Günnis Reviews

Datum: 25. September 2009

PLASTIC BOMB #68

(www.plasticbomb.de)

Die neue Bombe lässt gleich im ersten Vorwort eine platzen – so muss Micha leider kundtun, dass das selbstverwaltete T5 in Duisburg quasi kurz nach Eröffnung schon wieder schließen musste, weil keine Live-Konzession erteilt werden konnte. Allerdings lassen sich die Betreiber anscheinend trotzdem nicht entmutigen, dafür meinen Respekt und Glückwünsche für die Zukunft! Helge beschreibt, was ihn zuletzt persönlich bewegt hat, Ronja berichtet von ihren Festival-Besuchen und kotzt sich über DEAN DIRG aus, Swen gesteht in aller Offenheit, wieder Fleisch zu essen und lediglich Veggie geworden zu sein, um einer Frau zu imponieren (!) und Atakeks gibt zumindest vorerst seinen Rückzug aus der Bombe bekannt. Interviewt werden die dolle Oldschool-HC-Combo SNIFFING GLUE, die sich momentan vor Lobhudeleien kaum retten können dürften, KOMMANDO KAP HORN, die sich u.a. wohlwollend über ihr Crazy-United-Review äußern (sowas freut einen natürlich zu lesen!), Peter vom CRUCIAL-RESPONSE-Label, das sich seit Jahren dem S.E.-HC verschrieben hat (liest sich sehr interessant) sowie Litti von PRÜGELPRINZ RECORDS, der sehr idealistisch rüberkommt, die Horrorpsychobillypunker von THE CREEPSHOW, die zurzeit schwer angesagt sind, Loll von GROWING MOVEMENT, der sehr persönlich über seine schwere Krankheit und seine Art, sie zu akzeptieren und zu verarbeiten spricht (mal was anderes als nur Gequatsche über Mucke, klasse Gespräch!), die „Chaos-Punks“ von OBSTRUSIVE, die bayrischen SPEICHELBROISS (die werden momentan auch von Zine zu Zine gereicht, haha), die wiedervereinigten STUPIDS und MURUROA ATTÄCK (endlich mal). Das ist auf jeden Fall schon mal ’ne amtliche Mischung. Schmerzlich vermisst habe ich wieder die Kolumne von Chefsatiriker Chris Scholz, für halbwegs ebenbürtigen Ersatz sorgt aber ein fiktiver FORCE-ATTACK-Konzertbericht, bei dem ich doch sehr schmunzeln musste, war ja schließlich selbst oft genug dort und kann ihm einen gewissen Wahrheitsgehalt daher nun wirklich nicht absprechen. Micha bringt uns sein neues Hobby Ornithologie (Vogelkunde, ihr ungebildeter Pöbel!) näher, Vasco beschäftigt sich in seiner „wunderbaren Welt der Propaganda“ mit der Bundestagswahl und spricht eine klare Wahlempfehlung zugunsten der LINKEN aus, es gibt eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit der GEMA (bei der es aber heftig mit dem Fehlerteufel zuging, da sind gleich ganze Absätze doppelt abgedruckt worden), Dirk stellt seine Lieblingsfanzines vor und Basti versucht sich leider mal wieder an einer unlustigen Satire, diesmal zum Thema Michael Jackson (was auch sonst). Im „Anders leben“-Teil geht es um den Dortmunder „AK Freiraum“, den „Freiraum Neuss“ und das ehemals besetzte Haus in Erfurt. Die „Herstory of Punk“ ist diesmal eine „Hirstory“ und wem das komisch vorkommt, sollte sich den durchaus interessanten Bericht (richtig, diesmal kein Interview) von Tabea mal durchlesen, der sich ganz dem Thema „Geschlechter“ (neudeutsch: „Gender“) verschrieben hat. Keine Sorge, ist kein Emanzenscheiß und regt sicherlich den einen oder anderen zum Nachdenken an. Drei Seiten werden dem Thema Rechtsextremismus im benachbarten Österreich gewidmet und das Anti-Nazi-Bündnis „S5“ wird befragt. Ansonsten gibt’s natürlich die ganzen üblichen Kolumnen angefangen bei Stanley Heads Ska-Ecke über Kleinanzeigen, Exoten-Punk, Neuigkeiten, Termine bis hin zu natürlich wieder haufenweise Reviews, wobei sich Atakeks, der diesmal die Verriss-Ecke für sich allein gepachtet hat, vollkommen inkompetent über den meines Erachtens gelungenen „A Tribute To Slime“-Sampler hermacht, weil seinem beschränkten Weltbild zufolge gewisse Bands dort nichts zu suchen hätten. Unterm Strich aber eine inhaltsstarke, interessante und bisweilen streitbare Ausgabe. 3,50 € (3,70 € für Ösis) inkl. Pay-To-Play-CD. Günni

ZERFALL – 25 JAHRE BLAUEN MÖWEN CD

(www.pukemusic.de) / (www.myspace.com/zerfallostberlin)

Derber Ostzonen-Prügelpogopunk mit ebenso derbem, kehligem Grölgesang und aufs Wesentliche reduzierten Texten: „Komm wir knacken einen Shop / Komm wir brechen ein / Stellen alles auf den Kopf / Hau’n den Bullen die Fresse ein!“ („Shop“). Die Songs wurden zwischen 1983 und 1985 noch zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin geschrieben und nun erstmals vernünftig eingespielt. Wat soll ich sagen? Ich find das höchst charmant und wohltuend primitiv. Schwer authentisches Zeug in überzeugenden Versionen eingezimmert, inkl. Cover-Version des heutzutage politisch schwer unkorrekten VOLKSFRONT-Kultsongs „Besatzer raus“, seinerzeit auf dem „Keine Experimente II“-Sampler erschienen. Mit Intro sind das insgesamt aber nur acht Songs, weshalb die CD mit 15 Live-Tracks, aufgenommen 1984, angereichert wurde. Klar, dass diese Aufnahmen nicht mit professionellen Live-Alben zu vergleichen sind. Da rappelt’s in der Kiste und scheppert’s im Karton… Alles in allem eine weitere interessante Veröffentlichung historisch wertvollen DDR-Materials. Das Booklet enthält Songtexte, Hintergrundinfos und viele Fotos. Am 24.10.2009 ist übrigens Record-Release-Party zusammen mit KNOCHENFABRIK und RASTA KNAST in Berlin! 23 Songs in 48 Minuten. Ohne Wertung. Günni

ROTZENPLOTZ – FIGHT SOCIETY CD

(www.myspace.com/rotzenplotz)

Flotter Pogo-Punk mit überwiegend deutschen Texten der vier Jungs aus Fulda, im März aufgenommen und in Eigenregie rausgehauen. Die Band treibt schon einige Jahre ihr Unwesen und überzeugt durch ihren herrlich ungestümen Punkrock, der sofort in die Beine geht. Die Refrains sind kräftig und laden zum Mitgrölen ein, Sänger Alex Alzheimer verleiht den Songs durch seinen rauen Alarmgesang das passende Organ, ohne aufgesetzt hart zu klingen, und ein zweiter Sänger grunzt ab und zu mal was dazu – was verhindert, dass der Gesangspart auf Dauer dann vielleicht doch zu monoton klingt. Dennoch hätte man diesen gerne noch etwas weiter in den Vordergrund mischen dürfen, aber auch so kriegt man ’ne Menge von den szenetypischen und plakativen, aber unpeinlichen Texten mit. Titel wie „Die Nacht der Droogs“, „Nazi Wannabe“, „Krieg“, „Assel“, „Wut“, „Skins und Punks“, „Überwachung“ etc. sprechen wohl für sich. Insgesamt klingt das alles schön aus dem Bauch heraus und geradeaus und geht gut ab. Würde mich freuen, noch mehr von dieser Band zu hören. Zwölf Songs in 33 Minuten. ’ne 2 für dieses schnörkellose Oldschool-Vergnügen, das übrigens mit einem verdammt geilen, gezeichneten Cover versehen wurde (käme im 12“-Format natürlich noch besser). Günni

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