Günnis Reviews

Autor: Günni (page 57 of 111)

01.04.2015, Kopernikus, Hannover: OI POLLOI + AMOR FIZZ + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

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Kein Aprilscherz: Am 01. April ging es erstmals für uns Motherfuckers in die Heimat unser aller musikalischen Vorbilds, der SCORPIONS, um die schottischen Anarcho-Oi!-Punks OI POLLOI in der Kopernikus zu supporten – jenem sympathischen und überregional berüchtigten Laden, der ungeachtet seiner geringen Größe ein geiles Konzert nach dem anderen anberaumt. Dort spielte man mit dem Gedanken, das Konzert draußen als Open Air stattfinden zu lassen, wo deutlich mehr Platz gewesen wäre. In Anbetracht des zuletzt arg ungemütlichen Wetters mit Regen und Sturm gab ich mich aber keinen Illusionen hin und nachdem sich das während der Fahrt im geräumigen Vehikel unseres stolzen Wieder-Führerschein-Besitzers und Bassers Stef auch nicht grundlegend geändert hatte und sich auch noch zeitweise Hagel und Schneeregen zu den niedrigen Temperaturen gesellt hatten, stand fest, dass wir drinnen spielen würden. Empfangen wurden wir mit Bier und Brötchen, Hannoveraner Ronny kümmerte sich um Aufbau der Anlage und unser Soundcheck klang dann auch vielversprechend. Dass wir leider ohne unseren zweiten Klampfer Eisenkarl anreisen mussten, war ein Wermutstropfen, stand allerdings von vornherein fest und passte perfekt in den ebenso kreativen wie chaotischen Abend: OI POLLOI ließen nämlich erst noch auf sich warten und kamen schließlich ohne Sänger Deek, der anscheinend zusammen mit der eigentlich geplanten weiteren Band in Kopenhagen festhing, weil der Flug gestrichen wurde! Zufälligerweise waren jedoch die Argentinier AMOR FIZZ in der Nähe und konnten noch ‘nen Gig gebrauchen, so dass die Jungs kurzerhand ins Aufgebot rutschten. Obwohl es sich um einen Donnerstag handelte, füllte sich nach Einlass der Laden sehr ordentlich. Gestärkt durch einen wohlschmeckenden Gemüseeintopf, der bei den Witterungsverhältnissen genau das Richtige war, begannen wir schließlich unser Set und direkt vom ersten Song an gingen die Leute mit. Als Vertretung für Eisenkarl hatten wir ein 5-Liter-Fass Bier mit seinem Namen beschriftet, nach zwei Songs angestochen und dem Mob überlassen – so’n Ding verfügt musikalisch zwar bei Weitem nicht über seine Qualitäten, knallt aber fast genauso rein. Vor der Bühne ging’s richtig rund und ich musste aufpassen, nicht umgerissen zu werden; trotzdem ging einmal mein Mikro flöten. Das beschissene Wetter hat uns alle jede Menge feuchten Dreck in die Bude schleppen lassen, der von meinem Mikrokabel und den Stiefeln spritzte und mich besudelte, bis ich aussah, als hätte ich knietief in einer matschigen Pfütze gestanden. Das tat dem Vergnügen natürlich keinen Abbruch und für ‘ne Zugabe mussten wir dann auch noch mal ran. Spielerisch waren wir diesmal weitestgehend fehlerfrei, auch unser Neuling „IS-SS“ lief rund, doch ausgerechnet bei unserem zweitältesten Stück „Menschenzoo“ hab ich bischn was durcheinandergewürfelt. Egal, war trotzdem ein Einstand nach Maß in Hannover! AMOR FIZZ zogen im Anschluss dann sämtliche Register und brachten mit ihrer individuellen Mischung aus HC-Punk und weniger aggressiven Indie/Alternative- und folkig-jazzigen Klängen (oder so) den Laden endgültig zum Kochen. Der Sänger drehte komplett am Rad, machte Spagat in der Luft und sprang durch die Gegend wie ein Flummi. Die Texte dürften komplett auf Spanisch gewesen sein und ich habe keine Ahnung, worum es bei den Jungs geht, hatte mir aber am Rande des Geschehens bzw. Gedrängels einen halbwegs sicheren Platz gesucht und mir schlaue Sprüche der mitgereisten Katharina angehört, die mir eine ähnliche Performance nahelegte. Ansonsten machte sie sich nützlich und half beim Knüpfen von Band-Kontakten, Verkauf von Merch etc., schoss Fotos und drehte Erinnerungsvideos – besten Dank dafür! Bei OI POLLOI brach den endgültig die Hölle los. Ich war ja seinerzeit einer der Glücklichen, die der TOXOPLASMA-Reunion in der Hamburger Lobusch beiwohnen durften und das Gedrängel hier war mindestens vergleichbar. Kein Millimeter Platz war mehr vorhanden, die kleinste Bewegung zog eine Kettenreaktion nach sich. Wenn dann auch kräftig getanzt wird, kann man sich vorstellen, was passiert: Permanent flog jemand ins Schlagzeug; der OI-POLLOI-Schlagwerker musste immer wieder improvisieren und sich auf die Teile seines Kits beschränken, die gerade standen. Die Flügelschrauben seiner Becken gingen flöten, die Becken ebenfalls. Der Bassist verzichtete auf die ausufernden Ansagen, für die Deek sonst bekannt ist, und peitschte einen bärbeißigen schottischen Gassenhauer nach dem anderen in den steilgehenden Mob. Vom sicheren Rand aus verfolgte ich erneut das Chaos, bis es auch für mich kein Halten mehr gab und ich mich gegen Ende selbst hineinstürzte, so dass sich unser Drummer Chrischan ernsthaft um mich zu sorgen begann, wie er mir rührenderweise offenbarte. Das war jedoch unbegründet, denn der Pogo war fair und ich blieb unbeschadet. Nach diesem trotz Schrumpfung auf Triogröße grandiosen Gig blieben wir und ein großer Teil des Publikums noch in der Kopernikus, tranken und quatschten, bevor es auf Veranstalterkosten komfortabel per Taxi in den Stadtteil Stöcken ging, wo Punks ein geräumiges Wohnprojekt betreiben und regelmäßig Bands unterbringen. Vorher aber wurde sich noch in der Küche versammelt, wo man uns weiter verköstigte, bis ich irgendwann als erster die Segel strich und mich ins Schlafgemach begab. Das erwies sich als weiser Entschluss, denn so konnte ich in angenehm komatösen Schlaf fallen und die anderen mit meiner Sägerei nerven, ohne dass ich etwas von ihnen mitbekommen hätte. Der Gnade meiner Band allerdings ist es anscheinend zu verdanken, dass man mich nicht mit einem Kissen erstickte, wie ich am nächsten Morgen erfuhr, als ich als letzter aufstand (das Geheimnis meiner Jugend: Schlaf!). Als ich es dann auch noch wagte, meine vollkommen verdreckte Hose gegen ein sauberes Exemplar zu wechseln, schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Hab euch auch lieb, Jungs! In der Küche wurde inzwischen wieder reichlich aufgefahren, frisch gebackene Brötchen, Aufschnitt, Gemüse, Rührei, Getränke – es mangelte uns erneut an nichts! Welch ein Luxus!? Mit einigen Bewohnern saßen wir zusammen und ließen es uns gutgehen. Die Rückfahrt verzögerte sich eh noch etwas, doch irgendwann war auch Ronny fit, uns diesmal per Straßenbahn zurück zur Kopernikus zu geleiten, wo wir noch einmal tief den Geruch des gestrigen Abends einatmeten, unser Zeug zusammenpackten und schließlich die Rückfahrt antraten – zweimal um den Block und dann ab dafür, durch wechselhaftes Wetter relativ flott nach Hamburg, um dort im Großstadt- und Feierabendverkehrs-Wahnsinn gefühlt noch mal genauso lange zum Proberaum zu brauchen wie von Hannover nach HH… Fazit: Hannover ist immer noch etwas Besonderes. Vielen Dank an die Kopernikus- und Stöcken-Crew sowie an AMOR FIZZ und OI POLLOI für dieses verrückte Abenteuer für große Jungs und Mädchen – wir kommen gerne wieder, am liebsten natürlich für’n Open Air im Sommer!

27.03.2015, Kraken, Hamburg: BRUTE’N’BOTTLED

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Streetpunk aus Münster war angesagt und genau den gab’s, als BRUTE’N’BOTTLED am 27.03.2015 dem Kraken einen Besuch abstatteten. Ob das Trio stilecht mit dem Fahrrad anreiste, ist nicht überliefert, aber aus irgendeinem Grund zogen sie überdurchschnittlich viele Turbojugend-Jünger an, während ich der Punk-Sekte ja immer etwas skeptisch gegenüberstehe. Diese sorgten jedenfalls dafür, dass die Bude gut gefüllt wurde und der durchschnittlich Alkoholpegel von vornherein recht hoch lag. Musikalisch gab’s dann auch nix zu meckern, kurze, flotte Streetpunk-Nummern mit kehligem Gesang wurden verabreicht, absolut souverän dargeboten und mit einem ziemlich geilen Bass unterlegt, über dessen Griffbrett der Sänger trotz Doppelbelastung in hoher Geschwindigkeit huschte, als wäre es selbstverständlich. Berührungsängste zum Hardcore hatte man auch keine, wie besonders manch späterer Song und das CRO-MAGS-Cover „Hard Times“ bewiesen. Vorne wurde getanzt bzw. grobmotorisch Aktivität gezeigt und zwischen den Songs bewies die Band Humor und Selbstironie. Kompetente Combo und eine lohnende, kurzweilige Angelegenheit. Nach dem letzten Akkord trennte sich die Spreu vom Weizen; die Trinkfesten und Geschmackssicheren feierten anschließend noch die ganze Nacht zu den „Hits aus der Anstalt“ von DJane Alex und konnten sich anschließend sicher sein, das Beste aus diesem Freitagabend gemacht zu haben!

Frank Schäfer – Die Welt ist eine Scheibe

schaefer, frank - die welt ist eine scheibeNach seinem durchwachsenen, dennoch lesenswerten Sachbuch zum Thema Heavy Metal debütierte der Journalist und Autor Frank Schäfer 2001 im Bereich der Erzählungen mit diesem „Rockroman“, für den er weitestgehend auf eine verschwurbelte Schreibweise verzichtete und stattdessen auf rund 180 Seiten aller Wahrscheinlichkeit nach stark autobiographisch geprägt das Lebensgefühl als Nachwuchs-Metal-Musiker der Band „Adrenalin“ in der niedersächsischen Provinz der ‘80er-Jahre nachzeichnet. Es ist die Zeit der ersten Konzerte und professionellen Studioaufnahmen sowie pubertärer Liebeleien und Wirrungen, der großen Liebe, der Aufbruchsstimmung, aber auch der Rückschläge und Enttäuschungen. Angesichts der knappen Seitenzahl gelingt es Schäfer überraschend detailliert, die Leidenschaft der Jungmusiker zu vermitteln, plaudert aus dem Nähkästchen einer noch am Anfang stehenden Band und porträtiert mit scharfem Blick das persönliche Umfeld zwischen Bandkollegen und Familienangehörigen sowie die Begegnungen mit Konzertveranstaltern, Studiobetreibern etc. Dabei ist natürlich nicht alles eitel Sonnenschein, schwere Schicksalsschläge gilt es ebenso zu verdauen wie mit schwierigen Dreiecksbeziehungen umzugehen. Für den Erzähler ist jene Zeit eine ganz besonders spannende, denn er kommt mit seiner Freundin Moni zusammen und startet mit seiner Band durch. Dokumentiert wird dies neben Schäfers Ausführungen in Form evtl. gar authentischer Schriftstücke von Labels inkl. echter Namen, Songtext-Auszügen und ganz konkreten Veranschaulichungen von Songstrukturen, Studioeinspielungen und Konzertberichten, wie sie nur aus der Feder eines Schreibers stammen können, der genau das selbst erlebt hat (Schäfer war Gitarrist der Power-Metal-Band „Salem’s Law“ und „Adrenalin“ deren Vorgängerband). Somit handelt es sich nicht nur um ein Stück wenig verklärende Nostalgie für alte Säcke, sondern um einen gerade auch für Außenstehende und Zuspätgeborene spannenden Einblick in eine Zeit, die sich in vielerlei Hinsicht von der heutigen unterschied, jedoch in nicht wenigen Aspekten auch der Gegenwart ähnelt, wenn man voller Motivation eine Band gründet und seine ersten Schritte tut oder einer verführerischen jungen Dame verfällt – denn manches ändert sich nie. Wer sich grundsätzlich für die angesprochenen Themen interessiert, findet in „Die Welt ist eine Scheibe“ ein fesselnd und ebenso gefühl- wie humorvoll geschriebenes Büchlein, das sich sehr flüssig und schnell liest, richtig Lust macht auf die Musik der Band „Adrenalin“ oder eben ähnlich geartete und neben zu vernachlässigenden Details im Prinzip nur einen Fehler hat: Es ist zu kurz und das offene Ende hinterlässt einen angerührten Leser, der nur zu gerne wissen will, wie es weiterging. Ein gelungenes und sympathisches Debüt, das beweist, dass auch solch kleine Bandgeschichten ohne große Exzesse und klischeebewehrte Ausschlachtungen über viel Charme verfügen und in ihrer Ehrlichkeit, Offenheit und unprätentiösen Bodenständigkeit bestechender sein können als der abgedrehte Nerd-Roman oder die drogen- und sexschwangere Rockbiographie.

21.03.2015, Kraken, Hamburg: BOLANOW BRAWL

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Als die BARROOM HEROES ihren Gig im St. Paulianer Kraken krankheitsbedingt leider absagen mussten, erinnerten wir uns daran, dass Punk mal etwas mit Spontaneität zu tun hatte – ok, eigentlich war es Kollege Ladde, der die Idee hatte – und sprangen von einem Tag auf den anderen für einen Gig in meiner Stammkneipe ein, die aus dem legendären Skorbut hervorgegangen war. Musikalisch sollte das passen, Streetpunk wurde gegen Streetpunk getauscht. Der für die After-Show-Party eingeteilte DJ Wasted Noise, der mit seinen Plattenkisten stets eigens aus Ostfriesland anreist, freute sich, brauchte er doch nicht schon Stunden früher an die Törntables. 😉 Wir freuten uns ebenfalls, die Kraken-Krew freute sich, Freude allenthalben – fehlte nur noch ein begeisterungsfähiges Publikum, so punkig-spontan, denn davon, dass wir einfach das BH-Publikum (missverständliche Abkürzung, ich weiß) bekommen würden, war nicht auszugehen: Der Gig wurde schon einige Tage vorher offiziell abgesagt. Aufbau und Soundcheck machte erstmals Beastar mit uns, und das ging alles sehr professionell und flott über die Bühne. Nervigen Rückkopplungen und Gefiepe wurde kurzerhand durch Zwischenschaltung eines geheimen magischen Geräts (so stellte es sich zumindest mir als Bühnentechniklaie dar) der Garaus gemacht. Der Versuch, Bolanow im örtlichen Lidl zu besorgen, scheiterte, Ersatz glaubte Gitarrist Iron Eisert in einem Gesöff namens „Queen Margot“ (oder so) gefunden zu haben, das vermutlich wirklich wie Oma unterm Arm schmeckt. Obwohl, es heißt ja: Je reifer die Frucht, desto süßer der Saft… Diniert wurde im sympathischen, veganen Befried, wo Bassist Stulle offenbar am Tage zuvor kräftig Werbung für uns gemacht hatte, denn prompt wurden wir nach unserem Gig befragt. Der stand allerdings noch bevor und als wir zum Kraken zurückkehrten, wartete schon die Kieler Division um RED-ALERT-Drummer Axel, der seinen Schlücken Queen Margot Tribut zollte, indem er spontan rückwärts aß. Langsam verirrte sich der eine oder andere potentielle Eskalateur in den Kraken und da wir alle Zeit der Welt hatten, verlagerten wir den Beginn einfach etwas nach hinten. Ich glaube, 22:30 Uhr war es, als wir uns auf die Bühne und das Publikum zum Tanz bitten ließen und tatsächlich füllte sich die Bude während der ersten Songs beträchtlich. Neben sich bewusst fürs Konzert entschieden Habenden gelang es uns anscheinend, Laufkundschaft eine Spende in beliebiger Höhe als Eintritt aus den Rippen zu leiern, so dass wir uns über mangelnden Zuspruch nicht beklagen konnten! Zwischen den Songs plapperten wir wie üblich chaotisch durcheinander, der Mob klinkte sich ebenfalls ein, irgendjemand feierte Junggesellenabschied oder Geburtstag (oder beides, auf jeden Fall hatte DJ Wasted Noise Geburtstag, wie ich dann glaub‘ ich irgendwann auch endlich schnallte) und der eine oder andere ließ seinem Mitteilungsbedürfnis freien Lauf, indem er mehr oder weniger Gehaltvolles durch mein Mikro verlautbarte. Queen Margot trug ihren Teil zum Bühnengeschehen bei und so wurde schon mal der falsche Song angezockt, aber alles in allem waren wir nicht schlecht, hatten reichlich Spaß und das Publikum erwies sich als ein dankbares, forderte Zugaben, von denen es eine bekam und während wir uns reichlich Schulterklopfen bis zur verlegenen Errötung abholten, begann DJ Wasted Noise mit seiner After-Show-Party. Der gute Mann legte einen Kracher nach dem anderen auf und die Party entwickelte sich zur bisher besten des noch jungen Jahres! Enthemmt rissen wir uns die Leibchen von denselben und tanzten und sangen oberkörperfrei die ganze Nacht, in der jemandem zwischenzeitlich noch einmal alles aus dem Gesicht fiel. Eine Halligallidrecksauparty aus dem Lehrbuch (falls es so eines gibt) und die Krönung eines grandiosen Abends – Public Masturbation, Total Escalation! Viel besser hätt’s also gar nicht laufen können, deshalb an dieser Stelle noch einmal danke an alle Beteiligten, insbesondere den Kraken inkl. Beastar, DJ Wasted Noise und alle, die mitgefeiert haben! Dass dann auch noch was für die Bandkasse hängenblieb, hatte ich gar nicht erwartet und war natürlich das Tüpfelchen auf dem I in Oi!

13.03.2015, Villa Dunkelbunt, Hamburg: KAOS KABELJAU + KOUKOULOFORI

kaos kabeljau + koukoulofori @villa kunterbunt, hamburg, 13.03.2015

Am Freitag, dem 13.03.2015, hatte ich nach einer fordernden Arbeitswoche dringenden Bedarf nach einer Punkrock-Party. Was lag da näher, als der Villa Dunkelbunt einen Besuch abzustatten, jenem selbstverwalteten Wohnprojekt in Altona bzw. Ottensen, von dem ich seltsamerweise trotz zweijährigem Bestehen (das es heute zu feiern galt) vorher noch gar keine Kenntnis hatte, das aber zu ’ner zünftigen Party mit Live-Mucke lud? Eben! Die Bude mitten in der City war schnell gefunden und machte mit dem noblen, großen Konzertsaal, sehr fähigen DJs und sympathischem Volk gleich besten Eindruck und bei freiem Eintritt und gekühltem Pils gegen Spende wähnten ich und meine Kumpanen sich im Paradies. Irgendwann verstummte die Konserve und die wiedervereinten KAOS KABELJAU, immer noch in Trio-Größe, schickten sich an, nun den Soundtrack zu unserer Druckbetankung zu liefern. Der Laden war mittlerweile rappelvoll und die Kaoten hatten anfänglich ein paar Probleme, fanden dann aber schnell in ihr Set und machten ordentlich Druck, wie man es noch von vor gar nicht allzu langer Zeit kannte. Ruppiger, dreckiger, aggressiver und immer leicht rumpeliger HC-Punk mit deutschen Texten, kann wat! KOUKOULOFORI sagte mir hingegen gar nichts, entpuppte sich aber als die andere Band des ARRESTED-DENIAL-Bassers. Auch hier gab’s deutsche Texte und der sehr eigenständige Sound lief nicht nur bei mir offene Türen ein, das ging ungefiltert in die Beine, animierte zu ekstatischen grobmotorischen Bewegungsabläufen und was ich textlich mitnahm, war kritisch und engagiert, dabei weit von Parolen- und Klischeehaftigkeit entfernt, ohne wiederum studentisch verklausuliert zu werden. Nee, das hatte Eier, einen richtig fitten Drummer und wurde zu ’nem tadellosen Gig, was zu einigem Schulterklopfen bei den Bandmitgliedern führte. Würde ich mir gern noch mal anschauen/-hören und ich bin mir sicher, dass KOUKOULOFORI auch den Nüchternheitstest bestehen würden. Im Anschluss folgte noch Elektropunk-Zeug, aber da waren wir längst anderweitig beschäftigt, u.a. lieferte ich mir eine Rangelei mit meinem Kumpel Stulle und erfuhr im Nachhinein bei Blick auf den Flyer auch, warum: Da stand was von „fröhliches Freeboxen“! ’ne perfekte Angelegenheit u.a. mit selbstgebastelten Pissoirs und einer genialen Klotürschließmechanik, gezimmert aus alten Fahrradutensilien. Anscheinend ein Hort der Kreativität, diese Villa Dunkelbunt, an der ich gern auch mal mit meinen Bands anklopfen würde…

06.03.2015, Goldener Salon, Hamburg: THRASING PUMPGUNS + MORBITORY + TRÜMMERRATTEN

thrashing pumpguns record release party @goldener salon, hamburg, 06.03.2015Die Hamburger Hardcore-Punk/Thrash-Metal-Crossover-Band THRASHING PUMPGUNS lud zur Release-Party ihres Albums „The Lord is Back“ in den Goldenen Salon und als ich eintraf, spielten gerade die TRÜMMERRATTEN, die ich noch vom letztjährigen Elb-Tsunami-Festival kannte, ihren eingängigen deutschsprachigen Punkrock. Einfach, aber bestechend, mit Charme und Humor und einigen echten Hits wie der Schwarzfahrer-Hymne oder der musikalischen Verarbeitung des von den Bullen erlogenen „Überfalls“ auf die David-Wache, der letztes Jahr für Rauschen im Blätterwald sorgte. So sehr ich manch frühen Genre-Klassiker und Prototypen à la POSSESSED, die erste DEATH, PESTILENCE und MORBID ANGEL auch schätze, ist Death Metal ansonsten eher nicht so meins, da mir entweder zu monoton, zu langsam oder zu frickelig. Gern gefallen lasse ich mir aber flotten Death mit Thrash-Einflüssen der alten Schule. MORBITORY lieferten ein ordentlich Brachialbrett, das Tempo stimmte meist und das Aggressionspotential ebenfalls, so dass ich durchaus meinen Spaß daran hatte. Um sämtliche Grundsatzdiskussionen abzuwürgen, ob Death Metal Spaß machen darf bzw. das in diesem Zusammenhang der richtige Begriff ist, schnell weiter zum Hauptact, wobei „schnell“ hier auf jeden Fall passt: Die Songs der Band sind blitzschnell und eruptiv, erinnern an alte D.R.I. und Konsorten. Die Metal-Kante findet sich vornehmlich im Riffing wieder, das aber – natürlich – zu genereller Hektik neigt. Frontmann Rolf, mittlerweile mit Frisur, shoutet sich sehr souverän und mit Entertainer-Qualitäten durch das Set, die ganze Band wirkt bestens eingespielt und hat sichtlich Spaß bei ihrem Tun. Der Sound war auch nicht mehr so krachig wie bei den frühen Gigs, alles in allem ’ne prima Sache für Oldschool-HC- und -Crossover-Freaks sowie alle anderen Hektiker. War ein sehr gelungener, musikalisch abwechslungsreicher und Subkultur-übergreifender Abend, an dem glaube ich alle Anwesenden – und die Bude war rappelvoll! – Gefallen gefunden haben!

28.02.2015, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + BOLANOW BRAWL

disillusioned motherfuckers + bolanow brawl @el dorado, hamburg, 28.02.2015DMF-Gitarrero und Eierkopp Kai hat sich erlaubt, mal wieder ein Jahr mehr auf s Kerbholz zu kriegen und lud deshalb zur öffentlichen Gratis-Geburtstags-Eska(i)liererei auf den altehrwürdigen Hamburger Gaußplatz ins El Dorado, die kultige Platzkneipe. Wir Motherfuckers sollten spielen, kündigten nach längerer Zeit ohne richtige Proben in weiser Voraussicht aber eine „öffentliche Probe“. Als zweite Krachmacher wünschte er sich ausgerechnet meine andere Combo BOLANOW BRAWL. So wurd’s der erste Abend überhaupt, an dem ich mit beiden Bands ran musste und ich hatte keine Ahnung, ob das klappen würde – aber wo, wenn nicht auf dem Gaußplatz kann man so was mal probieren? Der Abend ließ sich bei Bier und Nudelsalat dann auch gut an, bis wir uns mit BOLANOW BRAWL zu fünft in der kleinen Hütte verteilten, um unser Set durchzurocken. Die Bude war wie üblich gefüllt mit Platzbewohnern und anderem Volk und eigentlich lief alles gut durch, Wurzel besorgte den passenden Sound, Getränke gab’s satt und den Anwesenden schien’s zu gefallen. Ab und zu vernahm ich seltsam schiefe Töne, schob das aber auf den Alkoholkonsum meiner Mitstreiter. Erst hinterher erfuhr ich, dass Bassist Stulle zwischendurch sein Plektrum zerschredderte und in der Enge des Kneipe auch mal ein ganzer Gitarren-Amp runterflog – das Plek war unwiederbringlich verloren, dem Amp geht’s aber nach wie vor gut. Beim vorerst letzten Song „Where is my Hope“ verpasst e ich glatt den Einsatz zur zweiten Strophe, aber das hat vermutlich keine Sau gemerkt. Da Publikum, allen voran „Organisator“ Kai sprang zu Teilen vergnügt vor meiner Nase herum und mittlerweile habe ich mich ja schon fast daran gewöhnt, dass man mir in die Brustwarzen kneift, an den Sack greift und mich mit Bier bespritzt. Dass ich mitten im Song abgeknutscht werde, war jedoch selbst mir neu – an dieser Stelle hätte ich gut das Schild gebrauchen können, das seit einiger Zeit im Internet kursiert: „Während des Auftritts bitte nicht am Sänger lutschen!“ Als Zugaben ließen wir es uns nicht nehmen, KACKSCHLACHT zu covern (again: Wenn nicht hier, wo dann?!) und noch mal „Total Escalation“ zu diddeln. Dann war für die anderen Brawler Feierabend, während ich mich notdürftig für den nächsten Gig zu regenerieren versuchte. Ein nicht ganz so einfaches Unterfangen, denn wie ich feststellen musste, war der Sauerstoffgehalt in der Bude mittlerweile längst unters Existenzminimum gesunken. Demensprechend im Arsch war ich dann, als wir mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS begannen – wenn wir denn überhaupt begannen, denn die dreiköpfige Saitenfraktion hat erst mal einen Sound fabriziert, von dem ich nicht wusste, wo er herstammte, jedenfalls nicht aus unserem Proberaum! Gefühlte Stunden wurden dann damit verbracht, die Instrumente und sich aufeinander abzustimmen zu versuchen, und irgendwie blieb’s beim Versuch… Kai hatte als Geburtstagskind die deutlichste Schlagseite und so richtig fit waren wir alle nicht mehr, der Alkohol forderte seinen Tribut und so gab’s ein reichlich chaotisches Set, zerhackstückt durch etliche Stimmpausen, während derer ich immer wieder darauf hinwies, dass es sich eine Probe handelt. Hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass wir wie im Proberaum Kippenpausen einlegen… Das Publikum hielt uns trotzdem die Treue und war selbst alles andere als nüchtern – ich möchte wetten, der eine oder andere bemerkte gar keinen Unterschied :D. Die Live-Premiere des neuen Stücks „IS-SS“ sah dann so aus, dass einfach irgendetwas gespielt wurde, auf das ich es immerhin schaffte, den gesamten Text unterzubringen. Ich war mittlerweile völlig fertig, bekam gegen Ende kaum noch einen Ton heraus und japste nach Luft, war froh, als es vorbei war – böse Zungen mögen behaupten, ich wäre nicht der einzige gewesen. Die Party allerdings ging anschließend noch fröhlich weiter und war vom Feinsten! Danke an Kai und den Gaußplatz, speziell an Wurzel und die Tresen-Mann- und Frauschaft sowie das unverstörbare Publikum! Fazit: Astreine Party und aufschlussreiches Experiment, aber so’nen Doppel-Gig mach ich nicht noch mal. Und um Geburtstags-Motherfucker Kai in Bezug auf den DMF-Gig zu zitieren: „Das einzige, was gestimmt hat, war der Alkoholpegel!“

Philipp Möller – Isch geh Schulhof. Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers

moeller, philipp - isch geh schulhofDas Thema Schule ist ein Dankbares, denn fast jeder war selbst auf einer und ist somit irgendwie mit dem Thema vertraut, erlaubt sich häufig auch Meinungen, und vergleicht seine eigene Schulzeit mit aktuellen Berichten – gerade auch kritischen, Stichwörter „Pisa-Studie“, „Bildungsmisere“, „Rütli-Schule“ -, meist spätestens dann, wenn der eigene Nachwuchs da ist. So stieß auch ich auf Bücher, die sich auf sehr amüsante Weise mit dem aktuellen Schulalltag auseinandersetzen, ob aus Schüler- oder aus Lehrersicht. Besonders Lehrkörper Stephan Serin hatte es mir mit seinen herrlich selbstironischen Bänden „Föhn mich nicht zu“ und „Musstu wissen, weißdu!“ angetan und mich einerseits zu wahren Lachanfällen animiert, mir andererseits aber auch aktuelle Bildungsprobleme vermittelt und zum Nachdenken angeregt. Vor diesem Hintergrund stieß ich kürzlich beim Stöbern in einer Buchhandlung auf „Isch geh Schulhof“ von Philipp Möller, der aus der Erwachsenen-Pädagogik kommt und als Quereinsteiger an einer Grundschule in einem Berliner Kiez landete. Im Gegensatz zum bewusst überzeichneten und komödiantischen Stil Serins vergewissert Möller, dass es bei ihm keinen Unterschied zwischen Erzähler und Autor gäbe, also bis auf die Namen sich alles tatsächlich so abgespielt habe. Und was er nach seinem Sprung ins kalte Wasser zu berichten weiß, ist wahrlich haarsträubend. Seine Schule in einem sog. Problembezirk befindet sich in einem desolaten Zustand und das Bildungsniveau ist erschreckend niedrig. Die zusammengewürfelten Klassen mit Schülern unterschiedlicher Herkunft (bzw. mit Schülern mit Eltern unterschiedlicher Nationalitäten) hinken sämtlichen Lehrplänen hinterher; an normalen Unterricht ist kaum zu denken, denn zunächst einmal müssen die grundlegendsten Benimmregeln vermittelt und die Sprachbarrieren überwunden werden, von ethischen Selbstverständlichkeiten einmal ganz zu schweigen. Möller beschreibt sehr anschaulich die Herausforderungen, vor die er sich gestellt sah und die Probleme nicht nur seiner Schule, sondern im Prinzip des derzeitigen Bildungssystems, adäquat auf diese geänderten Anforderungen zu reagieren. So bekommt der Leser einen sehr praxisorientierten, sicherlich auch stark vereinfachten, aber eben auch veranschaulichenden Einblick in reformistische Ansätze und ihren Sinn. Gleichzeitig entwickelt der Leser ein Bewusstsein – sofern noch nicht vorhanden – für die Ursachen der Lernschwächen und sozialen Inkompetenz von „Problemschülern“, wie sie „Herrn Mülla“ konfrontieren. Diese Abschnitte trafen besonders meinen Nerv, denn frei jeglichen dann unangebrachten Humors und Zynismus scheut er sich weder, mit dem Migrationshintergrund manch Schülers offenbar verbundene Gründe zu benennen, noch xenophoben Ressentiments die Zähne zu ziehen, indem er allgemeine soziale Missstände und Versäumnisse sowie Ungerechtigkeiten des Systems aufzeigt. Ansonsten regiert aber auch gern mal der, bisweilen auch etwas derbere, (Galgen-)Humor, wenn auch weit weniger als beispielsweise in Serins o.g. Büchern. Möller beschreibt darüber hinaus seine Versuche, sich nach anfänglicher Skepsis mit den Gegebenheiten zu arrangieren und seine Arbeit so gut wie möglich zu machen, seine Erfolge, aber auch seine Rückschläge – und seine vermutlich oft als Kampf gegen Windmühlen empfundenen Erfahrungen mit demotivierten bis unfähigen Kolleginnen und Kollegen, den Behörden etc. Auf den Verwaltungsapparat wird kein sonderlich gutes Licht geworfen, wenn man liest, wie einerseits Quereinsteiger ohne jegliche Erfahrung auf die (bzw. vor allem diese) Kinder losgelassen werden, wodurch der Sinn des Lehramtsstudiums natürlich angezweifelt werden darf, und andererseits diese im Idealfall dann motivierten, frischen Nachwuchskräfte schließlich geschasst werden, nachdem sie glaubten, ihre Berufung gefunden zu haben. „Hire & Fire“ im Bildungsbereich – unfassbar und wenig zielführend. Dadurch mutet „Isch geh Schulhof“ bisweilen auch etwas wie eine Abrechnung mit dem starren und ignoranten Schulapparat an, was sich jedoch im akzeptablen und vor allem verständlichen Rahmen hält. Aus seinem antiklerikalen, liberalen/sozialen und freidenkerischen Weltbild macht Möller keinen Hehl und erteilt falscher Toleranz (nämlich der ggü. Intoleranz) klare Absagen, ohne zum verweichlichten Gutmenschen zu werden – ganz im Gegenteil, er legt sich ein erstaunlich dickes Fell zu. All dies natürlich vorausgesetzt dem Fall, dass es Möller mit der Wahrheit hier tatsächlich immer ganz genau nahm. Als störend erweist sich nämlich gerade auch hin und wieder seine Selbstgefälligkeit, nicht selten scheint er sich selbst auf die Schulter zu klopfen und vermischt seine beruflichen und pädagogischen Erfahrungen zudem mit Einblicken in sein Privatleben und seine Sozialisation, und beide erscheinen fast schon befremdlich harmonisch und perfekt, als habe er nie etwas auszustehen gehabt. Tatsächlich entstammt er dem Bildungsbürgertum der Mittelschicht, einer klassischen Lehrerfamilie, und das Schicksal scheint es stets gut mit ihm gemeint zu haben. Jedoch ist sich Möller dessen anscheinend bewusst und zieht in entscheidenden Fragen meines Erachtens meist die richtigen Schlüsse – beispielsweise den, dass ein Buch wie dieses ein durchaus sinnvoller und niedrigschwelliger Beitrag zur Debatte um das Schulsystem und die Bildungspolitik sein kann, und quasi nebenbei eine persönliche Aufarbeitung turbulenter Jahre – oder umgekehrt. Mich hat das Buch jedenfalls gut unterhalten, beginnend auf „Asi-TV-Niveau“, jedoch lediglich, um sein Publikum dort abzuholen und mit ihm gemeinsam hinter die Kulissen zu blicken, Missstände anzuprangern, Widersprüche aufzuzeigen und auszuhalten und Lösungsansätze zu liefern. Dass er dabei, besonders gegen Ende, wie unter Zeitdruck stehend auch noch arg oberflächlich und hektisch Psychologie und Philosophie einbringt, möchte ich seinem Komplettierungseifer zuschreiben und sei ihm verziehen. Seine Selbstgefälligkeit an der Schwelle zur Arroganz wiederum mag – immer noch unter der Prämisse, dass sich tatsächlich alles so wie beschrieben abgespielt hat – seinen ungeahnten und respektablen Erfolgen zuzuschreiben sein, die er unter diesen schwierigen Bedingungen an jener Schule erreicht hat und ihn zunächst sicherlich um Jahre altern lassen, schließlich jedoch klüger und weiser gemacht haben, geschuldet sein, doch so sehr man sich auch darüber freuen darf, über sich selbst hinausgewachsen zu sein, so wäre doch gerade angesichts derart trauriger Schicksale wie derjenigen, derer sich Möller in Form seiner Schüler ausgesetzt sah, etwas Demut angebracht, statt mit seinem intakten Bilderbuch-Familienleben anzugeben. Dies war zumindest mein Empfinden. Kritiker behaupten, Möller habe sich am Erfolg der unter dem Pseudonym „Frau Freitag“ veröffentlichten Blog-Einträge und Bücher zum ähnlichen Thema stark und wenig originell orientiert, was ich nicht beurteilen kann, da ich diese noch nicht kenne – aber gern als Empfehlung mitnehme.

Frank Schäfer – Heavy Metal

schaefer, frank - heavy metalNachdem ich Frank Schäfer durch seine Anekdotensammlung „Metal Störies“, die mich prächtig unterhalten konnte, kennengelernt hatte, habe ich mal recherchiert, was der Braunschweiger „Rolling Stone“- und „taz“-Journalist darüber hinaus an Büchern zum Thema Musik veröffentlicht hat. Zu seinen diesbezüglichen Frühwerken ist „Heavy Metal – Geschichten, Bands und Platten“ aus dem Jahr 2001 zu zählen, das sich grob in vier Abschnitte unterteilen lässt: Eine allgemeine, immer noch etwas oberflächliche und in Detailfragen sicherlich streitbare, ansonsten aber gelungene und informative Abhandlung zur Entwicklung und Geschichte des Musik-Genres, eine ausführliche, kritische Vorstellung der nach Schäfers Meinung sieben wichtigsten Bands, einige Plattenkritiken (exemplarische Klassiker als Streifzug durch seine Plattensammlung sowie zum Veröffentlichungszeitpunkt aktuelle Scheiben) und ein paar Konzertberichte. Leider bedient sich Schäfer unverständlicherweise eines angeberischen, vollkommen übertriebenen Geschwurbels, das möglichst viele weitestgehend unbekannte Vokabeln unterzubringen versucht. Wie überflüssig das tatsächlich ist, wird dadurch deutlich, dass seine Texte auch weitestgehend problemlos zu verstehen sind, ohne die Bedeutung seiner Spracheskapaden zu kennen. Das wiederum ist natürlich ein Pluspunkt, denn dadurch lassen sich seine durchaus unterhaltsamen und humorvollen, mit einer gewissen, aber nie abwertenden Ironie für sich selbst und das Genre versehenen Kapitel zügig konsumieren und dank Schäfers Meinungsfreudigkeit aus Fan-Sicht nickend bestätigen oder auch kopfschüttelnd ablehnen. Ein paar offensichtliche Fehler („Grunge“ entstammt nicht der Mittelschicht, wurde dieser mittels MTV & Co. aber massiv dargereicht, so dass zumindest die Speerspitze der „Bewegung“ Gefahr lief, von weißen Mittelklasse-Trendkonsum-Kids überlaufen zu werden; nicht „Strange World“, sondern „Invasion“ der Iron-Maiden-„Soundhouse Tapes“ wurde erst viel später noch einmal veröffentlicht) gehen natürlich mit den üblichen Geschmacksfragen einher. So musste ich gerade bei der ungewohnt kritischen Auseinandersetzung mit der „Black Sabbath“-Diskografie ziemlich schmunzeln und konnte vieles nachvollziehen, wenngleich ich „War Pigs“ für einen geilen Song halte. Von schwerer Geschmacksverirrung muss jedoch ausgegangen werden, wenn Schäfer dem Album „Dehumanizer“ jegliche Qualitäten abspricht. Auch irritiert doch stark, wenn er ausgerechnet „Seventh Star“ als einziges durchweg gelungenes „Black Sabbath“-Album bezeichnet; natürlich hat er ein Recht auf sein Lieblingsalbum, jedoch impliziert dies, ein „Headless Cross“ beispielsweise würde Füllsongs enthalten, was natürlich jeder Grundlage entbehrt – wie auch jegliche über den Sound hinausgehende Kritik am Iron-Maiden-Götterwerk „Seventh Son of a Seventh Son“, womit sich Schäfer jedoch in unrühmlicher Gesellschaft so vieler Musikkritiker befindet, die seinerzeit möglicherweise bereits zu alt waren, um für die besondere Magie dieses Albums empfänglich zu sein und der simplen Versuchung erlagen, es mit normalen Maßstäben messen zu wollen, dadurch keinen Zugang fanden. Wenn man dann andererseits lesen muss, wie Schäfer viel zu viel Southern Rock abfeiert, weiß man spätestens, dass da eben manchmal allzu sehr der kleine Redneck in ihm mit ihm durchgeht, der sonst erfrischend ehrlich verkopftes Prog-Gefrickel und verkifften Hippie-Blues kritisiert. Wenn er Kiss‘ „Space Ace“ mit „All-Atze“ übersetzt, muss ich lachen, wenn ich erfahre, dass er zum „Monsters of Rock“-Festival 1988 pilgerte, ohne sich Headliner Iron Maiden anzusehen, bleibt mir jedoch nur noch, die Hände überm Kopf zusammenzuschlagen (ich hätte mir damals ein Bein ausgerissen, um dabeisein zu dürfen). Seine eigene, höchst obskure Metal-Band „Salem’s Law“, mit der er in den späten ’80ern unterwegs war, erwähnt er hier übrigens noch mit keiner Silbe, aber gerade in den anekdotenreichen Konzertberichten ist bereits sein schöner Stil erkennbar, den ich bei „Metal Störies“ zu schätzen gelernt habe. Ein insgesamt durchschnittliches, dabei trotz allem sympathisches Buch für Genre-Affine, das jedoch in seinen Bewertungen nicht ernstgenommen werden und niemanden davon abhalten sollte, sich die erwähnten Alben selbst anzuhören. Drei weitere Frank-Schäfer-Schmöker sind bereits geordert.

07.02.2015, Gängeviertel, Hamburg: FINAL EFFORT + BOLANOW BRAWL + DIE FETTE BOITE

bolanow brawl + final effort + die fette boite @gängeviertel, hamburg, 07.02.2015

Geplant war, dass die bayrischen Buam SPEICHELBROISS ihr 20-jähriges Jubiläum am 07.02. im Gängeviertel feiern und sich dabei mit den Sachsen SICK TIMES und uns, BOLANOW BRAWL, die Bühne teilen – doch es kam anders: Zunächst kam mit FINAL EFFORT eine weitere Band hinzu, dann mussten SICK TIMES verletzungsbedingt absagen und schließlich war es auch SPEICHELBROISS nicht möglich, an jenem Abend in die Hansestadt zu kommen, so dass das ganze Konzert kurz auf der Kippe stand. Die BeyondBorders-Crew, die die Sause organisierte, schrieb sich die Finger wund, um kurzfristig (das Konzert sollte in zwei Tagen stattfinden) Ersatz zu organisieren, möglichst etwas Bekannteren, der Publikum zieht – ohne Erfolg. Es erwies sich als alles andere als einfach, spontan Bands zu finden, die kurzfristig für einen gagenlosen Solidaritätsgig einspringen. Auch ich unterbreitete Vorschläge, hörte mich um und involvierte die anderen Brawler, so dass unser Basser Stulle schließlich einen Geistesblitz bekam: Bekannte von ihm, die Nachwuchspunks DIE FETTE BOITE aus HH-Niendorf, haben eben jene Band am Start, mit der sie aber bisher noch nicht aus dem Proberaum herausgekommen waren. Ein Telefonat und eine Absprache mit Melzi von den grenzenlosen Orgas später hatten wir einen neuen Opener – von dem noch niemand von uns jemals einen Ton gehört hatte. Stulle beschwor, „Ich lege meinen Schwanz für die ins Feuer!“, und so waren wir der Rettung des Konzertabends einen Schritt näher. Die unermüdlichen ABSTURTZ wären beinahe sogar noch als Überraschungs-Act eingesprungen, aber letztlich blieb’s bei den genannten Dreien und es wurde spannend: Würde überhaupt jemand kommen oder würden wir in einem gähnend leeren Gängeviertel die Strohbälle und Staubmäuse per P.A. von einer Ecke in die andere blasen? Egal, erst mal aufgebaut, lecker Nudeln mit Gemüsesoße verhaftet und der Dinge geharrt. DIE FETTE BOITE kam mit ihrem Steuerberater und als Opener oblag es ihr, den Soundcheck durchzuführen, der schon mal, nun ja, interessant klang. FINAL EFFORT, die wie die ausgefallenen SICK TIMES aus Sachsen kommen, machten vor ihrem Berlin-Gig Station in Hamburg und erwiesen sich als sympathische Zeitgenossen, die wussten, wie man am schnellsten nach Dresden kommt; ihnen wurde an einem Headliner-losen Abend die Rolle des Quasi-Headliners zuteil. Und alle Sorge war unbegründet, denn rasch füllte sich der Laden ordentlich und war schließlich – man glaubt es kaum – gerammelt voll mit Leuten, die sich erst mal den ersten Gig der FETTEN BOITE reintaten. Diese spielte keinesfalls Oi!-Punk, wie der Name evtl. zunächst vermuten ließ, sondern sehr eigenwilligen, experimentellen Freejazz-Punk voller Improvisationen, einem entfesselten Bass und philosophischen Texten der Marke „Bürgermeister, Saufen, Hauptbahnhof!“ Man hatte offenbar einige Freunde zusammengetrommelt und so lieferte sich der Mob vor der Bühne harten Pogo und die ersten Bierflaschen klirrten, sorgten für das richtige Schmuddelambiente. Der Spielfluss wurde von gleich zwei Saitenrissen jäh unterbrochen, aber mit der Ruhe und Souveränität ganz alter Hasen ließen sich die Jungspunde nicht aus dem Konzept bringen. Nach Beendigung des Sets mit beachtlicher Spieldauer war es unsere Aufgabe, die Stimmung aufrecht zu erhalten. Ab auf die Bühne, die Instrumentalfraktion spielt das Intro, ich mach die Ansage of Life… und dass wir das gleich mal wiederholen mussten, bevor’s wirklich losging, sollte zum Glück die einzige Panne bleiben. Wie im Rausch spielten wir uns durch unser Streetpunk-Set und das Publikum erwies sich von Beginn an als überaus dankbar, ging über die volle Distanz fantastisch mit, neigte angenehm zur Eskalation, knallte zum Teil auf die Bühne und bescherte uns eine verdammt geile Zeit! Zum Dank kredenzten wir als Zugabe das allseits beliebte „Arbeit/Saufen“ von KACKSCHLACHT und noch einmal den Opener „Total Escalation“, den ich dem traurigerweise jüngst verstorbenen Altonaer Feindhammer, der Todesmaschine True-Rebel-Karsten widmete. Auch nach dem Gig ernteten wir viele positive Reaktionen, offenbar war der Sound „unten“ nicht von schlechten Eltern – und wären wir mittlerweile mal etwas geschäftstüchtiger und hätten so etwas wie Merchandise gehabt, hätten wir das eine oder andere Stück an den geschmackvollen Mann oder die stilbewusste Dame bringen können, was für unsere geplante Platten-VÖ (gut Ding will Weile haben…) hoffen lässt. Auch den Bühnensound bekam der kompetente Kerl am Mischpult auf Zuruf schnell so geregelt, dass zumindest ich mich gut hören konnte. Zur mittlerweile vorgerückten Stunde hatten FINAL EFFORT mit ihrem schnörkellosen Hardcore, der ohne Gepose oder sonstige Sperenzien auskommt, dann einen etwas schwereren Stand, denn der eine oder andere Pogokrieger war mittlerweile anscheinend müde und verließ den Laden. Andere aber blieben und erkannten die Qualitäten der Band! So endete ein unter widrigen Umständen begonnener Konzertabend, der letztlich doch noch zur Befriedigung aller verlaufen sein dürfte. Auch das Gängeviertel-Konzept, für Eintritt und Getränke (keine Billigplörre, sondern Störtebeker und Jever!) lediglich Spenden in beliebiger Höhe zu verlangen, ging auf, so dass kein Minus in der Kasse der BeyondBorders-Crew entstand, die die Nummer organisatorisch top und mit viel Engagement über die Bühne gebracht hat. Über Begleiterscheinungen wie den fäkalterroristischen Arzt Dr. B. aus Westerland, verpeilte Dorfmusikanten und „vertauschte“ Jacken schweige ich mich an dieser Stelle aus und bedanke mich lieber beim superfitten Publikum, den anderen Bands und insbesondere natürlich der BeyondBorders-Crew für Speis, Endlos-Trank und Auftrittsmöglichkeit! Geile Scheiße, gerne wieder!

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