
Kein Aprilscherz: Am 01. April ging es erstmals für uns Motherfuckers in die Heimat unser aller musikalischen Vorbilds, der SCORPIONS, um die schottischen Anarcho-Oi!-Punks OI POLLOI in der Kopernikus zu supporten – jenem sympathischen und überregional berüchtigten Laden, der ungeachtet seiner geringen Größe ein geiles Konzert nach dem anderen anberaumt. Dort spielte man mit dem Gedanken, das Konzert draußen als Open Air stattfinden zu lassen, wo deutlich mehr Platz gewesen wäre. In Anbetracht des zuletzt arg ungemütlichen Wetters mit Regen und Sturm gab ich mich aber keinen Illusionen hin und nachdem sich das während der Fahrt im geräumigen Vehikel unseres stolzen Wieder-Führerschein-Besitzers und Bassers Stef auch nicht grundlegend geändert hatte und sich auch noch zeitweise Hagel und Schneeregen zu den niedrigen Temperaturen gesellt hatten, stand fest, dass wir drinnen spielen würden. Empfangen wurden wir mit Bier und Brötchen, Hannoveraner Ronny kümmerte sich um Aufbau der Anlage und unser Soundcheck klang dann auch vielversprechend. Dass wir leider ohne unseren zweiten Klampfer Eisenkarl anreisen mussten, war ein Wermutstropfen, stand allerdings von vornherein fest und passte perfekt in den ebenso kreativen wie chaotischen Abend: OI POLLOI ließen nämlich erst noch auf sich warten und kamen schließlich ohne Sänger Deek, der anscheinend zusammen mit der eigentlich geplanten weiteren Band in Kopenhagen festhing, weil der Flug gestrichen wurde! Zufälligerweise waren jedoch die Argentinier AMOR FIZZ in der Nähe und konnten noch ‘nen Gig gebrauchen, so dass die Jungs kurzerhand ins Aufgebot rutschten. Obwohl es sich um einen Donnerstag handelte, füllte sich nach Einlass der Laden sehr ordentlich. Gestärkt durch einen wohlschmeckenden Gemüseeintopf, der bei den Witterungsverhältnissen genau das Richtige war, begannen wir schließlich unser Set und direkt vom ersten Song an gingen die Leute mit. Als Vertretung für Eisenkarl hatten wir ein 5-Liter-Fass Bier mit seinem Namen beschriftet, nach zwei Songs angestochen und dem Mob überlassen – so’n Ding verfügt musikalisch zwar bei Weitem nicht über seine Qualitäten, knallt aber fast genauso rein. Vor der Bühne ging’s richtig rund und ich musste aufpassen, nicht umgerissen zu werden; trotzdem ging einmal mein Mikro flöten. Das beschissene Wetter hat uns alle jede Menge feuchten Dreck in die Bude schleppen lassen, der von meinem Mikrokabel und den Stiefeln spritzte und mich besudelte, bis ich aussah, als hätte ich knietief in einer matschigen Pfütze gestanden. Das tat dem Vergnügen natürlich keinen Abbruch und für ‘ne Zugabe mussten wir dann auch noch mal ran. Spielerisch waren wir diesmal weitestgehend fehlerfrei, auch unser Neuling „IS-SS“ lief rund, doch ausgerechnet bei unserem zweitältesten Stück „Menschenzoo“ hab ich bischn was durcheinandergewürfelt. Egal, war trotzdem ein Einstand nach Maß in Hannover! AMOR FIZZ zogen im Anschluss dann sämtliche Register und brachten mit ihrer individuellen Mischung aus HC-Punk und weniger aggressiven Indie/Alternative- und folkig-jazzigen Klängen (oder so) den Laden endgültig zum Kochen. Der Sänger drehte komplett am Rad, machte Spagat in der Luft und sprang durch die Gegend wie ein Flummi. Die Texte dürften komplett auf Spanisch gewesen sein und ich habe keine Ahnung, worum es bei den Jungs geht, hatte mir aber am Rande des Geschehens bzw. Gedrängels einen halbwegs sicheren Platz gesucht und mir schlaue Sprüche der mitgereisten Katharina angehört, die mir eine ähnliche Performance nahelegte. Ansonsten machte sie sich nützlich und half beim Knüpfen von Band-Kontakten, Verkauf von Merch etc., schoss Fotos und drehte Erinnerungsvideos – besten Dank dafür! Bei OI POLLOI brach den endgültig die Hölle los. Ich war ja seinerzeit einer der Glücklichen, die der TOXOPLASMA-Reunion in der Hamburger Lobusch beiwohnen durften und das Gedrängel hier war mindestens vergleichbar. Kein Millimeter Platz war mehr vorhanden, die kleinste Bewegung zog eine Kettenreaktion nach sich. Wenn dann auch kräftig getanzt wird, kann man sich vorstellen, was passiert: Permanent flog jemand ins Schlagzeug; der OI-POLLOI-Schlagwerker musste immer wieder improvisieren und sich auf die Teile seines Kits beschränken, die gerade standen. Die Flügelschrauben seiner Becken gingen flöten, die Becken ebenfalls. Der Bassist verzichtete auf die ausufernden Ansagen, für die Deek sonst bekannt ist, und peitschte einen bärbeißigen schottischen Gassenhauer nach dem anderen in den steilgehenden Mob. Vom sicheren Rand aus verfolgte ich erneut das Chaos, bis es auch für mich kein Halten mehr gab und ich mich gegen Ende selbst hineinstürzte, so dass sich unser Drummer Chrischan ernsthaft um mich zu sorgen begann, wie er mir rührenderweise offenbarte. Das war jedoch unbegründet, denn der Pogo war fair und ich blieb unbeschadet. Nach diesem trotz Schrumpfung auf Triogröße grandiosen Gig blieben wir und ein großer Teil des Publikums noch in der Kopernikus, tranken und quatschten, bevor es auf Veranstalterkosten komfortabel per Taxi in den Stadtteil Stöcken ging, wo Punks ein geräumiges Wohnprojekt betreiben und regelmäßig Bands unterbringen. Vorher aber wurde sich noch in der Küche versammelt, wo man uns weiter verköstigte, bis ich irgendwann als erster die Segel strich und mich ins Schlafgemach begab. Das erwies sich als weiser Entschluss, denn so konnte ich in angenehm komatösen Schlaf fallen und die anderen mit meiner Sägerei nerven, ohne dass ich etwas von ihnen mitbekommen hätte. Der Gnade meiner Band allerdings ist es anscheinend zu verdanken, dass man mich nicht mit einem Kissen erstickte, wie ich am nächsten Morgen erfuhr, als ich als letzter aufstand (das Geheimnis meiner Jugend: Schlaf!). Als ich es dann auch noch wagte, meine vollkommen verdreckte Hose gegen ein sauberes Exemplar zu wechseln, schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Hab euch auch lieb, Jungs! In der Küche wurde inzwischen wieder reichlich aufgefahren, frisch gebackene Brötchen, Aufschnitt, Gemüse, Rührei, Getränke – es mangelte uns erneut an nichts! Welch ein Luxus!? Mit einigen Bewohnern saßen wir zusammen und ließen es uns gutgehen. Die Rückfahrt verzögerte sich eh noch etwas, doch irgendwann war auch Ronny fit, uns diesmal per Straßenbahn zurück zur Kopernikus zu geleiten, wo wir noch einmal tief den Geruch des gestrigen Abends einatmeten, unser Zeug zusammenpackten und schließlich die Rückfahrt antraten – zweimal um den Block und dann ab dafür, durch wechselhaftes Wetter relativ flott nach Hamburg, um dort im Großstadt- und Feierabendverkehrs-Wahnsinn gefühlt noch mal genauso lange zum Proberaum zu brauchen wie von Hannover nach HH… Fazit: Hannover ist immer noch etwas Besonderes. Vielen Dank an die Kopernikus- und Stöcken-Crew sowie an AMOR FIZZ und OI POLLOI für dieses verrückte Abenteuer für große Jungs und Mädchen – wir kommen gerne wieder, am liebsten natürlich für’n Open Air im Sommer!


Nach seinem durchwachsenen, dennoch lesenswerten Sachbuch zum Thema Heavy Metal debütierte der Journalist und Autor Frank Schäfer 2001 im Bereich der Erzählungen mit diesem „Rockroman“, für den er weitestgehend auf eine verschwurbelte Schreibweise verzichtete und stattdessen auf rund 180 Seiten aller Wahrscheinlichkeit nach stark autobiographisch geprägt das Lebensgefühl als Nachwuchs-Metal-Musiker der Band „Adrenalin“ in der niedersächsischen Provinz der ‘80er-Jahre nachzeichnet. Es ist die Zeit der ersten Konzerte und professionellen Studioaufnahmen sowie pubertärer Liebeleien und Wirrungen, der großen Liebe, der Aufbruchsstimmung, aber auch der Rückschläge und Enttäuschungen. Angesichts der knappen Seitenzahl gelingt es Schäfer überraschend detailliert, die Leidenschaft der Jungmusiker zu vermitteln, plaudert aus dem Nähkästchen einer noch am Anfang stehenden Band und porträtiert mit scharfem Blick das persönliche Umfeld zwischen Bandkollegen und Familienangehörigen sowie die Begegnungen mit Konzertveranstaltern, Studiobetreibern etc. Dabei ist natürlich nicht alles eitel Sonnenschein, schwere Schicksalsschläge gilt es ebenso zu verdauen wie mit schwierigen Dreiecksbeziehungen umzugehen. Für den Erzähler ist jene Zeit eine ganz besonders spannende, denn er kommt mit seiner Freundin Moni zusammen und startet mit seiner Band durch. Dokumentiert wird dies neben Schäfers Ausführungen in Form evtl. gar authentischer Schriftstücke von Labels inkl. echter Namen, Songtext-Auszügen und ganz konkreten Veranschaulichungen von Songstrukturen, Studioeinspielungen und Konzertberichten, wie sie nur aus der Feder eines Schreibers stammen können, der genau das selbst erlebt hat (Schäfer war Gitarrist der Power-Metal-Band „Salem’s Law“ und „Adrenalin“ deren Vorgängerband). Somit handelt es sich nicht nur um ein Stück wenig verklärende Nostalgie für alte Säcke, sondern um einen gerade auch für Außenstehende und Zuspätgeborene spannenden Einblick in eine Zeit, die sich in vielerlei Hinsicht von der heutigen unterschied, jedoch in nicht wenigen Aspekten auch der Gegenwart ähnelt, wenn man voller Motivation eine Band gründet und seine ersten Schritte tut oder einer verführerischen jungen Dame verfällt – denn manches ändert sich nie. Wer sich grundsätzlich für die angesprochenen Themen interessiert, findet in „Die Welt ist eine Scheibe“ ein fesselnd und ebenso gefühl- wie humorvoll geschriebenes Büchlein, das sich sehr flüssig und schnell liest, richtig Lust macht auf die Musik der Band „Adrenalin“ oder eben ähnlich geartete und neben zu vernachlässigenden Details im Prinzip nur einen Fehler hat: Es ist zu kurz und das offene Ende hinterlässt einen angerührten Leser, der nur zu gerne wissen will, wie es weiterging. Ein gelungenes und sympathisches Debüt, das beweist, dass auch solch kleine Bandgeschichten ohne große Exzesse und klischeebewehrte Ausschlachtungen über viel Charme verfügen und in ihrer Ehrlichkeit, Offenheit und unprätentiösen Bodenständigkeit bestechender sein können als der abgedrehte Nerd-Roman oder die drogen- und sexschwangere Rockbiographie.


DMF-Gitarrero und Eierkopp Kai hat sich erlaubt, mal wieder ein Jahr mehr auf s Kerbholz zu kriegen und lud deshalb zur öffentlichen Gratis-Geburtstags-Eska(i)liererei auf den altehrwürdigen Hamburger Gaußplatz ins El Dorado, die kultige Platzkneipe. Wir Motherfuckers sollten spielen, kündigten nach längerer Zeit ohne richtige Proben in weiser Voraussicht aber eine „öffentliche Probe“. Als zweite Krachmacher wünschte er sich ausgerechnet meine andere Combo BOLANOW BRAWL. So wurd’s der erste Abend überhaupt, an dem ich mit beiden Bands ran musste und ich hatte keine Ahnung, ob das klappen würde – aber wo, wenn nicht auf dem Gaußplatz kann man so was mal probieren? Der Abend ließ sich bei Bier und Nudelsalat dann auch gut an, bis wir uns mit BOLANOW BRAWL zu fünft in der kleinen Hütte verteilten, um unser Set durchzurocken. Die Bude war wie üblich gefüllt mit Platzbewohnern und anderem Volk und eigentlich lief alles gut durch, Wurzel besorgte den passenden Sound, Getränke gab’s satt und den Anwesenden schien’s zu gefallen. Ab und zu vernahm ich seltsam schiefe Töne, schob das aber auf den Alkoholkonsum meiner Mitstreiter. Erst hinterher erfuhr ich, dass Bassist Stulle zwischendurch sein Plektrum zerschredderte und in der Enge des Kneipe auch mal ein ganzer Gitarren-Amp runterflog – das Plek war unwiederbringlich verloren, dem Amp geht’s aber nach wie vor gut. Beim vorerst letzten Song „Where is my Hope“ verpasst e ich glatt den Einsatz zur zweiten Strophe, aber das hat vermutlich keine Sau gemerkt. Da Publikum, allen voran „Organisator“ Kai sprang zu Teilen vergnügt vor meiner Nase herum und mittlerweile habe ich mich ja schon fast daran gewöhnt, dass man mir in die Brustwarzen kneift, an den Sack greift und mich mit Bier bespritzt. Dass ich mitten im Song abgeknutscht werde, war jedoch selbst mir neu – an dieser Stelle hätte ich gut das Schild gebrauchen können, das seit einiger Zeit im Internet kursiert: „Während des Auftritts bitte nicht am Sänger lutschen!“ Als Zugaben ließen wir es uns nicht nehmen, KACKSCHLACHT zu covern (again: Wenn nicht hier, wo dann?!) und noch mal „Total Escalation“ zu diddeln. Dann war für die anderen Brawler Feierabend, während ich mich notdürftig für den nächsten Gig zu regenerieren versuchte. Ein nicht ganz so einfaches Unterfangen, denn wie ich feststellen musste, war der Sauerstoffgehalt in der Bude mittlerweile längst unters Existenzminimum gesunken. Demensprechend im Arsch war ich dann, als wir mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS begannen – wenn wir denn überhaupt begannen, denn die dreiköpfige Saitenfraktion hat erst mal einen Sound fabriziert, von dem ich nicht wusste, wo er herstammte, jedenfalls nicht aus unserem Proberaum! Gefühlte Stunden wurden dann damit verbracht, die Instrumente und sich aufeinander abzustimmen zu versuchen, und irgendwie blieb’s beim Versuch… Kai hatte als Geburtstagskind die deutlichste Schlagseite und so richtig fit waren wir alle nicht mehr, der Alkohol forderte seinen Tribut und so gab’s ein reichlich chaotisches Set, zerhackstückt durch etliche Stimmpausen, während derer ich immer wieder darauf hinwies, dass es sich eine Probe handelt. Hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass wir wie im Proberaum Kippenpausen einlegen… Das Publikum hielt uns trotzdem die Treue und war selbst alles andere als nüchtern – ich möchte wetten, der eine oder andere bemerkte gar keinen Unterschied :D. Die Live-Premiere des neuen Stücks „IS-SS“ sah dann so aus, dass einfach irgendetwas gespielt wurde, auf das ich es immerhin schaffte, den gesamten Text unterzubringen. Ich war mittlerweile völlig fertig, bekam gegen Ende kaum noch einen Ton heraus und japste nach Luft, war froh, als es vorbei war – böse Zungen mögen behaupten, ich wäre nicht der einzige gewesen. Die Party allerdings ging anschließend noch fröhlich weiter und war vom Feinsten! Danke an Kai und den Gaußplatz, speziell an Wurzel und die Tresen-Mann- und Frauschaft sowie das unverstörbare Publikum! Fazit: Astreine Party und aufschlussreiches Experiment, aber so’nen Doppel-Gig mach ich nicht noch mal. Und um Geburtstags-Motherfucker Kai in Bezug auf den DMF-Gig zu zitieren: „Das einzige, was gestimmt hat, war der Alkoholpegel!“
Das Thema Schule ist ein Dankbares, denn fast jeder war selbst auf einer und ist somit irgendwie mit dem Thema vertraut, erlaubt sich häufig auch Meinungen, und vergleicht seine eigene Schulzeit mit aktuellen Berichten – gerade auch kritischen, Stichwörter „Pisa-Studie“, „Bildungsmisere“, „Rütli-Schule“ -, meist spätestens dann, wenn der eigene Nachwuchs da ist. So stieß auch ich auf Bücher, die sich auf sehr amüsante Weise mit dem aktuellen Schulalltag auseinandersetzen, ob aus Schüler- oder aus Lehrersicht. Besonders Lehrkörper Stephan Serin hatte es mir mit seinen herrlich selbstironischen Bänden „Föhn mich nicht zu“ und „Musstu wissen, weißdu!“ angetan und mich einerseits zu wahren Lachanfällen animiert, mir andererseits aber auch aktuelle Bildungsprobleme vermittelt und zum Nachdenken angeregt. Vor diesem Hintergrund stieß ich kürzlich beim Stöbern in einer Buchhandlung auf „Isch geh Schulhof“ von Philipp Möller, der aus der Erwachsenen-Pädagogik kommt und als Quereinsteiger an einer Grundschule in einem Berliner Kiez landete. Im Gegensatz zum bewusst überzeichneten und komödiantischen Stil Serins vergewissert Möller, dass es bei ihm keinen Unterschied zwischen Erzähler und Autor gäbe, also bis auf die Namen sich alles tatsächlich so abgespielt habe. Und was er nach seinem Sprung ins kalte Wasser zu berichten weiß, ist wahrlich haarsträubend. Seine Schule in einem sog. Problembezirk befindet sich in einem desolaten Zustand und das Bildungsniveau ist erschreckend niedrig. Die zusammengewürfelten Klassen mit Schülern unterschiedlicher Herkunft (bzw. mit Schülern mit Eltern unterschiedlicher Nationalitäten) hinken sämtlichen Lehrplänen hinterher; an normalen Unterricht ist kaum zu denken, denn zunächst einmal müssen die grundlegendsten Benimmregeln vermittelt und die Sprachbarrieren überwunden werden, von ethischen Selbstverständlichkeiten einmal ganz zu schweigen. Möller beschreibt sehr anschaulich die Herausforderungen, vor die er sich gestellt sah und die Probleme nicht nur seiner Schule, sondern im Prinzip des derzeitigen Bildungssystems, adäquat auf diese geänderten Anforderungen zu reagieren. So bekommt der Leser einen sehr praxisorientierten, sicherlich auch stark vereinfachten, aber eben auch veranschaulichenden Einblick in reformistische Ansätze und ihren Sinn. Gleichzeitig entwickelt der Leser ein Bewusstsein – sofern noch nicht vorhanden – für die Ursachen der Lernschwächen und sozialen Inkompetenz von „Problemschülern“, wie sie „Herrn Mülla“ konfrontieren. Diese Abschnitte trafen besonders meinen Nerv, denn frei jeglichen dann unangebrachten Humors und Zynismus scheut er sich weder, mit dem Migrationshintergrund manch Schülers offenbar verbundene Gründe zu benennen, noch xenophoben Ressentiments die Zähne zu ziehen, indem er allgemeine soziale Missstände und Versäumnisse sowie Ungerechtigkeiten des Systems aufzeigt. Ansonsten regiert aber auch gern mal der, bisweilen auch etwas derbere, (Galgen-)Humor, wenn auch weit weniger als beispielsweise in Serins o.g. Büchern. Möller beschreibt darüber hinaus seine Versuche, sich nach anfänglicher Skepsis mit den Gegebenheiten zu arrangieren und seine Arbeit so gut wie möglich zu machen, seine Erfolge, aber auch seine Rückschläge – und seine vermutlich oft als Kampf gegen Windmühlen empfundenen Erfahrungen mit demotivierten bis unfähigen Kolleginnen und Kollegen, den Behörden etc. Auf den Verwaltungsapparat wird kein sonderlich gutes Licht geworfen, wenn man liest, wie einerseits Quereinsteiger ohne jegliche Erfahrung auf die (bzw. vor allem diese) Kinder losgelassen werden, wodurch der Sinn des Lehramtsstudiums natürlich angezweifelt werden darf, und andererseits diese im Idealfall dann motivierten, frischen Nachwuchskräfte schließlich geschasst werden, nachdem sie glaubten, ihre Berufung gefunden zu haben. „Hire & Fire“ im Bildungsbereich – unfassbar und wenig zielführend. Dadurch mutet „Isch geh Schulhof“ bisweilen auch etwas wie eine Abrechnung mit dem starren und ignoranten Schulapparat an, was sich jedoch im akzeptablen und vor allem verständlichen Rahmen hält. Aus seinem antiklerikalen, liberalen/sozialen und freidenkerischen Weltbild macht Möller keinen Hehl und erteilt falscher Toleranz (nämlich der ggü. Intoleranz) klare Absagen, ohne zum verweichlichten Gutmenschen zu werden – ganz im Gegenteil, er legt sich ein erstaunlich dickes Fell zu. All dies natürlich vorausgesetzt dem Fall, dass es Möller mit der Wahrheit hier tatsächlich immer ganz genau nahm. Als störend erweist sich nämlich gerade auch hin und wieder seine Selbstgefälligkeit, nicht selten scheint er sich selbst auf die Schulter zu klopfen und vermischt seine beruflichen und pädagogischen Erfahrungen zudem mit Einblicken in sein Privatleben und seine Sozialisation, und beide erscheinen fast schon befremdlich harmonisch und perfekt, als habe er nie etwas auszustehen gehabt. Tatsächlich entstammt er dem Bildungsbürgertum der Mittelschicht, einer klassischen Lehrerfamilie, und das Schicksal scheint es stets gut mit ihm gemeint zu haben. Jedoch ist sich Möller dessen anscheinend bewusst und zieht in entscheidenden Fragen meines Erachtens meist die richtigen Schlüsse – beispielsweise den, dass ein Buch wie dieses ein durchaus sinnvoller und niedrigschwelliger Beitrag zur Debatte um das Schulsystem und die Bildungspolitik sein kann, und quasi nebenbei eine persönliche Aufarbeitung turbulenter Jahre – oder umgekehrt. Mich hat das Buch jedenfalls gut unterhalten, beginnend auf „Asi-TV-Niveau“, jedoch lediglich, um sein Publikum dort abzuholen und mit ihm gemeinsam hinter die Kulissen zu blicken, Missstände anzuprangern, Widersprüche aufzuzeigen und auszuhalten und Lösungsansätze zu liefern. Dass er dabei, besonders gegen Ende, wie unter Zeitdruck stehend auch noch arg oberflächlich und hektisch Psychologie und Philosophie einbringt, möchte ich seinem Komplettierungseifer zuschreiben und sei ihm verziehen. Seine Selbstgefälligkeit an der Schwelle zur Arroganz wiederum mag – immer noch unter der Prämisse, dass sich tatsächlich alles so wie beschrieben abgespielt hat – seinen ungeahnten und respektablen Erfolgen zuzuschreiben sein, die er unter diesen schwierigen Bedingungen an jener Schule erreicht hat und ihn zunächst sicherlich um Jahre altern lassen, schließlich jedoch klüger und weiser gemacht haben, geschuldet sein, doch so sehr man sich auch darüber freuen darf, über sich selbst hinausgewachsen zu sein, so wäre doch gerade angesichts derart trauriger Schicksale wie derjenigen, derer sich Möller in Form seiner Schüler ausgesetzt sah, etwas Demut angebracht, statt mit seinem intakten Bilderbuch-Familienleben anzugeben. Dies war zumindest mein Empfinden. Kritiker behaupten, Möller habe sich am Erfolg der unter dem Pseudonym „Frau Freitag“ veröffentlichten Blog-Einträge und Bücher zum ähnlichen Thema stark und wenig originell orientiert, was ich nicht beurteilen kann, da ich diese noch nicht kenne – aber gern als Empfehlung mitnehme.
Nachdem ich Frank Schäfer durch seine Anekdotensammlung „Metal Störies“, die mich prächtig unterhalten konnte, kennengelernt hatte, habe ich mal recherchiert, was der Braunschweiger „Rolling Stone“- und „taz“-Journalist darüber hinaus an Büchern zum Thema Musik veröffentlicht hat. Zu seinen diesbezüglichen Frühwerken ist „Heavy Metal – Geschichten, Bands und Platten“ aus dem Jahr 2001 zu zählen, das sich grob in vier Abschnitte unterteilen lässt: Eine allgemeine, immer noch etwas oberflächliche und in Detailfragen sicherlich streitbare, ansonsten aber gelungene und informative Abhandlung zur Entwicklung und Geschichte des Musik-Genres, eine ausführliche, kritische Vorstellung der nach Schäfers Meinung sieben wichtigsten Bands, einige Plattenkritiken (exemplarische Klassiker als Streifzug durch seine Plattensammlung sowie zum Veröffentlichungszeitpunkt aktuelle Scheiben) und ein paar Konzertberichte. Leider bedient sich Schäfer unverständlicherweise eines angeberischen, vollkommen übertriebenen Geschwurbels, das möglichst viele weitestgehend unbekannte Vokabeln unterzubringen versucht. Wie überflüssig das tatsächlich ist, wird dadurch deutlich, dass seine Texte auch weitestgehend problemlos zu verstehen sind, ohne die Bedeutung seiner Spracheskapaden zu kennen. Das wiederum ist natürlich ein Pluspunkt, denn dadurch lassen sich seine durchaus unterhaltsamen und humorvollen, mit einer gewissen, aber nie abwertenden Ironie für sich selbst und das Genre versehenen Kapitel zügig konsumieren und dank Schäfers Meinungsfreudigkeit aus Fan-Sicht nickend bestätigen oder auch kopfschüttelnd ablehnen. Ein paar offensichtliche Fehler („Grunge“ entstammt nicht der Mittelschicht, wurde dieser mittels MTV & Co. aber massiv dargereicht, so dass zumindest die Speerspitze der „Bewegung“ Gefahr lief, von weißen Mittelklasse-Trendkonsum-Kids überlaufen zu werden; nicht „Strange World“, sondern „Invasion“ der Iron-Maiden-„Soundhouse Tapes“ wurde erst viel später noch einmal veröffentlicht) gehen natürlich mit den üblichen Geschmacksfragen einher. So musste ich gerade bei der ungewohnt kritischen Auseinandersetzung mit der „Black Sabbath“-Diskografie ziemlich schmunzeln und konnte vieles nachvollziehen, wenngleich ich „War Pigs“ für einen geilen Song halte. Von schwerer Geschmacksverirrung muss jedoch ausgegangen werden, wenn Schäfer dem Album „Dehumanizer“ jegliche Qualitäten abspricht. Auch irritiert doch stark, wenn er ausgerechnet „Seventh Star“ als einziges durchweg gelungenes „Black Sabbath“-Album bezeichnet; natürlich hat er ein Recht auf sein Lieblingsalbum, jedoch impliziert dies, ein „Headless Cross“ beispielsweise würde Füllsongs enthalten, was natürlich jeder Grundlage entbehrt – wie auch jegliche über den Sound hinausgehende Kritik am Iron-Maiden-Götterwerk „Seventh Son of a Seventh Son“, womit sich Schäfer jedoch in unrühmlicher Gesellschaft so vieler Musikkritiker befindet, die seinerzeit möglicherweise bereits zu alt waren, um für die besondere Magie dieses Albums empfänglich zu sein und der simplen Versuchung erlagen, es mit normalen Maßstäben messen zu wollen, dadurch keinen Zugang fanden. Wenn man dann andererseits lesen muss, wie Schäfer viel zu viel Southern Rock abfeiert, weiß man spätestens, dass da eben manchmal allzu sehr der kleine Redneck in ihm mit ihm durchgeht, der sonst erfrischend ehrlich verkopftes Prog-Gefrickel und verkifften Hippie-Blues kritisiert. Wenn er Kiss‘ „Space Ace“ mit „All-Atze“ übersetzt, muss ich lachen, wenn ich erfahre, dass er zum „Monsters of Rock“-Festival 1988 pilgerte, ohne sich Headliner Iron Maiden anzusehen, bleibt mir jedoch nur noch, die Hände überm Kopf zusammenzuschlagen (ich hätte mir damals ein Bein ausgerissen, um dabeisein zu dürfen). Seine eigene, höchst obskure Metal-Band „Salem’s Law“, mit der er in den späten ’80ern unterwegs war, erwähnt er hier übrigens noch mit keiner Silbe, aber gerade in den anekdotenreichen Konzertberichten ist bereits sein schöner Stil erkennbar, den ich bei „Metal Störies“ zu schätzen gelernt habe. Ein insgesamt durchschnittliches, dabei trotz allem sympathisches Buch für Genre-Affine, das jedoch in seinen Bewertungen nicht ernstgenommen werden und niemanden davon abhalten sollte, sich die erwähnten Alben selbst anzuhören. Drei weitere Frank-Schäfer-Schmöker sind bereits geordert.