Günnis Reviews

Autor: Günni (page 72 of 111)

PLASTIC BOMB #73

(www.plastic-bomb.de)

Zum Abschied von diesem Online-Fanzine noch eine letzte Rezension der Duisburger Bombe. Und weil Abschiede ja oftmals etwas Versöhnliches haben, weil das Fest der Liebe mit seinem frostigen Klauen unbarmherzig an die Pforte hämmert und weil ich zuletzt von Ausgabe zu Ausgabe ohnehin immer weniger zu meckern hatte, will ich diesmal auch gar nicht so oberkritisch sein und einfach von vornherein feststellen, dass das PLASTIC BOMB mit dieser Nummer nahezu in Hochform ist und ich es verschlungen habe wie kaum eine Ausgabe zuvor. Sicherlich, am fragwürdigen Layout und dem Billigstpapier wird sich wohl nichts mehr ändern, aber inhaltlich ist das hier fast die erste Sahne. Durch Interviews mit Bands wie ANTI-FLAG, SPERMBIRDS, YOUTH BRIGADE, NORMAHL, MASSHYSTERI, YUPPICIDE, THE UNDERTONES, JINGO DE LUNCH, AGROTOXICO, AYILAR etc. wird ein ausgewogenes internationales Programm aufgeboten und die Art und Weise der Befragungen passierte häufig sehr ausführlich und interessant; es wurde sich anscheinend viel Zeit genommen und dadurch viel Relevantes und Tiefgreifendes aus den Bands herausgeholt. Zu manchen Interviews wird auch erwähnt, dass sie viel Vorbereitung und Aufwand gekostet haben, wovor ich meinen imaginären Hut ziehe. Insbesondere Helge Schreiber scheint mir diesmal sehr aktiv gewesen zu sein und versprüht mit seinem nicht mehr ganz jugendlichen Alter einen Eifer und eine Begeisterungsfähigkeit, von der sich viele Jüngere eine dicke Scheibe abschneiden können! Über den eigenen Tellerrand hinaus blickte man z.B. in Form eines Interviews mit den Hip-Hoppern K.I.Z., die sich zunehmender Beliebtheit auch in Punkkreisen erfreuen. In Ullahs „Deutschpunk-Tribunal“ werden diesmal T.O.D. vorgestellt, die einen tollen Humor haben und das Gespräch allein schon deshalb lesenswert machen, und für die „Herstory of Punk“ nahm sich Ronja der Berliner BLOODY SLIPS an (genialer Bandname!). Sehr schmunzeln musste ich bei den häufig kurz angebundenen und irgendwie angepissten Antworten von NORMAHL, die aber auch über einen gewissen Humor verfügen, obwohl dort sicherlich noch mehr herauszuholen gewesen wäre. Auch Bastis mitunter ziemlich arrogante Schreibe gefällt mir zwar grundsätzlich immer besser, wenn er sich auch für meinen Geschmack zu häufig in langen, sarkastischen Ausführungen verliert, die mit dem jeweiligen Thema nur noch bedingt etwas zu tun haben. So berichtet er vom Treffen der „Abgefuckt-liebt-dich“-Netzgemeinschaft, während Micha und Ronja eine gewohnt anschauliche, unterhaltsame und gerne mal selbstironische Retrospektive der letzten Plastic-Bomb-Party bieten. Ein heißes Eisen wird im Interview mit einem ehemaligen „autonomen Nationalisten“ angepackt, der jetzt in Punkkreisen weilt. Ingo vom „Punk Deluxe“ hat eine Übersicht über argentinische HC-Punk-Bands zur Verfügung gestellt, inkl. Kurzinterviews. Bei AYILAR handelt es sich übrigens um eine türkische Oi!-Band, AGROTOXICO stammen bekanntlich aus Brasilien, MASSHYSTERTI aus Schweden… Punk ist ein weltweites Phänomen, was einem mit dieser Bomben-Ausgabe mal wieder so richtig bewusst gemacht wird. Vascos „wunderbare Welt der Propaganda“ nimmt sich in dieser Ausgabe der meist ziemlich einseitig und dämlich geführten Integrations- und Islamismus-Debatte an, wobei ich diesmal in ein, zwei Punkten allerdings auch Vascos Sicht auf die Dinge etwas wenig differenziert finde, da bestünde meines Erachtens durchaus Diskussionsbedarf. Ansonsten aber wieder klasse, wie er vermeintlich komplizierte, politische Sachverhalte einfach und verständlich darlegt. Die von harter staatlicher Repression verfolgte österreichische „Animal Liberation Front“ bekommt im Plastic Bomb ein Forum, um auf die Probleme aufmerksam zu machen und ihre Sichtweise darzustellen sowie ihre Erfahrungen mitzuteilen und in der „Anders leben!“-Rubrik geht es um Punk, Autonomie und politischen Aktivismus in Mexiko. Chris Scholz’ Kolumne fiel diesmal leider etwas nichtssagend und kurz aus, das aber auf gewohntem Niveau. (Häh? Egal.) Die Plattenverrisse der „Führerecke“ gefallen wie gewohnt und sind Balsam auf die Seelen von miesen Promos geplagter Fanziner, wenn auch VENERA eigentlich nichts dort verloren hätten. Dafür freut es mich umso mehr, dass Ullah über die gleichen miesen Scheiben gestolpert ist wie ich zuletzt, haha. Ansonsten gibt’s natürlich wieder Persönliches in Form der Vorworte, innerhalb derer Micha seinen Bartwuchs thematisiert, Helge sich überaus streitbar gegen Akustik-Gitarren-Folk-Punk ausspricht, Ronja kritische Tendenzen beim Halloween-Fest ausmacht, Philipp über die neue, bürgerliche Protestkultur à la Stuttgart 21 nachdenkt und Basti mit neuerlichen soziologischen Feldforschungen auf Punk-Festivals droht. Ein kleines Dankeschön an korrekte Konzertorte, in denen man sich wirklich wohl- und gut aufgehoben fühlt, gibt es in Form von Dirks Top-10 selbiger, wobei Hamburg mit der Lobusch vertreten ist. Die „Global Punx“-Rubrik fehlt diesmal, macht aber nichts, der Inhalt des Hefts ist auch so schon global genug, Stanley Heads Ska-Ecke ist aber ebenso vertreten wie massenweise, angenehm kritische Tonträger- und Lektüre-Rezensionen und natürlich Kleinanzeigen, Neuigkeiten, Veranstaltungstermine etc. Vermisst habe ich lediglich eine persönliche Kolumne von Micha, die über sein Vorwort und den PB-Partybericht hinausgeht, denn diese zählen doch immer zu meinen Höhepunkten des PLASTIC BOMB. Ergo: Sehr starke Bombe, in der ein Haufen Arbeit steckt und hoffentlich so manchen Leser inspiriert, Denkanstöße liefert oder einfach gut und informativ unterhält. In dieser Form weitermachen! Kommt wie immer mit „Pay-To-Play“-CD und kostet in Deutschland 3,50 EUR. Günni

DIE BOCKWURSCHTBUDE – UNBESCHREIBBAR / IMMER WIEDER SONNTAGS 7“

(www.bockwurschtbude.de)

In der Oder-Frankfurter BOCKWURSCHTBUDE hatte man offensichtlich sowohl Lust auf Coverversionen als auch auf die Veröffentlichung der ersten 7“ in der Bandgeschichte, so dass letztlich „Unbeschreibbar“, im Original ein kleiner, feiner DRITTE-WAHL-Song, und „Immer wieder Sonntags“, im Original ein Stimmungsschlager von CINDY & BERT, auf rundes, siebenzölliges Bildvinyl gepresst wurden. Über Sinn und Unsinn lässt sich streiten, den Songs aber hört man den Spaß, den die Musikanten beim Einspielen hatten, an und ein nettes Sammlerstück ist’s nicht zuletzt aufgrund der Limitierung auf 150 Exemplare sowieso. Ein kurzweiliges Vergnügen. 2-3. Günni

DIE GEFAHR – HIER KOMMT HAMBURG CD

(www.diegefahr.com)

Oh je, eine Fußball-CD, und dann auch noch über den HSV. 14 Songs und eine knappe Dreiviertelstunde lang besingt DIE GEFAHR ihren Lieblingsclub und ihre Heimatstadt, ohne dass auch nur einmal kritische Töne, außer natürlich gegen andere, laut würden. Das war vermutlich auch nicht Sinn dieses Konzeptalbums, hier gibt es einfach nur ein Thema und das wird wenig variiert. Absoluter Tiefpunkt ist der stumpfe Anti-Werder-Bremen-Song und ebenfalls aus der alleruntersten Schublade stammt „Täglich beten“, ein Song, in dem der FC St. Pauli auf Steine werfende, zündelnde, am Fußball desinteressierte Möchtegern-Revoluzzer reduziert wird. Wow, da ist ja selbst „Bild“ differenzierter! Das wäre so ähnlich, als würde man den HSV auf dümmliche Asis und Halbfaschos reduzieren, die besoffen und pöbelnd durch die Straßen laufen und mit allem, was optisch nicht in ihr spießbürgerliches Weltbild passt, Streit suchen. Wer sich einmal eine Hamburg’sche Hochhaussiedlung angeschaut wird, wird wohl auch kaum unterschreiben, dass es im Süden so trist wäre, wie in „Arroganz Arena“ beschrieben. Ein Anti-FC-Bayern-Song: ok; aber daraus gleich ein fragwürdiges Lied gegen eine ganze Region zu machen, ist einmal mehr diese typische Hamburger Arroganz (und das sag ich als Quasi-Hamburger). Unreflektiertes, eingebildetes Hamburg-Abgefeiere geht mir ohnehin schon länger auf den Sack. Musikalisch ist das alles gar nicht so verkehrt, hymnischer Mid-Tempo-Punkrock, der oftmals so in die grobe Richtung TOTE HOSEN o.ä. tendiert, kompetent gespielt und mit einem gewissen Gespür für Melodie. Apropos DIE TOTEN HOSEN: Eigentlich wollte man deren „Hier kommt Alex“ für diese Scheibe auf „Hier kommt Hamburg“ umtexten, in einem ihrer wenigen lichten Momente untersagten die HOSEN dieses Vorhaben jedoch. So kam es, dass eine bemüht originalgetreue „Hier kommt Alex“-Version mit Originaltext auf der CD landete, während im Booklet der ursprünglich geplante Text abgedruckt wurde. Zur gelungenen musikalischen Untermalung stellt der klare, hin und wieder angeraute Gesang leider den Kontrastpunkt dar, denn der klingt häufig leierig und schief. Im Booklet wurden einige der Texte abgedruckt, paar Grußworte und Fotos finden sich dort ebenfalls. Ich als jemand, der mit dem HSV nicht allzu viel anfangen kann, habe mich wirklich um eine halbwegs objektive Betrachtungsweise bemüht, aber das hier ist trotzdem einfach eine Scheißplatte. Günni

THE STATTMATRATZEN – EGOSHOOTER LP/CD

(www.statt-matratzen.de) / (www.aggressivepunkproduktionen.de)

Der Name dieser ausschließlich aus Mädels bestehenden Berliner Punkrockband geistert nun auch schon etwas länger durch die Szene, gemäß meiner Recherchen gab es 2008 wohl schon eine EP und dies hier müsste nun das Debüt-Album sein. Ziemlich schnörkellos und geradeaus, dabei aber spielerisch versiert, vor allem aber erfrischend frech, selbstbewusst und spürbar mit Herz bei der Sache. Die Sängerin trägt die wohltuend klischeearmen, guten deutschen Texte rotzig und klar verständlich vor und wird begleitet von rockigem, treibendem Pogo-Sound, der mir immer dann am besten gefällt, wenn er über feine Melodien verfügt, die den Songs einen recht hohen Wiedererkennungswert und Ohrwurmcharakter verleihen. Die Damen wissen, was sie wollen, nehmen es sich und lassen den Zuhörer daran teilhaben. Um mal einen hinkenden Vergleich zu bemühen, würde ich die THE STATTMATRATZEN als das fehlende Bindeglied zwischen den PARASITEN und SUPABOND bezeichnen, aber nur, um euch in etwa einen Anhaltspunkt mitzugeben. Auch die Produktion fiel wohltuend unpompös aus, ohne dabei in Lo-fi-Gefilde abzugleiten. Sprich: klasse Sound, klasse Attitüde, sympathischer Gesamteindruck – eine kleine Perle im Wust der Veröffentlichungen. Ich gratuliere! Zur Aufmachung kann ich noch nichts sagen, da mir nur eine Vorab-Version vorliegt; die Platte soll erst Ende Januar 2011 in den Handel kommen. Die LP-Version wird einen Bonus-Song enthalten, sehr löblich und praktiziertes „Save the vinyl“. 15 bzw. 16 Songs in knackigen 39 Minuten (bzw. eben paar mehr). 2. Günni

PLASTIC-BOMB-PARTY 1995 + 1996 DVD-R

In den 1990ern war Olli Prien fleißig auf Konzerten unterwegs und hat gefilmt und die Ergebnisse anschließend auf seinem D.I.Y.-Videolabel „Olli Videos“ auf VHS angeboten, in einer Zeit, in der es noch kaum Internet, kein Youtube gab und noch nicht jeder Hans und Franz mit HD-Equipment herumgelaufen ist und mitgeschnitten hat. Ollis Kassetten waren – vermutlich dem Medium geschuldet – nicht ganz billig und vor allem streng amateurhaft, aber für so manchen im Prä-DVD-Zeitalter eine schöne Möglichkeit, sich den unbearbeiteten Geist von Punkkonzerten ins heimische Wohnzimmer zu holen oder sich Erinnerungsstücke von beigewohnten Veranstaltungen zu sichern. Witzigerweise habe ich erst kürzlich mein „Olli-Video“ eines frühen KASSIERER-Konzerts digitalisiert, als mir die digitale Version der alten Aufnahmen Ollis von den Plastic-Bomb-Partys 1995 und 1996 im Oberhausener „Druckluft“ als gebrannte DVD ins Haus trudelten. Dieser hat nun vor, seine alten Tapes – entsprechendes Interesse vorausgesetzt – auf DVD-R jeweils im Doppelpack und ohne Drumherum für 5,- EUR + 1,45 EUR Porto zur Verfügung zu stellen. Eine gute Sache, wie ich finde, handelt es sich doch um authentische Zeitdokumente von Bands, von denen es teilweise gar keine offiziellen Videoaufnahmen gibt und damit um wichtige Kulturgüter voller Zeitkolorit. Wie gesagt, es handelt sich um Amateur-Aufnahmen aus dem Publikum heraus, erwartet also keine professionellen Hochglanzprodukte; auch ’ne Bildstörung muss man hin und wieder in Kauf nehmen. Bei den mir vorliegenden Plastic-Bomb-Partys kann man sicherlich auch streiten, welche Bands mehr und welche weniger Spielzeit verdient gehabt hätten, gerade auch natürlich im Rückblick mit dem Wissen von heute. Mit dabei waren jedenfalls SCHLAFFKE & ZEPP, LA CRY, DOG FOOD FIVE, DADDY MEMPHIS, STAGE BOTTLES, OXYMORON (1995) sowie NOVOTNY TV, RAWSIDE, PSYCHISCH INSTABIL, N.O.E., GROWING MOVEMENT, IMPACT und SICK, SUCK & FUCK (1996). Historisch Interessierte sollten also gerne mal den guten Olli unter Olli Prien, Plauener Straße 23, 30179 Hannover kontaktieren und ihm den einen oder anderen Mitschnitt aus den Rippen leiern. Ich für meinen Teil finde es jedenfalls klasse, dass es ihn noch gibt und er sein Zeug weiterhin zu einem sehr fairen Kurs vertreibt. Unfassbar allerdings, wie lange diese Zeit schon wieder her ist… Günni

10.12.2010, Bad Taste Club, Hamburg: STULLE & DAVID

Ich war Freitag im Bad Taste Club auf dem Hamburger Kiez, um mir Stulle (ex-Dogs On Sail) & David (ex-Small Town Riot, Grølbüdels) mit ihrer Akustik-Show anzusehen. Eintritt war frei und man bekam wie gewohnt eine herrliche Trash-Asi-Show geboten mit zum Teil recht eigenwilligen Coverversionen von Blink 182, den Kassierern, Jupiter Jones und Element Of Crime, aber auch Eigenkompositionen, die dem in nichts nachstanden. Das versoffene Publikum befand sich permanent im Dialog mit den Künstlern (hüstel…) und begann irgendwann sogar das Tanzen in der engen Kneipe.

Genau mein Humor 😀

05.12.2010, Markthalle, Hamburg: KREATOR + EXODUS + DEATH ANGEL + SUICIDAL ANGELS

Ich war am Sonntag beim „Thrashfest“ mit KREATOR + EXODUS + DEATH ANGEL + SUICIDAL ANGELS in der Hamburger Markthalle. Ich sollte alle Bands zum ersten Mal live sehen.

Ging wie üblich in der Markthalle, die übrigens ausverkauft war, superpünktlich los, diesmal um 19:00 Uhr. Durch das Gefilze am Eingang und das anschließende Anstehen an der Garderobe hab ich ’ne ganze Ecke der griechischen Newcomer (kann man glaub ich noch so sagen) SUICIDAL ANGELS verpasst, die mir auf einem Sampler positiv aufgefallen waren. Was ich hörte, war ziemlich heftiger Thrash irgendwo zwischen alten SLAYER und alten SEPULTURA, der es aber etwas an Eigenständigkeit vermissen lässt. Weiter ging’s mit den Bay-Area-Thrashern DEATH ANGEL, von denen ich nur die erste Platte und einen Samplerbeitrag kenne. Vom ersten Album wurde nichts gespielt, aber die hatten auf jeden Fall ihren ganz eigenen Sound und boten eine beeindruckende Vorstellung. Der indianische Sänger wirbelte seine meterlangen Dreadzöppe durch die Gegend und schrie sich die Seele aus dem Leib. Man hat der Band zu keiner Sekunde angemerkt, dass die auf dieser Tour mehrere Abende hintereinander solch ein Programm haben. Hut ab! War sehr interessant mit anzusehen und am Ende gab’s dann auch endlich „Thrown To The Wolves“, besagter Sampler-Song und Hit. Es folgten EXODUS, von denen mich bisher nur das Debüt-Album interessiert hatte; eine Position, die ich nach meinen Konzerteindrücken evtl. überdenken sollte, denn was der „neue“, bullige Glatzkopf-Sänger (ist vermutlich alles andere als neu, aber eben nicht mehr der Originalsänger) mit seinem coolen DEAD-KENNEDYS-Shirt an Dampf abgelassen hat, war schon ein ziemlicher Hammer und erinnerte mehr an eine Hardcore-Show als an Metal. Das Publikum wurde quasi musikalisch nach Strich und Faden verprügelt und Bandkopf und Gründungsmitglied Gary Holt an der Gitarre grinste sich eins dazu und sah sehr zufrieden aus. Auch hier wirkte alles sehr authentisch und nicht geschauspielert. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie der Sänger mehrere solcher Auftritte hintereinander durchziehen kann. Prospekt!

Dann aber endlich der Headliner: Ruhrpott-Thrash-Legende KREATOR! Ging los mit einem Johnny-Cash-Intro („The Man Comes Around“) und weiter mit sehr starkem Songmaterial aus verschiedenen Phasen der Band. Das hat richtig gut geknallt und mich zum spontanen Mehrtrinkenalsicheigentlichwollte und manch ekstatischer Zuckung verleitet, aber für meinen Geschmack etwas plötzlich war Schluss. Keine Zugaben, kein nix. Ich finde, da wäre mehr drin gewesen und Songs wie „Extreme Aggression“ oder „Blind Faith“ habe ich schmerzlich vermisst. Sparen können hätte Frontsau Mille sich auch das anbiedernde, einstudierte Eingeschleime beim Publikum nach dem Motto „Wir haben uns ganz besonders auf gefreut, hier ist das Publikum ganz etwas Besonderes!“.

Die letzte Bahn zu bekommen, konnte ich trotz des gefühlt frühen Schlusses vergessen, denn nun hieß es erst recht, stundenlang an der Garderobe anzustehen. Dabei konnte ich mir aber das Merchandise-Zeug etwas genauer ansehen: Tonträger gab’s kaum, Vinyl eh nicht, dafür überteuerte Klamotten ohne Ende. 20,- EUR für ein Kreator-Shirt?! Klarer Fall von Arsch offen! Oder diese hässlichen „Thrashfest“-Fetzen, die sogar von vielen Metal-Deppen gekauft wurden… boah, wat für Idioten. Überhaupt, das Publikum: Einerseits waren viele lässig wirkende Oldschool-Kuttenträger und anderes vernünftiges Volk anwesend, andererseits aber auch so ganz arme Pfannen mit „Manowar – Kings Of Metal“-Shirt, Schnurri und zu großer Jeansjacke etc. Die Stimmung war aber völlig friedlich und ausgelassen. Letzteres lag mit Sicherheit zum Teil auch daran, dass Busladungen voll Auswärtiger rangekarrt wurden, die Bock auf KREATOR hatten.

Letztendlich hat es sich auf jeden Fall gelohnt, ich hab’s nicht bereut. Jetzt habe ich trotzdem mal wieder echt die Schnauze voll von diesem Drecksladen „Markthalle“ mit seinem sterilen Ambiente, Wucher-Getränkepreisen und Personal, das einen zu keiner Sekunde daran zweifeln lassen, dass man nur geduldet wird, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Kohle dazulassen und sich anschließend möglichst schnell wieder zu verpissen. Fick dich, Markthalle!

AUF BEWÄHRUNG – STURMWARNUNG CD

(www.aufbewaehrung.de) / (www.myspace.com/herdenpanik)

Vom meckpommerischen Teil der Ostsee kommen die „Baltic Rock and Roll“ spielenden AUF BEWÄHRUNG, die mit „Sturmwarnung“ ein interessantes Debüt auf einem kleinen (bandeigenen?) D.I.Y.-Label namens „Riotkids Records“ veröffentlicht haben. Der Gesang bedient sich der deutschen Sprache und die Musik fiel recht abwechslungsreich aus. Man fischt mal mehr im „Deutschpunk“- und mal mehr im Oi!-Punk-Bereich – und zwar gar nicht mal schlecht. Die Songs sind melodisch und teilweise mit schön druckvollen Chören versehen; man beherrscht seine Instrumente und versteht es, die zwei Gitarren gut einzusetzen. Lediglich der Gesang gefällt mir nicht so gut, der dürfte gern etwas dreckiger und rauer klingen. Textlich gibt man sich kritisch und kämpferisch, hört sich alles ganz vernünftig an. Der Hit des Albums ist aber „Kennst du das Lied schon?“ über Aiman Abdallah, den Moderator des Pseudo-Wissenschaftsmagazins „Galileo“ – da musste ich echt lachen, klasse Humor! Der Eröffnungssong wurde übrigens mit einem stimmigen Klavierintro versehen, andere Songs wie „Bist du? Du bist!“ sind mit ca. einer Minute Spielzeit sehr kompakt geraten. Aber was singen die da eigentlich über Mozart? „Er kämpfte gegen die Obrigkeit / ein Rebell in einer fremden Zeit“?! Hab ich irgendwas verpasst? Zuviel Falco gehört oder so? Wie dem auch sei, die Band darf von mir aus gerne weitermachen. Die CD ist übrigens auf gerade einmal 100 Exemplare limitiert und vermutlich aus Kostengründen wurde an der Aufmachung gespart: eine sehr billige Digipak-Variante, kein Booklet o.ä. Elf Songs in 32 Minuten. 2-3. Günni

DÖRMPS – Demo-CD

(www.doermps.de)

Die 2009 in der Dortmunder HirschQ gegründeten DÖRMPS habe eine vier Songs umfassende Demo-CD zusammengeklöppelt, die hörenswerten, melodischen, kraftvollen Oi!-Punk mit deutschen Texten enthält. Es geht um Fußball, Tattoos usw., und besonders hervor sticht „Bunte Arme“, eine astreine Liebeserklärung an die Hautbilder. Ein Hit! Der Gesang ist kehlig, „woho“-Chöre und so sind ebenso dabei wie fähige Musiker. Gefällt mir und sollte man im Auge behalten. Zwölf Minuten Spielzeit. 2-3. Günni

DISTILLERY’S CHILD – ACTION, HORROR & EROTIK CD

(www.myspace.com/erotik) / (www.rebellion-records.com)

Das nenne ich mal ‘ne Partyplatte, was die Herren mit ihrem Debüt hier fabriziert haben. Perfekt produziert und mit klar verständlichem, kräftigem deutschem Gesang wird in den Bereichen Punk, Oi!, Ska und Schlager gewildert, um eine feuchtfröhliche Melange zu kredenzen, die sich hauptsächlich dem Ursprung und der Lösung sämtlicher Lebensprobleme widmet, dem Alkohol. Doch auch dicke Skinheads („Der dicke Skinhead“), die fragwürdigen Fahrkünste Rechtsradikaler („Fahrschule Ian Stuart“) und aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängte Handwerksberufe („Robbenklopper“) sind Bestandteil des Stimmungspotpourries der Destillationskinder. Ein Song wie „Durst“ hätte dabei gut und gerne auch vor 30 bis 40 Jahren von Mike Krüger oder irgendeinem Schlagertypen geschrieben worden sein. Die Platte macht mehr Spaß als so mancher müder LOKALMATADORE-Rip-Off und dürfte so die eine oder andere Party in Schwung bringen – insofern Empfehlung für all diejenigen, die noch Platz im Regal für so etwas haben. Im Booklet gibt’s paar Fotos zu sehen und einige Texte mitzulesen. Elf Song in 33 Minuten. Ohne Wertung. Günni

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