Der Berliner Comicautor und -zeichner Mawil ist neben seinem „Supahasi“ bekannt für autobiographische Geschichten. Eine solche ist auch „Die Band“, im Jahre 2004 im Reprodukt-Verlag erschienen. Mir liegt eine jüngere Neuauflage in Klappenbroschur vor.
Rund 80 (leider unnummerierte) Schwarzweiß- bzw. Graustufenseiten lang erlaubt sich Mawil eine völlige Flexibilität bei seinen Panels und zeichnet und lettert bis zur letzten krakeligen Linie alles per Hand, mit überaus charmantem Resultat. Ins-Wort-Fallen wird Mawil-typisch durch sich überlagernde Sprechblasen dargestellt. Als gewöhnungsbedürftiger empfand ich eigenwillige Schreibweisen wie Grafitty, Metall-Band und Basedrum und auch immer noch ein bisschen seinen konsequenten Verzicht aufs „ß“. Kommen wir aber zum Eigentlichen: Mawil zeichnet wunderbar selbstironisch und humorig seine Karriere als Musiker in den 1990ern nach, die weit weniger erfolgreich verlief als seine Berufung zum Comiczeichner. Los ging’s mit der Hiphop-Band „International Known“. Beatles-Fan Mawil wird nur „Verpeiler“ genannt. Der erste Auftritt wird absolviert (wobei Mawil an den Songtexten teilhaben lässt), und nach vier Liedern und den Sommerferien war’s das auch schon wieder. Jedoch wird er von der Rockband „Schwarze Pumpe“ als Bassist angeworben und soll dort auch singen…
Nach dem ersten Auftritt lassen sich die Spontankritiken des Publikums in einem (sehr witzigen) Gewusel aus Sprechblasen auf einer Art Wimmelbild nachvollziehen. Grandios ist auch an späterer Stelle die Doppelseite, die einen Gig in der Schulaula aus Mawils Point-of-View-Perspektive skizziert und seine Gedanken währenddessen offenbart. Typische Besetzungsprobleme beginnen mit dem ständig die Probe schwänzenden zweiten Gitarristen Kilian, der deshalb gehen muss. Die laienhafte Instrumenten- und Zubehörauswahl im Musikfachgeschäft wird launig kommentiert. Ivonne steigt als Sängerin ein und sorgt für den entscheidenden Unterschied, was die Bedeutung eines charismatischen Frontmenschen unterstreicht.
Wer selbst einmal in einer Hobbyband, deren Ambitionen zumindest über den Proberaum hinausreichten, musiziert hat, wird hier vieles wiedererkennen, sei es die typische Manöverkritik nach mal mehr, mal weniger gut besuchten Konzerten, die Herausforderung, eine stimmige Setlist zusammenzustellen, die Aufregung bereits beim Soundcheck, wenn schon Publikum anwesend ist, Breaks versemmelnde Drummer, Aufnahmen bei bekifften Bekannten, einen mal zurückwerfende, mal voranbringende, aber immer Zeit kostende Besetzungswechsel oder auch schlicht Bass-Transportprobleme (die Dinger sind laaang), vielleicht auch die beinahe panische Abneigung dagegen, Musikunterricht zu nehmen, was hier eine Rückblende mit Mawils Klavierunterricht erklärt, den er als Kind zu nehmen genötigt worden war.
Als der gläubige Marcus als Sänger und zweiter Gitarrist einsteigt, wird die Band in „Tine Melk“ umbenannt. In Linda findet man die perfekte Frontfrau. Leider dazudenken muss man sich, dass – und weshalb – Marcus die Band wieder verließ; hier ließ Mawil eine Leerstelle. Profi Christian, der nach weiteren Besetzungswechseln als Profi zur Band stößt und beim Klang auf jedes Detail achtet, erinnert mich frappierend an den Drummer meiner eigenen Krachcombo.
Ähnlich wie „Wir können ja Freunde bleiben“ oder später „Kinderland“ wirkt auch „Die Band“ sehr authentisch, was ich in einem abstrakten Medium wie dem Comic als besondere Herausforderung erachte. Für weitere Authentizität und Zeitkolorit sorgen ein paar eingearbeitete reale Bilder wie Plattencover oder Ivonnes „Beverly Hills 90210“-T-Shirts. Statt auf eine unrealistische, kathartische Pointe steuert die Geschichte auf einen fünf Jahre später angesetzten Epilog zu. Das macht „Die Band“ nicht etwa unspektakulär, sondern umso sympathischer.
