Scheißhaus an Marmeladeneimer
Angefixt durch Frank Schäfers „Rumba mit den Rumsäufern – Noten zur Literatur“ habe ich mir antiquarisch dessen Quasi-Vorgänger besorgt: „Homestories“ ist im Jahre 2008 im Hamburger Textem-Verlag erschienen, seine rund 150 Seiten sind zwischen zwei festen Buchdeckeln im Schutzumschlag gebunden. Die Gespräche, die der Braunschweiger Dr. phil. Schäfer, selbst Schriftsteller und Literaturexperte, mit Wolf Wondratschek, Eugen Egner, Peter Glaser, Max Goldt, Helge Schneider, Frank Schulz, Horst Friedrichs, Harry Rowohlt, Ludwig Lugmeier und Thomas Kapielski führte, waren auf verschiedene Ausgaben verteilt in gekürzter Form zwischen 2003 und 2006 bereits im „Rolling Stone“ angedruckt worden.
Zweifelsohne verdienen sie die etwas prätentiöse Wiederveröffentlichung in ihrem vollen Umfang, denn so unterschiedlich die Personalien, so abwechslungsreich, spannend und unterhaltsam sind auch die Interviews, die Schäfer mitsamt den vor Ort gewonnenen Eindrücken in Essay-Form verarbeitete. Wondratschek traf er in dessen Hotelzimmer in einer Berliner Fünf-Sterne-Unterkunft, Egner hingegen in dessen Haus in Wuppertal, eine Stadt, für die Schäfer offenbar nicht das Geringste übrighat – und in der er etwas elitär beleidigend zusammen mit Egner über dessen lärmende Nachbarn herzieht. New-Wave-Literat und Chaos-Computer-Club-Mitbegründer Glaser empfängt Schäfer ebenfalls zu Hause, wo Glaser u.a. über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Journalismus und Literatur resümiert und sich an alte Punk-Zeiten erinnert.
Mit Max Goldt war lediglich ein E-Mail-Austausch möglich, augenscheinlich indes ein sehr ergiebiger, in dem Goldt sich für mich etwas überraschend als echter Schöngeist entpuppt. Helge Schneider traf Schäfer im Zuge der Pressevorstellung des Schneider-Films „Jazz Club“ und entlockte ihm, weshalb er zwar „Clockwork Orange“, nicht jedoch „Pulp Fiction“ mag. Ein weiterer Höhepunkt ist das Gespräch mit Harry Rowohlt, das beinahe gar nicht stattgefunden hätte, zumindest immer wieder aufgeschoben worden war, wie Schäfer chronologisch dokumentiert. Himmel, welch göttlichen Humor Rowohlt besaß! Durch Lektüre wie diese wächst die Liste an Schriftsteller(inne)n, von denen ich wirklich einmal etwas lesen sollte. Aber das nur am Rande…
Nicht unbedingt lesen muss ich die „Jerry Cotton“-Heftromane, umso aufschlussreicher ist aber, was Horst Friedrichs, alteingesessener Stammautor jener Reihe, über diesen oft verschmähten, doch noch häufiger innig geliebten Bereich der Trivialkultur und die damit einhergehenden speziellen Produktionsprozesse zu berichten hat. Man kann es Schäfer gar nicht hoch genug anrechnen, wie er Friedrichs und dessen Lebenswerk respektvoll und auf Augenhöhe begegnet. Vom Verbrechensbekämpfer zum Verbrecher: Lugmeier hat bewaffnete Raubüberfälle begangen und war ein echter Knacki, bevor er zum Schriftsteller avancierte. Mit Schulz klappert Schäfer auf dem norddeutschen Lande Originalschauplätze dessen Dorfabenteuer ab und mit Kapielski geht er einen trinken. Letzterer wird von Schäfer so wunderbar blumig charakterisiert, dass ich es zitieren muss: „Er hat sich eine ganz eigene, von Luther’schem Starckdeutsch infizierte, mit altväterlicher Gelehrsamkeit und wilhelminischem Pathos gewichste Protz- und Spreizdiktion erschrieben, die immer wieder übertönt wird vom gewitzten Proletensound der Berliner Eckkneipe oder ironisch angeschrägt von forcierter, bisweilen durchaus alberner Sprachspielerei.“ Leider entblödet Kapielski sich nicht, ausgerechnet den rechtspopulistischen Eiferer Udo Ulfkotte, der zuletzt ausschließlich im Idiotenverlag Kopp veröffentlichte, als „Mutigen“ darzustellen. Au weia…
Nichtsdestotrotz, um es auf den Punkt zu bringen: Um zumindest den überwiegenden Teil dieser Homestories genießen zu können, braucht man sich einen feuchten Kehricht für Literatur oder die von Schäfer heimgesuchten Schriftsteller zu interessieren. Ein gewisses Interesse an unterhaltsam, pointiert und mit feinem Humor geschriebenen Geschichten – denn das sind diese Essays – reicht vollkommen aus. Kommt eine grundsätzliche Offenheit gegenüber den in dieser Form Porträtierten hinzu, sind alle Voraussetzungen gegeben, darüber hinaus einiges an Inspiration und Wissen mitzunehmen. Ach, und natürlich eigenartige Wörter, sprich: Schäferesken wie faunisieren, Epiphanie, bramarbasiert, Invektiven, Epistel, Temperenzler, prolongiert oder auch antichambrieren.
Schäfer ist es offenbar gelungen, den richtigen Zugang zu seinen Gesprächspartnern zu finden, irgendwo zwischen neugierigem, durchaus kritischem, aber immer gut vorbereitetem Journalisten und respektvollem Bewunderer. Was er ihnen entlockte, hat er zu sehr lesenswerten Mischungen aus Sachinformation und Persönlichem geformt, das, häufig verankert im Privatumfeld der Gesprächspartner, ein runderes Bild zu vermitteln versteht als es sich lediglich auf Teilaspekte beziehenden Interviews oder gar boulevardesker Berichterstattung in der Regel möglich ist.

Den US-Comiczeichner Peter Bagge hatte ich Mitte der 1990er dadurch kennenlernt, dass der Carlsen-Verlag seine punkig-anarchische, im Seattle des Grunge-Booms angesiedelte Funny-Reihe „Hate!“ unter dem deutschen Titel „Leck mich!“ veröffentlichte. Nach neun großartigen Heften war Schluss, und was ich nicht ahnte: Bereits vor „Hate!“ hatte Bagge Comics um sein Alter Ego Buddy Bradley gezeichnet und veröffentlicht. In diesen hatte es Buddy noch nicht nach Seattle verschlagen, sondern er lebte mit seiner Familie (Mutter, Vater, Schwester, kleiner Bruder) in einer New Yorker Vorstadt und pubertierte fröhlich vor sich hin. Der Alpha-Verlag veröffentlichte 1991 innerhalb seiner „U-Comic präsentiert“-Reihe als Band Nr. 45 ausgewählte Geschichten, die im US-Original im Zeitraum 1985 bis ’89 – also noch vorm die erste Hälfte der ‘90er popkulturell prägenden Grunge-Hype – erschienen waren.
Die im US-amerikanischen Original bereits im Jahre 1978 erschienenen fünfzehn neuen Spionageabenteuer wurden innerhalb der deutschen Mad-Taschenbuch-Reihe 1982 als fünfter „Spion & Spion“-Band veröffentlicht. Auf den gewohnten rund 160 unkolorierten und nun leider wieder unnummerierten Seiten werden die jeweils im „Der Fall mit…“-Muster betitelten Geschichten in einem Umfang von ein bis drei Panels pro Seite erzählt, wobei nach wie vor auf jeglichen Text verzichtet wird (abgesehen von einigen Beschriftungen). Und einmal mehr habe ich den Eindruck, dass diese Kalter-Krieg-Satire verglichen mit Prohias‘ älteren Zeichnungen abermals ein neues Level an Absurdität in den Methoden, mit denen sich beide Spione gegenseitig den Garaus machen, erreichen. Dass eine Geheimkonferenz öffentlich angeschlagen wird, um den Gegner in eine Falle zu locken, ist da noch das Harmloseste. So wird aus einer stinkenden Socke ein Handschuh gestrickt und einer Dame zugespielt, damit diese ihn anzieht und dem Gegner zum Handkuss hinhält, woraufhin dieser ob der Geruchsemission in Ohnmacht fällt; so wird ein Alligator dazu gebracht, eine Sprungfeder mit angebundenem Wecker zu verschlucken; so werden Handschuhe ferngesteuert und wird zu guter Letzt ein Magnet auf die denkbar komplizierteste Weise mit Reißnägeln in Verbindung gebracht. Bei 15 Fällen muss es einen Sieger geben, den ich hier aber nicht verrate. Auch dieser fünfte Band ist ein Musterbeispiel für kreative Niedertracht und Brutalität und erfordert eine gewisse Konzentration auf die Zeichnungen, um die Pläne und die aus ihnen resultierenden Kettenreaktionen in vollem Umfang zu erfassen. Eine Besonderheit dieser Ausgabe: Mehrfach tauchen Zeitungen in verschiedener Form auf, die hier mit zufällig ausgewählt wirkenden deutschsprachigen Texten bedruckt sind.
Nach Don Martin im ersten Mad-Taschenbuch wurde dem Zeichner Sergio Aragones die Ehre zuteil, das zweite deutsche Mad-Taschenbuch auszufüllen: „Viva Mad!“ erschien im Jahre 1973 und gab dem aus den Mad-Heften lediglich als „Randerscheinung“ bekannten Aragones die Möglichkeit, seine sonst auf winzige Heftrandzeichnungen beschränkten Comics großzügig auf die diesmal nur rund 130 schwarzweißen Taschenbuchseiten auszudehnen. Mit „großzügig“ ist gemeint, dass sich nur maximal drei Panels auf einer Seite befinden, häufig sogar lediglich eines. Vom ein oder anderen Soundword abgesehen findet sich keinerlei Text, lediglich die acht Kapitel, in die das Buch thematisch unterteilt wurde, tragen Überschriften: „Es lebe Karate“, „[…] der Schatten!“, „[…] der Sommer!“, „Es leben die Monster!“, „Es lebe die Jagd!“, „[…] das Krankenhaus!“, „[…] das Fischen!“ und „[…] die Revolution!“
Das vierte Mad-Taschenbuch des New Yorker „Reporters“ Dave Berg ist auf den gewohnten rund 160 (leider unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten in die drei Hauptkapitel „Dave Berg linst“, „…lauscht“ und „…grinst“ unterteilt – jedoch ohne wirkliche inhaltliche Entsprechung. Die im US-amerikanischen Original im Jahre 1979 und in dieser deutschen Bearbeitung 1982 erschienene Sammlung maximal vierseitiger Comic-Strips, die aus lediglich ein bis zwei Panels pro Seite bestehen, widmet sich einmal mehr satirisch dem US-Alltag, den Berg auf einzelne, i.d.R. jeweils unterschiedliche Figuren und ihr familiäres Umfeld oder ihren Bekanntenkreis herunterbricht. Insbesondere widersprüchliches menschliches Verhalten hat es ihm angetan, das Hauptbestandteil zahlreicher Pointen ist. Diese gehen auf Kosten sämtlicher Generationen und Stereotypen, niemand wird verschont – und mancher dürfte sich wiedererkennen, ohne gleich beleidigt zu sein, denn Bergs Humor ist recht verträglicher, nichtsdestotrotz sehr sympathischer und charmanter Art, sein unverkennbarer halbrealistischer Zeichenstil gut dazu passend. Einblicke in Zeitgeist und Populärkultur seiner Entstehungszeit (der Videospielpionier „Pong“!) sind inklusive und viele Gags zünden nach wie vor; als Beispiel sei die Formulierung „Amt und Hürden“ genannt, zu der natürlich auch die deutsche Übersetzung ihren Teil beigetragen hat. Aus heutiger Sicht irritiert indes die eine oder andere Eindeutschung: Im Original wurde beispielsweise sicherlich ein Football-Spiel geschaut und kein Kick des FC Schalke 04.
Sex? Im Kino? Nein, hier geht es natürlich nicht um Nümmerchen zwischen den Sitzreihen der Lichtspielhäuser, sondern ums ebendort Gezeigte. Nach den Sonderausgaben/-bänden
Es dauerte bis zum Jahre 1980, bis auch Mad-Zeichner Don Edwing sein eigenes Taschenbuch bekam. Dieses widmete er seinem Entdecker und Freund Nick Meglin und gewann seinen Kollegen und Namensvetter Don Martin für ein köstliches, ironisches Vorwort. Im gewohnten Umfang von rund 160 unkolorierten, diesmal leider auch unnummerierten Seiten frönt Edwing dem schwarzen Humor: Seine drei- bis fünfseitigen, i.d.R. lediglich ein Panel pro Seite umfassenden, gern mit „Neulich, bei…“, „Am Montag, auf…“ oder „Schon wieder bei…“ betitelten Cartoons im karikierenden Funny-Stil enden nicht selten tödlich. Das am häufigsten wiederkehrende, stets variierte Motiv ist die Hinrichtung eines vor einer Mauer gefesselten Delinquenten, dicht gefolgt vom schwierig zu erreichenden, an Rapunzel gemahnenden Mädchen im Turm. Dazwischen tummeln sich jedoch auch einige harmlosere Vertreter Edwing’schen Humors, bei denen die Pro- oder Antagonisten geringeren oder gar keinen physischen Schaden erleiden. Etwaige Dia- oder Monologe sind aufs Allernötigste beschränkt, nicht wenige Cartoons kommen ganz ohne Sprechblasen aus und beschränken sich auf Soundwords. Ein schöner Spaß für zwischendurch, wenngleich problemlos in 15 bis 20 Minuten und damit etwas arg schnell durchge“lesen“.
„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch zwei Bände zu den Kommunalwahlfälschungen 1989, deren Beobachtung und Aufdeckung durch unabhängige Bürgerinnen und Bürger die Keimzelle für die zahlreichen Proteste großer Teile der DDR-Bevölkerung bildete, die schließlich den Umbruch und damit die Wende einleiteten. Aus dem Rostocker Stasi-Museum habe ich mir den die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg abdeckenden Band mitgenommen.
Was ich beim Erwerb für eine weitere Rezensionssammlung hielt – weil, analog zum Vorgänger