Günnis Reviews

Autor: Günni (page 79 of 111)

FEINE SAHNE FISCHFILET – BACKSTAGE MIT FREUNDEN CD

(www.myspace.com/diffidatirecords) / (www.myspace.com/feinesahnefischfilet)

Ska-Punk aus Meck-Pomm, allerdings nicht die kirmeskompatible Everybody’s-Darling-Variante, sondern die dreckige aus dem Plattenbaukeller. Bodenständige, Authentizität versprühende Straßenpunkplatte, nicht abgehoben-elitär, aber auch nicht stumpf oder doof. Also genau richtig. Die ersten beiden Songs kommen dann auch noch gänzlich ohne Offbeat-Einlagen aus, Songs Nummer drei, „Ostrava“, eine umgetextete Coverversion von ACHIM REICHELs „Aloha Heja He“, läutet den Ska-Einfluss ein. Aber auch zwischendurch gibt es immer mal wieder den einen oder anderen reinrassigen HC-Punksong. Die Texte sind sowohl persönlicher als auch systemkritischer Natur, dabei immer kämpferisch und auf den richtigen Standpunkten stehend. Die räudige Produktion rundet diese Platte ab, die ursprünglich schon vor über einem Jahr erschien und aufgrund der Nachfrage nun noch einmal als Cheapo-Variante im Pappschuber veröffentlicht wurde. Einziger Ausfall ist meines Erachtens „Meine Cora“, ein alberner Song über ein trauriges Thema, nämlich den Verlust eines geliebten Hundes. Zehn Songs + eine gesprochene, offensichtlich nicht ganz ernst gemeinte Grußliste als Outro in 33 Minuten. 3+. Günni

PLASTIC BOMB #70

(www.plastic-bomb.de)

Und wieder platzt eine Bombe in der selbigen: Nach Atakeks verkündet nun auch Herausgeber Swen Bock seinen Ausstieg, weil er nicht schwul sein möchte (oder so). Dafür wurde Ronja mehr Verantwortung übertragen. Micha macht auf „Raab in Gefahr“ und berichtet von einem „Blind Date“ in einem Dunkelrestaurant sowie einem Besuch bei einer Thai-Masseurin und interviewt GOVERNMENT WARNING (steht kein Name des Fragestellers bei, ist also nur geraten, dafür wurden aber sinnloserweise die Fragen durchgestrichen…?), Helge schreibt vom bevorstehenden Fanziner-Treffen in Wermelskirchen und interviewt die Bands TELEMARK (kenne ich nicht) und M.D.C. (Dave scheint ein sehr lockerer und sympathischer Typ zu sein). Weil Ronja jetzt auch Swens Arbeit mitmachen muss, ließ sie ihr Vorwort amüsanterweise „ghostwriten“ – vermutlich, während sie Lizal von den bayrischen DORKS ausquetschte. Gibt es für die „Herstory Of Punk“-Rubrik keine Kandidatinnen mehr, so dass jetzt schon auf Bands zurückgegriffen werden muss, deren Tonträger im gleichen Heft verrissen werden und der Bandname auch noch falsch geschrieben wird? Neu dabei ist Jan, der das geniale „Grauzon-o-meter“ vorstellt, das aber leider im wieder immens großen Review-Bereich noch keine Verwendung fand. Basti gibt von oben herab, dadurch aber auch erheiternd einen Bericht über das „Punk im Pott“-Publikum zum Besten und gereicht in seinen „Geschichten aus der Gruft“ diesmal Emperor Norton I., dem ersten und einzigen Kaiser der USA und Schutzherrn von Mexiko, zu später Ehre. Latti interviewt Jim Rakete von „Abgefuckt liebt dich“ und liefert dadurch interessante Hintergrundinfos zutage. Sehr ausführlich und gelungen, auch wenn ich persönlich das Portal in erster Linie für Kinderkacke halte. Häktor interviewt AUTOZYNIK und irgendwer führt ein Dualgespräch mit DISTEMPER und MOSKOVSKAYA und möchte dabei zurecht wohl lieber anonym bleiben, denn in gefühlt jedem gottverdammten Fanzine dieser Welt werde ich mit den skankenden Russen konfrontiert. Es reicht langsam wirklich, lasst euch mal lieber etwas Neues einfallen. Dirk war mit den sympathischen Schotten OI POLLOI auf Tour und führte ein Tourtagebuch, das sich sehr kurzweilig liest. Vascos „wunderbare Welt der Propaganda“ fällt diesmal leider aus, statt dessen gibt’s ein Gewinnspiel. Dafür ist aber, wie auch in der vorausgegangen Ausgabe, endlich wieder Chris Scholz mit seiner herrlich sarkastischen Kolumne dabei. Exotisch wird’s im Gespräch mit dem Punk Timur aus Aserbaidschan, das ich mir aus Zeitgründen aber noch nicht durchlesen konnte. Endlich wurde auch der zweite Teil des Interviews mit dem Kolumbianer Marco vom CNA abgedruckt, das bereits in Heft Nr. 67 begonnen wurde. Auch hier verhinderten Zeitgründe bis jetzt, dass ich es mir durchlesen hätte können, sorry. Toxo liefert eine atmosphärische, düstere Kurzgeschichte und stellt die veganen Köche „Krisenherd“ vor. Wer das Interview mit den PESTPOCKEN führte, ist glaube ich nicht überliefert; es liest sich jedenfalls gut, bleibt aber für meinen Geschmack etwas oberflächlich. Im „Anders leben“-Teil dreht sich diesmal alles um homosexuelle Punks, wobei die direkten Gespräche mit schwulen Punks am interessantesten sind. Negativ hingegen fällt aus, wenn einer Organisation wie H.A.R.M., die laut PB Standpunkte vertritt wie „Schwule sind grundsätzlich gut“ und Nichtschwule auszugrenzen versucht, in diesem Zusammenhang nicht deutlich genug eine Absage erteilt wird. Denn wer in Guido Westerwelle irgendetwas Positives sieht, wird zu meinem persönlichen Feind erklärt. Zusammen mit den üblichen Rubriken wie Stanley Heads Ska-Ecke, Plattenverrissen, Klein- und Kontaktanzeigen, reichlich Neuigkeiten und Terminen etc. ergibt sich erneut eine durchaus interessante Ausgabe, die dennoch wie bereits seit einiger Zeit leider üblich wie ein eher unpersönliches Flickwerk unterschiedlicher Leute wirkt. Als negativ empfinde ich auch, dass anscheinend noch immer niemand die Artikel lektoriert, bevor sie in den Druck gehen, was man meines Erachtens von einem schon lange nicht mehr nur als Hobby betriebenem Magazin auf Billigstpapier für 3,50 Taler schon erwarten können sollte. Kommt wie immer mit „Pay-to-play“-CD. Günni

V.A. – ES LEBE DER PUNK VOL. XII CD

(www.nix-gut.de)

Ein weiterer „Deutschpunk“-Labelsampler aus dem Hause Nix Gut mit Bands wie FREIBEUTER AG, NI JU SAN, ALARMSIGNAL, DIE GEFAHR, KONDOR, LÜKOPODIUM etc., der viel belanglosen Durchschnitt, ein paar Ausflüge in formvollendeten Stumpfpunk (ZECKENTERROR, ABFLUSS) und ganz wenige Highlights (wenn überhaupt) bietet. Meilenweit entfernt von der Qualität anderer Labelsampler und erst recht von Kult-Samplern aus deutschen Landen, wie man sie von früher noch kennt. Überflüssig. 20 Songs in 63 Minuten. Günni

POPPERKLOPPER – WAS LANGE GÄRT, WIRD ENDLICH WUT! CD

(www.nix-gut.de) / (www.popperklopper.com)

Die Herren POPPERKLOPPER blicken mittlerweile auch schon auf ein über 20-jähriges Bestehen der Band zurück und haben sich auf ihrem neuen Longplayer weitestgehend vom ruppigen HC-Punk, wie ich ihn von alten Platten noch im Ohr habe, verabschiedet. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich keines der jüngeren Erzeugnisse der Band so wirklich kenne und daher nicht beurteilen kann, ob hier ein radikaler Stilwechsel vollzogen wurde oder es sich um eine „natürliche Weiterentwicklung“ handelt; ich tendiere aber zu Letzterem. Den Gesang jedenfalls übernimmt immer noch das mir vertraute raue Organ, und jenes trägt die ausgewogen sozial- und kapitalismuskritischen und persönlichen Texte, z.B. über Drogenabhängigkeit und Liebeskummer, schön abwechselnd in deutscher und englischer Sprache vor, während der Rest der Band eine Mischung aus klassischem ’77-Punkrock und Streetpunk zelebriert und dabei insgesamt mehr Wert auf Melodie als auf Aggression legt. Das Album läuft ohne Ausfall, aber auch ohne allzu große Aha-Momente durch; eine grundsolide Angelegenheit, die mir bisweilen aber etwas zahm erscheint. Bei „Up In The Smoke“ kommt ein schönes Rock’n’Roll-Klavier zum Einsatz, in diese Richtung hat man sich also auch geöffnet. Gecovert werden THE BOYS mit „Contract Hustle“ und THE HEARTBREAKERS mit „One Track Mind“. Leider ist die Reihenfolge der Songs gegen Ende durcheinandergeraten und stimmt nicht ganz mit der auf dem Digipak angegebenen überein. Der eigentliche Hammer ist für mich hingegen das „Booklet“, das hier in Form einer Art Zeitung, „Der Popperklopper“, im Posterformat mit viel Humor und Liebe zum Detail gestaltet wurde. Das ist wirklich mal was Anderes und sehr gelungen! Zusätzlich enthalten ist darüber hinaus ein professionelles, vier Songs umfassendes Live-Video vom „Resist To Exist“-Festival 2008 in guter Qualität. 15 Songs in 43 Minuten. 3. Günni

05.02.2010, Trabrennbahn, Hamburg: IN VINO VERITAS + CUTTING EASTSIDE CREW + STULLE & DAVID

Ich war Freitag an der Bahrenfelder Trabrennbahn bei IN VINO VERITAS + CUTTING EASTSIDE CREW + STULLE & DAVID

Eigentlich sollten auch noch DOGS ON SAIL spielen, mussten aber auch dieses Trabrennbahn-Konzert leider absagen, weil Flo erkrankt war. Aufgrund der Kurzfristigkeit der Absage war es nicht mehr möglich, für Ersatz zu sorgen, weshalb der Eintrittspreis gesenkt wurde.

Um das Ende des St.-Pauli-Spiels abzuwarten, wurde erst relativ spät begonnen, was zur Folge hatte, dass ein guter Teil des Publikums bereits einen beachtlichen Alkoholpegel aufwies. Stulle (Dogs On Sail) und David (Grølbüdels) machten den Anfang mit einem Akkustik-Set, alberten herum, coverten u.a. „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ von den Kassierern und irgendwat von Joint Venture, was begeistert vom Publikum aufgenommen wurde („Joint Venture ist Skinhead Rock’n’Roll!“). Es folgten die, wie ich sie gerne nenne, Spinal Tap des Oi!-Punk In Vino Veritas, die ein tolles Party-Set ablieferten, vor guter Laune sprühten und mit Pogo und Gegröle bedacht wurden. Sehr schöner Auftritt! Endgültig den Rest gab mir dann die Cutting Eastside Crew, eine neuere Rostocker HC-Band mit Leuten der Meck-Pommer-HC-Institution Crushing Caspars, deren Sound, wie übrigens bei allen Interpreten heute abend, live super druckvoll und nahezu perfekt abgemischt rüberkam und mich zum exzessiven Tanzbeinschwingen zwang.

War mal wieder ein toller Abend mit sympathischen Bands und ebensolchem Publikum, eine komplett stressfreie alkoholgeschwängerte Party.

FOIDAL – THE SPIRIT OF 1669 CD

(www.kb-records.com) / (www.myspace.com/foidal)

FOIDAL ist wohl so etwas wie die Nachfolgeband der Hallenser Asi-Punkband SÜFFIG-WÜRZIG, die sich neben einem neuen Namen aber auch gleich mal ein neues Konzept geleistet hat: Man gibt sich ganz „foidal“ dem Spirit der Aristokratie des 17. Jahrhunderts verpflichtet und macht einen auf Monarchie-Freaks. Und was diese einem bieten, würde ich mal grob als Mischung aus RAUSCHANGRIFF (Mucke, Stimme) und KNORKATOR (Texte) bezeichnen. Die Songs heißen „Schimpfe Oi“, „Badehose“, „Reneeboy“ (!), „Candlelightdöner“ oder auch „Wallhalla la la long“, wobei letzterer eine eigenwillige Coverversion des schweinischen Pop-Reggae-Hits von INNER CIRCLE ist. Spätestens da war ich der Band erlegen, das muss man mal gehört haben! Funpunk mit abgefahrenem Humor, der gut bei mir ankommt und mit seinen simplen, ungehobelten Riffs wesentlich erfrischender klingt als das xte Klischee-Oi!-Brett. Aufgelockert wird das Ganze durch kurze Samples u.a. aus Monthy-Python-Filmen, einem aus SYMARIPs „Skinhead Girl“ entlehnten Ska-Part (bei „Reneeboy“), nach Mittelalter klingenden Instrumenten bin hin zu Gejodele („Divisionen nach Bavaria“), was RAUSCHANGRIFF allein schon aufgrund ihrer Herkunft aber wesentlich besser beherrschen. Schade nur, dass die Texte im absichtlich potthässlich gestalteten Booklet nicht abgedruckt wurden. Ich würde die Band sofort als Hofnarren engagieren! 13 Songs in 41 Minuten. 2. Günni

DIE BONKERS – KEINE GNADE SAUFGELAGE CD

(www.burnout-records.net) / (www.myspace.com/bonkerscrew)

Punkiger Party-Schweine-Rock’n’Roll von ein paar trinkfesten Jungs aus Rostock mit ordentlich Spaß inne Backen. Fast jeder Song dreht sich ums Saufen, insofern kann man durchaus von einem Konzeptalbum sprechen. Ist live bestimmt ein Kracher, aber auch die Platte kann sich hören lassen. Nette Partymucke für Besäufnisse, nüchtern allerdings nicht ganz einfach zu ertragen – was aber in der Natur der Sache liegt. Erwähnenswert ist in jedem Falle noch die Neuinterpretation von TORFROCKs „Rollo der Wikinger“, woraus kurzerhand „Bonkers aus Rostock“ wurde. Booklet mit allen Texten, 13 Songs + In- und Outro in 52 Minuten. Ohne Wertung. Günni

THEKENPROMINENZ – AUF EIN WIEDERSEHEN CD

(www.kb-records.com) / (www.thekenprominenz.de.vu)

Aus der östlichsten Stadt Deutschlands, Görlitz, beehrt uns die THEKENPROMINENZ mit ihrem Debütalbum. Die vier Skins spielen typischen deutschen Oi!-Punk, dessen Texte sich um Themen wie Party, Freundschaft und Rache und Humoristisches drehen und die ich jetzt als nicht allzu gehaltvoll bezeichnen würde. Man hat aber viel Spaß bei der Sache und legt musikalisch ein souverän gespieltes Oi!-Punk-Brett härterer Gangart á la LOIKAEMIE hin. Der Gesang klingt mir allerdings etwas zu aufgesetzt hart. Wer immer noch nicht genug von prolligem deutschen Oi! hat, sollte ruhig mal reinhören. Die Band zählt zunächst nur lokal zur A-Prominenz, ist aber sicherlich noch steigerungsfähig. Das Booklet wurde mit seinen vielen Fotos und allen Texten grafisch sehr angenehm gestaltet, aber wie viele Plattencover mit am Tresen sitzenden Skins gibt es mittlerweile eigentlich…? Elf Songs in 36 Minuten, Anspieltipp: „Der Osten rockt“. 3-. Günni

JUNGE RÖEMER – DEKUBITUS PROPHYLAXE CD

(www.myspace.com/jungeroemeronline)

Von den österreichischen JUNGEn RÖEMERn mit der eigenartigen Schreibweise hatte ich bislang nur dann und wann was in Fanzines gelesen, wurde darüber hinaus aber nie mit ihnen konfrontiert. Diese musikalische Bildungslücke kann nun auch geschlossen werden, da mir der neue Tonträger der drei Jungs vorliegt. Gespielt wird ziemlich punkiger Streetrock, der sehr gut, aber nicht überproduziert wurde. Musikalisch ist das eigentlich ganz lecker, einige Refrains sind verdammt gelungen und ohrwurmtauglich und die angenehme Stimme des Sängers verfügt über Wiedererkennungswert. Textlich ist das aber alles ziemlich ernst und humorlos ausgefallen. Man versucht, poetisch zu klingen, stolpert mitunter aber ganz schön durch die Sprache. Inhaltlich gibt man sich gesellschafts- und systemkritisch, aber auch persönlich und nachdenklich. Ich weiß nicht, über wie viele Platten man genau das schreiben kann, aber so ist’s nun mal. Gewisse Allgemeinplätze hängen aber auch selbst mir Pathoserprobtem langsam aber sicher irgendwie zum Hals raus, solange sie sich nicht durch irgendwelche Besonderheiten von der Masse abheben. Ok, man merkt den nicht mehr ganz JUNGEn RÖEMERn schon an, dass sie sich Mühe gegeben haben, was sich allein schon an der Länge so manchen Textes bemerkbar macht – trotzdem setzen diese sich nicht wirklich fest und rauschen bei vielen Songs eher an mir vorbei. Am prägnantesten ist da sicherlich „Justitia“, ein Song, der zur Lynchjustiz an Sexualstraftätern aufruft. Je mehr so ein Song danach klingt, nicht wütend aus dem Bauch, sondern berechnend aus dem Kopf heraus zu kommen, desto skeptischer macht mich so etwas. Mit seinem musikalisch genialen Refrain ist „Justitia“ aber dennoch mein Highlight des Albums – so widersprüchlich das jetzt auch klingen mag. Ebenfalls sehr gelungen, wenn auch etwas poppig (hab ich da ein Keyboard rausgehört?) klingt „Wie früher“ und mit „Schlafe, wenn du tot bist“ gibt’s dann auch noch einen Text, der mir wirklich gut gefällt. Das Digipak im „Stempelcover“-Look ist sehr schlicht geraten und im Booklet sind alle Texte inkl. leider vieler Rechtschreibfehler abgedruckt. Elf Songs in 39 Minuten. 3. Günni

DROP OUT CHAOS – KALT UND DRECKIG CD

(www.burnout-records.net) / (www.drop-out-chaos.de)

Drei Jahre nach ihrem Debüt „Lebenslänglich“ legen die Berliner um Profiboxer Dennis Rosendahl mit „Kalt und dreckig“ einen nach und das erste, das auffällt, ist die deutlich bessere, wenn auch zu basslastige Produktion, der allerdings auch etwas der ruppige Charme der alten Aufnahmen abgeht. Ebenfalls auffällig ist die musikalische Weiterentwicklung, die zwar immer noch voll und ganz in die Streetrock-Kerbe schlägt, aber klingt, als wären die Jungs noch souveräner im Beherrschen ihrer Instrumente geworden und hätten einen metallischeren Einschlag. Und, mein lieber Scholli, Dennis klingt noch stärker nach ONKELZ-Sänger Kevin Russell als zuvor, verhaut dafür aber das Intro von „Straße“ durch ziemlich schiefen Gesang. Textlich halten sich wie auch schon beim Vorgänger die prolligen Songs und die nachdenklichen, traurigen Inhalte in etwa die Waage, jedoch sind die auf textliche Härte getrimmten und pathosgetränkten Proll- und Gewaltsongs hier so dermaßen übertrieben ausgefallen, dass sie alle anderen in den Schatten stellen. Ich weiß nicht, ob sich die Band mit der Glorifizierung ihres „Streetfighter-Lifestyles“ mit Texten wie „Wir koksen, saufen, hauen dann alles platt (…) Hier gibt’s nichts für kleine Strapsboys“ (aus „Streetfighter“) oder „Einmal Hardcore, immer Hardcore (…) Ich knall Dich weg (…) Ich bin ein Junge von der Straße / Und ich hab hier viel gelernt / Wer Fotze spielt, der kriegt eine harte Strafe“ (aus „Ich knall Dich weg“) einen Gefallen getan hat. Ich möchte nämlich nicht wissen, welche Flachzangen so ein Zeug ernst nehmen und zugekokst durch die Gegend rennen, um Schwächere zu verprügeln. Am harmlosesten ist da noch das stumpfe Ficklied „Zier Dich nicht“ („Ficken, ficken, ist alles was ich kann / Ficken, ficken, ist alles was ich will“). Die persönlichere, sentimentale Schiene bei Songs wie „Anders als ihr“, „All meine Liebe“ oder „Auf der Suche nach dem Glück“ gehen da einfach unter – was aber auch daran liegt, dass nicht alle so gelungen sind wie z.B. „Warum ich mich hasse“ oder „Sterben gehen“ vom Erstling. Andererseits ist ein Song wie „Streetfighter“ offensichtlich eher als humoristische Reflektion der Reaktionen auf die Band gedacht, sozusagen ein Spiel mit dem Klischee – welches gleich im übernächsten Song aber selbst kräftig bedient wird. Am besten ist meines Erachtens „Hurrikan“ gelungen, ein starker Song über persönlichen Freiheitsdrang. Mein Fazit: Textlich ein zweischneidiges Schwert, musikalisch aber wahrlich nicht von schlechten Eltern – obwohl mir das raue Debüt mit seinem scheppernden Schlagzeug besser gefiel. Ein richtiger Griff ins Klo ist aber das schlimme Poser-Cover geworden. Würde ich die Band nicht kennen, würde ich allein schon wegen eben jenem die Platte niemals anrühren. Das Booklet inkl. aller abgedruckten Texte wurde hingegen wirklich ansprechend gestaltet. Elf Songs in 42 Minuten. 3. Günni

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