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Den guten Valentin kenne ich noch als Brüllaffen der Newschool-Hardcore-Band THIS BELIEF, doch die ist mittlerweile Geschichte. Seine zweite große musikalische Liebe ist der Streetpunk und so gründete er eines Tages zusammen mit Sascha (ex-IN VINO VERITAS) in Hamburg zusammen mit zwei weiteren Leuten die Band ARRESTED DENIAL, die vor zwei oder drei Jahren in Eigenregie das Album „Church on Friday“ veröffentlichte (das kostenlos im Netz herunterladbar ist). Nun konnte man einen Deal mit dem Mad-Butcher-Label an Land ziehen und kredenzt die zweite Platte „Our Best Record So Far“, die schon jetzt überregionale Aufmerksamkeit nach sich zieht – und das zurecht. Zelebriert wird hier feinster US-beeinflusster Streetpunk, der inspiriert scheint von Genregrößen à la RANCID, U.S. BOMBS, SWINGIN’ UTTERS und Konsorten, dabei aber jedes Klischee behände umschifft. Mit einem herrlich rauen, angepissten, jedoch nie stumpf brüllenden Organ trägt Valentin seine in deutscher und englischer Sprache verfassten, sauber ausformulierten und gern mal für diese Musikrichtung relativ langen Texte vor, die sich ebenso kämpferisch wie nachdenklich und selbstkritisch in Bezug auf die eigene Szene geben und u. A. handeln vom eigenen Selbstverständnis, von der emotionalen Verbundenheit mit dem eingeschlagenen Lebensweg, vom Besinnen auf das, was von Bedeutung ist, aber eben auch höchst unschöne Erscheinungen thematisiert wie reaktionäre und populistische Politik (mein großer Hit der Scheibe: „D-Land“, ich zitiere: „Deutschland, du hast dich abgeschafft!“), Resignation und Zerstrittenheit, destruktive Endlos-Diskussionen sowie „Wochenend-Antifas“ und trendige Mittelklasse-Steinewerfer-Vorstadt-Kids, die nach eineinhalb Jahren ihre rebellische Phase bereits wieder aufgegeben, im Zweifelsfall aber viel verbrannte Erde hinterlassen haben. Gerade in den deutschen Texten gelingt es Valentin, manch sperrig anmutenden Vers akzentuiert auf den Punkt zu bringen, ohne gezwungen oder hektisch zu klingen. Abwechslungsreichtum wird großgeschrieben, schnelle Songs wechseln sich ab mit Midtempo-Melodien, neben gereckten Fäusten klingt auch mal ein wenig Melancholie durch, zwei Offbeat-Stücke stehen gleichberechtigt neben Hardcore-Eruptionen wie dem HATECLUB-Cover „Welcome“, das gesanglich auch gleich von HATECLUB-Ozzy unterstützt wird. Weitere prominente Unterstützung holte man sich in Form von SMEGMA-Michi, der bei „Underdog“ mitträllert. Mit „Down to Earth“ hat man sogar so etwas wie eine Ballade an Bord. Die beiden Gitarren von Sascha und Valentin wurden hervorragend aufeinander abgestimmt, ergänzen sich ideal und zelebrieren erhabene Punkrock-Melodien; die teils mehrstimmigen Refrains und Background-Chöre sorgen für zusätzliche Eingängigkeit, ohne zu „sauber“ oder poppig zu wirken. Aufgenommen, produziert, abgemischt und gemastert wurde das alles von Multitalent Valentin persönlich, der sich auch gleich noch um das (gelungene!) Artwork kümmerte, insofern kann man trotz Label noch immer von einer D.I.Y. (oder D.I.V. – „Do it, Valentin!“)-Nummer sprechen. Alles richtig gemacht, kann ich da nur konstatieren: Mit „Our Best Record So Far“ haben ARRESTED DENIAL ein sehr starkes, eigenständiges Album am Start, das frei jeglichen Bullshits ist, in dem dafür aber spürbar umso mehr Herzblut und Liebe zum Detail steckt, das manchen Hit offenbart und das zudem auch noch astrein klingt – musikalisch wie produktionstechnisch! Hamburg did it again und hat einmal mehr eine geile Band mit viel Potential am Start, das diese auch zu nutzen versteht. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht den Weg vieler Hamburger Bands geht und sich auf ihrem vorläufigen und beachteten kreativen Höhepunkt schon wieder auflöst. Erhältlich auf farbigem Vinyl (inkl. Download-Code) und auf CD, wobei man gut daran tat, den unsäglichen Bonus-Track „Walk of Life“ (einer der nervigsten DIRE-STRAITS-Songs) auf die LP zu packen und mir „nur“ die CD auszuhändigen, haha. Diese umfasst 13 Songs in 33 Minuten sowie ein sehr schniekes Booklet, das die meisten Texte in abgedruckter Form enthält. Jüngst gab es übrigens einen Besetzungswechsel – Bassist Thorben verließ die Band, für ihn kam Timo (SMALL TOWN RIOT / HIGHSCHOOL NIGHTMARE). Live durfte ich die Band bereits mehrmals auf mich wirken lassen, da wird dem ernsten Grundton der Scheibe zum Trotz gern einer gesoffen und zünftig Party gemacht – von griesgrämigen Szene-Gralshütern oder spaßfeindlichen Besserpunks also keinerlei Spur! So soll’s sein und ich freu mich schon auf den nächsten Gig. Danke für die geile Platte, Jungs! Nur eines noch: In „Soweit“ heißt es: „Euer Loblied auf die Working Class kann ich nicht ganz verstehen“ – ich weiß zwar nicht, welches „Loblied“ konkret gemeint ist, aber der selbstbewusste Umgang mit der eigenen Klassenzugehörigkeit bedeutet keinesfalls, dass es unglaublich viel Freude bereiten würde, seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um über das absolute Existenzminimum hinauszukommen, sondern ist ein sich Bewusstmachen der eigenen Lage in der Gesellschaftsordnung und damit der erste Schritt zu einem solidarischen Miteinander sowie der ausgestreckte Mittelfinger in Richtung Oberschicht, deren gewünschten Konkurrenzkämpfen um „sozialen Aufstieg“ im Klassengefüge man sich aus gutem Grunde verweigert. Aber das nur am Rande. 😉
Günni

Wenn der Hamburger Gaußplatz spontan für ein Kneipenkonzert anfragt, sagt man natürlich zu – auch, wenn sich der Bassist gerade irgendwo im Exil („Urlaub“) auf einer einsamen Insel befindet, telefonisch nicht erreichbar ist und erst einen Tag vorher in hiesige Breitengrade zurückkehrt. Glücklicherweise war dieser aber Feuer und Flamme, wenngleich er seinen Rückflug verpasste und erst noch später wieder zur Verfügung stehen sollte. Dies war jedoch noch das Harmloseste in einer Kette aus Pleiten, Pech und Pannen, die uns hinsichtlich des letzten DISILLUSIONED-MOTHERFUCKERS-Gigs im Jahre 2012 das Leben erschwerten. Da man sich eigentlich in einer Art Winterpause befand und dementsprechend länger nicht mehr geprobt hatte, wollte man am Nachmittag vor dem Gig noch einmal den Set im Probebus komplett durchzocken. Unglücklicherweise geriet mein Alkoholkonsum auf einer Party in Kiel am Tage zuvor letztlich dann doch ziemlich außer Kontrolle und erwies sich die Rückfahrt in klirrender Kälte derselben Nacht als nicht ganz unkomplex und anstrengend, so dass ich viel zu spät in die Federn kam – und am nächsten Tag mit Mordskater so dermaßen verschlief, dass ich fast rekordverdächtige zwei Stunden zu spät zur Probe antrat. Nach den ersten paar Songs riss zudem eine Saite an Kais Gitarre, Ersatz befand sich nicht auf Lager und alle saitenführenden Läden hatten zu – perfekte Organisation im Hause DMF! Glücklicherweise konnte uns Wurzel, der sich auch um den Sound und allgemeinen Ablauf des Konzerts kümmerte, mit einer Ersatzgitarre aus seinem Fundus aushelfen – dafür noch einmal vielen Dank! Diese war aufgrund ihres verkürzten Halses ungewohnt in der Handhabung für Kai, sollte ihren Dienst aber tadellos verrichten. Meine alternden Knochen jedoch zollten Kälte, Bewegungsmangel etc. Tribut und die damals noch unbehandelten Lendenwirbelprobleme, die ich bereits einige Tage mit mir herumschleppte, erreichten einen neuen Höhepunkt. Normales Gehen wurde zum leichten Hinken, an schmerzfreie Bewegung war nicht zu denken und ich fand mich mit dem Gedanken ab, in der ohnehin schon engen Kneipe in den Bewegungsmöglichkeiten weiter eingeschränkt zu sein. Die Zeit bis zum Beginn nutzte ich, um etwas feste Nahrung in den Magen zu bekommen und mit Konterbieren dem Kater etwas entgegenzusetzen, was jedoch nicht so recht funktionieren wollte. Die gemütliche, beheizte Gaußplatz-Kneipe „El Dorado“ füllte sich zwischenzeitlich zusehends mit vielen Interessierten, die „zwischen den Jahren“ die Nase voll hatten von Idylle und Kitsch und sich durch die Kälte zum Ort des Geschehens schlugen. Irgendwann fiel der Startschuss und wir eröffneten für die CITY RATS aus Israel. Witzigerweise fanden zwei unserer bis dato drei Auftritte auf Bauwagenplätzen mit israelischen Bands statt – um uns eine ausgewiesene Israel-Konnektschn anzudichten, ist es aber wohl noch zu früh. 😉 Wie dem auch sei, im Publikum befanden sich viele, die uns zum ersten Mal sahen und wir gaben unser Bestes; auch das neue Stück „Montag, der 13.“ fand in den Set, wenngleich ich den Text noch vom Zettel ablesen musste. Wie gewohnt von solchen Auftrittsmöglichkeiten gibt es weder eine richtige Bühne noch Monitorboxen, was für solche Orte auch leicht überdimensioniert wäre. So stand man sich also wieder Auge in Auge gegenüber, wie es sich für eine vernünftige Hardcore-Punk-Show gehört. Die Bude war rappelvoll und es wurde somit unser bislang größter Auftritt. Mit letzten Kraftreserven brüllte ich die Texte heraus und vermied schmerzhafte Bewegungen wie z.B. Sprünge. Satan sei Dank konnte ich mich auf meine trotz aller widrigen Umstände souveränen Mitstreiter verlassen, die für eine früh abgebrochene Probe erstaunlich gut bei der Sache waren, nur kleinere Patzer schlichen sich ein wie z.B. eine etwas zusammenimprovisierte Version des Coversongs „Les Rebelles“, was aber kaum jemand bemerkt haben dürfte. Generell versicherten mir anschließend viele, dass man uns bzw. meinem verkaterten und angeschlagenen Häufchen Elend, das von meiner vorherigen Existenz noch übriggeblieben war, davon nichts oder kaum etwas angemerkt hätte und der Gig gut rüberkam, lediglich der Sound für den einen oder anderen wahlweise zu laut oder zu leise war, aber irgendwas ist ja immer und vor allem stark abhängig von der Perspektive zur Bühne. Eine Zugabe noch und: Uff, geschafft, und geschworen: Nie wieder so abschießen am Tag vorher!
Alte Kumpels unseres Gitarreros Kai luden zur großangelegten Geburtstagsparty mit lokalen Bands nach Ennepetal bei Hagen in unmittelbarer Ruhrpottnähe. Der Veranstaltungsort entpuppte sich als überdimensionierter „Krombacher-Club“, eine Art von Krombacher gesponsertes Vereinsheim/-lokal, das die Eltern der Feiernden zur Verfügung stellten. Man hatte nicht nur einen schönen Kneipenraum mit Tresen, sondern auch noch einen Speisesaal, einen schnieken Backstageraum und den Konzertsaal mit zweigeteilter Bühne und massig Platz vor selbiger. Und alles war mit Krombacher vollgepflastert, überall stand Bier herum, eigener Kühlschank im Backstagebereich, massenweise leckeres Essen – wow! Es gab Freibier bis zum Abwinken und vor allem aber ein Wiedersehen mit den Hagener Chaoten, der KWW etc. Feine Sache das, nur leider kamen dann doch einige Gäste weniger als ursprünglich von den Gastgebern erwartet – eigenartig. Womit kann man denn heutzutage noch Leute vom heimischen Sofa locken, wenn nicht mit einer solchen Party?!
Kurzfristig angeboten bekommen und natürlich nicht ausgeschlagen: Unser (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) allererster Auftritt als „Heimspiel“, proben wir doch seit geraumer Zeit auch auf dem Hamburger Rondenbarg, als Vorgruppe für ALERT aus Israel auf einem Donnerstagabend. Die perfekte „Testumgebung“, um sich live mal auszuprobieren, da eben im kleinen Rahmen der rustikalen Kneipe. Nichtsdestotrotz ging mir bischn die Flatter, die ich mit fester (danke, René, für den schmackhaften Auflauf) und flüssiger Nahrung bekämpfte. Draußen gab’s Hamburg-typisch mal wieder Wetter, Wetter, Wetter, aber in der gemütlichen Kneipe war’s dank Ofen mollig warm. Eine Bühne im engeren Sinne gibt es nicht, man steht also quasi Auge in Auge dem Publikum (sofern vorhanden) gegenüber. Den Sound besorgte Norman am Mischpult, der auch das Konzert organisiert hatte. Irgendwann zu leicht fortgeschrittener Stunde ging’s dann los und wir prügelten unseren satte sieben Songs (wow!) umfassenden Set herunter. Das flutschte eigentlich alles ganz passabel und die rund 40 Anwesenden zeigten sich durchaus interessiert und begeisterungswillig. Als Zugabe gab’s dann noch mal „Elbdisharmonie“, so dass man insgesamt mit paar Ansagen (die ich aufgrund der israelischen Gäste und anderer anwesender Ausländer spontan sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch machte – wenn ich’s nicht gerade vergessen hatte…) auf ca. 25 Minuten „Stagetime“ kam. Im Anschluss hatte ich das gute Gefühl, dass man für solche Gigs in der Tat mittlerweile recht livetauglich ist und konnte mich nun zusammen mit den Bandkollegen ins Vergnügen stürzen und die großartigen ALERT abfeiern, die uns eindrucksvoll bewiesen, wie man als HC-Punk-Band abgehen und das Publikum mit einbeziehen kann, wenn man schon ein paar Jährchen miteinander zockt und ordentlich eingespielt ist. Sehr aggressiver Sound mit Keif-Gesang, stilistisch irgendwo zwischen Anarcho- und Chaos-Punk einzuordnen, von fidelen Jungs, die kurzerhand die nicht vorhandene Bühne vergrößerten und durchs Publikum sprangen etc., jegliche Distanz vermissen ließen und eine geile kleine Donnerstagabend-Party mit uns feierten. Geile Scheiße, gerne wieder und danke an alle für alles!