Der 1981 auf Gibraltar geborene Misha Anouk ist britischer Staatsbürger, in Bielefeld aufgewachsen, Autor und Poetry-Slammer – und war bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr Zeuge Jehovas. In seinem 2014 erschienenen autobiographischen und gut 500 Seiten starken Buch „Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ“ beschreibt er in wunderbar unaufgeregtem Stil seine Kindheit als Sohn strenger Zeugen Jehovas, sein Aufwachsen innerhalb der Sekte, die Irrungen und Wirrungen und die vielen Dilemmas, die das mit sich bringt – und schließlich seinen ebenso erfolgreichen wie folgenreichen Ausstieg. Dabei holt er den Leser dort ab, wo dieser die Zeugen Jehovas aller Wahrscheinlichkeit nach stehen sieht – als Missionare vor der Haustür. Sein Buch ist gespickt mit viel Humor und Selbstironie und alles andere als eine wütende Anklage. Geht es direkt um die Zeugen Jehovas und die hinter ihnen stehende Wachtturm-Gesellschaft (WTG), geht er stattdessen so sachlich wie möglich und voller Akribie zur Sache, zitiert zahlreiche Publikationen der WTG und verwendet hunderte Fußnoten, deckt die Mechanismen der Sekte auf. Doch obgleich er auch sagt, dass nicht alles schlecht war, räumt er mit kaum einem Vorurteil auf, denn auch in seiner Analyse bestätigt sich das allgemeine Bild der Zeugen Jehovas als die Bibel trotz all ihrer Widersprüche wörtlich zu nehmen versuchende Sekte, die sich auch manch „Wahrheit“ gern mal allzu bemüht zurechtbiegt und glaubt, die einzig wahre Interpretation der „heiligen Schrift“ für sich gepachtet zu haben, zentralistisch gesteuert wird und weder Zweifel noch Widerspruch von ihren Schäfchen duldet. Er geht davon aus, dass keine ausschließlich am schnöden Mammon interessierten Geldhaie die Sekte leiten, sondern Menschen, die ihre Lebenslügen tatsächlich glauben. Ja, auch bei Anouk sind die Zeugen Jehovas im Prinzip harmlose Spinner, die einer derart simplen und stumpfsinnigen Ideologie folgen, dass sie für normale, durchschnittlich vernunftbegabte Menschen keine Gefahr darstellen – zu durchschaubar ist ihr Handeln. Auf fruchtbaren Boden fällt ihr missionarischer Eifer jedoch mitunter bei schwachen Menschen oder Menschen in Krisensituationen, denen die Gemeinschaft der Sekte neuen Halt im Leben gibt, indem sie bereit sind, all die einfachen Lösungen zu akzeptieren und ihr Leben in ein von Demut geprägtes strenges Verhaltenskorsett zu zwängen. Wenn man denn so will, könnte man hier von freien Entscheidungen mündiger Menschen sprechen, wenngleich gezielt Ängste geschürt werden. Wie es sich jedoch bei Kindern verhält, die innerhalb der Sekte aufwachsen, beschreibt Anouk anhand seines eigenen Beispiels sehr detailliert, offen und persönlich. So wird deutlich, in welchem Ausmaße er indoktriniert und zu großen Teilen seiner Kindheit beraubt wurde. Dass er dabei seinen Humor nicht verloren hat und nie in Jammerei verfällt, ist ihm hoch anzurechnen. Bei allem seziert er säuberlich das Lügenkonstrukt der WTG um den bevorstehenden Weltuntergang, den „Harmagedon“, und den streng autoritären Umgang mit den Mitgliedern, was keinesfalls einer perfiden, trickreichen Psychologie gleichkommt, sondern derart simpel gestrickt ist und voller offensichtlicher Fehler steckt (beispielsweise milchmädchenhaft errechnete Weltuntergangstermine, die immer wieder korrigiert werden mussten), dass man sich wundert, wie erwachsene Menschen darauf hereinfallen können. Wenn Anouk aber ein paar Schritte aus der Sekte herausmacht und sich allgemein dem Thema Religion und ihrem Nutzen widmet, wird deutlich, dass es eben Menschen gibt, die mit dem Leben in Freiheit überfordert sind und die feste Struktur eines selbstgewählten geistigen Gefängnisses regelrecht suchen. Dies ist einer der großen Pluspunkte des Buchs: Es empfiehlt keinesfalls als Alternative die etablierten Kirchen, sondern rechnet mit (organisierter) Religion allgemein ab. Was all das jedoch für einen Menschen bedeutet, der seit Geburt an mit dieser Ideologie konfrontiert wird und als jugendlicher Ausstiegspläne zu hegen beginnt, kann sich wohl kaum jemand vorstellen, der das nicht selbst erlebt hat. Diese Komponente Anouks Buchs ist sowohl psychologisch als auch schlicht menschlich interessant und spannend, in schonungsloser Offenheit erzählt und wird zwischen den Kapiteln bereits immer mal wieder kurz angeteasert. Allerspätestens beim Ausstieg (der strenggenommen ein Ausschluss war) wird es dann auch richtig ernst und ohne falsche Scham verdeutlicht Anouk, wie schwer ihm ein Leben ohne die Gemeinschaft, vor allem aber ohne seine Eltern, die den Kontakt zu ihm daraufhin abbrachen, fiel und wie es sich anfühlte, von einem Tag auf den anderen in die Realität gestoßen zu werden: „Es gibt einen Grund, weshalb man sich nicht an die eigene Geburt erinnert. Ich wurde ein zweites Mal geboren und bekam diesmal das ganze Grauen in jedem kleinsten Detail mit, ich wurde hineingeworfen, unvorbereitet, in die echte Welt. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung vom echten Leben, dort draußen in der Wildnis, vor der ich gegen meinen Willen behütet worden war. Das neue Leben packte mich bei beiden Füßen und schlug mich auf den Hintern, bis ich schrie, bis ich selbständig atmete.“ Geradezu beiläufig schockiert er mit einem Selbstmordversuch und gesteht, wie er dem Alkoholismus sowie massiven psychischen Problemen anheim fiel, bis er sich endlich zu fangen und ein tatsächlich selbstbestimmtes Leben zu führen imstande war. Eindrucksvoll zeigt dies die Folgen einer in entscheidenden Fragen, hier sektenbedingt versagt habenden Erziehung auf und lassen Anouks Schilderungen Rückschlüsse auf die Kämpfe zu, die generell Aussteiger aus extrem autoritären, selbstbestimmtes Denken und Handeln negativ konnotierenden Gemeinschaften zu bewältigen haben. Ich kann Mischa Anouk nur Respekt zollen und sowohl zu seinem derzeitigen Leben als auch diesem Buch mit all seiner weit über die Zeugen Jehovas hinausgehenden Christentum- und Religionskritik beglückwünschen und es allen ans Herz legen, die auf schwer sympathische Weise aus erster Hand mehr über eben all diese Themen erfahren möchten, ohne sich seitenlang durch Zorn, Trauer, Missmut und andere nur allzu menschliche Emotionen kämpfen zu müssen, die derartigen Werken den bitteren Beigeschmack persönlicher rachegesteuerter Abrechnungen verleihen und in ihrer Subjektivität sowohl Sachlichkeit als auch den eigentlichen Kern zu vergessen drohen. Ganz im Gegenteil dazu findet Anouk eine erfrischende Balance und überzeugt mit augenzwinkerndem Witz statt mit Rachsucht. Mein einziger Kritikpunkt wäre seine WTG-Zitatewut, evtl. wäre hier weniger mehr gewesen – denn sich immer wieder durch manipulative Absätze in stupidester Sekten-Westentaschen-Psychologie zu kämpfen, kostete mich dann und wann dann doch etwas Überwindung bei der Lektüre. Andererseits sind dies natürlich exzellente abschreckende Beispiele und somit vermutlich doch ganz gut dort aufgehoben.


Nachdem Hard & Smart Booking seine Konzerte bisher im Indra-Club auf dem Kiez oder auch im Knust an der Feldstraße veranstaltet hatte, machte man sich Anfang des Jahres von diesen Läden unabhängig und errichtete im ehemaligen Kir in der Barner Straße in Altona den Monkeys Music Club. Nach Konzerten mit THE CRACK, OI POLLOI, EVIL CONDUCT etc. stand das italienische Ska-Punk-Orchester BANDA BASSOTTI auf dem Plan. Eigentlich sollten wir Freitag zusammen mit ADHS aus Jena in der Kiezkneipe Pooca-Bar spielen, denn ADHS hatten einen Support gesucht und PROJEKT PULVERTOASTMANN uns freundlicherweise vermittelt. Den Laden kannte ich nur vom Hörensagen und die Kommunikation gestaltete sich sehr schwierig: Mails wurden nicht beantwortet und wir über den Ablauf komplett im Dunkeln gelassen. Immerhin konnten ADHS, als sich der Termin näherte, in Erfahrung bringen, dass das Konzert auf jeden Fall stattfände. Wenige Tage aber vorher dann das, was ich irgendwie erwartet hatte, mein negatives Gefühl wurde bestätigt: Die Pooca-Bar sagte den Gig kurzfristig ab, die Begründung wolle man „am Montag auf unsere(r) fb seite, Website, lokalen Medien via Pressemitteilung veroeffentlichen“ (Original-Zitat). Um ADHS ebenfalls davon in Kenntnis zu setzen, sah man offenbar keinen Anlass und die angekündigte Begründung lässt bis heute auf sich warten. Ich muss aber zugeben, gar nicht unbedingt so unglücklich damit gewesen zu sein, denn am Wochenende zuvor hatte ich mir eine Hardcore-Erkältung aufgesackt, die besonders auf Hals und Kehle schlug. Ich klinkte mir diverseste Medikamente ein, versuchte es in meiner Verzweiflung mit Fenchel-Honig, Voodoo und Reiki und hoffte, am Wochenende wieder halbwegs fit zu sein. Daran tat ich auch gut, denn noch kurzfristiger als die Pooca-Absage erreichte uns die Anfrage von Hard & Smart, ob wir den Support für BANDA BASSOTTI einen Tag später machen könnten. Natürlich sagten wir zu, denn somit ergab sich nicht nur doch noch ein vielversprechender BOLANOW BRAWL, sondern auch für mich die Gelegenheit, mir erstmals den Monkeys Music Club anzusehen. So feilte ich weiter an meiner Gesundheit und fühlte mich Samstag glücklicherweise wieder einigermaßen hergestellt. Gegen 17:00 Uhr trafen wir ein, kurze Zeit später folgten die Italiener in Fußballmannschaft-Größe und eröffneten uns, keinerlei Backline dabei zu haben. Wir hatten unsere komplett am Start, so dass das kein Problem darstellte. Wir bauten auf und machten uns über das kalte Büffet her, schauten uns um. Da ich auch nie im Kir gewesen war, war der Ort für mich quasi vollkommen neu: Der Club befindet sich auf einem Gewerbegelände und weist mal so ganz andere Ausmaße als eine typische kleine Muckebutze auf, hat reichlich Platz, gleich drei Tresen, einen abgetrennten Pub-Bereich mit britischem Bier vom Fass, ’nen recht großen Backstage-Bereich, professionelle P.A., reichhaltige Getränkeauswahl etc. – und das alles, ohne spröden, kalten Hallen-Charme zu versprühen, im Gegenteil: Der stilvoll eingerichtete Laden wirkt einladend und gemütlich. BANDA BASSOTTI hatten ihren eigenen Mischer dabei, der den ausführlichen Soundcheck mit seinen Jungs durchführte, was mit reichlich Blechbläser-Getröte einherging. Unser Soundcheck ging dann natürlich etwas flotter über die Bühne und beruhigt nahm ich zur Kenntnis, dass meine Stimme in befriedigendem Maße regeneriert war. Der lockere, sympathische und kompetente Soundmensch des Clubs bastelte uns einen 1A-Bühnensound, vielleicht den besten, den wir je hatten. Und diesmal dachten wir sogar wieder daran, unseren Banner aufzuhängen… Der offizielle Beginn wurde mit ca. 21:15, 21:30 Uhr angegeben und wir bekamen etwas mehr Spielzeit als zuletzt im Hafenklang, der Zeitplan war nicht allzu straff. So flogen diesmal nur „Fame“ und unser OXYMORON-Cover aus dem Set. Allein schon, um nicht doch noch zeitlich in die Bredouille zu kommen, bliesen wir pünktlich wie die Maurer zum Angriff, was Clubchef Sam zunächst etwas zu überraschen schien. Schnell zeigte er sich jedoch überzeugt von unserem Vorhaben und scheuchte uns auf die Bühne. Um auf Nummer sicher zu gehen, ließ ich mir noch ’nen Schluck Whisky einschenken, der in meiner Vorstellung jegliche Bakterien abtötet. Von diesem von mir angestrebten Placebo-Effekt schien der Barmann jedoch nie etwas gehört zu haben, war er doch der Ansicht, das würde meiner Stimme eher schaden. Zu seinen Worten „Was für eine Verschwendung!“ kippte ich das Zeug („Gib mir den Stärksten, den du hast!“) herunter und begab mich gen Bühne. Der Laden war längst beachtlich gefüllt und unser Gig ging erstaunlich reibungslos über die Bühne. Ich hab’ jedenfalls keine Texte durcheinandergewürfelt und mir sind keine nennenswerten Verspieler aufgefallen. Das Brawl’sche Bühnenchaos hielt sich also in Grenzen, aber natürlich nicht ohne das Gesabbel zwischendurch, das ich zu meinem Leidwesen aufgrund des erwähnten Bühnensounds diesmal wieder komplett verstand – zumindest akustisch. Wenn ich mich so umsah, bestätigte sich, was ich ohnehin erahnt hatte, nämlich dass uns heute wieder ein weitestgehend neues Publikum gegenüberstehen würde. Doch auch ohne polizeiliche Aufforderung verließ niemand den Raum und dem Applaus nach zu urteilen schienen wir ganz gut anzukommen. Beide Sechssaiter gaben alles und spielten sich gegenseitig die Bälle zu, gebettet auf das sichere Fundament der Rhythmus-Fraktion um Stulles Bass, den nach dem Soundcheck noch mal lauter zu drehen sich als gute Entscheidung erwies, und Raouls Präzisionsdrums, die der Doppelbelastung mit den Background-Chören immer besser standhalten. Einziger möglicher Wermutstropfen: Hinterher wurden ein paar Stimmen laut, dass der Gesang etwas zu leise abgemischt gewesen sei. Nun allerdings war es Zeit für den musikalischen Kontrast, auf unseren Melodicrotzstreetpunk folgten BANDA BASSOTTI mit ihrem Working-Class-Ska-Punk. Die Band gibt es schon seit einer halben Ewigkeit und hat sich nicht nur streng antifaschistischen, sondern klassenkämpferischen Inhalten verschrieben, nimmt Bezug auf alte Klassenkampflieder und covert diese ebenso wie manch Szeneklassiker – bei „Revolution Rock“ schien mich der Sänger auf die Bühne zu bitten, als er mein entsprechendes Clash-T-Shirt erspäht hatte, aber ich traute mich nicht, außerdem war’s da oben schon voll genug. Zahlreiche eigene Stücke dürften in dieselbe Kerbe schlagen und die Truppe zeigte sich äußerst fit und spielfreudig, brachte die rappelvolle Tanzfläche zum Kochen und spielte derart lange, dass ich zugegebenermaßen nur ca. die Hälfte des Sets sah – backstage gab’s nämlich, neben Bier satt, das eine oder andere Interessante zu bequatschen. So endete irgendwann ein wieder mal spitzenmäßiger Abend, an dem wir sogar noch alles komplett wieder abbauten und in den Proberaum verfrachteten, für Stulle und mich die After-Show-Party aber erst am nächsten Tag mit dem Abpfiff des siegreichen Altona-93-Spiels endete, zu dem es uns bei klasse Wetter getrieben hatte. Danke an Sam und sein Team für die Einladung, an Holger P. für manch helfende Hand als sechster Mann, die Jungs von BANDA BASSOTTI allein schon dafür, dass sie dank ihres Bandnamens den Abend zu einem der B-Alliterationen machten und das aufgeschlossene Publikum! Das Monkeys hat einen prima Eindruck auf mich hinterlassen und was die Eintrittspreise etc. betrifft, bin ich überzeugt, dass die Kohle bei den Richtigen landet – das ist nun mal kein autonomes Zentrum, aber ein Laden von der Szene für die Szene und wenn Personal, Hauptact, Support (das kann ich nämlich bestätigen) etc. fair entlohnt werden, tue ich dafür auch gern den einen oder anderen Taler mehr raus. Ich wünsche Sam & Co. viel Glück, hoffe, dass es weiter so gut läuft wie an diesem Abend und das Monkeys sich mit seinen Konzerten, Nightern und Partys als feste Größe etabliert – sowie ein stets glückliches Händchen bei der Bandauswahl. 😉
Das 2004 im Maro-Verlag erschienene, knapp 200 Seite starke Büchlein sammelt Autor und Musikjournalist Frank Schäfers Anekdoten um Lebenskünstler und Geschichtenerzähler Thomas Püschel, die zuvor jeweils in der Samstagsbeilage der „jungen Welt“ veröffentlicht wurden, in ungekürzter und überarbeiteter Form. Die meist nur wenige Seiten kurzen Storys handeln von eben jenem Pünschel, einem Kumpel des Erzählers und verhindertem Erfolgsautor, der sich irgendwie durchs Leben schlägt, immer wieder bizarre Situationen erlebt, diese aber auch selbst gern erzählerisch ausschmückt oder gar gänzlich frei erfindet bzw. etwas bedeutungsschwanger wiedergibt, was er irgendwo aufgeschnappt hat – einfach um etwas zu erzählen zu haben. Damit er liegt er regelmäßig dem Erzähler in den Ohren, wenn sie sich i.d.R. irgendwo in Braunschweig treffen, an der Supermarktkasse oder in der Kneipe. Die Charakterisierung Pünschels wechselt dabei durchaus bzw. geschieht ambivalent: Vom Laberkopp, mit dem man besser nur die nötigsten Worte wechselt über den kleinkriminellen Unsympathen bis hin zum liebenswerten Musik-, Film- und Literaturliebhaber und eben Lebenskünstler. Die pointierten Geschichten sind manchmal ziemlich unspektakulär, aber auch haarsträubend, witzig, absurd, augenzwinkernd, sympathisch. Immer mal wieder scheint auch Schäfers Kunst- und Popkultur-Verständnis durch, so dass manch Story wunderbar nerdig ausfällt. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Persiflage auf den Nadsat-Jargon aus Anthony Burgess’ Roman „A Clockwork Orange“. Vieles mutet recht autobiographisch an und so tauchen z.B. auch bekannte Namen aus Schäfers Rockroman „Die Welt ist eine Scheibe“ auf; eine andere Geschichte mit Musikbezug wiederum war bekannt aus Schäfers Sachbuch „Heavy Metal“. Die Kürze der Geschichten lädt dazu ein, jeweils schnell noch eine zu lesen, und noch eine, bis man sie schließlich alsbald alle durch hat. Den einen oder anderen Rohrkrepierer verzeiht man da gern, dann zündet eben die nächste. Unterhaltsame, kurzweilige und wie so oft bei Schäfer charmante und irgendwie einnehmende Konfrontation der betonten Bodenständigkeit des Erzählers (und eben vermutlich Schäfer-Alter-Egos) mit der skurrilen Weltsicht und Phantasie seines Gegenübers, die er sich selbst tendenziell verbietet, der er auf diese Weise aber freien Lauf lassen kann.
Wir freuen uns über jedes Konzert, das wir spielen können. Als das Hafenklang unsere Anfrage nach einem Support-Slot für die Schweizer Punkabillys THE PEACOCKS bestätigte, war die Freude jedoch besonders groß, zählt das Trio doch zu den musikalischen Favoriten des einen oder anderen Brawlers, was insbesondere für die Live-Gigs gilt – doch dazu später mehr. Es wurde unser zweiter Auftritt im Hafenklang, einem meiner liebsten Live-Clubs überhaupt. Der Nachmittag allerdings kam zunächst buchstäblich etwas stockend in Fahrt, denn auf dem Weg vom Proberaum zum Hafenklang gerieten die Jungs in einen handfesten Feierabendverkehrs- und Baustellen-Innenstadt-Stau, der ein zügiges Vorankommen unmöglich machte. Die PEACOCKS allerdings standen ebenfalls im Stau, und zwar noch auf der Autobahn, so dass letztlich ich der einzige war, der pünktlich vor Ort eintraf. Der Zeitplan wurde kurzerhand umgeworfen, erst gab’s (wieder spitzenmäßiges, allein dafür lohnen schon diese Gigs!) Essen, dann den Aufbau, der schnell erledigt war. Noch vorm Soundcheck bot man uns seitens des Hafenklangs Geld, damit wir nicht spielen, unser Ruf eilte uns voraus. Abgewichst wie wir sind haben wir die Penunsen eingesteckt und trotzdem zum Soundcheck geblasen. Schön, mal wieder auf ‘ner Bühne dieser Größe zu stehen, wo jeder seinen eigenen Monitor und genügend Platz hat. So feilten wir etwas am Bühnensound und gingen davon aus, vom gewohnt guten Hafenklang-Klang (äh…) zu profitieren (was anscheinend auch funktionierte). Als die ersten Gäste eintrudelten, hatten wir noch reichlich Zeit, den sonnigen Donnerstagabend an der Elbe zu genießen und uns über den Getränkevorrat des Backstage-Kühlschranks herzumachen. Recht flott füllte sich der Ort des Geschehens, Donnerstag hin oder her, die PEACOCKS machen die Bude wohl jedes Mal problemlos voll; Hamburg scheint eine Art Heimspiel für sie zu sein.


Autor Michael Schumacher ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem Formel-1-Weltmeister. Der Namensvetter des Rennfahrers ist Musikwissenschaftler und Doktorand an der Kölner Uni, aber was viel wichtiger ist: Fan der hessischen Thrash-Band TANKARD. So fühlte er sich berufen, einmal deren Biographie aufzuschreiben, was zu diesem 200 Seiten starken Schmöker geführt hat, der im schicken, festen Einband kommt und die Geschichte der Frankfurter rekapituliert. Die Schrift ist relativ groß, das Buch reich bebildert, mit zahlreichen eingestreuten Kommentaren von Musiker-Kollegen gespickt und um einen Anhang ergänzt, der eine komplette Konzertübersicht liefert. Verglichen mit anderen Biographien von Bands, die ähnlich lange existieren, bleibt also gar nicht allzu viel Platz, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Dennoch klappert Schumacher die wichtigsten Stationen der Bandkarriere ab, hat viele witzige Anekdoten auf Lager (von denen natürlich viele mit Alkoholkonsum und Zerstörungswut zu tun haben) und schafft es, zu vermitteln, was es bedeutet, eine Band wie TANKARD als Hobby, aber dennoch professionell zu betreiben: Dies bedeutet nämlich keinesfalls, versagt oder „es nicht geschafft“ zu haben, sondern im Falle TANKARDs bodenständig zu bleiben, weitestgehend unabhängig zu sein und sich seine künstlerische Freiheit kompromisslos zu bewahren – sowie konstant abzuliefern, auch durch Täler hindurch, in der Thrash Metal gerade wenig populär ist. Das liest sich ebenso kurzweilig wie interessant, wobei natürlich die Anfangstage am spannendsten sind, aber auch die Zeit des Mauerfalls verdient besondere Aufmerksamkeit. Jede Plattenproduktion (derer es bei TANKARD viele gibt) wird zumindest einmal angeschnitten und die ersten vier Alben gehören meines Erachtens zur Pflichtausstattung einer Thrash-Sammlung. Was danach kam, empfand ich häufig als etwas durchwachsen und was das Buch leider nicht wirklich geschafft hat, ist es, mir jene Platten noch einmal schmackhaft zu machen, mich häufiger auf bestimmte Songs, evtl. vergessene oder übersehene Perlen hinzuweisen o.ä. Gerade auch in Bezug auf die Texte der Band, die zwar i.d.R. über viel Humor und Selbstironie verfügen, aber auch sehr kritische und ernste Töne anschlagen können, hätte ich mir mehr gewünscht, denn ich glaube, dass Shouter Gerre & Co. viel Leidenschaft und Herzblut in manch Song fließen lassen. Relevanter (und mitunter sehr aufschlussreich) sind da aber verständlicherweise die Interviews mit Ex-TANKARD-Musikern, Manager Buffo, Produzenten, Label-Betreibern und Cover-Künstler Sascha Krüger sowie die Abschnitte über das NDW- und Schlager-Cover-Nebenprojekt TANKWART (etwas arg unkritisch) und das Engagement für Eintracht Frankfurt. Alles in allem ein sympathisches Buch über eine ebensolche Band, die vor allem live ein absoluter Killer ist, sich selbst stets treu geblieben ist, noch immer aufopferungsvoll dem ehrlichen Thrash frönt und anscheinend nie weniger als 100% gibt. Den Charme der trinkfesten Hessen fängt „A Life in Beermuda“ gut ein und liefert einen gelungenen Einblick in ihr Selbstverständnis. Die „etwas andere Biographie“ dokumentiert ein wichtiges Stück deutsche Thrash-Geschichte und ist deshalb sowohl für TANKARD-Fans als auch -Kritiker und -Skeptiker von Interesse – Hauptsache Musikliebhaber. Überfordern sollte es niemanden, denn es liest sich innerhalb einiger Stunden schnell weg. Darauf ein Space Beer!

Nach seinem durchwachsenen, dennoch lesenswerten Sachbuch zum Thema Heavy Metal debütierte der Journalist und Autor Frank Schäfer 2001 im Bereich der Erzählungen mit diesem „Rockroman“, für den er weitestgehend auf eine verschwurbelte Schreibweise verzichtete und stattdessen auf rund 180 Seiten aller Wahrscheinlichkeit nach stark autobiographisch geprägt das Lebensgefühl als Nachwuchs-Metal-Musiker der Band „Adrenalin“ in der niedersächsischen Provinz der ‘80er-Jahre nachzeichnet. Es ist die Zeit der ersten Konzerte und professionellen Studioaufnahmen sowie pubertärer Liebeleien und Wirrungen, der großen Liebe, der Aufbruchsstimmung, aber auch der Rückschläge und Enttäuschungen. Angesichts der knappen Seitenzahl gelingt es Schäfer überraschend detailliert, die Leidenschaft der Jungmusiker zu vermitteln, plaudert aus dem Nähkästchen einer noch am Anfang stehenden Band und porträtiert mit scharfem Blick das persönliche Umfeld zwischen Bandkollegen und Familienangehörigen sowie die Begegnungen mit Konzertveranstaltern, Studiobetreibern etc. Dabei ist natürlich nicht alles eitel Sonnenschein, schwere Schicksalsschläge gilt es ebenso zu verdauen wie mit schwierigen Dreiecksbeziehungen umzugehen. Für den Erzähler ist jene Zeit eine ganz besonders spannende, denn er kommt mit seiner Freundin Moni zusammen und startet mit seiner Band durch. Dokumentiert wird dies neben Schäfers Ausführungen in Form evtl. gar authentischer Schriftstücke von Labels inkl. echter Namen, Songtext-Auszügen und ganz konkreten Veranschaulichungen von Songstrukturen, Studioeinspielungen und Konzertberichten, wie sie nur aus der Feder eines Schreibers stammen können, der genau das selbst erlebt hat (Schäfer war Gitarrist der Power-Metal-Band „Salem’s Law“ und „Adrenalin“ deren Vorgängerband). Somit handelt es sich nicht nur um ein Stück wenig verklärende Nostalgie für alte Säcke, sondern um einen gerade auch für Außenstehende und Zuspätgeborene spannenden Einblick in eine Zeit, die sich in vielerlei Hinsicht von der heutigen unterschied, jedoch in nicht wenigen Aspekten auch der Gegenwart ähnelt, wenn man voller Motivation eine Band gründet und seine ersten Schritte tut oder einer verführerischen jungen Dame verfällt – denn manches ändert sich nie. Wer sich grundsätzlich für die angesprochenen Themen interessiert, findet in „Die Welt ist eine Scheibe“ ein fesselnd und ebenso gefühl- wie humorvoll geschriebenes Büchlein, das sich sehr flüssig und schnell liest, richtig Lust macht auf die Musik der Band „Adrenalin“ oder eben ähnlich geartete und neben zu vernachlässigenden Details im Prinzip nur einen Fehler hat: Es ist zu kurz und das offene Ende hinterlässt einen angerührten Leser, der nur zu gerne wissen will, wie es weiterging. Ein gelungenes und sympathisches Debüt, das beweist, dass auch solch kleine Bandgeschichten ohne große Exzesse und klischeebewehrte Ausschlachtungen über viel Charme verfügen und in ihrer Ehrlichkeit, Offenheit und unprätentiösen Bodenständigkeit bestechender sein können als der abgedrehte Nerd-Roman oder die drogen- und sexschwangere Rockbiographie.
