Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 6 of 29)

Berni Wrightson / Stephen King – Creepshow

„Swamp Thing“-Zeichner Berni Wrightson setzte für diese im US-Original im gleichen Jahr wie die Filmvorlage, nämlich 1982, erschienene Comic-Adaption des von Stephen King geschriebenen Episoden-Horrorfilms „Creepshow“ alle fünf Storys in einem tollen realistischen Zeichenstil um. Seine Frau Michelle übernahm die Kolorierung. Die deutsche Ausgabe erschien im Jahre 1989 als 64-seitiges Softcover-Album im Bastei-Verlag, und zwar vollfarbig und handgelettert.

Der eine oder andere Rechtschreibfehler und der Verzicht auf Seitenzahlen sind die einzigen Mängel dieser Literatur- bzw. Spielfilm-Adaption, durch die der moderige „Schocker“ als Erzähler führt und die kurzweilige Horrorcomic-Unterhaltung auf hohem Niveau bietet – meines Erachtens durchaus auch für diejenigen, die mit Kings Kurzgeschichten in Prosaform bzw. mit dem Spielfilm bereits vertraut sind. Ein wunderbares Fundstück.

Ully Arndt / Gunter Baars – Larry: Total verrockt!

Die anthropomorphe Ratte Larry kannte ich noch aus der „Bravo“, wo sie eine Weile als eine Art Maskottchen fungierte und, wenn ich mich recht entsinne, ihre Comic-Geschichten Anfang der 1990er abgedruckt wurden. Diese stammen von Zeichner Ully Arndt und Texter Gunter Baars, die vor allem für ihre „Ottifanten“ bekannt sind. Die „Larry“-Abenteuer kompilierte der Kieler Semmel-Verlach im Jahre 1992 zu diesem ausgesprochen hübschen, vollfarbigen, rund 50-seitigen Hardcover-Album, das, wie die eingekreiste „1“ auf dem Titel verrät, eigentlich den Auftakt zu einer Reihe bilden sollte, zu der es aus mir unbekannten Gründen aber nie kam. Bei diesem Band handelt es sich um einen glücklichen Flohmarktfund.

Larry ist ein arbeitsscheuer Frauenheld, der auf laute Rockmusik steht und zudem die einzige anthropomorphe Figur in seiner Welt, worüber sich aber keiner der Menschen wundert. Die fünf wichtigsten Figuren – neben Larry sind dies dessen netter, aber auch langweiliger Mitbewohner Eberhard, der ein Medizinstudium absolviert, Larrys Freundin Babsie, Hausmeister Klotzig und Eberhards Mutter Frau Bockmüller – werden einführend vorgestellt. Bei den Comics handelt es sich dann um vergnügliche, einseitige, jeweils in sich abgeschlossene Funnys. Das Motiv des Babys, auf das Larry aufpassen muss, erstreckt sich jedoch über mehrere Seiten; Running Gags sind das leidige Treppenputzen, dem Larry eigentlich nachkommen müsste, es aber so gut wie nie tut, sowie der Umstand, dass er stets unabsichtlich wie ein Sittenstrolch erscheint, wenn Eberhards Mutter zu Besuch kommt.

Arndt zeichnete sich einen Gastauftritt und lässt Larry einmal die vierte Wand durchbrechen, aber alles spielt sich geordnet innerhalb einer sehr übersichtlichen Panelstruktur ab. „Larry“, als Jugendcomic konzipiert, karikiert typische Generationskonflikte und damit einhergehende Klischees auf unterhaltsame, sympathische Weise. Ein paar Rechtschreibfehler haben sich eingeschlichen und leider verzichtete der Verlag erneut auf Seitenzahlen, aber das sind nur Randnotizen.

Larry Konterfeit zierte ab der zweiten Hälfte der 1980er auch eine Tonträgerreihe, die sich jedoch auf aktuelle Pop- und Dancefloor-Charthits fokussierte und damit wenig zum in den Comics vermittelten Bild passt.

Guido Sieber – Des Engels letzter Fall

Nachdem die ersten beiden Alben des Berliner Illustrators, Zeichners und Malers Guido Sieber innerhalb der Thurner „Edition Kunst der Comics“ erschienen waren, wechselte er für sein drittes Werk „Des Engels letzter Fall“ zum Kieler Semmel-Verlach, der es im Jahre 1992 veröffentlichte. Mit seinen 144 Seiten fällt dieser im Innenteil komplett in Schwarzweiß gehaltene Hardcover-Band wesentlich wuchtiger aus als Siebers vorausgegangene Arbeiten.

Aufgeteilt auf 14 Kapitel, erzählt Sieber eine gewohnt misanthropische, wilde und tabulose Comic-Mischung aus asozialem Hardboiled-Detective-Krimi, Höllenvision und Blasphemie in seinem ihm eigenen Zeichenstil inklusive verwarzter, grotesker, unförmiger Körper, reichlich Geschlechtsorganen, ein bisschen Ekelsex und einigem Sadismus. Gut zu wissen: In der Hölle gibt’s einen Punkschuppen – nur Sid Vicious sollte man besser nicht anrotzen. Der Humor ist tiefschwarz, der Inhalt abstoßend und anziehend zugleich.

Leider finden sich keinerlei Seitenzahlen und haben sich einige fiese Rechtschreibfehler eingeschlichen. Wer Sieber mag, wird natürlich dennoch seine fragwürdige Freude an diesem Teil haben – ich zumindest hatte ihn und freue mich schon auf seinen vierten Comic.

Comic Spiegel Extra: Erotische Geschichten 2

In den Jahren 1985 und 1986 erschienen im Reiner-Feest-Verlag zwei „Comic Spiegel“-Sonderausgaben als Softcover-Alben. Die erste Ausgabe ist mir unbekannt; die 40 Seiten umfassende zweite hingegen nimmt man schon mal mit, wenn sie einem der Comichändler quasi hinterherwirft und einen das schöne cyberpunkige Cover anspricht.

Das Editorial informiert darüber, dass es sich um einen Bonus zur ersten Ausgabe handelt, was auch erklärt, weshalb keine weiteren dieser Sonderausgaben erschienen. Die erste Geschichte lautet „Die Thailänderin“ und stammt von Dethorey und Giroud, die es bei semirealistischen Schwarzweißzeichnungen belassen, aber eine sehr zweckdienliche, dynamische Panelstruktur verwenden. Inhaltlich geht es um den in einem asozialen Milieu angesiedelten Versuch einer Gruppenvergewaltigung einer Thailänderin, der grandios scheitert – gefällt! Schwarzweiß geht’s auch mit Krugs „Autobahn-Blues“ weiter, einer abgefahrenen, nicht auf Anhieb verständlichen Geschichte um Homosex auf einem Raststättenklo und eine Vergewaltigung, die nicht abgebildet wird. Erotische Sexzeichnungen, meist heterosexueller Natur, illustrieren die großflächigen Panels in ihrem dunklen, realistischen Stil zusätzlich. Farbe kommt in Vatines und Cléments „Offenbarungen“ in Spiel, einem noch abgefahreneren Mystery-Erotikdrama um einen Aktfotografen, der sich plötzlich selbst auf den Fotos der Modelle wiederfindet – und um tödliche Eifersucht. Den realistischen Zeichenstil innerhalb der aufgebrochenen Panelstruktur dominieren kalte Blau- und satte Rottöne.

In beinahe farbfotorealistischem Stil zeichnet Andreas Marschall „Um Mitternacht“, eine fast wortlose Vampirparty und Pointe, die mit der Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit zusammenhängt. So wirken Teile der vier Seiten wie eine Fotocollage. In äußerst detailverliebten, dem Realismus verhafteten Schwarzweißzeichnungen innerhalb die Größen betreffend flexibel, letztlich aber doch streng angeordneten Panels erzählt Males „Die kleine Prinzessin“, eine im New Orleans der 1920er-Jahre spielende Geschichte: Ein Mann verliebt sich in eine Prostituierte, nimmt sie mit nach New York, wird aber Opfer der Eifersucht eines anderen. Die eigentliche Pointe ist der Schlussmonolog ihres… Hurensohns. Fonts schwarzweißer Schraffurstil in „Die Erotic-Sisters“ wirkt detailliert und verschmutzt zugleich, was zur Wildwest-Story passt: Ein Kerl (wohl ein Gangster oder Sträfling, dies wird leider nicht klar) riskiert alles, um einem Auftritt der „Erotic Sisters“ in einem Stadtsaloon beiwohnen zu können. Dass er all die Mühen für letzteres, also etwas vergleichsweise Unbedeutendes, auf sich nimmt, ist die aberwitzige Pointe.

Mouniers „Der Apfel“ bildet den Abschluss dieses Albums, eine eigenartige, etwas seltsam konstruierte Fortsetzung der Paradiesvertreibungsgeschichte aus der christlichen Mythologie in Fonts Stil nicht unähnlichen Zeichnungen. Alles in allem also ein bunter Mix mit eher wenig echter Erotik, aber einem interessanten Überblick über damalige, unterschiedliche Herangehensweisen ans Thema, in dem sowohl Gewalt als auch Wehrhaftigkeit eine Rolle spielen. Mit dem Cover hat aber leider keine der Geschichten etwas zu tun.

Wolfgang Sperzel – Sperz beiseite!

Das dritte Album des deutschen Funny-Comiczeichners Wolfgang Sperzel umfasst erneut rund 50 Seiten im Softcover und erschien im Jahre 1993 im Semmel-Verlach (Neuauflagen bei dessen Nachfolger Achterbahn). Es handelt sich um kein Comicalbum im klassischen Sinne, sondern um eine Zusammenstellung jener Arbeiten, die Sperzel seinerzeit für Werbekunden gezeichnet hatte.

„Sperz beiseite!“ enthält sowohl farbige als schwarzweiße Arbeiten, leider erneut keine Seitenzahlen, aber einen selbstironischen Vorwort-Comic, in dem Sperzel einen Vorgesetzten des Verlags zu Wort kommen lässt und in dem er auch sein Maskottchen, die Rüsselzwergsau, unterbringt. Komplett ohne Text kommt eine sechsseitige irre Kettenreaktion – seine Spe(r)zialität – auf dem Bau aus, die als Pointe eine Endlosschleife suggeriert. Drollig sind die Kalendermotive für die Hamburg-Münchener. Für Modelleisenbahn-Hersteller Märklin fertigte er diverse tolle Arbeiten an und druckte hier u.a. seine Lokomotivskizzen ab. Wer der Auftraggeber war, steht jeweils dabei, so auch bei seinen Mensch- und Tierkarikaturen, die häufig als Wimmelbilder angelegt sind. Auch ein Schallplattencover hat er gestaltet. Am unteren Seitenrand beginnt mittendrin eine witzige, den Alltag in einer Druckerei karikierende Geschichte, die sich bis zum Schluss durchzieht. Das Album schließt mit einem Kurzporträt Sperzels.

Damals, also 1993, hätte ich vermutlich keine 19,80 DM hierfür ausgeben wollen; heute erfreue ich mich umso mehr an diesen liebevoll konzipierten und gezeichneten Beispielen für gelungene Werbung, wie es sie heutzutage leider kaum noch gibt. Als Kind hatte mich so etwas immer sehr angesprochen und das ist auch heute noch so. Danke, dass du die oft so dröge Werbewelt ein bisschen bunter und lustiger gemacht hattest, Wolfgang!

Dennis Diel / Marco Matthes – Gonzo. Die offizielle und autorisierte Biografie von Matthias Röhr

Die knapp 400 Seiten umfassende Biografie des Gitarristen Matthias „Gonzo“ Röhr erschien als Paperback im Jahre 2019 im Hannibal-Verlag. Gonzo schrieb nicht selbst, sondern stand Dennis Diel und Marco Matthes Rede und Antwort, die aufmerksam zuhörten, mitschrieben und das Ergebnis anschließend von Gonzo autorisieren ließen. Es ist die erste Buchveröffentlichung der beiden.

Auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen zu überraschen: Ich halte große Stücke auf Gonzos Gitarrenspiel; er war derjenige, der in den rauen, chaotischen und nicht immer wohlüberlegten Anfangszeiten (um es vorsichtig auszudrücken…) der bis heute nicht unumstrittenen Band Böhse Onkelz den Unterschied machte und sich feine Melodien aus dem Ärmel schüttelte, wo der Rest der hiesigen Konkurrenz noch eher schrubbte und schrammelte. Seither hat er sich immer weiterentwickelt, über Metal-Riffs und Soli hin zu einem eigenständigen Hardrock-Stil, der zahlreiche internationale Einflüsse aufgreift und verarbeitet.

Im von Gonzo geschriebenen Vorwort des in achtzehn Kapitel aufgeteilten Buchs fragt er allen Ernstes, ob es tatsächlich genügend zu erzählen gebe. Das ist entweder ein Understatement-Versuch oder aber ein Indiz für meine Theorie, dass den Onkelz bis auf Stephan ihre Bedeutung für so viele Fans gar nicht vollumfänglich bewusst ist. Im anschließenden Prolog reißt Diel, ausgehend von der Beschreibung eines Moments während eines Konzert auf Schalke, kurz seine eigene Entdeckung der Band an und skizziert, nicht frei von Pathos, eben jene Bedeutung derselben, verteilt Medien-, System- und Gesellschaftsschelte und stimmt auf den Inhalt ein.

Jedes Kapitel beginnt mit einer ganzseitigen Schwarzweiß-Illustration, wobei Gonzo (oder einer der Autoren?) gleich im ersten dem Gerücht anheimfällt, beim Bandnamen Kiss handle es sich um eine Abkürzung von „Knight in Satan’s Service“. Laut Kiss-Bandmitgliedern sei dies völliger Unfug, der im US-Bible-Belt kolportiert worden sei und sich anschließend weiterverbreitet habe. Aber das nur am Rande. Man erfährt von Gonzos ersten musikalischen Schritten mit den Bands Headliner und Sinner – und wie er wirklich zu seinem Spitznamen kam. Headliner-Bandkollege Norbert kommt ebenso zu Wort wie Gonzos jüngerer Bruder Martin. Musikalisch war Gonzo seinerzeit noch sehr ‘60er-Jahre-sozialisiert, wurde dann aber vom Virus der nach Deutschland schwappenden Punk-Welle infiziert. Ein einschneidendes Erlebnis war der folgenschwere Umzug mit seiner Familie aus einer Mittelstandsgegen in die Frankfurter Bonames-Ghettos. Sein jüngerer Bruder Karsten wurde dort depressiv und drogenabhängig. Die Böhsen Onkelz lernte er als Gast bei deren ersten Gig im Bockenheimer Jugendzentrum kennen – und gründete daraufhin erst einmal seine eigene Band Antikörper.

Bald jedoch folgten der Einstieg bei den damals noch völlig dilettantischen Onkelz und nicht lange darauf die Metamorphose vom Punkrocker zum Skinhead, der nächsten Jugendsubkultur, die von England aus Deutschland erreichte. Unabhängig davon stets allgegenwärtig: die Gewalt. Gonzo behauptete sich auf hartem Pflaster. Während des Wehrdienstes wurde er Matrose bei der Marine. Interessantes Detail: Der damals für die Subkultur so wichtige Song „Stolz“ wurde von Gonzos englischer Freundin Michelle geschrieben und von Gonzo ins Deutsche übersetzt. Positive Einflüsse auf Gonzo hatten Trimmi, ein enger Vertrauter der Band, sowie seine spätere Ehefrau Verena, die ebenfalls zu Wort kommt. Die Onkelz landen beim Ein-Mann-Label „Metal Enterprises“ und kommen damit vom Regen in die Traufe. Ein schöner Diss gegen die Nazideppen-Band Kahlkopf darf dabei nicht fehlen. Seinen Horizont erweitert Gonzo auf einer fünfwöchigen USA-Reise mit Onkelz-Bandkopf Stephan und dessen Frau Pia im Frühjahr 1988.

Unschöne Kapitel sind Onkelz-Frontmann Kevins beginnende Drogenabhängigkeit und Trimmis Tod. Die Band wechselt erfolgreich zu Bellaphon und spielt für diese auch ihr erstes Livealbum „Live in Vienna“ ein. Köstlich sind dabei die Anekdoten aus Wien, davon hätte man gern mehr gelesen – generell hätte etwas mehr Humor dem Buch sicherlich nicht geschadet. Leider endet die Erzählung noch vorm Gig abrupt. Gonzo scheint dem Livealbum – meinem damaligen Einstieg ins Œuvre der Band – nicht sonderlich viel Bedeutung beizumessen. Zugegeben: Angesichts der Qualitätssteigerungen auf späteren Livezeugnissen kann man es ihm nicht verdenken. Meine Auffassung, dass die Band mehr als die Summe ihrer Teile ist, bestätigt er dafür indirekt. Mittlerweile schreiben wir Anfang der 1990er, weitere Stationen des Buchs sind – natürlich – die nächsten Alben, der Charterfolg, die Pressekonferenz mit Cohn-Bendit, die (Jahre zu spät kommenden) Vorwürfe aus Politik und Medien, die die Band zusammenschweißen, und leider auch die zunehmenden Probleme mit Kevin. Erfreulicher als diese: Die Virgin-Phase, die Hochzeit und der Nachwuchs. Und Platz 1 sowie Gold binnen 48 Stunden für das Album „Viva los tioz“.

Da findet sich wieder ein interessantes nerdiges Detail: Mit dem Mix der „Terpentin“-Single ist er unzufrieden. Nicht klar wird, ob dies das ganze Album betrifft – vermutlich ja, der Mix ist schließlich identisch, nur das Mastering evtl. nicht, oder? Die Band hat es jedenfalls endgültig geschafft und zieht kollektiv nach Dublin um, spielt Open Airs mit ihren Vorbildern Rose Tattoo und schreitet zu den Aufnahmen zum „bösen Märchen“. Nach Jahren voller Ablehnung kommt es doch noch zu einer Zusammenarbeit mit MTV, was sich als Fehler entpuppt. Kevin baut seinen ersten schweren, folgenreichen Autounfall, auf Ibiza nimmt man den Gegenpol zum „bösen Märchen“, das sommerliche „Dopamin“, auf, Kevin jedoch schwächelt auf der Tour 2002 zunehmend. Er begibt sich in Entzug und Therapie, aber der Gig im Vorprogramm der Rolling Stones war zu viel für ihn – er vermasselt ihn. Ibiza hingegen hat Gonzo so gut gefallen, dass er dorthin mit seiner Familie umzieht.

Mittlerweile ist der Wälzer verdammt interessant geworden, zumal man sich nun in einem Zeitraum befindet, der von Edmund Hartschs offizieller Band-Biographie „Danke für nichts“ aufgrund ihres Erscheinungsdatums nicht mehr abgedeckt wird. Teils sehr schwierige Themen wie der Entschluss, die Band aufzulösen, werden beackert, sowie das Abschiedsalbum „Adios“ und die zugehörige Tour; Details des Streits zwischen Gonzo und Stephan, zweier starrköpfiger Alphatiere, kommen ans Licht, und Gonzo zweifelt, ob es richtig war, mit der Auflösung eine solch endgültige Entscheidung getroffen zu haben. Mit dem zweitägigen Abschiedsfestival auf dem Lausitzring lässt man’s aber noch mal richtig krachen. Nach dem Split war sogar ein Bandprojekt zusammen mit Kevin und internationalen Musikern geplant, das Kevin aber letztlich absagte.

Weitere Veränderungen im Hause Röhr standen an: Grundstückskauf und Hausbau in Uruguay (!) und die Arbeit am Weltmusik(!)-Soloalbum. Schön, hier seine Begeisterung nachlesen zu können – über die Arbeit mit renommierten internationalen Musikern und die völlige musikalische Freiheit nach Abstreifen des Onkelz-Korsetts. Es folgt die erste Solotour durch Deutschland, bei der man wesentlich kleinere Brötchen backt, und auf seinem zweitem Soloalbum übernimmt er anstelle Charly Huhns gar den Gesang. Mit dem dritten Album leitet er mehr oder weniger überraschend die Rückkehr zum Deutschrock ein, auch die seit dem Onkelz-Split von der Musikindustrie hofierten Kopisten blieben ihm nicht verborgen…

Beispielsweise die Italiener Frei.Wild. Wären gern Deutsche, sind nicht mal Österreicher und nerven trotzdem mit idiotischen nationalistischen Texten über ihr verficktes privilegiertes Südtirol. Insbesondere deren Sänger wanzt sich in der Onkelz-losen Zeit wohl arg an Gonzo heran; dessen Aufdringlichkeit lässt sich zumindest gut zwischen den Zeilen herauslesen. Gonzo freundet sich mit ihm an und arbeitet tatsächlich mit ihm zusammen, was mich damals ziemlich angekotzt hat. Sicher, Gonzo kennt ihn persönlich, ich nicht, aber sein Umgang mit Philipp Burger und Frei.Wild wirkt auf mich sehr naiv und die Band wie ein Versuch, auszutesten, was man Deutschrock-Fans eigentlich so alles vorsetzen kann. All ihre Widersprüche muss man nicht verstehen und auch nicht gutheißen, dass ein Gonzo sich zu Burger herabließ. Zumindest bringt dieses Buch ein wenig Licht in jenes Kapitel und erläutert Hinter- und Beweggründe.

Auf seinem ersten deutschsprachigen Soloalbum war Gonzo noch mit seinem Gesang unzufrieden (ich ebenfalls, gelinde gesagt), das zweite schrieb er zusammen mit Burger. Bei der Buchlektüre ist mein Eindruck, dass so wie Frei.Wild das Methadon für manch Onkelz-Fan war, Burger Gonzos Songwriting-Substitut für Stephan Weidner war. Beruhigend bei alldem:

„Es gab zwar Überschneidungen zwischen Südtirol und Frankfurt, besonders der Umgang mit den Künstlern durch die (mediale) Öffentlichkeit war, aus der Ferne betrachtet, ähnlich. Dennoch, mindestens so deutlich wie die Parallelen schrien einen die Unterschiede zwischen beiden Bands förmlich an.
Dass die Onkelz jeglichen Patriotismus ab 1985 abgelegt hatten, war sicherlich der offensichtlichste. Aber auch, dass sich Matthias, Stephan, Kevin und Pe [die Onkelz – Anm. Günni] nicht als konservative Menschen sahen, die konservative Werte vertraten.
Es gab innerhalb der Onkelz zwar mitunter abweichende Meinungen zu bestimmten politischen Themen, und der eine mochte und konnte sich mehr mit seinen kulturellen und nationalen Wurzeln identifizieren als der andere, aber ihr generelles Weltbild war ein progressives und weltoffenes.“ (S. 348)

Gonzo ist mittlerweile zurück nach Deutschland gezogen, wo der sog. Deutschrock boomt, an dem in diesem Buch immer mal wieder Kritik laut wird. Zum Beispiel:

„Fragwürdige Rumpeltruppen, die das ,Deutsch‘ vor dem ,Rock‘ tatsächlich zu ernst nahmen, wurden über soziale Netzwerke immer größer. Dass deren musikalische und textliche Qualität nicht proportional zu ihrer Popularität mitwuchs, verstand sich von selbst.“ (S. 349)

Nicht nur deshalb scheint es logisch, dass die Band letztlich doch wieder zusammenkommt. Minutiös schildert Gonzo das Zustandekommen der Reunion, seinen Umgang mit Pes initiativer E-Mail und was er dabei fühlte, welche Überlegungen er anstrengte. Er lässt die Leserinnen und Leser an der Planung, bei der die Band das Publikumsinteresse zunächst vollends unterschätzt, ebenso teilhaben wie am Siegeszug mit den gigantischen Open-Air-Festivals, spricht hinsichtlich des Orchester-Klassik-Projekts mit anschließender Tour durch die Orchestersäle von einer weiteren Traumerfüllung und beschreibt die Entstehung des Reunion-Albums „Memento“ sowie die zugehörige Tour, gefolgt von den eigenen „Matapaloz“-Festivals und Stadionauftritten. Das Buch schließt mit der Band auf dem Zenit ihres Erfolgs.

Ich habe jetzt doch sehr ausführlich den Inhalt wiedergegeben (vielmehr grob umrissen, u.a. um später möglichst rasch ohne Griff ins Regal nachvollziehen zu können, was das Buch enthält und mir zumindest erwähnenswert erscheint), komme nun aber zum Fazit. Zunächst einmal das leidige Thema Rechtschreibung, Fehler und Lektorat, erfahrungsgemäß bei Büchern aus kleinen Verlagen oder auch schlicht bei jungen oder unerfahreneren Autoren manchmal so’ne Sache. Achtung also, jetzt folgt der Klugscheißmodus: Das Kleidungsstück heißt Parka, nicht Parker, Assis sind Assistenten, Asoziale hingegen kürzt man „Asis“ ab (zugegeben: sehr verbreiteter Fehler), die Naziterror-Band hieß Skrewdriver (mit k, nicht mit c) und das ‘83er-Demotape war das dritte (es sei denn, die dilettantischen Proberaummitschnitte aus dem ersten Tape werden nicht mehr mitgezählt). Klugscheißmodus aus. Mehr habe ich – bis auf die Kiss-Falschinfo (s.o.) – nicht gefunden. Nicht nur in dieser Hinsicht geht der Daumen hoch, denn die Schwarte ist auch stilistisch wirklich gut geschrieben; das Team um dieses Buch verstand sein Handwerk. Auch die sich über einige Seiten in der Buchmitte erstreckende Fotostrecke ist gelungen, bietet sie doch viel exklusives Bildmaterial.

Kern des Buchs ist natürlich sein Textinhalt. Aus diesem hätte ich gern mehr darüber erfahren, weshalb ausgerechnet die Frankfurter Punkszene im Vergleich zu anderen Städten eine Weile derart anfällig für die Indoktrination von Rechtsaußen war. Dies bleibt auch hier weitestgehend unbeantwortet. Gonzo bestätigt das Bild eines echtes Musiknerds und nennt beispielsweise Fleetwood Macs „Rumours“ als eines seiner Lieblingsalben (was den einen oder anderen überraschen dürfte). Erfreulich ist der offene Umgang mit falschen Entscheidungen und Fehlern. Die Autoren lässt er unabhängig davon gern auch mal über sich schreiben, was für ein toller und integrer Typ er sei, was er selbst wohl kaum so hätte schreiben können, ohne völlig eingebildet zu wirken. Sonderlich intim wird’s nicht, wozu auch passt, dass das Buch stets – außer bei Zitaten – in dritter Person geschrieben ist. Wichtig war ihm offenbar die Selbstdarstellung als Hasser aufgezwungener political correctness und mahnender Zeigefinger in der Musik, der rebellischen, sich mit Politik und ihren Folgen auseinandersetzenden Songtexten aber überhaupt nicht abgeneigt ist, dem bei Gruppenzwang und von außen an ihn herangetragenen Forderungen aber übel wird. So weit, so nachvollziehbar und  rock’n’roll. Letztlich ist’s mir aber zu viel der Unpolitisch-Litanei – denn, mal ehrlich: Wer, wenn nicht Links, tritt denn bitte wirklich nach oben statt nach unten?

Die Stirn runzeln dürfte die Leserschaft vielleicht auch angesichts der heftigen Absage an die Musikindustrie, derer Gonzo und seine Band selbst ein millionenschwerer Teil sind. Dazu muss man wissen, dass das letzte Label die Virgin war und die Band seither komplett auf eigenen Beinen steht, wenn man so will also die größte Indie-Band Deutschlands ist. Dass das Tuch zwischen Gonzo und Stephan derart zerrissen war, war mir vor der Lektüre nicht bewusst. Der Anlass – ein Artikel im Fanclub-Magazin – scheint etwas eskaliert zu haben, dessen Ursache vermutlich in den Egos jener beiden Alphamännchen zu suchen ist. Dieses Buch bringt Licht ins Dunkel, ohne es vollständig auszuleuchten. Die „Onkelz wie wir…“-Neuaufnahme erwähnt Gonzo mit keiner Silbe, sie fiel wohl noch in die Phase der völligen Funkstille. Ob und wenn ja, wie man tatsächlich ohne jeden persönlichen Kontakt zueinander daran gearbeitet hat, wäre interessant gewesen.

All dies ändert nichts daran, dass es sich um ein lesenswertes Buch handelt. Man muss kein Fan Gonzos oder der Onkelz sein, ein gewisses Interesse sollte ausreichen. Wer als Anhängerin oder Anhänger der Immer-schon-gewusst- oder der Verschwörungstheorienfraktion erwartet, hier nun endlich unumstößliche Belege für die politische Rechtsauslegung Gonzos und der ganzen Band zu finden, wird ebenso wenig fündig wie der/die Romantiker(in), der/die vielleicht gehofft hatte, hier aus jedem Kapitel subkulturelle, antikapitalistische Ideale tropfen zu sehen. Stattdessen ist Gonzo wie so viele große Musiker, die gut von ihrer Musik leben können, einerseits auffallend „normal“ und im Alltag vermutlich gedanklich in erster Linie mit seiner Familie beschäftigt oder auch damit, in welchem Winkel der Erde man vielleicht ein neues Grundstück oder ein neues Haus erwerben sollte, andererseits – und das ist das Schöne – noch immer leidenschaftlich mit den kreativen Prozessen der Erschaffung neuer, den eigenen Ansprüchen gerecht werdender Musik beschäftigt. Nicht zuletzt: Keine Alkohol- oder Drogenabhängigkeiten, stattdessen – neben einer unvergleichlichen künstlerischen Karriere – eine intakte Familie mit Kindern. Das gelingt längst nicht jedem, schon gar nicht denjenigen, die aus dieser Szene kommen, und bekanntermaßen ja auch nicht jedem seiner Bandkollegen. Chapeau, Gonzo!

Weiß man aber wie ich mit den Solo- und den Band-Alben seit der Reunion nicht mehr so viel anzufangen, ist man dem ganzen Onkelz-Zirkus vielleicht auch schon länger entwachsen, stürzt man sich sicherlich nicht gleich wie ein Fanboy auf das Buch, sondern wartet, bis es, ähm, gut abgehangen ist. Und wenn man partout keine Zeit für seine Rezension findet, kann es zusätzlich eine gefühlte Ewigkeit dauern, bis diese endlich fertig ist. Dafür fällt sie dann eben etwas länger aus. Wer’s kürzer und vorurteilsbeladener mag, kann ja auf die Kritik im Ox zurückgreifen…

Horrorschocker Grusel Gigant #1

Ha, mein zweiter Weissblech-Comic! Nach „Derber Trash #1“ natürlich wieder ein Sammelband, diesmal aus der Horrorcomicsparte.  Dieser erschien im Jahre 2016 und vereint auf 148 vollfarbigen Seiten im Softcover und Heftchenformat die Inhalte der ersten fünf „Horror Schocker“-Ausgaben mit Ausnahme der Geschichte „Heimfahrt“ aus der Nummer 4. Hierfür werden nicht näher benannte rechtliche Gründe angegeben. Das ist alles sehr farbenfroh; die jeweilige Panelstruktur wurde individuell den Erzählungen angepasst, hier wirkt nichts in Form gezwängt. Für diesen Band wurden das Lettering überarbeitet und Rechtschreibfehler korrigiert – das ist sehr löblich. Wie im großen Vorbild, den in den 1950ern im US-amerikanischen EC-Verlag erschienenen Horrorcomics, gibt es einen Meta-Erzähler, der in die Geschichten einführt und sie zuweilen kommentiert: den Styx-Fährmann Charon.

Los geht’s mit „Unten am Sumpf“, einer schwer an die alten EC-Sumpfgeschichten erinnernden Geschichte über einen Mörder, der Opfer seiner eigenen Tötungsmethoden wird. Was im darauffolgenden „Winter 1389“ als typische mittelalterliche Anti-
Hexenjäger-Story beginnt, gibt mit einer am Schluss gezogenen kruden Parallele den Christen die Schuld am Ausbruch der Pest – als habe es sich um eine Rache der Hexen an ihnen gehandelt. Da bekanntlich nicht nur Christen unter der Seuche zu leiden hatten, scheint mir dies nicht ganz zu Ende gedacht. Bei „Martin der Entdecker“ handelt es sich um eine Geschichte über Massen- und individuellen Abenteuertourismus, zivilisationskritisch und mit herrlich bösem Ende – hier kriegen alle ihr Fett weg.

„Insektentod“ handelt von einem brutalen Gangsterboss, der von Wespen totgestochen wird, nachdem er eines seines Opfer mittels insektenspray umbrachte, gefolgt von Niniwes Fluch, einer längeren, abenteuerlichen Mär über eine antike Totengöttin mit lebenden Leichen, Skeletten – und einem offenen Ende in der Gegenwart. In ihrem Anschluss findet sich mit „Im Tal des Drachen“ eine etwas unspektakuläre Ritter- und Drachen-Story.

Dafür geht’s mit „Der Bote“, die vom Kampf Mensch gegen Ameise – erzählt aus Sicht einer Ameise! – handelt, umso origineller weiter. „Maria!“ entpuppt sich als cooler Rape’n’Revenge-Fetzer mit einer Werwölfin und „Der Schlächter von Oakwood Manor“ als schwarzhumorige Kurzgeschichte um einen Geisterjäger. „Der Bestatter“ zeigt, wie ein ebensolcher zu einem seltsamen Assistenten gelangt.

„El Dorado“ präsentiert Konquistadoren auf ihrer fatalen Suche nach diesem mythischen Ort, hier siegt – wie so oft in diesen Comics – eine höhere Gerechtigkeit. Wiederum nicht der Fall ist dies in „Gute Nacht Geschichte“, einer Geschmacklosigkeit über Alpträume und Kopfschmerzen als Symptome eines Gehirntumors. Im Anschluss erhält Charon eine kurze Origin-Story.

Das letzte Heft des Sammelbands eröffnet mit „Tauwetter“, einem lakonischen Schocker über ein Mordkomplott in einem vereisten Bergsee. „Flurbereinigung“ thematisiert ein Hünengrab, einen ignoranten Bauern und einen vermeintlichen Fluch, der diesen das Leben kostet. In „Der Kuss der Seejungfrau“ begibt sich ein schiffbrüchiger Abenteurer auf die Suche nach einer ebensolchen und in die „Die Wüste lebt!“ fahndet eine Expedition nach einer neuen Spezies, auf die sie auch trifft, aber niemandem mehr über sie berichten kann…

Als Bonusmaterial erhält man drei Seiten Historie über die Heftreihe und einige Hintergrundinformationen sowie „Der Sturm“, eine Geschichte über den Kapitän eines Sklavenschiffs, der sein Ziel knapp verfehlt.

Die mal noch etwas unbehauenen, mal aber auch sehr filigranen und zum Teil hübsch-morbiden Zeichnungen verschiedener Künstler wissen zu gefallen, die mal sarkastische, mal düster-gruselige, mal moritatische oder makabre Erzählweise überzeugt größtenteils und die überwiegend wirklich guten Texte stechen hervor. Liebloser Schund geht definitiv anders und mit dem hommagenartig an EC angelehnten Konzept rennt man bei mir offene Türen ein – wenngleich sich der spezielle Geist der 1950er-Jahre-Originale natürlich nicht ohne Weiteres kopieren und/oder auf die Neuzeit übertragen lässt. In all den Jahren ist es auch nicht leichter geworden, auf diesem Gebiet originell zu sein, und so fallen diese Geschichten und Geschichtchen denn auch etwas weniger erinnerungswürdig als die Klassiker aus. Unterhaltsam und kurzweilig ist die Lektüre aber allemal!

Der beste Horror aller Zeiten

Von 1972 bis 1984 – also mit mehreren Dekaden Verspätung – erschienen die kultigen, dieses Genre begründenden E.C.-Horrorgeschichten in Heftform auch beim deutschen Ableger, dem Williams-Verlag. Dieser veröffentlichte bereits im Jahre 1973 ferner einen groß- bzw. überformatigen, 128-seitigen Sonderband mit dem Titel „Der beste Horror aller Zeiten“. Ein Teil der enthaltenen Geschichten ist noch schwarzweiß gedruckt.

Das Vorwort liefert dem interessierten Publikum einen historischen Abriss, die erste Geschichte „Auge um Auge“ ist dann in einer Postapokalypse auf der von Monstern beherrschten Erde angesiedelt – in der für die Monster die letzten Menschen die eigentlichen Monster sind. Da kaum mit Sprechblasen gearbeitet wird, handelt es sich mehr um eine betextete Bildergeschichte. Von nun an wird jeweils das Cover des Originalhefts abgebildet, das mit Angabe des Erstveröffentlichungsdatums sowie einer kurzen Einführung zum Zeichner und dessen Stil einhergeht. „Wüstentod“ um einen entflohenen Schwerverbrecher, der es mit einem hungrigen Geier in der Wüste zu tun bekommt, ist mir als „Der Aasgeier“ aus der „Geschichten aus der Gruft“-Fernsehserie bekannt. Mit „Verlies des Terrors“ folgt eine makabre Story über Lebensmittelrationierung im Krieg, die immer wieder vom Crypt Keeper kommentiert wird, aus dem man im Deutschen den „Fleischwolf“ machte. Auf ein ganzseitiges Künstlerporträt Jack Davis‘ folgt die bitterböse Romanze „Im Morgengrauen“ und mit „Schöner Traum“ eine nicht minder böse, in China spielende Geschichte über einen opiumsüchtigen Familienvater, der vom Tod Angehöriger träumt, welcher dann eintritt.

Weiter geht’s mit der modernen Vampirgeschichte „Mitternachts-Genuss“ und der deftigen Story „Treibsandtriebe“ über einen zurückgebliebenen Serienmörder, die gar zu Bodyhorror mutiert. „Ein Weltraumleben“ hingegen entpuppt sich als abgefahrene Garten-Eden-Variation im Science-Fiction-Gewand. Das nächste Künstlerporträt ist Al Williamson gewidmet; und die darauffolgende Geschichte „Treibjagd“ um eine Frau, die scheinbar mehrfach nacheinander auf grausamste Weise ermordet wird, spielt gekonnt mit dem Surrealismus. Auch Johnny Craig erhält ein Künstlerporträt, bevor „Im Sumpf“ von einem kannibalischen Einsiedler handelt, der sich zwischen Sumpf und Treibsand eine Hütte gebaut hat – erzählt von seiner Hütte! Einer der Höhepunkte ist zweifelsohne „Herrenrasse“, eine hervorragend gemachte Geschichte um einen KZ-Überlebenden, die zehn Jahre nach dessen Befreiung in den USA spielt, wo er einem ehemaligen KZ-Kommandanten begegnet – mit überraschender Wendung.

Melodramatisch wird’s in „Knopfaugen blicken dich an“, einer Weihnachtsgeschichte um einen blinden Jungen mit ebenso genialem wie krudem Ausgang. Graham Ingels wird porträtiert und die „Friedhofsnacht“, eine bizarre Story über den Leiter einer Irrenanstalt, dem die Bewohner ans Leder wollen, bekommt eigenartigerweise Titelblatt und Einführung erst hintenangestellt. Die Geschichte arbeitet mit schönen Point-of-View-Perspektivzeichnungen und einer interessanten Lebendig-begraben-Variation. „Gerettet“ ist eine Kreuzung aus Science-Fiction und Vampirhorror, und die letzte Geschichte greift bereits der nach der US-Zensur der E.C.-Comics etablierten Satirezeitschrift „Mad“ vorweg: Herrlich selbstironisch erklimmt man die Meta-Ebene und lässt Jack Kamens von seiner Arbeit für E.C. berichten.

Die orthographischen und grammatikalischen Fehler dieser deutschen Sonderausgabe (Beispiele: „Vampiere“, „viel“ statt „fiel“, „Sagen-Sagengestalten“, „hount“ statt „haunt“) lassen die Geschichten schundiger erscheinen als sie sind. Was sich da in flexibler, aber meist aufgeräumter, klarer Panelstruktur abspielt, ist nichts Geringeres als höchst verdienstvolle Comicgeschichte, deren pop- und subkultureller Einfluss gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann – und die mit ihrem Stil, ihrer Erzählweise und ihrer moritatischen, häufig schwarzhumorigen Moral auch aus heutiger Perspektive noch immer sehr unterhaltsam ist. Ob dieser Sonderband tatsächlich die besten E.C.-Horrorgeschichten enthält, sei aber einmal dahingestellt.

Nachtrag, April 2025:

Ich muss mich hier anscheinend korrigieren: Wenn ich das Buch „Der absolute Horror: Die Geschichte der Gruselcomics in Deutschland“, das ich gerade lese, richtig verstehe, hat der Williams-Verlag in seinen Heften nicht die E.C.-, sondern die wesentlich jüngeren und unter Einfluss des US-Zensurcodes stehenden DC-Horrorcomics abgedruckt. Dieser Sonderband stellte eine Ausnahme davon dar und galt eigens der Publikation der E.C.-Klassiker.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – „Staatsbürgerliche Pflichten grob verletzt“. Der Rauswurf des Liedermachers Wolf Biermann 1976 aus der DDR

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, von 2011 bis zum Schluss in Person: Roland Jahn, hat zahlreiche Publikationen zum Thema Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR herausgegeben – einige entgeltlich, andere gratis. Zu den Gratispublikationen, derer ich bereits zwei durchgesehen (und hier besprochen) habe, zählt auch dieser rund 110-seitige, großformatige Softcover-Band aus dem Jahre 2016, in dem wie gewohnt Originalauszüge aus MfS-Akten auf Hochglanzpapier nachgedruckt sind.

Wie der RAF-Band ist auch diese Sammlung in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Kapitel („Der Plan entsteht“, „Kein Interesse am Protest gegen Franco“, „Die ,Zange der Konterrevolution‘“, „Das Konzert“ und „Der Protest“) unterteilt, denen jeweils eine Seite mit Hintergrundinformationen vorangestellt ist. Den Band eröffnen jedoch zwei allgemeinere Vorworte, eines davon von Biermann persönlich. In diesem unterstellt er dem MfS einen Mordversuch (der sich so in den Akten nicht wiederfindet). Doch auch unabhängig davon ist es natürlich ein ungeheuerlicher Vorgang, dass ein eigentlich sozialistischer Liedermacher aus einem sozialistischen Staat ausgebürgert wird, weil er zu unbequem ist. Entsprechend aufschlussreich und interessant bis spannend liest sich diese Aktensammlung (sofern man die Ambition aufbringt, in solchen bürokratischen Originalquellen zu stöbern), die aber auch Eintrittskarten, Ausweiskopien und transkribierte Interviews enthält.

So wird deutlich, dass das Kulturministerium eher auf Biermanns Seite war, aber das MfS dazwischengrätschte (S. 36). Honecker und Hager waren in diese Vorgänge auch involviert. Ab 1976 genoss Biermann den Schutz der Kirche, die ja für so viele Oppositionelle in der DDR eine große Rolle spielte. In einem Interview mit dem NDR zeigt sich Biermanns Unerfahrenheit im Umgang im Medien, im Prinzip aber auch das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen. Biermann war damals noch ein DDR-sozialisierter bekennender Kommunist. Zudem geht aus dem Gespräch hervor, dass er damals noch an einem konstruktiven Mitwirken am Aufbau des Sozialismus interessiert war. Es ist fatal, dass das MfS dies nicht erkannte und ihm stattdessen derart reaktionär zusetzte. Ungeachtet dessen äußerte er sich fortwährend gegen Republikflucht und übte kritische Solidarität mit der DDR ggü. dem Westen.

Die ganze Verkommenheit der CDU und CSU zeigt folgende, auch hier festgehaltene Posse: Nach Biermanns Ausbürgerung am 16. November 1976 beschloss die ARD, sein wenige zuvor in Köln gegebenes Konzert auszustrahlen. Die Ausstrahlung musste auf Initiative dieser Parteien hin jedoch im Nachtprogramm versteckt werden und war im bayrischen Sendegebiet gar nicht zu empfangen. Da spielt der Club Deutscher Unternehmer also lieber dem MfS und der DDR-Führung in die Hände, statt einen kapitalismuskritischen Liedermacher in einer Form stattfinden zu lassen, dass Millionen DDR-Bürgerinnen und -Bürger (die ARD empfingen) daran nicht erst zu nachtschlafender Zeit hätten partizipieren können.

Leider ist Biermann später selbst ein CDU-unterstützender Popanz geworden. Hatten Stasi & Co. also doch Recht? Sicher nicht. Um es noch einmal klar zu sagen: Eine solche Ausbürgerung ist ungeheuerlich und nicht zu rechtfertigen, lässt diejenigen, die sie beschließen, zudem höchstgradig unsouverän wirken. Dass Biermann später zum strammen Reaktionär devolutionierte, ist aber der größte Gefallen, den er seinen einstigen Peinigern tun konnte. Vielleicht ist es also schlicht die politische Naivität, die sich durch Biermanns Vita zieht. Sowohl bei dieser Reflektion als auch beim groben Nachvollziehen der skandalösen Ereignisse des Jahres 1976 – inklusive der anschließenden Dynamiken in der DDR, der zahlreichen Solidaritätsbekundungen anderer Künstlerinnen und Künstler sowie der Rechtfertigungsversuche der Obrigkeit – half mir dieser Band (wenngleich Biermanns späterer Werdegang in anderen Quellen nachgelesen werden muss).

Im Anhang finden sich das obligatorische Abkürzungsverzeichnis und die BStU-Kontaktdaten.

Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Apokryphen [Hörbuch]

Klings „Känguru-Chroniken“ sowie die beiden Fortsetzungen, „Das Känguru-Manifest“ und „Die Känguru-Offenbarung“ (aus den Jahren 2009 bis 2014) um das Leben eines nicht unsympathischen, aber eher zurückhaltenden und introvertierten Kleinkünstlers mit einem plötzlich auftauchenden kommunistischen und sich überraschend menschlich verhaltenden, nun ja, Känguru eben, sind Bestseller. Die sich jeweils aus etlichen kurzen, pointierten Episoden zusammensetzenden Bände gab ich mir in Hörbuch-Form, live aufgenommen während Lesungen Klings, der sein literarisches Kleinkünstler-Alter-Ego sowie das Känguru (mit leicht verstellter Stimme) selbst liest. Die authentischen Publikumsreaktionen unterstützten den lebendigen Eindruck. Am besten gefielen mir jene, insbesondere frühen Episoden, in denen das Känguru, wenngleich mit sämtlichen menschlichen Schwächen ausgestattet, äußerst treffende Gesellschaftsanalysen in kabarettistisch-humoriger Form vornimmt und es den Anschein hat, als sage und tue es all das, was Kling vielleicht denkt und selbst gern täte, sich aber nicht traut – bzw. schlicht lieber einer klar als solche erkennbaren Kunstfigur in den Mund legt. Spätere Episoden, in denen das Känguru immer mehr Hintergrundgeschichte bekam, sind i.d.R. zwar noch immer gehobener Humor, wurden mir aber etwas zu abstrakt und verrückt.

Mit ein paar wenigen Jährchen Abstand gönnte ich mir dann auch dieses Bonus-Material, das 2018 veröffentlicht wurde. Ich legte mir wieder das Hörbuch auf und lauschte rund 50 Episoden lang dem Alltag der beiden. Auch hier gilt: Je bissiger politischer oder je mehr den stinknormalen Alltag aufs Korn nehmend, desto besser. Die Klassiker finden sich in den anderen Bänden, aber verkehrt ist auch das hier nicht – insbesondere mit ein wenig Abstand macht es Laune, die „beiden“ wieder zu hören. Besonders hervor stechen hier die Kabbeleien und kleinen Duelle, die sie sich liefern, mitunter herrlich ins Absurde übersteigert. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer und die frühen Bände sind definitiv zwingender, aber Zeitverschwendung sieht anders aus.

Bisher habe ich zu Hörbüchern nichts geschrieben, es angeregt durchs Deliria-Italiano-Forum nun aber doch getan. Viel vorenthalten habe ich da niemandem, denn normalerweise höre ich gar keine Bücher und hätte es in diesem Falle wohl auch nicht getan, hätte ich Teile der Reihe nicht im Tauschschrank gefunden (und Fehlendes aus der Sammlung meiner Lebensgefährtin aufstocken können). Davon unabhängig werde ich mich vielleicht so nach und nach mal dem übrigen Werk Klings annähern…

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