Günnis Reviews

Autor: Günni (page 78 of 111)

KRANK – BIER, BLUT, BOLZENSCHUSSGERÄT CD

(www.radikalabnormal.com) / (www.snaylerecords.ch)

Schweizer Deutschpunk kann durchaus besser sein als deutscher Deutschpunk. Das beweisen jedenfalls KRANK, die nach einer EP und Debüt-CD, beide mir unbekannt, ihr zweites Album mit der interessanten Alliteration im Titel veröffentlichen. Ganz so krank wie durch die blutverschmierte Coverzeichnung sowie Band- und Albumnamen angedeutet gibt man sich dann zwar nicht, dafür aber durchaus eigenständig mit teils absurden, banalen aber emotionalen, teils aber auch interessanten, kritischen Texten mit sarkastischer bis depressiver Tendenz, zu denen der überdrehte Gesang gut passt. Musikalisch ist das auch nicht verkehrt, „moderner“, wütend-melodischer Punkrock ohne allzu starke Metalkante oder dergleichen, der einige kleine Hits vorzuweisen hat, die im Ohr bleiben – allen voran „Anders als wie du“ und „Lange nicht genug“. Aber auch der Opener „2000 jetzt“ bollert gut los und einen Totalausfall findet man eigentlich nicht. Textlich fallen „Sie will“ („…nur ficken“) und das sinnfreie „Bratwurst“-Lied am stärksten ab, der Rest befindet sich auf einem gewissen Niveau. Ich vermute, dass am meisten der Gesang polarisieren wird und empfehle Fans von NOVOTNY TV bis RAZZIA, der Band eine Chance zu geben. Die Liveshows sollen übrigens unter Zuhilfenahme von reichlich Kunstblut über die Bühne gehen. Eine Schweizer Mischung aus ALICE COOPER und GWAR? Das mit roten Spritzern illustrierte Booklet bietet, leider nicht ganz rechtschreibfehlerfrei, alle Texte der in rund 41 Minuten vorgetragenen, inkl. „verstecktem“ Bonusstück 15 Songs des Albums. 2-3. Günni

AMOR & OPHELIA – INTIMPIERCING CD

(www.amorundophelia.de) / (www.bosworth.de)

Ein dauergewelltes blondes Mädel (Wer hat da „Püppchen“ gerufen?!) präsentiert sich acht Songs lang als selbstbewusste Nymphomanin und singt hauptsächlich über Lust und Leidenschaft, begleitet von glasklar produziertem, punkigem Pop-Rock mit Ohrwurmcharakter inkl. balladesken Ausflügen. Inwieweit die deutschen Texte tatsächlich die Gefühlswelt der Sängerin/Gitarristin widerspiegeln oder nur provokatives Mittel zum Zweck, möglichst aufzufallen und Tonträger zu verkaufen, sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Beurteilen kann ich aber, dass die Gute tatsächlich singen kann und die Texte nie niveaulos werden oder allzu sehr unter die Gürtellinie gehen. Das dürfte die einen beruhigen, den anderen aber zu bieder sein. Ich find’s eigentlich ziemlich unspektakulär, aber besser als das, was seit einigen Jahren so an deutschsprachigem Pop-Rock aus dem Radio dudelt. Im farbigen Booklet gibt’s neben allen Texten leider keine schlüpfrigen Bilder und die CD kommt mit ebenso unschlüpfrigem Video-Bonus, dafür allerdings gleich 3x hintereinander. Wem die PARASITEN zu hart sind, könnte hier fündig werden. Neun Songs in nur 28 Minuten. Ohne Wertung. Günni

Erich Buchholz – Unrechtsstaat DDR? Rechtsstaat BRD? Ein Jurist antwortet. Streitbare Ansichten von Erich Buchholz

buchholz, erich - unrechtsstaat ddr - rechtsstaat brd - ein jurist antwortetHilfreich zum Bilden einer objektive(re)n Betrachtungsweise

Während Friedrichs Wolffs Buch zum gleichen Thema überwiegend sachlich verfasst wurde, vertieft Erich Buchholz einige Themenbereiche und poltert mitunter ganz gut drauf los, polemisiert etc. Ist man dann schon fast geneigt, ihn als unverbesserlichen Hardliner abzutun, überrascht er aber wieder positiv, indem er z.B. gewisse Gesetze, die u.a. ausschlaggebend für den Aufstand am 17. Juni 1953 waren, aufs Schärfste verurteilt und sauber juristische und politische Begrifflichkeiten voneinander trennt, gründlich seziert und erläutert sowie die Unterschiede zwischen beiden Rechtssystemen herausarbeitet.

Allerdings werden hier auch ellenlange Gesetzespassagen in typischem Beamtendeutsch zitiert und Buchholz selbst formuliert gern sehr verschachtelte Sätze mit zahlreichen Nebensätzen und Einschüben, was den Lesefluss etwas hemmt und das Buch nicht leichter konsumierbar macht. Für den Versuch, eine halbwegs objektive Sicht auf die DDR-„Bewältigung“ zu erlangen, ist eine Lektüre wie diese aber vermutlich unabdingbar. Nebenbei lernt man auch so einiges über deutsche Geschichte, die (immer noch) aktuelle BRD-Justiz, Völkerrecht und Politik.

Allerdings hätte ein (fähigerer) Lektor dem Buch gut getan. Und ob das Titelfoto sonderlich vorteilhaft ist, das Buchholz als zeternden Opa zeigt, sei mal dahingestellt…

25.04.2010, Fabrik, Hamburg: DICK DALE

Gestern DICK „King Of The Surf Guitar“ DALE in der Hamburger Fabrik. Dass der Altmeister des Surf-Rock sein Publikum trotz Alters von 72 Jahren und Krebserkrankung noch einmal mit einer Europatour beehren würde, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ich hatte ihn vorher nie live gesehen und wer weiß, ob man zu einem späteren Zeitpunkt noch Gelegenheit dazu bekommen würde? 23,70 EUR für die Karte im Vorverkauf war für ein Konzert ohne Vorband (angeblich aus organisatorischen Gründen, bis 19:00 Uhr fand in der Fabrik irgendein Kinderfest statt) zwar ziemlich happig, ich konnte es mir aber trotzdem leisten, da ich nicht mehr zu jedem anderen bekloppten Konzert renne. Schade, denn es gibt mehrere wirklich gute Hamburger Surfbands, die sich sicherlich gefreut hätten, im Vorprogramm von Mr. Dale auftreten zu können. Dieser betrat dann gegen 21:20 Uhr die Bühne der nicht übermäßig, für einen Sonntagabend aber bestimmt respektabel gefüllten Fabrik mit „Nitro“ und es klang großartig. Dale trägt seine letzten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein schwarzes Stirnband und ein T-Shirt „Dick Dale For President“ – und hat sichtlich Spaß auf der Bühne. Er kommuniziert mit dem Publikum und seiner Mimik kann man die Leidenschaft zu seiner Musik entnehmen. Zwischenzeitlich griff er sich zwei Drumsticks und spielte zusammen mit seinem Schlagzeuger, der mit herrlich aggressiver Mine auf die Drums eindrosch, Schlagzeug und später auch Bass (Dale bekommt die Bassgitarre hingehalten und spielt diese, indem er mit den Drumsticks drauf herumhaut), blies in die Trompete, imitierte Louis Armstrong usw… seine beiden Begleiter an Bass und Schlagzeug sind etliche Jahre jünger, tragen die gleiche Frisur und machen einen klasse Job. Nach gut 90 Minuten endet der sehr unterhaltsame Auftritt ohne Zugaben, aber was soll’s – sei dem alten Mann seine Erholung gegönnt. Alle wichtigen Songs wurden gespielt.

Das Publikum bestand neben ein paar bärtigen alten Männern zu einem großen Teil aus jungen Leuten, einigen Psychos und Rockabilly-Typen, aber auch vielen „Normalen“. Ähnlich wie bei alten Ska-Recken scheint sich das Publikum immer wieder zu verjüngen. Ich persönlich habe das Konzert sehr genossen, zumal es die perfekte Abrundung eines herrlich warmen Tages war. Es war sehr angenehm, mal wieder auf einem Konzert zu sein, bei dem es einfach nur um die Musik ging, die Musik selbst die Message war.

FEUERWASSER – STÜRME DER ZEIT CD

(www.feuerwasserpunk.com)

Zweites, in Eigenproduktion veröffentlichtes Album der Ruhrpottler FEUERWASSER, die mir erstmalig mit ihrem Beitrag zum Slime-Tribut-Sampler „Alle gegen Alle“ aufgefallen sind. Zu melodischem HC-Punk mit starkem Metal-Einfluss irgendwo zwischen späten BOSKOPS, PARANOYA, …BUT ALIVE und DRITTE WAHL werden mitunter recht gute kämpferische, sozialkritische Texte in deutscher Sprache unpeinlich von einem angenehm rauen Organ vorgetragen, die sich im stilvoll gestalteten Booklet nachlesen lassen. Das hat Substanz und wurde auch gut produziert, allerdings klingen mir die Chöre ein wenig zu kraftlos. Ansonsten aber keine verkehrte Scheibe. Wer mit o.g. Bands etwas anfangen kann, sollte hier ruhig mal reinhören! 13 Songs in 36 Minuten. 2-3. Günni

Rocko Schamoni – Dorfpunks / Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse

schamoni, rocko - dorfpunksAn Schamonis Buch mochte ich den trockenen Humor, aber auch die für mich sehr gut nachvollziehbare Beschreibung seines Leidens unter der Eingeengtheit in seinem Dorf, in seiner Ausbildung, dass er sich teilweise wie in einem Gefängnis und sich selbst wie ein Fremdkörper vorkam. Und das daraus resultierende totale Schweigen, dieser Tod der Kommunikation zwischen ihm und seiner Mutter. Sehr anschaulich beschrieben und ich konnte einige Parallelen zu meiner eigenen Jugend entdecken. Überhaupt erschien mir das Buch sehr ehrlich, z.B. in Bezug auf Sex und Gewalt. Man hätte so eine Dorfpunk-Geschichte ja mit beidem großartig ausschmücken können, was er meines Erachtens aber nicht tat.

strunk, heinz - fleisch ist mein gemüseUnd bei Strunk war’s eigentlich ähnlich. Er lebte zwar in der Großstadt Hamburg, allerdings in einem sehr niedersächsisch-provinziell geprägten Teil Harburgs, der so gar nichts mit Großstadtambiente zu tun hat. Einer Gegend also, die einerseits kein richtiges Dorf ist, aber auch nicht viel damit zu tun hat, was man normalerweise mit dem Begriff „Stadt“ assoziiert. Winzige Reihenhäuser, schlechtgelaunte Spießer um einen herum, Geisteskranke (zu allem Überfluss auch noch die eigene Mutter), wenig Selbstbewusstsein und keine Ahnung, was man mit sich anfangen soll. Bis man irgendwann einfach einen Scheißjob annimmt, der einen, zeitweise sogar sehr gut, über Wasser hält, aber einen auch immer und immer wieder mit Deppen und Arschlöchern (sowohl Publikum als auch Kollegen) konfrontiert, bis man selbst fast zu so einem blöden Arsch wird. Diese ganze Tristesse, innerhalb derer die Großstadt oder einfach jede andere Art, ihr zu entkommen, unerreichbar weit entfernt zu sein scheint, hat er in einer so eindrucksvollen Mischung aus Komik und Tragik beschrieben, dass bei mir zahlreiche miese Erinnerungen an meine eigene Jugend in einem vergleichbaren Provinznest hochkamen, ich aber auch Genugtuung gefühlt habe, weil er so herrlich mit der ganzen Scheiße abrechnet. Er sitzt zu Hause, friemelt hobbymäßig an seinen eigenen Songs rum, organisiert sogar eine nicht untalentierte Sängerin, hat aber eine Art innere Blockade. Unterbewusst sieht er überhaupt keine Möglichkeit, mit seinem Kram mal an die Öffentlichkeit zu gehen oder überhaupt etwas erstmal richtig fertigzustellen. Als säße er in einer Art kraftzehrenden Käseglocke oder so was. Das kenne ich in abgewandelter Form alles selbst. Und im Allgemeinen fand ich es natürlich auch sehr schön, wie er mit diesen Musikvergewaltigern abrechnet, indem er sie als reine Handwerker und nicht mal als wirkliche Musiker skizziert und bezeichnet. Recht so! Und wer vielleicht meint, Strunk habe bei der Darstellung des Publikums übertrieben oder wäre zu hart gewesen, dem sei gesagt, dass niedersächsische Schützenfest in der Realität noch viel, viel schlimmer sind, als es die affige Band von der Festzeltbühne aus mitbekommt. Das Ende, das letzte Kapitel, fand ich etwas zu versöhnlich, als hätte er Angst vor seiner Courage bekommen und wolle ein Stück zurückrudern. Und eines hätte er wirklich nicht machen sollen: Bruce Springsteen als Dreck zu bezeichnen.

ASHPIPE – WAITING FOR WAVE CD

(www.myspace.com/diffidatirecords) / (www.myspace.com/ashpiperock)

Bei ASHPIPE handelt es sich um eine italienische Band, die Streetpunk mit Folk- und Offbeateinflüssen auf englisch sowie in Landessprache mit zwei Sängern kredenzt und dabei einen recht ordentlichen Eindruck hinterlässt. Läuft ausfallfrei durch, wurde gut produziert und ist musikalisch als gelungen zu bezeichnen. Der Gesang ist oft angenehm rau und dreckig, die Melodien eingängig, ohne zu poppig zu werden. Die Texte, zumindest die englischen, scheinen aber eher zu vernachlässigen zu ein. Wer beiden Sprachen mächtig ist, kann alles im Booklet nachlesen. Wer auf Italo-Oi!/Streetpunk steht, kann bedenkenlos zugreifen. 16 Songs in 48 Minuten. 3. Günni

LAUTSTARK – SPURLOS AUFGETAUCHT CD

(www.7us.de) / (www.lautstark-rockt.de)

Ich dachte schon, es ginge nicht mehr mieser als EGOTRIP, doch weit gefehlt – das gleiche Label hat das Album von LAUTSTARK verbrochen: Auf Radiotauglichkeit getrimmter, deutschsprachiger Emo-Poprock, vorgetragen von drei Milchbubis der Sorte Schwiegermamis Liebling. Das hat nun wirklich so dermaßen überhaupt gar nichts mit Punkrock zu tun, dass ich beim dritten Song, einer ganz fiesen Heulsusennummer, ausgemacht habe und mich weigere, mir diese konstruierte gequirlte Kacke weiter anzuhören. Was soll ein Online-Fanzine wie Crazy United mit sowas?! Booklet mit Texten und pipapo, elf Songs in 36 Minuten. 6. Günni

CERVELLI STANKI – 15 YEARS… OLD TUNES, NEW BLOOD CD

Violax Rec. / (www.myspace.com/cervellistanki)

Warum habe ich von dieser italienischen Band noch nie etwas gehört? Jetzt liegt mir eine Best-Of inkl. einiger neuer Songs vor – und die ist richtig geil! Schneller, druckvoller, treibender Punkrock/Streetpunk mit genialem Alarmgesang, fetten Chören und der richtigen Haltung ggü. Bullen, Faschisten und dem ganzen Gesocks. Aufpeitschender Pogo-Sound vom Feinsten. Mit seinem Clockwork-Orange-Cover erinnert mich das Ganze fast an eine italienische ADICTS-Variante auf Speed, zumindest musikalisch. Tipp! Enthält mit „Frana“ eine Coverversion von ERODE. Im Booklet wurden die italienischen Texte ins Englische übersetzt, allerdings nicht immer ganz fehlerfrei. 15 Songs in 33 Minuten. 2. Günni

EGOTRIP – S/T CD

(www.7us.de) / (www.myspace.com/meinegotrip)

Toto von NEVERMIND hat ein Solo-Album veröffentlicht. Da man mit dieser Nachricht zunächst erst mal niemanden hinterm Ofen hervorlockt, versucht er es anscheinend mit einer nackten Ollen auf dem Cover, während sein Label diese Scheißplatte versucht, mit „Fuldas Antwort auf Bela B.“ schönzureden. Hochgradig nervender, aalglatter Poprock mit schmalzigen Texten, zusammengesetzt aus sich wiederholenden Phrasen aus dem Liebeskummer-Songbaukasten. Unglaubwürdiger, weinerlicher Schrott von jemandem, der gerne wie die ÄRZTE mit ihren Schnulzen klingen würde, aber zu keiner Sekunde deren Witz, Charme oder sonst irgendetwas erreicht. Obwohl, ich hab schon lange kein aktuelles ÄRZTE-Album mehr gehört, vielleicht klingen die mittlerweile ja genauso. Pseudoeinfühlsame Texte, durch die man versucht, sich an kleine Bravo-Mädels ranzumachen. Ekelhaft. Zur üblichen Instrumentierung gesellen sich hier dann und wann Klavier, Synthesizer und Xylophon, was ich aber nur der Vollständigkeit halber erwähne. Zur Aufmachung kann ich weiter nichts sagen, da mir nur eine Vorab-CD im Pappschuber vorliegt. Neun Songs + Intro + zwei instrumentale Klavierlangweiler als Bonus-Songs (was soll das?!) in 46 verschwendeten Minuten. 5. Günni

Copyright © 2026 Günnis Reviews

Theme von Anders Norén↑ ↑