Seit Jahren eine feste Hamburger Institution und Sommer-Attraktion ist das Elbdisharmonie-Soli-Festival, das umsonst und draußen auf den Balduintreppen an der Hafenstraße stattfindet. Die Stufen zwischen den Punk-Kneipen Onkel Otto und Ahoi dienen dann jeweils als Zuschauerränge und bieten optimalen Blick auf die Bühne, die sich unten neben dem Ahoi befindet. Leicht verkatert vom Vortag, an dem wir (DMF) einen Gig auf dem Rondenbarg gespielt hatten, trudelte ich nebst netter Begleitung pünktlich nach Abpfiff der Bundesliga-Konferenz ein – also viel zu spät, um die erste Band TAPE SHAPES zu sehen. Stattdessen waren LIFELINE gerade zugange, wie zu erwarten vor beachtlicher Kulisse. Der melodische, flotte Punkrock nach US-Manier lief mir prima rein und bot einen prima Soundtrack zum Open-Air-Bierchen. Die MESCAL OWLS im Anschluss weckten verstärkt mein Interesse, da sie während des Aufbaus verdächtig nach Rockabilly oder ähnlichem Oldestschool-Sound aussahen und tatsächlich: Die kredenzte Mischung aus ursprünglichem Rock’n’Roll, Garage und Surf inklusive herrlich übertrieben lauter und halliger Gitarre erwies sich als willkommene Abwechslung zu meinen vergangenen Konzertbesuchen und -aktivitäten und ließ mich kräftig applaudieren, während ich es mir bei für Hamburger Verhältnisse keinen Anlass zur Kritik bietendem Sommerwetter bequem gemacht hatte. Das war richtig gut, gern mehr davon! Die zu Hamburgs neuen Hoffnungsträgern in Sachen individuellem Punk mit gewissem politischem Anspruch zählenden KOUKOULOFORI hatte ich vor ein paar Monaten schon in der Villa Dunkelbunt gesehen, wo ich absolut positiv überrascht war. Auch heute ließen die abwechslungsreichen, gern mal ungewöhnlichen, jedoch nie zu sperrigen Songs aufhorchen, jedoch war der Sound (zumindest direkt vor der Bühne) nicht ganz optimal. Was genau, ist bereits meiner Erinnerung entfleucht, aber gerade die etwas wütenderen Songs kommen im Zusammenhang mit kurzen, prägnanten Ansagen ziemlich überzeugend, während es der Bassist vielleicht ein wenig übertrieb, als er das Publikum beinahe für dessen Anwesenheit kritisierte, weil zeitgleich die Demo für das von staatlicher Repression betroffene Koze-Wohnprojekt stattfand. Ich weiß natürlich, wie’s gemeint war, finde aber beides wichtig – immerhin dient das Elbdisharmonie-Festival ja auch einem guten Zweck und ist auf Gäste angewiesen. Trotzdem nicht verkehrt, auch mal darauf hinzuweisen, was sonst noch gerade in Hamburg abseits von Partymeilen und Fußball passiert. Den Anspruch des Festivals unterstrich auch dieses Jahr wieder Rapper SUH, der nicht nur moderierte, sondern zwischen den Gigs auch Rap-Einlagen zu diversen aktuellen Themen lieferte. Das sorgt immer mal wieder für verdutzte Gesichter, wenn der Sound aus der P.A. kommt, aber viele Blicke zur leeren Bühne gerichtet sind – bis man irgendwann schnallt, dass SUH mit Funkmikro von den Treppenstufen aus, also aus dem Publikum heraus, agiert. Bei der WILLY WANKER GROUP, die sich wenig puristisch „Ska-Rock-Funk-Metal“ auf die Fahne geschrieben hat, gönnte ich mir eine Auszeit, ging TIN CAN ARMY aus der Konserve im Onkel Otto hören und gesellte mich schließlich zu mittlerweile bis auf die Straße sitzenden Bekannten, wo man den mittlerweile lauen Sommerabend bei mehr oder weniger gehaltvollen Gesprächen und in freundschaftlicher, entspannter Atmosphäre genießen konnte. Rechtzeitig zum „Guerilla-Soul“ von JAMES & BLACK, die ich einst im Vorprogramm der SLACKERSim Hafenklang sah, gesellte ich mich wieder vor die Bühne, wo es mittlerweile so voll war, dass man sich fast gegenseitig auf die Füße trat. Kein Wunder, denn der Soul der alten Schule, den die Texaner zum Besten geben, ist ebenso hör- wie tanzbar, Sängerin Black brachte mit ihrem kraftvollen Organ manch Trommelfell zum Klingeln und dass außer James’ Orgel alle Sounds von einem DJ beigesteuert werden, tut dem dennoch sehr traditionell anmutenden Vergnügen keinen Abbruch. So wurde im Abenddunkel geschwoft, getanzt und gewankt und vor allem nicht nur seitens der Festivalleitung, sondern auch des Publikums viel musikalische Aufgeschlossenheit bewiesen, die anscheinend von rauem Punk bis zu ans Herz gehendem Soul reichte. Für mich bedeutete das sodann auch den Schlusspunkt des Festivals, der „Gypsy Swing“ von DANUBE’S BANKS ging ohne mich über die Bühne, stieß aber bestimmt ebenfalls auf viele offene Ohren – ebenso wie die Aftershow-Party im Ahoi.
Die Elbdisharmoniker hatten ein gutes Händchen bei der Bandauswahl und Glück mit dem Wetter. Gerade die zugleich kämpferische und entspannte Stimmung trug zusätzlich dazu bei, mir diesen verkatert begonnenen Samstag zu versüßen, die Organisation schien wieder top, die Getränkepreise waren fair wie immer, will sagen: das Gesamtambiente stimmte. Bleibt zu hoffen, dass es sich nicht nur fürs Publikum gelohnt hat und uns das Festival noch lange erhalten bleibt. Danke an alle, die den organisatorischen Aufwand auf sich nehmen und einmal jährlich so viel subversive Kultur auf die Treppen wuchten!


PROJEKT PULVERTOASTMANN kamen gerade aus dem Amsterdamer Bandurlaub und hingen erschöpfungsbedingt einigermaßen in den Seilen, sind jedoch längst abgewichste Profis genug, sich während des Gigs nichts anmerken zu lassen. Während ausnahmsweise der alte Drummer wieder an der Schießbude saß, drehte Sänger Snorre wie gewohnt am Rad, pogte durch die Publikumsreihen und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Da gab’s wieder die volle Dröhnung HC-/Streetpunk mit deutschen Texten auf die Mütze, wenn mir auch das Set etwas gekürzt vorkam – was, wenn es so war, ihnen selbstverständlich gegönnt sei! Ordentlich Rambazamba war’s mal wieder und für mehr hätte dann aber auch die Aufmerksamkeitsspanne wohl nicht mehr gereicht, außerdem sollte die Party auch mit Mucke vom Band noch lange und feuchtfröhlich weitergehen. Ein klasse Abend auf dem Rondenbarg mal wieder; danke an Icke, Norman, die Pulvertoasties und alle anderen, die dazu beigetragen haben!
Erst kürzlich hatte ich erfahren, dass im Rock Café St. Pauli, an dem ich schon oft vorbeigelatscht war, in unregelmäßigen Abständen empfehlenswerte Metal-Gigs stattfinden – und just stand ein wahres Knallbonbon bevor: Die brasilianischen Thrasherinnen NERVOSA zusammen mit zwei anderen Bands des Genres, von denen ich vorher nicht wirklich etwas gehört hatte. Freitag nach der Arbeitswoche also direkt auf den Kiez, (Veggie-)Döner verspeist, Bierchen geköppt, 12,- EUR Eintritt gelatzt und erst mal vor der Tür postiert und gesabbelt. Kurz darauf begannen DESOLATOR aus Southampton pünktlich wie die Maurer zu rödeln, ich vernahm da draußen zünftigen Krach mit DESTRUCTION-artigen Screams. Als ich dann nach einiger Zeit den Club betrat, wurde weniger geschrieen, dafür umso heftiger gemörtelt. Das Trio hatte sich der ultraschnellen Variante verschrieben und ehrlich gesagt klang das zwar in seinen besten Momenten schön punkig, oft aber auch schlicht chaotisch bis, äh, desolat (man verzeihe mir dieses Wortspiel). Briten und Thrash ist ja immer so’ne Sache (XENTRIX-Vinyl brauche ich trotzdem noch!), aber beim vergewaltigten „Iron Fist“-Cover begann ich langsam warm zu werden und mitzusingen – und nach ich glaube einer Zugabe war der Spuk dann auch vorüber.
Ganz anders CRISIX! Die fünf Spanier kamen, thrashten und siegten. Fand ich’s zunächst noch etwas albern, wie sie sich, während ihr Intro vom Band ertönte, mit dem Rücken zum Publikum stellten, hatten sie sofort meinen Respekt, als sie wie ein Inferno über den Laden brachen und sich auch kein Stück davon beeindrucken ließen, dass der Bassist kurzerhand die Bühne gen Backstage verließ, weil sein Instrument versagte und er – ohne dass der Gig unterbrochen worden wäre – kurz darauf mit nun funktionstüchtigem Viersaiter zurückkehrte. Chapeau! Teile des Publikums gingen steil und bangten heftig zum größtenteils flotten, hektischen, bisweilen crossoverigen Sound, der übrigens astrein abgemischt klang, und die – allein schon durch den nicht an ein Instrument gebundenen Sänger – auf der Bühne ziemlich aktive Band (mit Irokesenträger an den Drums) schaukelte sich gemeinsam mit dem Mob gegenseitig hoch. Irgendwann war dann der Bass schon wieder weg, erneut interessierte das die Bandkollegen keinen Meter; plötzlich wurden auch noch die Instrumente getauscht und in bester ANTHRAX-Manier „I’m The Man“ gerappt sowie METALLICAs „Hit The Lights“ zum Besten gegeben. Welch ein geniales organisiertes Chaos! Schwer unterhaltsam und technisch verdammt fit, von der ersten bis zur letzten Minute. Mich haben die Jungs etwas an BONDED BY BLOOD und ähnliche Neo-Oldschool-Thrasher erinnert, sprich hektisches, dabei erstaunlich präzises Geholze und alles etwas überdreht, dadurch dem Wahnsinn immer mal wieder sympathisch nah und insbesondere live perfekt zum Aufputschen und Auspowern geeignet. Geradezu unverschämt gut!
Die Mädels von NERVOSA taten mir jetzt leid – was sollte jetzt noch kommen, was sollten sie dem noch entgegenzusetzen haben? Hatte ich ’ne Ahnung – nämlich keine! Von ersten Minute an fraß man den Damen aus der Hand und auch mich haben sie schlicht umgehauen: Evil Thrash der alten Schule mit gewaltigem Riffing und einer singenden Bassistin, die mich in Sachen Phrasierung äußerst angenehm an CORONER oder auch DESTRUCTION erinnerte. Die Refrains mit ihren extra starken Betonungen ließen mich trotz Text-Unkenntnis mitgrölen und die Fäuste recken, wenn ich nicht gerade ungelenk vor der Bühne herumsprang. Von Nervosität auf der Bühne keine Spur und nachdem ich endlich auch dieses dämliche Wortspiel unterbringen konnte, bleibt einmal mehr der Sound, aber auch die ganze Atmosphäre im in dunkles Licht getauchten Rock Café lobend zu erwähnen, so dass das Gesamtpaket mit wohlverdienten „Nervosa!“-Sprechchören belohnt und die Brasilianerinnen nicht ohne Zugabe entlassen wurden. Nein, gerumpelt hat da nichts, weder Exoten- noch „Titten“-Bonus waren nötig und das Trio machte mit seiner EP und dem Debütalbum (mit dem tollen Titel „Victim of Yourself“) im Rücken nicht nur einen verdammt aufeinander eingespielten, sondern auch spielfreudigen Eindruck. Insbesondere Sängerin/Bassistin Fernanda sah man den Spaß an der Musik stets an, da sind Überzeugungstäterinnen am Werk. Ich weiß auch gar nicht mehr, weshalb mir diese Scheiben im Vorfeld irgendwie durchrutschten. Als ich im Nachhinein noch einmal in Ruhe reinhörte, wanderte das Zeug nicht nur unversehens auf die Einkaufsliste, sondern wusste mich auch ohne Live-Stimmung schwer zu begeistern. Zugegeben, hin und wieder sind die Songs vielleicht ein Minütchen zu lang und ist in Sachen Dynamik im einen oder anderen Refrain noch Luft nach oben, aber auf hohem Niveau.





Das alljährliche Rondenbarg Open Air bedeutet i.d.R. eine abwechslungsreiche Bandauswahl bei freiem Eintritt, Spitzenwetter und ‘ne verdammt gute Party im D.I.Y.-Ambiente bei entsprechend niedrigen Verzehrpreisen – und das gleich zwei Tage lang. Freitag musste ich leider passen, aber als mich unser DMF-Proberaum am späten Samstagabend ausgespuckt hat, beschloss ich spontan, noch vorbeizugucken. Also noch flugs ein paar Leute eingesammelt und bei perfektem Wetter für ein solches Unterfangen mal eben zu Fuß von Altona zum Wagenplatz gelatscht. Als ich eintraf, spielte gerade eine neue Band aus Bremen, bei denen es sich um die HEADSHOX gehandelt haben muss. Die bestehen erst seit wenigen Monaten, haben dafür aber bereits ein beachtliches Programm in ebensolcher Qualität vorzuweisen, Hardcore-Punk mit männlich/weiblichem Wechselgesang und deutschen Texten mit schöner Fuck-off-Attitüde. Geiles Ding, das gut ankam und wenn die Band nicht plötzlich implodiert, wird von ihr noch zu hören sein! Die Umbaupause wurde ebenfalls mit Programm gefüllt; wie ich erfuhr, waren zuvor Teams gebildet worden, die sich verschiedene Wettbewerbe lieferten. In bester Urlaubs-Animateur-Manier erklärte der Moderator, dass es nun gelte, Eier per Löffel im Mund aus einer Schüssel zu fischen und wer am meisten abbekommt, hat gewonnen. Spektakulär versagt hat dabei das Team „Aktives Nichtstun“ um Pulvertoastie Holler, denn die Eier waren gekocht – und landeten so in Hollers Bauch statt auf dem Punktekonto. Das erinnerte natürlich schwer an Kindergeburtstag und ich fragte mich, was als nächstes kommen würde: Topfschlagen? Dosenwerfen?
Meine Leidenschaft für Oldschool-Thrash sollte hinlänglich bekannt sein. Als ich kürzlich von der Existenz einer möglicherweise hoffnungsvollen Hamburger Nachwuchsband dieses Subgenres erfuhr und zudem vernahm, dass diese am Abend des 18.07. im MarX im Rahmen einer anscheinend regelmäßig stattfindenden, mir aber bisher unbekannten Veranstaltungsreihe namens „Broken Wrist Battlegrounds“ spielen würde, setzte ich meinen Vorsatz, mehr Metal-Konzerte zu besuchen, in die Tat um und traf rechtzeitig an der Markthalle ein. Die Band meines Interesses war REAVERS, bei der ich mir die Karte im VVK für faire 8,- EUR gesichert hatte, von den übrigen Kapellen hatte ich noch überhaupt nichts gehört. Vor Ort erfuhr ich dann, dass es sich bis auf REAVERS wohl ausschließlich um Metalcore handeln solle. Dementsprechend „groß“ war meine Begeisterung, denn damit kann ich i.d.R. nicht wirklich etwas anfangen, ob mit Klargesang in den Refrains oder ohne. Der auf der Karte angekündigte „Special Guest“ entpuppte sich als SUICIDE DOG BRIDGE aus Lübeck und als die bereits begonnen hatten, trank ich noch mein Bier vor der Tür, betrat jedoch wenig später den Ort des Geschehens. Nun ja, technisch sicherlich versiert, Gebrülle, tiefe Gitarren und Breakdowns, wie das eben so ist. Als die Musiker allerdings zum synchronen Crab-Dance-Bangen ansetzten, musste ich doch arg schmunzeln. Sorry, aber nix für Papa sein’ Sohn. BRAIN DAMAGED HORSE schlugen in eine ähnliche Kerbe, hatten allerdings ein paar raffinierte Breaks, die mir durchaus gefielen. Ansonsten war auch das not so really my cup of pee und warum der Shouter den einzigen Song mit Melodie als Schlager ankündigte, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn das irgendein Cover war, hab’ ich’s nicht erkannt. BOREOUT SYNDROME erweiterten das Gesangsspektrum, wenn man es so nennen will, um Gekreische, das sich zum Gebrüll des engagierten Shouters gesellte. Nach dem ersten Song verließ ich den Raum. Erst zum letzten betrat ich ihn wieder, kann also nichts weiter zum Gig sagen. Dann – endlich – wurde die Bühne frei für REAVERS, die alle meine Hoffnungen erfüllten und ein ordentliches Brett Thrash fuckin’ Metal sägten. Zwei Klampfen, der Bassist singt, klassische Vier-Mann-Besetzung also, wäre da nicht an der Lead-Gitarre ein Mädel, weshalb sich diese Bezeichnung verbietet. Vollkommen ausgehungert bangte und zuckte ich extatisch und freute mich, dass sich der Abend doch noch für mich gelohnt hatte. Vorher hatte man mir verraten, dass man eine Cover-Version spielen würde und beim als „Fire in the Hole“ angekündigten Song dachte ich zunächst an LÄÄZ ROCKIT, doch mitnichten: Es handelte sich um einen eigenen Song, das versprochene Cover wurde TANKARDs „Freibier für alle“ und damit neben der viel zu kurzen Spielzeit mein einziger Kritikpunkt: So geil der Song auch ist, ich hätte lieber mehr eigenes Material gehört, denn das gefiel mir ausgesprochen gut! Die ganze Veranstaltung war übrigens leider eher semigut besucht, aber dafür war das Wetter prächtig und die REAVERS + Umfeld sympathisch und lässig drauf sowie gesprächsfreudig, so dass sich kein Kuttenträger verloren vorzukommen brauchte. Ich werde die Band auf jeden Fall weiter im Auge behalten, hoffe, dass die demnächst erscheinenden Aufnahmen den Druck der Livepräsenz annähernd einfangen können und wünsche mir aber für die nächsten Gigs stärker der alten Schule zugewandte Kollegenbands.
Menschen, die über ein Mindestmaß an Empfindsamkeit verfügen, neigen dazu, prägende Lebensabschnitte oder -ereignisse mit Songs in Verbindung zu bringen. Diese müssen inhaltlich gar nicht einmal zwingend dazu passen, sondern einfach zu jener Zeit präsent gewesen zu sein – ob bewusst oder unbewusst ausgewählt oder ohne eigenes Zutun dank medialer Omnipräsenz. Ertönt Jahre später solch ein Lied, ist sofort die Erinnerung oder ein bestimmtes Gefühl wie aus dem Nichts wieder wach. Es wird schwierig, einen solchen Song wieder anders im Unterbewusstsein zu verknüpfen, aber i.d.R. will man das auch gar nicht, schwelgt stattdessen in süßer oder bitterer Melancholie. Einer Reihe Beispiele für dieses Phänomen widmet sich das 2005 bei „Herder spektrum“ von Frank Schäfer („Metal Störies“) unter seinem Pseudonym Fritz Pfäfflin herausgegebene, ca. 190 Seiten starke Büchlein. Unterteilt in 16 Kapitel schreiben ebenso viele verschiedene Autoren ihre Erinnerungen auf, die sie mit bestimmten Songs quer durch unterschiedliche Genres verbinden. Das Spektrum reicht von der pubertären ersten Sommerliebe (sehr schön: Fritz Tietz – Alte Liebe) und schmerzhaften Verlusten im familiären Umfeld über das Entdecken bestimmter Musik, Partyerinnerungen, unerfüllte Erwartungen, juvenilen Sex, Reminiszenzen an eine Casting-Show und die damit verbundenen Dialoge zweier Freundinnen (ungewöhnlich, aber herausragend: Kerstin Grether – Candy und Mandy tun’s) bis hin zu Liebeserklärungen an lateinamerikanische Klänge und Hassbekundungen gegenüber Disco-Rhythmen. Frank Schäfer persönlich bedient die Abteilung des Härteren (THIN LZZY – Renegade), Ueli Bernays widmet sich in einer tragischen Geschichte der Homosexualität und Michael Quasthoff beschreibt aufs Köstlichste, jedoch nicht minder tragisch seine Konfrontation mit der Unterschicht und dem Punk der Band HANS-A-PLAST. Satiriker Oliver Maria Schmitt gibt ein fiktives Kapitel aus seinem (selbst-)ironischen Punk-Roman „Anarchoshnitzel schrieen sie“ zum Besten, bei dessen Genuss man noch einmal so richtig lachen kann. Inhaltliche Tragweite und Schreibstil schwanken selbstredend angesichts des Autoren-Potpourris, große Ereignisse reichen biographischen Randnotizen die Hand, bisweilen wird es gar inhaltlich nichtssagend, dafür jedoch stilistisch interessant. Als Strandlektüre im Warnemünder Kurzurlaub jedenfalls habe ich „Soundtrack eines Sommers“ genossen und ich bin geneigt, eine Playlist aller genannten Songs zusammenzustellen – wenngleich diese sicherlich nicht Soundtrack meines Sommers werden würde. Welcher das sein wird, wird sich erst noch zeigen – ich bin jedenfalls ganz Ohr.
Der zweite Gig überhaupt der neuen Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung – und gleich vor der großen Kulisse, die ein Auftritt im Vorprogramm von RASTA KNAST mit sich bringt. Ihre Feuertaufe allerdings hatten die Mädels bravourös vor Kurzem im Linken Laden bestanden und konnten somit zurecht guter Dinge sein. Im ausverkauften Kraken dementsprechend Gedrängel pur, wobei nicht wenige offenbar weniger wegen RASTA KNAST als vielmehr wegen FAST SLUTS gekommen waren! Soundmann Norman schwitzte nicht nur unter den Temperaturen, sondern auch angesichts des Soundchecks, hat dann aber einen grundsoliden Klang gezaubert – wenngleich nicht ganz ohne das berüchtigte „Kraken-Fiepen“, jene Rückkopplungen aus der Hölle, die per Voodoo-Zauber dorthin gelangen, sich jeglicher logischer Erklärungen und technischer Tüfteleien entziehen und mit denen man dort immer mal wieder zu kämpfen hat. 😉 Wie gesagt, halb so wild, bei den Damen flutschte es schon um einiges flüssiger und selbstsicherer als beim Live-Debüt, Bassistin Jule führte mittels launiger Ansagen durch’s Set, Paulines Gitarre schien mir mehr Power zu haben, Rike an den Drums strahlte über’s ganze Gesicht und kannte jeden Einsatz und die gute Alex am Hauptgesang war nicht nur selbstbewusst und textsicher, sondern kam auch stimmlich noch etwas mehr aus sich heraus. Der Gesang in normaler Stimmlage war wieder etwas leise; vielleicht bekommt man das zukünftig noch besser abgemischt, ansonsten gern Mut zu mehr Gebrüll! 😀 Ein besonderer Höhepunkt war das SMEGMA-Cover „Eure Art zu Leben“ mit Unterstützung zweier original SMEGMAner! Wann bekommt man so einen Song schon mal im Duett zu hören?! Ohne Zugabe wurden die FAST SLUTS dann auch nicht von der Bühne gelassen und ich glaube, es befand sich sogar ein neuer Song im Set. Weiter so! In der Umbaupause sorgte ich, wie schon vorm SLUTS-Gig, für handverlesene Mucke aus der Konserve, und nun standen also RASTA KNAST auf dem Plan – ich muss ja zugeben, dass ich die überbewertet finde, spätestens seit man offenbar beschlossen hatte, nach x Besetzungswechseln den Fuß vom Gas zu nehmen und statt flottem „Schwedenpunk“ verstärkt auf Midtempo-„Deutschpunk“ zu setzen. Ich muss aber zugeben, bereits ab einem recht frühem Zeitpunkt den musikalischen Werdegang nicht weiter verfolgt zu haben und das ändert sowieso nichts daran, dass im Kraken natürlich der Schweiß von der Decke tropfte und manch Hit, derer die Band zweifelsohne so einige hat, meine Ohren erreichte – wenn ich mich nicht gerade an der (mehr oder weniger) frischen Luft befand, in Klönschnacks vertieft war oder irgendwas anderes tat. Zwischendurch knallte mehrmals anscheinend hitzebedingt die Endstufe durch, Norman kam wieder ins Schwitzen und alles in allem war das heute nicht mein Konzert, sorry. Vielleicht ein anderes Mal, falls ich die Band mal für mich wiederentdecke. Schön allerdings für den Kraken, dass die Bude dermaßen voll war!

Ursprünglich sollten die rustikalen OI!SLUTS diesen Samstag mal wieder ‘nen Gig abliefern, wurden jedoch ausfallbedingt kurzfristig durch die namensverwandten FAST SLUTS ersetzt. Eigentlich wartete die Szene ja gespannt auf den 10.07., an dem die ausschließlich aus Mädels bestehende, brandneue Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung im Vorprogramm von RASTA KNAST im Kraken ihre Feuerteufe bestehen sollte. Diese wurde nun also vorgezogen und in Hamburgs vermutlich kleinsten relevanten Konzertort mit Wohnzimmer-Ambiente verlegt. Dort versammelte man sich und genoss die ersten Kaltgetränke zum Ultraschmalkurs, bevor vier nervöse Deerns die „Bühne“ betraten. Eng war’s, denn kaum jemand wollte sich diesen historischen Augenblick entgehen lassen. Die Unterstützerinnen und Unterstützer entrollten ein schickes FAST-SLUTS-Transparent und die Mädels, die vor Bandgründung kaum bis gar keine Erfahrungen an ihren Instrumenten gesammelt hatten, legten los: „Wir sind nicht Oi!Sluts, wir sind nicht Fast Shit, wir sind die Fast Sluts und spielen Oi!Shit…“. Es folgten Lieder gegen Partypatrioten, die Großveranstaltungen wie Fußball-Weltmeisterschaften missbrauchen, um „endlich“ mal wieder ihre Nation abfeiern zu „dürfen“, eine Liebeserklärung an den FC St. Pauli und weitere Hits wie das bereits im Netz als Demo kursierende „Landgang“, angereichert mit drei Cover-Versionen: „Durstige Männer“ („…das seid IHR!“) von den DIMPLE MINDS, „Eure Art zu leben“ von den stilistisch den FAST SLUTS nicht unähnlichen SMEGMA und der alte Gassenhauer „Wir sind geil, wir sind schön“ von LOIKAEMIE. Klar rumpelte das noch an manch Ecke und Ende, das jedoch sehr charmant. Neben der dem Punk-Spirit entsprechenden Konsequenz, so’ne Band zu gründen und das ungeachtet musikalischer „Perfektion“ wirklich durchzuziehen, verdienen jedoch besonders die eigenen Songs Anerkennung, die allesamt nicht nur über klasse Texte mit gern mal augenzwinkerndem Humor verfügen, sondern mit ihren Ohrwurmmelodien bleibenden Eindruck hinterlassen; der St.-Pauli-Song hatte gar das Zeug zur Hymne! Gitarristin Pauline war übrigens kurzfristig eingesprungen, damit der Gig überhaupt stattfinden konnte und machte ihre Sache ebenso prima wie ihre Kolleginnen. Drummerin Rike vereint ’nen ordentlichen Punch mit Taktgefühl, Sängerin Alex hat eine für solche Mucke prädestinierende heiser-raue Stimme, die besonders zu gefallen weiß, wenn sie lautstarke Refrains schmettert und Bassistin Jule hielt ihre aufgeregte Band zusammen, indem sie souverän like a boss die Ansagen übernahm und durch den Auftritt führte. Zwischenzeitlich wurde sogar ein zweites Transparent entrollt und ohne Zugabe ließ man die Mädels nicht ziehen, die erste Nummer musste wiederholt werden. Ein östrogeniales Live-Debüt, das Hoffnung macht. Sicherlich, dieses fand vor Froinden statt und das wird zukünftig nicht immer so sein, bestimmt wird man sich von Neidern und Nörglern auch mal anhören müssen, von einem „Frauenbonus“ zu profitieren o.ä., doch davon sollten sich die FAST SLUTS nicht beeindrucken lassen und weiter proben, an ihren Songs feilen und Erfahrungen sammeln, denn das Potential ist da!