Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 8 of 33)

Wolfgang Sperzel – ABS

Der Hamburger Comiczeichner und Cartoonist Wolfgang Sperzel, der insbesondere mit seinem zweiten Album „Rast(h)aus“ seinem Hass auf Autos freien Lauf ließ, hatte gewissermaßen die Seiten gewechselt und im Jahre 1993 begonnen, wöchentlich Cartoons für die Zeitschrift „Auto-Bild“ zu zeichnen. Diese erschienen 1995 zu einem rund 60-seitigen Softcover-Album zusammengefasst im Achterbahn-Verlag. Es war der vorletzte Comicband Sperzels.

Hauptsächlich handelt es sich um ganzseitige, einpanelige Cartoons, manche erzählen auch in mehreren Panels kleine Geschichten. Länger als eine Seite ist aber nichts – Cartoons statt „richtiger“ Comicgeschichten eben. Diese sind mal farbig, mal grau, mal schwarzweiß, eigenartigerweise sind manche sogar lediglich als Bleistiftskizzen enthalten.

„Auto-Bild“ hin oder her – auch hier bekommen Autofahrer in Sperzels Funny-Stil humorvoll ihr Fett weg, jedoch nicht nur: Unwirtliche Situationen, in die sie gelangen oder gezwungen werden, sind die Kehrseite der Medaille, die Sperzel ebenso aufgreift. Er war also nicht unbedingt altersmilde, aber differenzierter und etwas verständnisvoller geworden. Am schönsten ist es aber nach wie vor, wenn er den deutschen Auto-Fetisch und daraus resultierende Absurditäten aufs Korn nimmt.

Captain Berlin Supersammelband #1

Der deutsche Superheld Captain Berlin wurde von Jörg Buttgereit erdacht, der in den Jahren 1982 und 1984 zwei Kurzfilme mit ihm drehte. Es folgten Hörspiele und ein Theaterstück, bis er 2013 seiner eigentlichen Bestimmung als Comicheld zugeführt wurde. Bis heute sind 17 „Captain Berlin“-Comichefte im Weissblech-Verlag erschienen. Die ersten vier wurden 2017 in diesem erweiterten, 132-seitigen Sammelband zusammengefasst, für den die Geschichten in die chronologische Reihenfolge gebracht wurden.

Auf ein Vorwort Buttgereits folgt eine Origin Story, in die der versuchte Tyrannenmord durch Stauffenberg eingearbeitet wurde. Hitler spricht in seinem Dialekt und teils in Frakturschrift, Hakenkreuze wurden abgeändert. Die zweite Geschichte knüpft unmittelbar an, mopst ihr Motiv aber aus „Frankenstein“ und enthält eine Anspielung auf den japanischen Science-Fiction-Film „U 2000 – Tauchfahrt des Schreckens“. Captain Berlin wird nach Hiroshima entführt und muss gegen mechanische Ninjas kämpfen. Durch den Abwurf der Atombombe erlangt der Captain neue Superkräfte, womit nicht nur der Zweite Weltkrieg endet, sondern auch der Origin-Zyklus. Großartiger Stoff! Schade nur, dass Hitler nicht mehr im Dialekt spracht.

Im weiteren Verlauf verschlägt es Captain Berlin in die geteilte deutsche Stadt des Jahres 1968 zu Zeiten der Studentenproteste. Ähnlich wie Superman hat er sich eine Geheimidentität als Journalist zugelegt. Er wird Zeuge eines Attentatsversuchs auf Rudi Dutschke durch einen Altnazi. Parallel gründet Aleister Crowley in einer ägyptischen Pyramide eine Sekte, die sich erst einmal einer Orgie hingibt. Crowley hat das Necronomicon gefunden und mit dessen Hilfe Unsterblichkeit erlangt. Doch Hitlers ehemalige Top-Wissenschaftlerin Ilse von Blitzen ist auch hinter dem Buch her, um den Führer, den sie einkonserviert hat, wieder zum Leben zu erwecken. Mag sein, dass ich leicht zu begeistern bin, aber das ist eine der geilsten Storys, die ich jemals gelesen habe – Top-Schund deluxe, der leider mit Verweis auf eine DVD endet.

„Captain Berlin und der unglaubliche Elefantenmensch“ spielt dann beinahe in der Gegenwart, nämlich im Jahre 2009. Gleich zu Beginn erschießt von Blitzen Michael Jackson. Aus der DNA des Elefantenmenschen und dem Serum, das Captain Berlin seine Kräfte verlieh, erschafft sie einen Superschurken, den sie auf Vernichtung des Captains programmiert hat. Auch diese Geschichte nimmt Bezug auf reale Geschehnisse, einmal sogar in Form eines Abdrucks eines originalen Zeitungsartikels. Es folgt ein Infospecial Buttgereits zum wahren Elefantenmenschen mit Fotos sowie Hintergründen zum Comic, womit auch der Bildungsauftrag erfüllt wäre. Eine Fukushimaploitation-Geschichte gerät zur Hommage an den Kaiju-Regisseur Fukuda und selbst zu einer Art Kaiju, für die auch Captain Berlin radioaktiv mutieren muss und der Ostberliner Leuchtturm eine nicht unentscheidende Rolle spielt. Auch Bezüge auf die vorausgegangenen Storys finden sich hier, gefolgt von etwas ganz anderem: einem Labyrinthspiel als Bonus wie in Kindermagazinen. Ein die Historie Captain Berlins abreißendes Special sowie eines zum Titelbild der Ausgabe #4 runden den Sammelband ab, der somit vielleicht auch dann eine schöne Ergänzung darstellt, wenn man die Originalhefte bereits besitzt.

Die Zeichnungen der Geschichten stammen von Rainer F. Engel, Fufu Frauenwahl, The Lep, Levin Kurio, Roman Turowski und Martin Trafford, wobei sich insbesondere Traffords Stil recht deutlich von dem der anderen unterscheidet. Die Texte schrieben Buttgereit, Kurio und Trafford. „Captain Berlin“ ist exzellente postmoderne, alte US-Superhelden-Comics persiflierende Comixploitation und im Prinzip ein riesiger Fanservice – es macht Laune, all die nerdigen Referenzen zu erkennen. Mögen zudem die Jüngeren hierüber auf den guten alten Schund gestoßen zu werden!

Marita und Peter Bursch, Kim Schmidt – Peter Burschs Gitarrencomic: Gib mal’n A

Ein Kuriosum meiner Comicsammlung: Peter Bursch, Musiker und mit seinen zahlreichen Lehrbüchern „Gitarrenlehrer der Nation“, veröffentlichte zusammen mit seiner Frau Marita und dem Zeichner Kim Schmidt im Jahre 1996 dieses rund 50-seitige, vollfarbige Softcover-Comicalbum im Kieler Achterbahn-Verlag.

Ein Mehrparteienaltbau dient hier als Mikrokosmos verschiedenster Bewohnerinnen und Bewohner, die sich mit Peter Burschs Musikschule konfrontiert sehen, die dort ebenfalls residiert und drei grundverschiedenen Schülerinnen und Schülern das Gitarrenspiel beizubringen versucht. Schmidt zeichnete karikierend im typischen Funny-Stil, der hier mit besonders viel Slapstick-Humor und vielen spaßigen zeichnerischen Details versehen wurde. Und so ganz nebenbei werden die wichtigsten Grundgriffe vermittelt, mit denen sich dann bereits „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (respektive VORKRIEGSJUGENDs „Die Bombe“) schrammeln lässt. Ein schönes, kurzweiliges Vergnügen.

Günter Ohnemus – Zähneputzen in Helsinki

Der gebürtige Passauer Günter Ohnemus ist Schriftsteller und Übersetzer englischer Literatur ins Deutsche. Im Jahre 1982 veröffentlichte er seine erste Prosa „Zähneputzen in Helsinki“ im MaroVerlag, von der mir ein Exemplar der dritte Auflage der Neuausgabe vorliegt. Frank Schäfer hatte irgendetwas darüber in „Rumba mit den Rumsäufern“ geschrieben, das mich dazu getrieben hatte, es auf meine Liste zu setzen (und schließlich auch mal zu lesen).

Ohnemus erzählt in diesem rund 180-seitigen Taschenbuch um die 35 kleine, meist nur wenige Seiten, manchmal gar nur wenige Zeilen umfassende (autobiographische?) Beobachtungen, Anekdoten und Geschichten (oder „Stories“, wie es der Verlag auf den Titel druckte), die scheinbar banal beginnen, aber im Stile einer Art nüchterner Melancholie häufig nachdenklich, traurig oder verstörend (z.B. bei der Beschreibung US-amerikanischer Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg) enden. Er schreibt über „(…) Leute, die nicht so ganz mit den Sachen zurechtkommen, die ihnen zugestoßen sind, und die nicht viel mehr miteinander verbindet, als daß sie eine Zeitlang in ihrem Leben nicht wissen, was sie jetzt noch sollen.“ (aus: Katerwohnung) Selten trifft aber auch nichts davon zu; jenes lässt ihn dann schon mal wie einen etwas wirren Sonderling erscheinen.

Ein ganzes Kapitel ist dem Kino seiner Kindheit gewidmet – dort war er verdammt oft. Zuweilen widerspricht er sich: Erst will er während des Todes seines Großvaters Tipp-Kick gespielt haben, dann im Kino gewesen sein – oder aber es geht um zwei verschiedene Großväter. Auch etwas schrägen, schwarzen Humor über die Absurdität des Lebens beherrscht Ohnemus. Aus den in diesem Rahmen ungewöhnlich langen, in etliche Kurzkapitel unterteilten Beschreibungen seines Großvaters erfährt man, dass er – Günter (respektive das literarische Ich) – seine Mutter extrem früh verloren hat. Familienerinnerungen nehmen generell einen großen Raum ein und manche Geschichte enthält eine Anspielung auf eine vorausgegangene. Die Kürze der Kapitel lädt ein, stets schnell noch das nächste und wiederum dessen nächstes zu lesen, und ehe man sich versieht, ist man von Ohnemus‘ Stil eingelullt – und das Buch auch schon durch. Gelangweilt habe ich mich demnach nicht, nur hin und wieder gewundert.

Das Korrektorat hat ein paar wenige Grammatikfehler übersehen (ein statt einen u.ä.), mehr zu mosern habe ich nicht.

Herbert Ewe – Hiddensee

Die deutsche Ostseeinsel Hiddensee war für mich schon lange ein kleiner Sehnsuchtsort. Da traf es sich gut, im Fundus meiner Großmutter auf dieses Buch zu stoßen, das ich auf meiner im Frühjahr endlich angetretenen Reise in den Hiddenseer Kurzurlaub zu lesen begann und gemütlich in der Pensionskoje liegend beendete – schräg gegenüber übrigens ein Buchhandel, der historische Hiddensee-Bücher führt und unter anderem eben dieses im Schaufenster ausliegen hatte.

Konkret geht es um dieses rund 220-seitige, mittelgroße gebundene Buch mit Schutzumschlag, das im Jahre 1983, noch zu DDR-Zeiten also, im Rostocker Verlag Hinstorff veröffentlicht wurde. Herbert Ewe schreibt einführend über Hiddensee in der Lyrik und bildenden Kunst, über Berühmtheiten, die dort verweilten, und reißt die frühe Geschichte und Geologie des Eilands inklusive Erosion und Sedimentation ab. Denn: „Hiddensee bietet ein besonders anschauliches Bild der Wirkungen des Meeres, so elementar und einfach, so vollständig übersehbar in Ursache und Wirkung und allen Einzelheiten wie an wenigen Stellen der Erde.“ – So laut Ewe der Geologe Otto Jaekel einst über Hiddensee.

Mangelnder Küstenschutz und diverse Naturkatastrophen haben der Insel zugesetzt, die dadurch zwischenzeitlich – im 19. Jahrhundert – gar in zwei Teile zerriss. In diesem Kontext übt Ewe viel Kritik an preußischer Bürokratie. Als man endlich den Sinn des Küstenschutzes erkannte und ihn praktizierte, kam es dennoch zu Sturmfluten und ähnlichen Naturgewalten, von Ewe belegt anhand zahlreicher Originalzitate. Seine Katastrophenberichterstattung reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein und endet versöhnlich mit aktuellen, verbesserten Küstenschutzmaßnahmen.

Es folgt ein Kapitel über die Naturschutzgebiete der Insel und die massive Aufforstung ab dem 19. Jahrhundert, Fauna und Flora werden detailliert beschrieben. Der starke Sympathien für Umwelt- und Naturschutz hegende Autor erlaubt sich einen Abstecher in die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte des Umweltschutzes. In diesem Zusammenhang kommt erstmals auch die DDR zur Sprache: „Bestrebungen um eine saubere Umwelt, wie wir sie uns auch auf Hiddensee wünschen, wurden und werden durch das 1970 von der Volkskammer der DDR verabschiedete Landeskulturgesetz wesentlich gefördert.“

Weitere Themengebiete sind Archäologie, Frühgeschichtliches, Wikinger und Dänen auf Hiddensee, frühe christliche Bauten wie Klöster und Kirchen, Tonabbau zwecks Keramikproduktion in Stralsund, Käufe und Verkäufe der ganzen Insel durch „hohe Herren“, endlich das Ende der Junkerzeit, Schulbauten, Leuchttürme etc. und schließlich die damals jüngsten Entwicklungen: LPG-Gründung und laut Autor massiver Aufbau und Fortschritt durch den Sozialismus. Bis hierhin war das Buch frei von jeglicher DDR-Propaganda. Und auch trotz Sozialismus-Loblied: Wer glaubt, es handle sich um ein auf sozialistisch-industrielle Verwertungslogik hin ausgerichtetes Buch, irrt, denn weiter davon entfernt könnte es kaum sein. Auf den nächsten Seiten widmet Ewe sich der Fährinsel und der Fährmannstätigkeit ebenso wie den Dörfern im Süden der Insel und beschreibt in diesem Zusammenhang noch einmal, was genau Leibeigenschaft in der Vergangenheit für die Menschen bedeutete. Dies führt ihn zur lange von Ausbeutung der Fischer bestimmten Fischereigeschichte Hiddensees, die er dem Genossenschaftsmodell der DDR gegenüberstellt.

Mit dem Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmet Ewe sich dem wohl prominentesten (Sommer-)Bewohner der Insel, der hier auch begraben liegt und dessen Haus zu einem Museum umgestaltet wurde. Weitere von Ewe aufgeführte Einrichtungen sind die Biologische Station der Universität Greifswald, die Vogelwarte etc. Erst nun, fast schon gegen Ende, geht Ewe auf den Tourismus ein. Zu DDR-Zeiten brachte der FDGB alle auf die Insel, Häuser und Siedlungen für VEBs wurden gebaut. Ewe ergänzt seine Ausführungen um einen kurzen historischen Abriss inklusive durchklingender Pro-FKK-Haltung und schließt mit den Worten Hauptmanns.

Das Buch enthält mehrere umfangreiche Schwarzweiß-Bildstrecken auf Glanzpapier, erinnert mit seinem Duktus alter Schule an ältere Fernsehdokus und vermutlich auch ältere Sachbücher, liest sich damit sympathisch-anheimelnd, betont durchs Heranziehen zahlreicher historischer Quellen aber auch seine Sachlichkeit und seinen Informationsgehalt.

Ein schönes Buch über ein schönes Fleckchen Erde.

Christian Blees – Der absolute HORROR: Die Geschichte der Gruselcomics in Deutschland

In der Edition-Alfons-Reihe „Texte zur graphischen Literatur“ erschien im Jahre 2024 dieses rund 240-seitige Taschenbuch des Comic-Experten Christian Blees, der Licht ins Dunkel deutscher Grusel- und Horror-Comicpublikationen zu bringen antritt – und damit auch als Ergänzung zu Alexander Brauns zwei Jahre zuvor erschienenen „Horror im Comic“-Kompendium verstanden werden kann, das sich dem internationalen Raum widmete (und ich noch nicht gelesen habe, daher keine weiteren Vergleiche). Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert, die von einem Vorwort sowie je einem Inhalts-, Literatur-, Stichwort- und Abbildungsverzeichnis flankiert werden.

Klar, die „Gespenster Geschichten“ aus dem Bastei-Verlag kennt jeder, aber was gab und gibt es sonst noch alles und womit fing’s eigentlich an? Blees steigt in sein Thema mit Vorläufern wie Leihbüchern und Verkaufsromanen ein, die allesamt noch erfolglos gewesen seien, mindestens einer sei gar direkt indiziert worden. Früheste deutsche Gruselcomics waren dann „Geisterschiff“-Adaptionen und einzelne Ausgaben der „Illustrierten Klassiker“. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre erschien eine erste kurzlebige, „Boris Karloff“ betitelte Heftreihe in US-Lizenz beim Bildschriftenverlag. Von den verspätet in den deutschen Kinos angekommenen Horrorfilmen der „Hammer Productions“ über erste Heft-, auch „Groschen“-Romane genannte Belletristik mit Gruselinhalten und Horror-Taschenbuchreihen bis zu ersten in den Geschichtenheften stattfindenden Horrorcomics, von einer ersten, ebenfalls kurzlebigen „Light-Horror“-Comicheftreihe über in Italien lizenzierten Erotikhorror für Erwachsene im Freibeuter-Verlag bis zu den ebendort erschienenen „Tomba“- und „Horror Comic“-Büchern, die jeweils von 1972 bis 1974 publiziert wurden, spannt Bees den Bogen bis zu jenem Zeitpunkt, als der Horrorcomic endlich in Deutschland Fuß zu fassen schien und mit dem bisher meine deutsche Horrorcomic-Zeitrechnung begonnen hatte: dem Erscheinen der schlicht „Horror“ betitelten Heftreihe bei BSV Williams.

Dort wurden von 1972 bis 1984 in 148 Heften Grusel- und Fantasycomics aus dem US-amerikanischen DC-Verlag veröffentlicht, die bereits unter Einfluss des US-Zensurcodes standen, aber auch Marvels Frankenstein- und Dracula-Reihe – jeweils angereichert mit Kurzgeschichten Marvels – und eine Art „Best of EC“ als Sonderband. Blees stellt die interessante These auf, dass die erfolgreichen Riesenmonster aus dem Kino auf den Zensurcode hin für die Comics adaptiert und abgewandelt, in den frühen 1960ern aufgrund sich wandelnden Leserinteresses aber durch Superheldencomics abgelöst worden seien. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber dies einmal zu analysieren wäre sicherlich interessant. Ab den 1980ern bekamen Horrorcomics starke Konkurrenz durch die Videofilmindustrie, hier belegt durch ein Zitat aus einem panischen „Spiegel“-Artikel.

Auf die bei Pabel erschienene „Vampirella“ geht Blees detailliert inklusive aller Zusammenhänge ein und zeichnet die Entstehung der US-Magazine „Creepy“ und „Eerie“ nach. Deutschland zensierte und verbot „Vampirella“ schließlich, aber Pabel kehrte kurzerhand ohne Vampirella mit der Heftreihe „Vampir-Comic“ zurück. Diese wurde 1975 bereits wieder eingestellt, weil Pabel generell keine Comics mehr verlegen, sondern sich auf seine Groschenromane konzentrieren wollte. 1981 erlebte „Vampirella“ eine Renaissance im seit jeher aufmüpfigen Volksverlag, Ende der 1990er einen Reboot bei Splitter und von 2000 bis 2004 eine Fortsetzung bei mg publishing.

Der Bastei-Verlag hingegen überflutete das Land ab 1973 mit einer Unmenge an Gruselgroschenromanen, und ein Jahr später folgten die legendären „Gespenster Geschichten“ und Konsorten. Zu letzteren gehörte „Axel F.“, eine anspruchsvollere, sich qualitativ absetzende Reihe, die aufgrund der Ignoranz des dafür zu alt gewordenen Herrn Lübbe persönlich ein trauriges Ende nahm.

Spannend auch die Gründung des Condor-Verlags, in dem 1981 neun Ausgaben des „Gänsehaut“- und von ‘81 bis ‘82 des „Grusel-Comics“-Hefts erschienen, die sich auch heute noch lohnen dürften, weil laut Blees viel älterer US-Stoff enthalten sei. Beide Heftreihen waren nur kurzlebig; im weiteren Verlauf der Dekade spielte Horror auch keine große Rolle mehr für Condor (zwei „Dracula & Co.“-Taschenbücher erschienen noch), bis man gegen Ende der ‘80er mit den großformatigen Heften „Horror“ und „Geisterhaus“ noch einmal angriff und auch ein paar wenige Taschenbücher dieser Titel veröffentlichte. Das verglichen mit der klassischen Comicheft-Größe übergroße Format lag damals im Trend, war von Condor aber bereits Anfang der ‘80er für „Grusel-Comics“ verwendet worden. Jedoch war auch „Horror“ und „Geisterhaus“ nur eine kurze Existenz vergönnt.

Darüber hinaus widmet sich Blees britischen Comics in Deutschland, beginnend mit dem Carlsen-Verlag und dem „Swamp Thing“, dessen Hintergründe ebenfalls genauestens aufgedröselt werden. In den 1980ern wehrte sich das „Swamp Thing“-Team erfolgreich gegen den Zensurcode – endlich! Ab Ende der 1990er mischte Carlsen mit einer Art TV-Comics, darunter „Buffy“, plötzlich auch auf dem Heftmarkt mit, woraufhin ein Abriss zur Geschichte der TV-Comics in den USA folgt. (Es geht in diesem Buch also mitnichten nur um Deutschland, der Titel ist tiefgestapelt.) Auf „Buffy“ folgte Anfang der 2000er-Jahre „Dylan Dog“ bei Carlsen, der dann bei Schwarzer Klecks fortgesetzt wurde und später bei Libellus farbige Neuauflagen erhielt. Auch hierzu führt Blees alles an, was man wissen muss. An Dylan Dog zeigt sich deutlich: Was im Ausland (hier: Italien) ein riesiger Erfolg ist, kann hierzulande auf Sparflamme köcheln oder gar floppen. Mir nicht bewusst gewesen ist es, dass sich mehrere Hefte umfassende Sammelbände erst in den 1980ern in den USA etablierten, in den ‘90ern daraufhin auch hier – und sich als regelrechte Verkaufsschlager entpuppten. Auf Seite 137 beschreibt Blees auch wissenswerte Veränderungen auf Verlags- und Rechteebene, die Zeichnerinnen und Zeichner nicht mehr als reine Angestellte an Verlage banden, die ihnen weitestgehend die Rechte an ihrer Kunst abknöpften. Zwei Seiten weiter erhält man sogar aufschlussreiche Einblicke in die Bezahlung.

Der 2001 gegründete Cross-Cult-Verlag übernahm „Hellboy“ und wurde ab 2006 mit „The Walking Dead“ noch erfolgreicher. Von hier aus unternimmt Blees einen Abstecher zum deutschen „Spawn“-Verleger Infinity. 2007 gründete sich Panini-Comics, wo unter anderem die „Marvel-Zombies“ erschienen. Es folgte die Gründung des neuen Splitter-Verlags mit diversen Hardcover-Horrorcomic-Ausgaben. „From Hell“ erschien bei Cross Cult, „Die Legende von Malemort“ bei Splitter, „Locke & Key“ bei Panini; mit „D“ und „American Vampire“ hielten Vampire bei Splitter und Panini Einzug und, und, und – Blees notiert genau, was bei den jeweiligen Verlagen so alles innerhalb des Genres erschien.

Kapitel 9 über Horror-Mangas beginnt mit einer Erläuterung der konzeptionellen Unterschiede zwischen Comic und Manga sowie der Geschichte der Mangas in Deutschland, der hierzulande mittlerweile erfolgreichsten Comicgattung. Im letzten Kapitel behandelt Blees das Revival der Comichefte sowie aktuelle Publikationen und ilovecomics-Nachdrucke. Um einmal zu veranschaulichen, wie Blees ins Detail geht: ilovecomics druckte 2019 und 2020 die einzigen beiden „Monster“-Hefte nach, die im Jahre 1953 in den USA erschienen waren. Bei dieser Information belässt Blees es nicht, sondern handelt die Geschichte des US-Verlags ab und zeichnet ausführlich die Lebensläufe der beteiligten Zeichner und Texter nach. So sehr er aber aufs Drumherum eingeht, so wenig erfahren wir über den Inhalt – ein kleiner Kritikpunkt. Blees schließt sein Buch mit sehr zuversichtlichen Worten, was den Horrorcomic in Deutschland betrifft.

Apropos Kritik: Der einzige mir aufgefallene Fehler ist ein Setzpatzer auf den Seiten 179 und 180. Dafür scheint mir das Literaturverzeichnis nicht ganz vollständig zu sein. Auf Seite 214 hätte ich gern etwas von Esteban Maroto gesehen, um den es dort geht, statt von Miguel Gómez Esteban – das ist etwas verwirrend. Grundsätzlich ist es aber sehr zu begrüßen, dass Blees mit vielen farbigen Bildern (Titel- und Comicseiten, Panels) arbeitet, sodass sein Buch weit von einer Bleiwüste entfernt ist. Zum Thema Zensur hätte ich mir ein separates Kapitel gewünscht, vielleicht gar inklusive Liste, und ein themenübergreifendes Interview mit einem Horrorcomic-Experten hätte ebenfalls einen Mehrwert darstellen können.

Andererseits ist Blees dieser Experte selbst. Er schuf ein Buch mit wissenschaftlicher Akkuratesse, das zahlreiche erschöpfende Hintergrundinformationen, ja, regelrechte Kurzporträts der Zeichner bietet, deren Originalzitate einflicht und mit Auszügen damaliger Kritiken arbeitet. Blees erwähnt auch gern, was zeitgenössisch jeweils parallel auf dem Horrorfilm- und Buchmarkt angesagt war, und liefert so Kontext und Zeitkolorit. Er sprach mit einigen Persönlichkeiten, unter anderem mit Condor-Gründer Biehler. Das ist hochinteressant und spannend, nicht zuletzt, weil man so nebenbei allgemein etwas über die Geschichte der Comics, nicht nur in Deutschland, erfährt. Blees‘ Querverweise, was wann wo in deutschen Veröffentlichungen publiziert wurde, ist ebenfalls bestes Comichistoriker- und Nerdfutter. „Der absolute HORROR: Die Geschichte der Gruselcomics in Deutschland“ liefert ein Geschichtsseminar der neunten Kunst, Hintergrundinformationen, belegte Zitate der Verantwortlichen und nicht zuletzt Kaufempfehlungen en masse. Ich habe mir einige Titel notiert und freue mich auf deren Lektüre.

Seltsam? Aber so steht es geschrieben …

Cinema-Sonderband Nr. 11: Erotik im Kino ’86

1983, 1984 und 1985 hieß es im Cinema-Verlag noch „Sex im Kino“, wobei 1985 erstmals der Hardcore-Bereich ausgespart worden war. Die nur noch 100-seitige Vorschau aufs Jahr 1986 im gewohnten Softcover, aber auf jetzt mattem Papier verspricht statt Sex nun Erotik im Kino, spart reine Pornos ebenfalls aus und geht ohne jedes Vorwort oder Editorial nach einem Inhaltsverzeichnis direkt zum ersten Film über. Bei den meisten Texten handelt es sich bis auf wenige Ausnahmen lediglich um Kurzvorstellungen, wobei gerne mal heftig gespoilert wird. Die Seiten werden aber ohnehin von den häufig großformatigen Filmfotos dominiert, die meist nackte Tatsachen zeigen und für viele den eigentlichen Kaufgrund dargestellt haben dürften – wenngleich sie mittlerweile in Teilen nur noch schwarzweiß abgedruckt wurden. Die meisten Filme müssen mit einer Seite auskommen; Michael Verhoevens „Killing Cars“ z.B. bekam hingegen gleich fünf Seiten spendiert, die vor allem das dänische Busenwunder Marina Larsen zeigen.

Der Vorschaucharakter wird vor allem dadurch deutlich, dass für viele Filme der deutsche Titel offenbar noch gar nicht feststand, weshalb sie unter ihren Originaltiteln enthalten sind: „Liebe und Gewalt“ mit Sophie Marceau, „Teufel im Leib“, „Der Käfig“, die französische Comicverfilmung „Entfesselte Lust“, „Beach Parties“ findet sich als „Where The Boys Are“. Der bereits 1983 veröffentlichte, jedoch erst 1987 in deutsche Kinos gekommene „Die Orgien der Cleopatra“ ist ebenso unter Originaltitel gelistet wie „Honeymoon“ (als „Lune de miel“). „Früchtchen mit Sahne“ aus dem Jahre 1977 ist wahrscheinlich der älteste der aufgeführten Filme, er findet sich unter dem Titel „Violette und François“.

Nie nach Deutschland geschafft haben es die dennoch im Buch enthaltenen französischen Comicverfilmungen „L’amour propre“ und „Gros dégueulasse“, das venezolanische Drama „La casa de agua“, der Film „La nuit porte jarretelles“ und der bereits 1982 erschienene „Plus beau que moi tu meurs“ (weshalb also überhaupt in diesem Buch aufgeführt?). Auch von „Salomé“ mit Tomas Milian ist mir kein deutscher Kino- oder Videostart bekannt.

Augenscheinlich hatte man damals Probleme, die 100 Seiten überhaupt vollzukriegen. Bereits unter den genannten Titeln befinden sich Filme, die nicht unbedingt explizit dem Erotikbereich zuzurechnen sind. Die damals noch junge „Meuterei auf der Bounty“-Verfilmung „Die Bounty“ ist wohl ausschließlich wegen ihrer Oben-ohne-Szenen enthalten, über Lina Wertmüllers „Camorra“ lässt sich ebenso streiten wie über „Der Panther“ mit Alain Delon. „Das Attentat“ ist als „Urgence“ drin und doch wohl nun auch kein Erotikfilm, ebenso wenig „Die Spur der Zeit“, der sich hier als „La trace“ findet. „Desiderio“ ist fälschlicherweise als „Desidero“ enthalten und kam nie nach Deutschland, scheint zudem auch nichts mit Erotik zu tun zu haben. Ähnliches dürfte für FSK-12-Filme wie beispielsweise die Komödie „Summer Rental“ gelten.

Überwiegend handelt es sich um europäische Filme, vor allem französische. Japan ist mit „Irezumi“ vertreten, Australien mit „Der Mann, der die Blumen liebte“, Jugoslawien mit „Papa ist auf Dienstreise“. Recht populäre Titel sind, neben bereits genannten, „9 ½ Wochen“, „Schuld daran ist Rio“, „Zeit der Wölfe“, „Lifeforce“ oder auch „Der Zwilling“ – und kaum einer von ihnen ist vorrangig dem Erotikbereich zuzuordnen.

Daraus lassen sich – bei aller Kritik an diesem Buch – damalige Trends ablesen, die im Prinzip aber für den Großteil der 1980er galten und kein spezielles Phänomen des Kinojahrs 1986 waren. Und nichtdestotrotz stößt man auf den einen oder anderen interessanten Film, der sich unabhängig von seinem etwaigen Erotikgehalt evtl. anzuschauen lohnt. So habe ich mir u.a. „Dance With a Stranger“ notiert.

M. Choquet / Y. Coulon / J. Erbin / J. Bastide / P. Fenech – Idefix und die Unbeugsamen, Band 1: Römer müssen draußen bleiben

Kleiner Hund ganz groß

Das ursprünglich vom „Asterix“-Duo René Goscinny und Albert Uderzo ersonnene Hündchen, das man als treuen Begleiter Obelix‘ kennt, erhielt im Jahre 2021 eine eigene Animationsserie im TV, deren Episoden man im Jahr darauf für diese Spin-off-Reihe in Comicform zu adaptieren begann, anscheinend zunächst im Taschenbuchformat. Diese Neuauflage des ersten, drei Geschichten umfassenden Bands ist 2024 als 52-seitiges Softcover-Album im Egmont-Ehapa-Verlag erschienen.

Die Geschichten drehen sich nicht nur um Idefix, sondern um ein ganzes Ensemble, das zu Beginn wie in den „Asterix“-Comics vorgestellt wird. Neben Idefix zählen Turbine, die schnellste Hündin Lutetias, Dertutnix (genial!), der Muskelprotz von einer Bulldogge, Sardine, die streunende Katze, Weißnix, der Uhu, und Astmatix, der alte Täuberich und Kriegsveteran dazu. Die Geschichten spielen nicht im berühmten gallischen Dorf, sondern im Jahre 52 v. Chr. im von Römern besetzten Lutetia, also dem antiken Paris.

„Lawines Bällchen“ handelt von einem besonderen, antiken Ball, der dummerweise bei der Römerkatze Monalisa landet und durch seine Sprungeigenschaften manche Kettenreaktion auslöst. Auffallend ist, dass sowohl in Idefix‘ Clique als auch bei den römischen Hunden – und ihrem Herrchen natürlich – die eigentliche Chefin jeweils eine Katze ist. „Die Hicks-Epidemie“ enthält eine popkulturelle Anspielung auf Klaus Lages Evergreen „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“, bei aller Feindschaft Hinweise auf die Fortschrittlichkeit der Römer und etwas albernen Slapstick-Humor, wenn auch mit lehrreicher Aussage. Gegen die Schluckauf-Epidemie suchen sow0hl die Römer als auch städtische Gallier den Druiden im Wald. Weitere bekannte Figuren aus dem gallischen Dorf finden am Rande statt. In „Ein Lied für Labienus“ haben es die Römer auf den aufmüpfigen, Protestlieder singenden Barden Grautvornix abgesehen, den die Unbeugsamen befreien müssen – mein Favorit dieses Bands.

In allen drei Geschichten kriegen die Römer ihr Fett weg, wobei der Humor kindlicher als der der „Asterix“-Mutterreihe ist und sich offenbar an eine jüngere Zielgruppe richtet. Insofern dürstet es mich jetzt auch nicht unbedingt nach der Fortsetzung, wenngleich die sich mühelos auf die Gegenwart oder jüngere Geschichte übertragen lassenden Versatzstücke der Geschichten durchaus Spaß machen. Bastide und Fenech beherrschen den grundsätzlich von Uderzo vorgegebenen französischen Funny-Stil perfekt und die drei- bis vierzeilige Panelstruktur bleibt stets übersichtlich und klar, aber variabel bei der Panelgröße. Die hübsch bunte Koloration und das sich an klassischen Comic-Handschriften orientierende, saubere Lettering entsprechen aktuellen Ansprüchen.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – „Keine Gewalt!“ Stasi am Ende – die Demonstrationen im Herbst ‘89

Ein letztes Mal er hier: „Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, von 2011 bis zum Schluss in Person: Roland Jahn, hat zahlreiche Publikationen zum Thema Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR herausgegeben – einige entgeltlich, andere gratis. Mit drei der Gratispublikationen habe ich mich hier bereits auseinandergesetzt. Die vierte und letzte, die auf mein Interesse stieß, war dieser 134-seitige, großformatige Softcover-Band, der ursprünglich im Jahre 2014 erschien. Mir liegt die zweite, veränderte Auflage vor, die ein Jahr später herausgegeben wurde. Wie die anderen Bände auch, besteht sie vornehmlich aus MfS-Aktenauszügen auf Hochglanzpapier.

Strukturiert werden die Akteneinsichten in die chronologisch aufeinander aufbauenden Bereiche „Volksfest ,40 Jahre DDR‘“, „,Oppositionelle Sammlungsbewegungen‘“, „Demonstrationen überall“ und „Der 4. November 1989“. Zwar heißt es gleich auf der ersten Inhaltsseite, dass man die gesammelten Auszüge weder deute noch interpretiere, was jedoch nicht bedeutet, dass man in einem allgemeinen sowie vier Kapitelspezifischen Vorworten keine historischen Einordnungen vornehmen würde. Diese wird natürlich aus Sicht des konkurrierenden, wenn man so will als Gewinner hervorgegangen Systems vorgenommen. Das kapitelübergreifende dreiseitige Vorwort ist noch recht fair geschrieben, in der Einführung zum ersten Abschnitt „Volksfest ,40 Jahre DDR‘“ wird Egon Krenz‘ deeskalierendes Einwirken auf die Sicherheitsorgane bezüglich der Demonstration am 9. Oktober jedoch mit keiner Silbe gewürdigt.

Die Aktenauszüge dokumentieren den Umgang des MfS mit den Demonstrationen und dem immer selbstbewusster von immer größeren Teilen der Bevölkerung geäußerten Unmut auf anschauliche wie in großen Teilen entlarvende Weise. Laut dem auf S. 23 abgedruckten Bericht sollen die Westmedien schuld gewesen sein, womit man jegliche Eigenverantwortung von sich wies. Eine Seite weiter ist besonders interessant, was so alles als „Hetzlosungen“ verstanden wurde: „Wir bleiben hier“, „Freiheit und Demokratie jetzt“…? Die Bewertungen der Ereignisse durch das MfS in Form interner Schreiben suggerieren, ein reformierter, humaner Sozialismus – und um nichts anderes ging es anfänglich – sei ein fürchterliches Sakrileg. Aus dem MfS zugespielten (und somit aktenkundig gewordenen) Erlebnisberichten und Gedächtnisprotokollen geht zudem hervor, was für – ich kann es nicht anders formulieren – Bullenschweine auch die DDR herangezüchtet hatte, die zu Brutalität und an Folter grenzende Maßnahmen griffen. Ab dem 9. Oktober hielt man sich zum Glück zurück.

Ebenfalls abgedruckt sind Resolutionen der Demonstrierenden im Originalwortlaut sowie Demoaufrufe. Als authentische Quelle lesenswert ist auch das Stasi-Protokoll über eine Diskussionsveranstaltung der Berliner Theaterschaffenden vom 15. Oktober, die sich ebenfalls klar zum Sozialismus bekannten. Gregor Gysi bot sich als Demoanmelder und als Strafverteidiger gegen die Polizei an und verurteilte deren Brutalität. Weitere Schriftstücke dokumentieren den Umgang mit der oppositionellen Sammelbewegung Neues Forum und die perfiden Versuche der „Durchdringung“ derselben. Anhand des Abschnitts „Demonstrationen überall“ lässt sich dann nachvollziehen, dass eine Massenbewegung daraus wurde, die Krenz und der SED misstraute. Altbekannte Stasitöne wechseln sich nun mit moderateren ab und die Partei kam mit den Bürgerinnen und Bürgern endlich wieder ins Gespräch. Die Großdemo-/Kundgebung vom 4. November ist hier ebenso ausführlich dokumentiert wie Krenz‘ erneuter Befehl zur Friedlichkeit der Sicherheitsorgane vom 1. November, sodass sich ein realistisches Bild ergibt.

Das sich auf lediglich eine Buchseite beschränkende Nachwort ist dann leider arg verknappt, erwähnt mit keinem Wort die unrühmliche Rolle der CDU im Wahlkampf mit ihren leeren Versprechungen oder wie aus der Revolution zumindest in Teilen eine reaktionäre Konterrevolution geworden war. Nichtsdestotrotz ist es interessant, die damaligen Ereignisse über authentische Dokumente aus MfS-Sicht nachzuvollziehen. Die handschriftlichen Berichte sind schwer zu lesen, gegenüber den mit Schreibmaschine verfassten aber deutlich in der Minderheit. Diverse Fotos der damaligen Ereignisse lockern die „Akteneinsicht“ etwas auf. Eine solche bietet auch interessante Einblicke, wie Geheimdienste allgemein so arbeiten – was nicht immer sonderlich vertrauenserweckend ist.

P.S.: Der unbedruckte Buchrücken nervt auch hier und erschwert das Wiederfinden im Regal.

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 32: Asterix plaudert aus der Schule

Dieser ursprünglich im Jahre 2003 erschienene Sonderband der französischen Comic-Reihe um die aufmüpfigen Gallier zu Zeiten des Römischen Reichs wurde erst nachträglich mit der Nummer 32 versehen und somit zwischen die regulären Bände eingereiht. Ich bekam die dritte und erweiterte Neuauflage geschenkt, die eine weitere Kurzgeschichte enthält. Denn darum geht es hier: Die neben den albenfüllenden Abenteuern entstandenen Kurzgeschichten zu kompilieren und kommentiert dem Asterix-Publikum näherzubringen. Statt der üblichen rund 50 Seiten umfasst dieses Softcover-Album über 60, wodurch die comicfreien Einleitungen nicht so stark ins Gewicht fallen.

In einem Onepager begrüßt Majestix die Leserschaft in einer Art Pressekonferenz; die erste reguläre Geschichte ist „Der gallische Schulanfang“ vom 6. Oktober 1966, in der Asterix und Obelix über zwei Seiten renitente gallische Kinder einfangen und in die Schule schleifen müssen – wo Obelix aufgrund seines mangelndes Allgemeinwissens am Ende ebenfalls landet. „Die Geburt von Asterix“ wurde im Oktober 1994 anlässlich des 35-jährigen Asterix-Jubiläums erstveröffentlicht und lüftet auf vier Seiten das Geheimnis um die Geburt der beiden berühmtesten Gallier. 1977 versuchte man, auf dem US-Markt Fuß zu fassen, wofür, um die Yankees mit den Gallien vertraut zu machen, ein Dreiseiter für den „National Geographic“ entwickelt wurde, der sogar in Frankreich lange unbekannt war. Im Schnelldurchlauf macht „Im Jahre 50 v. Chr.“ mit dem Dorf und seinen Bewohnern vertraut, ein Musterbeispiel für Kompaktheit.

Bisher gänzlich unveröffentlicht war die fünf Seiten umfassende Geschichte „Kokolorix, der gallische Hahn“, die ganz dem Hahn im Dorf gewidmet sind. Dieser muss sich und seine Hühner gegen das römische Wappentier, einen Adler, verteidigen, und bekommt dabei Hilfe von Idefix. Ein Kleinod, in dem Asterix und Obelix nur am Rande stattfinden und das die Kraft solidarischer Zusammenarbeit herausstellt. Die zwei Seiten „Neujahr unterm Mistelzweig“ vom 7. Dezember 1967 waren ein kleines Weihnachtsspezial, das Obelix‘ heimliche Liebe zu Falbala humorig aufgreift. „Mini, Midi, Maxi“ erschien am 2. August 1971 in der französischen Frauenzeitschrift „Elle“ und karikiert das Geschlechterverhältnis, indem die Geschichte auf nur zwei Seiten einen Streit zwischen zwei Frauen zu einer Massenkeilerei der männlichen Dorfbewohner eskalieren lässt.

Einer der Höhepunkte ist „Asterix, wie Sie ihn noch nie gesehen haben…“ vom 11. Dezember 1969, in der Goscinny und Uderzo drei Seiten lang verschiedenste Kritik an ihren Asterix-Comics persiflierend aufgreifen, u.a. indem Zeichner Uderzo den Stil unterschiedlichster Zeichnerkollegen imitiert. Köstlich! Auf den 25. Oktober 1986 datiert der vierseite Comic „Olympiade in Lutetia“, der Teil der (letztlich erfolglosen) Pariser Bewerbung um die Olympischen Spiele 1992 war und in der Lutetia sich gegen Rom durchsetzen muss. Die Geschichte verbindet augenzwinkernd die Antike mit dem modernen Paris.

Auf zwei Seiten bringt es „Der gallische Frühling“ vom 17. März 1966: Der personifizierte Frühling muss sich gegen den nicht kampflos abtreten wollenden Winter durchsetzen, was nach zwei Seiten auch gelungen sein wird. „Das Maskottchen“ aus dem Juni 1968 wurde ursprünglich für ein Informationsblatt einer Stadtverwaltung entwickelt und komprimiert, wenn ich das richtig verstanden habe, die Ereignisse aus „Asterix der Gallier“, um sie mit der Einführung des Hündchens Idefix auf nur vier Seiten zu verweben. „Latinomanie“ ist ein auf eine Seite passender spaßiger Kommentar zum Bohei um in die Sprache Einzug haltende Anglizismen, umgemünzt aufs antike Gallien, das immer mehr lateinische Ausdrücke verwendet – ohne dass dies den Bewohnern zwingend bewusst wäre. Etwas Besonderes ist auch „Obelisc’h“ aus dem Februar 1973, eine fünfseitige Geschichte, in die Goscinny und Uderzo sich selbst als Protagonisten hineinzeichneten und sich auf einen Nachkommen Obelix‘ in der Gegenwart treffen lassen. Beide treten auch in „Die Geburt einer Idee“ auf, eine einzelne, aber umso witzigere Seite, die in ihrer Verballhornung des inhaltlichen Gehalts von Comics (bzw. der Außensicht wenig comicaffiner Menschen darauf) exakt so auch aus „Mad“ stammen könnte und vielleicht mein humoristischer Höhepunkt des Albums ist.

„ABC-Schütze Obelix“ aus dem Mai 2004 schlägt gewissermaßen eine Brücke zur ersten Geschichte: Obelix will Lesen lernen, weil Falbala ihm geschrieben hat. Das sind ebenso amüsante wie pädagogische drei Seiten, die vermitteln, weshalb es von Bedeutung ist, lesen zu können.

Dieser Asterix-Band, ob nun als Sonderband oder als Nummer 32 betrachtet, bietet die übliche aufgeräumte Panelstruktur und tolle bunte Kolorierung des gewohnt großartigen frankobelgischen Funny-Stils, die schöne, an Handletterungen angelehnte Schriftart in den Comics und die Einleitungen im Schulheft-Design. Eine liebevoll editierte Erweiterung der Sammlung oder auch eine willkommene Abwechslung zu den sonst üblichen albumfüllenden Geschichten, die zudem viel Hintergrundwissen transportiert und einen Eindruck von der Bedeutung Asterix‘ innerhalb der französischen Populärkultur vermittelt.

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