Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 9 of 33)

Kevin Richard Russell – Circvs Maximvs

Da saßt du also, „Stimme aus der Gosse“, Sänger der vermutlich erfolgreichsten deutschsprachigen Rockband, Identifikationsfigur, Seelentröster und Vorbild für so viele, Beweis dafür, dass man’s auch nach oben schaffen kann, wenn man von ganz unten kommt, Mutmacher, dazu Zeichen- und Tattoo-Künstler. Da saßt du also, ehemaliger Schläger, polytoxikomaner Hardcore-Junkie und Alki, wegen dem sich jene Band einst auflöste, der du die Verantwortung für sein eigenes Lebens einst komplett aufgegeben und sogar beinahe zwei andere Menschen das Leben gekostet hattest, als du knüppelvoll mit Drogen als rasende Apotheke einen Unfall auf der Autobahn verursachtest, du, Ex-Knacki und Ex-Klapskalli. Da saßt du, Kevin Russell, seit etlichen Jahren clean, wie es wohl kaum noch jemand für möglich gehalten hatte, und wieder mit deiner Band aktiv, also, um deine Autobiographie niederzuschreiben. Eine Art Selbsttherapie: von der Seele schreiben, veröffentlichen, abgeben. In Form dieses Buchs aber auch anbieten: Hier, das bin ich, take it or leave it.

Und so saß ich, in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre vom Metal kommend in der Pubertät bei den Onkelz und Nirvana gelandet und von dort aus zum Punk weitergetorkelt, da also mit diesem im Oktober 2023 erschienenen Klopper von Buch, 33,5 x 25 x 5 cm groß, fast vier Kilo schwer, rund 500 Seiten stark mit eingewobenem Lesezeichen, Goldkante und Pappschuber im Eigenverlag veröffentlicht. Drunter machst du’s nicht. Zum Nebenherlesen in Bus und Bahn gänzlich ungeeignet, die Klolektüre verbietet sich ohnehin. Für diesen Wälzer muss man sich bewusst Zeit nehmen, zu Hause, im Lesezimmer. Und die nahm ich mir. Praktischerweise ist das Buch in viele einzelne Kapitel unterteilt, die ihm Struktur verleihen und der abschnittsweisen Lesbarkeit entgegenkommen. Der Lesbarkeit zuträglich ist ferner die große Schrift, die die Ausmaße dieses Schinkens etwas relativiert. Zahlreiche zuvor unveröffentlichte Fotos aus deinem Privatarchiv wurden großzügig eingearbeitet, darunter sehr intime. Vielleicht würde ich durch diese Lektüre ja erfahren, wer du, Sohn eines Briten und einer Hamburgerin, den ich nur als Sänger der Böhsen Onkelz (ok, und von Veritas Maximvs) kenne und um den sich die wildesten Gerüchte und Geschichten ranken, wirklich bist. An meinen gewonnenen Eindrücken lasse ich die Leserschaft meines kleinen Blogs gern teilhaben:

Einleitend beschreibt Kevin seine Faszination fürs Römische Reich und vermittelt einen Eindruck seiner Belesenheit zu diesem Thema, das fortan vor allem in Form von Metaphern immer wieder aufblitzen wird. Von diesem seinem Interesse und seinem Faible für antike Bücher wusste ich tatsächlich schon aus irgendeinem alten Interview, woraufhin sich damals in meinem Kopf ein Bild geformt hatte, wie er in seinem Haus in Irland im Sessel vorm Kamin mit so’ner alten Schwarte auf dem Schoß sitzt. Dass sein Leben seit besagtem Interview dann doch etwas anders verlaufen sollte, auch davon wird dieses Buch künden. Später. Zunächst einmal gibt es einen Abriss zu seinen Ahnen; ins Thema Onkelz steigt er direkt mit dem Gig im Vorprogramm der Rolling Stones ein, nach dem beschlossen worden war, die Band aufzulösen. Auch dazu später mehr, denn von nun an geht er, ausgehend von seiner Kindheit, grob chronologisch vor: das erste Telefon in der Familie, wie der kleine Kevin fasziniert die Mondlandung in der neuen Schwarzweiß-Glotze verfolgt, wie er auf dem Bolzplatz fußibufft. Diese Zeilen muten wie ein Zeitporträt an und sind anheimelnd geschrieben – zunächst. Schon bald geht’s ans Eingemachte und man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, wie sehr dies ihn geprägt hat: Von seinen auf die Leserinnen und Leser sadistisch anmuten müssenden Eltern wird er regelmäßig misshandelt, in der Schule ebenso, mit sechs Jahren wäre er wegen einer falsch behandelten Salmonellenvergiftung fast abgenippelt. Dies hat ihn doppelt traumatisiert, psychisch wie physisch. Von da an war er kränklich und hatte entsprechend viele Schulfehlzeiten, in denen er aber seine Lesesucht entwickelte. Ja, die erste Sucht war eine positive. Mit zehn, elf Jahren aber fängt er im Partykeller seiner Eltern zu saufen an. Seine Mutter entwickelt ein Alkoholproblem und beginnt, die Kinder zu vernachlässigen. Bald müssen sich die Kinder um sie kümmern statt umgekehrt.

Als horizonterweiternd erweist sich ein Urlaub in Kenia. Auf weitere traumatische Erlebnisse (es kam aber auch immer dicke…) folgt der Umzug nach Hösbach, wo er Stephan und Pe kennenlernt, mit denen er kurz darauf die Band gründet. Er beschreibt, wie er sich gewalttätig gegenüber seinem größeren Bruder behauptete, ohne jedoch zuvor erwähnt zu haben, dass dieser ihn tyrannisiert hatte – hätte den Kohl wohl auch nicht mehr fettgemacht. Traurigerweise sei Kevins erste wirkliche Liebe auch seine letzte gewesen. Das in einem Song seiner Band besungene Terpentin habe er tatsächlich gesoffen.

„Wenn ich mich heute erinnere, grenzt es schier an ein Wunder nicht schon in dieser frühen Phase meines Lebens ins Irrenhaus eingeliefert worden zu sein, oder ein Bad im Jordan genommen zu haben.“

Auch die Ausbildung zum Schiffsmechaniker war, ähnlich wie während Onkelz-Gitarrist Gonzos Seefahrerzeit (vgl. dessen Biographie), von heftiger körperlicher Gewalt auf See geprägt. Ins Schwärmen gerät Kevin, wenn er an die Natur und die Wunder, die er als Matrose erlebte, zurückdenkt. Sehr anschaulich schildert er die Episode, wie er auf einer Überfahrt in Lebensgefahr geriet und wohl mehr als nur Glück hatte. Interessanterweise schien er in seiner provisorischen, temporären Rolle als Smutje voll aufzugehen. Er wurde dann aber doch lieber Tätowierer, nachdem er sein zeichnerisches Talent wiederentdeckt hatte. Er zieht in die berüchtigte Weberstraße 28 in Frankfurt, wo er sich kräftig Alk und verschiedene Drogen reinpfeift, und schlägt im wahrsten Wortsinn eine Karriere als Straßenschläger ein. Eigene Gewaltexzesse schildert er in aller Drastik, woraufhin er sich bei seinen Opfern entschuldigt. Angesichts seiner Schilderungen völlig entfesselter, ekelhafter Gewaltorgien musste ich schlucken und das Buch erst einmal beiseitelegen.

Einerseits ist es das miese alte Spiel, wie man es von Menschen, die auf die schiefe Bahn gerieten, in Variationen und mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt immer wieder zu hören bekommt: Eine elterliche Bezugsperson geht quasi flöten und kehrt das Verhältnis um: Noch als Kind muss er beginnen, sich um seine Mutter zu kümmern. Zu allem Überfluss war der Vater damals ein gewalttätiger Tyrann, was Kevin dann gewissermaßen reproduziert. Andererseits fällt es schwer, nachzuvollziehen, dass er aus den Erfolgen, die er feiert – Durchsetzen auf Frankfurts harten Straßen, bemerkenswerte Band am Start, ausgeprägtes Gesangstalent für diese Musik, talentierter Zeichner, als Matrose die Welt kennengelernt, krasse Sachen er- und überlebt, sein Kochtalent entdeckt, nun gutes Geld mit Tattoos verdienend, mit der Liebsten ’ne tolle Wohnung mit zudem offenbar sehr leidensfähigen Nachbarn bezogen usw. – nicht genug Selbstvertrauen und Selbstachtung zieht, um zum einen etwas demütiger mit den Drogen umzugehen und zum anderen über prolligen Gewaltexzessen irgendwann drüberzustehen, sich nicht mehr ständig beweisen zu müssen, den Adrenalinkick anderweitig zu erhalten. Sicherlich hat es oftmals die Richtigen getroffen, aber eben längst nicht immer. Und er kann von Glück sagen, dass er niemanden unbeabsichtigt, aber gröbst fahrlässig Schlimmstes inkaufnehmend tot- oder zum Pflegefall geschlagen hat. Das war völlig drüber und daran hatte ich als Leser wirklich zu knabbern.

Erfreulicher ist, dass er die richtigen Namen fallenlässt: The Clash, Cockney Rejects, Angelic Upstarts, Cock Sparrer, Dead Kennedys – all diese feinen Bands waren damals regelmäßig auf seinem Plattenteller zu Gast. Er geht auch noch einmal aus persönlicher Sicht auf den Auftritt in der Fernsehsendung „Live im Alabama“ zu ausländerfeindlichen Skinhead-Zeiten ein. Schwer unterhaltsam ist dann auch eine Episode aus seinem Hool-Leben, an deren Ende er auf der Flucht in eine Schwulenbar gerät. Diese Gelegenheit nutzt er zu einer Reflektion zum Durchbrechen der Gewaltspirale: „Alles, was ich zuhause an Schlägen und Züchtigung bekommen hatte, gab ich in der Außenwelt doppelt und dreifach zurück. Erst in meiner eigenen Familie sollte es mir gelingen, diesen circulus vitiosus zu brechen.“ Und wiederum ganz anders lesen sich der Abschnitt über seine Angelleidenschaft und Episoden aus Kenia Ende der 1980er-Jahre, die mit vielen positiven Erinnerungen verknüpft sind. Zurück in der Mitte des Jahrzehnts: Mit Anfang 20 ist Kevin heroinabhängig. Er beschreibt zwei immer wiederkehrende, erschreckende Alpträume, die selbst ihn so richtig fertigmachten. Interessanterweise schienen diese seine Heroinsucht zu manifestieren, nicht erst der tragische, völlig sinnlose Tod seines bestens Freundes Trimmi während der Fußball-WM 1990, wenngleich dieser alles noch viel schlimmer machte. Offen bleibt, weshalb er nie auf die Idee gekommen war, es mit einer Therapie zu versuchen.

„H ist ein Fulltime-Job.“

Durch sein Leben scheinen sich gruseligerweise generell unvermittelte Erfahrungen mit dem Tod zu ziehen, sodass man fast auf die Idee kommen könnte, es handle sich um Omen oder Warnungen. Wie schnell ein Menschenleben vorbei sein kann, wurde ihm jedenfalls anscheinend immer wieder vor Augen geführt. Trimmi ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Größe beweist Kevin, indem er seiner damaligen Partnerin Moni, der er in einer enorm belastenden Phase nicht zur Seite stehen konnte, den Platz einräumt, sich selbst zu äußern, also ihre Perspektive ungefiltert abzubilden. Zur Heroinabhängigkeit gesellt sich nun Jägermeister-Sucht. Aus einem handgeschriebenen Brief an Auge, den Inhaber seines Tätowierstudios, spricht seine ganze Verzweiflung. Diese Phase illustrieren eigene Bleistiftzeichnungen. Was er auf Seite 261 beschreibt, liest sich, als habe er eine Borderline-Störung entwickelt. Gescheiterte Entzugsversuche münden im kalten Entzug 1993 in Stephans Keller. Anschließend ist er zumindest noch substituiert. 1994 erhält er seine Hepatitis-C-Diagnose. Auf eine erfolgreiche Therapie folgt ein H- und Jägi-Rückfall. Er nennt sie „die siamesischen Bräunlinge“. Ein recht rascher weiterer Entzug ist dann aber erfolgreich und hält in Bezug auf die Zwillies auch lange an. Kritisch sehe ich die durchklingende Kokain-Verharmlosung, offenbar war die ganze Band am Ziehen. 1997 kam für Kevin sogar Crack ins Spiel, worauf er dank seiner Substitution zum Glück nicht hängenblieb – und dieses Zeug wird nun auch kein bisschen verherrlicht.

„…meine Existenz diente einzig und allein nur noch der Suchtbefriedigung, bei stetig steigendem Konsum.“

Irgendwann tritt eine neue Frau in sein Leben: Andrea, bulimisch und ebenfalls süchtig. Die Gründe hierfür sind unappetitlich, machen wütend und werden von Kevin nicht verschwiegen. Ende der 1990er zieht er nach Irland um, ist aber wieder auf H. Er berichtet vom „Dunkler Ort“-Videodreh und dem Besuch bei H.R. Giger im Jahre 2000, in dem er auch seinen ersten schweren Verkehrsunfall erleidet. Interessant hierbei auch: Wenngleich als Grund für seinen erneuten Totalabsturz gemeinhin dieser Unfall und die Schmerzmittelabhängigkeit, die er daraufhin entwickelt habe, angenommen wurde, führt er diese gar nicht als alleinige eindeutige Ursache an. Er äußert Kritik an MTV und dem „MTV Masters“-Beitrag über seine Band, die erstaunlich differenziert, gegenüber der Autorin der Sendung gar versöhnlich ausfällt. Nettes Detail: Die von mir geschätzte ehemalige MTV-Moderatorin Nora Tschirner lobt er für ihre Haltung zu ihrem ehemaligen Brötchengeber – die kenne ich gar nicht, weshalb ich gern noch erfahren hätte, was genau gemeint ist.

Als er innerhalb Irlands umzieht, ist er zunächst fit wie ein Turnschuh, doch dann folgt eben der erneute Absturz. Auf S. 318 schließt sich der Kreis zum Beginn: der Stones-Gig. Ich muss ja zugeben, dass ich, hätte ich nur ein Zehntel dessen intus gehabt, was dort durch Kevins Körper schoss, es gar nicht erst auf die Bühne geschafft hätte – er aber zieht den Auftritt immerhin voll durch. Im Folgenden lässt er die Endphase der Band bis zu ihrer damals als unumkehrbar erachteten Auflösung Revue passieren. Nach dem zweitägigen Abschiedsfestival 2005 auf dem Lausitzring dann der totale Absturz, der auf alle bisherigen noch mal einen draufsetzt – minutiös von Kevin beschrieben. Onkelz-Basser Stephan und anschließend Sanitäter und Ärzte retten ihm gerade noch so das Leben. Nach einem Herzstillstand hat er eine Nahtoderfahrung und ist er dem Tod gerade noch so von der Schippe gesprungen. Nach der Reha zieht er ins nächste Fünf-Sterne-Hotel und lebt zeitweise in einem Luxuscamper.

Schließlich die Katastrophe (das Kapitel heißt genauso), der verheerende Autounfall mit anschließender Farce vor Gericht, völliger Zerstörung seines Rufs, Knast- und Therapieaufenthalt. Er beschönigt nichts, sondern rekapituliert sehr offen, schuldbewusst und reumütig. Mich wundert, dass er hinter Gittern keine Substitution erhielt und kalt entziehen musste – das ist krass. Ist das so üblich? Die Therapie scheint er als letzte Chance zu begreifen und steht sie erfolgreich durch. Er zieht im Taubertal in ein neues Zuhause mit seiner neuen Freundin Simone, deren Tochter Emily und seinem Sohn Julian. Er gewinnt den Kampf gegen die Drogen, was wohl kaum noch jemand für möglich gehalten hätte. Mehrmals wiederholt er seine Dankbarkeit gegenüber der Therapie, sogar gegenüber den Knästen. Es zieht ihn wieder auf die Bühne und so gründet er sein Soloprojekt Veritas Maximvs, mit dem er ein Album aufnimmt sowie erfolgreich und offenbar ohne Zwischenfälle auf Tour geht – alles ein paar Nummern kleiner als mit den Onkelz, mit denen es schließlich im Jahre 2014 tatsächlich zur Reunion kommt. 2014 und 2015 gibt er mit ihnen in Sachen Aufwand und Publikumszuspruch Rekordkonzerte. Weitere Stationen des gesundeten Kevin sind das Orchesterprojekt mit den Onkelz und seine Heirat Simones.

„In meinem Drogenkreislauf machten sich endlich wieder Spuren von Blut bemerkbar, ich war kein Chemielabor mehr, sondern Mensch!“

Mit den Onkelz verschlägt es ihn gar für Auftritte nach Südamerika und er nimmt zwei neue Studioalben mit ihnen auf. Er nennt die wichtigsten Konzerte und Festivals nach der Reunion und lässt durchblicken, wie es ihm während der Covid-19-Pandemie erging – so nutzte er die Zeit u.a., um dieses Buchprojekt zu beginnen. „Damit hatte der selbsterkorene ,ALPHA HOMO NOVUS‘ in seinem selbstkreierten Anthropozän-Zeitalter nicht gerechnet. Leider kam dieser Arschtritt, den die Menschen länger verdient hatten, viel zu spät und mit immer noch viel zu wenig Wucht, um ein wirkliches Umdenken in allen Bereichen zu erwirken, die ein Leben auf dieser Erde gerechter und gesünder gestalten könnten.“ (Kevin über Covid-19) Sehr unterhaltsam und lässig liest sich der Bericht vom „Ñero“-Filmdreh mit u.a. Ben Becker. An der Musikindustrie übt er berechtigte Kritik („Als wir seinerzeit dann doch unseren Echo erhielten, hab ich meinen (…) vollgepisst.“), ebenso an Religionen – aus seiner antireligiösen Einstellung macht er keinen Hehl. Er bezeichnet sich als Kosmopolit (womit er quasi im Vorbeigehen auch jeglichem Nationalismus eine Absage erteilt), als umgekehrtes Stehaufmännchen („Fallummännchen“) und, aufgrund einer nötig gewordenen OP, bei dem ihm Teile seines Gehirns entfernt werden mussten, als einzigen hirnamputierten Punkrock-Sänger, äußert sich gegen die Strafbarkeit des Containerns, lobt Oliver Kalkofe für dessen Mediensatire und wirkt generell nicht dumm, sondern reflektiert, interessiert und nicht unsympathisch – trotz allem. Schonungsloser offen als in diesem in sehr blumiger, metapher- und vor allem in den Kapitelüberschriften wortspielreicher Sprache verfassten Buch dürfte es auch kaum gehen, eine Biographie voller Widersprüche: Ein so starker und doch so schwacher Mann, der, seit er endlich mit seinen Schwächen umzugehen gelernt hat, einen zweiten Frühling zu erleben scheint. Wie sehr sich die Zahl 28 durch sein Leben zieht, ist dabei nur eines von vielen kuriosen Details.

Gegen Ende erfährt man einige Hintergründe zum Entstehungsprozess des Buchs: Der Entschluss, seine Biographie zu schreiben, hing eng mit zwei anderen Personen, Thilo und Mumpi, zusammen und wird sehr detailliert und nachempfindbar beschrieben, sodass es sich anfühlt, als sei man selbst dabei gewesen. Es stand zunächst im Raum, sie von Thilo schreiben zu lassen. Dieser entwarf dann auch den Prolog, den Kevin leicht verändert verwendete, sich dann aber dazu entschloss, doch selbst zur Feder zu greifen. Zum Geschriebenen habe Thilo schließlich seinen „Feinstaub“ dazugegeben. Kevin resümiert und bedankt sich gegen Ende ganz Gentleman-like bei seinen Leserinnen und Lesern. Das Buch schließt mit einer sehr sehenswerten Bildstrecke von den nachgeholten Jubiläumskonzerten, offenbar auf der Bühne geschossen.

Genug des Lobs, Raum für Kritik: Dass die Chaostage 1984 wie auf S. 126 beschrieben wirklich von „Althippies“ anberaumt wurden, wage ich zu bezweifeln, ebenso dass die EU Schuld an der Inflation sein soll (S. 138). Oder war das ein missverstandener bzw. missglückter Witz? Die grundsätzlich gute, lebendige Schreibe, der auch Humor und Selbstironie alles andere als fremd sind, weist leider viele Zeichensetzungsfehler auf, falsch geschriebene Wörter aber nur wenige (auf S. 157 ausgerechnet „Stefan“ statt Stephan). Einiges weist auf eine britische Schreibe hin (auseinander- statt zusammengeschriebene Wörter, die Kommasetzung) – evtl. wegen Kevins britischem Hintergrund? Das Presseticket auf S. 246 ist falschherum, der verbreitete Millenniumfehler (das war 2001, nicht 2000!) findet sich auch hier und ab und zu entgleiten ihm seine Fabulierungen (z.B. auf S. 281: „Auflösung der Bindung“ war gemeint, oder?). Vielleicht erweisen sich diese Anmerkungen ja für eine etwaige überarbeitete Neuauflage als hilfreich. Wenn es ein Korrektorat gab: Das waren Amateure, verlang dein Geld zurück. Wenn es keines gab: Am falschen Ende gespart.

Das ändert aber wohlgemerkt nichts an den inhaltlichen Qualitäten, die sicherlich nicht nur mich positiv überrascht haben. Eines der Versatzstücke, die das Faszinosum Böhse Onkelz ausmachen, ist der Umstand, dass Stephan Weidner zahlreiche Texte über Kevins Suchterkrankungen und daraus resultierende Probleme verfasst hat und es an Kevin war, diese zu singen. Unter anderem darin liegt die von Fans vielbeschworene Authentizität, die die Band von so vielen Kopisten unterscheidet. Als guter Zuhörer konnte man Kevin zumindest ein Stück weit kennenlernen. Mit diesem frei von jeglichem Selbstmitleid geschriebenen Buch ist dies nun ohne diese künstlerische Abstraktion möglich. Kevin nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Hölle und zurück. Möge es sich vor allem für diejenigen als inspirierend, ermutigend und hilfreich erweisen, die schon in den Onkelz-Songtexten Trost, Verständnis, aber auch Arschtritte fanden. Es ist nie zu spät – hier ist der Beweis.

Ralf Heimann / Jörg Homering-Elsner – Zentralfriedhof wie ausgestorben

„Perlen des Lokaljournalismus“ zum Dritten: Die ersten beiden Bände bescherten mir Lachanfälle, also musste auch der dritte her. Dieser wurde im Januar 2019 wie gehabt im Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag als querformatiges, rund 200-seitiges Taschenbuch veröffentlicht und umfasst um die 200 neu eingesendeten und von Heimann sowie Homering-Elsner amüsant kommentierten Nachrichten-Schnipsel aus der deutschsprachigen lokalen Online- und Print-Journaille.

Einmal mehr geben sich missverständliche Formulierungen, sinnentstellende Schreibfehler und radebrechende Formulierungen die Klinke mit Text-Bild-Scheren oder fragwürdigen Layout-Entscheidungen in die Hand. Da fordert schon mal eine Politikerin die „Todesstrafe für Selbstmord-Attentäter“, werden „Pollenböller“ gefunden oder bittet die Stadtverwaltung „um mögliche Belästigungen“. Gefühlt diesmal etwas mehr enthalten sind tatsächliche Skurrilitäten, die die Presse schlicht aufgegriffen hat, z.B. der sich vor Blinden zeigende Exhibitionist. Leider abgenommen haben hingegen übersehene Platzhalter. Von besonderer Qualität sind erneut die Kommentare, die die Leserinnen und Leser auf den Humorgehalt der Fundstücke nicht nur stoßen, sondern ihn zuweilen potenzieren.

Auch in der dritten Runde immer noch lustig bis aberwitzig und damit eine perfekte leichte Lektüre für verschiedenste Gelegenheiten – von Bahnkurzstrecke über Strandkorb bis Klo.

HM Photo Book: Heavy Metal in Japan

Es gibt offenbar diverse Fotobücher, die ausschließlich aus Hardrock- und Heavy-Metal-Musiker(innen) und -Bands abbildenden Fotografien bestehen, wofür es vor World Wide Web und dessen asozialen Medien anscheinend einen größeren Markt gab. Als ich neulich an einem freien Tag nach langen Jahren erstmals wieder jenem verwunschenen Ort, in dem ich aufwuchs, einen Besuch abstattete, steuerte ich zielstrebig einen recht großen Gebrauchtwarenhandel an, wie ich es als Perlentaucher und Schnäppchenjäger üblicherweise so mache. Dort fand ich null komma nix, das Büchertauschregal des Supermarkts aber hielt dieses Schätzchen hier für mich bereit, als habe es nur meiner Abholung geharrt.

Auf den (laut Amazon, es hat keine Seitenzahlen und ich habe nicht nachgezählt) 128 Seiten dieses 1983 im Londoner Verlag Omnibus Press erschienenen broschierten Buchs halten sich groß- und mittelformatige Fotos verschiedener Fotografen von Bands wie Black Sabbath, Thin Lizzy, AC/DC, Motörhead, Deep Purple usw. in Farbe und Schwarzweiß in etwa die Waage. Das sind mal Fotos von Liveaufnahmen, mal Backstage-Impressionen oder privat anmutende Schnappschüsse, aber auch gestellte Posen und Porträts. Allen gemein ist die hohe Qualität und dass sie in Japan entstanden sein sollen. Da es sich mitnichten um allseits bekanntes Material, das ständig irgendwo abgedruckt würde, handelt, freue ich mich über diesen Zufallsfund, in dem einem die Michael Schenker Group übrigens beim Baden im Meer die blanken Hintern zeigt.

David E. Gehlke – Systemstörung: Die Geschichte von Noise Records

Das vom US-amerikanischen Metal-Nerd und -Journalisten David E. Gehlke geschriebene Buch „Damn The Machine“ aus dem Jahre 2017 über das legendäre Berliner Metal-Label Noise Records wurde vom Berliner Iron-Pages-Verlag lizenziert, wo es in deutscher Übersetzung durch Rock-Hard-Redakteur Andreas Schiffmann erschien. Das Taschenbuch ist rund 500 Seiten stark und enthält weshalb auch immer ein Vorwort Hansi Kürschs, der mit keiner seiner Bands (u.a. Blind Guardian) jemals auf Noise Records war. Dem Korrektorat ist da ein bisschen was durchgerutscht, was leider auch im weiteren Verlauf immer mal wieder passierte. Übersehene Tippfehler u.ä. ziehen sich durchs Buch und die englischen Anführungsstriche (auf beiden Seiten oben) irritieren. Aber es kommt ja auf den Inhalt an:

Gehlke erklärt Noise zum „Grundstein der weltweiten Metal-Szene“, was mir nicht nur etwas hochgegriffen scheint, sondern – bei allem Respekt vor Noise und den geilen Platten, die dort erschienen – schlicht Quatsch ist. Zunächst ist sein Buch eine Biographie des Label-Inhabers Karl-Ulrich Walterbach. Dieser studierte, wie wir erfahren, in Münster und Dortmund, bevor er nach Berlin zog, schlug eine Karriere als linker Terrorist ein, die jäh gestoppt wurde, landete für eineinhalb Jahre im Knast, war Hausbesetzer und Technik-Hehler. Mit Punk begann sein musikalisches Interesse und erstmals tat er etwas Sinnvolles, indem er gute Pionierarbeit im Konzert- und Labelbereich leistete (nicht minder legendär als manche Noise-Veröffentlichung sind die Punkscheiben auf Walterbachs „Aggressive Rockproduktionen“-Label). Zu diesen zählt die Compilation „Soundtracks zum Untergang“, der Gehlke respektive Schiffmann die Beteiligung einer Band namens „Hate Ahead“ andichten (S. 36). Tatsächlich enthalten sind die Bands „Hass“ und „Aheads“ – ein Fauxpas aus der Übersetzungshölle?

Die Gründung des Hamburger Punk-Labels Weird System datiert Gehlke aufs Jahr 1993, was ebenfalls verkehrt ist: 1982 wär’s gewesen. Nichtsdestotrotz liest sich der Punkteil des Buchs interessant, u.a. wenn es um Walterbachs DDR-Kontakte und die „DDR von unten“-Veröffentlichung geht. Während der Punk-Krise Mitte der 1980er wechselte Walterbach zum aufstrebenden Metal und gründete mit punkiger Attitüde, aber auch einem guten Näschen fürs Geschäft Noise Records. Über Heavy Metal und dessen damalige Akzeptanz sagt er (S. 69):

„Die selbsternannte Elite, diese intellektuellen Musikzensoren… für sie war das unerhört. Metal, so etwas konnte man nicht machen. Was sollte das überhaupt sein? Schrott. Der Lärm der Arbeiterklasse. Nichts, womit sich ein Denker abgeben würde.“

Und (ebd.):

„Die Frage, ob man Geld verdiente oder nicht, wird in der Metal-Szene nicht ideologisiert. Vielmehr heißt man Erfolg gut, wohingegen man sich im Punk kasteien musste. Mit der Zeit ging mir das echt auf die Nerven, die dauernden Rechtfertigungen, dieser unsinnige Vorwurf der Kommerzialisierung. Darum bin ich froh, es mit Metal probiert zu haben. Verdiente man Geld und zeigte es, indem man etwa einen Jaguar fuhr, steigerte das eher noch das Prestige. In der Punk-Szene ist es genau umgekehrt!“

Auf Seite 70 wird suggeriert, in den Jahren 1993 und 1997 seien zwei weitere „Soundtracks zum Untergang“-Compilations bei Walters nie offiziell aufgelöstem Punklabel erschienen. Dazu sei angemerkt, dass es sich beim dritten Teil um eine reinen Hip-Hop-Sampler handelte und Teil 4 nicht bei Aggressive Rockproduktionen, sondern bei Impact Records erschienen war.

Fortan geht es nun aber also vornehmlich um die ersten Noise-Jahre, wofür Walterbachs erste PR-Beauftragte Kunold ebenso zu Wort kommt wie seine Sekretärin Nielsen und die Vertriebswegbeaufsichtigerin Lange, sodass das Buch nicht allzu monoperspektivisch ausfällt. Der Voivod-Song „Ripping Headaches“ befindet sich allerdings auf „Rrröööaaarrr“, nicht auf „Dimension Hatröss“ – das hätte spätestens Schiffmann beim Übersetzen auffallen müssen. Interessante Einblicke bieten die Abrisse zu den US-Labels Metal Blade und Megaforce, mit denen Noise Lizenzen tauschte. Die erste richtige, eigene Labelband wurden Grave Digger. Gehlke schreibt über die ersten beiden Noise-Compilations, darunter „Death Metal“ mit dem ein Jahr später zensierten Cover, und widmet den Schweizern Celtic Frost ein eigenes Kapitel. Ain, Fischer und Priestly kommen zu Wort, wobei unklar bleibt, ob Gehlke die Statements woanders aufgeschnappt oder wirklich fürs Buch mit ihnen geredet hat. So oder so kommen lesenswerte Interna ans Licht und beide Seiten – Band wie Label – zu Wort. Gehlke findet angemessen kritische Worte zu Walterbach und dazu, wie dieser Celtic Frost behandelte.

Auf ein Kurzporträt des Cover-Künstlers Andreas Marschall folgt ein eigenes Kapitel über Grave Digger, das gerade auch wegen der Verirrung mit der kommerziell ausgerichteten Umbenennung in Digger und der anschließenden temporären Auflösung interessant ausfällt. Jedoch findet sich hier in erster Linie Walterbachs Sicht der Dinge, und an Bandkopf Chris Boltendahl lässt er kein gutes Haar. So richtig spannend wird’s im Running-Wild-Kapitel: Auf der ambitionierten US-Tour mit Celtic Frost und Voivod floppte die Hamburger Kombo und erstmals werden die Streitereien zwischen Noise und EMI erwähnt. Folgerichtig geht’s mit Helloween weiter. Die Hamburger waren Walterbachs bestes Pferd im Stall, die Briten wollten sie Walterbach wegschnappen und die Band wurde zwischen beiden Fronten regelrecht zerrieben. Leider endet das Kapitel abrupt noch vorm Götteralbum „Keeper of the Seven Keys Part 2“, jenem bis heute unerreichten Meilenstein des europäischen Power Metal. Den Song „Gorgar“ hat Gehlke falsch interpretiert, denn er handelt von Video- oder Flipperspielsucht und hat nichts mit einem etwaigen „Monster-Fetisch“ zu tun. Erwähnen hätte er vielleicht noch können, dass Maskottchen Fangface später bei Gamma Ray wieder zu Ehren kam, jene Band, die Gitarrist Kai Hansen aus der Taufe hob, nachdem er Helloween verlassen hatte.

Unfassbar knapp ist das Rage-Kapitel ausgefallen, obwohl die Herner Band um Peter „Peavy“ Wagner satte sieben Alben bei Noise veröffentlichte. Auf Deutschlands größten Thrash-Export Kreator folgt ein kurzes Kapitel übers Kuriosum Rosy Vista, eine es damals lediglich auf eine Mini-LP gebracht habende reine Frauenband, in dem Walterbach alles andere als gut aussieht. Um die Frankfurter Alcoholic-Metaller und Bembel-Thrasher Tankard geht es bis zum Labelwechsel. Kapitel 11 dreht sich um Noise‘ Expansion gen USA und UK und damit in erster Linie ums internationale Geschäft, was es mitunter etwas schwer zu lesen macht. (Und das englische Pop-Duo heißt Erasure, nicht „Eraser“…) Bei der Aufzählung besonders angesagter E-Gitarrenbands zu Beginn der 1990er unterschlägt Gehlke doch glatt Metallica, die mit dem „Black Album“ überlebensgroß wurden (und leider vergaßen, sich anschließend aufzulösen).

Dem Streit zwischen Celtic Frost und Noise widmet Gehlke anschließend ein eigenes Kapitel, aus dem all die Ignoranz Walterbachs dieser fantastischen Band gegenüber hervorgeht. Jedoch wird auch das „Cold Lake“-Desaster detailliert geschildert, so detailliert zumindest, wie ich es zuvor noch nicht gelesen hatte. Die innovativen, von Noise veröffentlichten Tech-, Prog- und Post-Thrash-Bands Coroner, Voivod, Watchtower und Sabbat werden in einem separaten Kapitel zusammengefasst und anschließend Helloween wieder aufgegriffen, sodass auch den Ereignissen nach den „Keeper…“-Alben genügend Raum geboten wird. Eine der spannendsten Geschichten des deutschen Metal-Business, das beweist, wie viel Macht die Labels damals hatten – und wie sie sie auf dem Rücken von Bands missbrauchen konnten.

Das Ende der DDR schuf auch für Walterbach neue Märkte und Möglichkeiten. Als er vom legendären Konzert mit Noise-Bands am 04.03.1990 in der Werner-Seelenbinder-Halle erzählt und angesichts über 4.000 zahlender Gäste nicht glaubt, dass der Ort jemals zuvor derart gut besucht gewesen sei, hat er offenbar das nicht minder legendäre Depeche-Mode-Konzert vergessen, zu dem 1988 die FDJ geladen hatte und das natürlich ausverkauft war. Generell wirkt Walterbach gegenüber der ehemaligen DDR etwas arrogant.

Mittlerweile ist das Buch in den 1990ern angekommen, das für die klassischen Metal-Spielarten kein sonderlich gutes Jahrzehnt war. So geht es im weiteren Verlauf viel um Walterbachs Bestrebungen, mit den sich verändernden musikalischen Vorlieben und Marktbedingungen Schritt zu halten, womit sich einiges nachlesen lässt, was man seinerzeit vielleicht nicht mitbekommen oder schlicht ignoriert hat, weil einen das Genre nicht mehr sonderlich interessierte. Darunter finden sich einige ganz spannende eingestreute Geschichten, es geht aber auch relativ ausführlich um Noise‘ Unternehmungen und Dependancen im Ausland inklusive viel Namedropping und wer genau wann wo welchen Vertrieb für Noise übernahm oder von Noise angestellt wurde, was für mich persönlich eher semiinteressant ist. Am Ende steht der Verkauf des Labels an Sanctuary. Angemerkt sei noch, dass Timo Kotipelto erst ab 1994 bei Stratovarius sang, nicht wie auf Seite 405 behauptet bereits ab 1984.

Der letzte Abschnitt befasst sich mit Walterbachs Aktivitäten im Band-Management. Das Nachwort gehört Walterbach persönlich. Gehlkes Danksagungen, die Noise-Top-5 verschiedener Szene-Größen und eine komplette Noise-Diskographie runden das Buch ab, das trotz erwähnter Fehlerchen einen umfassenden Einblick nicht nur in die Geschichte von Noise Records, sondern auch in die Vita und den Charakter des streitbaren Karl-Ulrich Walterbachs gewährt und zahlreiche Szenestimmen zu Wort kommen lässt, die verhindern, dass es zu Walterbach-exklusiv würde. Auch als jahrzehntelanger Metal-Postillen-Leser, dem vieles bereits bekannt war, habe ich einiges Neue erfahren, vorhandenes Wissen auffrischen oder tiefer ins Detail gehen und nicht zuletzt einer über weite Strecken unterhaltsamen Lektüre über eines meiner Steckenpferde frönen können. Die vielen Fotos, seien es die Schwarzweiß-Bebilderungen im Text oder die beiden mehrseitigen Farbfotostrecken, lockern das Buch zudem angenehm auf und zeigen nicht nur Altbekanntes.

Nicht am falschen Ende zu sparen und das Manuskript vor Drucklegung einem Lektorat zu überantworten, hätte wohl die o.g. Fehler verhindert; und ein professionelles Korrektorat hätte sicherlich Tippfehler wie „Mitpreis“ (S. 88, statt „Mietpreis“) oder „Maquis“ (S. 270, statt „Marquis“) oder auch Sätze wie „Wir baten ihnen sogar von uns aus, wieder mitzumachen“ (S. 95) respektive „Du denkst, du bekommst eine große Chance, und jemand niemand sie dir“ (S. 353) ausgemerzt. Einerseits mögen das typische Erstauflagenkrankheiten sein, andererseits ist es ein bisschen schade, dass dieses als Standardwerk zu Noise Records zu bezeichnende Buch davon betroffen ist.

Jan Reiser – Sticks & Fingers: Basement Blues

Sticks & Fingers entstammen wohl ursprünglich den Jugendseiten der Süddeutschen Zeitung, für die der bayrische Zeichner und Texter Jan Reiser sie entwarf. Im Jahre 2006 erschien dann das rund 50-seitige Softcover-Album „Sticks & Fingers: Basement Blues“ im Ehapa-Verlag.

Das vollfarbige Album ist handgelettert und weist eine i.d.R. vierreihige, damit klar strukturierte, in der Anzahl dennoch dynamische Panelstruktur auf, die den Rahmen für Reisers großartigen und detailverliebten Funny-Stil bildet. Die Geschichte um zwei studierende Rock’n’Roller (Sticks: Drummer, Fingers: Gitarrist), die eine Band gründen wollen und dabei alle erdenklichen Schwierigkeiten, beginnend bei der Proberaumsuche, durchleben, spielt in München und steckt voller Referenzen auf reale Bands, Bücher, Magazine, Songzitate und Plattencover. Der Humor speist sich aus einigem Funny-typischen Slapstick, in erster Linie wird aber eine große, zusammenhängende Geschichte erzählt. In dieser fungiert Fingers auch als intradiegetische Erzählinstanz im Präteritum.

Ein paar Rock-Klischees werden repliziert und persifliert, aber auch die Kunstwelt ist Ziel einiger Gags. Apropos: Fingers malt auch Bilder – über Kopf hängend. Seine Sprechblasen wurden dabei ebenfalls auf dem Kopf stehend abgedruckt. Ein wunderbar konzipierter Klischee-Italiener mit Akzent in den Sprechblasen wird Manager der Band. Köstlich auch die Basser-Auditions, in deren Zuge in jeweils einem Panel die verschiedensten Musikrichtungen durch den Kakao gezogen werden. Auch die Münchner Schickeria kriegt ihr Fett weg, inklusive Rudolph Moshammer. Die Suche nach der sexy Bassistin Bo, die Sticks und Fingers in der Bahn über den Weg lief, wird recht breit ausgewalzt und ist Anlass für viele Gags. Leider ist Bo mit einem reichen Schnösel liiert – zumindest noch… Mit diesem im Bett zeichnet Reiser sie auch schon mal nackt.

Es folgt eine schwierige Suche nach ersten Auftrittsmöglichkeiten. Die Band nennt sich mittlerweile „The Burp“ und ist vor ihrem ersten Gig im Jugendzentrum eines Kaffs regelrecht euphorisch. Fingers‘ großes Idol ist Slash, was man ihm auch mehr als ansieht, und Sticks verknallt sich in die aus der Oberschicht stammende Bo, womit auch eine sehr klassische Liebesgeschichte mit ein paar vorsichtigen klassenkämpferischen Tendenzen Einzug hält. Immer dabei ist Kumpel Mücke, der Metallica- und AC/DC-Fan ist. Wunderbar realistisch wirkt der erste Gig ab dem Moment der Ankunft am Jugendzentrum. Auf Seite 47 hat Reiser eine Konzertszene als prima Wimmelbild gezeichnet, ein weiteres folgt drei Seiten später nach dem Umzug des Gigs in eine Villa. Das Album schließt mit einem Porträt Reisers und Aufschlüsselungen der verwendeten Songtext-Zitate.

Auf Seite 41 findet sich ein kleiner Meta-Ebenen-Gag, der einen weiteren „Sticks & Fingers“-Band suggeriert – woraus leider nichts wurde. Schade, denn „Basement Blues“ ist ein toller Jugendcomic, der nicht nur Jungs, die selbst in Amateurkapellen lärmen, Spaß machen dürfte.

Schwermetall präsentiert Band 22: Tanino Liberatore – Video Clips

Das 22. Album der „Schwermetall präsentiert“-Reihe aus dem Alpha-Verlag erschien im Jahre 1989, im Original bereits 1984. Das 64-seitige Softcover-Album gehört dem italienischen Comiczeichner Tanino Liberatore (der im Patatext auf der Rückseite seltsamerweise Gaetano mit Vornamen genannt wird) und kompiliert mehrere seiner Geschichten – sowie einige vollfarbige, ganzseitige Damenporträts.

„Eingesperrt“, die erste Geschichte dieser handgeletterten Sammlung, ist eine bitterböse, die von einem vollständig gelähmten Senior handelt, der von seiner Betreuerin und deren Freund zunächst im Spiel, dann aber immer fieser regelrecht gefoltert und misshandelt wird – und die seine Rachegedanken visualisiert… Sleaziger Horror vom Derbsten, zudem vollfarbig dargereicht.

Mit „Sax Blues“ geht’s im schwarzweißen Noir-Stil weiter: Ein Saxophonist gerät an eine Nachtclubsängerin, die sich als Femme fatale entpuppt. Zynischerweise verzichtet Liberatore auf einen negativen Ausgang für den Protagonisten, wodurch die Geschichte aber auch etwas nichtssagend wirkt – von einem Seitenhieb auf New York abgesehen.

Ebenfalls schwarzweiß ist die Science-Fiction-Story „Erde gegen Saturn“, in der die Saturnier die Erde friedlich kolonisieren wollen, doch kommunikative Missverständnisse mit Kneipengästen zur Eskalation führen. Humorig. Die Saturnier haben in ihren Sprechblasen eine eigene Sprache, die jeweilige Übersetzung ist anbei. Um die Erdlinge kennenzulernen, sehen sie sich übrigens einen Clark-Gable-Film an; einen entsprechenden Screenshot hat Liberatore in seine Zeichnung eingebettet.

Wir bleiben in der schwarzweißen Science-Fiction: „Folly Bololy“ handelt von einer dystopischen Diktatur, in der die Menschen zunehmend mit implementieren Schnittstellen zu elektrischen Geräten herumlaufen und schließlich ein Diktator gestürzt wird. „E.M.P.S.“ ist eine abermals unkolorierte sozialistische Dystopie um eine Psychiatrie, in der ein Kerl mit Superman fickt… Eine köstlich respektlose Persiflage mit zensierten Sprechblasen als Stilelement.

In Farbe präsentiert sich „Real Vision“ um eine sadistische Geiselnahme, deren Ausgang ich nicht verstanden habe. „Bitte keine Fotos“ entpuppt sich als farbiger Mystery-Thriller um ein Fotomodell, das seine Fotografen um sich versammelt und einen nach dem anderen umbringt – mit überraschender Begründung. Leider kommt die Story mit der Zählweise durcheinander. Das Album schließt mit einem Onepager um eine überraschende Geschlechtsverschleierung bei Raub und Vergewaltigung.

Der Titel irritiert mich, denn der Bezug zur Videotechnologie wird mir (abgesehen vom Clark-Gable-Film) nicht klar. Davon unabhängig handelt es sich um eine interessante, provokante Zusammenstellung für eine erwachsene Leserschaft, für die sich Liberatore unterschiedlicher Erzähl- und an den Realismus angelehnter Zeichenstile bedient und sich für Panelstruktur etc. jede Freiheit herausnimmt, die er dafür benötigt.

Pierre Seron / Mittéi – Herbie Huppser und die Mikronauten, Band 5: Der Klabautermann von Kap Kaputt

Achtung, Oppa erzählt wieder vom Krieg aus den ‘80ern: Eigentlich hießen sie „Die Minimenschen“ (im Original: Les petits hommes), jene französischen Provinzbewohner, die durch Kontakt mit einem Meteoriten auf Zentimetergröße geschrumpft sind und deren Abenteuer im typisch franko-belgischen Funnystil Zeichner und Texter Pierre Seron ab den 1960ern in 49 Alben erzählte. In den 1970ern schafften sie es auch nach Deutschland, wurden sie doch als „Die Minis“ in den Fix-&-Foxi-Heften abgedruckt. Anfang der 1980er nahm sich der Bastei-Verlag ihrer an und veröffentlichte ihre Abenteuer in elf 100-seitigen Taschenbüchern unter dem herrlichen Namen „Herbie Huppser und die Mikronauten“. Für wahre Fans ist es natürlich ein Gräuel, franko-belgische Comics aufs Taschenbuchformat zusammengestaucht und dann noch bei Bastei veröffentlicht zu sehen, wo man (wie auch bei Ehapa und Condor) das Hand- durch Maschinenlettering ersetzte und immer im Verdacht stand, die Originale zu stark zu bearbeiten, teilweise Panels zu streichen usw. Im zarten Grundschulalter liebte ich all diese bunten Taschenbücher – ganz gleich aus welchem Verlag – jedoch und tue es irgendwie bis heute.

Von den Minimenschen habe ich jedoch gar keine Ahnung, denn dieses Büchlein – der fünfte Band der Bastei-Reihe – ist das einzige, das ich von ihnen besitze und gelesen habe. Als ich begann, Comics zu lesen, war diese Reihe nämlich längst wieder eingestellt. Der Zeitschriftenhändler meines Vertrauens hatte jedoch in seinem unheimlich engen, weil vollgestellten und dadurch unfassbar gemütlichen Laden (diesen Mischgeruch aus verschiedensten Papierpublikationen, losem süßen und sauren Fruchtgummi sowie frischen Tabakerzeugnissen hätte ich gern als Raumduft) in der hintersten Ecke eine kleine Second-Hand-Kiste stehen, in der sich immer mal wieder gebrauchte Comics fanden, die aufgrund ihrer stark reduzierten Preise auch für mich erschwinglich wurden bzw. zu deren Kauf ich meine Mutter überreden konnte. Besonders günstig kam mich eben dieses Taschenbuch zu stehen, denn der Einband fehlte. Da ich noch wusste, dass mir die Geschichte gefallen hatte, nahm ich ein natürlich ebenfalls antiquarisches, gleichwohl vollständiges Exemplar kürzlich bei meinem Comichändler mit, nachdem ich es dort entdeckt hatte.

Eine (vermutlich in jedem Band identische) Übersichtsseite stellt die vier, offenbar allesamt von Bastei mit neuen Namen versehenen Hauptfiguren vor, gefolgt von einer knappen zweiseitigen Einführung in die Mikronauten in Comicform. Der Hauptteil, die den alliterationsstarken Titel gebende und von Serons Kollegen Mittéi getextete Story, ist eine an Spirou & Fantasio erinnernde Abenteuer-Mystery-Gruselgeschichte um ein Geisterschiff und Skelette mit rotleuchtenden Augen – irre cool und genau das richtige für mich von Skeletor und Heavy Metal besessenen Schuljungen damals. Ich erinnere mich, mich damals tatsächlich ein kleines bisschen gegruselt zu haben. Ein Segelschiff aus einem vergangenen Jahrhundert trifft auf moderne Hochtechnologie. Das ist angenehm spannend erzählt und wird nicht vom Humor dominiert. Bastei hat eine komplette Kolorierung springen lassen (was bei damaligen Comic-Taschenbüchern nicht selbstverständlich war), die Zeichnungen sind über jeden Zweifel erhaben, die Panelstruktur ist dynamisch, aber übersichtlich, und die Seiten sind sauber durchnummeriert. Kurioserweise findet sich in der Buchmitte ein vierseitiger Rätsel- und Witzteil, der nichts mit der Reihe zu tun hat.

Ein schöner, nicht nur nostalgischer Spaß. Vielleicht drücke ich mir irgendwann noch mehr von den Minimenschen. Dieses Taschenbuch jedenfalls kann ich jetzt endlich meinem einbandlosen Exemplar zu Seite stellen.

Mad-Taschenbuch Nr. 42: Paul Coker Jr. – Mads Tierleben

„Der komplette, lehrreiche & wahnsinnige Ratgeber über den Umgang mit Haustieren“ – nach dem „Mad-Buch der Rache“ und seinen Beiträgen zu „Mads großem Müll-Buch“ war dieses im US-Original 1983, in der deutschen Bearbeitung 1984 erschienene Taschenbuch Cokers dritter Mad-Auftritt im handlichen Format.

Über 160 unnummerierte Schwarzweiß-Seiten erstreckt sich diese Parodie auf Ratgeberbücher, die ihren Humor aus der Schere zwischen dem weitestgehend seriösen Text und den dazugehörigen witzigen Karikaturen bezieht. Diese bis zu drei Zeichnungen pro Seite illustrieren den Text humoristisch und ziehen das Verhältnis zwischen Tierhalter(innen) und Tieren durch den Kakao. Da auf Panels und Sprechblasen verzichtet wird, mutet dieses Mad-Taschenbuch dann auch weniger wie ein Comic, stattdessen mehr wie eine bildlastige Satire an – beide Konzepte halten sich in der Mad-Taschenbuch-Reihe ja ungefähr die Waage. Alle sechs Kapitel von der Wahl des Tiers über dessen Unterbringung und Ernährung bis hin zur Abrichtung, Erhaltung der Gesundheit und „was man sonst noch über Haustiere wissen muss“ enthalten erwartungsgemäß viel Mad-typischen Humor und machen entsprechend Spaß.

Wallace Wood – Sally Forth 1

„Dies ist die Geschichte der unfreiwilligen Soldatin Sally, die auf ihre Art alles tut, um das Militär zu boykottieren…
Als sie eingezogen werden soll, entschließt sich ihre Schwester Libby zu handeln, und militante Feministinnen stürmen das Pentagon.
General von Schlaff, Sallys Kommandant, sieht sich in einer sehr schwierigen Lage und befreit sich von Sally und seinem Problem schließlich, indem er sie zum Mond schießt…“

Soweit der nur in Schriftform stattfindende Prolog dieses ersten von drei „Sally Forth“-Comicalben, geschrieben und gezeichnet vom US-Amerikaner Wallace „Wally“ Wood und im Jahre 1981 veröffentlicht – hierzulande im Kölner Taschen-Verlag als 50-seitiges, vollfarbiges Softcover-Album. Es handelt sich um eine Parodie auf die in Comics beliebte Verzahnung von Science-Fiction mit Erotik, deren Vorreiterin Barbarella gewesen sein dürfte. Wie Babsi schwirrt auch Sally, ein vollbusige Blondine, im All umher. Versehentlich landet sie im Reich bösen Busarella [sic!], die sie zum Opfer ihrer Superkarnevalsorgie auserkoren hat. Sally läuft konsequent splitternackt herum, ihre Scham bleibt aber stets bedeckt. Die absurde Geschichte punktet mit wohldosiertem Humor, gelungenen Gags und zeichnerisch mit einem ansprechenden Funny-Stil, lediglich die Schattierungen in Form von Schraffuren sind gewöhnungsbedürftig. Der Seitenaufbau besteht aus dynamisch vierreihig angeordneten, aber relativ vielen Panels pro Seite, wodurch die Bilder recht klein ausfallen. Für eine 1:1-Adaption im Taschenbuchformat wäre das nix.

Nicht auszudenken, kämen kuriose Kreaturen wie mein Favorit, der „beißende Spott“, nicht mehr richtig zur Geltung. Dasselbe gilt für das marianische grüne Männchen Snorky und den kleinwüchsigen Astronaut Lt. Dal, die sich auf Rettungsmission befinden, dann aber direkt in die Fänge der Feinde Busarellas, der Wehrmacht-ähnlichen Wehrmänner, geraten. Die Handlung verbindet dies mit einer Persiflage auf Bürokratie und gerät zur bissigen Satire aufs Militär. Snorky und Dal agieren daraufhin zwischen beiden Kriegsparteien, derweil bei der US-Regierung Angst vor Feministinnen umgeht. Diese sind sexy und ziehen sich für die Demo ebenfalls aus…

Die zweite, kürzere Geschichte knüpft an die erste an, verweist eigenartigerweise aber auch auf eine, die gar nicht abgedruckt ist. Sally trägt hier immerhin Pumps. Kapitän G.Mein will mit weiteren Schurken Fort Knox ausrauben, Sally & Co. sollen dies verhindern. Dass die Schurken ebenfalls ein Nackedei haben, das genau wie Sally aussieht, ist leider ziemlich einfallslos. Sally ver- und bekleidet sich als Hausmädchen. Eingewoben ist die Superman-Verarsche „Saubermann“ inklusive einer Captain-Marvel-Parodie. Das Ende fällt idiotisch aus und was den Verlag geritten hat, den Namen der eigenen Publikation in der Vorschau auf Band 2 falsch zu schreiben („Saiiy Forth“), entzieht sich meiner Kenntnis. Ein paar Rechtschreibfehler finden sich zudem im Handgeletterten. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch zwei Eindeutschungen: „Der große Preis“ läuft im TV und es existiert eine Partei „Graue Panther“.

Alles in allem ein heutzutage vermutlich noch kurioser als seinerzeit anmutender, augenzwinkernder Spaß mit antimilitaristischer Aussage, wobei der zweite Teil des Albums deutlich abfällt.

Mad-Taschenbuch Nr. 41: Mad-Reporter Dave Berg durchschaut dich

Mit diesem Taschenbuch ging der New Yorker Mad-„Reporter“ Dave Berg die gewohnten 160 (unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten lang in die fünfte Runde. Die US-Amerikaner kamen bereits im Jahre 1982 in den Genuss, die deutsche Ausgabe datiert aufs Orwell-Jahr 1984.

Erneut handelt es sich um ein- bis zweipanelige, maximal vierseitige Comics, die sich für pointierte Gags karikierend mit dem Alltag auseinandersetzen. Das erste Drittel widmet sich dem Verhalten von Kindern und Jugendlichen bzw. den Umgang Erwachsener mit ihnen. Nach wie vor schien Berg gern leichtbekleidete Mädels zu zeichnen, es war noch immer die Zeit der Hotpants. Das zweite Drittel nimmt Ehe und Erwachsensein aufs Korn, und im letzten Abschnitt geht’s ums Alter. Der Humor ist Berg-typisch ohne irgendwelche Ausreißer, was eher harmlose, aber häufig charmante, gelungene Gags bedeutet, aber auch den gewohnt geschärften Blick für Zeitgeisterscheinungen und Generationenkonflikte. Bergs halbrealistischen Zeichenstil erkennt man auf den ersten Blick als den seinigen, wenngleich die Cartoons durch weitestgehenden Verzicht auf Soundwords und über die Mimik hinausgehenden Ausdruck von Emotionen (Linien, Schweißtropfen etc.) recht trocken wirken.

Mit den Eindeutschungen eigentlich in Nordamerika spielender Inhalte ist’s immer so eine Sache. Früher wurde dies häufig gemacht, heutzutage aus guten Gründen nicht mehr. Ich muss aber zugeben, dass das Auftauchen einer „Stern“-Illustrierten und der Umstand, dass der legendäre „Rockpalast“ in der Glotze läuft, ein anheimelndes Gefühl in mir verursachten. Herbert Feuersteins sprachliche Übertragung des Berg’schen Humors ins Deutsche ist wie üblich über jeden Zweifel erhaben.

Copyright © 2026 Günnis Reviews

Theme von Anders Norén — ↑ ↑