Günnis Reviews

Autor: Günni (page 25 of 111)

Frank Schäfer – Was Männer niemals sagen würden

Nanu? Frank Schäfer goes Mario Barth und macht sich über das weibliche Geschlecht auf Grundlage überholter Klischees für ein paar wohlfeile Pointen lustig? Keine Sorge, zwischen seinen Metal-Büchern „Metal Störies“ und „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ veröffentlichte der Braunschweiger Dr. phil. und Autor, bekannt für seine Literaturkritik, seine biographisch geprägten Romane und seine popkulturellen Essays mit schwermetallischer Schlagseite, im Jahre 2013 ein humoristisches, rund 190-seitiges Taschenbuch im Oldenburger Lappan-Verlag, das vornehmlich männliche Geschlechtsgenossen aufs Korn nimmt.

In 55, mit eben jenen Phrasen wie „Werd endlich erwachsen!“, „Oh, wie süüüß!“, „Ich hab keinen Durst mehr!“ oder „Sehe ich darin dick aus?“, die Männern (vermeintlich) nie über die Lippen kommen, übertitelten anekdotenreichen Geschichtchen, Beobachtungen und Polemiken nimmt Schäfer all den Unfug auf die Schippe, der als typisch oder gar besonders männlich gilt, Männer aber nur schwerlich als vernunftbegabte Wesen erscheinen lässt. Abhandlungen über tiefverankerte toxische Männlichkeit sollte man nicht erwarten, aber diverse Macken und Spleens werden aufgegriffen, die viel mit nach wie vor von nicht wenigen Männern mit Begeisterung adaptieren Rollenklischees zu tun haben oder schlicht anerzogene Ergebnisse ihrer Sozialisation sind. Schäfer versucht sich in amüsantem, lockerem, niemals kopflastigem oder gar wissenschaftlichem Stil an entsprechenden Einordnungen und Begründungen und lässt dabei immer wieder persönliche Erfahrungen einfließen. Und längt nicht immer kommen Männer schlecht weg, manch liebenswürdige Eigenheit lässt sich ebenfalls finden (wobei das mitunter sicherlich auch Auslegungssache ist).

Vieles dürfte einem bekannt vorkommen und lässt sich tatsächlich immer wieder beobachten (und in der Tat halte ich Kroketten für unentbehrlich, aber das nur am Rande), Selbstironie ist dabei ein ständiger Begleiter und auch Metaller bekommen buchstäblich ihr Fett weg. Doch längst nicht alles stimmt: Mein Chef beispielsweise betont durchaus gern und wiederholt sein „Bauchgefühl“, die Lehnwortsünden, um die sich ein Kapitel dreht, dürften in erster Linie der Werbebranche entspringen, und welchen Narren Schäfer plötzlich an „Lass mein Knie, Joe“, jener eigenwillig eingedeutschten und von Wencke Myhre vorgetragenen Coverversion des Bonnie-Tyler-Hits „It’s a Heartache“, gefressen hat, der sie fälschlicherweise in gleich zwei voneinander unabhängigen Kapiteln der dänischen Sängerin Gitte Hænning andichtet, weiß wohl nicht einmal mehr das Lektorat, dem dieser Fauxpas durchgerutscht ist.

Die Laptop-Geschichte ist bereits aus einem anderen Buch Schäfers bekannt und weshalb man ausgerechnet für diese im Jahre 2013 kaum noch zeitgemäße Anekdote das berüchtigte Inhaltsrecycling betreibt, erschließt sich mir nicht. Dafür gibt es aber Schäfers Lieblings-AC/DC-Geschichte diesmal in Gedichtform. Mit seiner großzügig skalierten Schrift und den zahlreichen Illustrationen des Cartoonisten Michael Holtschulte lässt sich „Was Männer niemals sagen würden“ relativ rasch rezipieren, unterhält dabei dank Schäfers angenehmem Erzählstil aber trefflich und macht sich als kurzweilige Nachttischlektüre sicher ebenso gut wie in meinem Falle als leichte Sommerurlaubsmuse, die den einen oder anderen Ansatz für reflektierende Gespräche mit der Partnerin bot.

Ob Autor und/oder Verlag mit der poppig bunten Aufmachung und der niedrigschwelligen, massenkompatiblen Thematik versuchten, neue Zielgruppen zu erschließen, weiß ich nicht, aber wenn ein Buch wie dieses prominent in den Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen ausliegen sollte und vielleicht sogar einen Teil derjenigen erreicht, die Mario Barth und Konsorten für begnadete Humoristen halten, sei es ihnen gegönnt.

Katja Berlin / Peter Grünlich – Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt: Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken

Der „Graphitti-Blog“ „erklärt die Welt in überwiegend lustigen Grafiken“ und erfreut sich großer Beliebtheit bei allen, die diese Art Web-Humors zu schätzen wissen: In einfachen Diagrammen werden augenzwinkernd diverse Alltagsphänomene humoristisch aufbereitet. Diese sehen auf den ersten Blick meist aus wie beliebigen PowerPoint-Präsentationen entsprungen, womit bereits die Form der Humorvermittlung karikierenden Charakters ist, scheint sie doch die Diagrammflut aufs Korn zu nehmen, die um sich greift, seit mit Standard-Bürosoftware mittels nur weniger Klicks für Jedermann kunterbunte Diagramme erzeugbar geworden sind, die, ob im Berufsleben oder in der Uni-Vorlesung, meist mehr Inhalt und Erkenntnisse suggerieren, als sie tatsächlich transportieren. Diese „überwiegend lustigen Grafiken“ sind dafür prädestiniert, im Büroalltag zwischendurch immer mal wieder angeklickt zu werden, eine Kurzweiligkeit, die jedoch auch dazu verführen kann, noch schnell die nächste anzugucken, und die übernächste usw.

Wer nicht so viel im Web unterwegs ist bzw. sein kann oder auch solche Späßchen nach wie vor in gedruckter Form bevorzugt, hat seit dem Jahre 2012 die Möglichkeit, zu einer Art „Best of“ des Graphitti-Blogs in Buchform zu greifen: Für ‘nen Zehner bietet der Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag dieses rund 200-seitige querformatige Taschenbuch an, das überwiegend, aber nicht nur aus bunten Tortendiagrammen besteht – dem beliebtesten Diagrammtyp, aus dem bezeichnender- und konsequenterweise bereits das Vorwort besteht. Abgebildet werden „das alltägliche Leben, vor allem aber gefühltes Wissen, Meinungen, Vorurteile und Ahnungen“, wofür viel mit Klischees gespielt wird, aber auch zahlreiche selbstironische und durchaus hintersinnige Gags ins Buch fanden.

Auch beim Durchblättern ist man kaum vorm Suchtfaktor gefeit, sodass man es in der Regel recht rasch durchhaben sollte. Ob einem dieser Spaß 9,99 € wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Als vergnügliche Strand- oder (Gäste-)Klolektüre ist das Büchlein jedenfalls ähnlich gut geeignet wie als kleine Aufmerksamkeit für Mitmenschen, von denen man nicht weiß, was man ihnen sonst schenken könnte – oder auch, wie in meinem Falle, als Gratisfund im Tauschschrank.

Mittlerweile sind sechs dieser Bücher erschienen – Berlin und Grünlich scheinen eine echte Erfolgsrezeptur gefunden (bzw. von ähnlichen Vorbildern adaptiert) zu haben.

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts heimliche Katastrophen

Die schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson sind die Autoren der fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe um den pubertierenden Bert Ljung, die dessen Leben vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr skizziert. Von 1987 bis 1999 im schwedischen Original und von 1990 bis 2005 ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger veröffentlicht, scheint allen Bänden gemein, dass sie ausschließlich aus Berts Tagebucheinträgen bestehen – Olsson und Jacobsson versuchen sich also in die Psyche eines Schuljungen hineinzuversetzen und seine Erlebnisse aus seiner subjektiven Sicht im intimen Rahmen eines Tagesbuchs zu schildern.

Nachdem ich einst über eine Handvoll aus einer Bibliothek ausgemusterte Bände der Reihe gestolpert war und mir nach einigem Zögern aus Neugierde auf Coming-of-Age-Jugendliteratur den fünften Band durchgelesen hatte, verging viel Zeit, bis mir dann doch der Sinn danach stand, mir Band 6, „Berts heimliche Katastrophen“ aus dem Jahre 1992 (Originalausgabe) bzw. 1996 (deutsche Übersetzung), als Urlaubsstrandlektüre vorzunehmen. Auf rund 150 relativ groß geletterten Seiten inklusive einigen die Figuren karikierenden Schwarzweiß-Illustrationen Sonja Härdins knüpft man nahezu nahtlos an Berts Erlebnisse aus Band 5 an. Die Handlung erstreckt sich über den Zeitraum 15.01. bis 07.06. (die „Tagebucheinträge“ sind einzeln datiert), Bert besucht die achte Klasse und ist 14 bzw. später 15 Jahre jung.

Im Mittelpunkt steht Berts Beziehung zu seiner Freundin Emilia, die sich plötzlich für Berts besten Freund Arne zu interessieren beginnt – und ihn mit Arne betrügt, weshalb die Liebesbeziehung in die Brüche geht. Wurden pubertäre Wechselbäder der Gefühle und Krisen in Band 5 noch weitestgehend ausgespart, versucht man hier zumindest, sich an sie heranzutasten. Bert wird von massiven Selbstzweifeln geplagt und verliert sein Selbstwertgefühl. Dass er weiterhin mit Arne befreundet bleibt und Zeit verbringt, erscheint jedoch etwas sehr seltsam und unwahrscheinlich, zumal der Konflikt zwischen den beiden erst relativ spät und dann auch nur marginal wieder aufgegriffen wird. Jugendlicher Gefühlswelt wird man damit leider kaum gerecht. Die übrigen Geschichten wurden zugunsten ihres Unterhaltungswerts ebenfalls wenig authentisch gestaltet, wobei zumindest Berts Erlebnisse auf Klassenfahrt recht witzig sind. Eine ernstere Auseinandersetzung mit den angerissenen Themen wird generell eher vermieden, es bleibt oberflächlich und oft albern.

Die meist zielgruppengerecht kurzen Sätze wirken erneut kaum wie die eines 15-Jährigen, verfügen aber über ein paar witzige Formulierungen – und enthalten bisweilen sehr eigenartige „Jugendsprache“, die indes der Übersetzung geschuldet sein kann. „Molchen“ für Rummachen habe ich aber bisher ebenso wenig gehört wie „priemen“ im Zusammenhang mit Jugendpartys. Überraschend offensiv (und damit eigentlich nichts ins Buch passend) ist dann folgende Pädophilieanspielung: „Wenn man in die Achte geht, Moped fährt und fünfzehn ist, hat man sich nicht für kleine Gören zu interessieren. Das kann warten, bis man vierzig ist.“ Hintergrund ist, dass Bert sich in eine Sechstklässlerin verknallt, was die Autoren glücklicherweise nicht zum Anlass nehmen, etwaigen perversen Fantasien freien Lauf zu lassen. Mit einer Art Cliffhanger in die Sommerferien enden „Berts heimliche Katastrophen“, deren einzelne Kapitel (= Tagebucheinträge) wieder stets mit einem sinnfreien kurzen Reim wie „Jippije – mein großer Zeh“ enden, wofür ich tatsächlich ein wenig Fremdscham angesichts der missglückten Versuche der Autoren, einen 15-jährigen Tagebuchschreiber zu imitieren, empfinde. Und ich fürchte, so wäre es mir auch gegangen, hätte ich mich selbst noch in diesem Alter befunden und dieses Buch gelesen…

26.09.2020, Hafenstraße um und bei, Hamburg: Diverse Bands, u.a. NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN + KACKSCHLACHT + SCOOTER KIDS MUST DIE + LOSER YOUTH + MILEY SILENCE

Mein drittes Konzert/Festival in Pandemiezeiten. Diesmal war zwischen Balduintreppe und Park Fiction ein Gratis-D.I.Y.-Festival mit vornehmlich Hamburger Bands konspirativ aufgezogen und darauf geachtet worden, dass die frohe Kunde nicht viral geht, damit’s übersichtlich und sicher bleibt. Das scheint auch gut geklappt zu haben, die Mund-zu-Mund-Propaganda hatte die richtigen Leute angezogen. Meist war zu beobachten, dass, wer sich in gebührendem Abstand oder in Kleingruppen am Rand aufhielt, auf seine Maske verzichtete, und wer sich den Bühnen näherte, setzte sie auf. Getanzt wurde nicht, mitgesungen auch eher weniger. Im Vordergrund stand der Solidaritätsgedanke, andere zu gefährden oder das Konzept zu sabotieren, hatte niemand Bock drauf. Das ist löblich und spricht für die Szene, führt aber auch dazu, dass es – so neugierig ich auf die Sause und ihren Ablauf auch war – gar nicht so viel zu berichten gibt, außer natürlich zur Musik:

MILEY SILENCE bestehen aus drei Damen und einem Herrn, die an der Balduintreppe um 15:00 Uhr den Anfang machten. Rustikaler, roher Hardcore-Punk mit wütender weiblicher Stimme bei leider erschwerten Soundbedingungen: Die Gitarre war so gut wie gar nicht zu hören, der Bass dafür umso lauter – und hat irgendwann dann auch noch dermaßen viel Crunch bekommen, dass er alles weggeknarzte. Hingeknarzt zur Balduintreppe hatten sich während des maximal halbstündigen Gigs die Mitglieder unserer Beergroup, der allgemeine Umtrunk war schnell im Gange.

Um eine Umbaupause zu vermeiden, spielten LOSER YOUTH auf der Pavillon-Bühne in der Kehre bei glücklicherweise weitaus besserem Sound. Das Trio trat sogar mit (irgendwann rutschenden) Masken auf und Thommy läutete, passend zu den Lebkuchen in den Supermärkten, mit seinem geschmackvollen Pulli die Weihnachtssaison ein. Kurze deutschsprachige Songs mit überdrehtem Gesang, SHOCKS-und-Konsorten-inspirierter Mucke und unorthodoxen Enden, inhaltlich gegen dieses und jenes, u.a. Bullen und Abwasch, aber immer für Punk und mit reichlich Spass inne Backen. Hat wie immer Laune gemacht.

SCOOTER KIDS MUST DIE spielten anschließend auf der dritten provisorischen Bühne nahe des Park Fiction ihren Skate-Hardcore-Stiefel, mussten jedoch mit der von der Balduintreppe herübergeschleppten Anlage Vorlieb nehmen, sprich: leise Gitarre, lauter Knarzbass. Dieser Art von Musik bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit zu lauschen fühlt sich noch mal komischer an als ohnehin schon; nichtsdestotrotz waren reichlich Besucherinnen und Besucher zusammengekommen und sahen ‘nen astreinen Straßengig mit sympathischen Ansagen und gegen Ende dem Hit „Ihr seit [sic] schlau“. Oldschool-HC mit guten Songs und viel Attitüde.

An der Balduintreppe gab’s dann irgendeine Performance, aber wir zogen’s vor, im Park Fiction zu pausieren und uns weiter einen reinzuorgeln. Damit begann der durchwachsenere Teil des Festivals, denn es begann zu regnen – zunächst schwach, aber beständig, und irgendwann hatte es sich halt so richtig eingeregnet (nicht zu verwechseln mit eingenässt) –, was zu HH-Punk wie Arsch auf Eimer passt, so ganz ohne Unterstellmöglichkeit aber irgendwann doch zu nerven beginnt, außerdem konnte ich mit der nächsten Band, deren Name mir entfallen ist, auch so gar nichts anfangen. Dies änderte sich bei den Braunschweigern KACKSCHLACHT, das Brüder-Duo tischte gut einen auf und wusste mit betont einfach gehaltenem, aber dadurch ohne Umschweife zur Sachen kommendem (nennen wir es ruhig) Deutschpunk zu gefallen. Ich weiß, die halbe Welt hat die schon mal live gesehen, für mich aber war’s tatsächlich das erste Mal und ich habe auch etwas gebraucht, um das zu schnallen, denn auf dem Amp stand „Raketenhund“.

Mit zunehmendem Pegel verlor ich zunehmend den Überblick, sodass ich mich glücklich schätzte, dass alle Bands nun auf der Pavillonbühne zockten, aber die NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN erkannte ich dann doch schon noch. Sie dürfte in jedem Falle mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass sich bei diesem mittlerweile echt miesen Wetter noch derart viele Menschen fröhlich unter freiem Himmel versammelten, um den Spagat zwischen Feierlaune und Hygienekonzept zu wagen. Die Anti-Ager spielten ein knackiges Set mit Fokus auf aggressiveren, flotteren Stücken, was für uns der krönende Abschluss des Festivals wurde. Ich glaube, irgendjemand spielte im Anschluss noch, aber die Grenzen meiner Aufmerksamkeitsspanne waren ausgereizt, außerdem war ich klitschnass und voll.

Fazit: Geile Sache; großes Dankeschön an alle Mitverantwortlichen, die sich hierfür den Arsch aufgerissen haben. Zugleich aber, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Punk- und HC-Konzerte fühlen sich unter diesen Auflagen gewöhnungsbedürftig bis schräg an und ein ganz entscheidender Faktor fehlt nun mal: Das unberechenbare, enthemmte Publikum. Nun kannste halt echt nur noch doof davorstehen und dich besaufen. Nee, ganz so isses natürlich nicht: Mal wieder unter Leute kommen, Freunde und Bekannte treffen und von Angesicht zu Angesicht (aus 1,5 m Abstand) sprechen usw. – das ist schon viel wert und Veranstaltungen wie diese fungieren diesbezüglich als Anziehungspunkt. Nicht zu unterschätzen ist zudem der Statement-Faktor, der mit solchen Konzerten einhergeht. D.I.Y.-Punk’s not dead!

Michael Rudolf / Frank Schäfer – Lexikon der Rockgitarristen – Von Ritchie Blackmore bis Frank Zappa

„Wer will so was heute wissen?“

Im Jahre 1999 widmete sich der Braunschweiger Literaturexperte, Essayist, Ex-Heavy-Metal-Gitarrist und heutige Rock-Hard-Redakteur Frank Schäfer zusammen mit dem Satiriker und Bier-Connaisseur Michael Rudolf erstmals in Buchform ausschließlich der Musik: Das „Lexikon der Rockgitarristen“ ist ein rund 350 Seiten dicker, broschierter Wälzer, veröffentlicht im Lexikon-Imprint-Verlag, inklusive Vorwort, Anhang, Index und einigen Schwarzweiß-Fotos.

„[K]ein Lexikon, sondern dessen satirische Dekonstruktion, eine alphabetisch sortierte Sammlung von Glossen, Polemiken, Kritiken, Kurzgeschichten, Capriccios und Pastichen“ habe, so Schäfer 2008 in „Generation Rock“, all diejenigen erwartet, die glaubten, ein mehr oder weniger seriöses Lexikon in den Händen zu halten. Das las sich so vielversprechend, dass ich eine antiquarische Ausgabe erwarb und im letzten Urlaub Eintrag für Eintrag verschlang. Und das wurde – so sehr ich den antilexikalischen Ansatz auch begrüße – ein verhältnismäßig hartes Brot. Erstmals musste ich mich bei „Arb, Fernando Von“ wundern, denn aus dem sechsten Krokus-Album „One Vice at a Time“ wurde kurzerhand das dritte. Wenn unter „Bartlett, Bill“ behauptet wird, Yngwie Malmsteen habe noch keinen „Song für die Ewigkeit“ geschafft, möchte man dem Schreiber „Rising Force“ entgegenhalten und ihn dazu verdonnern, mindestens eine Stunde in Dauerschleife den „Heaven Tonight“-Clip zu goutieren. Und wer „Metal Health“ für das Quiet-Riot-Debüt hält und die Qualität der Slade-Coverversion „Cum On Feel The Noize“ nicht erkennt (einer der Höhepunkte der an Höhepunkten wahrlich nicht armen „RockPop In Concert“-TV-Übertragung 1984), nun, dem fällt dann eben auch nichts zu Kurt Cobain ein, der reduziert Elvis Costello auf dessen Brille (der Witz ist seit „Buddy Hollys Brille“ von den Ärzten durch), der schreibt Aldis ehemaligen Kassenknüller Karlsquell mit „C“ – und, ganz schlimm: „Trash“ statt „Thrash“.

Mit Tommy Bolin (und David Coverdale als Sänger) wird vermutlich zurecht hart ins Gericht gegangen, doch wer bei „Thrash“ ein H vergisst, dem fällt auch nur Despektierliches zu Slayers Hannemann und King ein. Unter „Hoffmann, Wolf“ werden die größten Accept-Klassiker verkannt und mit dem Eintrag zu Tony Iommi disqualifiziert man sich endgültig in Bezug auf Metal – Schäfer, was zur Hölle war da los?! Foreigner wiederum werden ausgerechnet aufgrund ihrer Hausfrauenrock- und Pop-Hits vorbehaltlos abgefeiert (bei Mike Oldfield hingegen keine Silbe zu dessen über alle Zweifel erhabenen Popsongs). Dass man dann mit Venom nichts anfangen kann, ist nur folgerichtig. Der Janick-Gers-Eintrag ist haltloser Quatsch – als hätte sich Steve Harris jemanden, auf den die von Rudolf oder Schäfer formulierte Beschreibung passt, jemals in die Band geholt. Und ausgerechnet dessen Bandkollegen Dave Murray unterstellt man Kreativlosigkeit und scheint nicht zu schnallen, dass auf „Somewhere in Time“ Gitarrensynthies eingesetzt wurden. Ganz dünnes Eis… Und welcher Tölpel hat eigentlich Adrian Smith‘ Foto ausgesucht? „Harrison, George“ gerät zu einer krassen, sogar beleidigenden Fehleinschätzung der Beatles, nicht satirisch oder witzig, sondern – sorry – tatsächlich für die Tonne (also Trash ohne H). Zu John Lennon kommt dann glücklicherweise Schäfer-Intimus Gerald Fricke zu Wort und übt sich in Schadensbegrenzung.

Typisch verächtlich geht es in Bezug auf Rage Against The Machine weiter, als hätte sich der Schreiber bereits im fortgeschrittenen Rentenalter be- und keinen Zugang zur „Jugendmusik“ mehr gefunden. Wer bisher glaubte, es sei unmöglich, über Anvils Lips zu schreiben, ohne dessen Bühnenshow zu erwähnen, wird hier eines Besseren belehrt. Ein Großteil des Keith-Richards-Eintrags wird für eine frei erfundene, dennoch pointenlose Geschichte eines persönlichen Treffens mit ihm verschwendet, die Kritik an Motörhead-Wurzel ist unangebracht, der Hass auf Bruce Springsteen unverständlich und töricht – und, Jungs, ich bitte euch: Angus Young ritt nicht auf „Roadie-Schultern“ durch die Hallen, sondern auf denen niemand Geringeres als Bon Scott! Um die Liste zu vervollständigen: Achim Mentzel, Pat Metheny (wer?) und Sting werden auch noch abgewatscht. Bauchschmerzen bereitet mir auch die ständige Verwendung des Deppenleerzeichens („Jeff Beck-Tour“), aber das macht manch Musikpostille ja bis heute so. Eklig wird’s indes spätestens bei „Open Air-Festival“ – das schreibt nicht einmal mehr der Metal Hammer so. Überhaupt, die Rechtschreibung: Das Lektorat hat bisweilen ganz schön gepennt, Klöpse wie „Reverenz“ oder „To drunk to fuck“ sind nur zwei Beispiele für doch einige doofe Fehler. Dafür wird mal wieder umso mehr mit dem Fremdwortschatz geprahlt, wie es sich durch Schäfers frühes Œuvre zieht: Equilibrieren, phrygisch, Antizipation, auguren, permissiv,  präludiert, impromptu, nervicht, eskamotiert, okkasionell, balbieren, hypertroph, gustieren, polymerisiert, Kalamitäten, kujonieren, verfumfeiungen, mokant-etüdenhaft, ubiquitär, diaphan, arrondieren, schurigeln, ennuyant, inkommensurabel, schibboleth, intrikat – ich habe nicht jeden Begriff nachgeschlagen… Apropos nachschlagen: Dass manche, aber längst nicht alle Gitarristen unter ihren Künstlernamen aufgeführt sind, macht dieses nicht leichter.

Doch genug gepoltert, das Buch hat auch seine gute Seiten (unter satten 350 – das wäre doch gelacht): Sicher, der schräge Humor ist Geschmackssache, beschert er doch einen Roy-Buchanan-Doppeleintrag und eine Totalverweigerung gegenüber Eric Clapton. Ein fingierter Brief von Vivian Campbells Mutter will jedoch erst einmal verfasst werden, ebenso das Gitarrenschulabschlusszeugnis für Slash oder der vermeintliche Brief Richie Samboras. Bei John Lee Hooker kann man es sich hingegen sehr einfach machen: „Hau, hau, hau, hau.“ (Damit habe ich den kompletten Eintrag zitiert.) Und bei Johnny Ramone musste ich tatsächlich schmunzeln. Bei den irgendwelchen idiotischen Politikern in den Mund gelegten Zitaten hingegen weniger. Aber es soll ja um die guten Seiten gehen: „Chapman, Paul“ gerät zur Ufo-Diskografie und -Historie, manchmal bekommt man es gar mit ganzen Biografien zu tun und den einen oder anderen Eintrag (z.B. „Gregory, Dave“) in Dialogform aufzubereiten, lockert die Angelegenheit angenehm auf. Sehr ausführlich und damit einen echten Mehrwert darstellend ist Gary Moores Eintrag ausgefallen. Ein echtes Pfund ist auch die Berücksichtigung zahlreicher „Ostrock“-Künstler, hier konnte Rudolf seine Expertise auf diesem Gebiet einbringen. Der Musikjournalismus-Kollege Oliver Hüttenreich wird übrigens gleich mehrmals zitiert (und kritisiert). Intertextualität kann man. Und eine weitere Lexikon-typische Wand wird eingerissen, wann immer die Leserinnen und Leser direkt angesprochen werden.

Als Beispiel für die blumigen, mitunter beinahe verzweifelten Versuche, Musik in Sprache auszudrücken, möchte ich folgendes Zitat aus „Evans, Dave“ anführen: „Die höchstens angezerrte und also schön schneidende Beat-Gitarre schickt er durch ein Mehrfach-Echo, das die Rhythmus-Figuren hübsch expressiv verfremdet. So entstehen immer etwas wabernde Riff-Koloraturen, sparsam unterbrochen von behäbigen Solo-Phrasierungen – in der Regel schlurfenden Slides mit godzillalangen Hallschwänzen.“ Und als Beispiel für den humoristischen, polemischen Stil einmal „Garcia, Jerry“: „Zieh einem zehnjährigen ‚Dödel‘ Fausthandschuhe an, dreh ihm eine gewaltige Tüte, achte darauf, daß er sie aufraucht, gib ihm zur Sicherheit auch noch ein paar LSD-Trips, achte darauf, daß er sie alle einwirft, und drücke ihm dann deine Gitarre in die Hand! Na, wie klingt das? Möönsch, ist das nicht Grateful Dead? Joooa doch, könnte man sagen. Nur ohne Bart.“

 Das sind solche Momente, in denen die Lektüre Spaß macht, manchmal verstehe ich zugegebenermaßen aber auch nur Bahnhof. Recht schnell kristallisiert sich indes aber auch heraus, dass sich unüberbrückbare Gräben zwischen meinem Geschmack und dem der Autoren befinden. Während ich das songdienliche Gitarrenspiel bevorzuge, stehen Rudolf und Schäfer auf prätentiöse Soloeskapaden. Während ich auf Punk, Thrash, aber auch auf Maidens gute alte Doppelläufige schwöre, mäandert das Schreiberduo durch Blues- und Hardrock und macht nicht einmal vor Jazzrock halt. So finden sich in diesem Buch nicht nur jeder schnarchige Bluesrocker, sondern auch ausnahmslose alle, die schon mal eine Klampfe richtigherum gehalten und mit Frank Zappa zusammen in einem Raum gesehen wurden. Aus der Glamrock-Feindlichkeit der Schreiber dürfte nicht zuletzt das Übergehen Steve Jones‘ resultieren, was einmal mehr gegen den rudolfschen und schäferschen Geschmack spricht. Wo sind die herausragenden Surf-Rock’n’Roll-Gitarristen vom Schlage eines Dick Dale? Immerhin Link Wray hat es zwischen die Buchdeckel geschafft. Ein Buddy Holly oder Eddie Cochran findet sich dort ebenso wenig wie das The-Clash-Duo Jones/Strummer, aber auch den Magnum-Pomprock eines Tony Clarkin würdigt man mit keiner Silbe, die Nazareth-Saitenfraktion müssen ich oder die genannten Herren übersehen haben, Testaments Alex Skolnick oder der Hamburger Kai Hansen (Helloween, Gamma Ray)? Offenbar nicht der Rede wert. Dasselbe scheint für Mark Reale (Riot) und Mark Shelton (Manilla Road) zu gelten, und für die Ignoranz gegenüber sämtlichen Mercyful-Fate- und King-Diamond-Gitarristen müsste sich der Diamantene eigentlich höchstpersönlich in Form eines Voodoo-Rituals rächen, während die Exodus-Sechssaiter etwas zum Bandnamen Passendes planen. Muss man Jeff Beck dafür wirklich sieben und David Gilmoure fünf Seiten lang abhandeln?

Sei’s drum, denn was mir am sauersten aufstößt ist ganz etwas anderes: Ich bin bestimmt der Letzte, der Schnappatmung bekommt, wenn er in irgendeinem alten Schinken das Wort „Neger“ vernimmt. Dieser Schmöker hier aber ist aus 1999 und „Gitarren-Negerlein“ keine adäquate Beschreibung eines afrikanischen Gitarristen, aus „Der war […] ein Neger […] hatte also allemal den längeren Prügel […]“ über Jerry Seay kann ich nur schwerlich etwas anderes herauslesen als blanken, vermeintlich „positiven“ Rassismus und weshalb es unbedingt betont werden muss, dass es sich bei Prince um einen „Neger“ handele, wird vermutlich auch der Schreiber selbst nicht erklären können. Das wird wohl als Teil des schrägen Humors gedacht gewesen sein, ist aber in die Hose gegangen.

Hat man sich bis zum Anhang durchgearbeitet, entpuppt sich dieser als „Soundcheck“ betitelte, 19 Seiten starke Auflistung von Alben im Buch behandelter Künstler(innen) inkl. Kurzkritiken, deren Auswahlkriterien sich jedoch nicht erschließen – es handelt sich nämlich mitnichten ausschließlich um Empfehlungen. Immerhin korrigiert man hier das vermeintliche Quiet-Riot-Debüt. Aber wieso tauchen irgendwelche Ratt-Platten auf, jedoch nichts (!) von Maiden?

Die erhoffte augenzwinkernde Satire auf Musiklexika ist „Lexikon der Rockgitarristen“ leider nicht geworden, dafür ist es stilistisch zu inkohärent, ist (mir persönlich) die Auswahl häufig zu nichtssagend und dominiert zu sehr die Arroganz von in den 1970ern musikalisch sozialisierten ehemaligen Schlaghosenträgern, die mehr auf verdrogtes Gitarrengewichse stehen als auf gute Songs (die gezeichneten Hippies auf dem Umschlag hätten mir eine Warnung sein sollen). Nichtsdestotrotz habe ich den einen oder anderen musikalischen Tipp für mich mitnehmen können – und ich weiß ja, dass Schäfer nur wenig später sehr vieles sehr viel besser gemacht hat, gar zu einem meiner Lieblingsautoren aus dem Spannungsfeld Musikkritik/Popkultur/Vergangenheitsbewältigung/ „Rockroman“ wurde. Seine „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ habe ich mir bis heute aufgespart, um mich zunächst einmal mit seinem Frühwerk vertraut zu machen. Nun fühle ich mich bereit und erwarte nicht weniger als sein Opus magnum!

P.S.: Michael Rudolf weilt leider nicht mehr unter uns, was ich vollkommen unabhängig davon, was ich von diesem Buch halte, bedauerlich finde. Wer einen wirklich schönen Nachruf Schäfers auf Rudolf lesen möchte, dem sei die eingangs erwähnte Anekdoten-, Essay-, Glossen- und Rezensionssammlung „Generation Rock“ ans Herz gelegt.

P.P.S.: Dass ich diese Zeilen am Tag der Bekanntgabe des Todes Eddie Van Halens verfasse, ist eine bittere Ironie des Schicksals…

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 31: Asterix und Latraviata

Der im Jahre 2001 erschienene 31. Band der beliebten französischen Comic-Reihe „Asterix“ war der erste des neuen Jahrtausends. Wie gewohnt umfasst er 50 Seiten und ist als Softcover-Album im Egmont-Ehapa-Verlag erhältlich. Asterix und Obelix haben hier am selben Tag Geburtstag, was eine Inkohärenz der Reihe darstellt, da sich unterschiedliche Bände in dieser Hinsicht widersprechen. Überraschend kommen ihre Mütter zu Besuch, die ihren Söhnen nicht nur ein römisches Schwert und einen Römerhelm schenken, sondern den Nachwuchs auch endlich unter die Haube bringen möchten. Die noch in Condate arbeitenden Väter der Helden wollen später nachkommen, werden jedoch vom römischen Legionär Bonusmalus entführt und inhaftiert. Der Vorwurf: Sie sollen Centurio Pompejus um eben jene Geburtstagsgeschenke bestohlen haben. Pompejus und Bonusmalus schmieden einen finsteren Plan: Die Schauspielerin Latraviata (der Name ist eine Anspielung auf die Verdi-Oper „La traviata“) soll sich als Obelix große Liebe Falbala verkleiden, um sich ins renitente gallische Dorf einzuschleichen und so helfen, die Gegenstände wiederzubeschaffen. Erstmals seit dem Sonderband „Wie Obelix als kleines Kind in den Zaubertrank geplumpst ist“ zählen also Asterix’ und Obelix’ Eltern zu den handelnden Figuren. Diese werden in eine Geschichte um Intrigen, Lug & Trug, männliche Schwächen und Eifersüchteleien verwickelt, die die Protagonisten arg naiv erscheinen lässt, wenn es einer römischen Doppelgängerin gelingt, nahezu perfekt die ach so geliebte Falbala zu imitieren. Weitaus mehr irritieren jedoch im Jahre 2001 aktuelle Bezüge u.a. auf deutsche Politiker(innen) in den Dia- und Monologen (herumstoibern, ausgemerkelt, Westerwelle) sowie die Verwendung moderner, anachronistischer Vokabeln und Floskeln (Obelix ein Rapper, wehtwotscherixen als Anspielung auf die Weight Watchers, Enerdschi-Drinks, Owerneitkurier, BSE…) sowie ein abgewandeltes Die-Ärzte-Zitat („Manchmal, aber nur manchmal, haben Römer ein kleines bisschen Haue gern!“). Eine Spitze gegen die Deutsche Bahn lasse ich mir ja noch gefallen; in dieser hohen Frequenz verhindern die eng ans Entstehungsjahr gekoppelten Bezüge jedoch, dass auch dieser Band zu einem zeitlosen Klassiker reifen kann. Und ist es diesmal nicht vornehmlich der Zaubertrank, der den Galliern aus der Bredouille hilft, spielen nun bei Asterix’ Rettung zu viele Zufälle mit. Dafür gerät der Schluss dann doch noch recht witzig, nachdem zuvor bereits humorvoll mit Elternklischees gespielt wurde. Ein großer Wurf ist dieser Modernisierungsversuch der Reihe wahrlich nicht geworden, insgesamt lediglich (guter) Durchschnitt.

Mad-Taschenbuch Nr. 27: Al Jaffee – Das Mad-Buch der Erfindungen

Al Jaffees viertes Taschenbuch der deutschen Mad-Ausgabe erschien 1980, stammt im US-amerikanischen Original jedoch bereits aus dem Jahre 1978. Über 160 Schwarzweißseiten erstrecken sich seine in 15 Kapitel unterteilten kreativen Auslassungen zu mal mehr, mal weniger bedeutsamen Erfindungen der Menschheitsgeschichte, die überaus fantasie- und einfallsreich absurde „Erfindungen, die sich zunächst mal nicht durchsetzen konnten“, ökologisch wertvolle „Methoden zur Erzeugung alternativer Energie“, die in dieser Hinsicht eher fragwürdige „heile Plastikwelt“ und vielen amüsanten Unfug in cartoonesker Skizzenform mehr umfassen. Insbesondere das Plastik-Kapitel erweist sich als geradezu visionär, zum Beispiel in Bezug auf Ehepartner… Und im Kapitel „So schützt man Heim und Gesundheit“ folgen direkt die Gesichtsmasken, die mittlerweile pandemiebedingt zum Alltag gehören. Auch Kapitel 5 ist nicht weit von der Wahrheit entfernt, hat es doch geplante Obsoleszenz, also das herstellerseitig geplante schnelle Veralten oder Verschleißen von Produkten, zum Inhalt – einen Nachschlag hält Jaffee in Kapitel 9 parat. Angenehmer sind da die selbstreinigenden Toiletten, die (auf Jaffees Anregung hin?) mittlerweile existieren. Und die Einbau-Einrichtung auf Seite 143 hat Ikea längst perfektioniert. In diesem, dem „Erfindungen, durch die winzige Wohnungen größer wirken“-Kapitel konzentriert sich Jaffee aber etwas sehr auf durch Tapeten hervorgerufene Illusionen, wodurch sich der Witz etwas abnutzt. Meist überwiegt jedoch der Jaffee-eigene Humor zwischen hintergründig und abwegig. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wenn die Realität die Satire einholt…

12.09.2020, Cruise Inn, Hamburg: LOIKAEMIE + HARBOUR REBELS

Eigentlich sollten beide Bands an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Monkeys Music Club zusammenspielen. Pandemiebedingt stemmte die Monkeys-Crew dann den Kraftakt, daraus eine Open-Air-Veranstaltung unter Einhaltung der Anti-Corona-Regeln auf dem abgelegen Cruise-Inn-Gelände in Steinwerder am Hafen zu machen. Das bedeutete wohl ‘ne Menge Abgekaspere mit den Behörden, bis es endlich das Ok gab, die Nummer für 800 Besucher(innen) durchzuziehen. Es sollte nach meinem Besuch des ARRESTED-DENIAL-Gigs vorm Monkeys mein zweites Konzert in Corona-Zeiten werden, wobei die Neugier, wie das gelöst wurde, wie es funktionieren und sich anfühlen würde, fast die Vorfreude auf die Musik überwog. Die wiedervereinten LOIKAEMIE hatte ich früher gefühlt etliche Male live gesehen, war dem irgendwann aber etwas entwachsen und fand andere Musik spannender. Nichtsdestotrotz habe ich die Band immer geschätzt und ziehe meinen Hut davor, was sie für die antifaschistische Skinhead-Szene geleistet hat. Und mit den HARBOUR REBELS hatte ich mit einer meiner Kapellen auf meinem letzten Konzert vor dem Shutdown noch zusammengespielt und dabei noch dumme Witze über die Corona-Panik gerissen. Nur eine Woche später sah die Situation schon ganz anders aus…

Nun sah man sich also unter völlig veränderten Umständen wieder. Zu dritt machten wir uns per Bus und Bahn auf den Weg von Altona nach Steinwerder, was problemlos funktionierte und mich wohlig an alte abenteuerliche Zeiten erinnerte, in denen ich ebenfalls mit ‘nem Wegbier in der Kralle abseitige, unbekannte Konzertorte aufsuchte. Gegen 18:00 Uhr am Cruise Inn angekommen, das mit dem Containerschiff hinter der Bühne ein imposantes, atmosphärisches Panorama bot, wurde ich jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als ein Security-Chef sich eilig versichern ließ, dass wir auch alle richtige Mundnasenschutzmasken dabeihaben, denn irgendwelche Tücher u.ä. seien nicht gestattet. Kaum hatten wir das Gelände betreten, zog der Himmel zu und ein Wolkenbruch ergoss sich über uns. Doch ein Sicherheitsbediensteter reagierte prompt und verkaufte uns Regenponchos für Stück zwei Euro, unter denen wir fortan ausharrten und am Fassbier (0,5 l für 5,- EUR) nippten. Pünktlich zu den um kurz vor 19:00 Uhr zockenden HARBOUR REBELS zeigte sich das Wetter jedoch von seiner angenehm spätsommerlichen Seite. Zuvor hatte man als Besucher(in) bereits zähneknirschend manch absurd anmutende Auflage befolgen müssen, auf deren Einhaltung das bisweilen etwas überambitioniert wirkende Sicherheitspersonal penibel Acht gab: An die Merch-, Fress- und Saufstände sowie zum Klowagen durfte man auf den dafür vorgesehenen Wegen, unterwegs stehenbleiben war jedoch nicht gestattet, schon gar nicht, sich mit jemandem außerhalb seines fest zugewiesenen Sitzplatzes zu unterhalten – auch nicht bei beständig wehender Hamburger Elbhafenbrise mit Maske auf der Schnauze unter Einhaltung des Mindestabstands. Das ist schon etwas befremdlich. Andere wurden aufgefordert, sich innerhalb ihrer Sitzreihe nicht gegenüber-, sondern nebeneinander zu stellen, wenn sie sich unterhielten. Ständig wurden Menschen auseinandergetrieben oder über Umwege geleitet. Was man sich unter normalen Umständen niemals hätte gefallen lassen, wurde hier akzeptiert und notgedrungen hingenommen. Der Treffen-und-Klönschnack-mit-Gleichgesinnten-Charakter, den solche Konzerte normalerweise haben, litt natürlich darunter.

Zurück zur Musik: HARBOUR REBELS hatten einen klasse Sound und durch die großen Videobildschirme links und rechts an der Bühne wirkte es, als befände man sich auf einem wer weiß wie großen Festival – nur eben mit dem Unterschied, dass vor der Bühne keinerlei Action abging. Wenigstens hielt es kaum jemanden auf den Sitzen und bestand der Sicherheitsdienst nicht darauf, dass man sich auf seine vier Buchstaben zu pflanzen habe. Sängerin Jule und ihre Bandkollegen zockten überaus souverän ihr Set aus deutsch- und englischsprachigen Streetpunk-Songs, von denen erfreulich viele weit mehr als gewohnte Klischeeaussagen transportieren: Textlich ist man am Puls der Zeit und teilt gut begründet gegen Politiker, Autoritäten und mieses Gesindel aus, hat aber auch das obligatorische Sauflied am Start und als letzte Nummer das THE-OPPRESSED-Cover „Skinhead Times“, das mir mit Jules Stimme sogar besser als das Original gefällt. Generell passt ihr kräftiger, melodischer Gesang bestens zum Sound der Band. Lediglich die eine oder andere Ansage war etwas leise und dadurch schwer zu vernehmen. Ansonsten ein klasse Auftritt, Chapeau!

Zwischenzeitlich war auch der vierte im Bunde unserer Konzertdelegation eingetroffen, mit dem ich mir ganz gut einen reingoss und Revue passieren ließ, was eigentlich die letzten Monate so alles passiert ist – wir hatten uns lange nicht mehr gesehen und so ein Austausch tat verdammt gut. Den Soundtrack dazu boten nach der einmal mehr mit geschmackvoller Musik vom DJ unterlegten Umbaupause also die Plauener LOIKAEMIE in Quartettgröße, die ein ordentliches Best-of-Set bei leider etwas widrigen Soundbedingungen hinlegten. Das Snare-Mikro war entweder zu leise oder defekt, jedenfalls war die Snare kaum vernehmbar, wodurch gerade den schrammeligeren Songs der Kick, die Durchschlagskraft, abging. Zudem fiel uns nun auf, wie leise die P.A. eigentlich war, gefühlt konnte man sich fast in Zimmerlautstärke miteinander unterhalten. Aber ich bin taub, ich will Krach! Zumal sich dort nun auch wirklich keine Nachbar(inne)n befanden, die an erhöhter Lautstärke Anstoß hätten nehmen können. Sei’s drum, die Songauswahl war gut und gerade gitarrenmelodiebetontere Songs wie „Unsere Szene“ oder „Alles was er will“ gehen mir nach wie vor genau wie diverse schöne Singalongs bestens in Ohr, „Rock’n’Roller Johnny“, „Wir sind geil, wir sind schön…“ und „Uns’re Freunde“ sind großartige Hits vom starken „III“-Album, das mit einem Bein im Hardcore stehende „Good Night White Pride“ gilt seit seiner Veröffentlichung zurecht als Hymne einer subszenenübergreifenden Haltung und wurde mit geschwenkten Fahnen präsentiert – und das Lied von der Trinkfestigkeit dürfte auch nach wie vor jeder im Ohr haben. Die Band machte einen gut eingespielten Eindruck, Sänger/Gitarrist Thomas hielt seine Ansagen meist knapp und erlaubte sich nur einen unfreiwillig komischen Versprecher. Die meisten dürften ihren Spaß gehabt haben, die Stimmung wirkte gelöst. Zugaben allerdings gab’s keine und sofort nach Verklingen des letzten Akkords wurde das Areal geleert.

Ein, zwei Besucher sind im Laufe des Abends wohl kräftig mit der Security aneinandergeraten und wurde rausgeschmissen, und gegen Ende gab’s anscheinend noch ‘ne kurze Hauerei im Publikum. Ansonsten ging das für mein Empfinden aber alles überraschend reibungslos und diszipliniert über die Bühne. Das Open-Air-Festival-Gefühl überwog während des Gigs die meiste Zeit, erst wenn ich mich vom Platz wegbewegte und mir die Maske überziehen musste, wurde mir wieder so richtig bewusst, wie wenig hier eigentlich so war, wie man es bis vor ‘nem halben Jahr noch kannte. Gut funktioniert hat der Bierausschank, der auch bei höherem Andrang angenehm flott ging und für den ordentliche Mehrweg-Festivalbecher zum Einsatz kamen, die sich an ihren Henkeln so zusammenstecken ließen, dass man auch ohne Monsterpranken vier auf einmal transportieren konnte, ohne die Hälfte zu verschütten. Mein Dank gilt Sam und Ralf vom Monkeys sowie ihrem Team, die allen Widerständen zum Trotz dieses Konzert durchgezogen haben und damit ein, wie ich finde, bei allen einzugehenden Kompromissen wichtiges Zeichen gesetzt haben. All diese Kompromisse in Kauf zu nehmen ist aber auch ein nicht zu verachtender Akt der Solidarität des Publikums, denn unbeschwerte Party sieht natürlich anders aus.

Das Monkeys & Co. gehören nun jedenfalls zu denen, die gezeigt haben, dass etwas geht und auch, wie es geht. Nun dürften die damit verbundenen Auflagen gern auf den Prüfstand und auf ihre Sinnhaftigkeit abgeklopft werden. Andererseits ist die Open-Air-Saison hierzulande nun auch vorbei. Ich bin gespannt, wie’s weitergeht und hoffe weiterhin das Beste…

14.08.2020, Monkeys Music Club, Hamburg: ARRESTED DENIAL

Mein erster Eintrag hier seit Langem – Covid-19 sei Dank. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Das dachten sich auch die Organisatorinnen und Organisatoren der „Solidary Punk Rock Days“, die vom 6 bis 9. August ein Programm unter Berücksichtigung der Corona-Auflagen auf die Beine gestellt hatten. Ich hatte keine Karten und eigentlich auch keine Teilnahme geplant, auf Kai Motherfuckers Anruf hin verschlug es mich am frühen Samstagabend dann aber doch auf den Lattenplatz vorm Knust, wo man auch außerhalb des eingezäunten Gebiets, in dem kleine Grüppchen an Bierzeltgarnituren platzgenommen hatten, Blicke auf die kleine Bühne bzw. den Bildschirm, auf dem das Spektakel übertragen wurde, erhaschen und sich den Sound als Hintergrundbeschallung zu ein, zwei Wochenendbierchen geben konnte. Die Bremer Funpunks DIE MIMMIS machten den Anfang und coverten u.a. SLIMEs „A.C.A.B.“ mit deutschem Text, gefolgt von Hamburgs dienstältester Punkband: Die RAZORS zockten ihren ersten Gig mit ihrem neuen Gitarristen Stoffel von YACØPSÆ, der den ausgestiegenen Witte ersetzt. Stoffel schrubbte sich absolut souverän durchs gewohnt hitgespickte Set und die ganze Band freute sich ebenso sichtlich über den Gig wie das Publikum, soweit ich das von außen beobachten konnte. Das abschließende WONK-UNIT-Akustikset schenkten wir uns aber.

 

„Nicht links, nicht rechts, nur Gestell“

Das erste Konzert, an dem ich wieder als zahlender Gast teilnahm, wurde schließlich der ARRESTED-DENIAL-Freiluftauftritt auf dem Parkplatz des Monkeys Music Clubs, für den Madame und ich uns rechtzeitig Karten des auf 80 Exemplare begrenzten Kontingents sichern hatten können – bei anderen Monkeys-Veranstaltungen dieser Art waren wir bisher leer ausgegangen, mit Spontaneität kommt man in diesen Zeiten nicht mehr weit. Das Spektakel war Teil der „SOS – SAVE OUR SOUNDS“-Solidaritätskampagne, die Gäste nahmen an weit genug auseinandergestellten Tischen platz und Getränke konnten von dort aus direkt beim Personal geordert werden. Pogo, Circle Pit und Wall of Death entfielen, leider auch die avisierte Vorgruppe LAST LINE OF DEFENSE, da ansonsten die Veranstaltung so lange gedauert hätte, dass sich irgendwelche Nachbarinnen und Nachbarn in ihrer Abendruhe gestört gefühlt hätten…

Doch erfreulicherweise bedeutete dieser Gig nicht nur endlich mal wieder Livemucke, sondern auch ein Wiedersehen mit vielen Bekannten, die man aufgrund der ansonsten brachliegenden Konzertsituation schon länger nicht mehr gesehen hatte. Die Zeit bis zum Beginn verging also wie im Fluge. Da die Bassposition bei ARRESTED DENIAL nach wie vor vakant ist, war kurzerhand Martin Shitler am Viersaiter eingesprungen, der seinen Job sehr ordentlich verrichtete und zum heiteren Sidekick Valentins avancierte. Letzterer begrüßte den Gaußplatz, zählte 22.000 Leute und konstatierte: „Bei uns tanzt eh nie jemand, wir sind viel zu langsam!“. Für die Band war’s also wie immer. Sie bekam einen schön knackigen, dreckigen Sound gemischt, der lediglich bei Martins Background-Gesang etwas schwächelte – welcher aber ohnehin eher schräg klang. Mit viel Humor spielte man sich durch ein kurzweiliges Set und kommunizierte anekdotenreich mit den sich zwischenzeitlich auf einem angrenzenden Dach eingefundenen Gaußplatzbewohner(inne)n und -freund(inn)en. Neben dem TOCOTRONIC-Cover „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ schmetterte man auch die Hardcore-Nummer „Welcome“ von HATECLUB, für welche Eloi von LAST LINE OF DEFENSE, der trotz der Absage erschienen war, das Mikro übernahm – und davon überrascht wurde, dass das Stück plötzlich in den Klassiker „Hate The State“ seiner eigenen Band überging. „Wir sind die SMEGMA des Hardcore!“, gab Valentin anschließend zu verstehen, sodass in diesem Zuge gewissermaßen auch einer dritten Band Tribut gezollt wurde. Martin wirkte im Konzertverlauf zunehmend derangiert, kam aber auch immer mehr aus sich heraus und machte sich u.a. über Valentins Mundharmonikagestell lustig, das für einen Song des Sets zum Einsatz kam. Und als Valentin sah, dass sich Ex-Bassist Timo zwischenzeitlich unters Publikum gemischt hatte, bat er ihn spontan zum ROXETTE-Medley aus „Dressed For Success“ und „Sleeping In My Car“ auf die Bühne. Klasse Schlusspunkt eines Gigs mit hohem Unterhaltungsfaktor, der bei idealen Wetterbedingungen, Musik von DJ Fozzy und Monkeys Red vom Fass noch angenehm ausklang. Danach ging’s erst mal zwei Wochen in den Urlaub, weshalb ich erst jetzt dazu kam, meiner selbstauferlegten Chronistenpflicht nachzukommen.

Bleibt zu hoffen, dass wir uns in nicht allzu ferner Zukunft mit einem Lächeln an den Ausnahmezustand, der zu dieser Art der Konzertimprovisation zwang, erinnern werden, weil er längst wieder der Vergangenheit angehören wird – wenngleich ich diesbezüglich doch arge Zweifel habe…

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 5: 1959 – 1960

„Von allen Charlie Browns dieser Welt ist er der Charlie Brownste!“ – Linus, 1. Juli 1959

Der fünfte Band der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags deckt die Jahre 1959 und 1960 ab und vereint in gewohnt hochwertiger Ausführung – festes mattes Kartonpapier, Hardcover-Buchdeckel, Schutzumschlag – alle in diesem Zeitraum täglich erschienenen, je vier Panels umfassenden unkolorierten Zeitungsstrips inkl. der großformatigen Sonntagsseiten in streng chronologischer Reihenfolge in ihren deutschen Übersetzungen. Inklusive des sich sehr angenehm lesenden Interviews, das Gary Groth im Juli 2005 mit Schauspielerin und Peanuts-Fan Whoopi Goldberg führte, Groths bekanntem Nachwort, dem Stichwortindex und dem ausführlichen Glossar, das popkulturelle und in den Übersetzungen verloren gegangene Bezüge und Wortspiele erläutert, bringt es auch Band 5 auf rund 330 Seiten.

„Ich mag die Menschheit… Nur die Menschen kann ich nicht ausstehen!“ – Linus, 12. November 1959

Das Cover ziert Patty, die jedoch keine allzu große Rolle spielt. Bemerkenswerter ist jedenfalls Linus, der im Februar ’59 erstmals versucht, sich seiner Schmusedecke zu entwöhnen. Kurz darauf wird es zu einem Riesenproblem, dass Charlie Brown ein Buch aus der Bücherei verlegt hat. Und im Sommer zerstören Lucy und ihr kleiner Bruder Linus sich ständig gegenseitig ihre Sandburgen. Snoopy indes entspannt mittlerweile bevorzugt auf statt in seiner Hundehütte, womit Schulz eines der unverwechselbaren Markenzeichen des Beagles etablierte. All dies steht jedoch im Schatten eines ganz besonderen Ereignisses: Am 26.05.1959 kommt Charlies kleine Schwester Sally zur Welt! Erstmals zu sehen ist sie indes erst am 23.08.1959 – und die Welt der Peanuts damit um eine Attraktion reicher.

Linus, der mittlerweile zur Schule geht, interessiert sich jedoch weitaus mehr für seine Lehrerin Fräulein Othmar, für die er überaus schwärmt und die er in höchstem Maße idealisiert. Um Halloween ’59 herum ist er übrigens tatsächlich ein paar Tage lang ohne seine Schmusedecke zu sehen und lässt sich auch später noch auffallend oft ohne sie blicken. Ob sein Glaube an den „Großen Kürbis“ ihm die Kraft dazu verleiht? Diese köstliche Persiflage auf Aberglaube führt Schulz in diesem Jahr ein und zieht reichlich Humor aus dem Umstand, dass der fantasiereiche und seiner Schwester rhetorisch schnell überlegen gewordene, aber weiterhin kindlich-naive Linus den Halloween-Brauch reichlich missverstanden hat. Charlie hadert unterdessen damit, „wischiwaschi“ zu sein, bevor bedauerlicherweise 1959 das eigentliche Weihnachtsfest gar nicht thematisiert wird. Fiel Weihnachten damals im Hause Schulz aus? Zur Tradition gereift scheinen hingegen mittlerweile Snoopys Attacken auf Linus’ Schmusedecke geworden zu sein, die sich als Running Gag durch die Strips ziehen.

Auch 1960 wird Charlie von den Mädchen massiv beleidigt und gemobbt, während sich Lucy in einem weiteren Dauerbrenner-Motiv unablässig an Schröder heranschmeißt. Im März 1960 macht Snoopy kraft seiner aerodynamischen Ohren den „Hundschrauber“ und steigt damit einfacher in die Luft als die zahlreichen Drachen, die Charlie einfach nicht zum Steigen bekommt. Beim Baseball läuft’s auch nicht besser, Charlie bleibt der ewige Verlierer, was ihm nachts sogar den Schlaf raubt. Für Freude sorgen stattdessen die Episoden um Linus’ Bibliotheksausweis, auf den er mächtig stolz ist, aber eigentlich nicht viel mit ihm anzufangen weiß. Im Juli 1960 überschlagen sich die Ereignisse: Lucy beginnt, politische Cartoons zu zeichnen, und Linus will von zu Hause weglaufen! Glücklicherweise misslingt dieses Unterfangen, sodass sich Sally im August in ihn verlieben kann – zuckersüß! Snoopy betätigt sich sportlich, indem er im Boxring gegen Linus, Charlie und Lucy antritt und zum „irren Kicker“ wird, bevor im Dezember 1960 Beethovens Geburtstag gefeiert wird.

Auffallend ist, dass auch 1960 keine Familienweihnachtsfeiern oder erhaltene Geschenke thematisiert werden. Aufgrund des Stresses, den Linus vor der weihnachtlichen Schulaufführung empfindet, scheint das Fest 1960 gar tendenziell negativ konnotiert. Im Zusammenhang mit Charlies ständigen Misserfolgen und den Demütigungen, denen er sich unverschuldet ausgesetzt sieht, ergibt sich eine Konterkarierung des Humors, eine Art gequältes Lächeln, resultierend aus Alltagssorgen, Erwartungsdruck, Versagensängsten und Gruppendynamik – idealer Nährboden also, auf dem Lucy ihr Geschäftsmodell der Freiluft-Psychologie errichtet, das hier seinen Ursprung feiert. In diesen letzten beiden Jahren des Jahrzehnts ist der Humor noch besser und bisweilen bissiger geworden. Schulz’ Figuren verhandeln einerseits Kinderthemen wie Erwachsene, sehen sich andererseits aber auch gezwungen, sich als Kinder mit Themen auseinanderzusetzen, für die sie eigentlich zu jung sind. Die Abwesenheit jeglicher Erwachsener – weder Fräulein Othmar noch irgendein Elternteil ist je im Bild zu sehen – verstärkt den latenten Eindruck, die Kinder seien auf sich allein gestellt. So bleibt viel Raum zum Philosophieren, mal beinahe altklug, mal kindlich unbedarft. Allem großartigen Humor zum Trotz endet das erste Peanuts-Jahrzehnt mit eben jener Ambivalenz, die zu Schulz’ Markenzeichen wurde und sicherlich viel über den Autor preisgibt – und über den US-amerikanischen Zeitgeist jener Jahre.

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