Günnis Reviews

Autor: Günni (page 19 of 109)

23.04.2022, Bambi galore, Hamburg: MIND-THE-GAP-FEST mit EMILS + NOVOTNY TV + SMALL TOWN RIOT + DV HVND

Gierfisch und der Captain, seit Ende der 1990er Macher des Hamburger Mind-The-Gap-Fanzines, planten vor mittlerweile langer Zeit nicht nur, ein kleines Punkrock-Festival aufzuziehen, sondern auch, eigens zu diesem Zwecke die aufgelösten NOVOTNY TV aus ihren Steueroasen und Wellness-Tempeln zu locken und mittels Starkstromstößen sanft zu einer Live-Reunion zu überreden. Stattfinden sollte es im kleinen Billstedter Kellerclub Bambi galore. Doch dann kam die Pandemie dazwischen und die Sause musste aufs nächste Jahr verschoben werden. Und dann gleich noch einmal. Mit ungetrübtem Optimismus terminierte man auf Ende April ’22 und suchte sich um die NOVOTNY TV herum eine Reihe weiterer Bands, zu denen die beiden einen besonderen Bezug haben. Eigentlich sollten auch die eigens für dieses Ereignis reanimierten ANTIKÖRPER mit von der Partie sein, doch ein plötzlicher Todesfall im Familienkreis verhinderte traurigerweise die Teilnahme. Ganz üble Scheiße, mein Beileid.

Es handelte sich übrigens um mein erstes Indoor-Punkkonzert seit über zwei Jahren, zuletzt hatte ich mir Punkklänge live beim Hafenstraßen-Open-Air im September 2020 (!) um die Ohren blasen lassen. Es wurde also verfickt noch mal echt wieder Zeit! Leider musste ich dafür schweren Herzens auf die von mir hochgeschätzten DÖDELHAIE verzichten, die zeitgleich das Gängeviertel mit „linksextremer Hassmusik“ beschallten. Kaum gehen die Konzerte wieder los, hat man auch wieder die oftmals schwierige Qual der Wahl…

Vor Ort gab’s ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten, auch im Wortsinn: Der Altersdurchschnitt war erhöht, insgesamt bot sich aber das Bild einer angenehm heterogenen Mischung von grün hinter den Ohren bis Oppa mit Krückstock. DV HVND aus Hessen eröffneten den Reigen und holten die Feier zur Veröffentlichung ihres „Bollwerk“-Albums nach. Ich wüsste nicht, von der Band zuvor schon mal was gehört zu haben, aber das hier ging klar: Melodischer deutschsprachiger Punkrock mit leichtem Hang zur Melancholie, aber auch mit paar flotteren Nummern dazwischen. Stilistisch und inhaltlich wohl mehr verrauchte Kneipe denn Hörsaal bei sympathischer Ausstrahlung, aber enttäuschend wenig hessischem Dialekt in den Ansagen. Der Bass war etwas laut, insgesamt drückte der Sound aber ganz gut. Als irritierend empfand ich das UNTERGANGSKOMMANDO-Cover („Bis nichts mehr übrig bleibt“) als letztem Song, da ich diese Gruppe als weitestgehend überflüssig gespeichert hatte. Die Bude war bereits gut gefüllt, DV HVND spielten vor für den Opener eines kleinen Festivals ordentlicher Kulisse.

Einen Bewegtbildeindruck davon kann man sich dank „Shitty Videos Galore“ verschaffen:

SMALL TOWN RIOT, ursprünglich (und zu Teilen immer noch) aus der gleichen Gegend wie die unlängst gen Hamburg emigrierten Fanziner stammend, hatten sich ebenfalls zu einem ihrer raren Gigs überreden lassen und lieferten einmal mehr hymnischen bis zackigen und ruppigeren Streetpunk’n’Roll für Feinschmecker bei nunmehr perfektem Sound. Arme gingen in die Luft, es wurde fleißig skandiert und mitgesungen sowie getanzt und sich gefreut. Zwei Klampfen, die für die sich unverschämt einschmeichelnden Melodien sorgen, Timos und Normans Wechselgesang, die persönlich geprägten, großartigen Texte – mal wieder ‘ne glatte Eins! Mehr davon und Küsschen!

„Shitty Videos Galore“ war auch hier am Start:

NOVOTNY TV aus dem Münsterland hatten in der zweiten Hälfte der 1990er zwei Alben bei Nasty Vinyl veröffentlicht, die mit sarkastischen, schrägen Garage-Psych-Noise-Orgel-Trash-Punk-Krachern wie „Butterfahrt im Gazastreifen“ oder „Deutschland braucht Deutschpunk“ einen sehr individuell Stil pflegten und in der Szene bestens ankamen. Live gesehen hatte ich sie damals leider nie. Nun tummelten sich sechs Herren auf der kleinen Bambi-Bühne. Der Sänger hatte sich als Bankkaufmann verkleidet und dürfte somit der erste Künstler sein, der je im Bambi (vermutlich gar in ganz Billstedt) eine Krawattennadel trug. Links neben ihm hatte der Orgelspieler im Schneidersitz platzgenommen und machte an seinem Mini-Keyboard auf keine Miene verziehenden Autist. An den Drums wechselten sich – warum auch immer!? – der Originaldrummer und Jesus Maria Hagemann von DISMALFUCKER und diversen weitere Krachkapellen ab, manchmal unterstützte der Originaldrummer dann vorne den permanent grinsend und die immer gleichen Tanzschritte ausführenden Sänger. Es war ein kräftiges Gewusel auf der Bühne und immer wat los, das meiste davon Musik. Während ich dieser lauschte, fiel mir wieder ein, dass ich das zweite Album aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen gar nicht kenne, sodass ich bei Songs wie „Nieder mit der Popkultur“ oder „Lederjackenmann“ mehr oder weniger aufmerksam zuhörte. Mir bekanntes Material des „Tod, Pest, Verwesung“-Albums (inklusive sich perfekt einfügendem HERMANN’S-ORGIE-Cover „Moderne Musik“) hingegen lud zum fröhlichen Mitsingen/-grölen ein und war bei nach wie vor großartigem Sound ein wunderbares Beispiel für gut gealterten bzw. zeitlos gebliebenen Punk, der sich einen Dreck um Konventionen schert, ohne dabei mit blasierter Kunstkacke zu nerven.  Schönes Detail auch: Entgegen der Reihenfolge auf dem Album wurde „Invasion vom Mars“ noch vor „Kaputtsaniert“ gespielt. Da auf letztgenannten Song jedoch in „Invasion…“ Bezug genommen wird, hieß es in der entscheidenden Zeile nun: „Der Rentner aus ,Kaputtsaniert‘ – kommt noch! – der kricht die Birne abrasiert!“.  Band wie Publikum hatten allem Anschein nach einen Mordsspaß, es wurde kräftig getanzt, gepogt und gefeiert und, wenn ich mich recht entsinne, NOVOTNY TV auch zu ‘ner Zugabe genötigt. Bei „Zeit schlafen zu gehen“ wurden Feuerzeuge geschwenkt wie einst bei der KELLY FAMILY. Geiler verrückter Scheiß!

Der „Shitty Videos Galore“-Mitschnitt:

Natürlich war’s längst nicht Zeit, sich in die Pofe zu begeben: Perfekt in diese Riege nicht mehr blutjunger Bands, die noch gezielt ausgesuchte Gigs spielen, aber keine neue Musik mehr veröffentlichen, passten auch die EMILS, eine meiner favorisierten Hamburger Combos. Diese ließen sich nicht lumpen und zockten derart fehlerfrei und abgewichst, als täten sie Woche für Woche nichts anderes, ein Best-of-Set quer durch ihre HC-Punk-Diskografie (lediglich das finale „Partytime“-Album wurde ausgespart, oder?). Shouter Ille kommunizierte launig mit dem Pöbel und los ging’s mit „Viel zu langsam“, über „Kampfsignal“, „Pass dich an“, „Wer frisst wen?“, „Kirche nein“, „Neo-Nazis“, „Die Abrechnung“, „Dumm-Punk“, „Wir müssen draußen bleiben“ und wie sie alle heißen bis hin zum BUTTOCKS-Cover „Nein Nein Nein“, und als Kirsche auf der Sahnehaube wurde abschließend noch ein komplettes SLIME-Best-Of aller ‘80er-Alben in einem flott gezockten Medley verwurstet. All dieses Zeug ist bereits vor unzähligen Jahren Teil meiner subkulturellen und musikalischen DNA geworden; zu partizipieren, wie es live derart energiegeladen und mächtig zelebriert wird, geht euphorisierend in Herz, Hirn und Weichteile. Der Mob tobte sich inklusive eures Chronisten kräftig aus, immerhin ungefähr die Hälfte des Sets bekomme ich durchaus noch durchgetanzt. Ille stachelte einen zusätzlich an, indem er das Mikro ins Publikum hielt und zum Mitsingen aufforderte, was dankend angenommen wurde. Besser hätte dieses Festival nicht enden können!

Nicht CRASS, sondern die EMILS, festgehalten von „Shitty Videos Galore“:

Die DJs Starry Eyes und Hollyholetsgo legten anschließend noch auf, während ich jedoch draußen vor der Tür nach Luft japste und trunken nicht nur vom vielen Bier mit Freunden herumalberte, bis die Vernunft siegte und der ÖPNV uns nach Hause transportieren durfte.  NOTOTNY TV hatten wahnsinnigerweise noch zugesagt, am nächsten Morgen zusammen mit NIXDA! an der Hamburger Marathonstrecke ein Set zu spielen, was sie, wie ich den sozialen Netzwerken entnehmen konnte, jedoch nicht geschafft haben (NIXDA! zogen aber durch). Geiles Festival, das von mir aus gern regelmäßig einmal jährlich stattfinden dürfte. Gierfisch, Captain: Macht mal!

P.S.: Manu vom SCHRAIBFELA-Videofanzine war übrigens auch zugegen und hat der Nachwelt folgenden Clip hinterlassen:

24.03.2022, Kulturpalast, Hamburg: GEOFF TATE + DARKER HALF + SONS OF SOUNDS

Ein Traum in Infrarot

Deutschland und Hamburg haben die Pandemiezügel deutlich gelockert, sodass GEOFF TATE endlich seine ursprünglich fürs Jahr 2020 geplante Tour hierzulande antreten und ich endlich das erste Ticket von meinem Stapel der verschobenen Konzerte einlösen konnte. Es sollte mein erstes Konzert seit eineinhalb Jahren, gar mein erstes Indoor-Konzert seit gut zwei Jahren werden. Als Fan des QUEENSRŸCHE-Konzeptalbums “Operation: Mindcrime” war ich im Dezember 2018 zugegen, als deren ehemaliger Sänger GEOFF TATE im Gruenspan das komplette Album live dargeboten hatte. Das hatte mich schwer begeistert, sodass ich spontan zuschlug, als mich die frohe Kunde erreichte, Tate würde im Frühjahr 2020 mit den QUEENSRŸCHE-Alben Nummer 2 und 4, „Rage For Order“ und „Empire“, ebenso verfahren – obwohl sich mir diese bis dahin nie in Gänze erschlossen hatten. Die Neugier überwog, und natürlich die Vorfreude, Songs wie „Walk In The Shadows“ oder „Gonna Get Close To You“ einmal vom Originalsänger live zu hören zu bekommen.

Etwas verwundert, aber auch freudig überrascht war ich, dass die Tour nun endlich fast wie geplant stattfinden würde, inklusive beider Vorbands. Um auch ja nichts dem Zufall zu überlassen, war ich überpünktlich am Konzertort – einem meiner bevorzugten in Hamburg – und labte mich erst einmal in entspannter, angenehmer Atmosphäre an einem frischgezapften Duckstein an der zum Areal gehörenden Gastronomie (wo man anscheinend auch vorzüglich speisen kann). Der zweigeteilte Einlass – draußen 2G+-Kontrolle, innen Ticketverkauf bzw. -abriss – war professionell organisiert und ging flott vonstatten, wenngleich man sich angesichts meines alten Hardtickets verwundert die Augen rieb, warum auch immer.

Band of Brothers

Um pünktlich 18:40 Uhr eröffneten SONS OF SOUNDS aus Karlsruhe den musikalischen Abend. Drei der vier Bandmitglieder sind Geschwister, von denen der Gitarrist Fußballsachverstand bewies, indem er sich sein FC-St.-Pauli-Shirt übergezogen hatte und dafür zahlreiche Sympathiepunkte erntete. Und vor der Bühne: ich, mit nacktem Gesicht, sprich: unmaskiert. Das fühlte sich etwas seltsam, beinahe obszön an, als hätte ich den Saal mit offener Hose betreten. Verstohlen sah ich mich um, und tatsächlich: Ich war Teil einer großen Gruppe Gesichtsexhibitionisten, die Masken waren gefallen, und der Sicherheitsdienst machte keinerlei Anstalten, einzuschreiten. Es stimmte also: Die Maskenpflicht war ohne Wenn und Aber aufgehoben, es existierte auch keine Abstandspflicht mehr. Wie in Prä-Covid-19-Zeiten konnte ungehindert dem Konzertgenuss nachgegangen werden! Ich holte mir ein Bier und lauschte den Söhnen der Klänge, die nach ein paar durchwachseneren Platten vor ein paar Monaten mit „Soundphonia“ ein recht starkes Album veröffentlicht haben. Auf dieses schienen sie sich live vornehmlich zu konzentrieren, die Mischung aus melodischem Heavyrock und rockigem Metal mit viel positiver Energie machte Spaß. Sänger Morales entpuppte sich als Animateur vor dem Herrn, unternahm mit seinem Funkmikro Ausflüge ins Publikum und verstärkte den Bandsound beim einen oder anderen Song mit einer zweiten Gitarre. In Kombination mit Morales‘ kraftvollem und sicher die Töne treffendem Gesang und seiner theatralischen Gestik und Mimik erinnerte mich das Gesamtpaket mitunter ein wenig an DIO zu „Lock Up The Wolves“-Zeiten. Zugegeben, darauf kam ich, als der deutschsprachige Songs „Wolfskind“ angekündigt wurde. Gegen Ende stimmte er eine Ballade an und überraschte damit, wie er auch die leiseren, zerbrechlicheren Töne beherrscht, jedoch stellte sich dieser Part lediglich als Intro eines dann doch flotteren Songs heraus. SONS OF SOUNDS kamen sehr gut an und wurden entsprechend freundlich vom bereits zahlreich erschienen Publikum verabschiedet.

Männer können seine Gefühle zeigen

Den musikalischen Härtegrad steigerten nach verdammt kurzer Umbaupause die Australier DARKER HALF mit einer Melange aus Power-, Speed- und melodischem Thrash Metal. Aus vier Alben und zwei EPs hatte man ein gut funktionierendes Set zusammengestellt, das mir meist dann am besten mundete, wenn es flotter zur Sache ging. Sänger Vo spielte zugleich die Leadgitarre, für Bewegung auf der Bühne sorgten Bassist Simon Hamilton und der kahlgeschorene zweite Gitarrist Daniel Packovski. Beide waren unermüdliche Aktivposten und insbesondere Packovski untermalte sein Spiel mit einer derart emotionalen Mimik, dass es schien, als fühle er jeden angeschlagenen Ton bis ins Mark. Zudem suchte er immer wieder die Nähe zum Publikum. Das verstärkte die Wirkung der Musik auf mich, von der mir insbesondere „Falling“ im Ohr geblieben ist.  DARKER HALF sind eine astreine Liveband, die den Großteil der Anwesenden überzeugt haben dürfte. Geheimtipp!

Geoff’s Gonna Get Close

GEOFF TATE hatte ja mal den Ruf einer charakterlich nicht ganz einfachen Metal-Diva weg, doch während seinerzeit bei den Thrashern von DESTRUCTION ein Absperrgitter vor der Bühne angebracht werden musste, gab es hier keine solcher Sperenzien: Tate hatte kein Problem mit unmittelbarem Publikumskontakt und präsentierte sich, wie bereits 2018 im Gruenspan, als sonorer Gentleman. Allerdings musste man recht lange warten, bis er und seine Band die Bühne überhaupt betraten, offenbar wollte man 21:00 Uhr abwarten. Zumindest Teile des Publikums waren schon ungeduldig geworden, vereinzelte Pfiffe hallten durch den Kulturpalast. Dafür war der Jubel umso größer, als Tate mit einer gegenüber dem „Operation: Mindcrime“-Set von 2018 bis auf einen der drei (!) Gitarristen komplett ausgewechselten Band aus jungen internationalen Profimusikern erschien und direkt mit „Walk in the Shadows“ eröffnete. Und sofort war alles da: nicht nur die Bühnenpräsenz und Aura des Prog-Metal-Urgesteins, sondern auch seine Stimme. Die war bestens in Schuss. Irritierend war zunächst das E-Drum-Set, an das ich mich erst gegen Ende des Konzerts gewöhnen habe können, aber immerhin wurde es von einem Menschen aus Fleisch und Blut gespielt. Allerdings sah die Saitenfraktion wie eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus, und ihr Posing machte es nicht unbedingt besser: Das erinnerte mich an B-Movies aus den ‘80ern, in denen ein musikalisch ahnungsloser Regisseur eine Hardrock-Band oder das, was er dafür hielt, für ein, zwei Playback-Szenen aus Komparsen zusammencastete, in irre Klamotten steckte und beim ungelenken Bühnenacting abfilmte. Wessen Idee waren der Lederrock und die Sonnenbrille des Bassisten? Weshalb muss der eine Gitarrist ständig ach so crazy seine Zunge herausstrecken? Wer hat dem anderen Sechssaiter die zu enge Lederjacke herausgelegt?

Aber sie lieferten! Auf fast schon beängstigend perfektionistische Weise stimmte jeder Ton, spielerisch gab sich die Band keinerlei Blöße. „Walk in the Shadows“ drückt natürlich live und laut erst so richtig, und das folgende „I Dream in Infrared“ empfand ich live als wesentlich zwingender als aus der Konserve. Wenn Geoff Tate in den höchsten Tönen und mit ebenso viel Lungendruck wie Gefühl singt, liegt der Fokus ohnehin nur auf ihm. Einstieg geglückt! Das DALBELLO-Cover „Gonna Get Close To You” zählt ohnehin zu meinen Favoriten, neu bzw. für mich wiederentdeckt habe ich im weiteren Verlauf das für dieses Album ungewöhnlich schnelle und geradlinige „Surgical Strike“ sowie das ergreifend gesungene (und gepfiffene!) „I Will Remember“. Zwischendurch berichtete Geoff, dass es schon lange einer seiner Träume gewesen sei, dieses Album einmal komplett live zu performen, und davon, wie es damals von der Kritik aufgenommen worden sei: als irgendwie düster, futuristisch, grüblerisch. Mit dem Verklingen des letzten Albumtons endete dieses beeindruckend dargebotene Stück Hochkultur, das man in einer recht langen Pause zu verarbeiten Gelegenheit bekam.

Das über weite Strecken etwas luftiger und lockerer, vor allem weniger düster rockende „Empire“-Album, im Spätsommer 1990 erschienen, war ein großer kommerzieller Erfolg für QUEENSRŸCHE. Das textsicherere Publikum sang alle Refrains begeistert mit, bis noch in der ersten Hälfte plötzlich die P.A. ausfiel. Geschlossen verließen Geoff und seine Band die Bühne, während vermutlich fieberhaft an einer Problemlösung gearbeitet wurde. Nach einigen bangen Minuten ging’s glücklicherweise weiter, und weder auf die Spielfreude noch auf die Publikumsreaktionen schien der Zwischenfall spürbare Auswirkungen gehabt zu haben. Geoff griff, je nach Song, auch mal zum Schellenkranz und zum Saxophon; zwischendurch plauderte er über die Pandemie und wie er sie (mit viel Wein) überstanden habe, um mit einer amüsanten Anekdote zur Megaballade „Silent Lucidity“ überzuleiten. Nach dem letzten Song lobte er Hamburg und ging über in den Zugabenblock, der angesichts zwei durchgespielter Alben mit „Last Time In Paris“, „Take Hold Of The Flame“ und der geilsten „Queen Of The Reich“-Version, die ich jemals gehört habe, noch einmal recht üppig ausfiel. Value for money (bei ohnehin äußerst fairem Eintrittspreis)!

So endete erst gegen 23:45 Uhr eine Show, die für meinen Geschmack etwas weniger durchchoreographiert hätte sein dürfen, aber zweifelsohne über die gesamte Dauer großartige musikalische Unterhaltung bei perfektem Sound bot. GEOFF TATE in Topform – viel besser hätte meine Konzertsaison nicht eingeläutet werden können. Schwer begeistert trat ich den Rückweg an und zog mir per Mobilfon gleich noch mal das „Rage For Order“-Album rein. Ob er wohl auch einmal mit dem ersten Album und der ersten EP auf Konzerttour gehen wird…?

Cinema-Sonderband Nr. 9: Sex im Kino ’84 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex sells – das wusste man Mitte der 1980er auch in der Redaktion der Hamburger Filmzeitschrift Cinema. Deren Sonderhefte/-bände Nummer 6 bis 9 trugen die Titel „Erotik im Film – Kino der Lüste“, „Sex im Kino ‘83“, „Sexstars“ und „Sex im Kino ’84“, um das es hier gehen soll.

Unschwer zu erkennen, handelt es sich um den Nachfolger von „Sex im Kino ‘83“, wenn auch in leicht abgespeckter Form: Auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die eigenartige Kapiteleinteilung des Vorgängers, auch der Portraitteil, der sich mehr oder weniger verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten des erotischen Films gewidmet hatte, entfällt. Stattdessen geht es nach einem Inhaltsverzeichnis in diesem erneut 132-seitigen, großformatige Softcover-Band Schlag auf Schlag mit vermutlich nicht nur den „Höhepunkten“ des Erotikgenres, die uns der Titel verspricht, sondern schlicht allen nach Dafürhalten der Redakteure als ihm zugehörig kategorisierbaren Filmen, die 1984 (oder 1983, da nimmt man’s nicht so genau…) in den deutschen Kinos (wieder-)aufgeführt wurden. Konkret bedeutet das jedoch, dass ärgerlicherweise wieder nicht zwischen Erotik-/Softsex-Filmen und Pornos unterschieden wurde, die hier munter durcheinandergewürfelt wurden. Harmlose Komödien mit Erotik-Touch oder Fantasy-Streifen wie „Die Mächte des Lichts“ oder „Das Duell der Besten“ finden sich hier wie selbstverständlich zwischen HC-Fleischfilmen.

Jeweils ein bis sechs Seiten lang werden hier Filme wie „Erste Sehnsucht“, „Flashdance“ (!), „Sunshine Reggae auf Ibiza“, „Gwendoline“, „Das Mädchen von Triest“ und „Eis am Stiel“, Teile IV und V, vorgestellt, wobei auf allzu viel Text zugunsten großzügiger Abbildungen von Filmszenen verzichtet wird. Neben dem Jahreskatalogeffekt, über den dieses Buch verfügt und der in Zeiten von durchsuch- und filterbaren Internetdatenbanken weitestgehend uninteressant geworden ist, machen diese knackscharfen Fotos den eigentlichen Reiz des Buchs aus, das damit aber zu nicht viel mehr als einem Bildband degradiert wird. Beim überwiegenden Teil der Texte handelt es sich nämlich um keine Rezensionen oder gar kritische Reflektionen, sondern lediglich um knappe Inhaltsangaben inklusive hin und wieder einem wertenden Adjektiv. Diese werden um ein paar Stabangaben ergänzt, bei denen diesmal nicht einmal die Produktionsjahre angegeben werden.

Seltsamerweise finden sich auch hier wieder Einträge, die sich nicht verifizieren lassen: In keiner Datenbank habe ich Filme wie „Patricia – Das süße Früchtchen“ (Regie: angeblich Raymond Lewin) oder „Ein Sommer voller Liebe“ (Alba Gran) finden können. Aus Walter Molitors Porno „Supergirls for Love“ macht man „Supergirls in 3-D” und gibt als Regisseur einen Amato Beceli an. Kritische Worte findet man immerhin zum von der Fassbinder-Crew gedrehten Exploitationfilm „Insel der blutigen Plantage“, um nur ein paar Seiten weiter bei der Inhaltsangabe zu „Das Frauenlager“ gleichgeschlechtliche Beziehungen in einem Atemzug mit Brutalität, Misshandlungen, Vergewaltigungen und einigem negativ Konnotierten mehr zu nennen. Puh. Apropos: Auffallend ist die relativ hohe Anzahl an Frauengefängnisfilmen, die offenbar seinerzeit ins Kino drangen.

Viel mehr Erkenntnisse lassen sich diesem kruden Sonderband jedoch nicht entnehmen, sodass ich mein Fazit zum Vorgänger mit angepasster Jahreszahl wiederholen kann: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1984 hingegen vollkommen ungeeignet.

Frank Schäfer – Talking Metal: Headbanger und Wackengänger. Die Szene packt aus

Nachdem sich der Braunschweiger Dr. phil. Frank Schäfer in „Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur“ dem Literaturbetrieb gewidmet hatte, spürte der Autor, Journalist und ehemalige Musiker im 2011 im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf veröffentlichten „Talking Metal“ wieder seiner zweiten großen Leidenschaft nach: dem Hardrock und Heavy Metal.

Über rund 270 gebundene Seiten zwischen zwei festen Deckeln im illustrierten Schutzumschlag erstrecken sich diesmal keine Essays oder Rezensionen, sondern Interviews mit 15 Protagonistinnen und Protagonisten der Szene. Vom Produzenten und ehemaligen HEAVEN‘S-GATE-Gitarristen Sascha Paeth und der CRIPPER-Sängerin Britta Görtz über den Musikwissenschaftler Dietmar Elflein, den Metal-aus-Ostdeutschland-Kenner Christian Heinisch, den Radiomoderator Jakob Kranz und den Bandlogo-Gestalter Christophe Szpajdel bis hin zum Online-Rezensenten Björn von Oettingen, dem Roadie Henrik Schwaninger, dem A&R-Manager Markus Wosgien und dem Verleger Matthias Mader, nicht zu vergessen dem Buchautor Matthias Penzel, dem Coverkünstler Axel Hermann, dem Wacken-Open-Air-Chef Thomas Jensen oder dem Printredakteur Götz Kühnemund, reicht das ebenso überraschend wie angenehm breite Spektrum, das das Buch abdeckt.

So erhält man also Informationen aus erster Hand sowie zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen des metallischen Teils des Musikgeschäfts und der headbangenden Subkultur. Die jeweils mit einer Vorstellung und Einordnung des jeweiligen Gesprächspartners respektive der Gesprächspartnerin eröffnenden Interviews sind weniger klassischer Natur wie beispielsweise in Musikzeitschriften, sondern wesentlich ausführlicher und entwickeln sich meist zu Gesprächen, bisweilen gar Diskussionen, auf Augenhöhe. Dietmar Elflein wird von Schäfer zuweilen gar in Grund und Boden gequatscht, bevor es dann etwas arg musiktheoretisch wird. Im Gespräch mit Britta Görtz geht Schäfer u. a. Fragen nach Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nach, was 2011 noch nicht allgegenwärtig oder gar en vogue war. „Ostbeauftragter“ Christian Heinisch spielt bei GORILLA MONSOON, hat eine Diplomarbeit über Heavy Metal verfasst und ist etwas zu jung, um noch den Metal zu DDR-Zeiten erlebt zu haben, kann über die Nachwendezeit aber berufen aus dem Nähkästchen plaudern. Im Gespräch mit dem Roadie Henrik Schwaninger irrlichtern beide Gesprächspartner ein bisschen bei der Definition von Speed Metal, aber Schäfer fordert ihn auch mit ein paar Spitzen heraus und versteht es, möglichst konkrete Antworten zu seinem Beruf aus ihm herauszukitzeln.

Schwer irritiert hat mich, was von Oettingen, Mitarbeiter einer Promo-Agentur und Betreiber des Online-Fanzines „Metalglory“, aus seinem Alltag berichtet. Das klingt alles eher danach, wie man es gerade nicht machen möchte bzw. sollte, nämlich nach purem Stress, der mit Musikgenuss oder Spaß am Schreiben und Rezensieren nicht mehr viel gemein zu haben scheint. Himmel! Oder vielmehr: Hölle! Ernüchternd auch das Gespräch mit Szene-Schreiberling Matthias Mader, hier in erster Linie in seiner Eigenschaft als Verleger metallischer Bücher mit dem Iron-Pages-Verlag. Dass es derart schwierig ist, mit Metal-Literatur höhere Absatzzahlen zu erreichen, hätte ich nicht gedacht. Das Gespräch mit A&R-Manager Markus Wosgien entbehrt leider jeder Kritik an von seinem Label gehypten Dünnbrettbohrern wie SABATON – da wäre es sicher interessant gewesen, einmal zu fragen, inwieweit Szenegroßlabels mit dem gezielten Pushen bestimmter Bands eigentlich Einfluss auf die Szenelandschaft nehmen. Auch dem Wacken-Häuptling hätte man gern mit ein paar kritischeren Fragen auf den Zahn fühlen dürfen, Ansätze gäb’s genug. Und wie sehr Penzel ausgerechnet die 1990er-Dekade abfeiert, ist im Metal-Bereich sicherlich eher ungewöhnlich.

Gewohnt gut aufgelegt ist der damalige Chefredakteur des Rock-Hard-Magazins und heutiger Böss des Deaf Forever, Götz Kühnemund, mit dem Schäfer übers Altern im Metal plaudert, wobei Götz zahlreiche Fußballvergleiche anstrengt. Dokumentiert ist hier auch, dass Judas Priest damals als nicht unbedingt in Würde gealtert galten (was sich längst wieder geändert hat). Es gibt in diesem Schmöker noch weit mehr zu entdecken, beispielsweise das letzte Kapitel, in dem Schäfer mit seinem Alter Ego Fritz Pfäfflin in Klausur geht, sich also selbst interviewt. Diesen Kunstgriff nutzt er u. a., um sich hinsichtlich der Auswahl der Gesprächspartner(innen) zu erklären und so ganz nebenbei noch eine Rezension des ANVIL-Albums „Juggernaut of Justice“ ins Buch zu schmuggeln.

Schäfers leidenschaftliches, ehrliches Interesse beschert eine Vielzahl angenehm zu lesender Gespräche, die auch für jemanden wie mich, der seit zig Jahren mehrere Musikzeitschriften aus dem härteren Sektor im Abo hat, einige neue Erkenntnisse, interessante Perspektiven und streitbare Ansichten vermitteln, gerade weil der Fokus nicht auf Musikerinnen und Musiker gerichtet ist. Irgendwo hat sich ein „Gravedigger“ (statt GRAVE DIGGER, Digger!) eingeschlichen, und weshalb der Verlag wie bereits für Schäfers „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ auf Lemmy Kilmister fürs Cover zurückgriff, obwohl auf S. 64 festgestellt wird, dass jener mit Metal gar nicht so viel zu tun habe, erschließt sich einem erst, wenn man Maders Ausführungen zu Buchverkaufszahlen gelesen hat. Das ändert aber nichts am positiven Gesamteindruck, der mir das Gefühl vermittelt, dass „Talking Metal“ vielleicht tatsächlich gleichermaßen für Szenekenner wie für Außenstehende, die etwas über die Szene abseits von Bandporträts erfahren möchten, geeignet ist.

Benedikt Eppenberger / Daniel Stapfer – Mädchen, Machos und Moneten. Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich

Wer sich fürs europäische Genre-Kino interessiert und/oder auf Exploitation-Filme steht, dürfte vermutlich früher oder später auf den Namen Erwin C. Dietrich stoßen. Alle anderen hingegen eher nicht, und das ist schade, denn Dietrichs sich auf über 100 Filmproduktionen erstreckendes Schaffen dürfte eigentlich für jeden aufschlussreich sein, der sich für Kinohistorie interessiert. Abhilfe schafft da dieses edel aufgemachte, großformatige, gebundene, vollfarbige und mit Schutzumschlag versehene Buch aus dem Verlag Scharfe Stiefel, das dort im Jahre 2006 erschien und sich auf rund 200 Seiten aus hochwertigem Glanzpapier reichbebildert Dietrichs Lebenswerk als Filmemacher (Urania-Film, Elite/Ascot), Filmverleiher (Avis, Ascot-Elite) sowie Erotikfilm- und Multiplex-Pionier widmet. Laut den Autoren basiert es auf ausführlichen Interviews mit Dietrich persönlich, was die unheimliche Detailfülle erklärt.

Auf ein Vorwort Jess Francos, jenem Spanier und besessenen Vielfilmer, mit dem Dietrich einige erfolgreiche Erotik- und Sexfilme realisierte, folgt chronologisch aufgearbeitet Dietrichs berufliche Vita. Es ist die eines Mannes, der sich auf Grundlage seines eigenen Arbeitsethos von bescheidenen Anfängen Stück um Stück organisch hochgearbeitet hat und nicht immer, aber oft den richtigen Riecher für Film- und Publikumstrends hatte – und gut mit Geld umzugehen verstand. Natürlich sind seinerzeit viele auf der Erotik- und Sexfilmwelle als Folge der sexuellen Revolution mitgesurft, doch Dietrich war früher als viele andere am Start und häufig einfach besser. Seine Filme sind alles andere als perfekt, verfügen aber oftmals über wesentlich mehr Charme, Verve und/oder Inspiration als beispielsweise die direkte bundesdeutsche Konkurrenz mit ihren peinlichen Machwerken, was besonders retrospektiv auffällt. Pornos hingegen hat Dietrich stets abgelehnt (aber dennoch einen in der Filmographie).

Eppenbergers und Stapfers wohlsortiert in Kapitel unterteilte Buch liest sich fesselnd und spannend, nicht zuletzt, da auch Dietrichs Fehlentscheidungen und Krisen nicht ausgespart werden, und weil sie die popkulturelle Gesamtsituation der jeweiligen Zeitabschnitte einbeziehen und einschätzen – sodass sich Dietrichs Beiträge zu ihr besser einordnen lassen. Partner und Weggefährten Dietrichs wie George Morf, Peter und Walter Baumgartner, Werner Zeindler, Euan Lloyd, Paul Grau, Wilhelm Sigg u. a. werden mit ausführlichen Lebensläufen vorgestellt; es geht also nicht nur um Dietrich, sondern um Dietrich und sein ganzes Konglomerat. Dem umstrittenen Women-in-prison-Sujet wird ebenso ein Exkurs zuteil wie dem Jugendfilm-Verleih (S. 129, sehr lesenswert…), die „Mad Foxes“-Story hingegen hätte deutlich detaillierter ausfallen müssen – immerhin einer der unglaublichsten Filme der Welt! Schade auch, dass auf die Hintergründe der den Film höchst amüsant torpedierenden „Django Nudo“-Synchronisation gar nicht eingegangen wird.

Sexfilme oder meinetwegen auch einen Porno hin oder her, der eigentliche Sündenfall Dietrichs war die Zusammenarbeit mit dem faschistoiden Briten Lloyd für einen Propagandafilm (ausgeführt auf S. 128). Mit Lloyd zusammen hatte Dietrich auch den Söldnerfilm „Die Wildgänse kommen“ umgesetzt, der einen Kinotrend auslöste, der im Buch sehr anschaulich beschrieben wird. Am Schluss darf man sich noch an einem Exkurs in die Schweizer Lichtspielhausgeschichte erfreuen, denn auch dieser liest sich interessanter, als man vielleicht vermuten würde, und stimmt auch einen Bundesdeutschen ein bisschen nostalgisch. Natürlich hat das Buch noch weit mehr zu bieten; schließlich offenbart es ein bedeutendes Stück Trivialfilmgeschichte, das unbedingt einmal erzählt werden musste. Zur Anwendung kommt dafür ein der schweizerischen Rechtschreibung gehorchendes, gutes Deutsch, das qualitativ über so manche Filmbuchveröffentlichung aus bspw. dem MPW-Verlag herausragt und nur wenige, erstauflagentypische Fehler aufweist.

Ein Schmöker, der einlädt, Dietrichs Œuvre selbst einmal im Heimkino aufzuarbeiten – zumindest ausgewählte Stücke daraus…

Die friedliche, freiheitliche und demokratische Revolution Rostock ’89 – Erlebnisberichte der Akteure und Photographien von Siegfried Wittenburg

Die friedliche Revolution in der DDR und die Wende waren bemerkenswert, was daraus schließlich wurde hingegen eine Farce – so weit, so bekannt. Der Rostocker Fotograf Siegfried Wittenburg war seinerzeit mittendrin und hat so viel wie möglich mit seiner Kamera festgehalten. Somit kann er auf ein beträchtliches Fotoarchiv aus der Zeit des Umbruchs in der Stadt an der Ostseeküste zurückgreifen, das er u.a. für dieses Buch öffnete. Wittenburg brachte es im Selbstverlag im Jahre 2009 heraus, und es macht äußerlich einiges her: Die rund 80 Seiten bestehen aus festem Kartonpapier und stecken im festen Einband zwischen zwei stabilen Deckeln. Großflächige Schwarzweißfotos werden von Erlebnisberichten 14 verschiedener damals Beteiligter ergänzt, das Layout ist luftig und zum Lesen einladend. Große wie kleine Bilder sind jeweils mit Orts- und Jahresangaben versehen, der Großteil stammt – logisch – aus dem Jahre 1989.

Die Texte vermengen überlieferte jüngere deutsche Zeitgeschichte mit subjektiven Erlebnisberichten – und sind der Schwachpunkt dieses Bands. Einer der Autoren ist Joachim Gauck, Pfaffe und Bundespräsident a.D., dessen generell antisozialistische Haltung auch in den Berichten der anderen Verfasserinnen und Verfasser durchschimmert. So lassen diese auch keinerlei kritische Distanz erkennen, weder zu Gauck, den sie meist bei seinem Spitznamen „Jochen“ nennen, noch zu den Folgen des Beitritts der DDR zum Staatsgebiet der BRD. Man feiert sich in erster Linie selbst und möchte das alles natürlich als Mahnung und Lehre für jüngere Generationen verstanden wissen, wie Wittenburg in seinem zweiseitigen Nachwort sinngemäß schreibt.

Dafür sind die (ein paar Tippfehler aufweisenden, vermutlich also unlektorierten) Texte jedoch zu subjektiv, einseitig und vermitteln zu wenig geschichtliches oder politisches Hintergrundwissen. Im Kapitel um die Grenzöffnung am 9. November 1989 beispielsweise werden Egon Krenz und seine Rolle dabei mit keiner Silbe erwähnt, dafür jedoch eine komplette Seite für ein Foto einer Anti-Krenz-Karikatur aufgewandt. Mit Verlaub, aber das mutet schon etwas geschichtsvergessen und tendenziös an.

Wittenburgs Fotos sind wichtige Zeitdokumente eines Staats im Umbruch, der in der weiteren Konsequenz zu seinem Niedergang führte, und somit sehens-, ausstellens- und druckenswert. Zum Lesen würde ich (nicht nur) jüngeren Generationen jedoch andere Lektüre nahelegen.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – „…anarcho-terroristische Kräfte“. Die Rote Armee Fraktion und die Stasi

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch dieser 116-seitige Band im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier aus dem Jahre 2017, der sich dem Umgang des MfS mit westdeutschen RAF-Terroristinnen und -terroristen widmet. Hierfür wurden die Scans zahlreicher MfS-Akteneinträge abgedruckt, die seitens des BStU komplett unkommentiert bleiben. Dafür führt jedoch ein dreiseitiges Vorwort ins Thema ein und versucht sich an einer Auslegung der aus den Unterlagen gewonnenen Erkenntnisse. Die Dokumente wurden in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Kapitel („Anfänge“, „Beobachtung und Aufklärung“, „Projekt Übersiedlung“, „Unterstützung“ sowie „Verschleierung und Distanzierung“) aufgeteilt, denen jeweils ein kurzer Text mit geschichtlichen und politischen Hintergründen vorangestellt wurde. Im Anhang finden sich ein Abkürzungsverzeichnis und BStU-Kontaktdaten.

So erhält man also einen unmittelbaren Eindruck, wenngleich die Auswahl der abgedruckten Akten durch den BStU getroffen wurde. Wer glaubt, das MfS habe sich über die Aktionen der RAF und ähnlicher Organisationen gefreut, weil man schließlich einen gemeinsamen Feind habe, und eine aktive terroristische Zusammenarbeit gegen die BRD und die Nato gefördert, sieht sich anhand dieser Lektüre getäuscht: RAF und Konsorten wurden als Sicherheitsrisiko erachtet und „individueller Terror“ abgelehnt, ihre Mitglieder so gut es eben ging beobachtet und überwacht. Verschlug es eine westdeutsche Terroristin respektive einen ebensolchen Terroristen in die DDR, wurde sie oder er verhört. Die RAF suchte im Laufe der Zeit aktiv die Unterstützung durch die DDR, Asyl erhielt man letztlich jedoch nur gegen Wissens- und Informationstransfer. Zehn unter neuer Identität in der DDR lebende Aussteigerinnen und Aussteiger fielen einer totalen Überwachung durchs MfS anheim und wurden zur Zusammenarbeit mit der Behörde gezwungen (was indes nicht immer funktioniert hat).

Ab Seite 41ff. gibt es einen interessanten vom MfS aufgestellten Vergleich der Entführungen Hanns Martin Schleyers durch die RAF und Aldo Moros durch die italienischen Roten Brigaden, der zeigt, wie genau man diese Ereignisse analysierte. Der Paradigmenwechsel des MfS, tatsächlich Aussteigerinnen und Aussteiger zu DDR-Bürgerinnen und -Bürgern zu machen, erfolgte im Jahre 1978 und lässt sich anhand der abgedruckten fiktionalen Lebensläufe Silke Maier-Witts und Monika Helbings sowie Berichten über die Eingliederungsprozesse, Enttarnungen und Neueingliederungen Maier-Witts und Susanne Albrechts nachvollziehen. Das sind einerseits tiefe Einblicke in Privatbereiche dieser Frauen, ist aber auch eine hochinteressante Kalter-Krieg-Lektüre (die, wie auf S. 70, leider dort abbricht, wo es besonders spannend wird). Bis zur endgültigen Enttarnung im Zuge der Auflösung der DDR zieht sich eine sehr distanzierte Haltung des MfS gegenüber der RAF, auch ihrer jüngeren Generationen bzw. Inkarnationen, durch die Akten, während im Vorwort zum letzten Kapitel von „aktiver Komplizenschaft“ die Rede ist. Das kann man vielleicht so nennen, wenngleich man sich darunter wohl doch noch etwas anderes vorstellt – und auch die RAF-Leute sich etwas anderes vorgestellt hätten – als das, was sich tatsächlich ereignete.

Somit bietet dieser Auszug aus dem „Stasi-Archiv“ durchaus erhellende Einblicke in einen Themenkomplex, der sich als weit weniger aufregend und politisch brisant herausstellt, als es medial vermittelt mitunter den Eindruck hat.

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts Megakatastrophen

Die Erlebnisse des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung gehen in die nächste Runde: Nach „Berts heimlichen Katastrophen“ sind es nun gar „Megakatastrophen“, die die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson im siebten Band der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe beschreiben, die Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr enthalten. Die humorige Coming-of-Age-Reihe ist von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschienen. Olsson und Jacobsson versetzen sich in die Gefühlswelt ihres Protagonisten und versuchen diese so wiederzugeben, wie a) er sie in einem Tagebuch niedergeschrieben hätte und b) sie ein jugendliches Publikum mit ähnlichen Voraussetzungen erreichen, das sich mit der Figur identifizieren kann. „Berts Megakatastrophen“ ist in Schweden 1994 und in der deutschen Übersetzung 1997 veröffentlicht worden.

Seit ich an einige aus einer Bibliothek ausgemusterte Bände der Reihe gekommen bin und mich irgendwann zögerlich an sie herangewagt habe, versuche ich, mir wenigstens einmal ein Jahr den jeweils nächsten Band zu Gemüte zu führen. Auch dieses siebte „Bert“-Buch verfügt über eine neugierig machende, bunte Zeichnung auf dem Buchdeckel und bringt es mit rund 160 recht groß geletterten und mit einigen comicartigen Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdings versehenen Seiten auf zehn mehr als der Vorgänger. Die Einträge sind nicht mehr mit Datum versehen, knüpfen aber wieder unmittelbar an den Vorgänger an. Bert besucht nun die neunte Klasse und ist erst 15, später 16 Jahre jung. Er hat keine Freundin, aber ein Auge auf diverse Mädchen in seinem Umfeld geworfen.

Je älter Bert wird, desto mehr bin ich geneigt, ihm den zuvor etwas zu geschliffenen Schreibstil abzunehmen und weniger die erwachsenen Autoren dahinter zu sehen. Bert berichtet seinem Tagebuch von seinem Ferienjob in der Keksfabrik und später vom Sexualkundeunterricht sowie von seinen Kämpfen gegen Spontanerektionen. Seine Band, die Heman Hunters, löst sich auf, wird über einige Umwege aber gleich neu gegründet. Seine Einträge schließt er jeweils mit einem „Gedicht des Tages“, die leider allesamt sehr verzichtbar sind. Viel besser gefällt mir die Bezeichnung „ekliger Geilhuber“ für einen Lehrer, der zu eng mit einer Siebtklässlerin tanzt. „Seine“ Schreibe verfügt über lakonischen Humor und wird manchmal regelrecht sarkastisch, teils auch ein bisschen vulgär. Von Sex schreibt er (bzw. schreiben Olsson und Jacobsson bzw. Übersetzerin Birgitta Kicherer) als „bimpern“ – Freunde, das heißt immer noch „pimpern“! In einem Kapitel wie „Eine Nachricht aus dem Unbekannten“ um eine an die Klowand geschmierte Telefonnummer wirkt Bert unrealistisch naiv, in „Ein Diktator wird geboren“ geht’s dafür durchaus hintergründig um Parteipolitik.

Völlig aus dem Rahmen fällt die Krebserkrankung, die Mitschüler Björna plötzlich erleidet. Die humoristische Geschichte über Schimmelbefall der gesamten Schule ist spätestens dann grenzwertig, wenn Bert Björnas Erkrankung damit in Verbindung nimmt. Das nimmt dem Buch seine Leichtigkeit und ich weiß nicht, ob es das wirklich gebraucht hätte. Ansonsten denkt Bert ständig an Mädchen und Sex, doch dazu kommt es hier nicht – das gesamte Buch über hat er nie eine Freundin. Das ist irgendwie enttäuschend, aber, hey – auch durchaus realistisch. Gegen Ende lernt er seine alte Bekannte Nadja neu kennen und verknallt sich gleich in sie, wobei die Initiative tatsächlich von ihr ausging. Wird sie sein erster Stich? Zur Beantwortung dieser Frage werde ich wohl den nächsten Band zur Hand nehmen müssen.

Da der Fremdschamfaktor von den Autoren, die einen Pubertierenden imitieren, mit den „Megakatastrophen“ (so, wie eigentlich intendiert) zu Bert übergegangen ist und dort seine kathartische Wirkung entfachen kann, wird dafür vielleicht nicht wieder ein ganzes Jahr ins Land ziehen, wenngleich es sicherlich zuhauf spannendere, lustigere, oder abgedrehtere Jugendliteratur ähnlicher Ausrichtung gäbe – nur befand sich diese eben nicht ausgemustert im Tauschschrank. Und ein Auftrag ist ein Auftrag…

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 8: 1965 – 1966

Einmal mehr versammelt der Hamburger Carlsen-Verlag auf rund 330 Seiten sämtliche je vierpaneligen Zeitungsstrips und großformatigen Sonntagsseiten der „Peanuts“-Comicreihe aus der Feder des US-Amerikaners Charles M. Schulz. Die gebundene Werkausgabe Nr. 8 fasst in chronologischer Reihenfolge die unkolorierten deutschen Übersetzungen der Jahre 1965 und ’66 zusammen und bietet diesmal dem Literaturkritiker Denis Scheck die Vorwortbühne, die er nutzt, um zu erklären, weshalb er die „Peanuts“ gruselig findet und welche Comics er (nicht) mag. Gary Groths Nachwort ist inzwischen ebenso hinlänglich bekannt wie der Stichwortindex und vor allem das Glossar hilfreich sind, erläutert letzteres doch die Inhalte einiger für heutige Mitteleuropäer nicht mehr unbedingt selbsterklärenden Gags und weist es zudem auf Unterschiede zwischen Original und deutscher Übersetzung hin.

Und es war wieder einiges los im „Peanuts“-Kinder-Mikrokosmos: Linus’ bedauernswerte Lehrerin Fräulein Othmar erleidet einen Nervenzusammenbruch, Charlie Brown lernt die Tücken der Prokrastination kennen – und Snoopy die erste Liebe! Leider bereitet die Beagle-Hündin, die man – Parallele zum kleinen rothaarigen Mädchen? – nie zu Gesicht bekommt, ihm tierischen Liebeskummer. Eigentlich eine Winterbekanntschaft, trifft Snoopy sie im Sommer noch einmal wieder. Charlies Drachen steigen genauso schlecht wie im Vorjahr und die neue Baseball-Saison geht genauso kläglich verloren, natürlich fällt er auch wieder auf Lucy herein, die ihm einen Football hinhält, dafür tauchen aber erstmals Skateboards (1965!) auf. Und im Frühjahr (genauer: am 2. Mai 1965) beginnt Charlie wieder über das kleine rothaarige Mädchen zu sinnieren, während Schröder sich mittlerweile Lucys Anwesenheit beim Klavierüben verbittet. Wer hier verliebt ist, ist’s in den oder die Falsche(n).

Snoopy arrangiert ein Familientreffen seines Wurfs und kehrt konsterniert zurück, verlässt gar seine Hütte für ein Vogelpaar, zieht aber bald wieder ein und etabliert mit seinen schriftstellerischen Ambitionen (stets beginnend mit „Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“) einen neuen Running Gag. Die Vogelküken auf Seite 65 sehen übrigens erstmals aus wie Woodstock, doch bis zu dessen Debüt muss man noch ein paar Jährchen warten. Am 10. Oktober 1965 beginnt Snoopys Jagd auf den Roten Baron und damit einer der tollsten Standards der „Peanuts“-Historie: Ein Hund mit Helm und Fliegerbrille, der sich auf seiner Hundehütte sitzend in Weltkriegsabenteuer fantasiert. Im Frühjahr 1966 spielt er gar Fremdenlegionär Beau Geste aus dem gleichnamigen Film bzw. Roman nach, wie es – vermutlich später – auch sein „Kollege“ Droopy einst tun sollte. Sogar zum Surfer avanciert der Tausendsassa zwischenzeitlich.

Kein „Peanuts“-Halloween ohne den „Großen Kürbis“, an den Linus nach wie vor unbeirrt glaubt. Sally macht das durch, was früher viele Kinder ertragen mussten, heutzutage aber gänzlich verschwunden scheint: Sie muss eine Zeitlang eine Augenklappe tragen. Als wiederkehrende Figur wird Roy eingeführt, den erst Charlie und später Linus im Ferienlager kennenlernt. Bedeutender ist jedoch Roys Freundin, die am 22. August 1965 auf den Plan tritt und seither aus den „Peanuts“ nicht mehr wegzudenken ist: Peppermint Patty, eine der liebenswürdigsten Figuren des Ensembles! Die Snoopy-Strips ab dem 19. September 1965 haben einen traurigen Hintergrund: So, wie Snoopys Hundehütte ein Raub der Flammen wird, wurden es kurz zuvor Schulz’ Keller und Atelier – einer der vielen interessanten Hintergründe, die das Glossar vermittelt.

Dass ausgerechnet Charlie Brown Schülerlotse wird, ist eine weitere überraschende Entwicklung, die diese zwei Jahre abrundet. Zwei Jahre, in denen entscheidende Weichen auch für die weitere Entwicklung der Reihe gestellt wurden, was sich vor allem im „Roten Baron“ und Peppermint Patty, jener neuen, enorm charismatischen weiblichen Figur, widerspiegelt. Hand in Hand gehend mit Schulz’ angenehmem, oft hintergründigem oder nachdenklichem bis melancholischem Humor bieten all die kleinen und großen Geschichten dieses Bands eine ebenso aufschluss- und erkenntnisreiche wie vergnügliche Comic-Zeitreise, wie gewohnt in optimaler Form von Carlsen dargereicht.

Jari Banas – Das Kapital. In Farbe

Karl Marx‘ „Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.“ erschien im Jahre 1867 und besitzt noch immer Gültigkeit, wird jedoch kaum noch von jemandem gelesen. Um Marx‘ Ergebnisse seiner Forschungen in Bezug auf Wirtschaft und Politik allgemeinverständlich zu abstrahieren, erschien 1974 mit „Geschichten vom Doppelcharakter. Der erste Band des ‚Kapital‘, gezeichnet & kommentiert von K. Plöckinger & G. Wolfram“ im Hamburger VSA-Verlag eine erste Comic-Adaption. Diese nahm der finnischstämmige, in Goch aufgewachsene Zeichner und Autor Jari Banas als Grundlage für seine 1980 ebendort veröffentlichte Comic-Version, die mehrere Neuauflagen erfuhr und 2018 anlässlich Marx‘ 200. Geburtstags als aktualisierte und vollkolorierte Fassung in einer rund 170-seitigen Softcover-Ausgabe erschien.

Enthalten sind die 25 ursprünglichen Kapitel sowie ein knapper vorangestellter Prolog, der zur Bewältigung der Finanzkrise 2008 die Lektüre des „Kapitals“ empfiehlt, und die beiden Ergänzungen „30 Jahre später“ sowie „Marx kommt wieder“. Im anarchischen Funny-Stil der Politcomics der ‘70er und ‘80er, grob à la  Seyfried und Konsorten inklusive deren heutzutage mitunter ein wenig überholt erscheinenden urwüchsigen Simplizität und etwas groben Lagereinteilung der politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage, gelingt es Banas, mittels vielen einfachen Beispielen und Allegorien den Einstieg in Marx‘ Werk zu erleichtern, die Grundlagen zu vermitteln und nach und nach in etwas komplexere Bereiche vorzudringen. In der konkreten Umsetzung heißt das, dass ein rauschebärtiger Marx zwei unbedarften Kindern – und damit den Leserinnen und Lesern – seine Erkenntnisse vermittelt, wobei es häufig durchaus frech, provokant oder auch emotional zur Sache geht. Der Humor – Marx mit Stinkefüßen und ähnliche Albernheiten – ist dabei mitunter etwas schräg und gewöhnungsbedürftig.

Das ergänzte Kurzkapitel „30 Jahre später“ greift den Siegeszug des Internets auf, während die wesentlich längere Aktualisierung „Marx kommt wieder“ konkreten Bezug auf aktuelle politische Ereignisse und Verwerfungen nimmt und eine inhaltlich anknüpfende Brücke zur Erstausgabe aus dem Jahre 1980 schlägt. Bei allen Versuchen, die Zeitlosigkeit des „Kapitals“ hervorzuheben und dessen Inhalt auf die Gegenwart zu übertragen, bleiben dennoch einige Fragen offen. Als ein Beispiel sei genannt, was eigentlich mit Menschen ist, die nicht selbst produzieren, aber trotzdem weder über Kapitel noch Produktionsmittel verfügen – diese finden hier schlicht nicht statt. Ebenso wenig übrigens der real existierende Sozialismus, von den Gründen seines Scheiterns ganz zu schweigen. Darauf wird mit keiner Silbe eingegangen, allen Bemühungen, jüngere zeitgeschichtliche Entwicklungen zu berücksichtigen, zum Trotz.

Das ist etwas schade, soll aber niemanden von der Lektüre abhalten, der sich gern einmal auf vergnügliche, unterhaltsame Weise an „Das Kapital“ heranwagen möchte, weil er sich aus nachvollziehbaren Gründen vor dem Originaltext scheut – denn prinzipiell empfinde ich es als ein sehr ehrenwertes Unterfangen, die Comicform zwecks Vermittlung komplexer Sachverhalte zu wählen. Ein niedrigschwelliger Einstieg dürfte hiermit möglich sein.

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