Günnis Reviews

Autor: Günni (page 33 of 115)

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 1: 1950 – 1952

„Ich möchte wirklich niemandem zu nahe treten und ich glaube auch nicht, dass das nötig ist. Ich glaube, man kann lustig und gleichzeitig unschuldig sein, und trotzdem muss es nicht zwangsweise zuckersüß oder dumm sein.“ – Charles M. Schulz

Ich war seit jeher von den Peanuts und der mit ihnen allem Humor zum Trotz einhergehenden, eigenartigen Melancholie fasziniert. Der US-amerikanische Zeichner Charles M. Schulz erfand sie einst und brachte sie erstmals 1950 als schwarzweißen Comic-Strip in Tageszeitungen unter. Der Hamburger Carlsen-Verlag begann im November 2006 mit der Mammutaufgabe, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte Werkausgabe zu veröffentlichen, die bis zum März 2019 auf 26 Bände angewachsen ist. Der rund 350 Seiten starke erste Hardcover-Band im Querformat (21,5 x 17,0 cm) mit Schutzumschlag umfasst die ersten drei Jahre der Peanuts von 1950 bis 1952 und präsentiert pro Seite drei der meist aus vier Panels bestehenden Strips sowie die später hinzugekommenen Sonntagsseiten, die jeweils eine ganze Buchseite einnehmen. Die Einführung des Humoristen und Dichters Robert Gernhardt umfasst vier Seiten; im Anschluss an die Comics folgen der 14-seitige Essay des Schulz-Biographen David Michaelis „Charles M. Schulz: Sein Leben und Werk“ sowie ein ausführliches, ursprünglich 1987 im Comic-Fachblatt „NEMO: The Classic Comics Library“ veröffentlichtes Interviews Rick Marschalls und Gary Groth’ mit Schulz, das sich über satte 34 Seiten erstreckt, bevor ein Index das auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch abrundet.

Das Besondere an den Peanuts ist in erster Linie, dass sie anhand einer (nach und nach wachsenden) Gruppe Kinder nicht nur die Kinder-, sondern auch die Erwachsenenwelt karikiert, ohne jemals Erwachsene zu zeigen. Die Zielgruppe waren schließlich auch Erwachsene, für Kinder waren sie nie gedacht. Daraus ist ein Konzept entstanden, das aus Kindern sehr individuelle, für einen Comic ungewöhnlich starke Charaktere macht, deren Eigenheiten im Vordergrund stehen – allen voran natürlich der anfänglich noch nicht einmal eingeschulte, aber bereits so oft melancholische, sorgenvoll trübsinnige Charlie Brown, der von Minderwertigkeitsgefühlen und einem permanenten Gefühl der Verunsicherung geplagt wird. Bereits im ersten Strip wird er namentlich genannt, im 29. Strip legt man ihm in die Sprechblase, vier Jahre alt zu sein. Erst nach und nach erfährt man die Namen der anderen Kinder: Patty (nicht zu verwechseln mit Peppermint Patty), die zwischen Charlie und einem anderen, anfänglich namenlosen, im Dezember 1950 Shermy getauften Jungen hin und her gerissen ist. Im Februar 1951 gesellt sich mit dem Mädchen Violet ein weiteres Kind hinzu, diesem macht Charlie Avancen. Charlie kann aber auch sehr frech sein, insbesondere wenn er auf Pattys Annäherungsversuche hin sich einen Spaß daraus macht, die passionierte Sandkuchenbäckerin zu verärgern. Snoopy läuft noch auf allen Vieren und muss ohne seinen gefiederten Freund Woodstock auskommen, zudem scheint er in der Größe noch zu variieren. Im September 1951 ist erstmals seine Hundehütte zu sehen. Es irritiert, dass man ihm ständig Süßigkeiten zu futtern gibt und es dauert bis zum Mai 1952, bis er seine erste Denkblase mit ausformulierten Sätzen bekommt.

Die Evolution der Figuren nachzuvollziehen, ist ein Riesenspaß, zumal sie hier noch altern: Als das spätere Klavier-Ass Schroeder im Mai 1951 eingeführt wird, ist er noch ein Baby, sein geliebtes Musikinstrument bekommt er erst im September. Lucy stößt im März 1952 dazu und ist noch ein Kleinkind mit großen Kulleraugen. Seit dem Herbst 1951 besucht Charlie Brown die Schule. Im Juni 1952 hat Schroeder bereits seinen eigenen Plattenspieler und spricht, auch Lucy ist nun kein Kleinkind mehr. Ein interessanter stilistischer Ausreißer ist im Herbst 1952 zu beobachten, als Schroeder sich bewusst zu sein scheint, eine Figur in einem Comicstrip zu sein. Im Juli 1952 erwähnt Lucy erstmals, einen kleinen Bruder zu haben, doch es dauert bis zum September 1952, bis er auch zu sehen ist und schließlich namentlich genannt wird: Die Rede ist natürlich von Linus. Im Januar 1952 kamen die Sonntagsseiten hinzu, die Schulz einmal pro Woche mehr Platz einräumten. Bereits im Laufe dieser allerersten Jahre wurden die Strips immer detailreicher, insbesondere ihre Hintergründe. Auf einer Sonntagsseite im Oktober 1952 kommt Snoopy seinem späteren Charakter bereits sehr nahe; der Running Gag um Lucy, Charlie und den Football wird auf einer Sonntagsseite aus dem November 1952 etabliert. Ansonsten wird viel Baseball, aber auch überraschend häufig Golf gespielt. Leider ist Shermy im Laufe der Zeit sang- und klanglos so gut wie verschwunden.

Der einfache Strich Schulz’ verfügte bereits von Beginn an über seinen Charme und die Gags sind überraschend gut gealtert. So sehr Schulz sich darüber ärgerte, dass seine Auftraggeber von der Zeitung den Namen „Peanuts“ durchgesetzt hatten, so erfolgreich wurde er mit ihnen: Schulz gilt als erfolgreichster einzelner Comickünstler überhaupt. Tatsächlich hat er bis zuletzt so gut wie allein gearbeitet und damit – dem Namen zum Trotz – stets seine eigene Vision durchgesetzt. Der ausführliche Anhang dieses Buchs verdeutlicht, wie sehr Charlie Brown das Alter Ego Schulz’ war. Schulz war offenbar ein sehr bescheidener Mann, der einen wachen Blick auf die Welt und das gesellschaftliche Zusammenleben hatte. Sein Charakterzug, nicht selbstsicher laut loszupoltern, sondern stets skeptisch und zweifelnd zu bleiben und, an das Gute im Menschen glaubend, niemandem wehtun zu wollen, hatte starken Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung seiner Strips und dürfte entscheidend zu seinem speziellen Stil beigetragen haben. David Michaelis grast prägende biografische Stationen des Zeichners ab, was hilft, dessen Lebenseinstellung nachzuvollziehen.

Menschliche Gefühle, Verhaltensweisen und Macken abstrakt humoristisch und nachdenklich zugleich anhand einer Gruppe Kinder (und eines Hunds) darzustellen und zu abstrahieren, war Schulz’ große Kunst. Diese dank dieser Werkausgabe von Beginn nachverfolgen zu können, ist spannende comicarchäologische Aufarbeitung und großes Vergnügen zugleich. Die Bände 2 und 3 liegen schon bereit!

31.08.2019, SZ Norderstedt: SZ-Sommerfest

Am letzten August-Wochenende veranstaltete das selbstverwaltete SZ Norderstedt sein zweitägiges Sommer-Open-Air. Freitag habe ich es zu Bands wie ABSTURTZ oder CONTRAREAL nicht geschafft; der Samstag aber war ein willkommener Anlass, nach längerer u.a. urlaubsbedingter Abstinenz mal wieder vom Live-Exzess-Kuchen zu naschen. Fast schon peinlich pünktlich war ich mit dem Bus angereist und konnte vor Ort noch Zeit totschlagen („in Ruhe ankommen“), zumal der Opener UNFINISHED BUSINESS krankheitsbedingt ausgefallen war. Die Aufgabe, den Festivaltag zu eröffnen, wurde nun also dem Trio CASE 39 zuteil. Die seit 2016 existenten Schleswiger zockten eine englischsprachige Punk’n’Roll-Variation unter erhöhtem Einsatz des Wah-Wah-Pedals und mit schön asozial kehligem Gesang. In Sachen Geschwindigkeit legten sie auch gut einen vor und bekamen zudem einen fetten Sound vom Mischer. Die Coverversion „Dancing With Myself“ stand an dritter Position, später folgte eine coole Version des RAMONES-Klassikers “I Just Wanna Have Something To Do”. Eine Südstaaten-Boogie-Nummer handelte von einem toten KKK-Mann im Kofferraum und mir dann doch etwas zu entspannt war das „Summertime“-Stück. Viel besser lief mir der Song über die Flüchtlingsmisere im Mittelmeer rein und mit „It’s Getting Dark“ zog man noch etwas von THE BATES aus dem Cover-Koffer. Guter Einstand!

Sehr wuchtig trieben’s anschließend die 2017 gegründeten CHOPSTICK KILLER aus Hamburg: Moderner englischsprachiger Hardcore (die Band bezeichnet ihren Stil als Melodic Post-Hardcore) mit sehr ausdrucksstarker Shouterin, die in ihrem derben Geschrei bisweilen von einem Zweitshouter unterstützt wurde. Technisch ziemlich präzise, dennoch leidenschaftlich vorgetragen, auf der Bühne und auf der Rasenfläche, auf die es die Mitglieder bisweilen zog. Um etwas Bewegung vor der Bühne zu provozieren, verloste man ein T-Shirt an denjenigen, der sich am meisten bewegt. Das Leibchen wechselte den Besitzer, so richtig kam das Publikum dennoch nicht aus sich heraus – beobachtete die Band aber durchaus fasziniert. Musikalisch nicht ganz meine Baustelle, aber eine beeindruckende Performance!

Voll mein Ding hingegen waren natürlich CRASS DEFECTED CHARACTER. Während der ersten ein, zwei Songs musste der Bass noch eingepegelt werden, ansonsten wurde auch hier druckvoll losgeschrotet. Die Mischung aus wüstem und gezügelterem HC-Punk mit überwiegend deutschsprachigen Texten profitierte zudem von der klaren Verständlichkeit letzterer. Die Band hat etwas zu sagen und hat dies in gute, durchdachte Texte verpackt, von deren Qualitäten man sich also vor der Bühne überzeugen konnte. Den stärksten Eindruck machte an diesem Abend „Wollt ihr?“, bei dem ich tatsächlich Gänsehaut bekam. Mit einem gewissen Nachdruck wurde schließlich auch eine Zugabe eingefordert, um genau zu sein: der Song „CDC“ vom Demo, der dann ungeprobt zum Besten gegeben wurde. Sehr geiler Gig!

Ähnlich, aber doch ganz anders sind EAT THE BITCH, deren Alleinstellungsmerkmale Tims Krach für zwei machende Klampfe sowie Jonas Gesang und Texte sind. Zu einem splitternden HC-Punk-Brett gesellen sich dezente Melodien und Chöre, denn die Band beherrscht nicht nur das Hauruck-Verfahren. Immer wieder sehens- und hörenswert, so natürlich auch an diesem Abend, wenngleich noch immer nicht so recht Bewegung ins tiefenentspannte Publikum kommen wollte. Mit zwei, drei anderen sprang ich ein bisschen herum und freute mich über die Songs mit ihrer desillusioniert urbanen Sicht aufs Weltgeschehen und die persönliche Rolle darin. Ach, und Neubasser Bommy war bei Weitem nicht mehr so aufgeregt wie vor seiner Feuertaufe im März – und hatte die Haare schön!

Zeit für Entspannung: ARRESTED DENIAL kombinierten den Texteversteh-Faktor von CDC mit einer lässig rockenden Variante des Streetpunks/-rocks, der bei Geniestreichen wie „Nationalisten aller Länder“ den lyrischen Inhalten ausgiebig Raum zur Entfaltung bietet. Leider streikte Timos Bass anfänglich, bis sich nach Kabeltausch etc. der Amp als Ursache herausstellte und ausgetauscht wurde. „Und es war Sommer…“ rief irgendjemand während dieser Phase. Daraufhin ging’s unterbrechungsfrei weiter, lässige, aber auch mal flottere Songs, gute Texte, sympathisches Auftreten, unterstützenswerte Band, erschreckend unprätentiös, schlau und klischeefrei. Kennt eh jeder, brauche ich nicht lange zu schwadronieren. Nicht unbedingt gerechnet hatte ich mit dem TOCOTRONIC-Cover „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ inkl. spontanem Gastsänger. Den Song hatte ich wahrscheinlich zuletzt 1997 gehört, als ich für mich beschloss, mit TOCOTRONIC nichts anfangen zu können. Dennoch ein durchaus willkommenes Wiederhören… Apropos Cover: Als Zugabe verlangte ich natürlich lautstark nach der schwedischen Crust-Legende ROXETTE und bekam schließlich das ersehnte „Sleeping in my Car“/ „Dressed for Success“-Medley.

Mit dem wütenden deutschsprachigen Hardcore der Eisenacher GLOOMSTER mit zwei Shoutern und Metal-Klampfe stieg das musikalische Aggressionslevel deutlich, allerdings war ich mittlerweile auch ziemlich angetrunken und pausierte erst mal ‘ne Runde. Den Gig nahm ich daher eher als Hintergrundbeschallung wahr. Mein Pausieren bezog sich allerdings nicht aufs Trinken, sodass ich völlig besoffen war, als der BRUTALE-GRUPPE-5000-Gig vermutlich wegen Lärmauflagen ins Ladeninnere verlegt wurde. In Erwartung des heftigen, paranoiden Laserpunks war mir nach Tanzen zumute, dem ich dann auch nachging. Auch ein paar andere hatte der Bewegungsdrang gepackt. Ich moshte und pogte mir die letzten Energiereserven raus, bis mich nach Ende der Veranstaltung Holli Abschaum freundlicherweise im Auto zurück nach Hamburg nahm (danke noch mal). Alles in allem ‘ne klasse Veranstaltung mit leckerer Verpflegung (frische ungarische Langos), günstigem Bier und einwandfreien Bands, für die ich allerdings mitunter mehr Publikumszuspruch und -reaktionen erwartet hatte – verdient hätten sie’s gehabt. So ist das bei Sommerfestivals auf der grünen Wiese aber nun mal: Man neigt zur Tiefenentspannung und statt Durch- ist Tütedrehen angesagt. Ich habe übrigens zufällig genau 77 Fotos geschossen! (Jaja, inkl. Ausschuss…)

Friedrich W. Stöcker – Das Jahr mit den Igeln

Stachelig, oft voller Flöhe, aber trotzdem total niedlich – das ist nicht etwa eine Beschreibung des Verfassers dieser Zeilen, sondern der Hauptattraktion dieses rund 30-seitigen Büchleins aus dem Leipziger Rudolf Arnold Verlag, das 1975 erschien und sich an Kinder ab sieben Jahren richtet: des Igels.

Zwischen großflächigen, von Karl Quarch angefertigten Naturfotos wird die Geschichte der Geschwister Bärbel und Jochen erzählt, die häufig ihren Großvater in seinem großen Garten besuchen und Freude an der Natur haben. Eines Tages entdecken sie dort die Spuren kleiner Tiere, die sich später als Igelspuren herausstellen. Über einen längeren Zeitraum beobachten die Kinder zusammen mit ihrem Opa die possierlichen Gesellen und lernen dabei eine ganze Menge über sie – und somit auch die Leserinnen und Leser dieses Buchs, denn mal ganz direkt, mal eher beiläufig werden immer wieder Informationen eingestreut, die auch dem jungen Publikum begreiflich machen, was Igel wann und warum zu tun pflegen und wie wir Menschen dazu beitragen können, dass es ihnen gutgeht. Stöckers Text ist bestens zum Vorlesen geeignet und Quarchs Bilder von Flora, Fauna und natürlich insbesondere Igeln bieten eine perfekte Illustration. Zudem ist „Das Jahr mit den Igeln“ im Subtext ein Plädoyer für naturbelassene Gärten, in denen es so viel mehr zu entdecken gibt als in sterilen monokulturellen Rasenflächen.

Wer Freude an kindgerechter Wissens- und Tierliebevermittlung oder generell eine Schwäche für die Stacheltiere hat, die in Buxtehude einst sogar Wettrennen gegen Hasen gewannen, greift also wie ich zu, wenn ein Exemplar dieses zwischen zwei feste Deckel gebundenen Buchs bei Entrümpelungen, auf dem Flohmarkt oder in einer Tauschkiste auftaucht.

Walter Murch – Filmmontage alias Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage

ISBN: 978-3-89581-109-8

„Das Paradoxon des Kinos ist, dass es am effektivsten funktioniert, wenn es ihm scheinbar gelingt, zwei unvereinbare Elemente – das Allgemeine und das Persönliche – zu einer Art Massenintimität zu verschmelzen. Die Arbeit selbst, die auf ein Millionenpublikum zielt, ändert sich nicht, und doch scheint ein Film, wenn er funktioniert, jeden einzelnen Zuschauer […] mit großer Kraft auf ganz persönliche Weise anzusprechen.“

Der US-Amerikaner Walter Murch ist ein hochdekorierter Film-Cutter, der den Schnitt von Filmen wie „Apocalypse Now“, „Der Dialog“, „Der Pate – Teil III“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Cold Mountain“ vorgenommen hat. Für seine Arbeit an „Der englische Patient“ erhielt er die Oscars für den besten Schnitt und die beste Tonmischung. Dieser ursprünglich im Jahre 2004 im Alexander Verlag Berlin veröffentlichte, rund 150 Seiten umfassende broschierte Essay-Band unterteilt sich in zwei Abschnitte: Die bearbeitete Transkription eines Filmschnittvortrags, den Murch 1988 in Australien hielt, und einen 2001 neu verfassten Text, der sich mit dem Übergang vom analogen zum digitalen Filmschnitt auseinandersetzt. Vorangestellt ist ein Vorwort des Regisseurs der „Der Pate“-Reihe Francis Ford Coppola. Anmerkungen, ein Filmtitel- und Personenregister sowie biographische Notizen zum Autor ergänzen den Band. Mir liegt Ulrich von Bergs deutsche Übersetzung in der vierten Auflage aus dem Jahre 2014 vor.

Tiefgründig und kurzweilig zugleich philosophiert Murch über den Filmschnitt, gewährt Einblicke in Techniken und seine persönliche Herangehensweise und stellt die Bedeutung dieses mitentscheidenden Schritts der Postproduktion heraus. Um die Aufgaben eines Cutters zu veranschaulichen, verwendet er viele Metaphern, abstrakte Vergleiche und sprachliche Bilder. Murch legt Prioritäten für den Filmschnitt fest, stellt verschiedene analoge Schnitttechniken und ihre Funktionsweisen vor und vergleicht schließlich titelgebend den Schnitt mit Träumen und Lidschlägen („Blinzeln“). Das alles sensibilisiert für die Bedeutung des Filmschnitts und liest sich sehr flüssig und angenehm, wenngleich der technische Aspekt in der heutigen Zeit des Digitalschnitts natürlich an Bedeutung verloren und daher eher historischen Charakter hat.

Der zweite Teil entstand zu einem spannenden Zeitpunkt: der Übergangsphase von der analogen zur digitalen Technik, in der Mischformen wie digital geschnittene, aber auf analogem 35-mm-Material in die Kinos gegebene Filme den Markt beherrschten. Jenen Analogfilmrollen prophezeit Murch dann in weiser Voraussicht auch ihr baldiges Ende, das mittlerweile weitestgehend eingetroffen ist – die meisten Kinos haben komplett auf digitale Projektion umgestellt. Analoge Filmvorführen besetzen lediglich eine Nische für Kenner und Liebhaber in Filmmuseen, bestimmten Kommunalkinos o.ä.

Der Autor zeigt mathematisch die unzähligen Schnittmöglichkeiten auf, erläutert die einzelnen Vorzüge des Digitalschnitts und beschreibt seine eigenen Erfahrungen mit früher digitaler Montagetechnik. Im Prinzip zeichnet er die Entwicklung des digitalen Filmschnitts nach und benennt dessen Kinderkrankheiten bis zum Durchbruch Mitte der 1990er, als ein Film in seiner vollständigen Kapazität und Qualität digital speicher- und bearbeitbar wurde. Daraus resultiert schließlich Murchs dramatische persönliche Geschichte des „Der englische Patient“-Schnitts, den er nach analogem Beginn digital durchführte und der als erster digital geschnittener Film einen Schnitt-Oscar gewann. Im Anschluss warnt er vor digitalen Fallstricken, resultierend aus der veränderten, vermeintlich einfacheren Arbeitsweise.

Murch sagte die weitere, mittlerweile Realität gewordene Entwicklung der kompletten Digitalisierung des Kinos voraus, inkl. der Bildmanipulationen und Integration von Spezialeffekten in der Postproduktion, die heutzutage Usus sind (lediglich im behaupteten Tod der Vinyl-LP irrte er). Gegen Ende wagt er sogar die differenzierte Beantwortung der Frage, inwieweit diese Entwicklung gut oder schlecht fürs Kino ist. Natürlich ist all das im zeitlichen Kontext zu betrachten, was es sowohl für Cineast(inn)en als auch – vermutlich – für Filmemacher(innen) nicht minder interessant macht. Ein paar wenige Fotos und ein einzelne Tabelle sollen zu veranschaulichen helfen, sind jedoch etwas dünn – gerade etwas mehr Bildmaterial hätte es schon sein dürfen. Auch dass eine 2014 erschienene Auflage noch die alte deutsche Rechtschreibung („daß“ statt „dass“ etc.) verwendet, irritiert. Dem Lektorat ist auch ein bisschen was durchgerutscht. Das mindert den Genuss der weisen Worte eines echten Schnitt-Gurus jedoch nur marginal. Ich freue mich auf die Fortsetzung „Filmdienstage“!

24.07.2019, Semtex, Hamburg: THE CASUALTIES + TOTAL CHAOS (+ EAT THE BITCH)

Das war ja mal wieder wat: TOTAL CHAOS und THE CASUALTIES in den gemessen an der Popularität der Bands winzigen Semtex-Keller (ehemals Menschenzoo) zu sperren – und das auch noch im Hochsommer und mitten in der Woche. Ich hatte mir keinerlei Hoffnungen gemacht, an diesem Abend teilhaben zu können und die Veranstaltung weitestgehend ignoriert. Bis sie am Nachmittag des 24.07. plötzlich in meinem Facebook-Stream wieder aufpoppte. Es war der bisher heißeste Tag des Jahres (am nächsten Tag wurde der Hitzerekord endgültig geknackt) und ich hatte seit 8:00 Uhr morgens bei bis zu 35 °C auf Arbeit geschwitzt. Aber ich war eh pleite und die Veranstaltung ausverkauft. Dennoch reifte ein Gedanke: Ich gucke nach Feierabend einfach mal vorbei, mische mich unters Volk, betrachte das Spektakel von außen und hoffe auf das eine oder andere bekannte Gesicht, das mir vielleicht ‘n Feierabendbierchen ausgibt.

Als ich vor Ort eintraf, befanden sich größere Menschentrauben vorm Laden, die lokalen Vorturner(innen) EAT THE BITCH lagen gerade in ihren letzten Zügen oder hatten ihren Gig just beendet. Bommy erzählte mir hinterher, dass Tim zwei Songs vor Schluss eine Saite gerissen sei und man aufgrund des enggesteckten Zeitplans den Auftritt vorzeitig beendet habe. Das mit den Bierchen klappte ganz gut und ich hatte mal wieder mehr Glück als Verstand: Unmittelbar bevor TOTAL CHAOS losrödelten bekam ich eine Eintrittskarte geschenkt, weil die Bekannte einer Bekannten kurzfristig hatte absagen müssen. Gibt’s so was?! Kurzentschlossen begab also auch ich mich in die Sauna, die zunächst gar nicht so überhitzt war wie befürchtet. Die US-HC-/Chaos-/Streetpunks TOTAL CHAOS aus L.A. zockten als Intro „Ace of Spades” von MOTÖRHEAD an und gaben dann gut Gummi. Während bei den Kollegen vonne CASUALTIES HC- und Streetpunk häufig miteinander verschmelzen, scheinen mir die Stile bei TOTAL CHAOS stärker voneinander getrennt. Bedeutet: Auf einen spröden, aggressiven HC-Punk-Kracher folgt eine schön dreckige Streetpunk-Hymne, die mir diesmal in höherer Frequenz vertreten schienen als noch 2016 im Monkeys (scheiße, schon wieder so lange her…?) Sänger Rob schien gut drauf, schimpfte auf sein Heimatland, warnte vor neuen Kriegen und kotzte sich kräftig und radikal aus. Lediglich bei einer Ansage zu Ehren Watties (THE EXPLOITED) schienen die Meinungen etwas auseinanderzugehen, ansonsten war auch vor der Bühne permanent etwas los. Norman hinterm Mischpult hatte wieder mal den perfekten Sound gefunden, sodass alles ordentlich Druck und Wumms hatte, ohne in den Ohren zu schmerzen. TOTAL CHAOS sind eine astreine Liveband, was sie auch mit diesem Gig einmal mehr unter Beweis stellten. Am Ende mischte sich Rob noch unters Publikum, bis irgendwann Sense war – zu einem Zeitpunkt, zu dem ich gut und gerne noch ein paar mehr Songs vertragen hätte. Schönes Aggro-Punk-Brett, das meine Stimmung gut gehoben hatte.

Einigermaßen euphorisiert ging’s vor die Tür, um eine zu dampfen, denn – dankenswerterweise, wie ich anmerken möchte – herrschte an diesem Falle Rauchverbot im Semtex, was das Gedrängel und Geschwitze gleich etwas angenehmer gestaltete. Zu den US-Chaos-Punks THE CASUALTIES aus N.Y.C., die nach ACCEPTs „I’m a Rebel“ aus der Konserve (war das das offizielle Intro oder Zufall?) zum Tanze baten, wählte ich dieselbe Taktik wie bei TOTAL CHAOS: Hinten „anstellen“ und immer, wenn sich jemand aus dem Pulk schält, aufrücken, bis unmittelbar hinter die Pogozone. Das ging diesmal sogar wesentlich flotter, denn nun war noch mehr Bewegung im Publikum. Es war das erste Mal, dass ich die Band ohne Gründungsmitglied Jorge am Gesangsmikro sah, dessen Platz seit 2017 David Rodriguez von den KRUM BUMS einnimmt. Dieser ist im Prinzip genau so’n Aktivposten, macht ordentlich Alarm und scheint mir live stimmlich auch nicht allzu weit von Jorge entfernt. Nach wie vor dominieren hektisch geriffte HC-Punk-Attacken mit aggressivem Keifgesang, häufig mit Singalong-Refrain und ein paar Oho-Chören. Es wurde die erwartete Mischung aus Klassikern (nur geil: „Ugly Bastards“ und „Riot“!) und jüngerem Stoff. Von MOTÖRHEAD coverte man „R.A.M.O.N.E.S.“, das in Kombination mit der eigenen RAMONES-Hommage „Made in N.Y.C.“ gezockt wurde. Der CASUALTIES-Sound macht einfach Spaß, lädt zum Herumspritzen mit Bier ebenso ein wie zum Bullenschubsen und zur körperlichen Ekstase – und klang auch hier dank Norman astrein. Die bunten Band-Iros hingen allerdings bald auf halb acht, was David zur Aussage verleitete, fürs nächste Mal besseres Haarspray zu kaufen. Ansonsten schimpfte auch er kräftig auf die US-Politik sowie auf Rassisten und Faschisten aller Art, stimmte gar einen „Fuck Donald Trump“-Chor an. Das lasse ich mir ebenso gefallen wie radikales Hardcore-Punk-Mitklatschen, von mir aus auch Cirlce-Pit-Aufforderungen. Wenn er jedoch im kleinen Semtex allen Ernstes eine Wall of Death anberaumt, ist das nur noch albern. Wir sind hier doch nicht auf dem „With Full Force“ und THE CASUALTIES sind auch keine Newschool-HC-Band. Und überhaupt: Punks lassen sich nicht gern Befehle erteilen, auch keine zum Mauerbau und anschließenden Ineinanderspringen. Mehr Kredibilität entwickelte David, als er sich durch den Pulk wühlte, auf eine als Tisch genutzte Tonne kletterte, von der aus er „We Are All We Have“ skandierte, dem Mob das Mikro zum Mitsingen hinhielt und sich anschließend per Crowdsurfing zurück auf die Bühne befördern ließ. THE CASUALTIES durften als einzige Band dieses Abends Zugaben spielen, weshalb es dann doch etwas länger wurde, aber da ich auch weiterhin nicht auf dem Trockenen sitzen musste, genoss ich diesen spontanen Konzertabend außerhalb der Reihe und damit meine erste Veranstaltung im Semtex, dem mittlerweile vierten Namen des Clubs, der nun nicht mehr von Silbersack-Inhaber Dominik betrieben wird, sondern zu einem gemeinnützigen Verein umstrukturiert wurde, der auf mehreren Schultern lastet. Der kultige ‘80er-Pop-Hit „Tarzan Boy“ aus der Konserve markierte das Ende des Gigs und sorgte fürs eine oder andere verdutzte Gesicht, köstlich. Am nächsten Morgen kam ich trotzdem pünktlich aus der Koje, also alles tutti. Danke an alle, die mich Pleitegeier so nett unterstützt haben – bin wieder liquide und werd‘ mich revanchieren!

Am nächsten Abend traten THE CASUALTIES übrigens spontan noch einmal im Semtex auf, um auch denjenigen den Konzertbesuch zu ermöglichen, die tags zuvor keine Karte mehr bekommen hatten. Geile Nummer!

Rocko Schamoni – Dorfpunks

„Sie hatten Angst vor uns und machten sich gleichzeitig Sorgen. Geile Mischung.“

Tobias Albrecht alias Rocko Schamoni ist nicht nur Entertainer, Musiker, Telefonstreichspieler mit „Studio Braun“ und Mitglied der Partei Die PARTEI, sondern auch Roman-Autor. Im Jahre 2000 debütierte er mit „Risiko des Ruhms“, einer autobiographisch anmutenden Kurzgeschichtensammlung, die jedoch angeblich frei erfunden ist. Bis heute habe ich noch keine Lust verspürt, mir jenen Schmöker einmal vorzuknöpfen. Anders verhielt es sich da mit dem Nachfolger, dem 2004 bei Rowohlt erschienenen und zum Überraschungserfolg avancierten „Dorfpunks“. Erneut könnten die Kapitel als autobiographische Kurzgeschichten bezeichnet werden – und diesmal haben sie sich anscheinend tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen. Mir liegt die zweite Auflage aus dem Januar 2006 vor.

Schamoni scheint in „Dorfpunks“ seine Jugend zwischen dem zwölften und dem 22. Lebensjahr im schleswig-holsteinischen Lütjenburg, das er hier Schmalenstedt nennt, aufzuarbeiten. Dorthin hatten ihn seine Eltern gepflanzt, nachdem sie ebenda ein altes Bauernhaus erworben und renoviert hatten. Der in 47 kurze, maximal achtseitige Kapitel und einen Epilog unterteilte, rund 200-seitige Roman beginnt mit ungezwungenen Schwänken aus dem Leben eines Dorfkinds hippieesker Pädagogen – beide Elternteile waren Lehrer. Dazu gehörte offenbar auch das Misshandeln wehrloser Tiere, was der Ich-Erzähler nonchalant beschreibt. Das alles liest sich zunächst wie eine ungeschönte Anekdotensammlung, in der es zunehmend um Härte und Männlichkeit geht – Pubertät eben. Mir gefällt die mitschwingende positive Konnotation des Wörtchens „Hass“ als Antriebskraft und Aufputschmittel. Gehört wird Hardrock und Artverwandtes. Die NWOBHM-Band Saxon schreibt Schamoni versehentlich mit Doppel-x, wie man AC/DC schreibt, weiß er aber – und verfasst den besten Konzertbericht über die Australier, den ich jemals gelesen habe. „I’m a live wire“, Digger!

Lange darüber zu sinnieren, wie es der Begriff „Mordsgaudi“ in den Sprachschatz eines Schleswig-Holsteiners geschafft hat, lohnt sich nicht, denn nach dem ersten Viertel beginnt Schamonis Punkwerdung. Auf dem Dorf ist es selbstverständlich, betrunken ein Kfz zu steuern, als Punk erst recht. Roddy Dangerblood wird er sich bald nennen und damit seine alte Identität abstreifen wie eine lästig, weil zu eng gewordene Jacke. Sehr anschaulich werden die Gründe nachlassender Leistungen in der Schule geschildert, wovon auch der Verfasser dieser Zeilen ein Lied singen kann. Natürlich gibt es eine dilettantische erste Band und natürlich auch Ärger mit den Dorfprolls, teils herrlich absurd. Als man beginnt, sich auf dem örtlichen Marktplatz zu treffen, wird’s dann auch so richtig punkig. Nun war man wer. Eigenartigerweise schien das Meier’s so etwas wie eine okaye Dorfdisse zu sein, in der die Punks willkommen waren und weitestgehend unbehelligt blieben. Ich erkenne in „Dorfpunks“ ja einiges aus meiner eigenen Vita wieder, aber das gab es zu meiner Zeit bereits nicht mehr. Beim Angriff der „Born to be Wild“-Rocker aufs Meier’s allerdings blieb kaum ein Stein auf dem anderen.

„Der Sommer 1983 war der Höhepunkt der Punkrockbewegung in Schmalenstedt. Sechs Jahre nach dem Höhepunkt in England.“

Irgendwann wird Dangerblood ins Jugendaufbauwerk der Heilsarmee gesteckt, wo man ihn grundgesetzwidrig erpresst: Nietenarmbänder oder Mittagessen. Später zieht es ihn in seiner Freizeit nach Berlin, wo er als Wohlstandsjunge einen Schnorrpunk spielt. Gute Punktexte zu schreiben bekommt er leider nicht hin, widmet sich daher schließlich irrelevanter Stimmungsmusik. Anders als manch urbaner Arroganzpunk (vgl. „Verschwende deine Jugend“) war Schamoni aber musikalisch schon immer breiter aufgestellt und interessiert, wie er immer wieder auch in „Dorfpunks“ fallen lässt. Nach einer Science-Fiction-Episode lernt er Alfred Hilsberg kennen, außerdem die Goldenen Zitronen, damals Timmendorfer, und Die Toten Hosen. Mit seiner Zwei-Mann-Band, den Amigos, verpasst er die große Chance, direkt im Anschluss an einen Hosen-Gig vor großem Publikum zu spielen. Ein tragikomisches Kapitel, wie so viele.

Obligatorisch sind diverse Schwärmer-, Schmachter- und Liebeleien in Bezug aufs weibliche Geschlecht, insbesondere, wenn der Autor zum Ende hin seine erste ernsthafte Beziehung Revue passieren lässt, doch nach meiner x Jahre zurückliegenden Erstlektüre war vor allem eines bei mir hängengeblieben: Die unheimliche Tristesse, die Schamonis Alltag bestimmt, als er auf Drängen seiner Mutter hin eine Töpferlehre beginnt – und durchzieht. Unfassbar! Auch jetzt schaudert es mich, wenn ich an diese Episoden zurückdenke, derart anschaulich und nachvollziehbar hat er seine damalige Gefühlswelt in Worte gefasst. Das sagt aber natürlich auch etwas über mich aus, was ich schon vorher wusste: Meine eigene Angst davor, zu einem solchen oder ähnlichen Job verdammt und von der Außenwelt isoliert zu sein. Andererseits gelingt es Schamonis jüngerem Ich, aus dieser Langeweile Kreativität entstehen zu lassen und D.I.Y.-Projekten nachzugehen, was sicherlich gern als Empfehlung gelesen kann, sollte man sich einmal selbst in einer ähnlich unwirtlichen Situation befinden.

Schamoni räumt kräftig mit urbaner Arroganz auf, beherrscht einen humorvollen und zugleich melancholischen Schreibstil und stellt seinen Hang zur Selbstironie und zu überspitzten Metaphern unter Beweis. Im Präteritum hangelt sich sein autobiographischer Erzähler nach einer Art Prolog chronologisch an seiner Sozialisation entlang, die in einen Entfremdungsprozess von seinen Eltern und deren Welt sowie von gesellschaftlichen Erwartungen mündet. Es wird ein Gefühl dafür vermittelt, wie schön und zugleich einengend das Dorfleben sein kann, paradox und widersprüchlich wie der Punk. Der stilistisch abweichende Epilog übers Loslassen und den Abschied von Jugend und alter Liebe legt die Deutung nahe, er habe mit „Dorfpunks“ beides verarbeiten und hinter sich lassen können. Ob er das wirklich hat…?

29.06.2019, Bambi Galore, Hamburg: ENFORCER + FINAL CRY

In der Metal-Journaille wurde in den letzten Jahren immer häufiger die Frage aufgeworfen, welche Band denn in der Lage wäre, auf Festivals und Shows die ganz großen Headliner zu beerben, wenn diese endgültig abtreten. Ein Name schoss mir dabei immer spontan durch den Kopf: ENFORCER. Die Schweden spielen einen schön arschtretenden Mix aus melodischem Speed und klassischem Heavy Metal, orientieren sich stark an der Hochzeit des Genres (lassen also sämtliche Stilverirrungen ab den 1990ern dankenswerterweise beiseite) und sind derart versierte Songschreiber, dass ihnen sowohl herausragende, eingängige Hits als auch abwechslungsreiches Material von episch-getragenen Hymnen bis zur thrashigen Abrissbirne gelingen – das Holz, aus dem Langzeitklassiker geschnitzt sind. Nach vier Alben und ausgiebigen Tourneen hatten sie sich zuletzt allerdings ziemlich rar gemacht. Einzelne Bandmitglieder haben sich ihren musikalisch anders gelagerten Nebenprojekten gewidmet und ich fragte mich, ob mit ENFORCER wohl noch mal zu rechnen sei.

Kürzlich traten sie dann mit ihrer fünften Langrille auf den Plan, wenig bescheiden „Zenith“ betitelt. Das Album polarisiert. ENFORCER haben den roten Faden, der all ihre vorausgegangenen Alben durchzog, verloren und wildern in diversen Randbereichen des metallischen Paralleluniversums. Kritik daran ließ man nicht gelten, vertrat den Standpunkt, sich das Recht herauszunehmen, sich weiterzuentwickeln, über den Tellerrand zu blicken und andere Einflüsse als Speed Metal zuzulassen. Ich war irritiert: Hatten sie das nicht zuvor bereits stets getan, auf organisch und natürlich klingende Weise? Mir schien man nun vielmehr auf Krampf eine Art „Classic Rock“-Album am Reißbrett entworfen zu haben, um irgendeine Art von „Durchbruch“ zu schaffen – auf Kosten des jahrelang herausgebildeten eigenen Stils, der nun von Poser-Hardrock, Pomp und sogar einer Ballade verwässert wurde. Nichtsdestotrotz fand ich mit „Searching for You“, „Thunder and Hell“ und „Forever We Worship the Dark“ drei echte Perlen auf dem Album und hoffte darauf, dass diese ins Liveset finden und sich die anderen Songs vielleicht in der Live-Situation entfalten und zumindest Spaß machen.

Es stand nämlich der einzige deutsche Club-Gig der „Zenith“-Tour an, für den man den exakt richtigen Laden ausgewählt hatte: Das sympathische Bambi in HH-Billstedt. Das machte neugierig, also hatten Madame und moi uns bereits im Vorverkauf zwei Karten gesichert, zumal dort auch noch Bekannte aus Hannover erwartet wurden. Jener Samstag erwies sich als heißer Frühsommertag, der die erwarteten Publikumsscharen anzog. Nach ein, zwei Bierchen vor der Tür ging’s die Treppen runter, um die Vorband FINAL CRY nicht zu verpassen. Das Quintett aus dem Weserbergland ist bereits seit 1994 (!) aktiv und hat fünf Langdreher vorzuweisen, dennoch hatte ich noch nie etwas von ihm gehört. Jüngst war (nach zwölfjähriger Abstinenz) mit „Zombique“ ein neues Album erschienen, noch von Gitarrist Eiko eingesungen, offenbar im unmittelbaren Anschluss hat man sich aber um einen sehr fähigen Sänger/Shouter verstärkt. Der Mann stammt aus den USA, hat Showtalent und ‘ne gute, kehlige Stimme. Das Intro aus der Konserve blieb die einzige Prätentiöse; direkt der Opener überraschte positiv und überzeugte nicht nur mich, sondern auch die anderen Gäste, von denen wohl kaum jemand die Band kannte (abgesehen von demjenigen, der sie anscheinend erfolgreich ans Bambi vermittelt hatte, und unserem Bekannten aus Hannover, der angab, 2003 mal mit ihr zusammen gespielt zu haben). Mit ihrer atmosphärischen Mischung aus Geballer und Melodien konnten sich FINAL CRY dauerhaft die Aufmerksamkeit sichern und manch Zuhörer(in) mehr gewinnen. Der zwischenzeitliche Versuch, Stimmung für ENFORCER zu machen, blieb dann sogar relativ erfolglos, weil gerade alle FINAL CRY viel geiler fanden. Zwischendurch holte der Sänger den Heavy-Metal-Tigger auf die Bühne und freundete sich mit ihm an. Beim letzten Song mit seinem schönen „Walk With The Deeeeeeaaaaad“-Mitgrölrefrain stromerte er durchs Publikum und hielt u.a. mir das Mikro unter die Nase, bis der letzte Akkord verklungen war und sich manch einer interessiert an den Merchstand begab. Absolut gelungener Gig, jetzt sollten FINAL CRY am Ball bleiben (und mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben – wie wär‘s z.B. mit ‘ner Bandcamp-Seite?)!

Zu ENFORCER wurd’s dann natürlich brechend voll. JUDAS PRIESTs JOAN-BAEZ-Cover „Diamonds and Rust“ ertönte aus der Anlage und vier Schweden stürmten auf die Bühne, um ausgerechnet mit „Die for the Devil“, dem eher unschön an die ‘80er erinnernden Poser-Stück ihres neuen Albums, den Gig zu eröffnen. Bestätigt hat sich allerdings meine Vermutung, dass das Ding live Spaß machen würde – mir persönlich zwar weniger, aber das Bambi stand bereits jetzt Kopf und manch harscher Kritiker sang den Refrain freudestrahlend mit. Sänger/Gitarrist Olof Wikstrand punktete optisch mit einem SODOM-Leibchen, Bassist Tobias Lindqvist trat gleich oben ohne auf und präsentierte damit allen seine Knasttattoos, während der zweite Gitarrero Jonathan Nordwall seinen frisch geföhnten und frisierten Bratwurstbart spazieren trug. Gleich die zweite Nummer war dann der Speedster „Searching for You“ vom neuen Album, der die Bude endgültig zum Kochen brachte. Es wurde eine schweißtreibende Angelegenheit. „Zenith of the Black Sun“ und „One Thousand Years of Darkness“ sollten im weiteren Verlauf die einzigen weiteren „Zenith“-Songs bleiben, womit meine anderen beiden Favoriten leider ausfielen. Dafür gab’s aber die volle Dröhnung mit älteren Hits wie „Undying Evil“, „From Beyond“, „Live for the Night“, „Mesmerized by Fire“ und gegen Ende „Take me Out of this Nightmare”, bevor als Zugaben das (auch von mir) frenetisch geforderte „Katana“ und „Midnight Vice“ den krönenden Abschluss bildeten. Die Band drehte genauso ab wie das Publikum und lieferte im Prinzip genau die energiegeladene Wahnsinns-Performance, die ich von ihrem 2014er Gig im MarX in Erinnerung hatte. Das war ohne jeden Zweifel ein Siegeszug, der jeden Kritiker hat verstummen lassen. Fazit: Nix ausgewimpt, seltsamen Gesichtsfrisuren und durchwachsenem Album zum Trotz. Ich bin beruhigt. Danke an die Band für diese Wahl des Konzertorts, danke ans Bambi und allen Beteiligten für die geile Metal-as-fuck-Party!

P.S.: Meine Fotos sind Mist, viel geilere gibt’s hier.

Jürgen Teipel – Verschwende deine Jugend

Der ehemalige Fanziner und hauptberufliche Journalist Jürgen Teipel veröffentlichte 2001 im Berliner Suhrkamp-Verlag seine Oral History of Punk 1976-1983, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“, für den er drei Jahre lang über 100 Zeitzeug(inn)en interviewte und ihre Antworten zu einem in drei Teile plus Vorwort(e), Pro- und Epilog unterteilten, in etliche Kapitel gegliederten Band zusammenfügte, sodass sie sich wie transkribierte Gesprächsrunden lesen. 2012 erschien eine revidierte und erweiterte Neuauflage des Überraschungserfolgs, deren zweite Auflage aus dem Jahre 2017 mir vorliegt.

Seinem vierseitigen Originalvorwort fügte er in der Neuauflage ein weiteres an, wobei er bereits im ersten gut daran tat, zu betonen, sich keinerlei Repräsentativität anzumaßen. Damit nimmt er vielen möglichen Kritiker(inne)n den Wind aus den Segeln, die sich daran stören könnten, dass er zwar Düsseldorf sehr ausführlich abhandelt, Berlin und Hamburg jedoch nur in Auszügen und andere deutsche Ballungszentren des Punks erst gar nicht aufgreift. Mit seinen Anhängen kommt die Neuauflage auf über 450 Seiten im Taschenbuchformat. Los geht’s im Prolog mit den Hippies, gegen die man war, von denen man sich radikal abzugrenzen suchte. Teil 1, „Innenstadtfront“, behandelt den Zeitraum vom Sommer 1976 bis zum Herbst 1978, Teil 2, „Ich und die Wirklichkeit“, setzt sich mit der Phase vom Herbst 1978 bis zum Winter 1980 auseinander, Teil 3, „Die Guten und die Bösen“, hat den Frühling 1980 bis zum Winter 1982 zum Thema. Biografische Angaben zu den zahlreichen zu Wort kommenden Personen, eine Zeittafel und Bildnachweise runden den Band ab.

Mit seiner Art der Montage erinnert „Verschwende deine Jugend“ stilistisch an diverse sich ausschließlich aus O-Tönen zusammensetzende Dokumentarfilme, die komplett auf eine(n) Sprecher(in) verzichten und – wie hier – die Interview-Fragen aussparen, sodass die Antworten wie von etwaigen Fragestellungen autarke Aussagen wirken. Teipel konstruiert gewissermaßen eine Handlung, was das Buch erzählerisch interessant und sehr flüssig lesbar macht.

Zunächst dreht sich alles um Düsseldorf und die Szene um den Ratinger Hof, innerhalb derer Bands wie CHARLEY’S GIRLS, S.Y.P.H., DER PLAN, MITTAGSPAUSE, MALE, ZK, FAMILY 5, KFC, FEHLFARBEN, DAF, NICHTS und DIE TOTEN HOSEN entstanden, deren Protagonist(inn)en ausführlich zu Wort kommen und neben ihrer persönlichen Entwicklung jene der Punkszene nachzeichnen – und verdeutlichen, dass sich beides nicht voneinander trennen lässt. Später kommen Berlin (MANIA D., MALARIA, IDEAL und EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN) und Hamburg (ABWÄRTS, CORONERS und PALAIS SCHAUMBURG) als Schauplätze hinzu. Punk als damals jüngstes Phänomen der Pop- und Subkultur wandte sich gegen Hippies, Pomp- und Art-Rock und zur Pose erstarrte Rock-Attitüde sowie autoritäre gesellschaftliche Strukturen, war aber bei Weitem noch nicht ausdefiniert (sofern er es jemals wurde). Damit einher ging eine sehr experimentelle Phase, in der vieles möglich war und entsprechend vieles ausprobiert wurde. Anhand der hier versammelten Aussagen wird belegt, dass sich Punk damals noch nicht als diejenige politisch linke oder anarchistische Bewegung verstand, als die sie heute gemeinhin wahrgenommen wird und sich in größeren Teilen der Szene auch selbst so definiert. Vor allem ging es um die Infragestellung alles Bisherigen und die Schaffung von etwas komplett Neuem.

Daher wird aus heutiger Perspektive sicherlich die eine oder andere Aussage, Anekdote oder Erinnerung irritieren, die der damaligen Selbstfindungsphase geschuldet ist. Offen treten auch Widersprüche, gerade auch untereinander, sowie Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zutage. Überraschend ist, wie unreflektiert man sich auch während der Interviews noch gab – und vorweggenommen sei, dass längst nicht jede(r) Interview-Partner(in) zum/r Sympathieträger(in) taugt. Neben Bandgründungen, -umbesetzungen, ersten Konzerten und Tonträgerveröffentlichungen werden Haltungen zu Drogen (Ablehnung von Cannabis als Hippiedroge, hoher Speed-Konsum, Abstinenz vs. Alkoholmissbrauch), Gewalt und Vandalismus, Provokation und Neonazis thematisiert. Besonders extrem werden die Unterschiede der Düsseldorfer Szene im Vergleich zur proletarischer geprägten Hamburger Szene deutlich. In Düsseldorf rannten schon mal 200 Luschen-Punks vor 20 Rockern weg, statt sich ihrer zu erwehren. Düsseldorfs Punk der ersten Stunde, Jäki Eldorado (beim Erscheinen des Buchs TOKIO-HOTEL-Tourmanager!), stellt unhaltbare Behauptungen über Hamburg auf („Und dann gab es hier auch nie interessante Punkbands.“) und „Sounds“-Redakteur Kid P. sondert Unfug ab wie „Im Gegensatz zu dieser ganzen Hamburger Punkszene war der KFC richtig schillernd. Glamrock. Punk war ja nichts anderes als linksradikaler Glamrock.“ DER KFC waren offenbar wilde Rüpel, die kaum in die modische Düsseldorfer Punk-Schickeria passten; MITTAGSPAUSE-Gitarrist und „Rondo“-Label-Betreiber Franz Bielmeier beschwert sich beispielsweise über KFC-Sänger Tommi Stumpf, der ihn dafür angerotzt habe, dass er sich eine sündhaft teure Lederjacke gekauft und getragen habe. Schnell hatte DER KFC seinen Ruf als besoffene Prollpunks weg, mit ihm hielt die szeneinterne Gewalt Einzug. Bizarrerweise konnte Bielmeier „das auch immer noch akzeptieren“, vom KFC verprügelt und angerotzt zu werden, weil „das immer so eine ästhetische Abgrenzung gewesen“ sei. DER-PLAN-Frontmann Moritz R® hingegen begann, verstärkt mit Ironie und Humor zu arbeiten und schließlich das Humorvolle im Kontrast zum immer ernster und härter werdenden Punk bis zur Albernheit zu übertreiben. Die Geburtsstunde des Funpunks?

Die Vision einer eigenen Popkultur schildert ebenfalls Moritz R®, was so etwas wie Anspruch und Selbstverständnis der Neuen Deutschen Welle wurde. Dieser Begriff wurde von „Zickzack“-Label-Inhaber Alfred Hilsberg geprägt, der ebenfalls ausführlich zu Wort kommt. Die Musikindustrie griff diese Bezeichnung auf und nutzte sie zur Vermarktung der „kommerziellen“ NDW, an der diejenigen, die in diesem Buch zu Wort kommen, kein gutes Haar lassen – wenngleich sie teilweise selbst zugeben müssen, Hilsberg habe mit seinem massiven Tonträger-Output vor allem reichlich Katzenmusik herausgehauen, die quasi unhörbar war. Das kann ich anhand dessen, was ich aus diesem Bereich bisher so zu hören bekommen habe, nur bestätigen, weshalb ich die die ersten NENA- oder EXTRABREIT-Alben sowie manch anderes massenkompatiblere Zeug, das damals (und heute) als NDW gehandelt wurde und wird, dem meisten deutschsprachigem New-Wave-Zeug eindeutig vorziehe (für Teipels Interview-Partner(innen) natürlich ein absolutes No-go), zumal sich da auch inhaltlich, in Bezug auf die Texte, einiges hören lassen kann. Nichtsdestotrotz ist es interessant, diese Übergänge vom orientierungslosen frühen deutschen Punk zum New-Wave/NDW-Kram einmal aus erster Hand nachzulesen – zweifelsohne ein wichtiges Stück hiesiger Musikgeschichte.

Schauspieler Ben Becker, der in Berlin auch mal eine Punkphase hatte, nutzte diese – darf man seinen Aussagen Glauben schenken – in erster Linie, um seiner Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Anders DAF, die – aus dem Punk kommend – zu Pionieren der Elektro-Musik avancierten, mehr noch als andere mit faschistischer Ästhetik spielten und sich dabei nicht entblödeten, in England offenbar für ein sich aus mit Faschismus sympathisierenden Hirnis und Nazi-Skins zusammensetzenden Publikum zu spielen – und das auch noch toll fanden und „Mein Kampf“-Miniaturausgaben an es verteilten. DAF wurden schwul, lebten als Penner auf den Straßen und bezeichnen das als „paramilitärisch“. Ein ganz seltsamer Haufen, nicht ganz dicht und offenbar tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Und wie Peter Hein, der mit dem FEHLFARBEN-Album „Monarchie und Alltag“ die vielleicht beste Düsseldorfer Platte jener Ära entscheidend mitzuverantworten hat, seine äußerst vielversprechende Bandkarriere wegwarf, ist nicht nur unverständlich, sondern wirkt regelrecht arrogant. Umso spannender liest sich hier die Entstehung dieses Meilensteins.

Durchaus faszinierend und inspirierend ist es auch, die Anfänge der EINSTÜRZENDEn NEUBAUTEN nachzuvollziehen, wenngleich auch sehr anschaulich der fehlende Zusammenhalt der Berliner Szene und die gegenseitige musikalische Geringschätzung wiedergegeben werden. Selbst zwischen den Humpe-Schwestern (IDEAL und DÖF) herrschte krasses Konkurrenzdenken vor. Generell scheinen viele der damaligen Punk/NDW/Whatever-Schaffenden menschlich ziemliche Nulpen gewesen zu sein – eine Entromantisierung gewissermaßen, die Teipel & Co. hier betreiben, während sie aufschlussreiche authentische Einblicke in die Entstehung und erste Entwicklung des deutschsprachigen Punks und seiner Bastarde liefern. Die Verantwortlichen wirken häufig furchtbar desorientiert und sprunghaft, als habe man „Hauptsache dagegen“ sein wollen, sich zwanghaft über Abgrenzung definiert und sei damit letztlich ja doch abhängig vom Gegebenen gewesen, statt einfach sein Ding durchziehen zu können. Die Schizophrenie des Punks. Gegenseitig war man sich nur selten wirklich grün; die unterschiedlichen Klüngel haben sich missgünstig beäugt und schlechtgemacht. Das liest sich oft arg undifferenziert und aus heutiger Sicht wenig souverän.

Punk is still alive and kicking, vieles hat sich seit damals geändert, aber ganz sicher nicht zum Schlechten. Nach Lektüre dieses Bands weiß ich jedenfalls umso mehr, was ich an der heutigen Hamburger Punkszene habe, wo sicherlich auch nicht alles Gold ist, was glänzt, man sich aber um ein solidarisches Miteinander bemüht und gegenseitigen Respekt lebt, wodurch die eigene Infrastruktur am Leben erhalten wird und es Spaß macht, an ihr zu partizipieren. Allein schon, um dies zu untermauern, lohnt sich die Auseinandersetzung mit „Verschwende deine Jugend“, die zudem Lust macht, in die eine oder andere Band noch mal mit anderen Ohren hineinzuhören und schlicht manch Klassiker noch mal auszugraben – wohlwissend, dass da keine über den Dingen stehenden Pioniere am Werk waren, sondern mitunter ganz schön wirres Volk auf der schwierigen Suche nach einer eigenen Identität.

Mit gemischten Gefühlen liest sich dann auch das letzte Kapitel, in dem man reflektiert, wie viel von diesem Punk-Ding noch in einem steckt. Timo Blunck von PALAIS SCHAUMBURG hat gutes Geld mit Werbemusik verdient, dem exakten Gegenteil von Punk also – und er fände es „schrecklich“, wie Frank Z. von ABWÄRTS ein Solo-Album herauszubringen, das sich „gerade mal 30.000“ mal verkauft… Da scheinen sich die persönlichen Wertevorstellungen ganz schön verschoben zu haben, sofern sie jemals andere waren. Das lässt tief blicken. Diverse Zeitgenossen teilen ganz kräftig gegen DIE TOTEN HOSEN aus, was ich schon eher nachvollziehen kann, gern aber auch mehr nach Neid als nach allem anderen klingt. Auch die kolportiere Annahme, der Technoschrott der 1990er (dem sich manch ehemaliger Punk hingegeben hat) sei die logische Weiterentwicklung des Punks gewesen, lässt einen mindestens mit der Stirn runzeln. Gabi Eldogado (MITTAGSPAUSE, DAF) gibt damit an, wie viel Kohle er damit gemacht – darum scheint es hauptsächlich zu gehen. Für Jürgen Engler (MALE, DIE KRUPPS) bestand „diese ganze Szene […] vor allem aus Lug, Trug und Fassade“ – wenig verwunderlich also, dass er sich mit den KRUPPS bald von ihr emanzipieren sollte. Robert Görl ist nach einer Nahtoderfahrung zum Buddhismus konvertiert und sucht sein Seelenheil in der Spiritualität. Er hat keine Wohnung mehr und will als Mönch nach Thailand gehen. Ein positives Beispiel sei hier aber auch angemerkt, das sich indirekt auf die „Gegen den Staat“-Attitüde des Punks bezieht. So sagt Padeluun etwas sehr Schlaues: „Heute trete ich für partizipatorische Demokratie ein. Und in vielen Bereichen für mehr Staat. Weil ich erkannt habe, dass, wenn man dem Staat die Macht entzieht, nicht unbedingt das Volk die Macht bekommt.“

Einige großformatige Schwarzweiß-Fotos runden Teipels Buch ab, bei denen man jedoch gut daran getan hätte, Bildunterschriften zu verwenden, statt die Bildinhalte erst im Anhang aufzuschlüsseln – das hätte einige Blätterei erspart. Im Anhang finden sich, wie eingangs erwähnt, auch die biografischen Notizen zu jeder/m Gesprächspartner(in), die dabei helfen, diese einzuordnen und die anscheinend relativ komplett sind – bereits aus ihnen erfährt man eine Menge über die Zusammenhänge untereinander und die unterschiedlichen Werdegänge. Die Zeittafel fasst die Ereignisse noch einmal grob und übersichtlich zusammen.

Wer sich für die deutsche Punkgeschickte interessiert, sollte „Verschwende deine Jugend“ mal gelesen haben – sofern er mit Desillusionierung umgehen kann. Und jetzt habe ich Bock auf die „Monarchie und Alltag“…

Peter Jäger – Eddie will leben

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Zeilen gerade auf einem Computer-Bildschirm oder mobilen Endgerät gelesen. Vor gar nicht allzu langer Zeit jedoch gab es das World Wide Web noch gar nicht, gelesen wurden vornehmlich Print-Publikationen. Alles, was gelesen werden wollte, musste gedruckt werden, egal ob Buch, Zeitung, Reklame oder die Menükarte des Pizzadiensts. Der Siegeszug des Internets bedeutete jedoch nicht nur einen Rückgang an Print-Auflagen, sondern auch einen erbitterten Konkurrenzkampf klassischer Offset-Druckereien mit überregional erreich- und nutzbaren Druckanbietern, die ihre Dienste im Netz offerierten und dank automatisierter Abläufe trotz der Portokosten günstiger anbieten konnten.

Der Quickborner Lokaljournalist/-chronist, Kinderbuch- und Roman-Autor Peter Jäger hatte in den 1970ern selbst in einer Offset-Druckerei gearbeitet und griff dieses Thema für seinen nach „Kalte Wasser“ zweiten Roman „Eddie will leben“ auf, erschienen im Taschenbuch-Format im März 2015 im Kadera-Verlag. Auf knapp 300 Seiten beschreibt Jäger den Überlebenskampf Eddie Buchholz’, dessen Norderstedter Druckerei am Gutenbergring unter dem Online-Konkurrenzdruck ächzt und in finanzielle Schieflage gerät. Es gilt, möglichst alle sieben Arbeitsplätze zu erhalten. Als er seinen Mitarbeiter(innen) jedoch eröffnen muss, das Weihnachtsgeld wahrscheinlich nicht auszahlen zu können, stößt er auf Unverständnis. Und während er noch überlegt, wie er neue Aufträge an Land ziehen und seinen Betrieb zukunftsfähig aufstellen kann, wird sein Garagentor beschmiert und erleidet er einen Herzanfall. Glücklicherweise stehen seine Familie und Freunde ihm mit Rat und Tat zur Seite, doch die Situation bleibt prekär. Ob Sven, der Lebensgefährte seiner Tochter Monika und Inhaber einer Werbeagentur, tatsächlich behilflich sein kann, die Traditionsdruckerei wieder in wirtschaftlich rentable Fahrwasser zu lenken? Darüber hinaus muss Eddie dringend kürzer treten und lernen, Verantwortung abzugeben – nicht nur seine besorgte Ehefrau Hanna würde es ihm danken…

„Eddie will leben“ spielt kurz nach der Jahrtausendwende, in den Jahren 2001/2002, und verwebt ein aus zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven von einem allwissenden Erzähler wiedergegebenes Mittelstands-Drama mit gleich mehreren persönlichen Schicksalen sowie geballtem Zeit- und Lokalkolorit. In einer Vielzahl episodischer Kapitel erfahren Leserinnen und Leser nicht nur von den typischen Problemen einer kleinen Mittelstandsdruckerei, sondern auch von der damaligen Lage im an die schleswig-holsteinische Kleinstadt Norderstedt angrenzenden Hamburg (die rechtspopulistische „Schill-Partei“ um Ex-Richter und Dumpfbacke Ronald Schill war gerade an die Macht gewählt worden), von einer Vielzahl real existierender Orte und von den Befindlichkeiten verschiedenster mit Eddie verbandelter Menschen.

All dies führt leider dazu, dass sich die Geschichte immer wieder in seifigen Trivialitäten, Belanglosigkeiten und Geplänkel zu verlieren droht und die vielen Erzählstränge verwirren. Lokal- und Zeitbezüge wirken oftmals etwas bemüht, dass die Protagonist(inn)en sich ständig in irgendwelchen Centern treffen, mutet reichlich ungemütlich an, und die Nennung zahlreicher realer Markennamen grenzt an Product Placement. Altertümliche Sprüche und laue Witzchen erscheinen genauso bieder wie die ermüdend detaillierten Beschreibungen der Weihnachtsfeierlichkeiten, anlässlich derer Seidenfliegen und Fußpflegegutscheine verschenkt werden und man sich darüber freut, nachdem man sich am Esstisch über gereizte Gallen und Prostatabeschwerden ausgetauscht hat. Der blanke Familienhorror, hier verpackt als anheimelnd wirken sollender Realismus. Andere Dialoge würde so wohl nie jemand in der Realität führen:

„Ich esse knusprige Ente“, entschied Vera, ohne in die Speisekarte zu schauen. „Und du magst es bestimmt lieblich, Hanna, das weiß ich. Du bekommst die Ente mit Ananas.“
„…und beide Damen sind selbstverständlich meine Gäste“, ergänze Waldemar mit charmanten [sic!] Lächeln. „Ich habe mich übrigens für Rindfleisch mit Gemüse entschieden, das kommt hier knackig aus dem Wok.“ (S. 194)

Weniger gestelzt klingt es, wenn Werbefuzzi Sven sich mit Arbeitskampf konfrontiert sieht:

„Was für ein jämmerliches Palaver um lächerliche Weihnachts-Zahlungen. Die Rädelsführer besaßen die Reife von matschigen Birnen, sonst hätten sie brauchbare Ideen eingebracht, um ihre Arbeitsplätze zu retten. Schade, dass Eddie den Glatzkopf Kessler so schnell beiseite geschoben hatte. Ein Vergnügen wäre es ihm gewesen, dem Großmaul ein paar harte Haken zu verpassen.“ (S. 58)

Dazu sei angemerkt, dass jener Sven nicht etwa die Rolle eines Antagonisten einnimmt. Generell wird zwischen den Zeilen immer wieder vermittelt, es sei ein Unding, dass die Belegschaft auf ihren vertraglich vereinbarten Weihnachtslohn besteht. Es scheint sich aber ohnehin um einen seltsamen Menschenschlag zu handeln, der sich gegenseitig betrügt, Verständnis für die indiskutable „Schill-Partei“ äußert (Eddie) oder überdramatisierend mit Weglaufen droht (Hanna) – ohne dass all dies sonderlich problematisiert würde. Und statt im Zusammenhang mit Eddies Druckerei begangene handfeste Verbrechen aufzuklären, schließt „Eddie will leben“ mit einem irritierend kitschigen „Wird schon weitergehen“-Ende.

Lokaljournalismus lebt von der geschalteten Werbung seiner regionalen Anzeigekunden, weshalb ihm diese meist besonders am Herz liegen. Jäger als verdienter Lokaljournalist dürfte mit seinem Buch eine Lanze für kleinere regionale Betriebe haben brechen und Verständnis für ihre oft schwierige Situation wecken wollen, insbesondere angesichts immer globaler werdenden Konkurrenzdrucks durch das Internet. Offenbar unfreiwillig gelang Jäger stattdessen eine Art Porträt unsympathischer Menschen, denen man sicherlich vieles, nur nichts Gutes wünscht und die diverse Branchenklischees erfüllen, während sich die Geschichte wenig differenziert auf ihre Seite schlägt und für die Nöte sowie berechtigten Forderungen ihrer Angestellten nicht viel übrig hat. Nicht seinen besten Tag erwischt hatte offenbar auch das Lektorat, dem ein Anachronismus wie Facebook-Nutzung (die damals noch gar nicht möglich war) ebenso durchrutschte wie „Katheder“ (statt Katheter), „ein Paparazzi“ u.ä. So hinterlässt die Lektüre einen letztlich unbefriedigenden Eindruck, was schade ist, da das Konzept – realistische konfliktreiche Geschichten „aus der Nachbarschaft“ mit Insider-Wissen vor realer Kulisse erzählt – durchaus vielversprechend erscheint.

18.06.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: MUNICIPAL WASTE + UPPER CRUST

Wenn ich’s innerhalb einer regulären Woche auf ein Konzert schaffe, müssen schon Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen – oder MUNICIPAL WASTE und UPPER CRUST, wie an diesem heißen Dienstagabend im Monkeys. Nachdem ich an der Uni recht erfolgreich ein verdammtes Referat gehalten hatte, dessen Ausarbeitung mich zuletzt bis in meinen Dänemark-Urlaub beschäftigt hatte, war ich auf Gönnung aus und gönnte mir, zumal ich die Amis unglaublicherweise bisher erst einmal gesehen hatte, anno schießmichtot im Hafenklang (was dann auch eines der geilsten Konzerte des Jahres wurde). 20 Schleifen an der Abendkasse waren dann auch genau die Schmerzgrenze. Weshalb eine Band wie MUNICIPAL WASTE in der zweitgrößten Stadt Deutschlands an einem Dienstag statt am Wochenende zockt, erklärte sich dann auch mit Blick auf den weiteren Tourplan: Freitag und Samstag standen Festival-Gigs in Belgien und Dänemark auf dem Programm. Na gut, akzeptiert. Auf dem Monkeys-Parkplatz trafen Flo und ich auf einige übliche Verdächtige, von denen sich einige manche mächtig ins Zeug gelegt hatten: Sie kamen gerade aus der Markthalle, wo sie 30 oder mehr Öcken gelatzt hatten, um (die tatsächlich empfehlenswerten) POWER TRIP im Vorprogramm der (ziemlich belanglosen) TRIVIUM zu sehen. Mein lieber Scholli!

Die Hamburger Ultra-Hardcore-Powerpunks UPPER CRUST sind nach längerer Pause wieder ready and loaded, wenn heute auch notgedrungen lediglich im alten Trio-Format, nachdem Sänger Lynnie sich kurzfristig hatte krankmelden müssen. Im drittel- bis halbvollen Monkeys musste Drummer Lars also bei erhöhten Temperaturen wieder den Hauptgesang übernehmen, was eine krasse Doppelbelastung bedeutete, sind Schlagzeugspielen und Singen/Brüllen doch die am meisten Kondition abverlangenden Tätigkeiten eines Bandgefüges (neben Equipment-Geschleppe…). Zu den erschwerten Bedingungen kam hinzu, dass man das Equipment des Headliners offenbar nicht mitbenutzen durfte und man sich mit seinem eigenen Zeug an den Bühnenrand quetschen musste – und der Sound zunächst sehr eigenwillig war: Jörgs Terrorbass dominierte der Sound, Lars‘ Stimme war lediglich schemenhaft vernehmbar, seine Drums mussten sich dem Bass geschlagen geben. So bekam man immerhin schön vor den Latz geknallt, wie abgefahren Jörg seinen Viersaiter malträtiert, den er mehr wie eine E-Gitarre spielt – und zwar in Hochgeschwindigkeit und unter rhythmischen Verrenkungen des Körpers. Bei so viel Showpotential passte es dann auch, dass er sich in der Mitte der Bühne positioniert hatte. „Urst schau!“, wie meine ostdeutschen Freunde sagen würden. Zudem unterstützte er zusammen mit Tommy am Gesang. Letzterer fräste fiese Riffs auf seiner Klampfe, und als irgendwann der Sound nachgeregelt und damit besser wurde, war Lars so durchgeschwitzt, dass ihm ein Drumstick nach dem anderen aus den Flossen flutschte. Das tat dem Inferno aber keinen Abbruch; musikalisch härtester Stoff mit aggressiven deutschen Texten und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, Trommelfelle (in doppelter Hinsicht) oder Schöngeister. Gerade live immer wieder ein Erlebnis!

Das sind natürlich auch MUNICIPAL WASTE, die vor mittlerweile recht amtlicher Kulisse ihr ‘80s-Style-Thrash/Hardcore-Crossover-Set mit „Mind Eraser“, einem meiner Lieblingsstücke, eröffneten. Bereits ungelogen beim allerersten Takt hing der erste Mosher an der Lichttraverse unter der Saaldecke und bildete sich ein entfesselter Pit vor der Bühne, der bis zum letzten Song aktiv blieb und später einen der schönsten Circle Pits bildete, den das Monkeys je erlebt haben dürfte. Die Band machte kräftig Alarm, klang zunächst aber noch etwas dumpf (auch das besserte sich im Laufe des Auftritts). „The Thrashin‘ of the Christ“, „Beer Pressure“, „Headbanger Face Rip“, „Slime & Punishment“ und wie die einzelnen Abrissbirnen alle heißen – MUNICIPAL WASTE mischten erwartungsgemäß älteren Stoff mit Zeug der aktuellen Langrille. Zwar schienen mir auch live neuere Song gegenüber dem guten alten Hektiker-Sound leider etwas abzufallen, es überwogen jedoch die meiste Zeit Spiel- und Partyfreude sowie Adrenalinausstoß durch musikalische Aufputschmittel. Geiler Scheiß also, für mich ohnehin zeitlose Musik, wie sie heutzutage vielleicht noch dringender benötigt wird als damals Mitte der 1980er. Bei „Substitute Create“ übernahm Gitarrist Ryan Waste den Hauptgesang, sodass Tony Foresta mal durchatmen konnte, bevor dieser nach der Zugabe „The Art of Partying“ den musikalischen Teil des Abends für beendet erklärte. MUNICIPAL WASTE waren mit die Ersten, die in der „Neuzeit“ diese Variante des Crossover-Sound wieder aufgegriffen und zu neuen Ehren gebracht haben – und zumindest live weigern sie sich ziemlich eindrucksvoll, älter zu werden.  Abgenommen hat allerdings die Frequenz, in der das Publikum den Schlachtruf „MUNICIPAL WASTE is gonna FUCK YOU UP!“ skandiert – zumindest an diesem Abend.

Und der war dann doch so früh vorbei, dass man noch in aller Ruhe bei zwei, drei Bierchen runterkommen und am nächsten Tag rechtzeitig die Maloche antreten konnte…

Copyright © 2026 Günnis Reviews

Theme von Anders Norén↑ ↑