
Gierfisch und der Captain, seit Ende der 1990er Macher des Hamburger Mind-The-Gap-Fanzines, planten vor mittlerweile langer Zeit nicht nur, ein kleines Punkrock-Festival aufzuziehen, sondern auch, eigens zu diesem Zwecke die aufgelösten NOVOTNY TV aus ihren Steueroasen und Wellness-Tempeln zu locken und mittels Starkstromstößen sanft zu einer Live-Reunion zu überreden. Stattfinden sollte es im kleinen Billstedter Kellerclub Bambi galore. Doch dann kam die Pandemie dazwischen und die Sause musste aufs nächste Jahr verschoben werden. Und dann gleich noch einmal. Mit ungetrübtem Optimismus terminierte man auf Ende April ’22 und suchte sich um die NOVOTNY TV herum eine Reihe weiterer Bands, zu denen die beiden einen besonderen Bezug haben. Eigentlich sollten auch die eigens für dieses Ereignis reanimierten ANTIKÖRPER mit von der Partie sein, doch ein plötzlicher Todesfall im Familienkreis verhinderte traurigerweise die Teilnahme. Ganz üble Scheiße, mein Beileid.
Es handelte sich übrigens um mein erstes Indoor-Punkkonzert seit über zwei Jahren, zuletzt hatte ich mir Punkklänge live beim Hafenstraßen-Open-Air im September 2020 (!) um die Ohren blasen lassen. Es wurde also verfickt noch mal echt wieder Zeit! Leider musste ich dafür schweren Herzens auf die von mir hochgeschätzten DÖDELHAIE verzichten, die zeitgleich das Gängeviertel mit „linksextremer Hassmusik“ beschallten. Kaum gehen die Konzerte wieder los, hat man auch wieder die oftmals schwierige Qual der Wahl…
Vor Ort gab’s ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten, auch im Wortsinn: Der Altersdurchschnitt war erhöht, insgesamt bot sich aber das Bild einer angenehm heterogenen Mischung von grün hinter den Ohren bis Oppa mit Krückstock. DV HVND aus Hessen eröffneten den Reigen und holten die Feier zur Veröffentlichung ihres „Bollwerk“-Albums nach. Ich wüsste nicht, von der Band zuvor schon mal was gehört zu haben, aber das hier ging klar: Melodischer deutschsprachiger Punkrock mit leichtem Hang zur Melancholie, aber auch mit paar flotteren Nummern dazwischen. Stilistisch und inhaltlich wohl mehr verrauchte Kneipe denn Hörsaal bei sympathischer Ausstrahlung, aber enttäuschend wenig hessischem Dialekt in den Ansagen. Der Bass war etwas laut, insgesamt drückte der Sound aber ganz gut. Als irritierend empfand ich das UNTERGANGSKOMMANDO-Cover („Bis nichts mehr übrig bleibt“) als letztem Song, da ich diese Gruppe als weitestgehend überflüssig gespeichert hatte. Die Bude war bereits gut gefüllt, DV HVND spielten vor für den Opener eines kleinen Festivals ordentlicher Kulisse.
- Dv
- Hvnd
Einen Bewegtbildeindruck davon kann man sich dank „Shitty Videos Galore“ verschaffen:
SMALL TOWN RIOT, ursprünglich (und zu Teilen immer noch) aus der gleichen Gegend wie die unlängst gen Hamburg emigrierten Fanziner stammend, hatten sich ebenfalls zu einem ihrer raren Gigs überreden lassen und lieferten einmal mehr hymnischen bis zackigen und ruppigeren Streetpunk’n’Roll für Feinschmecker bei nunmehr perfektem Sound. Arme gingen in die Luft, es wurde fleißig skandiert und mitgesungen sowie getanzt und sich gefreut. Zwei Klampfen, die für die sich unverschämt einschmeichelnden Melodien sorgen, Timos und Normans Wechselgesang, die persönlich geprägten, großartigen Texte – mal wieder ‘ne glatte Eins! Mehr davon und Küsschen!
- Small
- Town
- Riot
„Shitty Videos Galore“ war auch hier am Start:
NOVOTNY TV aus dem Münsterland hatten in der zweiten Hälfte der 1990er zwei Alben bei Nasty Vinyl veröffentlicht, die mit sarkastischen, schrägen Garage-Psych-Noise-Orgel-Trash-Punk-Krachern wie „Butterfahrt im Gazastreifen“ oder „Deutschland braucht Deutschpunk“ einen sehr individuell Stil pflegten und in der Szene bestens ankamen. Live gesehen hatte ich sie damals leider nie. Nun tummelten sich sechs Herren auf der kleinen Bambi-Bühne. Der Sänger hatte sich als Bankkaufmann verkleidet und dürfte somit der erste Künstler sein, der je im Bambi (vermutlich gar in ganz Billstedt) eine Krawattennadel trug. Links neben ihm hatte der Orgelspieler im Schneidersitz platzgenommen und machte an seinem Mini-Keyboard auf keine Miene verziehenden Autist. An den Drums wechselten sich – warum auch immer!? – der Originaldrummer und Jesus Maria Hagemann von DISMALFUCKER und diversen weitere Krachkapellen ab, manchmal unterstützte der Originaldrummer dann vorne den permanent grinsend und die immer gleichen Tanzschritte ausführenden Sänger. Es war ein kräftiges Gewusel auf der Bühne und immer wat los, das meiste davon Musik. Während ich dieser lauschte, fiel mir wieder ein, dass ich das zweite Album aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen gar nicht kenne, sodass ich bei Songs wie „Nieder mit der Popkultur“ oder „Lederjackenmann“ mehr oder weniger aufmerksam zuhörte. Mir bekanntes Material des „Tod, Pest, Verwesung“-Albums (inklusive sich perfekt einfügendem HERMANN’S-ORGIE-Cover „Moderne Musik“) hingegen lud zum fröhlichen Mitsingen/-grölen ein und war bei nach wie vor großartigem Sound ein wunderbares Beispiel für gut gealterten bzw. zeitlos gebliebenen Punk, der sich einen Dreck um Konventionen schert, ohne dabei mit blasierter Kunstkacke zu nerven. Schönes Detail auch: Entgegen der Reihenfolge auf dem Album wurde „Invasion vom Mars“ noch vor „Kaputtsaniert“ gespielt. Da auf letztgenannten Song jedoch in „Invasion…“ Bezug genommen wird, hieß es in der entscheidenden Zeile nun: „Der Rentner aus ,Kaputtsaniert‘ – kommt noch! – der kricht die Birne abrasiert!“. Band wie Publikum hatten allem Anschein nach einen Mordsspaß, es wurde kräftig getanzt, gepogt und gefeiert und, wenn ich mich recht entsinne, NOVOTNY TV auch zu ‘ner Zugabe genötigt. Bei „Zeit schlafen zu gehen“ wurden Feuerzeuge geschwenkt wie einst bei der KELLY FAMILY. Geiler verrückter Scheiß!
- Novotny TV
Der „Shitty Videos Galore“-Mitschnitt:
Natürlich war’s längst nicht Zeit, sich in die Pofe zu begeben: Perfekt in diese Riege nicht mehr blutjunger Bands, die noch gezielt ausgesuchte Gigs spielen, aber keine neue Musik mehr veröffentlichen, passten auch die EMILS, eine meiner favorisierten Hamburger Combos. Diese ließen sich nicht lumpen und zockten derart fehlerfrei und abgewichst, als täten sie Woche für Woche nichts anderes, ein Best-of-Set quer durch ihre HC-Punk-Diskografie (lediglich das finale „Partytime“-Album wurde ausgespart, oder?). Shouter Ille kommunizierte launig mit dem Pöbel und los ging’s mit „Viel zu langsam“, über „Kampfsignal“, „Pass dich an“, „Wer frisst wen?“, „Kirche nein“, „Neo-Nazis“, „Die Abrechnung“, „Dumm-Punk“, „Wir müssen draußen bleiben“ und wie sie alle heißen bis hin zum BUTTOCKS-Cover „Nein Nein Nein“, und als Kirsche auf der Sahnehaube wurde abschließend noch ein komplettes SLIME-Best-Of aller ‘80er-Alben in einem flott gezockten Medley verwurstet. All dieses Zeug ist bereits vor unzähligen Jahren Teil meiner subkulturellen und musikalischen DNA geworden; zu partizipieren, wie es live derart energiegeladen und mächtig zelebriert wird, geht euphorisierend in Herz, Hirn und Weichteile. Der Mob tobte sich inklusive eures Chronisten kräftig aus, immerhin ungefähr die Hälfte des Sets bekomme ich durchaus noch durchgetanzt. Ille stachelte einen zusätzlich an, indem er das Mikro ins Publikum hielt und zum Mitsingen aufforderte, was dankend angenommen wurde. Besser hätte dieses Festival nicht enden können!
- Emils
Nicht CRASS, sondern die EMILS, festgehalten von „Shitty Videos Galore“:
Die DJs Starry Eyes und Hollyholetsgo legten anschließend noch auf, während ich jedoch draußen vor der Tür nach Luft japste und trunken nicht nur vom vielen Bier mit Freunden herumalberte, bis die Vernunft siegte und der ÖPNV uns nach Hause transportieren durfte. NOTOTNY TV hatten wahnsinnigerweise noch zugesagt, am nächsten Morgen zusammen mit NIXDA! an der Hamburger Marathonstrecke ein Set zu spielen, was sie, wie ich den sozialen Netzwerken entnehmen konnte, jedoch nicht geschafft haben (NIXDA! zogen aber durch). Geiles Festival, das von mir aus gern regelmäßig einmal jährlich stattfinden dürfte. Gierfisch, Captain: Macht mal!
P.S.: Manu vom SCHRAIBFELA-Videofanzine war übrigens auch zugegen und hat der Nachwelt folgenden Clip hinterlassen:



























Ein Traum in Infrarot























Sex sells – das wusste man Mitte der 1980er auch in der Redaktion der Hamburger Filmzeitschrift Cinema. Deren Sonderhefte/-bände Nummer 6 bis 9 trugen die Titel
Nachdem sich der Braunschweiger Dr. phil. Frank Schäfer in
Wer sich fürs europäische Genre-Kino interessiert und/oder auf Exploitation-Filme steht, dürfte vermutlich früher oder später auf den Namen Erwin C. Dietrich stoßen. Alle anderen hingegen eher nicht, und das ist schade, denn Dietrichs sich auf über 100 Filmproduktionen erstreckendes Schaffen dürfte eigentlich für jeden aufschlussreich sein, der sich für Kinohistorie interessiert. Abhilfe schafft da dieses edel aufgemachte, großformatige, gebundene, vollfarbige und mit Schutzumschlag versehene Buch aus dem Verlag Scharfe Stiefel, das dort im Jahre 2006 erschien und sich auf rund 200 Seiten aus hochwertigem Glanzpapier reichbebildert Dietrichs Lebenswerk als Filmemacher (Urania-Film, Elite/Ascot), Filmverleiher (Avis, Ascot-Elite) sowie Erotikfilm- und Multiplex-Pionier widmet. Laut den Autoren basiert es auf ausführlichen Interviews mit Dietrich persönlich, was die unheimliche Detailfülle erklärt.
Die friedliche Revolution in der DDR und die Wende waren bemerkenswert, was daraus schließlich wurde hingegen eine Farce – so weit, so bekannt. Der Rostocker Fotograf Siegfried Wittenburg war seinerzeit mittendrin und hat so viel wie möglich mit seiner Kamera festgehalten. Somit kann er auf ein beträchtliches Fotoarchiv aus der Zeit des Umbruchs in der Stadt an der Ostseeküste zurückgreifen, das er u.a. für dieses Buch öffnete. Wittenburg brachte es im Selbstverlag im Jahre 2009 heraus, und es macht äußerlich einiges her: Die rund 80 Seiten bestehen aus festem Kartonpapier und stecken im festen Einband zwischen zwei stabilen Deckeln. Großflächige Schwarzweißfotos werden von Erlebnisberichten 14 verschiedener damals Beteiligter ergänzt, das Layout ist luftig und zum Lesen einladend. Große wie kleine Bilder sind jeweils mit Orts- und Jahresangaben versehen, der Großteil stammt – logisch – aus dem Jahre 1989.
„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch dieser 116-seitige Band im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier aus dem Jahre 2017, der sich dem Umgang des MfS mit westdeutschen RAF-Terroristinnen und -terroristen widmet. Hierfür wurden die Scans zahlreicher MfS-Akteneinträge abgedruckt, die seitens des BStU komplett unkommentiert bleiben. Dafür führt jedoch ein dreiseitiges Vorwort ins Thema ein und versucht sich an einer Auslegung der aus den Unterlagen gewonnenen Erkenntnisse. Die Dokumente wurden in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Kapitel („Anfänge“, „Beobachtung und Aufklärung“, „Projekt Übersiedlung“, „Unterstützung“ sowie „Verschleierung und Distanzierung“) aufgeteilt, denen jeweils ein kurzer Text mit geschichtlichen und politischen Hintergründen vorangestellt wurde. Im Anhang finden sich ein Abkürzungsverzeichnis und BStU-Kontaktdaten.
Die Erlebnisse des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung gehen in die nächste Runde: Nach „Berts heimlichen Katastrophen“ sind es nun gar „Megakatastrophen“, die die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson im siebten Band der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe beschreiben, die Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr enthalten. Die humorige Coming-of-Age-Reihe ist von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschienen. Olsson und Jacobsson versetzen sich in die Gefühlswelt ihres Protagonisten und versuchen diese so wiederzugeben, wie a) er sie in einem Tagebuch niedergeschrieben hätte und b) sie ein jugendliches Publikum mit ähnlichen Voraussetzungen erreichen, das sich mit der Figur identifizieren kann. „Berts Megakatastrophen“ ist in Schweden 1994 und in der deutschen Übersetzung 1997 veröffentlicht worden.
Karl Marx‘ „Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.“ erschien im Jahre 1867 und besitzt noch immer Gültigkeit, wird jedoch kaum noch von jemandem gelesen. Um Marx‘ Ergebnisse seiner Forschungen in Bezug auf Wirtschaft und Politik allgemeinverständlich zu abstrahieren, erschien 1974 mit „Geschichten vom Doppelcharakter. Der erste Band des ‚Kapital‘, gezeichnet & kommentiert von K. Plöckinger & G. Wolfram“ im Hamburger VSA-Verlag eine erste Comic-Adaption. Diese nahm der finnischstämmige, in Goch aufgewachsene Zeichner und Autor Jari Banas als Grundlage für seine 1980 ebendort veröffentlichte Comic-Version, die mehrere Neuauflagen erfuhr und 2018 anlässlich Marx‘ 200. Geburtstags als aktualisierte und vollkolorierte Fassung in einer rund 170-seitigen Softcover-Ausgabe erschien.