Günnis Reviews

Datum: 18. April 2008

CALAMITIEZ – URBAN LEGENDS CD

(www.crazyloverecords.de) (www.myspace.com/calamitiez)

Die CALAMITIEZ kommen aus Spanien, spielen flotten, punkigen Psychobilly mit englischen Texten, sehen aus wie aus der Addams Family und haben gerade ihr zweites Album veröffentlicht, das mir nun vorliegt und meinen Gehörgängen schmeichelt. Das Album macht genauso viel Spaß, wie es das Comic-Cover suggeriert und läuft mir gut rein. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass zwei der vier Bandmitglieder weiblichen Geschlechts sind. Der Gesangs verbleibt allerdings bei Sänger David, der weder röchelt á la DAG noch wie ein Elvis-Imitator klingt und seine Sache ganz gut macht – ebenso wie der Rest der Band, die auch höheres Tempo gehen kann, ohne breiig zu klingen oder in Geschrammel zu verfallen. Textlich fährt man natürlich passend zum Outfit die Horrorschiene, wie im Booklet nachzulesen ist, das zusätzlich mit Fotos und vier „urbanen Legenden“ zum Nachlesen aufwartet. Ein Stück wurde übrigens in Landessprache eingesungen und der RAMONES’sche „Pet Semetary“ musste mal wieder für eine Coverversion herhalten. Ob die Produktion ganz bewusst eher Lo-fi gehalten wurde, weiß ich nicht, wirkt sich jedenfalls nicht störend auf mein Hörvergnügen aus. Solide Punkabilly-Platte zwar ohne Überraschungen oder Aha-Effekt, die aber einfach Spaß macht. 13 Songs in 46 Minuten, Anspieltipp: Eigentlich alles. 2-. Günni

ATTACK OF THE MAD AXEMAN – GRIND THE ENIMAL LP/CD

(www.flowerviolene.de) / (www.attackofthemadaxeman.de.vu)

Nachdem der von Michael Schenker, böser Bruder des mittlerweile softrockenden Skorpionen Rudolf Sch., im gleichnamigen Song besungene Mad Axeman den Wald zerstört hatte, taten sich ein Eichhörnchen, eine Schnecke, eine Biene und eine Schildkröte (bzw. Männer verkleidet als selbige) zusammen, um per heftigstem Grindcore auf die Probleme der Fauna aufmerksam zu machen und Grenzen zwischen den verschiedenen Tier- und Menschenrassen einzureißen, unabhängig der Anzahl ihrer Beine. Klingt nach totaler Freakshow? Ist es auch. Vier Kerle in selbstgenähten Tierkostümen blasen zur Zerstörung unserer Gehörgänge und grunzen und prügeln sich durch Songs wie „Herrchen gesucht“, „Elefantophobia („Der Elefant im Prozellanladen, Horrorvision für Spießer und die Bosse da oben“) und „The Philosophy of Rüdiger Nehberg“; teils englisch, teils deutsch, aber das hört man eh nicht raus (kann man aber nachlesen). Das Bandkonzept wird bis ins Detail beibehalten und manifestiert sich nicht zuletzt in Grüßen an Künstler wie ALVIN AND THE CHIPMONKS, die DÖDELHAIE und die KASTELRUTER SPATZEN, während CARNIVORE, MAD BUTCHER, PIG DESTROYER etc. ein herzliches „Fuck you“ abbekommen. Witzig, detailverliebt und extrem. Wenn du auf Grindcore kannst und ein Herz für Tiere hast, greif zu – was auch immer du sein magst… 18 Songs in ebenso wenig Minuten. Ohne Wertung. Günni

I WALK THE LINE – BLACK WAVE RISING LP/CD

(www.rookierecords.de) / (www.iwalktheline.org)

Englischsprachigen Punkrock mit synthesizerbedingt teils überdeutlichen New-/Dark-Wave-Einflüssen aus Helsinki, Finnland kredenzen uns hier die Kölner von Rookie Records. Der Bastard kann durchaus als gelungen bezeichnet werden: Der klare Gesang kommt kräftig, die Melodien können reichlich Wiedererkennungswert aufweisen und die Mucke tritt trotz Gruftie-Kante ordentlich Arsch. Klingt für mich nach ’ner Mischung aus CHURCH OF CONFIDENCE und SHOCK THERAPY, um mal andere Vergleiche als die im Labelinfo genannten „CLASH meets MURDER CITY DEVILS“ oder „SOCIAL DISTORTION trifft ROCKET FROM THE CRYPT“ zu bemühen. 😉 Mir gefällt’s im Großen und Ganzen ganz gut, auch wenn es für meinen Geschmack bei den Wave-lastigeren Songs gerne noch ’ne Ecke finnisch-melancholischer hätte ausfallen dürfen. So ist der eine oder andere Song dann doch näher am Pop als am Dark Wave. Dazu passt auch die Cover-Version „The Metro“ der 80er-Pop-/Wave-Gruppe BERLIN… Zur Aufmachung sag ich nix, da ich nur ’ne Promo im Pappschuber hab. Elf Songs in 44 Minuten, Anspieltipp: “Words Like Knives”. 3. Günni

DER GESTRECKTE MITTELFINGER #5

(www.dergestrecktemittelfinger.de)

Exakt hundertseitiges Pamphlet des Wiesbadeners und Betreibers des Matula-Rec.-Labels Falk Fatal, der nach zwei Jahren tatsächlich wieder eine Ausgabe zusammengeschustert hat. Auf den schwarz/weiß gedruckten Seiten im punkigen Schnipsellayout mit Schreibmaschinenfont gibt’s in erster Linie ein fettes Special zum Punk im Land der Schoki und der Schwarzkonten, der Schweiz. Sehr ausführlich mit massig Infos und Interviews; dürfte Pflichtstoff sein für jeden, den’s interessiert. Ansonsten sind neben einem Interview mit M.O.T.O. Kolumnen und Kurzgeschichten angesagt, für die Falk einige Mitschreiber um sich scharrte. Recht gut gefielen mir der ausführliche und bereichsübergreifende Artikel zum Thema Stasi 2.0, Datenschutz etc. sowie die kurzweilige Geschichtslektüre über die Anfänge des Punks da unten, der Rest ist durchwachsen: Teils heftig klischeebeladen (Falk himself über’n Ghetto), witzig-unterhaltsam (Jens Jekewitz über Kinder), albern (Möb Maßlos über seinen Flug zum Mond), atmosphärisch-beklemmend (Jürgen Landt über den Besuch im Swinger-Club), elitär (wieder Falk), kurz (Andy übers Nicht-die-Schnauze-aufkriegen in der Bahn), nichtssagend (L. Lilith), verklemmt und weinerlich (Jens Jekewitz über Sex-Shops und Einsamkeit), unter aller Sau (Bronzo Sensuale über seinen Narzissmus), mir schon von woanders her bekannt (Falk Fatal über Rocchigiani in der Kneipe, fiktiv), an den Haaren herbeigezogen (Daniel Kaiser über Meerschweinchenbücher und alte Nazi-Tanten), veranschaulichend übertrieben (Möb Maßlos über Mad Schäuble on the loose), nihilistisch-verzweifelt (Marc Mrosk über prekäre finanzielle Situationen in beschissenen Wohnungen), unglaublich realitätsgetreu (Gizmo über die Klositzung nach dem extrascharfen Döner, die ich als Liebhaber scharfer anatolisch-deutscher Gerichte GANZ GENAU SO bestätigen kann) und noch bischn mehr so Zeugs. Ach ja, der Anarcho Alexandre Marie Jacob wird uns noch ins Gedächtnis gerufen und ein paar Reviews gibt’s noch. Teilweise wird der Lesefluss etwas durch das hippiemäßige, falsche Verwenden von „mensch“ statt „man“ und ein paar andere Sonderlichkeiten gestört, ansonsten ist es aber gut und flott durchlesbar. 2,50 EUR. Günni

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