(www.keinhassda.de) / (www.alligatorfarm.de)
Die BAD BRAINS waren eine außergewöhnliche US-amerikanische Hardcore-Band: Schwarze Rasta-Musiker, die ihre spirituellen Überzeugungen mit beißendem, rasantem HC-Punk vermengten, positive Energie ausstrahlten und ihr Programm mit vielen Reggae-Stücken auflockerten. Jene Band hat zahlreiche Musiker nachhaltig beeinflusst, noch immer gelten sie als ein Musterbeispiel für eigenständigen, originellen Hardcore. Gefallen lassen mussten sie sich allerdings die Vorwürfe, homophob und religiös verwirrt zu sein. Ebenfalls inspirieren lassen hat sich Chefzyniker, Exhibitionist, Ex-Kanzlerkandidat, Idiotenklavierspieler, Gedankenverpester und Comic-Verleger Karl Nagel (ex-MILITANT MOTHERS), der mit KEIN HASS DA das wahnsinnige Experiment wagte, BAD-BRAINS-Songs mit deutschen Texten zu versehen und auf eigene Weise zu interpretieren, ohne dabei das Konzept des Originals zu verraten oder bis zur Niveaulosigkeit zu abstrahieren. Dass dieser Versuch als gelungen bezeichnet werden kann, davon konnte ich mich vor zwei Jahren bei einem der ersten Auftritte der Band in Hamburg überzeugen. Nagel hat die Songs nicht nur gehört, sondern studiert und in sich aufgesaugt und scheint, auf der Bühne mit dem Mikro in der Hand stehend, eins geworden zu sein mit der Energie, die die Band transportierte. Mit einem mauen Abklatsch hat das nicht das Geringste zu tun und mit gemütlichem Altherren-Rock schon mal gar nicht. Nagel will’s mit seinen mittlerweile auch schon 50 Lenze noch einmal wissen und legt nun mit dem fertigen, sage und schreibe 29 Songs in 78 Minuten umfassenden Tonträger Zeugnis darüber ab, dass mich mein positiver Eindruck vom Konzert seinerzeit nicht getäuscht hat, ganz im Gegenteil: Den Musikern seiner Band gelingt es vorzüglich, das Songmaterial – egal ob HC-Punk oder Reggae – in die Gegenwart zu portieren, die Produktion ist über jeden Zweifel erhaben und Nagel singt in einer Qualität mit einem Stimm-, Stimmungs- und Stilumfang, als hätte er nie etwas anderes gemacht. KEIN HASS DA haben das Erbe der BRAINS nicht besudelt oder ausgebeutet, sondern veredelt und mit einer starken eigenen Note versehen, so dass sie nie in eine arschkriecherische Huldigungs-Haltung zu verfallen drohen. Nagels Interpretationen könnten Jüngeren sogar dabei helfen, den Geist des Originals überhaupt erstmals zu begreifen und damit Lust auf die alten Scheiben aus den 1980ern zu machen. Die Texte sind frei von stumpfen Parolen und regen in ihrer Poesie, klischeefreien Spiritualität und ihrem Metapherreichtum zum Nachdenken an – z.B. über Unabhängigkeit, Konsumverhalten, Hass und Gewalt, Selbstreflexion und –bewusstsein, Verweigerung usw . Nicht alle muss man dabei unterschreiben, aber als Inspirationsquelle taugen sie hervorragend. Aus „Sailin’ On“ wird dabei „Setz’ die Segel“, aus „Sacred Love“ der „Traumvulkan“, aus „I against I“ wird „Einfach dagegen“, aus „Attitude“ der „Billigflug“ etc. Religiösen Unfug umschiffte man dabei geschickt, selbst ein „Rückkehr nach Eden“ („Return To Heaven“) ist so allgemein gehalten, dass auch Atheisten und Agnostiker nichts zu befürchten brauchen. Trotz der beachtlichen Spielzeit läuft die Scheibe hier rauf und runter und wirkt dank ihres Abwechslungsreichtums kurzweilig und trotz des Tiefgangs und Anspruchs weder aufdringlich noch nervig. Man bekommt nie den Eindruck, dass das hier zu dick aufgetragen oder zuviel des Guten wäre. Ich kenne mich nun nicht so perfekt mit dem BAD-BRAINS-Katalog aus, vermutlich sind aber von jeder Veröffentlichung Songs enthalten mit Schwerpunkt auf dem ganz alten Stoff. Vier Songs wiederum stammen komplett aus der KEIN-HASS-DA-Feder, bedienen sich aber des typischen BAD-BRAIN-Stils und fügen sich perfekt in die Veröffentlichung ein. Soweit, so genial, doch KEIN HASS DA setzen noch einen drauf: Die CD ist alternativ zusammen mit einem großformatigen, gebundenen Hartcoverbuch erhältlich, das in einem Comic die (fiktive) Bandgeschichte erzählt und die Songtexte in zahlreichen Illustration von verschiedensten Künstlern abbildet, die damit ihre eigenen Deutungen der Stücke in kleinen Kunstwerken zum Ausdruck bringen. Die Comiczeichnungen stammen übrigens von Vincent Burmeister, der auch schon mit dem Skandal-Comic „Die! Oder wir“ für Aufregung sorgte, die Story ist von Karl Nagel persönlich. Unfassbar, mit wie viel Herzblut und Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde, ich bin völlig begeistert! Das Buch ist für diejenigen, die nach Kauf der Einzel-CD angefixt wurden, auch ohne CD erhältlich. Wer das Buch direkt bei der Band bestellt, bekommt zusätzlich noch eine Vinyl-Single dazu, die drei weitere Songs enthält, die nicht mehr auf die CD gepasst haben. Diese liegt mir leider nicht vor, würde aber sehr gern von mir separat besprochen werden, wenn man sie mir denn nachschickte. Meines Erachtens ist dieses großartige Gesamtkunstwerk die momentane Referenz für den achtungsvollen, nicht rückwärtsgewandten, sondern zukunftsorientierten Umgang mit dem musikalischen Erbe „unserer Szene“ in Tribut-Form und eine, wenn nicht sogar DIE Veröffentlichung des Jahres! 1. Günni

„Leben und Werk des Horror-Spezialisten“ verspricht das Cover des ca. 300 Seiten starken broschierten Buches aus dem Hannibal-Verlag. Nun, um das Leben des wohl populärsten und auflagenstärksten Autors der Phantastik, Stephen King, geht es nur am Rande, in erster Linie zeichnet Autor Uwe Anton Kings Werdegang anhand seiner Werke nach und geht dabei angenehm ins Detail. Nicht nur jeder Roman wird recht kompetent abgehandelt, sondern auch Kurzgeschichten, Comics, Sachbücher, Zusammenarbeiten mit anderen Autoren etc. pp. Dabei versucht man, in chronologischer Reihenfolge vorzugehen, verlässt diese dann und wann aber für diverse Querverweise etc., was leider zu einigen Wiederholungen führt, die so nicht hätten sein müssen. Zudem irritiert es mich, dass in zahlreichen Inhaltsangaben gespoilert wird, also Handlung und Ende vorweggenommen werden. Das mag evtl. für die Verdeutlichung der Aussage des einen oder anderen Werks unverzichtbar gewesen sein, allerdings hätte ich mir entsprechende Warnhinweise gewünscht. Ebenfalls fragwürdig finde ich Antons Kategorisierung von Kings Geschichten, die ohne übersinnliche Elemente auskommen, als „Mainstream-Literatur“, was er aber anscheinend nicht mal abwertend meint. Vielleicht hat er einfach eine eigenartige Definition des Begriffs? Einerseits betont der Autor ganz richtig den psychologischen Tiefgang von Kings Arbeiten, deren Horrorcharakteristika häufig eher nebensächlich sind und austauschbare Symbolik und Metaphern darstellen, andererseits wirddiese stringente Unterscheidung zwischen „Horror“ und „Mainstream“ vorgenommen. Das passt nicht so recht zusammen, zumal King heutzutage de facto dem Mainstream zuzurechnen ist, den er allerdings selbst mitgeprägt hat, indem er sich durch sein qualitativ hochwertiges Schaffen sein Publikum allen auch in diesem Buch beschriebenen anfänglichen Widerständen zum Trotz erkämpft hat. So liest man sich sozusagen von Buch zu Buch, bis man spätestens, als es an die Beschreibung der komplexen „Der dunkle Turm“-Saga geht, den Eindruck gewinnt, dass Antons Buch schnell fertig werden musste, bevor King schon wieder drei neue Romane veröffentlicht. Die Zusammenfassungen der „Der dunkle Turm“-Puzzlestücke wirken lieblos aneinandergereiht, ziemlich konfus und schrecken eher ab, als dass sie neugierig auf das Mammutwerk machen würden. Möglicherweise war Anton mit der abstrahierten Schilderung in Kurzform auch einfach überfordert? Leider unterstreichen die zahlreichen orthographischen Fehler den Eindruck des „Etwas mit der heißen Nadel gestrickt“-Seins, als Verlag würde ich zumindest nach so einem Ergebnis mein Geld vom Lektorat zurückfordern. Doch genug davon, denn sehr erfreulich fand ich die korrekte Einordnung des Jahrhundertwerks „Es“, für mich der beste Roman, der jemals geschrieben wurde. Hilfreich sind auch die informativen Anhänge, z.B. eine komplette Übersicht über Verfilmungen von Geschichten Kings inkl. Kurzkritiken, mit denen ich aber nicht immer d’accord gehe. Denn wer beispielsweise über John Carpenters „Christine“ allen Ernstes schreibt „Man müsste Carpenter verbieten, die Musik zu seinen Filmen zu schreiben“, dem sollte man wiederum das Schreiben über Filme verbieten. Die persönlichen Beurteilungen des Autors sind also mit Vorsicht zu genießen, wobei er sich bzgl. Kings literarischem Schaffen aber ohnehin eher zurückhält. Einige Abbildungen von Manuskriptseiten mit persönlichen Widmungen sowie einige Fotos sind auch enthalten, doch da hätte es sicherlich noch interessanteres Bildmaterial gegeben. Es wird selbstkritisch zugegeben, hiermit nur eines von etlichen Büchern über King geschaffen zu haben und ich muss konstatieren, davon kaum eines zu kennen und „Wer fürchtet sich vor Stephen King?“ daher nicht in Relation setzen zu können. Dieses hat seine Wirkung aber nicht verfehlt und mir tatsächlich wieder so viel Lust auf King’sche Literatur gemacht, dass ich mir auf die Lektüre hin gleich drei Bücher geordert habe. Somit ist dieser Führer durch Kings Lebenswerk für Einsteiger sicherlich keine schlechte Wahl.