Auf „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ folgte ein Jahr später, 1998, die logische Fortsetzung: „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“, ebenfalls im Reclam-Leipzig-Verlag erschienen. Diesmal ohne Beteiligung Rüdiger Wartuschs knöpften sich die Braunschweiger Autoren Gerald Fricke und Frank Schäfer die 1980er vor und zählten damit zu den Pionieren in der literarischen Aufarbeitung des Dezenniums der Postmoderne, die in Deutschland aus der Posthistorie und dem mit ihr verbundenen allgemeinen Krisenbewusstsein entstanden war. Die Vergangenheit galt als fern, das Subjekt als tot, ehemals fortschrittliche Entwicklungen als überholt. Dadurch wurde wieder alles möglich: Wiederaufnahme traditioneller Gattungs- und Genremuster, Spiel mit ästhetischen Formen, ironische Brechung, Mischung der Stillagen, Zitat und Intertextualität, was sich auch in der thematischen Beschäftigung mit Unbewusstem, Verdrängtem, den dunklen Seiten der Persönlichkeit äußerte. Artistik statt Authentizität wurde zum Leitbild, privat-subjektive Alltagsbefindlichkeiten traten hinter einen neuen Kunst- und Stilwillen zurück.
Stilistisch blieben Fricke und Schäfer der eingeschlagenen Linie treu, sprich: statt eines „seriösen“, trockenen Lexikons verfasste man einen sarkastischen, alphabetisch sortierten Führer durch Politik, Gesellschaft, Literatur sowie Pop- und Subkultur der Jahre 1980 bis 1989 aus hochschulgebildeter bundesdeutscher Perspektive mit tendenziell progressiver Haltung. Mit den ca. 175 Seiten dieses Taschenbuchs bekam man einen etwas größeren Umgang zugebilligt, den man u.a. für ein sieben Seiten langes kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis gut zu nutzen wusste. Ein knappes Vorwort und eine kurze Einführung sowie elf Schwarzweißbilder runden das Buch ab.
Sich dieses Wörterbuch im Jahre 2020 während eines (von der Covid-19-Pandemie leider empfindlich unterbrochenen) grassierenden popkulturellen ‘80er-Retrotrends zu Gemüte zu führen, das zudem nun bereits 22 Jahre auf dem Buckel hat, erlaubt eine spezielle Sichtweise sowohl aufs Jahrzehnt als auch auf dieses Buch, die die Verfasser damals natürlich noch nicht haben konnten. Bereits in ihrem ‘70er-Wörterbuch hatten sie durchblicken lassen, wahrlich nicht die größten ‘80er-Fans zu sein. Doch am Ende jener Dekade stand die überraschende Erkenntnis, dass die Apokalypse ausgeblieben und stattdessen der sog. Ostblock relativ sang- und klanglos in sich zusammengefallen war. Verglichen mit den Desillusionen und dem Wahnsinn, die in den ‘90ern über vernunftbegabte Menschen hereinbrachen, muten sie jedoch in der Retrospektive paradiesisch an. In den ‘90ern galt vieles als überholt und peinlich, was in den ‘80ern noch angesagt war – ein Irrtum, wie man längst weiß. Für diese Erkenntnis musste man mutmaßlich jedoch erst einmal die ‘90er überwinden, ergo findet sie sich noch nicht in „Petting statt Pershing“, dessen Titel einer Losung der Friedensbewegung entlehnt wurde. Und vom angeblich schon Ende der ‘90er eingesetzten ersten ‘80er-Revival habe ich nichts mitbekommen – wenn, dann muss es sich um ein kurzes Strohfeuer oder eine Mogelpackung (wie z.B. Modern-Talking-Remixe mit Dancefloor-Beats) gehandelt haben.
Nichtsdestotrotz ist dieses Wörterbuch weit weniger aggressiv anti-‘80er ausgefallen, als ich befürchtet hatte, überwiegend bietet es einen recht nachvollziehbaren Rundumschlag zwischen Einordnung und Polemik, der sich an diejenigen richtet, die selbst dabei gewesen sind. Beim „Alternatives Leben“-Eintrag handelt es schon beinahe um eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte, John Hughes „Breakfast Club“ hat man verstanden und würdigt ihn entsprechend, verrückte Vergleiche wie der Rainald Goetz‘ mit John Belushi gefallen mir ebenso wie der Raum, der (mutmaßlich Schäfers) Literaturkritik eingeräumt wurde – Ulla Hahn z.B. erstreckt sich über drei Seiten, auch Motörhead wird angemessen viel Platz geschaffen, das Videospiel „Pacman“ tiefenpsychologisch interpretiert und gegen Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ ausführlich polemisiert. Genug davon, gehen wir über zur Kritik: Mit Popmusik stand man offenbar so sehr auf Kriegsfuß, dass sich zahlreiche Flüchtigkeitsfehler einschlichen (oder hatte man Sorge, bei korrekter Schreibweise Gema-Abgaben leisten zu müssen?): Bananarama sangen „talking Italian“, nicht „talking Italia“, der Queen-Hit hieß „I Want To Break Free“ (hier unterschlug man das Personalpronomen), in Depeche Modes „People Are People“ hieße es korrekt es statt „what…“ „WHY should it be“, bei „U2 – Where The Streets Have No Names“ dichtete man einen zweiten Plural dazu und aus Grandmaster Flash machte man „Grandmaster Flesh“. Ähnliche Fehler finden sich unter „Conan“, wo man dem Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen mit einem zweiten „s“ an Schärfe verleiht, und unter „Kultur ‘88“, wo Loriot hilflos mitansehen muss, wie aus seiner Komödie „Ödipussi“ das Russ-Meyer-Vehikel „Ödipussy“ wird. Und schickte es sich 1998 tatsächlich noch, US-amerikanische Basketballer als „Neger“ zu titulieren?
Den Versuchen, die Friedensbewegung derartig undifferenziert zu verhöhnen, dürfte das reaktionäre Lager kräftigen Applaus gespendet haben. Echte Männer finden Stevie Wonders „I Just Called To Say I Love You“, jene wunderschöne Liebeserklärung mit ihrem warmem Bass als Herzschlag, natürlich zutiefst kitschig und widmen der Attacke auf dieses Stück einen von nur zwei Eintragen unter „I“. Zugegeben, die dem „Kinder an die Macht“-Eintrag zugrundeliegenden Überlegungen in Bezug auf den gleichnamigen Grönemeyer-Song kamen mir auch, Gerhard Henschels ehrrührendes und zynisches Zitat über Reinhard Mey ist jedoch eine einzige Frechheit, deren Abdruck man sich besser geklemmt hätte. Einen den Rahmen des Buchs sprengenden Eindruck vom Facettenreichtum der ‘80er liefern die Abschnitte „Erfindungen“ und „Zum goldenen Schluß: Was noch fehlt“, unter denen einfach aneinandergereiht wird, worüber man nicht schreiben wollte, konnte oder durfte. Dafür geizte man nicht mit Fremdwörtern und veralteten Vokabeln, was der ohnehin mitunter etwas arroganten Schreibe der Verfasser einen bisweilen unangenehm elitären Duktus verleiht: Autochthonen, kujoniertisch (gibt’s das Wort überhaupt?), rousseauistisch, Trouvaille, extemporiert, Chinoiserie, pyknisch, alludierend, onomatopoetisch, anheischig, insinuieren, kobolzen, lukullisch, Troglodytenkino, saturiert, opak, akzeliert und karriolen. Glückwunsch, Jungs, da braucht man gleich ein weiteres Wörterbuch.
Definitiv fehlt ein Eintrag zum Thema Heavy Metal, was Schäfer zutiefst bedauerte und fortan verstärkt als Autor von Musikbüchern in Erscheinung trat und im Jahre 2001 sogar ein Werk gleichen Titels veröffentlichte. Und das noch einer gewissen juvenilen Wortschatzprahlerei geschuldete Jonglieren mit ungebräuchlichen Begriffen bekam er später bekanntlich auch noch weitestgehend gezähmt. Mein mit den Jahren retrospektiv gewachsenes, persönliches sympathisierende Interesse für (zumindest für jemand subkulturell Sozialisierten) größere Teile postmodern geprägter, sich neue Freiheiten zunutze machender Populärkultur der ‘80er teilen Schäfer und Fricke in diesem Band sicherlich nicht – doch würde es mich kaum wundern, betrachteten sie heute das eine oder andere doch aus einem etwas anderen Blickwinkel und kämen sie mitunter zu anderen Schlüssen. Mit seiner zwischen seinen Buchdeckeln verschriftlichten Haltung den ‘80ern gegenüber ist „Petting statt Pershing“ jedenfalls sehr ‘90er.
Zum Abschluss ein Netzfundstück zum Thema:

Zu US-Comiczeichner Frank Millers ersten erfolgreichen Arbeiten gehört seine revolutionäre Adaption des Batman-Stoffs, die als „The Dark Knight Returns“ im Jahre 1986, ursprünglich in vier Bänden, veröffentlicht wurde und eingedeutscht o.g. Titel trägt. Die deutsche Fassung erschien erstmals 1989 und liegt mittlerweile in mehreren verschiedenen Auflagen vor. Meine ist der 2017 im Panini-Comics-Verlag erschienene, 228 Seiten starke Hardcover-Band, der neben Millers und Jansons von Varley kolorierten Zeichnungen die überarbeitete Übersetzung Steve Kups‘ und Jürgen Zahns enthält. Erweitert wurde diese Ausgabe um eine Einleitung Jürgen Zahns, ein ausführliches Vorwort Millers, ein Interview Brian Azzarellos mit Miller aus dem Jahre 2015, Millers erstes Exposé, alternative Coverbilder, Skizzen und ein Nachwort Christian Endres‘. Volles Programm also, für seine 25,- EUR bekommt man einen ordentlichen Gegenwert.
Hartmann von Aues „Erec“ entstand, so vermutet man, gegen Ende des zwölften Jahrhunderts und gilt, wenn auch basierend auf dem französischen „Erec et Enide“ aus der Feder Chrétien de Troyes’, als erster deutscher Artusroman, also jenem Kanon ritterlicher Sword-&-Sorcery-Fantasy-Sagen um den König mit seiner berühmten Tafelrunde. Geschrieben wurde diese Adaption im Versmaß in heute wie eine Fremdsprache anmutendem Mittelhochdeutsch. Die Studienausgabe aus dem Reclam-Verlag bietet sowohl die originale mittelhochdeutsche Schrift als auch eine neuhochdeutsche, also lesbare, Übersetzung, für die die Reime des Versmaßes ignoriert werden, in der Prosaform jedoch das Versmaß insofern beibehalten wird, dass Zeile für Zeile übersetzt wird, also stets Original und Übersetzung direkt gegenüberstehen. Ferner umfasst der über 700 Seiten starke Band im Taschenbuchformat einen umfangreichen Anhang, mit Hintergrundinformationen zur Überlieferungssituation und der Arbeit an dieser Ausgabe, einem ausführlichen Kommentar, Literaturhinweisen und einem Nachwort.
Eine notwendige Kritik
Das 2016 im Hamburger Junius-Verlag erschienene „Schwarze Hamburg-Buch“ der freien Hamburger Journalisten Avantario und Sieg, illustriert von Arbeiten des Hamburger Fotografen Thomas Henning, konzentriert sich auf rund 180 schwarzen Seiten aus mattem Kartonpapier auf die dunklen Seiten der allseits beliebten Hansestadt-Metropole in Deutschlands Norden. Rund 60 ein bis drei Seiten kurze und um ein seitenfüllendes Foto ergänzte Einträge gehen dahin, wo es wehtut – und beschränken sich mitnichten auf das wohl düsterste Kapitel deutscher Geschichte, die NS-Diktatur: Mord und Totschlag, Polizei- und Justizwillkür, Sadismus, Terror, Umweltverbrechen, Sklavenhandel und Dergleichen mehr ziehen sich (auch durch die jüngere) Stadtgeschichte, an vieles erinnere ich mich selbst nur zu gut: Sei es, als der geisteskranke Rechtspopulist Ronald Schill durch die Stimmen von Hamburgerinnen und Hamburgern ins Rathaus gewählt wurde, sei es die Schande des Eppendorfer Universitätsklinikums, als die rassistische Hamburger Polizei den des Drogendealens verdächtigen Achidi John in Komplizenschaft mit einer Medizinerin mit einem Brechmittel zu Tode folterte, oder sei es auch, als Scharlatane der Alster-Klinik das Pornosternchen „Sexy Cora“ alias Carolin Wosnitza mit der x-ten Busenvergrößerung aus Geldgier ins Grab brachten. Andere aufsehenerregende, aber sich vor meiner Zeit zugetragen habenden Fälle wie die abscheulichen Verbrechen Fritz Honkas gehören längst zur Hamburger Folklore, so einiges war mir aber tatsächlich neu oder wurde zumindest noch einmal ins Gedächtnis gerufen. Klar, eine Millionenmetropole bringt auch viele Sozio- und Psychopathen hervor – und dieses Buch beweist eindrucksvoll, dass sich Hamburg diesbezüglich nicht zu verstecken braucht. Mit seinen Ortsangaben empfiehlt es sich in seinem schnieken matten Einband auch als morbider alternativer Stadtführer, zumal auch stets auf etwaige Mahnmale, Gedenktafeln u.ä. hingewiesen wird. „Das schwarze Hamburg-Buch“ hält die Erinnerung an eine ganze Reihe spektakulärer, widerwärtiger und erschreckender Taten und Ereignisse aufrecht und hat diese zu einer meist gut (statt reißerisch) geschriebenen, präzise pointierten und somit seinen Themen zum Trotz angenehm zu lesenden Sammlung verdichtet, die eine echte Alternative zu den oberflächlichen Hochglanzprodukten der Tourismusindustrie darstellt. Und wäre dieses Buch nur wenige Monate später erschienen, hätte es mit dem völlig irrsinnigen, brutalen Durchboxen des G20-Gipfels durch die damalige versammelte, ebenso größenwahnsinnige wie unzurechnungsfähige Hamburger Faschistoidenschar aus „König“ Olaf Scholz, Hartmut Dudde, Andy (Verbote-)Grote und ihren Handlangern Stoff für mindestens ein weiteres Kapitel gehabt.
„Eine kleine Amerikaner…“
Im Jahre 1980 erschien der vierte „Spion & Spion“-Band innerhalb der deutschen „Mad“-Taschenbuchreihe im Williams-Verlag, der im US-amerikanischen Original bereits 1974 veröffentlicht worden war. Wie gehabt füllen je ein oder zwei Panels die rund 160 unkolorierten, nun wieder nummerierten Seiten, auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die Alliterationen in den Titeln der zwölf Geschichten. Der schwarze und der weiße Spion bekriegen sich erneut ebenso dialogfrei wie erbarmungslos, über ihre Hintergründe erfährt man nichts. Sie repräsentieren das Schwarzweiß-Denken des Kalten Kriegs, das Prohias unter Aussparung jeglicher darüber hinausgehender politischer Kommentare durch den Kakao zieht. So weit, so bekannt. Eine neue Dimension jedoch dürfte die Kreativität und gleichermaßen Absurdität erreicht haben, mit denen sich die beiden Spitznasen gegenseitig Fallen stellen, die stets in verheerenden Explosionen, Unfällen oder Verletzungen münden. Die Unvorhersehbarkeit dieser abstrusen Kettenreaktionen ist es dann auch, die den Spaßfaktor dieses weiteren Spionage-Handbuchs ausmacht, und man kann sich nur wundern, woher Prohias seine aberwitzigen Einfälle nimmt. Die konsequente Reduktion auf dieses Konzept bei gleichzeitig überschäumendem Konstruktionsgeist, um bei stets gleichem Ausgang die im Prinzip immer selbe Geschichte auf vollkommen neue Weise zu erzählen – das ist es, was diese Comics zum Kult machte und einen Eindruck davon vermittelte, auf welch unterschiedliche Weise man sich gegenseitig nach dem Leben trachten kann, wenn es der einzige Inhalt der eigenen Existenz ist. Inspirierend!
