Günnis Reviews

Kategorie: Tonträger (page 16 of 28)

DANGERBOY – S/T LP/CD

(www.ritchierecords.de) / (www.dangerboy.de)

Bei Ritchie Records traut man sich was und haut ein Album raus, das ich mal unter „special interest“ einordnen würde: DANGERBOY spielen einen eigenständigen Stilmix aus NDW/New Wave und Avantgarde-Sound, wie man ihn in den 80ern gerne mal vorgesetzt bekam. Reichlich Synthie-Einsatz, Samples, seltsame Texte, das volle Programm also. Die einen werden sich entnervt abwenden und „Neue deutscher Synthesizer, Alfred, dreh die Scheiße leiser!“ schreien, andere tanzen darauf den Mussolini oder wen auch immer. Gegebenenfalls antesten, mein Fall isses nicht. Das hat aber nichts zu sagen, gelle? Leider kann mich zur Verpackung nicht äußern, weil mir nur eine Vorab-CD im Pappschuber vorliegt. Elf Songs in 43 Minuten. Ohne Wertung. Günni

CIURMA SKINS – S/T CD

(www.ciurmaskins.altervista.org) / (www.coneheadrecords.de)

Von Sardinien (autonome Insel Italiens) stammt diese 2005 aus den Überresten der Band ANTIRUGGINE hervorgegangene Skinhead-Combo, die sich der Oi!-Mucke in italienischer Sprache verschrieben hat. Das kann sich echt hören lassen; gute, härtere Oi!-Scheibe mit kräftigem, bösem Gesang, reichlich Chören und netten Melodien. Die Texte sind nicht nur in Landessprache abgedruckt; ihnen wurden englische Übersetzungen zur Seite gestellt, denen ich Themen wie Medienkritik, Klassenbewusstsein, Selbstjustiz, Selbstbewusstsein, Szenespezifisches etc. entnehmen kann. In dieser Hinsicht nichts Überraschendes, aber auch keine schlimmen Aussetzer. Gutes Debüt! Aber irgendwie ist das Cover verdammt unscharf geworden!? Lasst da beim nächsten mal jemanden ran, der sich mit sowas auskennt. 😉 Schade, dass der Gig in Hamburg ausfiel. Zehn Songs in 30 Minuten, Anspieltipp: eigentlich alles. 2-. Günni

ANTIGEN – FLUCH DER VÄTER CD

(www.skulls-in-heaven.de) / (www.antigen-punkrock.de)

Weiblicher Gesang – deutsche Texte – Punkrock. Damit lässt sich die Göttinger Band, bestehend aus ehemaligen Mitgliedern der Bands KOLERIKA, LAUSITZ P.A.C.K. und ABNORM in aller Kürze beschreiben. Sängerin und Bassistin Steffi bringt ordentlich Power rüber, gefällt mir aber besser, wenn sie rotzig und schnell statt tief und langgezogen bzw. bemüht melodisch singt oder andere Stimmexperimente wagt. Sie ist sicherlich sehr talentiert, ich zumindest finde diesen Gesangsstil stellenweise aber etwas gewöhnungsbedürftig. Textlich gibt man sich sowohl sozial- und gesellschaftskritisch als auch persönlich und ist, was das lyrische Geschick betrifft, vielen aktuelles deutschsprachigen Punkbands weit voraus – nachzulesen im Booklet. Die musikalische Untermalung setzt mir aber zu wenig auf eingängige Melodien, die zur Stimme passen würden, und dümpelt so leider eher vor sich hin, als hängenzubleiben und wirklich Spaß zu machen – mit einer Ausnahme: Der Song „Weißer Mann“ ist ein absoluter Hit! Da stimmt alles! Ein gottverdammter Ohrwurm, wie er sein soll. Unterm Strich ist mir das aber etwas zu wenig, obwohl die Band vor Potential nur so strotzt. Paradox. 14 Songs in 41 Minuten. 4+. Günni

SCHLIMME BRÜDER – R.A.P. CD

(www.contra-net.com)

„R.A.P.“ steht in diesem Fall nicht etwa für aggro Sprechgesang, sondern meint „Rock Against Politics“ von ein paar Glatzen aus dem Torgauer „Brückenkopf“-Umfeld. Trotz des deutschen Bandnamens sind die Texte größtenteils in englischer Sprache gehalten und handeln von Blowjobs, Oi!-Musik, Skinhead-Attitüde und Selbstbewusstsein. Nichts Überraschendes oder Aufsehen Erregendes also, was hier klanglich eher zweckmäßig in mittlerem Tempo mit rauem Gesang aufgenommen wurde. Ziel war sicherlich auch einfach, eine bodenständige Skinhead-Oi!-Scheibe zu produzieren, die sich an den üblichen klassischen Vorbildern orientiert. Die Singalongs gehen eigentlich ganz gut ins Ohr, Songs wie „Oi! Music“ oder das deutschsprachige „Konzi“ sind mir aber einfach zu stumpf. Insgesamt ist mir das alles etwas zu dünn – inhaltlich wie musikalisch. Für ein Demo wär’s in Ordnung gegangen, den Longplayer empfinde ich als verfrüht. Ein paar der Texte sind im Booklet abgedruckt. Elf Songs inkl. 4-SKINS-Cover („Chaos“) in 28 Minuten. 4. Günni

ODERFLUT – FREI & LAUT CD

(www.contra-net.com) / (www.elb-power-records.com)

Bei diesem Bandnamen muss man natürlich aus Frankfurt/Oder kommen – „die Jungs von der Oder sind wieder hier“. Und was die Westpolen hier fabrizieren, spült sich ziemlich lecker ins Ohr. Flotter, gut geölter Oi!-Punk mit rauem, frechem, aber nicht angestrengt-aufgesetzt klingendem Gesang, der mehr als nur eine Tonlage drauf hat, in deutscher Sprache. 100% pogotauglich, nach vorne… erinnert vom Sound manchmal an etwas an die alten BRASSKNUCKLES-Geschichten. Ab und zu kommen Offbeats zum Einsatz, was die Scheibe angenehm auflockert. Ok, textlich wird überwiegend die Partyfraktion bedient, „Saufen macht Spaß“, „Partys, Frauen, Saufen“ etc… übrigens unter Verwendung typischer Ossi-Slang-Ausdrücke wie „knüppelhart“ und „fett“ für besoffen. 😉 Ist im Zusammenhang mit der Mucke aber nicht so übel, wie es sich zunächst anhört. Und dass die Band auch anders kann, beweisen Songs wie „Menschen deiner Stadt“ (mein Hit des Albums) oder „Walhalla“ (da kommen keine Nazis hin – ODERFLUT erklären uns, warum). Für zukünftige Alben würde ich mir mehr solcher Songs wünschen. Fazit: Musikalisch gut, textlich ausbaufähig. Schade, dass es kein richtiges Booklet gibt; so fanden auch nicht alle Texte Platz zum Abdruck. 14 Songs inkl. COCK-SPARRER-Cover („Runnin’ Riot“) in 40 Minuten. 3. Günni

AGENT KRÜGER – DER FUCHS IST AUS DEM BAU CD

(www.contra-net.com) / (www.agentkrüger.de)

Noch mehr Ostpunk, diesmal aus „Leipsch“ – und was für welcher! Mitreißender Punkrock, abwechslungs- und temporeich, geht direkt ins Bein, und über allem liegt Lode Krügers genialer wütender, leicht psychopathischer Brüllgesang! Unpeinliche, selbstironische deutsche Texte, aber auch runtergerotzte ebenso simple wie effektive Reime wie in „Gegen den Strom“, die an alte Helden wie SCHLEIMKEIM erinnern bis hin zu abgedrehtem Stoff wie „Satan“ – jeder einzelne Song zündet und macht Spaß. So muss das. Schade nur, dass nach zehn Songs in 25 Minuten schon wieder alles vorbei ist. Einige der Krügers hatten/haben übrigens schon in so Bands wie L’ATTENTAT, DER SCHWARZE KANAL oder ESKALATION ihre Finger im Spiel, wissen also, wie der Hase läuft – besonders, wenn der Fuchs aus dem Bau ist. CD mit Bonus-Live-Video. Glatte 2. Günni

DIVISION FICHTENGEBIRGE – PUNKROCKELITE / HIGH SOCIETY – SPLIT-CD

(www.contra-net.com) / (www.myspace.com/highsociety44)

Beide Bands dieser Split-Scheibe stammen aus Ostdeutschland, wobei der “DIVISION FICHTENGEBIRGE”-Part schon mal in kleiner Auflage auf Vinyl veröffentlicht wurde. Die DIVISION versorgt uns mit rudimentärem Punkrock mit sarkastischen, zynischen Texten in deutscher Sprache, immer irgendwo zwischen erfrischend anders und grenzwertig bis krank. Kommt immer dann besonders gut, wenn der Sänger einem völlig überdreht seine Klumpen hinrotzt und mich dabei z.B. an SEKRETSTAU erinnert. Auszüge gefällig? „Die dritte Welt, sie kann mich mal, ich hasse S.I.K. und DRITTE WAHL“, „Die verschissenen grünen Menschenfreunde, die Sozis mit ihrer Heuchlermeute, das ganze Pack ist kotzbeschissen, diese Friedenspisser, die alles besser wissen“, „Jeder Erste ist hier die Nachahmung des Zweiten, und im Fernsehen heulen Wölfe, die die Hammelherde leiten. Erschlag den Typ von nebenan, keiner wird ihn vermissen, er ist nur ’ne Kopie und die ist beschissen“ und zu guter Letzt aus dem Hundehasser-Song „Sex zwischen Mülltonnen“: „Denn Glasscherben und auch Reißzwecken kann man in Wurstscheiben verstecken. Im Park verstreut, welch große List – es klappt auch gut mit Rattengift“. Insgesamt neun Songs lang tobt sich die selbsternannte „Contergan-Elite“ ohne Rücksicht auf Verluste aus. Ich mit meinem Grottenhumor find’s lustig, andere werden sicherlich pikiert aufschreien.
Die HIGH SOCIETY; die mit lediglich fünf Songs vertreten ist, kann mit ihrem lahmen COTZRAIZ-Rip-Off da nicht gegen anstinken. „Stolz und frei“, „Punks & Skins“, die zu ihrem Land stehen gegen links und rechts, „Oi! Oi! Oi!“ etc… gääähn. Das kommt viel zu gewollt rüber, hat man alles schon viel besser gehört und langweilt mich eigentlich nur noch. Egal, ob man nun jemanden damit provozieren will oder das alles wortwörtlich ernst meint – mir geht’s am Arsch vorbei.
Das Booklet birgt fast alle Texte in sich, die Aufmachung geht klar. 14 Songs in 33 Minuten. Die Gewinner sind für mich die DIVISION FICHTENGEBIRGE, vergeb’ ich mal ’ne 3. Musikalisch ist da nämlich noch Steigerungspotential. Die HIGH SOCIETY muss sich mit ’ner 4- begnügen, denn das ist mir – trotz der ironischen Ansätze und der klaren Absage an braunes Pack im Song „Hitlers Erben“ – einfach zu wenig. Günni

POLICE SHIT – GEGEN EUCH AUS PRINZIP CD

(www.contra-net.com) / (www.elb-power-records.com)

Oh mein Gott, neues von POLICE SHIT… das bedeutet Uffta-Oi!-Punk der groben Gangart mit derbem Grölgesang aus dem Osten der Republik. In den vor Klischees nur so triefenden Texten beweisen die Jungs in stellenweise holperigen Reimen ihr eher simples Weltbild, bei dem sich fast alles um ihr Selbstverständnis als Oi!-Punks dreht – also gegen Nazis, Kommunisten, Hippies (alles gleich im ersten Song!), „verlauste Zecken“ und natürlich die Gesellschaft. Lyrisch ist das so was von abgedroschen bis einfach nur schlecht (beispielsweise der Anti-Veganer Song – und das sag’ ich als Fleischfresser), ich kann’s echt nicht mehr hören. Mit etwas Geschick kann man so was auch halbwegs geistreich, mit ’nem gewissen Witz oder sonst wie ansprechend verpacken, POLICE SHIT können dies leider nicht. Stattdessen geht’s weiter mit ’nem folgerichtig „Oi! II“ betitelten Song, „ein Oi! auf uns, die Faust für euch“, bla bla bla… Wie kann man sich nur so sehr selbst beschränken und in seinen eigenen Klischees fest- und verfahren?! So sehr vieles davon im Prinzip auch stimmen mag, so wenig besteht Anlass, das ständig auf diese Weise wiederzukäuen. Abgemischt wurde das Ganze sehr basslastig, einige Songs kommen sehr schleppend daher, andere verfügen über paar Knüppelparts. Der eine Gitarrist schrubbt sich einen ab, während sich der andere um ein paar Melodien bemüht, die die Songs eingängig und verdaulich machen sollen, was mal mehr, mal weniger gelingt. Letztendlich retten aber auch Klavierintros und ein Song wie „Polizist“, der tatsächlich mal ansatzweise über so was wie Witz und Einfallsreichtum verfügt, die Platte nicht mehr aus dem deutschen Klischee-Oi!-Sumpf. Die Texte kann man im reichlich bebilderten Booklet nachlesen, elf Songs in 41 Minuten. 4-. Günni

VERLORENE JUNGS – …FÜR EIN STÜCK LEBEN CD

(www.sunnybastards.de) / (www.verlorenejungs.de)

Ein neues VERLORENE-JUNGS-Album ist immer etwas Besonderes. Daher habe ich beschlossen, die Veröffentlichung des sechsten Longplayers der Band aus dem Ruhrpott durch dieses Special zu würdigen.

Seit Erscheinen des ersten Albums „Einer von uns“ im Jahre 1997 hat sich die Band stetig weiterentwickelt. War „Einer von uns“ noch ein klassisches Oi!-Album mit starkem Skinhead-Bezug, verließ man mehr und mehr den eng gesteckten Oi!-Rahmen, sowohl in musikalischer als auch in textlicher Hinsicht, was sich vor allem in zunehmend persönlichen, nachdenklichen Texten äußerte und sich schließlich in der Verstärkung durch den zweiten Gitarristen „Schwefel“ manifestierte, der ab dem vierten Album „Ungeliebt“ aus dem Jahr 2003 die Band in eine neue musikalische Richtung hin zu mehr Experimentierfreudigkeit steuerte und neue Einflüsse einbrachte. Diese „natürliche“, also nicht fremdgesteuerte oder aus kommerziellen Gründen heraus entstandene Weiterentwicklung zu beobachten, hat mir immer großen Spaß gemacht, ebenso die Reaktionen auf selbige. Während sich einige Oi!-Punk-Puristen von der Band abwandten, mussten andere eingestehen, positiv überrascht worden zu sein und festgefahrene Denkstrukturen überdenken – sofern sie dazu fähig waren. Natürlich gab und gibt es immer selbsternannte Szenepäpste, die lieber tot umfallen würden, als zuzugeben, sich geirrt oder dazugelernt zu haben – aber ganz ohne wär’s ja auch irgendwie langweilig, oder? So erspielte man sich im Laufe der Zeit ein breiter gefächertes Publikum als zu Anfangstagen und entwuchs der „Oi!-Punk“-Schublade nach und nach, ohne seine Markenzeichen abzulegen: Authentizität, lyrisches Geschick, kompromisslose Texte, Pathos und Peters markanter Gesang.

Ich verfolge die Veröffentlichungen der VERLORENEN JUNGS bereits seit der ersten Platte und hatte nie das Gefühl, dass die Band sich oder ihre Ideale verraten hätte, faule Kompromisse eingegangen wäre oder sich von ihrem Publikum entfernt hätte – ganz im Gegenteil. Die aus dem Leben gegriffenen Texte von Sänger Peter wirken noch genauso ehrlich und authentisch wie auf dem ersten Album, die Entwicklung verlief glaubwürdig und nachvollziehbar. Die Position, die die VERLORENEN JUNGS heute in der deutschen Underground-Musikszene einnehmen, haben sie sich hart erkämpft und erarbeitet, ohne sich jemals untreu geworden zu sein. Darüber legt auch das neue Album „…für ein Stück Leben“ Zeugnis ab, das ich nachstehend Song für Song sezieren werde. Hierbei ließ ich meine eigenen Interpretationen der Songs einfließen, die natürlich keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben:

(ICH WEISS NICH’) WOHIN
Das Album wird eröffnet mit einem nachdenklichen Song über die verzweifelte Suche nach einer besseren Welt, die es nicht zu geben scheint und stellt quasi den Ausgangspunkt für alle weiteren Songs dar, die von persönlichen Erfahrungen im Hier und Jetzt und die entsprechenden Reaktionen auf sie handeln. Peters Gesang wirkt wütend und verletzlich, fast, aber eben nur fast resignierend; Metaphoriken wie „eine handvoll Menschenrechte hängen wie gebrochene Flügel“ unterstreichen die getragene Stimmung. Die musikalische Umsetzung erfolgt durch eine clean gespielte Gitarre in den Strophen, die passend zum Aufschrei im Refrain verzerrt wird. Sehr guter Opener.

AUSEINANDERGELEBT
Zweiminütiger, wütender Kracher über eine sich in einer Sackgasse befindende Beziehung, der so auch gut zu den ersten beiden Songs auf der Split mit SOKO DURST („Schluss und aus“ und „Das letzte Mal“) gepasst hätte. Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat und sich emotional verschließt („…und die scheiß Arroganz nur vermeintlich überlegen“), wartet man nur noch darauf, dass einer von beiden die Notbremse zieht und einen Schlussstrich zieht. Rockige Riffs unterstreichen den fatalistischen Charakter. Großartiger, desillusionierender Song.

DIE LIEBE DEINER KINDER
Zynisch-fiese Abrechnung mit Leuten, die bei aller vermeintlicher Überlegenheit vergessen, dass sie so unangreifbar letztlich doch nicht sind – z.B. dann nicht, wenn was sie am meisten lieben sich mehr zum Kontrahenten hingezogen fühlt. Zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich eben nur schwer kontrollieren. „Kann schon sein, es klingt für dich dreckig und gemein“ – ebenso wie dieser Song.

OHNE MICH
Einer meiner Favoriten dieses Albums. Ein Song über die Zwänge dieses Lebens, dieses Systems, das einen zu vereinnahmen und zu einem Teil seiner Selbst zu machen versucht. Genial gelöst ist der stattfindende Dialog zwischen der großartigen Bridge, in der Peters Stimme verzerrt auf ihn einredet, bis er im Refrain die einzig richtige Antwort gibt: „Ohne mich!“ Im ersten Teil des Songs wurden bei mir Erinnerungen an den einen oder anderen gesellschaftskritischen ONKELZ-Song wach, im zweiten Teil an textliche fitte deutsche Punkbands. Musikalisch wie gesanglich hervorragend umgesetzt.

FREUNDSCHAFT IST
Wunderschöne Hymne an die Freundschaft. Sentimentale Strophen und ein Refrain, der zum Mitsingen aus voller Kehle einlädt.

UNZERSTÖRBAR
Es gibt Phasen im Leben, in denen man trotz aller Rückschläge und negativer Erfahrungen nicht unterzukriegen ist, stattdessen sogar seine Kraft und Energie aus ihnen zieht. Hat man einen Partner gefunden, dem es ähnlich geht, gibt das dem Selbstbewusstsein einen zusätzlichen Kick und die Kraft des Einzelnen wird um ein vielfaches potenziert. Straighte Punkrocknummer.

GEH LOS
Durch die Texte der VERLORENEN JUNGS zieht sich ein gewisser Fatalismus, ein Aufruf zu konsequentem Handeln, zum Hören auf seine Zweifel anstelle von völliger Selbstaufgabe und emotionaler Abhängigkeit, gerade im Zwischenmenschlichen Bereich. „Nimm die Beine in die Hand, lauf so schnell du kannst“, wenn es abermals heißt „er hat noch eine Chance verdient“ oder „sie denkt darüber nach, sie ist noch nicht soweit“. Dieser Song schlägt dir die rosarote Brille von der Nase.

KINDERAUGEN
Premiere! Dieses ist einer der Songs, der für am meisten Aufmerksamkeit bei den Hörern sorgen und verdammt polarisieren dürfte. Musikalisch sphärisch, mit poppigem Drumbeat und – jetzt kommt’s – klarem Gesang! Peter verzichtet hier erstmals komplett auf den Dreck in seiner Stimme und versucht, „richtig“ zu singen! Das gab’s noch nie und ist – zugegeben – gewöhnungsbedürftig. Und erst der Text: Übers Vaterglück. Einfach nur sentimental und schön, ohne Wut, Verzweiflung oder gar Zynismus. Und am Ende singt Schwefels Tochter sogar noch den Refrain. Haha, das dürfte für Manche schockierender sein als der schlimmste Punkrock-Text. Ich wusste zunächst nicht, was ich davon halten sollte, aber nach zwei, drei mal Hören übermannte mich der Charme dieses Songs einfach. Dazu beigetragen dürften vor allem der tolle Hintergrundgesang und die gelungene musikalische Umsetzung irgendwo zwischen TIGER-ARMY-Schnulze und emotionaler Indie-Ballade haben.

ICH GLAUBTE DIR
Wer in seinem Leben mal die Erfahrung machen musste, wie hässlich ein einst als so schön empfundener Mensch plötzlich wirken kann, wenn er das ihm entgegengebrachte Vertrauen missbraucht und auf deiner Seele herumgetrappelt hat, weiß, wie oberflächlich und bedeutungslos äußere Schönheit sein kann. „Ich hab’ dein wahres Ich gesehen – Jetzt bist du hässlich, wenn du lachst, hässlich, wenn du weinst ….“ Musikalisch und textlich erste Sahne – und als Sahnehäubchen griff man auf Zitat-Samples aus dem „Ungeliebt“-Album zurück.

MANCHMAL IN DER NACHT
Für dieses Stück hat Peter erneut, wie seinerzeit bei „Dein schwerster Gegner“, die Knastthematik aufgegriffen. Auch hier wieder eine clean gespielte Gitarre unter einer feinen, ergreifenden Melodie, die sehr gut die unendliche Sehnsucht nach Freiheit musikalisch untermalt. Klasse Song mit einem Wermutstropfen: Der Hintergrundgesang beim Refrain ist leider zu leise.

NICHTS VON ALLEDEM
Mein zweiter absoluter Favorit dieses Albums. Ein Song über späte Rache, lässig-abgeklärt mit sentimentalem Unterton auf einer stampfenden Melodie vorgetragen. Höhepunkt des Songs sind der Chor und der Bläsereinsatz nach dem letzten Refrain. Für mich eine Art geheimer Hit.

SO VIEL MEHR
Nicht bei jeder Trennung hat man sich so sehr „AUSEINANDERGELEBT“, dass man sich nichts mehr zu sagen hätte. Manchmal hat man noch unendlich viel auf dem Herzen, findet aber keine passende Situation oder schlicht nicht den Mut, es auszusprechen. Langsamer, gefühlvoller, ruhiger Song ohne verzerrte Gitarre oder dergleichen. Die zweite wirklich große Überraschung dieses Albums. Allerdings scheint dort nicht Peter zu singen…? Gelungen!

00:52
Kurz, pogotauglich, auf den Punkt gebracht: Kontrastprogramm zum vorherigen Song. Vier Zeilen Text reichen manchmal einfach, dann wird’s eben nonverbal. „Wenn du’s brauchst“… Auf jeden Fall brauche ich diesen Song auf diesem Album.

SCHEMA F
Es muss doch auch einen Song geben, der mir überhaupt nicht gefällt, oder? Richtig, hier ist er. Leider hat man sich anscheinend nicht dazu durchringen können, das Album mit einem der beiden vorigen Songs abzuschließen, die meines Erachtens beide bestens dazu geeignet gewesen wären. Stattdessen übertreibt man’s mit der Experimentierfreude und kreiert einen textlich zwar gewohnt guten, ansonsten aber schwer nervenden monotonen Song im NDW-Stil mit Elektronikeinflüssen. Passt weder zur Band noch aufs Album und wirkt im Gegensatz zu den anderen für VJ bisher untypischen Songs tatsächlich fehl am Platz.

AN MEINEN GRAB (Bonus-Track)
Nur auf der limitierten Edition der CD befindet sich dieser OHL-Coversong. Wusste gar nicht, dass OHL mal so gute, traurige Songs geschrieben haben. Dieser Song ist wie geschaffen für eine Veredelung durch die VERLORENEN JUNGS – Groß!

Ich muss zugeben, dass ich nach dem ersten Hören des neuen VERLORENE-JUNGS-Werks skeptisch war. Das liegt daran, dass die Band mit der Erwartungshaltung der Hörer bricht, statt Altbekanntes, vermeintlich Bewährtes wiederzukäuen und sich selbst zu kopieren. Dieses Album gewinnt mit mehrmaligem Hören an Größe, es wächst nach und nach zu einem wirklich verdammt guten und ausgereiften Werk heran, das sich in den Gehörgängen, im Hirn und im Herzen festsetzt und seinen Platz dort bis an die Zähne mit tollen, emotionalen Texten und abwechslungsreicher Musik bewaffnet verteidigt. Dieses Album wird mit Sicherheit alte Fans verprellen, aber dafür auch jede Menge neue dazugewinnen.

Zur Aufmachung der CD: Es gibt zwei verschiedene Versionen. Beiden gemeinsam ist das liebevoll gestaltete, stilistisch ansprechende Booklet mit vielen Fotos, allen Texten und Wendecover. Die auf 1000 Exemplare limitierte Edition hat neben dem OHL-Bonussong und einem witzigen „Making Of“-Video einen VJ-Metall-Pin im durchsichtigen Tray und als absoluten Knaller einem „Lentikularcover“. Das sind diese Bilder, die, je nachdem, in welchem Winkel man sie hält, etwas anderes darstellen. Man kennt so was häufiger (allerdings nicht als Plattencover) mit zwei Bildern, in diesem Fall liegen aber gleich VIER Bilder übereinander – meines Wissens noch nie dagewesen!

Fazit. Hochinteressantes und –qualitatives Album mit viel Liebe zum Detail, das seinen vollen Glanz erst nach mehrmaligem Hören entfaltet.

Die für Crazy United obligatorische Note:
2
Günni

HEITER BIS WOLKIG / DIE ROTEN RATTEN – AUFERSTANDEN AUS RUINEN / NICHTSALSROCKEN CD

(www.weserlabel.de) / (heiterbiswolkig.com) / (roteratten.de)

Genauso wenig, wie man sich hier auf einen Bandnamen oder auf einen Albumtitel einigen konnte, erschließt sich mir der Sinn bzw. Witz des Ganzen. HbW waren zwar schon immer etwas durchwachsen… aber wenn ich da an alte „Terroristen“-Zeiten oder an geniale Songs wie „Killer-Clowns“ denke, erfüllt es mich doch mit Wehmut, diese Scheibe rezensieren zu müssen. Die ist nämlich absolut unlustig, flach und belanglos. Der Biss ist weg und musste austauschbaren, albernen Phrasen weichen. Ein paar alte Songs nahm man neu auf und ich frage mich, was es soll, eine Hymne wie die „Ballade von den Seeräubern“ (BRECHT) so kraftlos vorzutragen und zu verhunzen. Gecovert werden JOINT VENTURE mit „Holland“, womit man natürlich auf der sicheren Seite ist. Damit kann man nun glücklicherweise nicht viel falsch machen. Vielleicht hätte man sich bei Widmann & Co. mehr Inspiration holen sollen, was das Schreiben witziger bis sarkastischer Texte betrifft. So geht mir die Scheibe ziemlich am Arsch vorbei. Booklet kommt mit einigen Texten. 22 Songs in 67 Minuten, davon einige aber doppelt in verschiedenen Aufnahmen. 5. Günni

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