Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 10 of 27)

Wolfgang Sperzel – Rast(h)aus

Nachdem Wahlhamburger und Comiczeichner Wolfgang Sperzel 1989 im Semmel-Verlach mit seinem Album „Kabelbrand im Herzschrittmacher“ debütiert hatte, folgte zwei Jahre später ebendort der Nachfolger „Rast(h)aus“. Das großformatige Softcover-Album umfasst rund 50 vollfarbige, handgeletterte Seiten mit dynamischen Panel-Grids, die vor allem eines sind: ein im Funny-Stil gezeichneter Amoklauf gegen die Hamburger Verkehrssituation.

Held des Comics ist Spoil, der mit Erfinder Tiewie und einer gelben Rüsselzwergsau in einer Wohngemeinschaft in der Schanzenstraße direkt an der Hamburger S-Bahnstation Sternschanze lebt. Echte Orte in der Schanze sind hier mühelos wiedererkennbar, die Rote Flora zierte noch die Aufschrift des einst dort untergebrachten Einzelhandels „1000 Töpfe“ – ein Stück Zeitgeschichte, drumherum jedoch Verkehrschaos, von dem Tiewie und Spoil derart genervt sind, dass sie zur Sabotage greifen. Spoil wird zu Super-Spoil, dem Rächer der Entnervten. Aus Beidem – dem ohnehin schon gegebenen Verkehrschaos und den gefährlichen Eingriffen durch die WG-Bewohner – resultieren aberwitzige Kettenreaktionen, teilweise geht’s hier zu wie in einem Jump’n’Run. Später wird sogar die Sternbrücke zerstört und entgleist ein Zug. Weitere Schauplätze sind der Feldstraßenbunker und die Reeperbahn.

Sperzel persifliert den Autofetisch männlicher Fahrer, auch die Werbebranche kriegt ihr Fett weg, ferner wird gegen BMW- und Mercedes-Konzernbosse geschossen und deren Einfluss auf eine korrupte Exekutive thematisiert, die hier ebenfalls nicht gut wegkommt. Ein Zeitreisen-Topos ergänzt den Anarcho-Comic um ein phantastisches Element. Ein wenig Eigenwerbung für sein erstes Album in die Handlung zu integrieren, ließ sich Sperzel ebenso wenig nehmen wie wahrscheinlich die diebische Freude daran, seine Aggressionen in Form dieses auf hohem Funny-Niveau gezeichneten Comics abzubauen. Schade nur, dass der Verlag auf Seitenzahlen verzichtete.

Viel zu viel überflüssiger Individualverkehr in den Innenstädten Autolobby-Deutschlands ist leider noch immer ein Problem, das man auch als Nicht-Autohasser scheiße finden kann. Jetzt würde mich nur noch interessieren, wie ausgerechnet jemand wie Sperzel später als Zeichner bei der Auto-Bild landete…?! Davon unabhängig hat mir dieser Flohmarktfund so viel Spaß gemacht, dass ich mir im Anschluss auch sein Debüt antiquarisch besorgt habe. Dazu später mehr.

Barks Library Special: Daniel Düsentrieb 3

Einer der Ableger der herkömmlichen Barks Library des Ehapa-Verlags, die sämtliche Comics des Erfinders der Familie Duck, Carl Barks, umfasst, ist die sechs Alben umfassende Daniel-Düsentrieb-Reihe, die sich ganz dem Entenhausener Erfinder widmet. Dieser mir vorliegende dritte Band der Reihe erschien im Jahre 1994 und enthält auf rund 60 Seiten sieben mehrseitige Geschichten, zwei Onepager sowie einen zweiseitigen Essay Geoffrey Blums und den ersten Teil eines Nachschlagewerks der Erfindungen Düsentriebs und ihres Auftauchens in den Comics. Das Inhaltsverzeichnis gibt zudem Auskunft über die US-amerikanischen und deutschen Erstveröffentlichungen. Einer der Onepager und eine mehrseitige Geschichte wurden hiermit erstmals in Deutschland veröffentlicht und eigens von Stammübersetzerin Dr. Erika Fuchs übersetzt. Alle Comicseiten sind koloriert.

Solche comicarchäologischen Sammlereditionen gefallen mir ja, doch als die Barks Library seinerzeit ins Leben gerufen worden war, war ich als minderjähriger Schüler finanziell viel zu klamm, um sie zu sammeln. Später hatten sich meine Interessen und Prioritäten verschoben. Diesen Daniel-Düsentrieb-Band aber habe ich in einem Tauschschrank entdeckt und mir natürlich gleich angeeignet.

Die erste (und längste) Geschichte des Bands, „Erfinderpech“, setzt sich auf humorvolle Weise mit einer Auftragsflaute beim Entenhausener Erfinder Düsentrieb auseinander und persifliert dabei zugleich die Probleme Selbständiger, einen Markt für ihre Produkte oder Dienstleistungen zu finden. Marktschreierisch zieht Düsentrieb durch die Straßen, auf der Suche nach Kundinnen und Kunden mit Erfindungsbedarf. Zweifelhaften Erfolg hat er bei Donald Duck, der eine Erfindung gegen den Lärm benötigt, den seine drei Neffen fabrizieren. Der „Schalllöscher“ verursacht jedoch mehr Probleme als er löst; das Chaos nimmt seinen Lauf, als Laub im Garten Feuer fängt. Ohne sein Helferlein, Düsentriebs vermutliche genialste Erfindung, sähen er und die Ducks ganz schön alt aus. „Erfinderpech“ warnt vorm vorschnellen Einsatz vermeintlich bequemer Erfindungen und wartet mit netten Hintergrunddetails auf, hier das Damespiel des Helferleins gegen den Duck’schen Familienhund. Die von Dr. Erika Fuchs aus Heinrich Seidels adaptierte Redewendung „Dem Ingeniör ist nichts schwör“, die sie wiederholt Düsentrieb in den Mund legte, fällt auch hier – und Tick, Trick und Track sind aufgrund identischer Kostümmützen für ihr lärmendes Spiel nicht voneinander zu unterscheiden.

Die Geschichte „Die störrische Störchin“, in der Onkel Dagobert Düsentrieb bittet, ihm bei der Umsiedelung eines Storchennests behilflich zu sein, ist von Tierliebe und Verständnis für die Natur geprägt. Die Pfadfinder vom Fähnlein Fieselschweif können helfen, aber letztendlich ist Düsentrieb der Dumme, der vor Dagoberts Geiz kapitulieren muss.

In „Wellensalat“ benötigt Oma Duck Ersatz für ihr kratzendes Grammophon von Düsentrieb, damit sie ihren Kühen weiterhin deren Lieblingsmusik ohne Störgeräusche vorspielen kann. Der Schallwellenerzeuger, den er ihr installiert, beglückt auch sämtliches andere Vieh auf dem Hof, doch das versehentlich magnetisierte Helferlein verstellt ihn durch einen Unfall, sodass furchtbarer Krach die Folge ist. Ein glücklicher Zufall ist es jedoch, dass ausgerechnet dieser infernalische Lärm fast alle Fleißarbeiten auf dem Hof wie Holzhacken und Heumähen erledigt.  Glück im Unglück bzw. der Zufall ist manchmal der beste Erfinder, was auch die Aussage dieser eher einfach gestrickten Geschichte sein dürfte.

Mit dem notorischen Glückspilz Gustav Gans muss sich Düsentrieb in „Der geborene Erfinder“ herumplagen, was zu spannenden Ansichten der Unterwasserwelt des Entenhausener Hafens führt und natürlich Gustav am Ende wesentlich mehr Ertrag einbringt als Düsentrieb. Ohne das Helferlein geht wieder einmal nicht viel, am Ende steht die Erkenntnis: „Als geborener Erfinder soll man sich nicht wie ein Geschäftsmann benehmen.“

 Einen Schritt seinem Erfinder voraus ist das Helferlein auch im titellosen ersten Onepager, im zweiten sorgt man bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch für Verblüffung. Jenes Helferlein ist es auch, das Düsentrieb mit seiner Übersicht und einer List den Sieg beim Erfinderkongress über den unfairen Teilnehmer Herrn Murr (der starke Ähnlichkeit mit Kater Karlo aufweist) sichert – ganz ähnlich wie beim spannenden Motorbootrennen in „Eine großartige Leistung“, bei dem es den Ausfall sämtlicher erfundener Elektrotechnik kompensieren muss.

Düsentrieb ist häufig also eher eine tragische Gestalt, dem man als Leserin oder Leser aber stets gönnt, mit allem glimpflich davonzukommen – denn Böses führt er nie im Schilde, vielmehr hat er mit den Tücken seines Berufs, seinem Optimismus in Bezug auf seine Erfinderleidenschaft und zuweilen einer gewissen Zerstreutheit zu kämpfen. Die meisten Barks’schen Comics verfügen über einen entwaffnenden Humor und eine solch liebevolle Figurenzeichnung (in doppelter Hinsicht), dass sie auch Erwachsenen angenehm kurzweilige Freizeitlektüre sind – zumal sie als Teil des Entenhausener Universums einer faszinierenden Parallelwelt angehören, in die man auch im höheren Alter doch immer mal wieder gern einen Schritt setzt.

Die Entwicklung der Barks-Comics in chronologischer Reihenfolge anhand der Barks-Library-Reihe nachzuvollziehen, wäre mit Sicherheit eine spannende pop- und literaturkulturelle Zeit- und Entdeckungsreise…

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts jungfräuliche Katastrophen

Katastrophen und kein Ende in Sicht – so nicht nur in der realen Welt, sondern auch in der relativ behüteten des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung, „Held“ einer fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe der schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson. Diese enthalten Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr und bilden so etwas wie eine launige, sich eigentlich eher an Gleichaltrige richtende Coming-of-Age-Reihe, die zwischen 1987 und 1999 im schwedischen Original und zwischen 1990 bis 2005 in den deutschen Fassungen bei der Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschien.

Wer meine Buchkritiken verfolgt, weiß, dass es sich bei meinen Exemplaren um Tauschschrankfunde handelt, auf die ich mit durch mein Faible für comichafte, bunte Covergestaltung (auch dieses ist wieder ein echter Hingucker) und Coming-of-Age-Geschichten aufmerksam wurde, durch die ich mich bisher aber mehr durchquält habe als dass ich sie genossen hätte – was sich erst mit dem siebten Band „Berts Megakatastrophen“ änderte. „Berts jungfräuliche Katastrophen“ sind dessen direkte Fortsetzung aus dem Jahre 1995 (Schweden) bzw. 1997 (Deutschland). Einmal mehr versuchen sich Olsson und Jacobsson an der Perspektive eines (sporadisch, nicht täglich) tagebuchschreibenden Jugendlichen, um ihre Zielgruppe zu unterhalten und im Idealfall den einen oder anderen Erkenntnisgewinn zu vermitteln, ein bisschen durch die Pubertät zu helfen.

Mit rund 150 Seiten im relativ großzügigen Zeichensatz fällt dieser Band 8 wieder etwas schmaler als der Vorgänger aus. Wie üblich sorgen Sonja Härdings cartooneske Bleistiftzeichnungen für zusätzliche Auflockerung. Im Gegensatz zu Band 7 ist man (bzw. Bert) wieder dazu übergegangen, seine Einträge mit dem jeweiligen Datum zu versehen. Der Zeitraum erstreckt sich vom 25. Dezember bis zum 11. Februar. Bert ist solo, aber notgeil und macht auf cool. Sein potenzielles erstes Mal verpatzt er im Rahmen einer privaten Hausparty (dem Schrecken aller Eltern) allerdings grandios. Seine Mutter bekommt eine Midlife-Krise, seine Eltern streiten sich ständig und können nichts mehr miteinander anfangen, die Oma wird krank. Inmitten dieser Gemengelage sieht sich Bert mit typisch pubertären Irrungen und Wirrungen, einem unklaren Verhältnis zu seiner Ex-Freundin Nadja und nicht zuletzt daraus resultierenden handfesten Enttäuschungen ebenso konfrontiert wie mit sich aufgrund eigener Freundinnen abkapselnder Freunde.

Vieles wird karikierend bis nahezu satirisch überspitzt dargestellt, was gar nicht schlecht mit Berts Bemühen um Abgeklärtheit und der Weltsicht eines glücklicherweise nicht unter Halbstarkendepressionen oder dem Borderline-Syndrom leidenden Heranwachsenden korrespondiert – in dieser Hinsicht haben die Autoren das Authentizitätsproblem bewältigt, das ich mit früheren Bänden hatte. An anderer Stelle verspüre ich eben dieses dann aber doch wieder: Bert ist 15, fast 16, aber gegen Alkohol. Ist das typisch Schweden? Wohl eher nicht, sondern vielmehr ein Versuch, der schwedischen Staatsräson folgend Alkoholgenuss zu verteufeln. Kein Wunder, dass es bei Bert nichts mit dem Pimpern wird…

Dieser schließt seine Tagebucheinträge hier übrigens stets mit einem kleinen Gedicht, aber keine Sorge: Von einem Lyrikband sind „Berts jungfräuliche Katastrophen“ weit entfernt. Wie der Vorgänger endet auch diese Fortsetzung mit einem Cliffhanger, kurz vor Berts 16. Geburtstag: Wird er mit Nadja Sex haben? „Berts jungfräuliche Katastrophen“ sind ein einfaches, meist recht oberflächliches, aber durchaus kurzweiliges Vergnügen, das eine erwachsene Leserschaft in erster Linie daran erinnern dürfte, weshalb es ein Segen ist, kein Teenager mehr zu sein. Bislang der stärkste Band der Reihe.

Sascha Theisen (Hrsg.) – Nach vorne! TORWORT-Geschichten über Fußball

Der für seine Sportbücher bekannte Göttinger Die-Werkstatt-Verlag veröffentlichte im Jahre 2010 diese rund 160-seitige Anekdotensammlung, die im Taschenbuchformat 25 Geschichten aus der von Herausgeber Sascha Theisen initiierten „Torwort“-Lesereihe umfasst. Gesprochenes nun also erstmals zum gemütlichen Nach- oder Erstlesen, handverlesen, kuratiert und mit sieben eigenen Beiträgen vom Herausgeber angereichert.

Neben Theisen versammeln sich Fußballexpert(inn)en und -Fans wie Axel Formeseyn, Philipp Köster und Jens Kirschneck aus der „11 Freunde“-Redaktion, der Schweizer Fernsehreporter Peter Balzli, Humorist Fritz Eckenga, TV-Redakteurin Daniela Schulz sowie viele weitere, deren Namen dem/der einen oder anderen geläufig sein werden, vielen hingegen eher nicht, und das ist letztlich auch schnurz. In einem sind sie sich nämlich einig, und darauf kommt es hier an: Alle empfinden eine ehrliche, herzliche Leidenschaft für den Fußballsport, von spektakulären Weltmeisterschaften bis runter in die Kreisklasse. Die Schreiberinnen und Schreiber verfügen über ein hohes Maß an Selbstreflektion, das jedoch nichts an ihrer irrationalen Faszination für Tritte gegen rundes Kunstleder ändert. Diesem Umstand begegnen sie gern mit einem sympathischen Maß an Selbstironie.

Dieses schlägt sich in den überwiegend lesenswerten Anekdoten zwischen ein und dreizehn Seiten Umfang nieder, die zwischen melancholisch gefärbten Kindheits- und Jugenderinnerungen, unbändiger und ungebrochener Begeisterung(sfähigkeit) sowie lakonischem bis, wie bereits angedeutet, selbstironischem Humor pendeln. Auffallend oft wohnt ihnen das beinahe stoische Ertragen von Enttäuschung und Verzweiflung, nicht nur auf und um dem Fußballplatz herum, inne – wahre Fußballfans sind eben leidgeprüft und -fähig. Mal dominiert der Fußball die Geschichten und Geschichtchen, mal wiederum geht es eigentlich um etwas ganz anderes.

Für mich persönlich besonders heraus stechen Daniela Schulz’ Protokoll ihrer Männerfußballfan-Werdung – die sich auch nicht absurder liest als manch typisch männliche Variante klingt –, Peter Balzlis köstliche, weil pannenreiche Einblicke in seine Tätigkeit als Brasilien-Korrespondent während der WM 2006, Ben Redelings wunderbare, auch ein bisschen augenzwinkernde Ehrerbietung an Mario Krohm von Alemannia Aachen und Sascha Theisens Verarbeitung seines kindlichen Traumas, in der Halbzeit ins Bett zu müssen.

Für stumpfe Fußballprolls ist das alles nichts. Für Freunde vergnüglicher, kurzweiliger Schmöker über (vermeintliche) Nebensachen, aus denen die eine oder andere Erzählung vielleicht auch den Weg ins Langzeitgedächtnis schafft, ist „Nach vorne!“ hingegen durchaus ein Tipp.

Hans Traxler – Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Der gebürtige Tscheche Hans Traxler gehörte zur Redaktion des „Titanic“-Satiremagazins und verdingte sich als Cartoonist, Illustrator und Autor. In seinem Buch „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, ursprünglich im Jahre 1978 im Frankfurter Zweitausendeins-Verlag erschienen, begab er sich aufs Gebiet der „Märchenarchäologie“ und kam mit wissenschaftlicher Akribie einem handfesten Skandal und kaltblütigen Mordfall auf die Spur, den die Gebrüder Grimm mit ihrem berühmten Volksmärchen zu vertuschen halfen. Mir liegt ein Exemplar der Auflage aus dem Jahre 1988 der seit 1983 bei Rowohlt verlegten Taschenbuchausgabe vor. Über rund 120 Seiten inklusive Fotografien Peters v. Tresckows, dem originalen Märchen, Literaturverzeichnis, Zeittafel und Personen-/Sachregister erstrecken sich Traxlers Forschungen, mit denen er bei Georg Ossegg, dem Erfinder der Märchenarchäologie, anknüpfte – und die eine ganz vorzügliche Satire auf (Pseudo-)Wissenschaften darstellen.

Dass diese ursprünglich nicht als solche gekennzeichnet war und ohne jede karikierende Überzeichnung auskommt, ließ nicht wenige Leserinnen und Leser sowie Kritikerinnen und Kritiker seinerzeit glauben, es mit echten Forschungsergebnissen zu tun zu haben – zumal Traxler seiner fiktionalen Figur Georg Ossegg eine ausführliche Biographie angedeihen lässt. Traxler beherrscht den populärwissenschaftlichen Schreibstil perfekt und liefert eine schlüssig wirkende Beweiskette zutage, nach der Hänsel und Gretel eine harm- und arglose Zuckerbäckerin im Auftrag des Nürnberger Lebkuchenklüngels erschlugen. Dafür bedient er sich literaturwissenschaftlicher und eben archäologischer Methoden, fälscht historische Dokumente, zeigt bedeutungsschwangere Fotografien (die er entsprechend kontextualisiert) und gerät anfänglich vielleicht etwas zu leicht auf die richtige geographische Spur.

Jedoch ist man gern geneigt, ihm zu glauben, denn er fügt wie in einem guten Krimi ein Puzzleteil ans andere und ist einer großen Sache auf der Spur, die vor dem Hintergrund ja bedauerlicherweise ganz realer kapitalistischer Abgründe, Frauenfeindlichkeit und religiös verbrämter „Hexenprozesse“ (sprich: Folter) tatsächlich Sinn ergeben würde. Damit gerät „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ auch ein gutes Stück weit zu einer Kritik an den Grausamkeit vergangener Jahrzehnte und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart. Seine ganze Qualität mag dieses Büchlein, dieses Schelmenstück, entfaltet haben, als über den satirischen Gehalt noch nichts bekannt war; aufgrund Traxlers hervorragenden und sich konsequent an seinen populärwissenschaftlichen Vorbildern orientierenden Schreibstils bereitet es aber auch mit diesem Wissen diebische, kurzweilige Freude, die zugleich länger nachwirkt – und im Idealfall, gerade in Zeiten grassierender absurder Verschwörungstheorien und -ideologien, die eigene kritische Medienkompetenz zu schärfen hilft.

Nicht zuletzt ist „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ bestimmt auch ein schönes Geschenk für all diejenigen, die aufgrund ihres Bildungswegs oder ihrer eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit viel zu häufig nicht ganz unähnliche, jedoch gänzlich nichtsatirische Texte zu lesen gezwungen sind…

Jan Off / Knut Gabel – Kreuzigungs-Patrouille Karasek. Neues aus der Braunschweiger Sonderschule

Von 1993 bis 2004 erschien im Braunschweiger Verlag Andreas Reiffer die Social-Beat-Literaturzeitschrift SUBH – die nie meine Wege kreuzte. Die Sonderausgabe Nummer 7 aus dem Jahre 1997 entdeckte ich jedoch in einem Hamburger Tauschschrank. Das wie ein DIN-A5-Fanzine aussehende, 48-seitige Heft trägt den Titel „Kreuzigungs-Patrouille Karasek – Neues aus der Braunschweiger Sonderschule“ und enthält Kurzgeschichten des Punk-Literaten Jan Off (offenbar seine dritte Veröffentlichung überhaupt) sowie Comics und Zeichnungen Knut Gabels. Die Geschichten sind sauber zweispaltig im Blocksatz gesetzt und wurden von Gabel mit großflächigen Schwarzweißzeichnungen eher groben Strichs illustriert. Offs „Deutschnationale Turnstunde“ greift die Obrigkeitshörigkeit von Neonazis auf und macht sich über sie in einer fiktionalen Farce lustig, während er in „Muttertag“ Besuch von der Schamhaar-Polizei sowie diverse Anrufe, u.a. von Bundespräsi Roman Herzog und seiner Mutter, erhält. „Fotze“ schreibt er mit „V“. Gabels Funny-Comic „Münster – Krone der Gastlichkeit“ lebt von Asi-, Ekel- und Gewalt-Humor, der eigentliche Kniff aber ist die bewusst angesetzte Schere zwischen dem Gezeichneten und dem seriös geschriebenen Erzähltext.

Michaela Seul füllt eine Seite mit einem Zwischenruf zu Offs damals aktuellem Buch, bevor dieser – einmal mehr fiktional – von seiner Lesereise durch die Schweiz berichtet. „Das ukrainische Bordell“ ist eine weitere ausgedachte Sex’n’Violence-Story Offs. Das liest sich alles schnell und kurzweilig weg und ist leider ebenso schnell wieder vergessen. Mir ist das alles ein bisschen zu belanglos, der Sarkasmus zu bemüht und in der jeweiligen Pointe zu schwach, als dass es mich wirklich packen würde. Trash und Punk-Pulp, der reichlich Klischees verwurstet, aber kaum wirklich etwas zu sagen hat. Wesentlich interessanter hätte ich es gefunden, hätte Off anstelle seiner ausgedachten Geschichtchen aus dem wahren Leben berichtet, in dem man als Punk doch eigentlich so einiges erleben oder erlebt haben sollte. Oder wäre wenigstens der Stil ein realistischerer, der einem etwas über das echte Leben zu erzählen hat und einem vielleicht ein bisschen was mit auf den Weg gibt. Mit diesen absurden, fast ausschließlich auf Geschmacklosigkeiten basierenden Inhalten und dem distanzschaffenden Humor macht er es sich meines Erachtens jedoch zu leicht.

Bevor es unfair wird: Es ist allem Anschein nach jener bewusst gewählte Stil, mit dem ich einfach nicht viel anzufangen weiß. Ich reagiere auch jedes Mal genervt, wenn ich in einem Punk-Fanzine eine ach so provokative, aber eben komplett ersponnene, nie selbst erlebte, dafür umso übertriebener geschriebene Geschichte entdecke und neige zum Überblättern (jüngstes Beispiel: die unsägliche „Dr. Frederik Berndt“-Reihe im ZAP). Gut möglich, dass mich spätere Off-Werke mehr ansprechen würden, ebenso gut möglich aber, dass das alles einfach nicht mein Ding ist.

Nichtsdestotrotz hege ich eine gewisse Sympathie für den Underground-Charme dieser SUBH-Sonderausgabe, die es damals für 3,50 DM zu erwerben gab, bzw. vielmehr das Konzept dahinter.

Matthias Sesselmann – Revolution im Herzen. Ein Ex-68er begegnet dem echten Revolutionär

Die Einbandgestaltung mit auffällig roter Farbe, Straßenprotestfoto und stilisiertem „Antifa-proof“-Störer ist anscheinend darauf ausgerichtet, ein entsprechend affines Publikum anzusprechen. Dieses dürfte jedoch schnell dahinterkommen, dass dieses 100-seitige Mini-Taschenbüchlein ein sog. Missionstool (Selbstbezeichnung) des christlichen Münchner Soulbooks-Verlags ist, das 2015 in seiner ersten Auflage erschien und gestaffelt ab 1,- EUR abwärts rausgehauen wird, also in größerer Menge beispielsweise für Straßenmissionierungsaktionen erworben werden kann.

Das Vorwort stammt von den Glücklichen, die sich die gott.de-Domain sichern konnten; Autor Matthias Sesselmann blickt von der Buchrückseite als Jesus-Lookalike mit langen Loden und Augenringen an einem vorbei. Ein ‘68er sei er gewesen, verrät der Klappentext, nach dem „Woodstock-Desaster“ sei jedoch eine „heilsame Ernüchterung“ gefolgt. Der Titel verrät bereits eine Begegnung mit „dem echten Revolutionär“ – na, wer damit wohl gemeint sein wird…?

Der in 18 Kapitel unterteilte Text ist in angenehm großer Schriftgröße auf Recyclingpapier gedruckt und mit zahlreichen Schwarzweißfotos aus Sesselmanns Leben illustriert. Der Einband ist aus fester Pappe und die Mühe, ein Inhaltsverzeichnis voranzustellen, hat man sich auch gemacht. Sesselmann beschreibt die verschiedenen Stationen seines Lebens und, aufgrund seiner Eigenschaft als ehemaliger ‘68er-Polit-Hippie-Aktivist, somit auch der jeweiligen Politik sowie des in seinen Kreisen jeweils vorherrschenden Zeitgeists. Und das könnte alles typischer kaum sein: Demonstrationen und andere Protestaktionen, Ärger mit der Exekutive, Hausbesetzungen, alternative Zentren und schließlich Abkehr vom Radikalismus, Fremdeln mit nachwachsenden Generationen, Enttäuschungen, innere Einkehr und Sinnsuche. Dies ging einher mit Drogenkonsum, Interesse an „östlicher Mystik“, schließlich Drogenabhängigkeit und gesundheitlichen Problemen. Dann die Religion als Rettungsanker und Missionierung in Teestuben, um anderen „verlorenen Seelen“ zu helfen.

Über weitere Strecken lesen sich Sesselmanns Erinnerungen wie ein kurzweiliger, weil durchaus auch hier und da mit etwas Humor versehener Schnelldurchlauf einer typischen Hippiekarriere, die in einem bedenklichen Drogenmissbrauch mündet und als letzte Station der ewigwährenden Sinnsuche die christliche Religion entdeckt. Dass es Sesselmann dabei leider nicht um eine gesunde Spiritualität als Ausgleich zu einer materialistischen Welt geht, um Horizonterweiterung und Selbstfindung oder das Erreichen einer inneren Balance, sondern ums Beharren auf einer monotheistischen Religion mit Jesus als einzig wahrem Anführer, wird dann auf den letzten Metern deutlich, genauer: ab S. 84, wenn er von seiner Plauderei mit Barclay-James-Harvest-Mitglied Lees berichtet, der sich zu seinem Bedauern „nicht in seinem zusammengewürfelten Privat-Glauben“ habe „erschüttern“ lassen. Von nun an zeigt Sesselmann sein wahres Gesicht, geht weiter mit seinem Kontakten zu Bands und nun auch bis in die Politik hausieren, schildert seine Missionierungsversuche und stellt zum Ende hin noch einmal klar, dass man keinesfalls für verschiedene Glaubensrichtungen offen sein solle, sondern besser ausschließlich an Jesus glaube.

Dass ein ehemaliger Weltverbesserer nun einen solch anmaßenden, absolutistischen Ansatz vertritt, zeigt, dass er letztlich nichts – weder von Weltoffenheit und gegenseitiger Akzeptanz noch von den Ursachen der zahlreichen Konflikte auf dieser Welt – verstanden und stattdessen sein Seelenheil gefunden hat, indem er seine geistige Freiheit zugunsten einer monotheistischen religiösen Führergestalt aufgab. Damit landet dieses Buch in meiner kleinen Religionsecke beim anderen bedenklichen Propagandamaterial der Zeugen Jehovas und der Jesus Freaks. Fazit: Never trust a hippie.

Niklas Hofmann / Klaus Raab – Ein Kult für alle Fälle: Die ultimativen Serien der Achtziger

US-amerikanische Krimi- und Actionserien der 1980er haben in eben jenem Jahrzehnt, in dem sie jeweils mit ein paar Jahren Latenz im deutschen öffentlich-rechtlichen wie im Privatfernsehen ankamen, mindestens eine Generation geprägt. Sie galten nicht nur als schwer unterhaltsam, sondern auch als heißer Scheiß, der Coolness transportierte und ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelte. Ganz weg waren sie aus dem deutschen Fernsehen nie und spätestens im Zuge der nostalgisch gefärbten Rückbesinnung auf die 1980er als Kultdekade betrachtete sie manch mittlerweile erwachsene(r) Zuschauer(in) in den besten Jahren retrospektiv mit ausgeprägtem Gespür dafür, wie sie den Zeitgeist und die Populärkultur mitprägten. Irgendwo zwischen den Polen einfacher wohliger Erinnerung und zeitgeschichtlicher Medienanalyse ist das von den Journalisten Niklas Hofmann und Klaus Raab geschriebene und von Maike Hettinger illustrierte, im Jahre 2013 im Suhrkamp-Verlag erschienene, ca. 210-seitige Taschenbuch anzusiedeln. Es widmet sich den hierzulande ursprünglich im Vorabend- und Abendprogramm gelaufenen zwölf Serien Agentin mit Herz, Airwolf, Das A-Team, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich, Knight Rider, MacGyver, Magnum, Miami Vice, Remington Steele, Simon & Simon und Trio mit vier Fäusten.

Obwohl ich in den 1980ern ein Knirps war, sind mir einige dieser Serien zumindest geläufig. Bei „Agentin mit Herz“ verstand ich überhaupt nicht, worum’s geht, doch die weibliche Hauptrolle war mir ungemein sympathisch. Bis heute liebäugle ich hin und wieder mit einem Erwerb der Komplettbox, um die Erinnerungen aufzufrischen (und zu prüfen, ob ich mittlerweile etwas mehr als damals verstehe…). „Das A-Team“ habe ich eine Weile gern geguckt, das dürfte aber schon in den 1990ern gewesen sein. „Ein Colt für alle Fälle“ genoss tatsächlich auch bei mir Kultstatus, „Knight Rider“ fand ich top (schien mir später aber schlecht gealtert), „MacGyver“ kannte ich lediglich von Erzählungen meiner Mitschüler. „Magnum“ sowie „Airwolf“ fand ich doof und „Miami Vice“ lief zu spät abends, aber das „Trio mit vier Fäusten“ rangierte zusammen mit Colt Seavers auf einem vorderen Kultplatz. Auch hier ist der Reiz der Anschaffung nach wie vor groß…

Aber zurück zu diesem Büchlein: Der Einstieg ist famos. Alle zwölf Serien werden kurz, aber auf den Punkt gebracht vorgestellt, sodass man auch ohne je eine Episode gesehen zu haben einen guten, anschaulichen Eindruck bekommt. Neben einigen handfesten Daten begeistern insbesondere zwei Abschnitte: „Die idealtypische Episode, die es so nicht gab“, wofür sich jeweils eine komplette Handlung ausgedacht wurde, die das jeweilige Serienkonzepte und die damit einhergehenden Stereotype humorig persifliert und dadurch veranschaulicht, sowie „Worum es eigentlich geht“, weil dort in ein, zwei Sätzen eben das abstrahiert auf den Punkt gebracht wird. Anschließend geht’s mit reichlich Trivia und unnützem Wissen quer durch die Serien und Themengebiete, wobei es naturgemäß sehr nerdig – dabei jedoch stets mit einem Augenzwinkern – zugeht. Das fällt mal interessanter (Frei erfundene Fakten, Vorspänne, Cameos, Castings, fast alles zu „Miami Vice“, Simpsons-Gastauftritte, Kulturvergleich mit BRD-Serien, Auftritte von DDR-Agenten, Das Vietnam-Trauma, Fehler, Quoten, Kinoreferenzen bei „Remington Steele“) und mal belangloser (Quiz: Welcher Bart gehört zu wem?, Nummernschilder, Zigarren, Kfz-Quartett) aus. Insbesondere die Hintergrundinformationen zum damaligen Streik der Drehbuchautorinnen und -autoren sind aufschlussreich. Die einzelnen Kapitel werden meist auf nur wenigen Seiten abgehandelt, sodass das Buch gut in kleinen Häppchen rezipiert werden kann. Etwas einfach machte man es sich jedoch, wann immer man es bei bloßen Aufzählungen beließ. Weiter aufgelockert wird das bunte Sammelsurium von Hettingers sehenswerten Zeichnungen sowie „Werbepausen“, in denen prägende Werbespots des ‘80er-TVs rezitiert werden. Einige nicht serienspezifische, sondern sehr allgemeine Informationen zu den 1980ern hinterlassen allerdings eher den Eindruck von Streckmitteln.

Wichtig zu wissen ist, dass es sich um keine Fachliteratur handelt, die tatsächliche Filmanalysen oder wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzungen mit dem damaligen Zeitgeist vornehmen würde. Das ist ein bisschen schade, denn ein wenig stärker hätte „Ein Kult für alle Fälle“ gern in diese Richtung tendieren dürfen. Dennoch überzeugt der originelle Ansatz, der neben einigem Quatsch viele Informationen zutage fördert, die in verschüttgegangenen Erinnerungen zu schwelgen, bei der Entscheidungsfindung, ob die eine oder andere Serie noch einmal geschaut werden sollte, oder bei der nachträglichen Einordnung damals Gesehenen mit dem Wissen von heute helfen. Schade ist indes das Fehlen eines Inhaltsverzeichnissen (dafür existiert ein Register) und sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, gelte es, den einen oder anderen Fehler (deutsche „Miami Vice“-Erstausstrahlung, „Simon & Simon“-Bild bei „Trio mit vier Fäusten“) auszubessern. „Agentin…“ und „Trio…“ hin oder her: Nach dieser kurzweiligen Lektüre bin ich mir a) sicher, dann wohl doch mal „Miami Vice“ gucken zu müssen, weiß b), weshalb innerhalb dieses Kanons „MacGyver“ das exakte Gegenteil von „Airwolf“ ist und bin c) um Informationen reicher, auf die ich eigentlich auch gut hätte verzichten können: so z.B., dass Dwight „Murdock“ Schultz heutzutage als rechtspopulistischer Internet-Kolumnist auf Hetzseiten in Erscheinung tritt. Schnapp ihn dir, B.A. – meinen Segen hast du!

Mad-Taschenbuch Nr. 37: Dick de Bartolo / Al Jaffee – Mad macht mehr aus dir. 1000 Tips zur Verbesserung von Geist und Körper

Ursprünglich aus dem Jahre 1979 stammt die von Dick de Bartolo geschriebene und von Al Jaffee gezeichnete, rund 160 Seiten unkolorierte Seiten lange Verballhornung von Selbstoptimierungsratgebern, deren deutsche Fassung 1983 erschien und angesichts des seit einigen Jahren grassierenden Selbstoptimierungstrends ihrer Zeit voraus war.

Über 14 Kapitel erstrecken sich die von Jaffee großzügig bebilderte satirische Texte. Nach einem witzig widersprüchlichen Einstieg lernt man, „wie man sich fit hält“, „wie man die Körpersprache deutet“, „wie man bewusster lebt“ usw. (Kapiteltitel). Körperkult, Fitnesswahn und Motivationsküchenpsychologie werden in pointierten Texten aufs Korn genommen, an deren Ende i.d.R. die Umkehrungen bekannter Ratschläge und Binsenweisheiten stehen und auch ein paar darüberhinausgehende gesellschaftliche Seitenhiebe verteilt werden. Cartoons und Selbsttests lockern den wie üblich kurzweiligen Spaß weiter auf und die Mad-typische Selbstironie fehlt ebenso wenig wie die eine oder andere je nach Lesart köstliche oder alberne Absurdität.

Wie gut der Humor über weite Stecken gealtert ist, spricht für Mad, ist aber auch ein Indiz dafür, welch Dauerbrenner das als Aufhänger gewählte Thema ist – wenngleich es sich strenggenommen um eine Mogelpackung handelt, denn 1.000 Tipps zähle ich bei bestem Willen nicht…

Cinema-Sonderband Nr. 9: Sex im Kino ’84 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex sells – das wusste man Mitte der 1980er auch in der Redaktion der Hamburger Filmzeitschrift Cinema. Deren Sonderhefte/-bände Nummer 6 bis 9 trugen die Titel „Erotik im Film – Kino der Lüste“, „Sex im Kino ‘83“, „Sexstars“ und „Sex im Kino ’84“, um das es hier gehen soll.

Unschwer zu erkennen, handelt es sich um den Nachfolger von „Sex im Kino ‘83“, wenn auch in leicht abgespeckter Form: Auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die eigenartige Kapiteleinteilung des Vorgängers, auch der Portraitteil, der sich mehr oder weniger verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten des erotischen Films gewidmet hatte, entfällt. Stattdessen geht es nach einem Inhaltsverzeichnis in diesem erneut 132-seitigen, großformatige Softcover-Band Schlag auf Schlag mit vermutlich nicht nur den „Höhepunkten“ des Erotikgenres, die uns der Titel verspricht, sondern schlicht allen nach Dafürhalten der Redakteure als ihm zugehörig kategorisierbaren Filmen, die 1984 (oder 1983, da nimmt man’s nicht so genau…) in den deutschen Kinos (wieder-)aufgeführt wurden. Konkret bedeutet das jedoch, dass ärgerlicherweise wieder nicht zwischen Erotik-/Softsex-Filmen und Pornos unterschieden wurde, die hier munter durcheinandergewürfelt wurden. Harmlose Komödien mit Erotik-Touch oder Fantasy-Streifen wie „Die Mächte des Lichts“ oder „Das Duell der Besten“ finden sich hier wie selbstverständlich zwischen HC-Fleischfilmen.

Jeweils ein bis sechs Seiten lang werden hier Filme wie „Erste Sehnsucht“, „Flashdance“ (!), „Sunshine Reggae auf Ibiza“, „Gwendoline“, „Das Mädchen von Triest“ und „Eis am Stiel“, Teile IV und V, vorgestellt, wobei auf allzu viel Text zugunsten großzügiger Abbildungen von Filmszenen verzichtet wird. Neben dem Jahreskatalogeffekt, über den dieses Buch verfügt und der in Zeiten von durchsuch- und filterbaren Internetdatenbanken weitestgehend uninteressant geworden ist, machen diese knackscharfen Fotos den eigentlichen Reiz des Buchs aus, das damit aber zu nicht viel mehr als einem Bildband degradiert wird. Beim überwiegenden Teil der Texte handelt es sich nämlich um keine Rezensionen oder gar kritische Reflektionen, sondern lediglich um knappe Inhaltsangaben inklusive hin und wieder einem wertenden Adjektiv. Diese werden um ein paar Stabangaben ergänzt, bei denen diesmal nicht einmal die Produktionsjahre angegeben werden.

Seltsamerweise finden sich auch hier wieder Einträge, die sich nicht verifizieren lassen: In keiner Datenbank habe ich Filme wie „Patricia – Das süße Früchtchen“ (Regie: angeblich Raymond Lewin) oder „Ein Sommer voller Liebe“ (Alba Gran) finden können. Aus Walter Molitors Porno „Supergirls for Love“ macht man „Supergirls in 3-D” und gibt als Regisseur einen Amato Beceli an. Kritische Worte findet man immerhin zum von der Fassbinder-Crew gedrehten Exploitationfilm „Insel der blutigen Plantage“, um nur ein paar Seiten weiter bei der Inhaltsangabe zu „Das Frauenlager“ gleichgeschlechtliche Beziehungen in einem Atemzug mit Brutalität, Misshandlungen, Vergewaltigungen und einigem negativ Konnotierten mehr zu nennen. Puh. Apropos: Auffallend ist die relativ hohe Anzahl an Frauengefängnisfilmen, die offenbar seinerzeit ins Kino drangen.

Viel mehr Erkenntnisse lassen sich diesem kruden Sonderband jedoch nicht entnehmen, sodass ich mein Fazit zum Vorgänger mit angepasster Jahreszahl wiederholen kann: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1984 hingegen vollkommen ungeeignet.

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