Der deutsche Cartoonist Ivica Astalos – der einzige Mad-Zeichner nicht-amerikanischer Herkunft, von dem Taschenbücher innerhalb der Mad-Reihe erschienen – veröffentlichte im Jahre 1982 seinen zweiten Band, der weit mehr ist als eine Verballhornung bekannter Märchen. Auf ein gewohnt humoristisches Vorwort des Herausgebers Herbert Feuerstein folgen auf rund 160 unkolorierte Seiten verteilte acht Kapitel.
„Wie alte Märchen heute enden würden“ passt den Ausgang fünf verschiedener Märchen je drei bis vier Seiten lang in satirischer Comicform an die Tücken der Moderne an, „Dinge, die es leider nur im Märchen gibt“ stellt auf jeweils zwei Seiten mittels großen Bildern in Astalos karikierendem Stil Märchenmythen der Realität gegenüber und flicht dabei einige Kritik am sozialen Miteinander ein („Das gibt es leider nur IM MÄRCHEN, daß sich ein wohlerzogenes Enkelkind rührend um seine Großmutter kümmert! IN WIRKLICHKEIT hingegen weißt du weder die Zahl deiner Enkelkinder noch, wie sie überhaupt aussehen!“) und „Märchen aus dem Alltag“ illustriert auf jeweils einer Seite in einpaneligen Comics unhaltbare Aussagen aus dem Alltag, um diese – meist ebenfalls inklusive beißender Kritik – sarkastisch zu kommentieren („ES WAR EINMAL ein Spieß, der sagte: ,Das ist nötig, damit ihr im Ernstfall am Leben bleibt!‘ …und wenn kein Atomkrieg dazwischenkam, dann klopft er solche Sprüche heute noch!“). „Wenn die alten Märchen in unserer heutigen Zeit spielten…“ knüpft thematisch ans erste Kapitel an, stellt jedoch jeweils eine Zeichnung einer anderen gegenüber. So machen sich z.B. im Märchen die Normalos über den Struwwelpeter lustig, während „heute“ langhaarige Hippies mit dem Finger auf einen normalfrisierten Jungen zeigen. Und der Kaiser mit seinen „neuen Kleidern“ erregt am FKK-Strand kein öffentliches Aufsehen mehr…
Die dummen Fragen und klugen Antworten Al Jaffees adaptiert Astalos im Märchensujet originalgetreu mit Mehrfachauswahl und Platz für jeweils eine eigene Antwort, „Märchen, die uns die Werbung erzählt“ stellt wieder jeweils einpanelige Karikaturen auf zwei Seiten gegenüber und persiflieren Zigaretten-, Parfum-, Auto-Werbung usw. sowie das CMA-Gütesiegel. Einer der Höhepunkt dieses Mad-Taschenbuchs sind die „Berühmte[n] Worte, die sich hinterher als Märchen entpuppten“, die in ihren einpaneligen Comics historische Momente aufgreifen, deren Doppelzüngigkeit bloßstellen, indem sie u.a. Kolonialismus und Rassismus kritisieren und dabei ohne jede weitere Erklärung auskommen – eigentlich hätte es nicht einmal der Zeichnungen bedurft, die jeweiligen Aussagen sprechen für sich. Getoppt wird das sogar noch vom letzten Kapitel „Märchen, die gar keine sein dürften“, in dem auf jeweils einer Seite Märchen wie „vom einsichtigen Hausbesitzer“, „vom guten Fabrikanten“ oder auch das „von der ehrlichen Presse“ mit einer Karikatur und einem Textanriss dargestellt werden. Hier bekommt mancher sein Fett weg, der es mehr als verdient hat – bis zur Systemkritik ist’s hier nicht mehr weit.
Der durch sieben sich über nur wenige Seiten erstreckende und ohne Text auskommende, klassische Märchen alternativ erzählende „Mad-Minimärchen“ zusätzlich aufgelockerte Band ist nah am perfekten Mad-Taschenbuch: Witzig und kurzweilig, abwechslungsreich, bissig und satirisch, dennoch mit Freude an der Albernheit – und intelligent genug, mit der Doppeldeutigkeit des Märchenbegriffs gut durchdacht zu arbeiten.

Scheißhaus an Marmeladeneimer
Den US-Comiczeichner Peter Bagge hatte ich Mitte der 1990er dadurch kennenlernt, dass der Carlsen-Verlag seine punkig-anarchische, im Seattle des Grunge-Booms angesiedelte Funny-Reihe „Hate!“ unter dem deutschen Titel „Leck mich!“ veröffentlichte. Nach neun großartigen Heften war Schluss, und was ich nicht ahnte: Bereits vor „Hate!“ hatte Bagge Comics um sein Alter Ego Buddy Bradley gezeichnet und veröffentlicht. In diesen hatte es Buddy noch nicht nach Seattle verschlagen, sondern er lebte mit seiner Familie (Mutter, Vater, Schwester, kleiner Bruder) in einer New Yorker Vorstadt und pubertierte fröhlich vor sich hin. Der Alpha-Verlag veröffentlichte 1991 innerhalb seiner „U-Comic präsentiert“-Reihe als Band Nr. 45 ausgewählte Geschichten, die im US-Original im Zeitraum 1985 bis ’89 – also noch vorm die erste Hälfte der ‘90er popkulturell prägenden Grunge-Hype – erschienen waren.
Die im US-amerikanischen Original bereits im Jahre 1978 erschienenen fünfzehn neuen Spionageabenteuer wurden innerhalb der deutschen Mad-Taschenbuch-Reihe 1982 als fünfter „Spion & Spion“-Band veröffentlicht. Auf den gewohnten rund 160 unkolorierten und nun leider wieder unnummerierten Seiten werden die jeweils im „Der Fall mit…“-Muster betitelten Geschichten in einem Umfang von ein bis drei Panels pro Seite erzählt, wobei nach wie vor auf jeglichen Text verzichtet wird (abgesehen von einigen Beschriftungen). Und einmal mehr habe ich den Eindruck, dass diese Kalter-Krieg-Satire verglichen mit Prohias‘ älteren Zeichnungen abermals ein neues Level an Absurdität in den Methoden, mit denen sich beide Spione gegenseitig den Garaus machen, erreichen. Dass eine Geheimkonferenz öffentlich angeschlagen wird, um den Gegner in eine Falle zu locken, ist da noch das Harmloseste. So wird aus einer stinkenden Socke ein Handschuh gestrickt und einer Dame zugespielt, damit diese ihn anzieht und dem Gegner zum Handkuss hinhält, woraufhin dieser ob der Geruchsemission in Ohnmacht fällt; so wird ein Alligator dazu gebracht, eine Sprungfeder mit angebundenem Wecker zu verschlucken; so werden Handschuhe ferngesteuert und wird zu guter Letzt ein Magnet auf die denkbar komplizierteste Weise mit Reißnägeln in Verbindung gebracht. Bei 15 Fällen muss es einen Sieger geben, den ich hier aber nicht verrate. Auch dieser fünfte Band ist ein Musterbeispiel für kreative Niedertracht und Brutalität und erfordert eine gewisse Konzentration auf die Zeichnungen, um die Pläne und die aus ihnen resultierenden Kettenreaktionen in vollem Umfang zu erfassen. Eine Besonderheit dieser Ausgabe: Mehrfach tauchen Zeitungen in verschiedener Form auf, die hier mit zufällig ausgewählt wirkenden deutschsprachigen Texten bedruckt sind.
Nach Don Martin im ersten Mad-Taschenbuch wurde dem Zeichner Sergio Aragones die Ehre zuteil, das zweite deutsche Mad-Taschenbuch auszufüllen: „Viva Mad!“ erschien im Jahre 1973 und gab dem aus den Mad-Heften lediglich als „Randerscheinung“ bekannten Aragones die Möglichkeit, seine sonst auf winzige Heftrandzeichnungen beschränkten Comics großzügig auf die diesmal nur rund 130 schwarzweißen Taschenbuchseiten auszudehnen. Mit „großzügig“ ist gemeint, dass sich nur maximal drei Panels auf einer Seite befinden, häufig sogar lediglich eines. Vom ein oder anderen Soundword abgesehen findet sich keinerlei Text, lediglich die acht Kapitel, in die das Buch thematisch unterteilt wurde, tragen Überschriften: „Es lebe Karate“, „[…] der Schatten!“, „[…] der Sommer!“, „Es leben die Monster!“, „Es lebe die Jagd!“, „[…] das Krankenhaus!“, „[…] das Fischen!“ und „[…] die Revolution!“
Das vierte Mad-Taschenbuch des New Yorker „Reporters“ Dave Berg ist auf den gewohnten rund 160 (leider unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten in die drei Hauptkapitel „Dave Berg linst“, „…lauscht“ und „…grinst“ unterteilt – jedoch ohne wirkliche inhaltliche Entsprechung. Die im US-amerikanischen Original im Jahre 1979 und in dieser deutschen Bearbeitung 1982 erschienene Sammlung maximal vierseitiger Comic-Strips, die aus lediglich ein bis zwei Panels pro Seite bestehen, widmet sich einmal mehr satirisch dem US-Alltag, den Berg auf einzelne, i.d.R. jeweils unterschiedliche Figuren und ihr familiäres Umfeld oder ihren Bekanntenkreis herunterbricht. Insbesondere widersprüchliches menschliches Verhalten hat es ihm angetan, das Hauptbestandteil zahlreicher Pointen ist. Diese gehen auf Kosten sämtlicher Generationen und Stereotypen, niemand wird verschont – und mancher dürfte sich wiedererkennen, ohne gleich beleidigt zu sein, denn Bergs Humor ist recht verträglicher, nichtsdestotrotz sehr sympathischer und charmanter Art, sein unverkennbarer halbrealistischer Zeichenstil gut dazu passend. Einblicke in Zeitgeist und Populärkultur seiner Entstehungszeit (der Videospielpionier „Pong“!) sind inklusive und viele Gags zünden nach wie vor; als Beispiel sei die Formulierung „Amt und Hürden“ genannt, zu der natürlich auch die deutsche Übersetzung ihren Teil beigetragen hat. Aus heutiger Sicht irritiert indes die eine oder andere Eindeutschung: Im Original wurde beispielsweise sicherlich ein Football-Spiel geschaut und kein Kick des FC Schalke 04.
Sex? Im Kino? Nein, hier geht es natürlich nicht um Nümmerchen zwischen den Sitzreihen der Lichtspielhäuser, sondern ums ebendort Gezeigte. Nach den Sonderausgaben/-bänden
Es dauerte bis zum Jahre 1980, bis auch Mad-Zeichner Don Edwing sein eigenes Taschenbuch bekam. Dieses widmete er seinem Entdecker und Freund Nick Meglin und gewann seinen Kollegen und Namensvetter Don Martin für ein köstliches, ironisches Vorwort. Im gewohnten Umfang von rund 160 unkolorierten, diesmal leider auch unnummerierten Seiten frönt Edwing dem schwarzen Humor: Seine drei- bis fünfseitigen, i.d.R. lediglich ein Panel pro Seite umfassenden, gern mit „Neulich, bei…“, „Am Montag, auf…“ oder „Schon wieder bei…“ betitelten Cartoons im karikierenden Funny-Stil enden nicht selten tödlich. Das am häufigsten wiederkehrende, stets variierte Motiv ist die Hinrichtung eines vor einer Mauer gefesselten Delinquenten, dicht gefolgt vom schwierig zu erreichenden, an Rapunzel gemahnenden Mädchen im Turm. Dazwischen tummeln sich jedoch auch einige harmlosere Vertreter Edwing’schen Humors, bei denen die Pro- oder Antagonisten geringeren oder gar keinen physischen Schaden erleiden. Etwaige Dia- oder Monologe sind aufs Allernötigste beschränkt, nicht wenige Cartoons kommen ganz ohne Sprechblasen aus und beschränken sich auf Soundwords. Ein schöner Spaß für zwischendurch, wenngleich problemlos in 15 bis 20 Minuten und damit etwas arg schnell durchge“lesen“.
„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch zwei Bände zu den Kommunalwahlfälschungen 1989, deren Beobachtung und Aufdeckung durch unabhängige Bürgerinnen und Bürger die Keimzelle für die zahlreichen Proteste großer Teile der DDR-Bevölkerung bildete, die schließlich den Umbruch und damit die Wende einleiteten. Aus dem Rostocker Stasi-Museum habe ich mir den die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg abdeckenden Band mitgenommen.