Die im MPW-Verlag erschienene achtbändige „Simple Movie Porträt“-Reihe widmete sich weiblichen Erotikfilm-Ikonen wie Laura Gemser, Gloria Guida und Traci Lords. Für die 2009 erschienene Nr. 6 verpflichtete man kino-zeit.de-Redakteur Laurenz Werter, sein Wissen über die am 1. April 1947 als Ingrid Anita Stengert geborene Ingrid Steeger zur Verfügung zu stellen, die ihre Karriere als Schauspielerin 1966 begann und in den 1970ern zum Softerotik-Filmstar wurde, bevor sie mit der Sketchreihe „Klimbim“ auch das Fernsehen eroberte.
Auch diese Ausgabe ist eine Mischung aus Bildband und Informationssammlung: Auf 84 Hochglanzseiten aus festem, hochwertigem Papier tummeln sich massenweise hochqualitative erotische Fotografien der Steeger, Filmplakate, Aushangfotos und Coverabbildungen, die das Durchblättern zu einem ästhetischen Vergnügen machen und Frau Steeger in der Blüte ihrer körperlichen Entwicklung festhielten. Nach einem Vorwort erwartet den über die rein visuellen Reize hinaus Interessierten eine wirklich schön und respektvoll geschriebene Biographie Steegers, bevor sich Werter auch kurz ihrer langjährigen Freundin und Filmpartnerin Elisabeth Volkmann widmet (die leider viel zu früh gestorben ist und der TV-/Kinolandschaft fehlt). Herzstück auch dieses Bands ist die ausführliche Filmographie inkl. Stab- und Inhaltsangaben, die tatsächlich jeden Spielfilm mit Beteiligung Steegers, und sei es nur in einer kleinen Nebenrolle, chronologisch sortiert aufführt – von „Karriere“ über die Kollaborationen mit Erwin C. Dietrich bis hin zu TV-Produktionen bis ins Jahr 2006, abgerundet von einem kurzen Abriss über den österreichischen Sexfilm-Regisseur Ernst Hofbauer. Steegers TV-Auftritten wird darüber hinaus ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem auch ihre Gastauftritte in TV-Serien Erwähnung finden, was als eine Art Überleitung zum ausgiebigen Abschnitt über die Sketch- und Comedy-Serie „Klimbim“ fungiert, die die Steeger endgültig ins heimische Wohnzimmer brachte und dafür sorgte, dass sie wirklich bald jeder kannte. Fast schon zuviel des Guten ist da ein kompletter Episodenguide, der jede einzelne „Klimbim“-Episode beschreibt. Und wer sich wunderte, weshalb man sich speziell Hofbauer widmete, Dietrich jedoch nicht, hatte offenbar nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut: Das Magazin schließt mit einer fünfseitigen Abhandlung zum Grenzen überschreitenden, Pionierarbeit leistenden schweizerischen Produzenten und Regisseur.
Wer sich auch nur ansatzweise für die Erotikfilm-Epoche der 1970er im Allgemeinen oder Ingrid Steegers filmisches Werk im Speziellen interessiert, bekommt hier also eine geballte Flut an Informationen. Sicher, vieles wird lediglich angerissen, dient jedoch als Orientierungshilfe und lässt sich mithilfe anderer Quellen mühelos vertiefen. Und auch ohne einen einzigen ihrer Filme gesehen zu haben, gewinnt man einen Eindruck der Filmproduktionswelt, in der sie damals agierte und darf sich manch Titel auf der Zunge zergehen lassen: Report- und Kolle’sche Aufklärungsfilme treffen auf „Bumsfallera in Kitzelhausen“, „Die goldene Banane von Graf Porno“ und „Mädchen, komm, die Liebe juckt“. Sonderlich wählerisch schien sie damals nicht gewesen zu sein, Erwin-C.-Dietrich-Produktionen wie „Ich, ein Groupie“ dürften qualitativ noch am ehesten herausstechen. Damit zeichnet dieses Heft anhand der Steeger gewissermaßen auch ein Sittenbild der damaligen Zeit nach, zwischen Freizügigkeit und Verklemmtheit, sexueller Revolution und Frauenfeindlichkeit, körperlichem Selbstbewusstsein und Ausbeutung bis hin zu schmutzigen Lolita-Phantasien älterer Männer – was nicht wirklich Thema dieses Porträts ist, sich anhand der Filme aber sicherlich gut nachvollziehen ließe und insbesondere aus heutiger Sicht eine spannende Entdeckungsreise bedeuten könnte, für die sich diese Filmographie als hilfreich erweisen dürfte.
Doch der MPW-Verlag wäre nicht er selbst, hätten sich nicht wieder zahlreiche Fehler eingeschlichen: In Bildunterschriften wird aus Steegers Dietrich-Debüt gleich mehrmals „Ich, ein Groubie“, ohne dass es jemanden aufgefallen wäre, aus „Massagesalon der jungen Mädchen“ wird „[…] der unschuldigen Mädchen“ und das RTL-Dschungelcamp heißt mitnichten „Holt mich hier raus – ich bin ein Star“. Stilblüten und Flüchtigkeitsfehler finden sich doch einige, was einmal mehr darauf schließen lässt, dass MPW am falschen Ende gespart und aufs Korrekturlesen verzichtet hat. Schade, denn das hat Ingrid Steeger wirklich nicht verdient. Gar nicht wieder ein bekommt sich Werter angesichts des „Die Betthostessen“-Werbespruchs „Junge Mädchen – gut zu Vögeln“, mal mit großem, mal mit kleinem „v“ zitiert und für den anscheinend unter einem Stein gelebt habenden Autor offenbar ein grandioses, unerreichtes Wortspiel… In der Vorschau auf die nächste Ausgabe lässt sich erahnen, dass es Edwige Fenech nicht viel besser ergangen ist, hat sie doch angeblich in „Your Vice Is a Closed Room and Only I Have the Key“ mitgespielt – peinlich, peinlich… Doch dazu später mehr.

Den vorläufigen Abschluss meiner Auseinandersetzung mit Wende-Comics sollte „Das UPgrade“ bilden, ohne zu ahnen, dass es sich lediglich um den ersten Band einer auf zehn Teile angelegten Reihe handelt, die Autor Ulf S. Graupner und Co-Autor/Zeichner Sascha Wüstefeld in einem Zeitraum von zehn Jahren veröffentlichen wollen und von dem bereits drei erschienen sind. Und beim mir vorliegenden, wunderschönen großformatigen, gebundenen und vollkolorierten, 64 Seiten umfassenden Band, der im März 2015 im Cross-Cult-Verlag erschienen ist, handelt es sich auch keineswegs um die Erstveröffentlichung: 2012 verlegte bereits der Zitty-Verlag die ersten beiden Bände, der dritte folgte in Eigenveröffentlichung. Im Cross-Cult-Verlag erfolgte 2015 also so etwas wie ein größer angelegter Neustart.
Mad-Stammzeichner Al Jaffees dritter Auftritt im Taschenbuchformat erschien 1974 im US-amerikanischen Original, 1978 in seiner deutschen Übersetzung. Der Titel suggeriert, dass es sich um eine Sammlung von Horrorgeschichten handeln würde, was jedoch nicht den Tatsachen entspricht. Zumindest bemühte man sich aber, möglichst schwarzhumorige Cartoons Jaffees auf den rund 160 Schwarzweiß-Seiten abzubilden. Diese teilen sich in 20 unterschiedlich lange Kapitel auf, aufgelockert durch „Kurz-Knüller“ genannte Einseiter. Die Kaptitel wurden jeweils mit „Die grausige Geschichte (würg!)…“ übertitelt und nehmen mal Monster-Klischees parodistisch aufs Korn, sind häufig jedoch auch typisch alberne, überzeichnete Cartoons mit mal besserem, mal schlechterem, jedoch stets pointiertem Ausgang für die Figuren. Nicht wenige kommen dabei ganz ohne Sprechblasen aus, was das Durchblättern natürlich beschleunigt. An die Qualitäten von tatsächlichen Jaffee-Specials zu einem bestimmten Themengebiet oder gar seinen „klugen Antworten auf dumme Fragen“ kommt diese Ausgabe nicht heran, ein kurzweiliges Vergnügen ist’s jedoch allemal – vorausgesetzt, man kann mit Jaffees bisweilen hintergründigem, meist jedoch betont absurdem Humor etwas anfangen.
Die schweizerische Comiczeichnerin und Illustratorin Kati Rickenbach ist Mitherausgeberin des Comicmagazins „Strapazin“ und veröffentlichte 2007 auf ihr Engagement für die Comicserie „Zyri“ im „Züritipp“-Stadtmagazin hin ihre erste Graphic Novel „Filmriss“ im Verlag Edition Moderne. Auf rund 80 in Graustufen gehaltenen, handgeletterten Seiten zwischen festen Einbanddeckeln erzählt sie die Geschichte der jungen Erwachsenen Lela, die nach einer Party mit einem Knutschfleck aufwacht, sich jedoch an nichts erinnern kann und versucht, die Ereignisse der letzten Nacht zu rekonstruieren. Die Leserinnen und Leser folgen ihr dabei auf eine Reise durch Partys und Flirts, ungesunde zwischenmenschliche Beziehungen, Verunsicherung und Wut bis hin zu Wahnsinn und Verzweiflung. Eine Attraktion des Bands ist der verschachtelte Erzählstil mit seinen vielen Perspektivwechseln und Rückblenden, der zu einer spannenden Geschichten heranwächst, die letztlich alle Handlungsfäden zusammenführt – weshalb über diese hier nicht mehr verraten werden soll. Im karikierenden, eigenwilligen, aber nicht uncharmanten Funny-Stil kann die ironische bis sarkastische Leichtigkeit der blocktextfreien Zeichnungen und Dialoge nicht übertünchen, dass hier ins Gegenteil verkehrt wird, was gemeinhin als Inbegriff von jugendlichem/adoleszentem Spaß, als sorgenarmes Freizeitvergnügen gilt. Das starre Grid-Korsett mit je acht Panels pro Seite wirkt wie die Grenze einer Realität, der die Figuren ohne Aussicht auf Erfolg zu entkommen versuchen. Ein Spiegelbild einer Generation? Das weiß ich nicht. Ich würde es Rickenbach aber vorbehaltlos abkaufen, wenn das, was sie hier verarbeitet, ausnahmslos auf realen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, weshalb einem das Lachen insbesondere zum Ende hin gleich mehrmals im Halse stecken bleibt. Beachtlich ist zudem, wie es ihr gelingt, all dies auf lediglich 80 Seiten komprimiert wiederzugeben. Ein hoffnungsvoll stimmendes Debüt über Hoffnungslosigkeit aus der Perspektive eines gesellschaftlichen Mikrokosmos, der damit zu kämpfen hat, sich damit abzufinden.
Da hat man wirklich etwas in der Hand: Auf rund 110 gebundenen Seiten in mattem, festem Papier zwischen großformatigen Hardcover-Deckeln erstreckt sich der Comicband der Hamburgerin Isabel Kreitz, der 2011 im Dumont-Verlag veröffentlicht wurde. 52 Geschichten auf je einer Doppelseite bilden „prägende Ereignisse deutscher Nachkriegsgeschichte“ (Zitat: Einband) zwischen 1949 und 2008 ab, wobei die linke Seite jeweils kurze, prägnante Erläuterungen enthält und die rechte Seite Kreitz’ naturalistischem, doch unverkennbarem, begeisterndem Zeichenstil vorbehalten ist. Aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Tragödien rekrutieren sich ihre meist satirisch, ironisch oder sarkastisch erzählten Geschichten, für die sie dem Volk aufs Maul geschaut hat und es versteht, durchaus hintersinnig deutsche Befindlichkeiten zu Papier zu bringen. Beginnend mit Thomas Manns erstem Besuch Nachkriegsdeutschlands über die deutsche Teilung, den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, die „Spiegel“-Affäre, JFKs Berlin-Auftritt und die Einführung des Farbfernsehens bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung, den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern, den Abzug der Roten Armee, der „Love Parade“, der Einführung des Euros und der Finanzkrise bietet „Deutschland. Ein Bilderbuch“ ein buntes Potpourri an Erinnerungen. Drei, vier mal kommt sie dabei komplett ohne Sprache aus, teilweise arbeitet sie mit Collagen statt klassischem Panel-Aufbau, Fotomontagen und gezeichnete Bildzitate von Personen, Plakaten, Zeitschriften und Werbung sorgen für Zeitkolorit und Authentizität. Manch Handlung wirkt durch eine Vielzahl an Sprechblasen unruhig und verwirrend, zwingt dadurch in der Rezeption zu intensiverer Auseinandersetzung. Die Leserinnen und Leser werden auf Mikroebenen geleitet; einzelne Dialoge oder Momente vor dem Hintergrund größerer Ereignisse stehen im Mittelpunkt der Geschichtchen, die häufig, jedoch nicht immer den richtigen Ton treffend ausgefallen sind (was natürlich genau genommen ohnehin sehr subjektiv ist). Die Farbgebung wird tendenziell immer bunter und freundlicher, was zwei Interpretationsmöglichkeiten zulässt: Die Visualisierung des Vergangenheits-/Gegenwartcharakters, bei der sich der graue Schleier der belasteten deutschen Vergangenheit immer stärker lichtet, oder aber das Aufgreifen der Materialästhetik alten Foto- und Filmmaterials im Vergleich zu jüngeren technischen Möglichkeiten.
Henseler/Buddenberg zum Dritten: Nach „Grenzfall“ und „Berlin – Geteilte Stadt“ erarbeiteten sie im Jahre 2012 einen dritten Lehrcomic zur deutsch-deutschen Geschichte, indem sie die populärste Geschichte um einen Fluchttunnel von West- nach Ostberlin aufgriffen und, im Gegensatz zu den Franzosen Jouvray und Brachet in „Fluchttunnel nach West-Berlin“, weitestgehend realitätsgetreu abbildeten. Ihr Comic wurde zunächst im Rahmen der von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderten Ausstellung „Tunnel 57“ im Tunnel der Berliner U-Bahnstation Bernauer Straße ausgestellt und erschien 2013 und 2014 in zwei Auflagen als Buch mit zahlreichen weiterführenden Informationen, Interviews, Lehrmaterialien etc., 2016 schließlich als 34-seitige reine Comicbroschüre im Christoph-Links-Verlag. Die letztgenannte Ausgabe liegt mir vor. Wie „Berlin – Geteilte Stadt“ ist sie als Bildungscomic insbesondere auf junge Leser und den pädagogischen Einsatz ausgerichtet.
Auch Frankreich trug einen Stein zum Wende-Comic-Mosaik bei: Autor Olivier Jouvray und Zeichner Nicolas Brachet veröffentlichten 2014, also pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Maueröffnung, ihre Graphic Novel im Delcourt-Verlag, die noch im selben Jahr von Annika Wisnieswki ins Deutsche übersetzt und im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums vom Avant-Verlag als rund 60-seitiger, großformatiger und vollfarbiger Hardcover-Band verlegt wurde. Damit ist „Fluchttunnel nach West-Berlin“ der bisher einzige mir bekannte ausländische Beitrag zum Themenkomplex. Jouvray und Brachet zeigen sich fasziniert vom raffiniert ausgeklügelten und mit viel Hirnschmalz und Muskelkraft realisierten Tunnelbau von West- nach Ostberlin, durch den 1964 57 Menschen die Flucht aus der DDR gelang. Dieses Ereignis inspirierte sie zu einer Geschichte, in der Kunststudent Tobias seine jüngere Schwester Hanna zu sich in die BRD holen möchte und in seinem Freund Mathias jemanden findet, der sich nach anfänglichem Desinteresse bereiterklärt, ihm zusammen mit zahlreichen weiteren freiwilligen Helfern dabei zu helfen, weil er sich in Hanna nach einem persönlichen Kennenlernen verguckt hat.
Wie die Wende-Comics
„Treibsand“ ist einer der Comics (bzw. Graphic Novels), die zum 25-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, also 2014, erschienen. Gezeichnet von Kitty Kahane und erdacht sowie getextet von Max Mönch und Alexander Lahl, die – obwohl selbst Zeitzeugen – im Vorfeld zahlreiche weitere Zeitzeugen befragten, wurde auch dieses Werk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert. Der rund 180-seitige broschierte Band erschien im Metrolit-Verlag.