Am 12.12.2015 war es soweit und es hieß, Abschied von unserem Quasi-Gründungsmitglied und Bassisten Stef zu nehmen, der nach Jahrzehnten in Deutschland beschlossen hat, am Jahresende in seine französische Heimat zurückzukehren. Natürlich galt es, ihn mit allen militärischen Ehren zu verabschieden, sprich: es noch mal richtig krachen zu lassen! Zu diesem Zwecke organisierten wir erstmals selbst ein Konzert; die Wahl fiel natürlich auf die altehrwürdige Lobusch im Herzen Hamburgs, in der wir praktischerweise auch unseren Proberaum haben. Dass das im Vorfeld alles etwas chaotisch ablief, lag da natürlich in der Natur der Sache: Unseren ursprünglichen Plan, zusammen mit zwei anderen Bands zu zocken, dampften wir auf eine einzelne Combo ein, die dafür aber dreckig für zwei oder mehr ist: den INBREEDING CLAN. Kurz vorher sagte dann DJ Loco krankheitsbedingt ab, der für die Aftershow-Beschallung eingeplant war, der gebuchte, aber verhinderte Tonmensch Norman schickte seinen Kollegen Wurzel und bis zuletzt blieb es spannend, wer nun tatsächlich für Tresendienst und Einlass kommen würde. Eisenkarl wusste uns jedoch zu beruhigen, indem er einwendete, das sei ganz normal und würde schon hinhauen. Und er sollte Recht behalten: Ganz kurzfristig sprangen Katharina und Pieksbirne freundlicherweise für die erste Tresenschicht ein, kurz darauf standen auch Britta und Denise ihre Frau und später hatten Frank und Niko von HAMBURGER ABSCHAUM die Lage im Griff, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Für den Einlass konnten wir auch auf gleich drei Leute zählen. Von vornherein bestens geklappt hatten das Flyerverteilen und Plakatieren Altonas Chefkoch Nr. 1, the infamous Olax, kredenzte die haute cuisine der Saison. Top Job aller!
Nach Bühnenaufbau und Soundcheck versammelte sich zunächst langsam, dann umso geballter der feierwütige Mob im Club und scharrte bald ungeduldig mit den Hufen, bis ihm ab zehn nach zehn der INBREEDING CLAN zeigte, wie original Hamburger Südstaaten-Redneck-Scumrock/-punk zu klingen hat. Das dreckige Quartett um Sänger Flo servierte ihren gut abgehangenen, madendurchsetzten und von Fliegen umkreisten Scumbatzen mal verzerrt, häufig aber auch „clean“ (sofern dieser Begriff hier angebracht ist) und minimalistisch instrumentiert, so dass das Hauptaugenmerk auf Flo lag, der mit whiskey- und shitgegerbter Stimme in die Rolle eines Familienmitglieds aus „The Texas Chainsaw Massacre“ zu schlüpfen schien und verdammt authentisch anmutende Weisen über das eigene Selbstverständnis als CLAN, die Verachtung aller und alles anderen sowie eigenwillige sexuelle Vorlieben in geschliffenem Hillbilly-Englisch schmetterte. Seine schlabbrige Schlafanzughose hatte dabei auch schon bessere Tage gesehen und gab schnell auf bzw. damit den Blick auf seinen vergnügt baumelnden Pimmel frei. Stimmte er eine „Ballade“ an, nahm er bequem auf dem Bühnenrand platz, das hatte dann schon fast etwas von einem gemütlichen Liederabend. Das monotone Snare-Standtom-Spiel des immer irgendwie abwesend wirkenden Drummers gehört ebenso dazu wie das Grimassenschneiden Flos und natürlich das tanzende Publikum, denn der simple Beat geht sofort ins Bein. Statt „Bite It You Scum“ wurde diesmal „Fuck Off, I Murder“ von GG Allin gecovert, das sich natürlich nahtlos ins Set einfügte. Einer hatte im RUN-DMC-Stil ein „FCK FLO“ Shirt dabei und hielt es dem Sänger vor die Nase, ich wiederum verzichtete angesichts unseres bevorstehenden Gigs diesmal darauf, mich zu besaufen und oberkörperfrei vor der Bühne zu eskalieren. Den Nüchternheitstest hat der CLAN jedenfalls bestanden, das war wieder spektakulär daneben!
- Inbreeding Clan
- Foto: Moe
Irgendwie nahm das aber kein Ende mehr, die hörten gar nicht mehr auf! Auf ein Zeichen kamen sie nach 75 Minuten dann zum Schluss und nach kurzer Pause war’s dann soweit: unser letzter Gig mit Stef. Die Bude war mittlerweile richtig voll, ein nicht unerheblicher Teil der Gäste – unter ihnen der halbe Gaußplatz und überraschend aus dem Ruhrpott angereiste Kapeiken – ebenfalls und die Luft nur noch schemenhaft erahnbar im stickigen Dickicht aus Zigarettenqualm und anderen Ausdünstungen. Allein schon aufgrund der Halsschmerzen, die mich seit zwei Tagen plagten, goss ich mir ’nen lütten Whiskey rein – und ab dafür… Direkt von Beginn an ging die Meute gut mit, nach dem dritten Song warf ich sämtliche Absprachen übern Haufen und sagte den fünften an. Man erinnerte mich jedoch daran, dass vor der Fünf die Vier käme und jetzt Freibierzeit wäre und so verteilten wir einen Kasten Holsten von der Bühne an den durstigen Pöbel. Im Anschluss peitschte Chrischan uns mit seinem Nuclear Motherfuckers Beat so dermaßen an, dass kaum Zeit zum Luftholen blieb – der Gute wurde immer schneller! Hinzu kam, dass wir diesmal tatsächlich mal durchzogen, was wir schon länger vorhatten, nämlich einige Songs blockweise aneinanderzuhängen, also quasi ohne Pause durchzuzocken. Nun war’s zwar einerseits angenehm, sich nicht ständig alberne Ansagen überlegen zu müssen, andererseits hetzten wir jetzt förmlich durchs Set. Und überhaupt, die Luft! Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals SO dermaßen stickig gewesen wäre. Zwischendurch dachte ich beim Brüllen kurz, ich würde jetzt entweder ohnmächtig oder kotzen müssen. Stattdessen würgte ich einen riesigen Schleimballen hoch, den ich gleich wieder hinunterschluckte – guten Appetit. Kais Gitarre war ungewöhnlicherweise zunächst leiser als Fe-Karls und musste noch mal nachjustiert werden, aber beide rifften tapfer durchs Set und gingen jedes Tempo mit. Ganz überrascht war ich, als ich nach gefühlt 20 Minuten schon unseren vorletzten Song „Hatepunk“ ankündigen musste, den ich mit letzter Puste noch herauspresste, bevor Stef endgültig in den Mittelpunkt rückte und ein letztes Mal mit uns das BÉRURIER-NOIR-Cover „Les Rebelles“ anstimmte, wie üblich in einer abermals neuen, spontanen Interpretation (wie der eine oder andere Song zuvor auch, ähem). Die Brüllpause tat mir verdammt gut, denn als nach mehr verlangt wurde, durfte zur Feier des Tages Stef sich zwei Songs zur Wiederholung wünschen. Seine Wahl fiel auf „Aktion Mutante“ und „IS-SS“, für die ich wieder mehr Puste hatte, wenngleich Chrischan alias Dr. Tentakel jetzt zum finalen Massaker ausholte und sein Drumset in ungeahnter Frequenz durchprügelte – so schnell waren diese Songs noch nie, und es stand ihnen nicht schlecht.
- Foto: Katharina
- Foto: Jana
- Foto: Frank Obersheimer
- Foto: Frank Obersheimer
- Foto: Moe
- Foto: Frank Obersheimer
- Foto: Frank Obersheimer
- Foto: Frank Obersheimer
Nach dieser sportlichen Darbietung hieß es erst mal, wieder runterzukommen, den Energiehaushalt mittels isotonischer Alkoholika wieder auszugleichen – um schließlich noch stundenlang mit Stef und allen anderen weiterzufeiern! Sogar DJ Loco war doch noch mit ein paar Platten unterm Arm aufgetaucht, sein Pult wurde aber nicht mehr aufgebaut. Gemischte Mucke aus der Konserve gab’s trotzdem, geöffnete Fenster ließen endlich wieder durchatmen und laut der Tresencrew wurde anscheinend fast der ganze Getränkekeller leergesoffen! Unglaublich!? Ein gewisser Chr. O. tauchte plötzlich auf und gab zu Protokoll, unterm Kickertisch (!) geschlafen zu haben. Andere „legten“ sich jetzt erst hin, knackten im Sitzen weg, während um sie herum der Trubel keine Ende nahm. Irgendwann zwischen 3 und 4 verabschiedete auch ich mich, sogar aufrechten Gangs, und musste zum Glück erst am Donnerstag noch mal zum Saubermachen hin.
- Freedom
- of
- Beer
Fotos: Frank Obersheimer
Bis auf ein paar ganz wenige Ausfälle (Eiertritte von hinten in völlig normal pogende Kerle sind kein Zeichen emanzipatorischen Antimackertums, sondern asoziale SCHEISSE, junges Frollein!) war’s ’ne arschgeile Party und ein würdiger Abschied für den alten Schneckenschlürfer! Danke an alle, die ihm die „letzte Ehre“ erwiesen haben sowie an die Lobusch und alle Helfer und Helfershelfer, die den Abend mit uns gewuppt haben! Wir machen zu Viert weiter, Eisenkarl übernimmt den Bass und der erste Gig in dieser Besetzung findet am 20.02.2016 im Menschenzoo als Support für die DÖDELHAIE statt.
Stef, Aller – DANKE für die gemeinsamen Jahre DMF und alles Gute! Santé!!!
P.S.: Außerdem danke an Frank Obersheimer, Jana, Katharina und Moe für die Fotos! Weitere Bilder gibt’s hier.


















Einen nicht ungefähren Teil der Faszination des Metal-Genres machen zweifelsohne die Plattencover aus, die häufig große Kunst in Form morbider Visionen, dämonischer Fratzen, blasphemischer Illustrationen, fantasiereicher bunter Welten oder auch detailreicher Comiczeichnungen bieten. Mit seinem 2013 veröffentlichten großformatigen, ca. 160 Seiten starken Hochglanz-Bildband bietet der Iron-Pages-Verlag einem der anerkanntesten deutschen Künstler auf diesem Gebiet, dem Dortmunder Axel Hermann, ein Podium, um seine interessantesten Arbeiten in Buchform zusammenzufassen, zu präsentieren und zu kommentieren und vereint außerdem viele Stimmen von Szene-Angehörigen, für die er gearbeitet hat. Nach einem Vorwort Götz Kühnemunds und Robert Kampfs und ein paar persönlichen Zeilen Axel Hermanns nimmt letzterer den Leser des komplett zweisprachigen Buchs (alle Texte sind auf deutsch und englisch abgedruckt) mit auf eine spannende und inspirierende Reise durch sein Gesamtwerk, beginnend bei allerersten, köstlichen Zeichenversuchen eines typischen Metal-Fans über erste Auftragsarbeiten für „Century Media Records“-Veröffentlichungen, durch die man anhand des großartigen Covers für MORGOTH’ „Resurrection Absurd“ schnell beim Death Metal landet, einem seiner Hauptbetätigungsfelder. Weiter geht es mit den US-Metallern von ICED EARTH, deren Stammzeichner er geworden ist, über T-Shirt-Designs, Skizzen und Karikaturen bis hin zu jungen Arbeiten aus dem aktuellen Jahrzehnt. So bekommt man häufig einen Einblick in die Entstehungsprozesse weltberühmt gewordener Motive und erfährt interessante Details. Abgerundet wird das Buch durch Schnappschüsse aus Axels privatem Fotoarchiv und Humor sowie etwas Selbstironie kommen auch nicht zu kurz. Ein wertiger Schmöker nicht nur für Metal-Fans, den sich Axel Hermann redlich verdient hat und den durchzublättern nicht nur einen schönen Überblick über sein Schaffen bietet, sondern auch dazu einlädt, die eine oder andere Platte aufzulegen und/oder sich in den vereinnahmenden Bildern zu verlieren.
Auf „Wo soll das alles enden“ folgte das mir noch unbekannte „Freakadellen und Bulletten“, bevor der Wahl-Berliner Cartoonist Gerhard Seyfried im Jahre 1980 für seinen rund 90-seitigen Farbcomic „Invasion aus dem Alltag“ zum Rotbuch-Verlag zurückkehrte. Zur wortspielreichen Deutschland-Karte des Debüts gesellt sich hier eine ebensolche (T)Europa-Topographie, bevor Seyfried erklärt, der Comic spiele „in der Linken“ und auf den folgenden Seiten einige derer Vertreter vorstellt, wofür er karikierend mit Klischees spielt. Fortan dreht es sich um eine fünfköpfige Clique, die im knollennasigen und detailreichen Funny-Stil gern mal mit den Gesetzeshütern in Konflikt gerät, welche hier eindeutig negativ und satirisch überzeichnet dargestellt werden und es natürlich darauf hinausläuft, dass diese den Kürzeren ziehen. Nach einigen doppelseitigen Zukunftsvisionen beginnt knapp nach der Hälfte jedoch das eigentliche Herzstück des Comics: In der Wohngemeinschaft versammelt sich die Clique zum gemeinsamen Kiffen und Fernsehen, als der Sprecher der „Abendschau“ verkündet, dass über dem Schöneberger Rathaus ein Ufo verharre. Am nächsten Morgen macht man sich auf den Weg und findet das Rathaus verlassen vor, während die Außerirdischen Berlin für die Hauptstadt des ganzen Planeten und unsere Anarcho-Freunde für seine offiziellen Repräsentanten halten. Das Missverständnis wird jedoch schnell ausgeräumt und man freundet sich locker miteinander an, doch die tatsächlichen Regierungsvertreter schicken Soldaten – zum Zorn der freundlichen, kugelförmigen Außerirdischen. Sie reagieren auf die irdische Provokation, indem sie den Anarchos eine Bombe bzw. „die entsetzlichste Waffe des Universums“ schenkt und sie zur neuen Regierung adelt. Die Soldaten und die Polizei nehmen daraufhin panisch Reißaus, doch aus Versehen geht die Bombe hoch und verwandelt die Erdenbewohner in „absolut unregierbare“ Individuen, was Seyfried erneut Anlass bietet, seine autoritätsfeindlichen freiheitsliebenden Ideale zum Ausdruck zu bringen. Im Zusammenspiel mit den bunten, klaren Zeichnungen und dem immer wieder bei aller trotzigen Naivität und Plakativität auch durchaus feinsinnigen Humor, der nebenbei Science-Fiction-Motive aufgreift und persifliert, ergibt sich ein kurzweiliges Vergnügen, das auf eine gewitzte Pointe zusteuert – und trotz viel Zeitkolorit angesichts der politischen Situation Deutschlands bzw. der Welt natürlich auf seine Weise zeitlos ist.
Der gebürtige Münchener und Wahl-Berliner Gerhard Seyfried avancierte im Laufe der Jahre zu einem der „linksradikalen“ Cartoonisten, dessen Zeichnungen weit über die Grenzen linker oder sonstiger Subkultur Bekanntheit erlangten. Sein erstes Buch erschien 1978 im Rotbuch-Verlag: „Wo soll das alles enden“, ein „kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken“. Dieser besteht in erster Linie aus Zeichnungen, die zwischen 1972 bis 1978 im alternativen Münchner Stadtmagazin „Blatt“ erstveröffentlicht wurden. Vornehmlich in Einzel- und Wimmelbildern und mit vielen Wortspielen bis hin zu Kalauern zeichnet Seyfried karikierend die Entwicklung der außerparlamentarischen Opposition (APO) nach, über die Entstehung alternativer Buchläden, Magazine etc. bis hin zu alternativen Lebensentwürfen und der staatlichen Repression. All das ist angenehmerweise alles andere als frei von Selbstironie, wirkt aus heutiger Sicht aber bisweilen auch reichlich naiv und schwankt zwischen genial witzig und etwas infantil und platt. Damit ist Seyfried aber auch ein schönes Zeitdokument gelungen, das auf humoristische Weise einen Einblick in den damaligen Zeitgeist und das seinerzeitige Lebensgefühl und Selbstverständnis erlaubt, das auch heute noch auf seinen rund 100 Seiten für manch Lacher gut ist.
Der Spiegel-Verlag brachte im Jahre 2006 dieses Sonderheft heraus, das sich auf 180 Seiten (abzgl. diverser Werbung) ausschließlich der spannenden Zeit des ersten deutschen Nachkriegsjahrzehnts widmet. Verschiedene Autoren widmeten sich verschiedenen Themenbereichen und ebenso unterschiedlich sind auch Informationsgehalt und Qualität zu bewerten. Klaus Wiegrefe steigt mit den Gründerjahren ein, gefolgt von einem Interview mit Altkanzler Helmut Schmidt. Reich bebildert sind viele Seiten, die einen Überblick über geschichtsträchtige Gebäude und Orte bieten. Viel wird auf die Rolle Konrad Adenauers eingegangen, wobei man für meinen Geschmack zu viele Seiten zu lang recht unkritisch bleibt. Kürzere Essays, z.B. über die versäumte Aufarbeitung von Kriegstraumata einer ganzen Generation, über jüdische Displaced Persons, Versuche der Aussöhnung mit Israel und deutsche US-Emigranten werden zwischengeschoben und reißen interessante Perspektiven an, die sicherlich eine tiefergehende Auseinandersetzung rechtfertigen würden. Großen Raum nehmen folgerichtig der schnell entfachte Kalte Krieg und die mit ihm einhergehenden Zugeständnisse an die Bevölkerung und alte Nazi-Schergen ein. Nachdenklich stimmt beispielsweise ein Artikel über den Krupp-Konzern und wie er sich aus seiner Verantwortung stehlen konnte. Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sind ebenso Thema wie die unfassbaren Attacken der katholischen Kirche gegen die evangelische und die theologischen Differenzen des Jahrzehnts, bei denen die Katholiken nicht gut wegkommen. Zur von verschiedenen Autoren beleuchteten Personalie Adenauer gesellt sich ein kritischer Blick auf den „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard, dessen Mythos ein gutes Stück weit auseinandergenommen wird – denn so „sozial“ wie heutzutage insbesondere von SPD-„Genossen“ gern kolportiert, war seine Marktwirtschaft mitnichten. Daraus resultierend und überaus lesenswert ist Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Wehlers Aufräumen mit dem wirtschaftlichen „Wachstumsfetischismus“, der immer wieder das „Wirtschaftswunder“ nostalgisch verklärt und dem Wunschtraum nachhängt, derartige Wirtschaftswachstumszahlen noch einmal erreichen zu können – gern auch als Argumentation im Klassenkampf von oben gegen die Unterschicht eingesetzt. Relativ ausführlich widmet man sich der größten Schande der deutschen Nachkriegsgeschichte, der versäumten Entnazifizierung – nicht ohne die „Sachzwänge“, die dazu ihren entscheidenden Teil beitrugen, gegenüberzustellen, ohne jedoch den damit einhergehenden Zynismus in vollem Umfang zu verdeutlichen und zu verurteilen. Vielleicht war das auch gar nicht nötig, denn es liest sich auch so beschämend genug. Die beschriebenen Schwierigkeiten für deutsche Kriegsheimkehrer, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen, entbehren hingegen nicht einer gewissen Tragik. Wie ein Lichtblick erscheint da die breite Protestbewegung gegen Wiederbewaffnung und Westbindung, die das Spiegel special korrekt als Wendepunkt der politischen Kultur einordnet. Auf lediglich zwei Seiten tendenziell als eher abgefrühstückt hingegen empfinde ich Alexander Szandars Ausführungen zur von Adenauer flugs vorangetriebenen Wiederbewaffnung. Eher einseitig, dennoch in ihrem zusammenfassenden Charakter alles andere als uninteressant fallen unterdessen die Berichte über die Luftbrücke und ihre „Rosinenbomber“ aus. Und auch das Thema der deutsch-deutschen Spionage hätte auch in diesem begrenzten Rahmen wesentlich mehr Stoff als für nur eine Doppelseite geboten. Da verwundert es auch kaum, dass die komplexe und spannende Thematik der DDR nur in aller Kürze, am Rande und extrem einseitig abgehandelt wird – eines der größten Versäumnisse dieser Publikation.
Opa goes brutal satanic Thrash


Dann endlich HOBBS’ ANGEL OF DEATH! Peter Hobbs’ ist Mitte 50, sieht locker zehn Jahre älter aus und stand bis eben noch hinterm (plattenlosen) Merchandise-Stand („Sorry, CDs are sold out“), betritt nun aber mit seinen neuen Mitstreitern, VIOLENTOR-Bassist und Zottelbär Cane sowie zwei Jungspunden, die Bühne. An seinen Mikroständer hat er ein dekoratives umgedrehtes Kruzifix angebracht, statt eines Bandbanners hängt ein großes Pentagramm mit Ziegenschädel hinterm Drumkit (das nach wenigen Songs nur noch zur Hälfte baumelt und schließlich ganz flöten ging). Was wird dieser volltätowierte, bierbäuchige alte Knacker, der mehr nach Rockerclub oder Bluesrock aussieht, hier noch reißen können? Um’s kurz zu machen: ALLES! Vom ersten Song an tobte der totale Thrash-Holocaust von der Bühne, Hobbs hat immer noch das gleiche kehlige Shout-Organ wie früher und es gab musikalisch brutalst auf die Fresse: Hobbs und der Lead-Gitarrist ergänzten sich mit ihren akzentuierten Riffs oder lieferten sich unerbittliche Duelle, der Bass goss das Fundament und der unermüdliche Drummer erinnerte mich sogar an den Kollegen von SEPULTURA – Weltklasse! Die jüngeren Songs – anscheinend zockte man auch viel noch unveröffentlichtes, für eingangs erwähnten dritten Longplayer geplantes Material – sind anscheinend noch schneller als das alte Zeug, von Altermilde nicht die geringste Spur, im Gegenteil: Hobbs gab sich blasphemisch wie ein übermotivierter Jüngling, wobei ich die finale Geste, das Anspucken des Jesus auf seinem Kruzefix, dann doch etwas übertrieben und albern fand. Zwischen den Songs brummte er heisere Ansagen mit Aussie-Dialekt, wovon ich nur die Hälfte verstand. Jedenfalls verstand er es gut, das Publikum zu animieren, das jedoch keinen Moshpit formierte, dafür aber ausdauernd bangte, was die Nackenwirbel hergaben. In der Mitte des Sets riss ihm dann plötzlich eine Saite. Er sang noch etwas ohne Klampfe und verschwand dann hinter die Bühne, während der Rest der Band den Song fertigspielte. Ein paar Minuten Zwangspause waren die Folge, die ich u.a. nutzte, um mir einen herrlich geschmacklosen Aufnäher der Band mitzunehmen, doch dann kam er mit frisch besaiteter Axt zurück, nahm ein paar Schlücke aus der Bierpulle und behauptete, sich backstage einen runtergeholt zu haben (ein Beispiel für seinen schnoddrigen Humor). Vergnügt ging’s weiter, bis irgendwann der vermeintlich letzte Song angekündigt und gezockt wurde und daraufhin die Lichter angingen. Die Rufe nach einer Zugabe verhallten jedoch nicht ungehört und zu mittlerweile vorgerückter Stunde gab man noch zwei Stücke zum Besten, bis dann wirklich endgültig Schluss war. HOBBS’ haben meine Erwartungen an diesem genialen Abend übertroffen, meine Nackenmuskulatur ordentlich strapaziert und mich davon überzeugt, mich mal mit dem zweiten Album zu beschäftigen. Bleibt zu hoffen, dass es nun auch endlich mit der dritten Platte klappt – und wenn die hält, was dieser Gig versprach, dann aber Heidewitzka! Schön, ein kauziges Original wie Peter Hobbs & Co. endlich einmal live gesehen zu haben – danke an Flo und das Bambi sowie an die Australier für diesen Beweis, dass man diese Art von Musik auch im höheren Alter noch derart ungestüm und authentisch bringen kann!




An diesem Samstag überschlugen sich die Hamburger Konzertveranstalter mal wieder: YACØPSÆ feierten ihr 25-jähriges Jubiläum mit einem fetten Aufgebot in der Markthalle, THE ADICTS tobten durch die Fabrik, OXO 86 verkauften das Monkeys aus, VLADIMIR HARKONNEN und weitere verwandelten die Lobusch in ein Pulverfass, zudem zockte irgendwer im Menschenzoo und eigentlich sollten auch noch MOTÖRHEAD die Sporthalle zerlegen, fielen jedoch aus – diesmal nicht wegen Lemmy, sondern wegen Gitarrist Phil Campbell, der unverhofft ins Krankenhaus und deshalb auch schon den Berlin-Gig am Freitag absagen musste. In Anbetracht des Markthallen-Programms, das mit HOLY MOSES eine Band enthielt, die ich noch nie live gesehen hatte, jedoch gesteigertes Interesse bei mir hervorrief, entschied ich mich für das YACØPSÆ-Jubiläum. Die Hamburger hatten eine Menge befreundeter Bands geladen, mit ihnen zu feiern und dabei wieder einmal bewiesen, keinerlei Berührungsängste vor stilistischer Vielfalt zu haben. Das schlug dann im Vorverkauf auch mit satten 25 Eiern (inkl. Wuchergebühren) zu Buche – aber wat mutt, dat mutt.
































