Günnis Reviews

Datum: 12. September 2009

KOLLEKTIVER BRECHREIZ – HEILIG SCHEINT SCHEINHEILIG CD

(www.nix-gut.de) / (www.kollektiver-brechreiz.de)

Zumindest ursprünglich aus Ostdeutschland kommt diese Band, die angenehm schnörkellosen, rotzigen, flotten deutschsprachigen Punkrock spielt. Weder Dilettantismus noch die Metal-Axt regieren hier wie ja so oft heutzutage. Stattdessen werden unpeinliche, bodenständige Texte von Gossenromantik über Kritik und Verweigerung bis hin zu endzeitmäßigem Abgesang auf kantigen Punkrocksongs kredenzt, die durch die eine oder andere feine Melodie und Chöre aufgelockert werden. Der Sänger singt deutlich und aggressiv und trägt zur Authentizität des Ganzen bei. Das ist über weite Strecken richtig erfrischendes, unbekümmertes Zeug mit dem gewissen Etwas, das so vielen anderen Bands fehlt. Für Abwechslung sorgen das überraschende „Do The Halloween“, der einzige englischsprachige Song, im Horrorpunk-/Punkabilly-Gewand, der Mundharmonika-Einsatz bei „Wolfsblut“ und das Volkslied „Ich lieb’ den Frühling“, bei dem die Kinder der Bandmitglieder singen dürfen. Als Ausfall würde ich lediglich „Inkubus/Sukkubus“ bezeichnen, solche Songs würde ich dann doch lieber den KASSIERERN oder LOKALMATADOREN überlassen. Das reißen Hits wie „Enfant perdu“ oder „Mach’s gut“ aber locker wieder raus. Hervorheben möchte ich außerdem den Text von „Brennendes Herz“, Auszug: „Ich gebe keine Garantien und ich gehe, wie ich kam / erst wenn ich fort bin, merkst du, dass ich etwas mit mir nahm.“ Gefällt! Die meisten Texte sind im Booklet abgedruckt, das außerdem mit reichlich Fotos versehen wurde. 17 Songs + Intro in 49 Minuten. 2-3. Günni

V.A. – TRUE REBEL + RIL REC ATTACK YOUR CITY 2009 CD

(www.true-rebel-records.com) / (www.rilrec.de)

Das junge, umtriebige Hamburger Plattenlabel “True Rebel Records” teilt sich hier mit “Ril Rec” einen Label-Promo-Sampler im Pappschuber, auf dem sich höchst empfehlenswerte Bands wie SMALL TOWN RIOT, RADIO DEAD ONES, THE DETECTORS, HIGHSCHOOL NIGHTMARE und EIGHT BALLS tummeln (was den TRR-Part betrifft) und auf RilRec’sche Interpreten wie NONSTOP STEREO, ZWAKKELMANN, INCOMING LEERGUT, KARATE DISCO, VAMOS usw. treffen. Zwar gefällt mir der True-Rebel-Teil besser, aber insgesamt ist das eine für einen Label-Sampler verdammt homogene Zusammenstellung mit wenigen Ausfällen, die man ganz gut am Stück durchhören kann. Die musikalische Bandbreite reicht vom klassischen Punkrock über Street- und Skatepunk bis hin zu Asi-Oi! und Ruhrpott-Gossenlyrik. Wer mit den Veröffentlichungen beider Labels noch nicht so vertraut ist (und das werden Viele sein), sollte das Ding wirklich unbedingt mitnehmen, denn hier gibt es EINIGES zu entdecken. Ganz klare Empfehlung! 26 Songs in 72 Minuten. 2. Günni

STOMPER 98 – IT’S CLASS PRIDE & IT’S ROCK’N OI! CD

(www.stomper98.de) / (www.sunnybastards.de) / (www.contra-net.com) / (www.dssrecords.de)

Sunny Bastards freuen sich, STOMPER 98 mit ihrem kommenden Album “4 The Die Hards” auf ihrem Label begrüßen zu können und werfen vor lauter Freude in Zusammenarbeit mit anderen Labels diese auf 2000 Exemplare limitierte, vier Songs von bereits erhältlichen STOMPER-Scheiben und zwei brandneue, darunter eine Neuaufnahme von „Stadiogeflüster“, enthaltende Promo-Scheibe im Pappschuber gratis unters Volk – ähnlich also wie zuletzt bei den TOWERBLOCKS. Das Cover ist angelehnt an die Kultscheibe „The Good, The Bad and The 4-Skins“ und man mag von der Band halten, was man will – die Mucke kann einiges! Eigenständiger, überzeugender, melodischer Oi!-Punk mit Saxophon und druckvollem, aber nicht übertrieben aggressivem, deutschsprachigem Gesang. Sicherlich geeignet, um den Einen oder Anderen auf die Band aufmerksam zu machen, der sie bislang eher mied oder schlicht keine Begegnungsmomente mit ihr hatte. Sechs Songs in 24 Minuten. Ohne Wertung. Günni

S.I.K. – HÄLTST DU STILL?! CD

(www.nix-gut.de) / (www.sik.punkinvasion.de)

Leck mich am Arsch, das ist DIE Überraschung dieser Woche! S.I.K. aus Amoklaufhausen alias Winnenden galten für mich bis dato als Inbegriff des grenzwertigen „Deutschpunk“-Klischees und der ganzen Nix-Gut-Mischpoke und sind mir musikalisch lediglich von irgendwelchen Samplern mit schlecht produzierten, seltsamen Songs in Erinnerung. Seit einigen Jahren war es recht still um die Band – und diese Zeit hat man anscheinend genutzt, um in positiver Hinsicht zu reifen. Ging ich ohne große Erwartungen an diesen Tonträger heran, so hat mich der Opener gleich mal sämtliche Vorbehalte über Bord werfen lassen: Das ist klasse dreckiger, deutschsprachiger Punkrock mit tatsächlich guten, kritischen Texten und einem Sänger mit einem absolut passenden rauen, angepissten Organ. Genau richtig abgemischt, um einen druckvollen, aber nicht überproduzierten Sound zu bekommen. Die ersten paar Songs sind allesamt kleine Hits und besonders „Komasäufer“, der sich kritisch mit übermäßigem Alkohol- und Drogenmissbrauch und der daraus resultierenden Gleichgültigkeit sogar ggü. dem eigenen Umfeld auseinandersetzt, hat es mir angetan. Das ist Lyrik, die mir wirklich nahe geht. Der Song „Irrenhaus“ macht die Naivität und Ignoranz so manchen Mitmenschens wenigstens etwas erträglicher, in „Ich bin nicht Deutschland“ wird der „Du bist Deutschland“-Kampagne in einem heftigen Rundumschlag vehement der Mittelfinger entgegengestreckt, in „Die Frage bleibt: WARUM?“ wird der Winnender Amoklauf verarbeitet und mit „Fahne im Wind“ hat man sich den besten OI-MELZ-Song für eine Coverversion ausgesucht. Etwas ab fällt da „Hope & Glory“, ein deutschsprachiges Cover von „Solidarity“ (ANGELIC UPSTARTS), für das der Text hier und da etwas zu sperrig geraten ist. „Kein Gott, kein Staat“ ist dann der einzige Totalausfall: „Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen / schon am morgen blau und super drauf sein / kein Gott, kein Staat, lieber was zu ficken / es gibt nicht Schöneres als hammergeile Titten.“ Dieser Stumpfsinn ist ein Fremdkörper zwischen all den anderen, mitunter überraschend reflektierten Songs, die aber zu keinem Zeitpunkt studentisch oder belehrend wirken – im Gegenteil. Allerdings stört mich etwas der eine oder anderen (Un)Reim aufs gleiche Wort, das kommt aber nicht allzu oft vor. Im Gegensatz zu den ganzen Plattencovern heutzutage sieht das gezeichnete Motiv übrigens verdammt gut aus und es lässt sich sogar zu einem Miniposter ausklappen. Auf der Rückseite stehen dann die Texte, auf Nix-Gut-Werbung wurde dafür diesmal komplett verzichtet. Allerdings hätte man ruhig mal einen Lektor drüberlesen lassen sollen, denn gleich mehrfach „Plastersteine“ lesen zu müssen, tut in den Augen weh. Alles in allem aber ein überraschend gutes Album. Respekt! 15 Songs in 41 Minuten. 2-. Günni

SYSTEMFEHLA – MEDIENEVENT CD

(www.nix-gut.de) / (www.systemfehla.de)

„Im Westen nichts Neues“ nennt sich ein Song dieser Band aus Hannover, und das gleiche möchte ich ihr attestieren: Bemühter, für das Label so typischer „Deutschpunk“, der am Hörer vorbeirauscht, ohne dass großartig was hängen bliebe oder wirklich Spaß machen würde. Der Sänger nervt mit seiner dünnen, klaren Gymnasiastenstimme extrem und die gesellschaftskritischen Texte pendeln zwischen gar nicht mal schlecht („Empathie“, „Freie Menschen“) und doof („Deutschpunk“, „Punkerbande“, wobei letzterer eine Abwandlung der Affenbande mit der gestohlenen Kokosnuss ist – hier wurde allerdings Sternburger Bier geklaut…). Mit „Greif nach den Sternen“ gibt’s ein eingedeutschtes Cover von SOCIAL DISTORIONs „Reach For The Sky“, welches dann auch prompt zusammen mit „Freie Menschen“, bei dem Gunnar von DRITTE WAHL als Gastsänger fungiert, den besten Song dieses Albums darstellt. Wally von TOXOPLASMA und Micro von den ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN dürfen dann auch noch mal mitträllern, retten die Platte aber auch nicht mehr. Das Booklet enthält Fotos und sämtliche Texte. 19 Songs + Intro in 58 Minuten. 4. Günni

ABBRUCH – EINFACH NUR MUSIK CD

(www.pukemusic.de) / (www.abbruch-musik.de)

Das Gute vorweg: Die Jungs beherrschen ihre Instrumente. Das war’s dann aber auch schon fast, was es Positives über das Album der drei grinsenden Sauberpunks aus Berlin zu berichten gibt. Nein, lieber Infowisch, das klingt NICHT nach den ÄRZTEN und erinnert mich auch nicht an die frühen GOLDENEN ZITRONEN. Das ist völlig aufgesetzter, unglaubwürdiger Kinder-„Deutschpunk“ mit schiefen Gesängen und zum Teil fürchterlichen Lala-Melodien, der sich über satte und ermüdende 19 Songs in 65 Minuten erstreckt und besonders immer dann, wenn er versucht, witzig zu sein, das genaue Gegenteil davon ist. Zwar haben sich zwischen die klischeebehafteten Texte auch ein, zwei passable geschlichen (allesamt nachlesbar), aber als Gesamtkunstwerk ist das unerträglich! Da kann man der Band die Spielfreude noch so sehr anmerken und das Booklet noch so liebevoll gestaltet worden sein – ich bin froh, dass ich’s jetzt hinter mir hab. 4-. Günni

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