
Länger nicht mehr auf Konzerten gewesen… Das lag aber keinesfalls an einem etwaigen mangelnden Angebot, sondern hatte schlicht Zeitgründe. Als die französischen ANTI-CLOCKWISE ihre Tour beendeten und den Hamburger LIQUOR SHOP ROCKERS den gemeinsam genutzten Gitarristen Needlz zurückbrachten, nutzte man die Gelegenheit für den Tourabschluss-Gig in der Gaußplatz-Kneipe El Dorado. Das war aber am 06.02. und somit an einem Mittwoch, und eigentlich wollte ich auch nur kurz was abholen, sodass ich lediglich ein paar Songs und eine Bierlänge lang Zeuge davon wurde, wie verfickt tight die LIQUOR SHOP ROCKERS mittlerweile geworden ist – und wie gut der Sound in jenem gemütlichen Lädchen war! Sogar noch enger wurd’s am 16.02., als das El Brujito sein Zehnjähriges feierte (Gratulation!) und HEMO & THE OTHER folklastige Stimmungsmusik zur Beschallung des Jubiläums ablieferten und die Besucher(innen) zum Tanzen brachten. So’n richtiger Punk-Gig, zu dem man speziell wegen der Bands hingeht, musste jedoch bis zum 02.03. warten.
Eine feste Hamburger Institution sind die Konzerte in den Fanräumen des Millerntorstadions geworden. Auch diesmal gelang es wieder, ein hochkarätiges Line-up zusammenzustellen und so für eine großartige (Soli-)Party zu sorgen! Von Anfang an war die Bude rappelvoll, EAT THE BITCH spielten ihren ersten Gig mit Bassneuzugang Bommy vor beeindruckender Kulisse. Live-Premiere hatte auch der Song „Trump vor Angst“. Seltsam mutete die Illumination an, die voll ins Publikum leuchtete, Gitarrist Tim dafür im Dunkeln stehen ließ. Auch der P.A.-Sound war noch nicht so geil, hätte mehr Druck vertragen können. Dafür war die Band aber gut aufgelegt und lieferte das erwartete, gewohnt hochklassige HC-Punk-Brett, das von seinen Riffs und seiner hurtigen Rhythmus-Arbeit genauso lebt wie vom unverkennbaren Gesang Jonas und ihren Texten. Lässig tänzelte sie auf und vor der Bühne, wodurch sie eine Souveränität ausstrahlte, die bei einem ersten Gig in neuer Besetzung nicht selbstverständlich ist. Und anstatt sich verrückt zu machen, setzte Bommy sein Pokerface auf und zog durch. Vom einen Refrain, in dem er sich laut eigener Aussage fies verspielt habe, hatte wohl niemand etwas mitbekommen, stattdessen gesellten sich Teile des Publikums zum ausgelassenen Pogo vor der Bühne. Live-Feuertaufe bestanden!
- Eat
- The
- Bitch
Auf dem Flyer komplett übersehen hatte ich die Mainzer mit dem Antinamen „FLO UND PAUL UND FLO“, offenbar ‘ne neue, noch recht junge Band. In Trio-Größe mit singendem Drummer und mehrstimmigen Chören schmetterte man deutschsprachigen Punkrock mit auf witzig und ironisch gebürsteten Texten. „China – Reich der Mitte“ kam ziemlich gut, insgesamt wirkte der Auftritt aber etwas zu sehr wie ‘ne Persiflage auf mich, wie es sie in Form anderer Bands ja mittlerweile doch einige gibt. Müsste ich mir noch mal ansehen/-hören, um das wirklich beurteilen zu können. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ja. Der Sound jedenfalls war plötzlich voll gut, ich jedoch schon bischn schusselig und so hab‘ ich ganz vergessen, Fotos zu machen…
Aufgrund ‘ner Unterhaltung kam ich etwas zu spät von der frischen Luft zur NOTGEMEINSCHAFT PETER PAN zurück, die ersten Songs waren bereits gespielt. Jedenfalls bekamen die „Helikopter-Eltern“ wieder ihr Fett weg, „Kleben und kleben lassen“ erinnerte an OZ, die „Kleine Motivationshilfe“ ging raus an diejenigen, die den Arsch hochkriegen und auch mal dahingehen, wo’s wehtun könnte, aber natürlich wurde auch älteres Material berücksichtigt, „Kellerkinder“ und wie sie alle heißen. Stemmen sprach von seiner Liebe zur ersten WEEZER-Platte und wie gewohnt noch so einiges andere, wobei ich im Gewusel diesmal viel zu abgelenkt war, um alles detailliert aufzunehmen. Zumal während der Songs nicht nur einmal echt gut Alarm war, herrlich ausgelassene Stimmung vor und auf der Bühne, grinsende Gesichter überall, schlicht eine große Party, die im Kontrast zu manch mitunter etwas verkopften Songs des neuen Albums stand. Mittlerweise sind die Anti-Ager aber auch ‘ne Band, über die ich mich bereits mehrfach ausführlich ausgelassen habe, deshalb gleich weiter zur nächsten Krawallcombo, die ich erst zum zweiten Mal live sah:
- Not
- gemeinschaft
- Peter
- Pan
F*CKING ANGRY aus Bonn rissen alles ab! Genialer, treibender Hardcore-Punk der alten Schule mit aktuellen deutschen wie englischen Texten, vorgetragen von der rauen, heiseren, charismatischen Stimme der Sängerin Beckx. Zwei Gitarren (an einer Dominik von CANALTERROR/MOLOTOW SODA) plus Rhythmusfraktion rissen das Tor zur Hölle auf, das Publikum hielt das Euphorisierungslevel und verausgabte sich weiterhin nach Kräften. Ich spritzte mit Bier und gesellte mich dazwischen, Beckx mischte sich unter die ersten Reihen, bis ihr Stemmen irgendwann das Mikro für seinen Gastbeitrag abnahm, und für „Aluhut“ stieß Kem Trail von BRUTALE GRUPPE 5000 zum Duett dazu. Sogar der moderne HH-Punk-Klassiker „Bullenwagen klau’n“ wurde noch improvisiert intoniert – absolut irrer Gig, ständig passierte irgendwas und wer nicht durch die Gegend sprang, lag sich gefühlt glückselig in den Armen. Besser hätte man den Abend nicht beenden können, das war echt die Kirsche auf der Sahnehaube und hat wieder mal bewiesen, dass F*CKING ANGRY zurzeit eine der verfickt geilsten HC-Punk-Bands der Republik sind. Die neue 7“-EP legte ich mir noch am Merchstand zu, ließ sie aber später im Onkel Otto liegen, was ja nun echt abzusehen war – insofern: selbst schuld… Erstes Konzert nach längerer Abstinenz, das besser nicht hätte sein können. Und gleich wieder voll aufgedreht. Das fordert natürlich seinen Tribut, denn so ganz abgeklungen wie erhofft war die Erkältung (oder was auch immer das für ‘ne hartnäckige Scheiße war) dann doch noch nicht und der Kater demnach umso schlimmer. War’s aber wert!
- F*cking Angry




















„Großer Parteitag, Reden zum Gähnen / Deshalb fließt das Bier in Strömen / Dann nach Haus im neuen Wagen / Landet man im Straßengraben / Keine Airbags für die CSU / Und FDP und CDU / Auch die SPD dazu / Keine Airbags für die CSU!“






















Die in der Regel rund 160 Schwarzweiß-Seiten umfassenden Taschenbuch-Ableger des Mad-Satiremagazins widmeten sich meist lediglich einem einzelnen Zeichner, bisweilen einem eingeschworenen Zeichner/Texter-Team oder zumindest einem bestimmten Thema/Aufhänger, interpretiert von wenigen verschiedenen Zeichnern/Autoren. Dieses Konzept wurde im 1978 veröffentlichten Taschenbuch Nr. 19 aufgegeben: Selbstironisch als „eine Sammlung neuester Abfälle“ bezeichnet, vereint es fast alle damaligen Mad-Zeichner, elf an der Zahl, plus Nick Meglin als Texter und Frank Jacobs als Verfasser des (köstlichen) Vorworts. Ergo verfolgt dieses Buch dann auch keinen roten Faden, sondern bietet ein Sammelsurium aus verschiedensten kurzen Comics und satirischen, textlastigen Beiträgen. So treffen Aragones’ dialogfreie Bildwitze auf eine „Superman“-Persiflage Mort Druckers, eine Sportjournalismus-Parodie Jack Davis’ auf eine in Reimversen getextete, durchaus hintersinnige Verulkung computergestützter Partnersuche Al Jaffees, Don Martins Gag-Comics auf gesellschaftskritische Bildergeschichten Antonio Prohias’ und Jack Richards’ „Peanuts“-Hommage, in der sich Charlie Brown mit Richard Nixon unterhält, auf Dave Bergs diesmal jeweils nur einseitige „kleine Mad-Reports“. Die textlastigsten Beiträge gehen aufs Konto Bob Clarkes, der sich streng astrologisch jedes einzelne Sternzeichen vorknöpft und übers Buch verteilt Horoskope formuliert, die die jedem Sternzeichen zugesprochenen Eigenschaften durch den Kakao ziehen. Paul Coker veralbert verschiedene Berufe und erweitert klassische Gemälde um seine Kritzeleien, um sie in einem ganz neuen Kontext erscheinen zu lassen. Interessanterweise lagen damals offenbar Enthüllungsbücher aus dem Profisport im Trend, was George Woodbridge in Form von Werbeanzeigen für fiktive Bücher wie „Die Kegelflegel“ oder „Die Wahrheit über Kricket“ persifliert, während er mittels seines Lebensratgebers „Schlemm dich unfit!“ einen Kontrapunkt zum „Trimm dich“-Fitness- und Gesundheitswahn setzt. Damit bietet das 19. Mad-Taschenbuch ungewohnt abwechslungsreiches und langes Schmökervergnügen – sowie einen schönen Überblick über die verschiedenen damaligen Zeichner und ihre jeweiligen Eigenarten. Wie üblich sitzt nicht jeder Gag, die Ausrichtung aber stimmt und die Ziele der satirischen Spitzen sind meist sorgfältig ausgewählt.
Geld für von Repression betroffene Anti-G20-Aktivistinnen und -Aktivisten zu sammeln, ist immer eine gute Sache, am meisten Spaß macht sie in Form von Solidaritätskonzerten bzw., wie in diesem Falle, -festivals. In die Fanräume des FC St. Pauli luden daher bereits am Freitag NIXDA, ABBRUCH, KONNY und P.O.P., was noch ohne Madame und mich über die Bühne ging und wohl ‘ne bestens besuchte, astreine Party war – gratuliere! Den Samstag eröffnete bereits um 16:00 Uhr Punk-Literat Jan Off mit einer Lesung. Als wir relativ pünktlich aufkreuzten waren wir jedoch erst die zahlenden Gäste Nummer 2 und 3, und obwohl sich noch ein paar weitere Nasen dorthin verirrten, blieb’s arg überschaubar – obwohl Jan normalerweise bei Lesungen in Hamburg die Bude spielend vollmacht. Er machte sich aber nicht sonderlich viel draus und las diverse launige kurze Texte aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Etwas mehr dürfte er sich aber schon vom Nachmittag versprochen haben und so mutete seine Lesung dann auch radikal gekürzt an. Vermutlich wäre es besser gewesen, die Lesung vom Festival zu trennen und separat zu bewerben oder aber den Musik-Acts direkt vorzuschalten, ohne (sogar mehr als) zwei Stunden Leerlauf bis zum Konzerteinlass (in denen wir nach Hause fuhren und Sportschau glotzten).




























Endlich fielen mal wieder ein Anlass, frohgemut in die Flora zu schlendern, die Zeit dafür und der vorhandene Bock auf denselben Abend: Im Rahmen der „Verstrahlt“-Anti-Atomdrecksstaat-Soliparty legten im Gebäudeunteren diverse DJs auf, vor allem aber beanspruchten die große Bühne oben drei interessente Acts für sich. Als endlich aller Lohnarbeitssoll erfüllt und die allwöchentliche Sportpflichteinheit absolviert war, ging’s in die Schanze, erst mal Dinieren – natürlich beim Veggie-Schanzendöner, der abermals nicht enttäuschte. Da könnte ich echt täglich hin. Ein Jammer, dass solche Dönerbuden in Hamburg noch immer so rar gesät sind. Als wir kurz nach 21:00 Uhr am antikapitalistischen Bollwerk eintrafen, hieß es, die erste Band würde in ca. einer halben Stunde anfangen. Pustekuchen, da konnte man locker noch ‘ne Stunde draufpacken. Dafür war der ausufernd lange Soundcheck der Bands MØRDER und LES PÜNX bereits ein Spektakel für sich – inkl. fluchendem Mischer und Stromstöße verabreichendem Mikro. Mit Premium-Bier stießen wir auf einen Premium-Abend an.
Im Molotow hatten wir ja bereits mehrere Male Live-Erfahrung sammeln können, jeweils oben auf der großen Bühne – einmal davon im Rahmen der „Punk Rock Cocktail“-Spätkonzertreihe, die normalerweise unten im kleinen Karatekeller stattfindet, seinerzeit jedoch ausnahmsweise ins Erdgeschoss verlagert worden war. Das fand ich damals klasse; mittlerweile aber hatte ich auch Bock, mal die intimere Atmosphäre des Karatekellers von der Bühne zu spüren. Da passte es bestens, dass uns DJ Starry Eyes zum Jahresausklang noch einmal dorthin gelockt hatte. Allein zu spielen fand ich aber irgendwie doof, vor allem angesichts des großen Angebots starker Hamburger Underground-Bands. Also bemühten wir uns um eine zweite Band, was sich für die Zeit „zwischen den Jahren“ als echte Herausforderung entpuppte. Letztlich fanden wir in 1323 aber eine Combo, die mich bereits live überzeugt hatte und ich als sympathisch in Erinnerung hatte.














„Als im Sommer 1989 Brüder und Schwestern die DDR verließen, kam ihnen einer entgegen. Der Dichter Ronald M. Schernikau emigrierte aus Westberlin und wurde DDR-Bürger“, heißt im Paratext zu diesem rund 120-seitigen broschierten Band, der 1992 als die Nummer 1 der „konkret texte“-Reihe im Hamburger Konkret-Verlag veröffentlicht wurde.















