Im Kraken suchte man nach einem Support für die UK-HC-Punk-Legende THE FIEND, die schon seit den ’80ern ihr Unwesen treibt und auf ihrer Tour der sympathischen Kiez-Punk-Kneipe einen Besuch abstattete. Klar, dass wir da zusagten! Der Gig fiel zwar auf einen Donnerstag, aber da wir donnerstags normalerweise ohnehin zu proben pflegen, stellte das kein größeres Problem dar. Im Kraken ging man davon aus, dass die Briten ohne Boxen anreisen würden, weshalb man die Backline stellte und wir die zweite Gitarrenbox mitbrachten. Trotzdem bogen THE FIEND mit gleich drei Boxen um die Ecke, so dass kurz alles voll von den Dingern stand, als würden wir eine Wand wie Heavy-Metal-Bands in den ’80ern aufbauen wollen. Besser zu viel als zu wenig und als der überflüssige Krempel verstaut und alles aufgebaut war, führten THE FIEND unter Anleitung von Soundmensch Stephan erfolgreich ihren Soundcheck durch. Ist’s normalerweise so, dass man im Prinzip viel zu früh auf den eigenen Konzerten auftaucht, wurde diesmal allerdings die Zeit langsam knapp, zumal der Umbau des Schlagzeugs ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch nahm und Chrischan sich an einer besonders widerspenstigen Schraube auch noch den Daumen stauchte – es muss die berühmte „Daumenschraube“ gewesen sein… Stephan wurde langsam nervös und als endlich alles stand, soundcheckten wir flott, segneten das Ergebnis ab und harrten der Dinge. Erstmals bekamen wir auch etwas zu Essen im Kraken, denn Beastar hatte reichlich schmackhafte Lasagne gemacht. Wir begrüßten den ersten bekannten Pöbel und um 22:15 Uhr ging’s los. Der Publikumsandrang war weit entfernt von dem, was ich von diversen Wochenend-Gigs im Kraken gewohnt bin; allzu viele hatten am Donnerstagabend anscheinend keine große Lust, 7 Taler für ’nen HC-Punk-Gig zu löhnen und das hatte ich auch nicht erwartet. Leider blieben auch einige, die eigentlich zugesagt hatten, der Sause fern, dennoch dürften es etwas über 30 Interessierte gewesen sein, über’n Daumen gepeilt. Zu Beginn lief auch alles glatt, ich war gut bei Stimme, versemmelte keine Texte und die Kollegen – diesmal mal wieder vollzählig inkl. Mike an zweiter Gitarre – gaben Gas. Mit zunehmender Spielzeit aber, ungefähr ab „Aktion Mutante“, schlichen sich einige Fehler ein, die dem ganzen den Druck nahmen und – Punk hin oder her – einfach unangenehm waren. Ich brüllte mir weiterhin die Seele aus dem Leib und gab mein Bestes, was auch entsprechend gewürdigt wurde, aber ich geh einfach mal davon, dass man mir meine zunehmende Unsicherheit angemerkt hat. Beim letzten Song, dem Cover „Les Rebelles“, das Stef singt, während ich nur einzelne Textpassagen mitbetone, war dann alles vorbei. Wir spielen den Song eigentlich nie mit einer festen Struktur, die einzelnen Parts lassen sich recht frei zusammensetzen und improvisieren, die Länge des Stücks ist variabel. Normalerweise signalisieren sich Stef und Chrischan an den Drums gegenseitig, wie es jeweils weitergeht, aber das ging diesmal völlig in die Hose. Obwohl wir zwei Songs aus dem Set gestrichen hatten, war die an diesem Abend wie gesagt gefühlt besonders knappe Zeit entweder schon so weit fortgeschritten oder man ertrug uns schlicht nicht mehr, so dass man uns direkt danach den Saft abdrehte. Nun ist es oft so, dass nur man selbst die Spielfehler bemerkt und es dem Publikum eigentlich egal ist, weil es sie sowieso überhört, doch ungeachtet des Schulterklopfens und der positiven Reaktionen, die wir dankenswerterweise im Anschluss ernteten, fielen sie diesmal auf. Was war los? Ausnahmsweise nicht der Suff. Des Rätsels Lösung: In einer kleinen Kneipe wie dem Kraken gibt es natürlich kein Monitorsystem. Umso wichtiger ist es, dass der Bühnensound stimmt, denn während ich ganz vorn die Beschallung durch die P.A. gut wahrnehme, hören die hinter mir postierten Motherfucker nix davon (diese taube Bande erst recht nicht). Und eben dieser Bühnensound erwies sich als zunehmend problematisch und wenn dann der eine anfängt, sich am anderen zu orientieren, aber niemand die anderen wirklich heraushört, geht’s früher oder später in die Hose. Da fassen wir uns an die eigene Nase und ziehen unsere Lehre daraus, werden uns zukünftig auch als Vorband genügend Zeit für die Justierung des Bühnensounds nehmen – denn so was kann man vielleicht bringen, wenn man irgendwelchen mit der eigenen Unfähigkeit kokettierenden Fun-Punk oder sowat macht, zumindest oberflächlich betrachtet fucking humorloser Hatepunk leidet aber darunter. Genug von diesem zwar desillusionierenden, aber letztlich völlig unpunkigen Geseiere, der Pöbel hat zu schlucken, was wir ihm hinrotzen und nun waren THE FIEND an der Reihe. Die nur noch mit einem Originalmitglied, dem Bassisten, antretenden Insulaner zeigten uns dann, wie man als HC-Punkband arschtight, aggressiv und ohne Bullshit abliefern kann, ohne zwischen den Songs den Humor zu verlieren. Das Oldschool-UK-82-Gebretter klang tadellos, wurde absolut überzeugend rübergebracht und verfügte über solch prägnante Refrains und andere Wiedererkennungseffekte, dass von Crust-Monotonie oder anderem, was zumindest das Potential hätte, einem einen solchen Gig über die volle Distanz dann doch irgendwann zu verleiden, keine Spur war. Denjenigen, die noch anwesend waren, gefiel’s ebenso wie mir, Stulle brüllte durchs Mikro „In Germany wie say AUFS MAUL!!!“ und die eine oder andere Pilsette wurde geköpft. Danke an den Kraken, THE FIEND und alle, die da waren. Schade, dass es bei uns nicht ganz so lief wie geplant, aber wir waren auch locker schon schlechter und Spaß hat’s trotzdem gemacht, anscheinend nicht nur uns. 😉 Leider konnte ich mir den Gig der schwer sympathischen FIEND nicht bis zum Schluss ansehen, da ich die letzte Bahn bekommen musste, um am nächsten Morgen meinen mehrtägigen Urlaub vom Punkrock-Zirkus auf dem Rock-Hard-Festival in Gelsenkirchen anzutreten…

Karsten vom ostfriesischen Klabautermann-Records-Label hatte vor ein paar Wochen bereits ein Konzert in der Kiez-Punk- und -Rock’n’Roll-Kneipe „King“ veranstaltet und nun dasselbe noch mal mit seinen niederländischen Bekannten, der Hardcore-Band CHELSEA SMILE von kurz hinter der Grenze, vor, die eine Mini-Deutschland-Tour absolvierte. Als Support dachte er dabei netterweise an uns und einmal abgesehen davon, dass wir gerade erst zwei HH-Gigs hinter uns hatten, passte uns das gut, denn die Devise lautet noch immer: Live-Erfahrung sammeln! Außerdem hatten wir im King noch nie gespielt, so dass ich mich auf diese Erfahrung freute – schließlich klappere ich gern so viele verschiedene Läden wie möglich ab. Streetpunk vs. Hardcore also, und dass im King eher unregelmäßig Konzerte stattfinden, wurde dadurch deutlich, dass es dort gar keine P.A. und auch keinen Soundmenschen gibt. Glücklicherweise braucht man dort aufgrund der überschaubaren Größe bis auf die Gesänge aber auch nichts abzunehmen, so dass das Mischpult von CHELSEA SMILE ausreichte. Über all das hatten wir uns kurzfristig im Vorfeld verständigt. Überrascht waren wir dann aber doch alle, als wir vor Ort erfuhren, dass wir auch noch Boxen benötigen, die nun niemand dabei hatte, aber glücklicherweise kurzerhand geliehen werden konnten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang uns dann mit vereinten Kräften auch der Niederländer ein akzeptabler Sound und nach dem mittlerweile beinahe obligatorischen Abendmahl bei Befried, bei dem manch Bolanow-Brawler zum Kölschtrinker mutierte, ging’s dann auch irgendwann los, ohne viel Zeit zu verlieren:
Erst machte Stulle den Alleinunterhalter, doch noch während ich meine After-Dinner-Kippe in den Fingern hielt, blies die Band bereits zur Attacke und vor ca. 40 Leuten (Eintritt war gegen Spende) zockten wir unser komplettes Standard-Set durch. Ja, weitere Live-Erfahrung zu sammeln ist gut und wichtig, denn zugegebenermaßen zeigte sich doch, dass wir vor einem etwas reservierten Publikum noch nicht unbedingt die bandgewordene Souveränität sind. Außerdem gehen mir meine Ansagen nach drei Gigs schon selbst auf den Sack, aber spontan fällt mir auch nicht immer gleich was Neues ein. Aber wenn man sonst keine Probleme hat… 😀 Der Rest war glaube ich soweit ok, ich hatte das Gefühl, etwas anders als sonst zu klingen, was entweder an der DMF-Probe am Abend zuvor oder eben an den technischen Umständen gelegen haben dürfte, Iron Eisert überraschte mit einem ganz neuen Intro zu „Where is my Hope“ (es klang irgendwie… kölsch), die Rhythmussektion um Raoul und Stulle war glaube ich weitestgehend im grünen Bereich und der unlängst von IVV-Frontmann Ladde zum Gitarrengott gekürte Ole blieb gar komplett fehlerfrei! Sicher kein legendärer Gig, aber achtbar aus der Affäre gezogen, würde ich meinen.
Unverständlich hingegen, dass nach unserem Auftritt manch einer den Ort des Geschehens verließ und den Niederländern (die ich absichtlich nicht „Holländer“ nenne, weil es sich laut Karsten um Friesen handelt) nicht einmal eine Chance gaben. Diese hatten es mit dem Sound dann etwas leichter, da nur eine Gitarre am Start und rissen absolut souverän ihren in Unkenntnis aller HC-Schubladen von mir jetzt einfach mal als „middleschool“ oder „halbmodern“ bezeichneten Hardcore eindrucksvoll herunter. Druckvolles Riffing, kräftiger Gesang, fette Grooves, Oldschool-Attitüde mit einigen moderneren Einflüssen (oder so). Aber eben die weniger auf Melodie setzende Variante, möglicherweise daher der geringere Publikumszuspruch? Wir unterstützten die Band jedenfalls und Songs wie „Rhythm of Your Heartbeat“ oder „Tidal Waves“ können einfach auch wat. Zudem erwiesen sie sich als sympathische Zeitgenossen, mit denen sich sehr kollegial zusammen“arbeiten“ lässt, weit entfernt von irgendwelchen tumben Bollo-Affen. Unsere Zugabe, einen astreinen und perfekt passenden Trinksong, bekamen wir dann auch und schon war die Sause auch wieder vorüber, denn während Karsten, der zusammen mit CHELSEA SMILE extra aus Ostfriesland angereist war, schnell noch wenige Stunden Schlaf zu bekommen versuchte, weil er am nächsten Morgen schon wieder in der Heimat arbeiten musste (! – das ist Einsatz!), fuhr die Band direkt weiter nach Hannover zum nächsten Gig. Danke an Karsten, das King und CHELSEA SMILE für den Gig und an alle, die uns trotz der einen oder anderen „Konkurrenzveranstaltung“ unterstützt haben!
Der alljährlich zelebrierte Hamburger Hafengeburtstag steht neben enormem Besucherandrang gern mal im Zeichen von Schmuddelwetter und Suff, vor allem aber von einem innerhalb zahlreicher Live-Musik-Angebote breit aufgestellten subkulturellen Programm auf mittlerweile gleich drei Bühnen: der offiziellen, großen Jolly-Roger-Bühne sowie der kleineren Onkel-Otto-Bühne am Störtebeker und der vor ich glaube zwei Jahren hinzugekommenen Bühne an der Hafen-Vokü. Alle sind recht nah beieinander gelegen, so dass es problemlos möglich ist, sich innerhalb dieses Dreiecks aufzuhalten und den Rest der Massenveranstaltung weitestgehend zu ignorieren. Auf der Jolly-Bühne wird satte drei Tage lang Programm geboten, auf den anderen beiden Freitag und Samstag – alles umsonst und draußen! Freitag konnte ich’s zeitlich noch nicht einrichten und hab’ dadurch glatt spannende Bands wie FAST SHIT, PLATZANGST, THE BABOON SHOW und MOSCOW DEATH BRIGADE verpasst, aber Samstag war ich rechtzeitig zum spontan auf der Onkel-Otto-Bühne als Opener eingesprungenen PROJEKT PULVERTOASTMANN am Start. Ca. 17:30 Uhr dürfte es gewesen sein, als ich zu den Klängen des ersten Songs das Areal betrat. Nach und nach versammelten sich dort immer mehr Leute und wurden Zeugen eines fantastischen Auftritts. Der Sound stimmte und donnerte brutal, Shouter Snorre gab absolut ALLES, bis seine Birne zu platzen drohte und der doch ziemlich individuelle Mix der Pulvertoasties aus Streetpunk, Hardcore und dem, was man auch gern mal als Deutschpunk bezeichnet, wurde von mir vermutlich noch nie in solch nüchternem Zustand rezipiert, bestand diese Herausforderung aber selbstredend spielend! Besonders gefreut hat mich, dass es nach längerer Zeit mal wieder klappte, denn solch eigentlich unverzichtbare Veranstaltungen wie die Record-Release-Party etc. hatte ich zuletzt regelmäßig versäumt.
Anschließend ging’s die Treppe runter zur Jolly-Roger-Bühne, wo die SHITLERS aus Bochum ihren satirischen Punkrock auf ein verdutztes Hamburger Publikum niederprasseln lassen wollten. Das Trio auf einer solch großen Bühne zu sehen, war ein reichlich ungewohnter Anblick. Noch eigenartiger jedoch wurde es, als man sich die Gesichter genauer ansah: Entweder hatte sich Gitarrist Martin Shitler einer Ganzkörpertransplantation unterzogen oder er wurde durch jemand anderen ersetzt. Wir wussten, dass er am Abend zuvor einen Solo-Auftritt im Kraken hatte, bei dem ich zum Glück nicht anwesend war. Was war passiert? Hatte ihn ein aufgebrachtes Kneipenpublikum erschlagen? Oder lief der Abend derart erfolgreich, dass er kurzerhand beschloss, solo Karriere zu machen und bei den SHITLERS auszusteigen? Oder wurde er schlicht Opfer eines fiesen Attentats? Vor der Bühne lagen eine herrenlose Tasche ebenso wie ein vollkommen unbeachteter Pullover. Waren es Martins Sachen, der längst auf dem Grund der Elbe lag? Wir waren in großer Sorge und konnten uns kaum auf das anspruchsvolle Programm der Band konzentrieren. Dies schien diese zu bemerken und erklärte die Bedeutung von Songs wie „Oi! und Rap“ noch einmal, tat jedoch auch so, als würde sie unsere Fragen nach Martin nicht hören. Ansonsten gaben sie sich wieder betont spackig, Frank sprang gar barfuß auf der Bühne herum wie der letzte Hippie und die Irritation des Hamburger Publikums war perfekt. Glücklicherweise waren dann doch einige dazwischen, die die Band und ihren Humor kannten und ob ihrer Reaktionen dem unwissenden Rest vermitteln konnten, dass man damit durchaus Spaß haben darf. Später erfuhr ich dann, was wirklich mit Martin geschehen war: Vor, während und vor allem nach seinem Solo-Auftritt hat er sich anscheinend so dermaßen die Kirsche zugehauen und die Nacht um die Ohren geschlagen, dass seine Bandkollegen verzweifelt eine Kneipe nach der anderen auf der Suche nach ihm abklapperten, ihn schließlich in desolatem Zustand aufgriffen und glücklicherweise ihren Aushilfsgitarristen dabei hatten, der Martin bereits einmal während längerer Abwesenheit vertreten hatte und dafür Sorge trug, dass der Gig nicht abgeblasen werden musste. Damit hat sich Martin den goldenen Ehrenkronkorken verdient und ich verneige mich in Ehrfurcht vor so viel Attitüde, die ich einem SHITLER gar nicht unbedingt zugetraut hätte.
Nach einem kurzen Abstecher in meine „Wochenendwohnung“ auf dem Kiez ging’s dann wieder zur Onkel-Otto-Bühne, wo ich endlich einmal RODHA, die Band meines Stammtätowierers, live sehen konnte. Obwohl’s die nun schon seit ein paar Jährchen gibt, war es mir bisher nie vergönnt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass es nicht 100%ig meine Mucke ist: Doomiger Metal-Sound mit tiefgestimmten Gitarren und schweren Riffs, worüber der Sänger infernalisch kreischt. Sowohl technisch als auch körperlich ist das aber überaus respektabel, dem guten Stülpo steht so’ne Klampfe ausgezeichnet und was der Shouter da leistet, ist absolut unmenschlich! Krasse Nummer und daher meinen Respekt. Weniger ASHPIPE als vielmehr ein Treffen mit weiteren Freunden zog mich wieder vor die Jolly-Roger-Bühne, wo es dann auch richtig feierlich wurde: Zu mittlerweile fortgeschrittener Stunde traf man reichlich bekannte Gesichter und konnte sich dem einen oder anderen Gedankenaustausch (und sei es nur ein „Prost!“ – „Prost!“) hingeben, während ASHPIPE den Soundtrack dazu lieferten. 2010 bekam ich mal eine Platte der Band zugeschickt, zu der ich schrieb: „Bei ASHPIPE handelt es sich um eine italienische Band, die Streetpunk mit Folk- und Offbeateinflüssen auf englisch sowie in Landessprache mit zwei Sängern kredenzt und dabei einen recht ordentlichen Eindruck hinterlässt.“ Der Funke sprang musikalisch an diesem Abend jedoch nicht ganz über und so blieb es bei nicht unangenehmer Hintergrundbeschallung. Es war nun aber auch längst mal an der Zeit, der Vokü-Bühne einen Besuch abzustatten, wo ich mich gleich pudelwohl fühlte und dem Gig von STAHLSCHWESTER entgegensah, die nach längerem Auslandsaufenthalt einzelner Bandmitglieder nun wieder live spielen können. Da ging’s dann auch direkt vom ersten Song an richtig rund, nach Erklingen dieses klassischen Punk-Beats und den simplen, aber höchst effektiven Auf-die-Fresse-Riffs gab’s für mich kein Halten mehr und ich schwang erstmals an diesem Abend die alten Knochen. Shouterin Peppels war diesmal gar nicht so dermaßen aufgestylt, sondern gab sich natürlicher, was ihr ebenfalls gut zu Gesicht steht, ihr eindringlicher Alarmgesang ist natürlich derselbe. Ein starker Auftritt und genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte. Das ging natürlich nicht ganz ohne Blessuren ab und so stauchte ich mir den rechten Daumen. Das hat sich indes gelohnt, aber dass ich dadurch THE OPPRESSED, die unten die Jolly-Bühne headlinten, eiskalt verpasst hab’, ist die Kehrseite der Medaille – aber zerreißen kann ich mich ja nun schlecht… Nach dem einen oder anderen Gespräch strich ich die Segel und begab mich in meine „Wochenendwohnung“.
Frank Schäfer bzw. Dr. phil. Frank Schäfer veröffentlichte 2002 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf eine rund 250 Seiten umfassende Sammlung in Postillen wie „Rolling Stone“, „taz“, „Titanic“, „Junge Welt“ etc. bereits veröffentlichter Erzählungen, Anekdoten, Beobachtungen, Erinnerungen etc., die für sich genommen jeweils lediglich wenige Seiten lang sind und zum Großteil noch einmal überarbeitet oder erstmals vollständig abgedruckt wurden. Als grober Aufhänger und Unterteilung dienen die Jahrzehnte der 1970er, -80er und -90er, deren mehr oder weniger populärkulturellen Phänomenen sich Schäfer ohne jedes Diktat der Vollständigkeit, allgemeiner Anerkennung oder Relevanz widmet. Dies geschieht mal in Form persönlich Reminiszenzen, mal in Polemiken, mal in fiktiven Dialogen etc., was neben der breitgefächerten Themenauswahl für willkommene Abwechslung sorgt. Schäfer beackert hauptsächlich die Felder Musik, Film und Literatur, womit er sich von jemandem wie mir, der mit all diesen Bereichen etwas anfangen kann, schon mal die Aufmerksamkeit sichert. Und so entpuppt sich auch diese Essay-Sammlung als kleine Wundertüte von Inhalten, die mein Interesse treffen oder zumindest ankratzen, aber auch gern einmal haarscharf daran vorbeischlittern oder mir lediglich Fragezeichen in die Mimik zaubern. Doch das bedingt nun einmal eine solch schwer subjektive Themenauswahl, die dennoch oder gerade deshalb geeignet ist, den eigenen Horizont zu erweitern oder zumindest von diesem oder jenem schon einmal etwas gehört gehabt zu haben. Der recht persönlich gehaltene Schreibstil kommt nicht immer ohne Schwurbeleien und Fremdwortkaskaden aus, verfügt aber oft genug über genügend Charme und Profil, um nicht zu nerven. Positiv auf das Lesevergnügen wirkt sich der vermittelte Eindruck aus, Schäfer habe lediglich Phänomene angeschnitten, zu denen er tatsächlich einen persönlichen Bezug hat oder hatte. Dass ich beispielsweise die 1990er ganz anders erlebt habe und vollkommen divergierende Erinnerungen und Künstler abgehandelt hätte, liegt da in der Natur der Sache. Dennoch sei einmal dahingestellt, wie viel die eine oder andere biographische Anekdote noch mit Pop-Kultur gemein hat – ohne sie damit abwerten zu wollen. Die Punk-Subkultur mit nur drei Seiten abzukanzeln oder in der „A Clockwork Orange“-Retrospektive erst gar nicht auf die spezielle Ästhetik Kubricks fulminanter Verfilmung und ihrer Signalwirkung auf die Subkultur einzugehen, empfinde ich aber als vertane Chance. Zu anderen Aufsätzen hingegen kann ich nur gratulieren, von „gut zusammengefasst und auf den Punkt gebracht“ über ob des Humors viel Schmunzeln bis hin zu gewecktem Interesse reichten meine unmittelbaren Reaktionen während der Lektüre, die in ihrer unprätentiösen Art und dem Blick für unspektakuläre, deshalb aber nicht gleich redundante Details sich einmal mehr schnell durchlesen lässt und dabei mit der mittlerweile gewohnten Schäfer’schen Mischung aus akademischem Habi- und Duktus, kumpelhaft-proletarischer Bodenständigkeit und ehrlicher Faszination für Pop- bis Subkultur trotz einiger Ausschweifungen in mir fremde und laut meines Bauchgefühls überbewertete Sphären gut und ansprechend unterhält. Denn bei allem, was Schäfer schreibt, schwingt irgendwie der Eindruck mit, dass man mit ihm gut und gerne in einer Arbeiterkneipe ein bis neun Bierchen pitschen und sich dabei leidenschaftlich über all diese liebgewonnenen Nebensächlichkeiten und ihre gesellschaftlichen oder auch persönlichen Auswirkungen abseits von Hochkultur und Weltpolitik unterhalten, freuen und streiten könnte…
Der 1981 auf Gibraltar geborene Misha Anouk ist britischer Staatsbürger, in Bielefeld aufgewachsen, Autor und Poetry-Slammer – und war bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr Zeuge Jehovas. In seinem 2014 erschienenen autobiographischen und gut 500 Seiten starken Buch „Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ“ beschreibt er in wunderbar unaufgeregtem Stil seine Kindheit als Sohn strenger Zeugen Jehovas, sein Aufwachsen innerhalb der Sekte, die Irrungen und Wirrungen und die vielen Dilemmas, die das mit sich bringt – und schließlich seinen ebenso erfolgreichen wie folgenreichen Ausstieg. Dabei holt er den Leser dort ab, wo dieser die Zeugen Jehovas aller Wahrscheinlichkeit nach stehen sieht – als Missionare vor der Haustür. Sein Buch ist gespickt mit viel Humor und Selbstironie und alles andere als eine wütende Anklage. Geht es direkt um die Zeugen Jehovas und die hinter ihnen stehende Wachtturm-Gesellschaft (WTG), geht er stattdessen so sachlich wie möglich und voller Akribie zur Sache, zitiert zahlreiche Publikationen der WTG und verwendet hunderte Fußnoten, deckt die Mechanismen der Sekte auf. Doch obgleich er auch sagt, dass nicht alles schlecht war, räumt er mit kaum einem Vorurteil auf, denn auch in seiner Analyse bestätigt sich das allgemeine Bild der Zeugen Jehovas als die Bibel trotz all ihrer Widersprüche wörtlich zu nehmen versuchende Sekte, die sich auch manch „Wahrheit“ gern mal allzu bemüht zurechtbiegt und glaubt, die einzig wahre Interpretation der „heiligen Schrift“ für sich gepachtet zu haben, zentralistisch gesteuert wird und weder Zweifel noch Widerspruch von ihren Schäfchen duldet. Er geht davon aus, dass keine ausschließlich am schnöden Mammon interessierten Geldhaie die Sekte leiten, sondern Menschen, die ihre Lebenslügen tatsächlich glauben. Ja, auch bei Anouk sind die Zeugen Jehovas im Prinzip harmlose Spinner, die einer derart simplen und stumpfsinnigen Ideologie folgen, dass sie für normale, durchschnittlich vernunftbegabte Menschen keine Gefahr darstellen – zu durchschaubar ist ihr Handeln. Auf fruchtbaren Boden fällt ihr missionarischer Eifer jedoch mitunter bei schwachen Menschen oder Menschen in Krisensituationen, denen die Gemeinschaft der Sekte neuen Halt im Leben gibt, indem sie bereit sind, all die einfachen Lösungen zu akzeptieren und ihr Leben in ein von Demut geprägtes strenges Verhaltenskorsett zu zwängen. Wenn man denn so will, könnte man hier von freien Entscheidungen mündiger Menschen sprechen, wenngleich gezielt Ängste geschürt werden. Wie es sich jedoch bei Kindern verhält, die innerhalb der Sekte aufwachsen, beschreibt Anouk anhand seines eigenen Beispiels sehr detailliert, offen und persönlich. So wird deutlich, in welchem Ausmaße er indoktriniert und zu großen Teilen seiner Kindheit beraubt wurde. Dass er dabei seinen Humor nicht verloren hat und nie in Jammerei verfällt, ist ihm hoch anzurechnen. Bei allem seziert er säuberlich das Lügenkonstrukt der WTG um den bevorstehenden Weltuntergang, den „Harmagedon“, und den streng autoritären Umgang mit den Mitgliedern, was keinesfalls einer perfiden, trickreichen Psychologie gleichkommt, sondern derart simpel gestrickt ist und voller offensichtlicher Fehler steckt (beispielsweise milchmädchenhaft errechnete Weltuntergangstermine, die immer wieder korrigiert werden mussten), dass man sich wundert, wie erwachsene Menschen darauf hereinfallen können. Wenn Anouk aber ein paar Schritte aus der Sekte herausmacht und sich allgemein dem Thema Religion und ihrem Nutzen widmet, wird deutlich, dass es eben Menschen gibt, die mit dem Leben in Freiheit überfordert sind und die feste Struktur eines selbstgewählten geistigen Gefängnisses regelrecht suchen. Dies ist einer der großen Pluspunkte des Buchs: Es empfiehlt keinesfalls als Alternative die etablierten Kirchen, sondern rechnet mit (organisierter) Religion allgemein ab. Was all das jedoch für einen Menschen bedeutet, der seit Geburt an mit dieser Ideologie konfrontiert wird und als jugendlicher Ausstiegspläne zu hegen beginnt, kann sich wohl kaum jemand vorstellen, der das nicht selbst erlebt hat. Diese Komponente Anouks Buchs ist sowohl psychologisch als auch schlicht menschlich interessant und spannend, in schonungsloser Offenheit erzählt und wird zwischen den Kapiteln bereits immer mal wieder kurz angeteasert. Allerspätestens beim Ausstieg (der strenggenommen ein Ausschluss war) wird es dann auch richtig ernst und ohne falsche Scham verdeutlicht Anouk, wie schwer ihm ein Leben ohne die Gemeinschaft, vor allem aber ohne seine Eltern, die den Kontakt zu ihm daraufhin abbrachen, fiel und wie es sich anfühlte, von einem Tag auf den anderen in die Realität gestoßen zu werden: „Es gibt einen Grund, weshalb man sich nicht an die eigene Geburt erinnert. Ich wurde ein zweites Mal geboren und bekam diesmal das ganze Grauen in jedem kleinsten Detail mit, ich wurde hineingeworfen, unvorbereitet, in die echte Welt. Und ich hatte nicht die geringste Ahnung vom echten Leben, dort draußen in der Wildnis, vor der ich gegen meinen Willen behütet worden war. Das neue Leben packte mich bei beiden Füßen und schlug mich auf den Hintern, bis ich schrie, bis ich selbständig atmete.“ Geradezu beiläufig schockiert er mit einem Selbstmordversuch und gesteht, wie er dem Alkoholismus sowie massiven psychischen Problemen anheim fiel, bis er sich endlich zu fangen und ein tatsächlich selbstbestimmtes Leben zu führen imstande war. Eindrucksvoll zeigt dies die Folgen einer in entscheidenden Fragen, hier sektenbedingt versagt habenden Erziehung auf und lassen Anouks Schilderungen Rückschlüsse auf die Kämpfe zu, die generell Aussteiger aus extrem autoritären, selbstbestimmtes Denken und Handeln negativ konnotierenden Gemeinschaften zu bewältigen haben. Ich kann Mischa Anouk nur Respekt zollen und sowohl zu seinem derzeitigen Leben als auch diesem Buch mit all seiner weit über die Zeugen Jehovas hinausgehenden Christentum- und Religionskritik beglückwünschen und es allen ans Herz legen, die auf schwer sympathische Weise aus erster Hand mehr über eben all diese Themen erfahren möchten, ohne sich seitenlang durch Zorn, Trauer, Missmut und andere nur allzu menschliche Emotionen kämpfen zu müssen, die derartigen Werken den bitteren Beigeschmack persönlicher rachegesteuerter Abrechnungen verleihen und in ihrer Subjektivität sowohl Sachlichkeit als auch den eigentlichen Kern zu vergessen drohen. Ganz im Gegenteil dazu findet Anouk eine erfrischende Balance und überzeugt mit augenzwinkerndem Witz statt mit Rachsucht. Mein einziger Kritikpunkt wäre seine WTG-Zitatewut, evtl. wäre hier weniger mehr gewesen – denn sich immer wieder durch manipulative Absätze in stupidester Sekten-Westentaschen-Psychologie zu kämpfen, kostete mich dann und wann dann doch etwas Überwindung bei der Lektüre. Andererseits sind dies natürlich exzellente abschreckende Beispiele und somit vermutlich doch ganz gut dort aufgehoben.
Nachdem Hard & Smart Booking seine Konzerte bisher im Indra-Club auf dem Kiez oder auch im Knust an der Feldstraße veranstaltet hatte, machte man sich Anfang des Jahres von diesen Läden unabhängig und errichtete im ehemaligen Kir in der Barner Straße in Altona den Monkeys Music Club. Nach Konzerten mit THE CRACK, OI POLLOI, EVIL CONDUCT etc. stand das italienische Ska-Punk-Orchester BANDA BASSOTTI auf dem Plan. Eigentlich sollten wir Freitag zusammen mit ADHS aus Jena in der Kiezkneipe Pooca-Bar spielen, denn ADHS hatten einen Support gesucht und PROJEKT PULVERTOASTMANN uns freundlicherweise vermittelt. Den Laden kannte ich nur vom Hörensagen und die Kommunikation gestaltete sich sehr schwierig: Mails wurden nicht beantwortet und wir über den Ablauf komplett im Dunkeln gelassen. Immerhin konnten ADHS, als sich der Termin näherte, in Erfahrung bringen, dass das Konzert auf jeden Fall stattfände. Wenige Tage aber vorher dann das, was ich irgendwie erwartet hatte, mein negatives Gefühl wurde bestätigt: Die Pooca-Bar sagte den Gig kurzfristig ab, die Begründung wolle man „am Montag auf unsere(r) fb seite, Website, lokalen Medien via Pressemitteilung veroeffentlichen“ (Original-Zitat). Um ADHS ebenfalls davon in Kenntnis zu setzen, sah man offenbar keinen Anlass und die angekündigte Begründung lässt bis heute auf sich warten. Ich muss aber zugeben, gar nicht unbedingt so unglücklich damit gewesen zu sein, denn am Wochenende zuvor hatte ich mir eine Hardcore-Erkältung aufgesackt, die besonders auf Hals und Kehle schlug. Ich klinkte mir diverseste Medikamente ein, versuchte es in meiner Verzweiflung mit Fenchel-Honig, Voodoo und Reiki und hoffte, am Wochenende wieder halbwegs fit zu sein. Daran tat ich auch gut, denn noch kurzfristiger als die Pooca-Absage erreichte uns die Anfrage von Hard & Smart, ob wir den Support für BANDA BASSOTTI einen Tag später machen könnten. Natürlich sagten wir zu, denn somit ergab sich nicht nur doch noch ein vielversprechender BOLANOW BRAWL, sondern auch für mich die Gelegenheit, mir erstmals den Monkeys Music Club anzusehen. So feilte ich weiter an meiner Gesundheit und fühlte mich Samstag glücklicherweise wieder einigermaßen hergestellt. Gegen 17:00 Uhr trafen wir ein, kurze Zeit später folgten die Italiener in Fußballmannschaft-Größe und eröffneten uns, keinerlei Backline dabei zu haben. Wir hatten unsere komplett am Start, so dass das kein Problem darstellte. Wir bauten auf und machten uns über das kalte Büffet her, schauten uns um. Da ich auch nie im Kir gewesen war, war der Ort für mich quasi vollkommen neu: Der Club befindet sich auf einem Gewerbegelände und weist mal so ganz andere Ausmaße als eine typische kleine Muckebutze auf, hat reichlich Platz, gleich drei Tresen, einen abgetrennten Pub-Bereich mit britischem Bier vom Fass, ’nen recht großen Backstage-Bereich, professionelle P.A., reichhaltige Getränkeauswahl etc. – und das alles, ohne spröden, kalten Hallen-Charme zu versprühen, im Gegenteil: Der stilvoll eingerichtete Laden wirkt einladend und gemütlich. BANDA BASSOTTI hatten ihren eigenen Mischer dabei, der den ausführlichen Soundcheck mit seinen Jungs durchführte, was mit reichlich Blechbläser-Getröte einherging. Unser Soundcheck ging dann natürlich etwas flotter über die Bühne und beruhigt nahm ich zur Kenntnis, dass meine Stimme in befriedigendem Maße regeneriert war. Der lockere, sympathische und kompetente Soundmensch des Clubs bastelte uns einen 1A-Bühnensound, vielleicht den besten, den wir je hatten. Und diesmal dachten wir sogar wieder daran, unseren Banner aufzuhängen… Der offizielle Beginn wurde mit ca. 21:15, 21:30 Uhr angegeben und wir bekamen etwas mehr Spielzeit als zuletzt im Hafenklang, der Zeitplan war nicht allzu straff. So flogen diesmal nur „Fame“ und unser OXYMORON-Cover aus dem Set. Allein schon, um nicht doch noch zeitlich in die Bredouille zu kommen, bliesen wir pünktlich wie die Maurer zum Angriff, was Clubchef Sam zunächst etwas zu überraschen schien. Schnell zeigte er sich jedoch überzeugt von unserem Vorhaben und scheuchte uns auf die Bühne. Um auf Nummer sicher zu gehen, ließ ich mir noch ’nen Schluck Whisky einschenken, der in meiner Vorstellung jegliche Bakterien abtötet. Von diesem von mir angestrebten Placebo-Effekt schien der Barmann jedoch nie etwas gehört zu haben, war er doch der Ansicht, das würde meiner Stimme eher schaden. Zu seinen Worten „Was für eine Verschwendung!“ kippte ich das Zeug („Gib mir den Stärksten, den du hast!“) herunter und begab mich gen Bühne. Der Laden war längst beachtlich gefüllt und unser Gig ging erstaunlich reibungslos über die Bühne. Ich hab’ jedenfalls keine Texte durcheinandergewürfelt und mir sind keine nennenswerten Verspieler aufgefallen. Das Brawl’sche Bühnenchaos hielt sich also in Grenzen, aber natürlich nicht ohne das Gesabbel zwischendurch, das ich zu meinem Leidwesen aufgrund des erwähnten Bühnensounds diesmal wieder komplett verstand – zumindest akustisch. Wenn ich mich so umsah, bestätigte sich, was ich ohnehin erahnt hatte, nämlich dass uns heute wieder ein weitestgehend neues Publikum gegenüberstehen würde. Doch auch ohne polizeiliche Aufforderung verließ niemand den Raum und dem Applaus nach zu urteilen schienen wir ganz gut anzukommen. Beide Sechssaiter gaben alles und spielten sich gegenseitig die Bälle zu, gebettet auf das sichere Fundament der Rhythmus-Fraktion um Stulles Bass, den nach dem Soundcheck noch mal lauter zu drehen sich als gute Entscheidung erwies, und Raouls Präzisionsdrums, die der Doppelbelastung mit den Background-Chören immer besser standhalten. Einziger möglicher Wermutstropfen: Hinterher wurden ein paar Stimmen laut, dass der Gesang etwas zu leise abgemischt gewesen sei. Nun allerdings war es Zeit für den musikalischen Kontrast, auf unseren Melodicrotzstreetpunk folgten BANDA BASSOTTI mit ihrem Working-Class-Ska-Punk. Die Band gibt es schon seit einer halben Ewigkeit und hat sich nicht nur streng antifaschistischen, sondern klassenkämpferischen Inhalten verschrieben, nimmt Bezug auf alte Klassenkampflieder und covert diese ebenso wie manch Szeneklassiker – bei „Revolution Rock“ schien mich der Sänger auf die Bühne zu bitten, als er mein entsprechendes Clash-T-Shirt erspäht hatte, aber ich traute mich nicht, außerdem war’s da oben schon voll genug. Zahlreiche eigene Stücke dürften in dieselbe Kerbe schlagen und die Truppe zeigte sich äußerst fit und spielfreudig, brachte die rappelvolle Tanzfläche zum Kochen und spielte derart lange, dass ich zugegebenermaßen nur ca. die Hälfte des Sets sah – backstage gab’s nämlich, neben Bier satt, das eine oder andere Interessante zu bequatschen. So endete irgendwann ein wieder mal spitzenmäßiger Abend, an dem wir sogar noch alles komplett wieder abbauten und in den Proberaum verfrachteten, für Stulle und mich die After-Show-Party aber erst am nächsten Tag mit dem Abpfiff des siegreichen Altona-93-Spiels endete, zu dem es uns bei klasse Wetter getrieben hatte. Danke an Sam und sein Team für die Einladung, an Holger P. für manch helfende Hand als sechster Mann, die Jungs von BANDA BASSOTTI allein schon dafür, dass sie dank ihres Bandnamens den Abend zu einem der B-Alliterationen machten und das aufgeschlossene Publikum! Das Monkeys hat einen prima Eindruck auf mich hinterlassen und was die Eintrittspreise etc. betrifft, bin ich überzeugt, dass die Kohle bei den Richtigen landet – das ist nun mal kein autonomes Zentrum, aber ein Laden von der Szene für die Szene und wenn Personal, Hauptact, Support (das kann ich nämlich bestätigen) etc. fair entlohnt werden, tue ich dafür auch gern den einen oder anderen Taler mehr raus. Ich wünsche Sam & Co. viel Glück, hoffe, dass es weiter so gut läuft wie an diesem Abend und das Monkeys sich mit seinen Konzerten, Nightern und Partys als feste Größe etabliert – sowie ein stets glückliches Händchen bei der Bandauswahl. 😉
Das 2004 im Maro-Verlag erschienene, knapp 200 Seite starke Büchlein sammelt Autor und Musikjournalist Frank Schäfers Anekdoten um Lebenskünstler und Geschichtenerzähler Thomas Püschel, die zuvor jeweils in der Samstagsbeilage der „jungen Welt“ veröffentlicht wurden, in ungekürzter und überarbeiteter Form. Die meist nur wenige Seiten kurzen Storys handeln von eben jenem Pünschel, einem Kumpel des Erzählers und verhindertem Erfolgsautor, der sich irgendwie durchs Leben schlägt, immer wieder bizarre Situationen erlebt, diese aber auch selbst gern erzählerisch ausschmückt oder gar gänzlich frei erfindet bzw. etwas bedeutungsschwanger wiedergibt, was er irgendwo aufgeschnappt hat – einfach um etwas zu erzählen zu haben. Damit er liegt er regelmäßig dem Erzähler in den Ohren, wenn sie sich i.d.R. irgendwo in Braunschweig treffen, an der Supermarktkasse oder in der Kneipe. Die Charakterisierung Pünschels wechselt dabei durchaus bzw. geschieht ambivalent: Vom Laberkopp, mit dem man besser nur die nötigsten Worte wechselt über den kleinkriminellen Unsympathen bis hin zum liebenswerten Musik-, Film- und Literaturliebhaber und eben Lebenskünstler. Die pointierten Geschichten sind manchmal ziemlich unspektakulär, aber auch haarsträubend, witzig, absurd, augenzwinkernd, sympathisch. Immer mal wieder scheint auch Schäfers Kunst- und Popkultur-Verständnis durch, so dass manch Story wunderbar nerdig ausfällt. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Persiflage auf den Nadsat-Jargon aus Anthony Burgess’ Roman „A Clockwork Orange“. Vieles mutet recht autobiographisch an und so tauchen z.B. auch bekannte Namen aus Schäfers Rockroman „Die Welt ist eine Scheibe“ auf; eine andere Geschichte mit Musikbezug wiederum war bekannt aus Schäfers Sachbuch „Heavy Metal“. Die Kürze der Geschichten lädt dazu ein, jeweils schnell noch eine zu lesen, und noch eine, bis man sie schließlich alsbald alle durch hat. Den einen oder anderen Rohrkrepierer verzeiht man da gern, dann zündet eben die nächste. Unterhaltsame, kurzweilige und wie so oft bei Schäfer charmante und irgendwie einnehmende Konfrontation der betonten Bodenständigkeit des Erzählers (und eben vermutlich Schäfer-Alter-Egos) mit der skurrilen Weltsicht und Phantasie seines Gegenübers, die er sich selbst tendenziell verbietet, der er auf diese Weise aber freien Lauf lassen kann.
Wir freuen uns über jedes Konzert, das wir spielen können. Als das Hafenklang unsere Anfrage nach einem Support-Slot für die Schweizer Punkabillys THE PEACOCKS bestätigte, war die Freude jedoch besonders groß, zählt das Trio doch zu den musikalischen Favoriten des einen oder anderen Brawlers, was insbesondere für die Live-Gigs gilt – doch dazu später mehr. Es wurde unser zweiter Auftritt im Hafenklang, einem meiner liebsten Live-Clubs überhaupt. Der Nachmittag allerdings kam zunächst buchstäblich etwas stockend in Fahrt, denn auf dem Weg vom Proberaum zum Hafenklang gerieten die Jungs in einen handfesten Feierabendverkehrs- und Baustellen-Innenstadt-Stau, der ein zügiges Vorankommen unmöglich machte. Die PEACOCKS allerdings standen ebenfalls im Stau, und zwar noch auf der Autobahn, so dass letztlich ich der einzige war, der pünktlich vor Ort eintraf. Der Zeitplan wurde kurzerhand umgeworfen, erst gab’s (wieder spitzenmäßiges, allein dafür lohnen schon diese Gigs!) Essen, dann den Aufbau, der schnell erledigt war. Noch vorm Soundcheck bot man uns seitens des Hafenklangs Geld, damit wir nicht spielen, unser Ruf eilte uns voraus. Abgewichst wie wir sind haben wir die Penunsen eingesteckt und trotzdem zum Soundcheck geblasen. Schön, mal wieder auf ‘ner Bühne dieser Größe zu stehen, wo jeder seinen eigenen Monitor und genügend Platz hat. So feilten wir etwas am Bühnensound und gingen davon aus, vom gewohnt guten Hafenklang-Klang (äh…) zu profitieren (was anscheinend auch funktionierte). Als die ersten Gäste eintrudelten, hatten wir noch reichlich Zeit, den sonnigen Donnerstagabend an der Elbe zu genießen und uns über den Getränkevorrat des Backstage-Kühlschranks herzumachen. Recht flott füllte sich der Ort des Geschehens, Donnerstag hin oder her, die PEACOCKS machen die Bude wohl jedes Mal problemlos voll; Hamburg scheint eine Art Heimspiel für sie zu sein.


Autor Michael Schumacher ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem Formel-1-Weltmeister. Der Namensvetter des Rennfahrers ist Musikwissenschaftler und Doktorand an der Kölner Uni, aber was viel wichtiger ist: Fan der hessischen Thrash-Band TANKARD. So fühlte er sich berufen, einmal deren Biographie aufzuschreiben, was zu diesem 200 Seiten starken Schmöker geführt hat, der im schicken, festen Einband kommt und die Geschichte der Frankfurter rekapituliert. Die Schrift ist relativ groß, das Buch reich bebildert, mit zahlreichen eingestreuten Kommentaren von Musiker-Kollegen gespickt und um einen Anhang ergänzt, der eine komplette Konzertübersicht liefert. Verglichen mit anderen Biographien von Bands, die ähnlich lange existieren, bleibt also gar nicht allzu viel Platz, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Dennoch klappert Schumacher die wichtigsten Stationen der Bandkarriere ab, hat viele witzige Anekdoten auf Lager (von denen natürlich viele mit Alkoholkonsum und Zerstörungswut zu tun haben) und schafft es, zu vermitteln, was es bedeutet, eine Band wie TANKARD als Hobby, aber dennoch professionell zu betreiben: Dies bedeutet nämlich keinesfalls, versagt oder „es nicht geschafft“ zu haben, sondern im Falle TANKARDs bodenständig zu bleiben, weitestgehend unabhängig zu sein und sich seine künstlerische Freiheit kompromisslos zu bewahren – sowie konstant abzuliefern, auch durch Täler hindurch, in der Thrash Metal gerade wenig populär ist. Das liest sich ebenso kurzweilig wie interessant, wobei natürlich die Anfangstage am spannendsten sind, aber auch die Zeit des Mauerfalls verdient besondere Aufmerksamkeit. Jede Plattenproduktion (derer es bei TANKARD viele gibt) wird zumindest einmal angeschnitten und die ersten vier Alben gehören meines Erachtens zur Pflichtausstattung einer Thrash-Sammlung. Was danach kam, empfand ich häufig als etwas durchwachsen und was das Buch leider nicht wirklich geschafft hat, ist es, mir jene Platten noch einmal schmackhaft zu machen, mich häufiger auf bestimmte Songs, evtl. vergessene oder übersehene Perlen hinzuweisen o.ä. Gerade auch in Bezug auf die Texte der Band, die zwar i.d.R. über viel Humor und Selbstironie verfügen, aber auch sehr kritische und ernste Töne anschlagen können, hätte ich mir mehr gewünscht, denn ich glaube, dass Shouter Gerre & Co. viel Leidenschaft und Herzblut in manch Song fließen lassen. Relevanter (und mitunter sehr aufschlussreich) sind da aber verständlicherweise die Interviews mit Ex-TANKARD-Musikern, Manager Buffo, Produzenten, Label-Betreibern und Cover-Künstler Sascha Krüger sowie die Abschnitte über das NDW- und Schlager-Cover-Nebenprojekt TANKWART (etwas arg unkritisch) und das Engagement für Eintracht Frankfurt. Alles in allem ein sympathisches Buch über eine ebensolche Band, die vor allem live ein absoluter Killer ist, sich selbst stets treu geblieben ist, noch immer aufopferungsvoll dem ehrlichen Thrash frönt und anscheinend nie weniger als 100% gibt. Den Charme der trinkfesten Hessen fängt „A Life in Beermuda“ gut ein und liefert einen gelungenen Einblick in ihr Selbstverständnis. Die „etwas andere Biographie“ dokumentiert ein wichtiges Stück deutsche Thrash-Geschichte und ist deshalb sowohl für TANKARD-Fans als auch -Kritiker und -Skeptiker von Interesse – Hauptsache Musikliebhaber. Überfordern sollte es niemanden, denn es liest sich innerhalb einiger Stunden schnell weg. Darauf ein Space Beer!