Wer sich fürs europäische Genre-Kino interessiert und/oder auf Exploitation-Filme steht, dürfte vermutlich früher oder später auf den Namen Erwin C. Dietrich stoßen. Alle anderen hingegen eher nicht, und das ist schade, denn Dietrichs sich auf über 100 Filmproduktionen erstreckendes Schaffen dürfte eigentlich für jeden aufschlussreich sein, der sich für Kinohistorie interessiert. Abhilfe schafft da dieses edel aufgemachte, großformatige, gebundene, vollfarbige und mit Schutzumschlag versehene Buch aus dem Verlag Scharfe Stiefel, das dort im Jahre 2006 erschien und sich auf rund 200 Seiten aus hochwertigem Glanzpapier reichbebildert Dietrichs Lebenswerk als Filmemacher (Urania-Film, Elite/Ascot), Filmverleiher (Avis, Ascot-Elite) sowie Erotikfilm- und Multiplex-Pionier widmet. Laut den Autoren basiert es auf ausführlichen Interviews mit Dietrich persönlich, was die unheimliche Detailfülle erklärt.
Auf ein Vorwort Jess Francos, jenem Spanier und besessenen Vielfilmer, mit dem Dietrich einige erfolgreiche Erotik- und Sexfilme realisierte, folgt chronologisch aufgearbeitet Dietrichs berufliche Vita. Es ist die eines Mannes, der sich auf Grundlage seines eigenen Arbeitsethos von bescheidenen Anfängen Stück um Stück organisch hochgearbeitet hat und nicht immer, aber oft den richtigen Riecher für Film- und Publikumstrends hatte – und gut mit Geld umzugehen verstand. Natürlich sind seinerzeit viele auf der Erotik- und Sexfilmwelle als Folge der sexuellen Revolution mitgesurft, doch Dietrich war früher als viele andere am Start und häufig einfach besser. Seine Filme sind alles andere als perfekt, verfügen aber oftmals über wesentlich mehr Charme, Verve und/oder Inspiration als beispielsweise die direkte bundesdeutsche Konkurrenz mit ihren peinlichen Machwerken, was besonders retrospektiv auffällt. Pornos hingegen hat Dietrich stets abgelehnt (aber dennoch einen in der Filmographie).
Eppenbergers und Stapfers wohlsortiert in Kapitel unterteilte Buch liest sich fesselnd und spannend, nicht zuletzt, da auch Dietrichs Fehlentscheidungen und Krisen nicht ausgespart werden, und weil sie die popkulturelle Gesamtsituation der jeweiligen Zeitabschnitte einbeziehen und einschätzen – sodass sich Dietrichs Beiträge zu ihr besser einordnen lassen. Partner und Weggefährten Dietrichs wie George Morf, Peter und Walter Baumgartner, Werner Zeindler, Euan Lloyd, Paul Grau, Wilhelm Sigg u. a. werden mit ausführlichen Lebensläufen vorgestellt; es geht also nicht nur um Dietrich, sondern um Dietrich und sein ganzes Konglomerat. Dem umstrittenen Women-in-prison-Sujet wird ebenso ein Exkurs zuteil wie dem Jugendfilm-Verleih (S. 129, sehr lesenswert…), die „Mad Foxes“-Story hingegen hätte deutlich detaillierter ausfallen müssen – immerhin einer der unglaublichsten Filme der Welt! Schade auch, dass auf die Hintergründe der den Film höchst amüsant torpedierenden „Django Nudo“-Synchronisation gar nicht eingegangen wird.
Sexfilme oder meinetwegen auch einen Porno hin oder her, der eigentliche Sündenfall Dietrichs war die Zusammenarbeit mit dem faschistoiden Briten Lloyd für einen Propagandafilm (ausgeführt auf S. 128). Mit Lloyd zusammen hatte Dietrich auch den Söldnerfilm „Die Wildgänse kommen“ umgesetzt, der einen Kinotrend auslöste, der im Buch sehr anschaulich beschrieben wird. Am Schluss darf man sich noch an einem Exkurs in die Schweizer Lichtspielhausgeschichte erfreuen, denn auch dieser liest sich interessanter, als man vielleicht vermuten würde, und stimmt auch einen Bundesdeutschen ein bisschen nostalgisch. Natürlich hat das Buch noch weit mehr zu bieten; schließlich offenbart es ein bedeutendes Stück Trivialfilmgeschichte, das unbedingt einmal erzählt werden musste. Zur Anwendung kommt dafür ein der schweizerischen Rechtschreibung gehorchendes, gutes Deutsch, das qualitativ über so manche Filmbuchveröffentlichung aus bspw. dem MPW-Verlag herausragt und nur wenige, erstauflagentypische Fehler aufweist.
Ein Schmöker, der einlädt, Dietrichs Œuvre selbst einmal im Heimkino aufzuarbeiten – zumindest ausgewählte Stücke daraus…

Die friedliche Revolution in der DDR und die Wende waren bemerkenswert, was daraus schließlich wurde hingegen eine Farce – so weit, so bekannt. Der Rostocker Fotograf Siegfried Wittenburg war seinerzeit mittendrin und hat so viel wie möglich mit seiner Kamera festgehalten. Somit kann er auf ein beträchtliches Fotoarchiv aus der Zeit des Umbruchs in der Stadt an der Ostseeküste zurückgreifen, das er u.a. für dieses Buch öffnete. Wittenburg brachte es im Selbstverlag im Jahre 2009 heraus, und es macht äußerlich einiges her: Die rund 80 Seiten bestehen aus festem Kartonpapier und stecken im festen Einband zwischen zwei stabilen Deckeln. Großflächige Schwarzweißfotos werden von Erlebnisberichten 14 verschiedener damals Beteiligter ergänzt, das Layout ist luftig und zum Lesen einladend. Große wie kleine Bilder sind jeweils mit Orts- und Jahresangaben versehen, der Großteil stammt – logisch – aus dem Jahre 1989.
„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch dieser 116-seitige Band im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier aus dem Jahre 2017, der sich dem Umgang des MfS mit westdeutschen RAF-Terroristinnen und -terroristen widmet. Hierfür wurden die Scans zahlreicher MfS-Akteneinträge abgedruckt, die seitens des BStU komplett unkommentiert bleiben. Dafür führt jedoch ein dreiseitiges Vorwort ins Thema ein und versucht sich an einer Auslegung der aus den Unterlagen gewonnenen Erkenntnisse. Die Dokumente wurden in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Kapitel („Anfänge“, „Beobachtung und Aufklärung“, „Projekt Übersiedlung“, „Unterstützung“ sowie „Verschleierung und Distanzierung“) aufgeteilt, denen jeweils ein kurzer Text mit geschichtlichen und politischen Hintergründen vorangestellt wurde. Im Anhang finden sich ein Abkürzungsverzeichnis und BStU-Kontaktdaten.
Die Erlebnisse des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung gehen in die nächste Runde: Nach „Berts heimlichen Katastrophen“ sind es nun gar „Megakatastrophen“, die die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson im siebten Band der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe beschreiben, die Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr enthalten. Die humorige Coming-of-Age-Reihe ist von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschienen. Olsson und Jacobsson versetzen sich in die Gefühlswelt ihres Protagonisten und versuchen diese so wiederzugeben, wie a) er sie in einem Tagebuch niedergeschrieben hätte und b) sie ein jugendliches Publikum mit ähnlichen Voraussetzungen erreichen, das sich mit der Figur identifizieren kann. „Berts Megakatastrophen“ ist in Schweden 1994 und in der deutschen Übersetzung 1997 veröffentlicht worden.
Karl Marx‘ „Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie.“ erschien im Jahre 1867 und besitzt noch immer Gültigkeit, wird jedoch kaum noch von jemandem gelesen. Um Marx‘ Ergebnisse seiner Forschungen in Bezug auf Wirtschaft und Politik allgemeinverständlich zu abstrahieren, erschien 1974 mit „Geschichten vom Doppelcharakter. Der erste Band des ‚Kapital‘, gezeichnet & kommentiert von K. Plöckinger & G. Wolfram“ im Hamburger VSA-Verlag eine erste Comic-Adaption. Diese nahm der finnischstämmige, in Goch aufgewachsene Zeichner und Autor Jari Banas als Grundlage für seine 1980 ebendort veröffentlichte Comic-Version, die mehrere Neuauflagen erfuhr und 2018 anlässlich Marx‘ 200. Geburtstags als aktualisierte und vollkolorierte Fassung in einer rund 170-seitigen Softcover-Ausgabe erschien.
Das im Jahre 2013 im Kölner Komet-Verlag veröffentlichte Buch „Kindheit in der DDR“ lässt 160 großformatige Seiten auf hochwertigem Glanzpapier im festen Einband lang und mit über 200 Fotos gespickt mehrere Autorinnen und Autoren ihre Kindheitserinnerungen an die DDR Revue passieren – subjektiv, aus kindlicher Perspektive, anekdotisch.
Der deutsche Cartoonist Ivica Astalos – der einzige Mad-Zeichner nicht-amerikanischer Herkunft, von dem Taschenbücher innerhalb der Mad-Reihe erschienen – veröffentlichte im Jahre 1982 seinen zweiten Band, der weit mehr ist als eine Verballhornung bekannter Märchen. Auf ein gewohnt humoristisches Vorwort des Herausgebers Herbert Feuerstein folgen auf rund 160 unkolorierte Seiten verteilte acht Kapitel.
Scheißhaus an Marmeladeneimer
Den US-Comiczeichner Peter Bagge hatte ich Mitte der 1990er dadurch kennenlernt, dass der Carlsen-Verlag seine punkig-anarchische, im Seattle des Grunge-Booms angesiedelte Funny-Reihe „Hate!“ unter dem deutschen Titel „Leck mich!“ veröffentlichte. Nach neun großartigen Heften war Schluss, und was ich nicht ahnte: Bereits vor „Hate!“ hatte Bagge Comics um sein Alter Ego Buddy Bradley gezeichnet und veröffentlicht. In diesen hatte es Buddy noch nicht nach Seattle verschlagen, sondern er lebte mit seiner Familie (Mutter, Vater, Schwester, kleiner Bruder) in einer New Yorker Vorstadt und pubertierte fröhlich vor sich hin. Der Alpha-Verlag veröffentlichte 1991 innerhalb seiner „U-Comic präsentiert“-Reihe als Band Nr. 45 ausgewählte Geschichten, die im US-Original im Zeitraum 1985 bis ’89 – also noch vorm die erste Hälfte der ‘90er popkulturell prägenden Grunge-Hype – erschienen waren.