher führt und unter anderem eben dieses im Schaufenster ausliegen hatte.

Konkret geht es um dieses rund 220-seitige, mittelgroße gebundene Buch mit Schutzumschlag, das im Jahre 1983, noch zu DDR-Zeiten also, im Rostocker Verlag Hinstorff veröffentlicht wurde. Herbert Ewe schreibt einführend über Hiddensee in der Lyrik und bildenden Kunst, über Berühmtheiten, die dort verweilten, und reißt die frühe Geschichte und Geologie des Eilands inklusive Erosion und Sedimentation ab. Denn: „Hiddensee bietet ein besonders anschauliches Bild der Wirkungen des Meeres, so elementar und einfach, so vollständig übersehbar in Ursache und Wirkung und allen Einzelheiten wie an wenigen Stellen der Erde.“ – So laut Ewe der Geologe Otto Jaekel einst über Hiddensee.

Mangelnder Küstenschutz und diverse Naturkatastrophen haben der Insel zugesetzt, die dadurch zwischenzeitlich – im 19. Jahrhundert – gar in zwei Teile zerriss. In diesem Kontext übt Ewe viel Kritik an preußischer Bürokratie. Als man endlich den Sinn des Küstenschutzes erkannte und ihn praktizierte, kam es dennoch zu Sturmfluten und ähnlichen Naturgewalten, von Ewe belegt anhand zahlreicher Originalzitate. Seine Katastrophenberichterstattung reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein und endet versöhnlich mit aktuellen, verbesserten Küstenschutzmaßnahmen.

Es folgt ein Kapitel über die Naturschutzgebiete der Insel und die massive Aufforstung ab dem 19. Jahrhundert, Fauna und Flora werden detailliert beschrieben. Der starke Sympathien für Umwelt- und Naturschutz hegende Autor erlaubt sich einen Abstecher in die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte des Umweltschutzes. In diesem Zusammenhang kommt erstmals auch die DDR zur Sprache: „Bestrebungen um eine saubere Umwelt, wie wir sie uns auch auf Hiddensee wünschen, wurden und werden durch das 1970 von der Volkskammer der DDR verabschiedete Landeskulturgesetz wesentlich gefördert.“

Weitere Themengebiete sind Archäologie, Frühgeschichtliches, Wikinger und Dänen auf Hiddensee, frühe christliche Bauten wie Klöster und Kirchen, Tonabbau zwecks Keramikproduktion in Stralsund, Käufe und Verkäufe der ganzen Insel durch „hohe Herren“, endlich das Ende der Junkerzeit, Schulbauten, Leuchttürme etc. und schließlich die damals jüngsten Entwicklungen: LPG-Gründung und laut Autor massiver Aufbau und Fortschritt durch den Sozialismus. Bis hierhin war das Buch frei von jeglicher DDR-Propaganda. Und auch trotz Sozialismus-Loblied: Wer glaubt, es handle sich um ein auf sozialistisch-industrielle Verwertungslogik hin ausgerichtetes Buch, irrt, denn weiter davon entfernt könnte es kaum sein. Auf den nächsten Seiten widmet Ewe sich der Fährinsel und der Fährmannstätigkeit ebenso wie den Dörfern im Süden der Insel und beschreibt in diesem Zusammenhang noch einmal, was genau Leibeigenschaft in der Vergangenheit für die Menschen bedeutete. Dies führt ihn zur lange von Ausbeutung der Fischer bestimmten Fischereigeschichte Hiddensees, die er dem Genossenschaftsmodell der DDR gegenüberstellt.

Mit dem Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmet Ewe sich dem wohl prominentesten (Sommer-)Bewohner der Insel, der hier auch begraben liegt und dessen Haus zu einem Museum umgestaltet wurde. Weitere von Ewe aufgeführte Einrichtungen sind die Biologische Station der Universität Greifswald, die Vogelwarte etc. Erst nun, fast schon gegen Ende, geht Ewe auf den Tourismus ein. Zu DDR-Zeiten brachte der FDGB alle auf die Insel, Häuser und Siedlungen für VEBs wurden gebaut. Ewe ergänzt seine Ausführungen um einen kurzen historischen Abriss inklusive durchklingender Pro-FKK-Haltung und schließt mit den Worten Hauptmanns.

Das Buch enthält mehrere umfangreiche Schwarzweiß-Bildstrecken auf Glanzpapier, erinnert mit seinem Duktus alter Schule an ältere Fernsehdokus und vermutlich auch ältere Sachbücher, liest sich damit sympathisch-anheimelnd, betont durchs Heranziehen zahlreicher historischer Quellen aber auch seine Sachlichkeit und seinen Informationsgehalt.

Ein schönes Buch über ein schönes Fleckchen Erde.

Christian Blees – Der absolute HORROR: Die Geschichte der Gruselcomics in Deutschland

In der Edition-Alfons-Reihe „Texte zur graphischen Literatur“ erschien im Jahre 2024 dieses rund 240-seitige Taschenbuch des Comic-Experten Christian Blees, der Licht ins Dunkel deutscher Grusel- und Horror-Comicpublikationen zu bringen antritt – und damit auch als Ergänzung zu Alexander Brauns zwei Jahre zuvor erschienenen „Horror im Comic“-Kompendium verstanden werden kann, das sich dem internationalen Raum widmete (und ich noch nicht gelesen habe, daher keine weiteren Vergleiche). Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert, die von einem Vorwort sowie je einem Inhalts-, Literatur-, Stichwort- und Abbildungsverzeichnis flankiert werden.

Klar, die „Gespenster Geschichten“ aus dem Bastei-Verlag kennt jeder, aber was gab und gibt es sonst noch alles und womit fing’s eigentlich an? Blees steigt in sein Thema mit Vorläufern wie Leihbüchern und Verkaufsromanen ein, die allesamt noch erfolglos gewesen seien, mindestens einer sei gar direkt indiziert worden. Früheste deutsche Gruselcomics waren dann „Geisterschiff“-Adaptionen und einzelne Ausgaben der „Illustrierten Klassiker“. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre erschien eine erste kurzlebige, „Boris Karloff“ betitelte Heftreihe in US-Lizenz beim Bildschriftenverlag. Von den verspätet in den deutschen Kinos angekommenen Horrorfilmen der „Hammer Productions“ über erste Heft-, auch „Groschen“-Romane genannte Belletristik mit Gruselinhalten und Horror-Taschenbuchreihen bis zu ersten in den Geschichtenheften stattfindenden Horrorcomics, von einer ersten, ebenfalls kurzlebigen „Light-Horror“-Comicheftreihe über in Italien lizenzierten Erotikhorror für Erwachsene im Freibeuter-Verlag bis zu den ebendort erschienenen „Tomba“- und „Horror Comic“-Büchern, die jeweils von 1972 bis 1974 publiziert wurden, spannt Bees den Bogen bis zu jenem Zeitpunkt, als der Horrorcomic endlich in Deutschland Fuß zu fassen schien und mit dem bisher meine deutsche Horrorcomic-Zeitrechnung begonnen hatte: dem Erscheinen der schlicht „Horror“ betitelten Heftreihe bei BSV Williams.

Dort wurden von 1972 bis 1984 in 148 Heften Grusel- und Fantasycomics aus dem US-amerikanischen DC-Verlag veröffentlicht, die bereits unter Einfluss des US-Zensurcodes standen, aber auch Marvels Frankenstein- und Dracula-Reihe – jeweils angereichert mit Kurzgeschichten Marvels – und eine Art „Best of EC“ als Sonderband. Blees stellt die interessante These auf, dass die erfolgreichen Riesenmonster aus dem Kino auf den Zensurcode hin für die Comics adaptiert und abgewandelt, in den frühen 1960ern aufgrund sich wandelnden Leserinteresses aber durch Superheldencomics abgelöst worden seien. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber dies einmal zu analysieren wäre sicherlich interessant. Ab den 1980ern bekamen Horrorcomics starke Konkurrenz durch die Videofilmindustrie, hier belegt durch ein Zitat aus einem panischen „Spiegel“-Artikel.

Auf die bei Pabel erschienene „Vampirella“ geht Blees detailliert inklusive aller Zusammenhänge ein und zeichnet die Entstehung der US-Magazine „Creepy“ und „Eerie“ nach. Deutschland zensierte und verbot „Vampirella“ schließlich, aber Pabel kehrte kurzerhand ohne Vampirella mit der Heftreihe „Vampir-Comic“ zurück. Diese wurde 1975 bereits wieder eingestellt, weil Pabel generell keine Comics mehr verlegen, sondern sich auf seine Groschenromane konzentrieren wollte. 1981 erlebte „Vampirella“ eine Renaissance im seit jeher aufmüpfigen Volksverlag, Ende der 1990er einen Reboot bei Splitter und von 2000 bis 2004 eine Fortsetzung bei mg publishing.

Der Bastei-Verlag hingegen überflutete das Land ab 1973 mit einer Unmenge an Gruselgroschenromanen, und ein Jahr später folgten die legendären „Gespenster Geschichten“ und Konsorten. Zu letzteren gehörte „Axel F.“, eine anspruchsvollere, sich qualitativ absetzende Reihe, die aufgrund der Ignoranz des dafür zu alt gewordenen Herrn Lübbe persönlich ein trauriges Ende nahm.

Spannend auch die Gründung des Condor-Verlags, in dem 1981 neun Ausgaben des „Gänsehaut“- und von ‘81 bis ‘82 des „Grusel-Comics“-Hefts erschienen, die sich auch heute noch lohnen dürften, weil laut Blees viel älterer US-Stoff enthalten sei. Beide Heftreihen waren nur kurzlebig; im weiteren Verlauf der Dekade spielte Horror auch keine große Rolle mehr für Condor (zwei „Dracula & Co.“-Taschenbücher erschienen noch), bis man gegen Ende der ‘80er mit den großformatigen Heften „Horror“ und „Geisterhaus“ noch einmal angriff und auch ein paar wenige Taschenbücher dieser Titel veröffentlichte. Das verglichen mit der klassischen Comicheft-Größe übergroße Format lag damals im Trend, war von Condor aber bereits Anfang der ‘80er für „Grusel-Comics“ verwendet worden. Jedoch war auch „Horror“ und „Geisterhaus“ nur eine kurze Existenz vergönnt.

Darüber hinaus widmet sich Blees britischen Comics in Deutschland, beginnend mit dem Carlsen-Verlag und dem „Swamp Thing“, dessen Hintergründe ebenfalls genauestens aufgedröselt werden. In den 1980ern wehrte sich das „Swamp Thing“-Team erfolgreich gegen den Zensurcode – endlich! Ab Ende der 1990er mischte Carlsen mit einer Art TV-Comics, darunter „Buffy“, plötzlich auch auf dem Heftmarkt mit, woraufhin ein Abriss zur Geschichte der TV-Comics in den USA folgt. (Es geht in diesem Buch also mitnichten nur um Deutschland, der Titel ist tiefgestapelt.) Auf „Buffy“ folgte Anfang der 2000er-Jahre „Dylan Dog“ bei Carlsen, der dann bei Schwarzer Klecks fortgesetzt wurde und später bei Libellus farbige Neuauflagen erhielt. Auch hierzu führt Blees alles an, was man wissen muss. An Dylan Dog zeigt sich deutlich: Was im Ausland (hier: Italien) ein riesiger Erfolg ist, kann hierzulande auf Sparflamme köcheln oder gar floppen. Mir nicht bewusst gewesen ist es, dass sich mehrere Hefte umfassende Sammelbände erst in den 1980ern in den USA etablierten, in den ‘90ern daraufhin auch hier – und sich als regelrechte Verkaufsschlager entpuppten. Auf Seite 137 beschreibt Blees auch wissenswerte Veränderungen auf Verlags- und Rechteebene, die Zeichnerinnen und Zeichner nicht mehr als reine Angestellte an Verlage banden, die ihnen weitestgehend die Rechte an ihrer Kunst abknöpften. Zwei Seiten weiter erhält man sogar aufschlussreiche Einblicke in die Bezahlung.

Der 2001 gegründete Cross-Cult-Verlag übernahm „Hellboy“ und wurde ab 2006 mit „The Walking Dead“ noch erfolgreicher. Von hier aus unternimmt Blees einen Abstecher zum deutschen „Spawn“-Verleger Infinity. 2007 gründete sich Panini-Comics, wo unter anderem die „Marvel-Zombies“ erschienen. Es folgte die Gründung des neuen Splitter-Verlags mit diversen Hardcover-Horrorcomic-Ausgaben. „From Hell“ erschien bei Cross Cult, „Die Legende von Malemort“ bei Splitter, „Locke & Key“ bei Panini; mit „D“ und „American Vampire“ hielten Vampire bei Splitter und Panini Einzug und, und, und – Blees notiert genau, was bei den jeweiligen Verlagen so alles innerhalb des Genres erschien.

Kapitel 9 über Horror-Mangas beginnt mit einer Erläuterung der konzeptionellen Unterschiede zwischen Comic und Manga sowie der Geschichte der Mangas in Deutschland, der hierzulande mittlerweile erfolgreichsten Comicgattung. Im letzten Kapitel behandelt Blees das Revival der Comichefte sowie aktuelle Publikationen und ilovecomics-Nachdrucke. Um einmal zu veranschaulichen, wie Blees ins Detail geht: ilovecomics druckte 2019 und 2020 die einzigen beiden „Monster“-Hefte nach, die im Jahre 1953 in den USA erschienen waren. Bei dieser Information belässt Blees es nicht, sondern handelt die Geschichte des US-Verlags ab und zeichnet ausführlich die Lebensläufe der beteiligten Zeichner und Texter nach. So sehr er aber aufs Drumherum eingeht, so wenig erfahren wir über den Inhalt – ein kleiner Kritikpunkt. Blees schließt sein Buch mit sehr zuversichtlichen Worten, was den Horrorcomic in Deutschland betrifft.

Apropos Kritik: Der einzige mir aufgefallene Fehler ist ein Setzpatzer auf den Seiten 179 und 180. Dafür scheint mir das Literaturverzeichnis nicht ganz vollständig zu sein. Auf Seite 214 hätte ich gern etwas von Esteban Maroto gesehen, um den es dort geht, statt von Miguel Gómez Esteban – das ist etwas verwirrend. Grundsätzlich ist es aber sehr zu begrüßen, dass Blees mit vielen farbigen Bildern (Titel- und Comicseiten, Panels) arbeitet, sodass sein Buch weit von einer Bleiwüste entfernt ist. Zum Thema Zensur hätte ich mir ein separates Kapitel gewünscht, vielleicht gar inklusive Liste, und ein themenübergreifendes Interview mit einem Horrorcomic-Experten hätte ebenfalls einen Mehrwert darstellen können.

Andererseits ist Blees dieser Experte selbst. Er schuf ein Buch mit wissenschaftlicher Akkuratesse, das zahlreiche erschöpfende Hintergrundinformationen, ja, regelrechte Kurzporträts der Zeichner bietet, deren Originalzitate einflicht und mit Auszügen damaliger Kritiken arbeitet. Blees erwähnt auch gern, was zeitgenössisch jeweils parallel auf dem Horrorfilm- und Buchmarkt angesagt war, und liefert so Kontext und Zeitkolorit. Er sprach mit einigen Persönlichkeiten, unter anderem mit Condor-Gründer Biehler. Das ist hochinteressant und spannend, nicht zuletzt, weil man so nebenbei allgemein etwas über die Geschichte der Comics, nicht nur in Deutschland, erfährt. Blees‘ Querverweise, was wann wo in deutschen Veröffentlichungen publiziert wurde, ist ebenfalls bestes Comichistoriker- und Nerdfutter. „Der absolute HORROR: Die Geschichte der Gruselcomics in Deutschland“ liefert ein Geschichtsseminar der neunten Kunst, Hintergrundinformationen, belegte Zitate der Verantwortlichen und nicht zuletzt Kaufempfehlungen en masse. Ich habe mir einige Titel notiert und freue mich auf deren Lektüre.

Seltsam? Aber so steht es geschrieben …

Cinema-Sonderband Nr. 11: Erotik im Kino ’86

1983, 1984 und 1985 hieß es im Cinema-Verlag noch „Sex im Kino“, wobei 1985 erstmals der Hardcore-Bereich ausgespart worden war. Die nur noch 100-seitige Vorschau aufs Jahr 1986 im gewohnten Softcover, aber auf jetzt mattem Papier verspricht statt Sex nun Erotik im Kino, spart reine Pornos ebenfalls aus und geht ohne jedes Vorwort oder Editorial nach einem Inhaltsverzeichnis direkt zum ersten Film über. Bei den meisten Texten handelt es sich bis auf wenige Ausnahmen lediglich um Kurzvorstellungen, wobei gerne mal heftig gespoilert wird. Die Seiten werden aber ohnehin von den häufig großformatigen Filmfotos dominiert, die meist nackte Tatsachen zeigen und für viele den eigentlichen Kaufgrund dargestellt haben dürften – wenngleich sie mittlerweile in Teilen nur noch schwarzweiß abgedruckt wurden. Die meisten Filme müssen mit einer Seite auskommen; Michael Verhoevens „Killing Cars“ z.B. bekam hingegen gleich fünf Seiten spendiert, die vor allem das dänische Busenwunder Marina Larsen zeigen.

Der Vorschaucharakter wird vor allem dadurch deutlich, dass für viele Filme der deutsche Titel offenbar noch gar nicht feststand, weshalb sie unter ihren Originaltiteln enthalten sind: „Liebe und Gewalt“ mit Sophie Marceau, „Teufel im Leib“, „Der Käfig“, die französische Comicverfilmung „Entfesselte Lust“, „Beach Parties“ findet sich als „Where The Boys Are“. Der bereits 1983 veröffentlichte, jedoch erst 1987 in deutsche Kinos gekommene „Die Orgien der Cleopatra“ ist ebenso unter Originaltitel gelistet wie „Honeymoon“ (als „Lune de miel“). „Früchtchen mit Sahne“ aus dem Jahre 1977 ist wahrscheinlich der älteste der aufgeführten Filme, er findet sich unter dem Titel „Violette und François“.

Nie nach Deutschland geschafft haben es die dennoch im Buch enthaltenen französischen Comicverfilmungen „L’amour propre“ und „Gros dégueulasse“, das venezolanische Drama „La casa de agua“, der Film „La nuit porte jarretelles“ und der bereits 1982 erschienene „Plus beau que moi tu meurs“ (weshalb also überhaupt in diesem Buch aufgeführt?). Auch von „Salomé“ mit Tomas Milian ist mir kein deutscher Kino- oder Videostart bekannt.

Augenscheinlich hatte man damals Probleme, die 100 Seiten überhaupt vollzukriegen. Bereits unter den genannten Titeln befinden sich Filme, die nicht unbedingt explizit dem Erotikbereich zuzurechnen sind. Die damals noch junge „Meuterei auf der Bounty“-Verfilmung „Die Bounty“ ist wohl ausschließlich wegen ihrer Oben-ohne-Szenen enthalten, über Lina Wertmüllers „Camorra“ lässt sich ebenso streiten wie über „Der Panther“ mit Alain Delon. „Das Attentat“ ist als „Urgence“ drin und doch wohl nun auch kein Erotikfilm, ebenso wenig „Die Spur der Zeit“, der sich hier als „La trace“ findet. „Desiderio“ ist fälschlicherweise als „Desidero“ enthalten und kam nie nach Deutschland, scheint zudem auch nichts mit Erotik zu tun zu haben. Ähnliches dürfte für FSK-12-Filme wie beispielsweise die Komödie „Summer Rental“ gelten.

Überwiegend handelt es sich um europäische Filme, vor allem französische. Japan ist mit „Irezumi“ vertreten, Australien mit „Der Mann, der die Blumen liebte“, Jugoslawien mit „Papa ist auf Dienstreise“. Recht populäre Titel sind, neben bereits genannten, „9 ½ Wochen“, „Schuld daran ist Rio“, „Zeit der Wölfe“, „Lifeforce“ oder auch „Der Zwilling“ – und kaum einer von ihnen ist vorrangig dem Erotikbereich zuzuordnen.

Daraus lassen sich – bei aller Kritik an diesem Buch – damalige Trends ablesen, die im Prinzip aber für den Großteil der 1980er galten und kein spezielles Phänomen des Kinojahrs 1986 waren. Und nichtdestotrotz stößt man auf den einen oder anderen interessanten Film, der sich unabhängig von seinem etwaigen Erotikgehalt evtl. anzuschauen lohnt. So habe ich mir u.a. „Dance With a Stranger“ notiert.

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