Wenn die Jungs von IRON MAIDEN wieder in der Stadt sind, beginne ich zu kreischen wie die Weiber anno ’64 zur Beatlemania und muss da natürlich hin. Im Gegensatz zur Tour zum aktuellen Album „The Final Frontier“ vor zwei Jahren konnte ich diesmal auch Karten für den Innenraum ergattern – und das Schöne daran, wenn man sich für so’n Konzert so dermaßen in Unkosten stürzt, ist, dass man die Karten im Vorverkauf etliche Monate vorher erstehen muss, so dass der Ärger darüber am Tag des Konzerts längst vergessen ist, sich im Idealfall gar ein neues Budget für zwei, drei Bierchen und ‘ne Pommes gebildet hat. So war es dann auch an besagtem Mittwoch, als ich mit meiner Süßen, die die Karte von mir zum Julfest bekommen hatte, pünktlich und voller Vorfreude die Reise in jene entlegene Gegend Hamburgs antrat. Es war der wohl bis dato heißeste Tag des Jahres, trotzdem quetschten wir uns in Stellingen angekommen in den Shuttle-Bus. Schließlich wollten wir nun doch so schnell wie möglich an den Ort, der heute Abend zur Kultstätte der MAIDEN-Mania werden sollte, um dort in entspannter Atmosphäre ein paar Aufwärmbierchen zu kippen und möglicherweise das eine oder andere bekannte Gesicht zu erspähen. Wie erwartet lief vor der Halle mehr oder weniger geschmackvoll ausgewählte Musik und war der überwiegende Anteil der Besuch in MAIDEN-Shirts gehüllt, ob das junge Twen-Mädchen oder der ergraute Altrocker. Ja, noch immer ziehen Maiden mit ihrer zeitlosen Musik Fans fast jeder Altersklasse an, wachsen immer wieder neue Fangenerationen nach. Tatsächlich trafen wir auf den berüchtigten Wacken-Jimmy sowie auf SCHLOIDERGANG-Alex; andere, von deren Anwesenheit ich wusste, waren in den 12.000 geschmackssicheren Menschen allerdings nicht auszumachen. Viele waren mittlerweile auch reingegangen, um sich die Vorband VOODOO SIX anzusehen. Ich hatte vorher mal reingehört, sie in die „langweiliger Rock“-Schublade gepackt und dankend verzichtet. Pünktlich zur Umbaupause begehrten dann jedoch auch wir Einlass. Bei meinem dritten Besuch dieser Kommerzhalle also erstmals ein Stehplatz im Innenraum. Was ich vorher gar nicht wusste: Unten wird quasi für alles gesorgt, die Stehplätze haben einen großen eigenen Bereich mit Toiletten (bemerkenswert: immer sauber!) und Gastronomie, es besteht also keinerlei Veranlassung mehr, die Treppen zum Sitzplatzpöbel heraufzulatschen. Leider schafften wir es nicht mehr ganz nach vorne, der Bereich zwischen Bühne und Wellenbrecher wurde noch einmal extra bewacht und sein Kontingent war bereits erschöpft. Also kurz hinterm Wellenbrecher postiert und gespannt der Dinge geharrt, die da kommen mögen: Nämlich nichts Geringeres als die Wiederauflage der seinerzeit als „Maiden England“ auf VHS und Tonträger veröffentlichten Tour zu meinem Lieblingsalbum „Seventh Son of a Seventh Son“ aus dem Jahre 1988!
Nicht lange und das obligatorische „Doctor, Doctor“ von UFO schallte durch die Lautsprecher, um den Beginn der sich profanerweise „Konzert“ nennenden Messe zu markieren, dicht gefolgt von einem animierten Videointro auf den beiden Bildschirmen links und rechts von der Bühne und dem Akustik-Intro zu „Moonchild“, dem Opener jener in Vinyl geritzten Göttergabe, woraufhin die Band die herrlich im Eiszeit-Look des Albums gestaltete Bühne betrat und der Live-Teil begann. Sechs spielfreudige Briten sprangen auf und über die Bühne, fit und fidel und musikalisch wie stimmlich über jeden Zweifel erhaben, doch was zur Hölle war DAS für ein beschissener „KLANG“?! Meine vage Hoffnung, dass im Innenraum der Klang von vornherein besser sein würde als vor zwei Jahren auf den Sitzschalen löste sich innerhalb von Sekunden auf, als ich zwar die Bassdrum mit ordentlich Wumms hörte ,den Rest dafür jedoch breiig, über- oder untersteuert und einer Band wie IRON fuckin’ MAIDEN vollkommen unangemessen. Da ich nicht gewillt war, mir davon meine prächtige Laune verderben zu lassen, sang ich einfach noch lauter mit, ungeachtet dessen, welche ich Töne ich wirklich traf… im Laufe der nächsten paar Songs besserte sich der Gitarrensound und auch der Gesang erschien mir besser, das eigenartig abgenommene bzw. wiedergegebene Schlagzeug Nicko McBrains jedoch klang bis zum Schluss befremdlich. Egal, direkt an zweiter Stelle folgte mit „Can I Play with Madness“ einer meiner absoluten Allzeitfavoriten, bis man für „The Prisoner“ noch weiter in der Zeit zurückging und bei „2 Minutes to Midnight“ einen vorläufigen Stimmungshöhepunkt im Publikum erreichte. Spätestens der nun folgende Song zeigte, dass man die Setlist gegenüber der damaligen Tour leicht abgeändert hatte und auch „neuere“ Songs einschmuggelte, denn das von einer den Inhalt erläuternden Ansage eingeleitete „Afraid to Shoot Strangers“ stammt aus dem Jahre 1992 – was selbstverständlich nullkommanix an dessen Gänsehautwirkung ändert. Thematisch passend ging es mit „The Trooper“ weiter, wofür Bruce fahneschwenkend über die Bühne tobte – mitgesungen aus tausenden heiseren Kehlen. „The Number of the Beast“ durfte natürlich nicht fehlen und als es durch die ganze Halle „Six! Six! Six!“ schallte, frohlockte mein freizeitsatanistisches Herz. Ich hatte mir im Vorfeld keinerlei Setlisten angeschaut und mich auch nicht eingehender mit der alten „Maiden England“-Veröffentlichung beschäftigt, insofern war ich tatsächlich sehr überrascht, als nun das grandiose „Phantom of the Opera“, ursprünglich noch aus der Zeit mit Paul Di’Anno am Mikro, folgte – bzgl. der Geschwindigkeit musste ich allerdings ein Auge zudrücken, auf Platte war’s dann doch etwas flotter. Und die Di’Anno-Songs klingen mit Di’Anno von Platte halt immer noch am besten – sorry, Bruce! Trotzdem klasse, die Nummer zu bringen, und schlecht gesungen hat Dickinson sie keinesfalls! Wie unheimlich fit Brucis Stimme noch immer ist, stellte er anschließend bei „Run to the Hills“ unter Beweis, dessen Höhen ihm keine hörbaren Probleme bereiteten – müßig zu erwähnen, dass auch dieser Klassiker tausendfach mitgesungen wurde. „Wasted Years“ stand dem in nichts nach, und dann, ja, dann war es soweit: IRON MAIDEN spielten live das zehnminütige „Seventh Son of a Seventh Son”-Epos, neben „Rime of the Ancient Mariner“ mein Lieblings-Überlänge-Maiden-Song aus einer Zeit, in der die Band stets ein einzelnes solches Stück auf ihren Platten zu haben pflegte. Auf Platte schon geil, aber hier und heute live, in dieser Atmosphäre, auf dieser passend gestalteten Bühne der absolute Gänsehautkracher für mich. Am Ende knallten sogar die Pyros im Takt und mit dem letzten Akkord fühle ich mich tief befriedigt. Ja, das war ein solcher Moment, ein zehnminütiger musikalischer Orgasmus, eine Offenbarung. DAFÜR ist man MAIDEN-Fan, DAFÜR besucht man diese Konzerte, DARAUF freut man sich monatelang. Das anschließende „The Clairvoyant“ sollte leider schon das vorletzte Stück des Albums werden, „Fear of the Dark“ war dann das zweite „hereingeschmuggelte“, weil nach 1988 aufgenommene Stück und ja sowieso einer DER Live-Mitsing-Klassiker der Band überhaupt, und „Iron Maiden“ markierte den vorläufigen Schlusspunkt… bevor Churchills Rede „Aces High“ einleitete und das Adrenalin erneut in luftige Höhen trieb, man für das geniale „The Evil That Men Do“ zum letzten Mal auf das „Seventh Son…“-Album zurückgriff und das obligatorische „Running Free“ mit der gewohnt sympathischen Vorstellung der Bandmitglieder und einigen Publikums-Mitmach-Spielchen das tatsächliche Ende des Auftritts besiegelte. Wow, was für ein geiler Auftritt, den selbst die o2-World nicht zerstört bekommen hat!
Nun war allerdings auch klar: Meine heiß ersehnten „Revelations“ und „Infinite Dreams“ kamen nicht mehr, obwohl sich letzterer sogar auf dem „Seventh Son…“-Album befindet. Seufz. Aber man kann es natürlich nicht jedem recht machen. Dafür hatte man aber unter großem Aufwand eine Show aufgefahren, die nun wirklich nicht mehr viel mit den Konzerten zu tun hat, die ich sonst so besuche: Mehrmals erschien Maskottchen Eddie auf der Bühne, besonders genial während „Iron Maiden“ in Form des „Seventh Son…“-Covermotivs inklusive zappelndem (!) Embryo (oder was auch immer das sein soll), den Eddie in der Hand hält. Mehrmals hatte sich Dickinson umgezogen, ohne dass es den Ablauf verzögert hätte. Unfassbar agil rannte und sprang der Mann über die Bühne, ohne seinen Gesang großartig zu versemmeln oder außer Puste zu geraten! Zu jedem Song wechselten die Hintergrundkulissen, stets thematisch passend. Die Videomonitore waren prima auf das Geschehen auf der Bühne abgestimmt, die Pyro- und Lichteffekte ebenso. Ein perfekt ineinander greifender, mit Liebe zum Detail gestalteter Ablauf. Man kommt gar nicht dazu, seine Augen einmal von der Bühne abzuwenden. Genug geschwärmt, „Always Look on the Bright Side of Life“ kam wie immer als Rausschmeißer vom Band und nach dem Konzert wurde erst mal in Ruhe eine geraucht, anschließend sich langsam zum Shuttle-Bus begeben, wo man natürlich zunächst in einer langen Schlange stand. Die Busse fuhren zwar zügig und regelmäßig., aber der Andrang war natürlich weit weniger entzerrt als vorm Konzert. Die Stimmung war gut und die Blitze am Himmel wirkten wie eine Fortsetzung der Maiden-Lightshow. Doch dann passierte das Unvermeidliche und es begann aus Kübeln zu schütten. Unglaubliche Wassermassen brachen sich Bahn durch den Nachthimmel direkt und platschend auf die Körper von uns MAIDEN-Fans, von denen kaum jemand eine Jacke, geschweige denn einen Regenschirm dabei hatte. Nass bis auf die Knochen ging’s in den Bus und ich fürchtete schon, dass die möglicherweise nicht ganz offiziellen (*räusper*) T-Shirt-Händler unter diesen Umständen ihre Waren nicht auf der grünen Wiese feilbieten würden. Doch glücklicherweise waren diese unters Vordach der S-Bahn-Station geflohen und machten mit ihren trockenen Klamotten vermutlich ein verdammt gutes Geschäft. Mit zwei preisgünstigen Leibchen und einem letzten Bier vom Kiosk ausgestattet war ich wieder guter Dinge und trat mit meiner Iron Lady den Rückzug an, was man vom Regen nicht unbedingt behaupten konnte, wenngleich es zumindest nicht mehr eimerweise schüttete. Logisch, dass das den Abend in keiner Weise trüben konnte und man trotzdem geschafft, aber glücklich irgendwann in die Koje fiel. Iron Maiden’s gonna get you – wherever you are!
Setlist:
Moonchild
Can I Play with Madness
The Prisoner
2 Minutes to Midnight
Afraid to Shoot Strangers
The Trooper
The Number of the Beast
Phantom of the Opera
Run to the Hills
Wasted Years
Seventh Son of a Seventh Son
The Clairvoyant
Fear of the Dark
Iron Maiden
Churchill’s Speech/Aces High
The Evil That Men Do
Running Free
Nach dem MAIDEN-Konzert ist vor dem MAIDEN-Konzert und ich hoffe auf noch viele weitere Touren der Briten! UP THE IRONS!

Ich rechne heutzutage ja mit vielem, aber dass die Allgäuer Punks von BRUTAL VERSCHIMMELT, die 1983 eine Platte auf Rock-O-Rama veröffentlicht hatten und danach wieder in der Versenkung verschwanden, noch mal live auftreten würden, hatte wohl nicht nur ich nicht auf dem Zettel. Höhnie aus Peine hat kürzlich das Album, das einen gewissen Kult-Status genießt, neu aufgelegt und die Jungs prompt auf sein alljährlich Open-Air-Festival eingeladen, und nur einen Tag später kamen sie dann erstmals (!) nach Hamburg, um im Gängeviertel zu spielen. Ich war sehr zeitig vor Ort und beobachtete, wie sich der sympathische Laden nach und nach ordentlich füllte. Eintritt gab’s gegen Spende, Getränke auch und irgendwann zu dann doch schon recht fortgeschrittener Stunde (etwas unglücklich auf ’nem Sonntag) eröffneten dann SYSTEMFEHLA aus Hannover den Abend. In klassischer Trio-Besetzung gab’s recht druckvollen deutschsprachigen Punkrock mit Texten, die das, ich sag mal „typische Deutschpunk-Themenspektrum“ abdeckten. Die Jungs waren verdammt fit an den Instrumenten und spielten sehr souverän ihr Set durch, allerdings fehlte es mit der Zeit dem Gesang doch etwas an Dreck und Aggressivität. Am Ende gab’s ’ne unvermeidliche Coverversion von „Für immer Punk“, und, sorry, das Original klingt da doch besser. Zu Beginn des Auftritts kam übrigens einer der BRUTAL VERSCHIMMELten kurz auf die Bühne und wies darauf hin, dass deren Konzert gefilmt werden würde – keine schlechte Idee, denn als die Truppe die Bühne betrat und sich vorstellte, ging ihr Gig unter einem Jubelschrei los – und, verdammt, das klang ja wirklich fast original wie auf der LP! Der alterglatzköpfige, etwas korpulentere Sänger hat seine Stimme in all den Jahren null verloren, sein leicht hoher, frecher Pöbel-Gesang war unverkennbar der von BRUTAL VERSCHIMMELT! Die Saitenfraktion war voll auf der Höhe, besonders derjenige, der zuvor aufs Filmen hingewiesen hatte, hat sich auch äußerlich ziemlich gut gehalten. An der Schießbude nahm der Sänger/Bassist von SYSTEMFEHLA platz, ansonsten war’s die Originalbesetzung von damals. Doppelbelastung also für den Träger roter Dreadlocks, die er ausfallfrei meisterte – Respekt! Nun wurden glaub ich alle Hits (und Semi-Hits ;)) des Albums abgefeuert, „Stumpfer Fischkopf“ (sehr passend in Hamburg), „Hey Man“, „Fette Kinder“, „Keine Freiheit“, „Sechs Millionen“… und natürlich „Panzer“, das der Sänger auf seinem Saxophon begleitete. Genial! Vor der Bühne tobte ein zünftiger Pogomob und feierte die Band verdientermaßen ab, dahinter standen etliche Interessierte unterschiedlichster Altersstufen, unterschiedlichsten Aussehens und unterschiedlichster Alkoholisierungsgrade… ich hielt mich zurück und beobachte das Treiben von der Seite aus und war ganz fasziniert, wie da mehrere ältere Herren spielfreudig und sich verausgabend auf der Bühne abgingen, als wären sie nie weg gewesen. Sogar ein neues Stück hatten sie dabei, das sich nahtlos einreihte. Als eigentlich alle Songs gespielt waren, wollte man die Band nicht gehen lassen und so gab’s mehrere Zugaben, Songwiederholungen, noch mal „Stumpfer Fischkopf“ und noch mal „Panzer“ und dies und das… Ich krieg’s nicht mehr ganz genau zusammen, aber die Show ging verdammt lange, man ließ sich nicht lumpen. Da kann man nun echt nur den Hut vor ziehen. BRUTAL VERSCHIMMELT ist es gelungen, ihre uralten Punk-Kamellen authentisch runterzuholzen, ohne dass es in irgendeiner Weise peinlich gewirkt hätte! Ganz im Gegenteil: Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Stiefel durchzogen und vollkommen darauf schissen, ob es gerade 1983 oder 30 Jahre später war, war verdammt cool! Einziges Problem war das Gesangsmikro, das einigen Lautstärkeschwankungen unterlag, evtl. wurde da mit fortschreitender Spielzeit und damit einhergehender weniger Puste für den Sänger einfach zu wenig nachjustiert. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, der Sound der Band klingt heutzutage wie ’ne Mischung aus Uralt-D-HC-Punk und Retro-Rotzepunk à la SHOCKS und Konsorten und wirkt damit schon wieder erfrischend, jedenfalls kein Stück altbacken. Gegen Ende leerte es sich nach und nach, viele mussten vermutlich am nächsten Tag arbeiten und deshalb den Heimweg antreten, aber ich blieb bis zum Schluss und bin mir sicher, ein verdammt noch mal ganz besonderes Konzert erlebt zu haben! Punk streift man eben NICHT mit dem Erwachsenwerden ab und BRUTAL VERSCHIMMELT sind einer von unzähligen Beweisen!
Der alljährliche ZAPPACUP auf dem Hamburger Gaußplatz, jenes berüchtigte Gratis-Punk-Open-Air, das den Wagenplatz hinter der Fabrik in eine große subkulturelle Partymeile verwandelt, war bereits seit Donnerstag in Gange. Donnerstag hätte ich mir gern die Kollegen von PROJEKT PULVERTOASTMANN angeschaut, die zusammen mit einer Handvoll weiterer Bands, die anscheinend gar alle nicht auf dem Flyer standen, die Sause in der Platzkneipe „El Dorado“ eröffneten. Leider ließ sich das mit meinen Arbeitszeiten nicht vereinbaren. Freitag gönnte ich mir ‘ne Auszeit, denn ich wollte Samstag fit sein, schließlich sollte ich mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS auf der Bühne stehen. Doch, oh Graus: Samstagmittag klingelt das Telefon, Drummer Chrischan ist dran und berichtet von einem durch einen Sturz in Glasscherben defekten Arm, der im Krankenhaus behandelt werden musste und somit außer Betrieb war. Schöne Scheiße, den Gig konnten wir also vergessen. Selbstredend ging’s bei sonnigem, aber unbeständigem Wetter (ein urplötzlich tobendes Unwetter verhinderte meine pünktliche Anreise) trotzdem gen Gaußplatz, wobei ich den Opener KACKREIZ leider verpasst habe. Doch die folgenden Bands auf der Freiluftbühne vermochten unsere Laune ein wenig zu steigern: SEASICK spielten Grindcore, der immer wieder mit unvermittelten, witzigen Falsettgesangseinlagen aufgelockert wurde. Die Band bestand nur aus drei Leuten, auf den Bass verzichtete man komplett. Klang heftig und gut, nutzte sich aber irgendwann dann doch bischn ab. Hat wohl seinen Grund, dass Platten dieser Musikrichtung oft nicht über 20 Minuten hinausgehen. INSTABIL aus der Schweiz spielten eine nicht uninteressante Mischung aus Street- und Hardcore-Punk auf deutsch mit heiserem Sänger und zwei Gitarren, deren Sound leider etwas komisch war. Kein schlechter Gig, den ich aber nicht komplett konzentriert verfolgte, da mich manch Klönschnack ablenkte. Die CITY RATS aus Israel, die quasi ihren Zweitwohnsitz auf dem Gauß haben, so oft, wie die dort spielen, waren dann von der ersten bis zur letzten Sekunde schlicht perfekt. Klasse Sound, aggressiver Hardcore-Anarcho-Chaos-Schießmichtot-Punk, der zum kollektiven Durchdrehen einlud (der Pöbel kam tatsächlich gut in Bewegung), den Altona-93-Song natürlich auch im Gepäck. Die CITY RATS arbeiten gerade an einer neuen Platte, auf die man sich ganz bestimmt freuen darf. STOOKER (nicht „Stuka“, wie ich zunächst verstand) aus Norwegen besiegelten dann den musikalischen Teil des Abends mit einem Coverset oberster Kajüte. Man begann mit einem Song der DAMNED, weiter ging’s mit den RAMONES, über Sex PISTOLS (sehr geschmackvoll gewählt: „Seventeen“), SHAM 69 (ausgelutscht: „If the Kids are United“), JOHNNY THUNDERS („Born to Lose“), THE STOOGES („Now I Wanna Be Your Dog“), DEAD BOYS („Sonic Reducer“), ANTI-NOWHERE LEAGUE („So What?!“), GG ALLIN („Bite It, You Scum“) und MOTÖRHEAD („Iron Fist“) sowie dem HC-Punk-Kracher „All Fascists Are Bastards“, den ich keiner Band zuordnen konnte. Schönes Ding, Top-Stimmung, ich bewegte mich noch bischn mehr als bei den CITY RATS, vermisste aber schmerzlich ein THE-CLASH-Cover – wat ‘ne Lücke, bitte zum nächsten Mal füllen! Das einzige, was mir unnötig erschien, war das Provozieren von „Zugabe!“-Rufen durch ständiges verfrühtes Verlassen der Bühne. So neigte sich ein Abend dem Ende, aus dem ich trotz allem das Beste gemacht hatte. Netterweise drückte uns Mitorganisator Wurzel dennoch den Freibierstempel auf. Die Atmosphäre war entspannt, die Leute gut drauf, das Angebot an Speisen und Getränken toll und zu verdammt fairen Preisen zu haben, selbst das Wetter spielte mit und es regnete erst wieder NACH STOOKER, sprich: alles spitzenmäßig. Da selbst auf der Bühne zu stehen, wär schon ‘n Traum gewesen, aber es hat nicht sollen sein…
Nach der Hafenklang-True-Rebel-Bolanow-Sause am Tag zuvor erst um 15:15 Uhr in desolatem Zustand aus der Koje gekrochen, ging es am späten Nachmittag Richtung Elbinsel, wo ich mir erstmals den (mittlerweile schon dritten) ELB-TSUNAMI anschauen wollte. Ja, in Wilhelmsburg wird einem mittlerweile auch in Sachen Subkultur einiges geboten, einer der Höhepunkte dürfte das kostenlose Open-Air-Festival ELB-TSUNAMI sein, das gleich neun Bands aus Hamburg und Umgebung zu bieten hatte. Leider kamen wir zu spät auf das asphaltierte Gelände in Bahnhofsnähe, um noch YARD BOMB zu sehen, dafür bauten gerade UPPER CRUST auf. Bierchen 1,50 EUR, da kannste nix sagen, was zu essen gab’s auch, meine Süße und ich hielten uns erst mal an ’ne Cola. Da lief zwar einiges an Volk herum, doch vermutlich hatten die ungünstigen Wetterverhältnisse und der Regen, den wir zum Glück verpasst hatten, sowie manch Kater dem einen oder anderen die Lust vermiest, hier aufzulaufen. Ich wollte mir das aber keinesfalls entgehen lassen und tat auch gut daran, denn UPPER CRUST, die ich zum zweiten Mal sehen durfte und die zwei Dritteln aus STAHLSCHWESTERn bestehen, versetzten mich erneut mit ihrem sehr eigenständigen Hardcore-/Metal-/Crossover-Punk in Verzückung. Hammerharter Nacken- und Knochenbrecher-Sound mit eigenwilligen deutschen Texten, gesanglich darf jeder mal ran, wobei den Hauptteil Gitarrist Tommy übernimmt, Drummer Lars spielt einen ultrafiesen, technisch verdammt versierten Beat und der Bassist malträtiert sein Instrument und verleiht der Energie der Musik mit wilden Körperzuckungen und -windungen Ausdruck. Mir schienen einzelne Songs diesmal länger und ausgefeilter, als habe man sich mehr Zeit für ausgiebiges Geriffe genommen. Geile Scheiße, könnte ich mir direkt noch einmal reinziehen und ich hoffe, man teilt die Bühne in absehbarer Zeit mal miteinander!
Das Hamburger TRUE-REBEL-Imperium blies zum Zehnjährigen und hatte sich BOLANOW BRAWL geladen, die Party zu eröffnen. Unser dritter Gig, diesmal im altehrwürdigen Hafenklang, wo ich schon unzählige großartige Konzerte gesehen hatte und nun erstmals dort selbst auf der Bühne stehen sollte. Also in der Firma auf pünktlichen Feierabend bestanden und direkt zum Hafenklang, um pünktlich um 18:00 Uhr dort zu sein. Die meisten Bandkollegen war schon seit ’ner knappen Stunde da, damit das ganze Equipment rechtzeitig vor Ort sein konnte. Dann hieß es aber erst mal entspannt der Dinge harren, die da kommen, und vorsichtig am ersten Bierchen nippen. Ehrlich gesagt ging mir ja doch so’n bischn die Flatter, erst der dritte Auftritt, direkt im Hafenklang, einer DER Adressen in Sachen Punkrock in Norddeutschland – und dann auch noch zusammen mit den in ihren jeweiligen Subgenres zur absoluten Spitze gehörenden Bands THE DETECTORS, ABSTURTZ und KNOCHENFABRIK. Die DETECTORS aus Neumünster waren als einzige weitere Band schon vor Ort und nahmen mit uns die köstliche vegane Bandverpflegung ein. Bald danach ging’s an den Soundcheck. Ich war noch ungewohnt heiser von der DISILLUSIONED-MOTHERFUCKERS-Probe am Vortag und meine Befürchtungen bestätigten sich: Beim Mic-Check bekam ich kaum einen geraden Ton heraus, so schnell, wie die Stimme kurz da war, war sie auch wieder weg. Umso froher war ich über den ausgiebigen Soundcheck, denn so konnte ich mich bischn warmsingen. Nachdem der Sound stand, trudelten nach und nach die ersten Leute ein, u.a. SMALL-TOWN-Timo, der uns unseren druckfrischen Bühnenbanner überreichte – fuck yeah!!! Die Rede war stets von einem knappen Zeitplan, pünktlich um halb neun sollten wir für unser halbstündiges, also um ein paar Songs gekürztes, Set auf die Bühne. Da man in Hamburg allerdings kaum jemanden überreden kann, am Wochenende bereits um 20:30 Uhr ein Punkkonzert aufzusuchen, sah es hinsichtlich zahlender Gäste noch eher mau aus. War dann aber doch kein Problem, das Ganze ’ne Viertelstune nach hinten zu verschieben und siehe da: Es fand sich tatsächlich eine erfreuliche Menge Interessierter potentieller Eskalateure ein. Also Abfahrt! Die ersten beiden Songs rausgerotzt, irgendwelche Ansagen improvisiert, ekstatisch gezuckt, Bierchen gezischt und unsere alkoholgeschwängerten Weisen weiter zum Besten gegeben. Dass unser Bühnensound gerade in Bezug auf die Gesänge nun doch irgendwie anders klang als zuvor, hatte ich zunächst uns bzw. mir selbst zugeschrieben, auf die Idee, um mehr Lautstärke zu bitten, kam ich im BOLANOW-Rausch gar, dafür geriet ich in meinem Gezappel immer wieder mit Stulles Bass aneinander, der sich ungewohnterweise rechts von mir platziert hatte – bis wir ’ne Zwangspause zwecks Nachstimmung einlegen mussten. Zwischendurch wurde wieder schön durcheinandergeplappert und der Bolanow-Verschnitt, ’ne Wodka-Blutorange-Mische, ins Publikum gereicht. Vor „Where Is My Hope“, dem vorläufig letzten Song, hatte ich das Publikum noch erfolgreich ein wenig angestachelt, was mit ein paar tanzenden Gestalten vor der Bühne gedankt wurde. Als Zugabe gab’s „Fame“ und auf dem Höhepunkt der Stimmung war dann auch schon wieder Schluss: Kurz, aber schmerzhaft. Ein langhaariger Eskalateur fand lobende Worte und bat um die Setlist als Andenken – klasse, so was merkt man sich als junge Band, die noch ganz am Anfang steht. Als persönliches Fazit glaube ich, dass musikalisch das alles Hand und Fuß hatte und gröbere Patzer ausblieben, meine Gesangleistung empfand ich zuletzt in der Honigfabrik aber als stärker. Wie dem auch sei, wir hatten den Pflichtteil hinter uns gebracht und der Adrenalinpegel sollte noch für de Rest des Abends reichen. Die DETECTORS wurden sich noch eher „in Ruhe“ angeschaut, wobei diese aber einen genialen Gig hinlegten, großartiger, flotter, engagierter Streetpunk, der direkt in die Beine geht, wenn ich auch den einen oder anderen älteren Hit vermisste – vermutlich der knappen Spielzeit geschuldet. Schade, dass auch keine Zugabe mehr drin war, denn diesen Herren hätte ich locker noch ’ne Weile länger lauschen können! Was ABSTURTZ dann ablieferten, möchte ich so’n bischn als konsequente Fortführung und Herüberrettung des angemetalten „Deutschpunks“ der ’90er bezeichnen, den diese auf ein hohes Qualitätsniveau hievten und nur zu dritt deftig die Puppen tanzen ließen. Die zwischenzeitliche FREI.WILD-Abwatschung fand viel wohlwollenden Widerhall und die drei Norddeutschen bewiesen mir mal wieder, weshalb ich Konzerte, die mehrere deutlich unterschiedliche Spielarten des Punks berücksichtigen, so sehr schätze – die Abwechslung macht’s! Das Backstage-Bier floss literweise, manch einer, Berichterstatter keinesfalls ausgenommen, wies mittlerweile eine amtliche Breitseite auf – optimale Voraussetzungen also, um einen KNOCHENFABRIK-Gig in vollen Zügen genießen zu können! Das knackig gefüllte Hafenklang verwandelte sich in einen pogotanzenden und Claus’ Texte lauthals mitgrölenden Hexenkessel und ich stürzte mich mitten hinein – wie sehr, zeigte mir erst der folgende Tag, an dem sich manch Knochen und Muskel bemerkbar machte und die eine oder andere Schramme und Abschürfung vom vorausgegangenen Abend zeugte. Mittlerweile übertrieben hatte es dann auch die alkoholisierte Dame auf Krücken, die bei den DETECTORS damit begann, in unregelmäßigen Abständen mitten im Set egal welcher Band die Bühne zu erklimmen und ihrem Mitteilungsbedürfnis freien Lauf zu lassen. Als ihre Freundin sie irgendwann entnervt von der Bühne zog, gab’s sogar gegenseitig Haue, vollständig eskaliert ist die Situation aber nicht. Unfassbar aber der Typ, der von meiner Freundin Nadine dabei beobachtet wurde, wie er in der Kabine eines Damenklos auf der Kloschüssel stand und in die angrenzende Kabine herüberspannte – eben bis Nadine eingriff. Alter, geht’s noch?! Alles in allem war‘s aber mal wieder der absolute Wahnsinn, der mit der KNOFA aber noch nicht sein Ende gefunden hatte: Anschließend geriet unser Gitarrist Christian draußen noch in eine Prügelei mit schmierigen Yuppie-Affen und per Taxi ging’s auf ’nen Absacker ins Skorbut – wo mich erstmals der Schlaf übermannte. Wie üblich war es meine tapfere Lady, die mich sicher nach Hause brachte. Welch ein Abend! Es war uns eine Ehre und wir bedanken uns bei allen, die zum Gelingen beigetragen haben und natürlich ganz besonders bei TRUE-REBEL-Alex für die Einladung! „Bolanow Braaawl!!!“ und Prost!
Am nächsten Tag war ich naturgemäß noch ziemlich geschafft vom Vortag, wollte aber auf keinen Fall YARD BOMB verpassen, jene geniale, 100% authentische Hardcore-Band aus Wedel um Frontmann Rolf (THRASHING PUMPGUNS, ex-SMALL-TOWN-RIOT). Das Programm wurde wieder etwas durcheinander gewürfelt, so dass ich zunächst einmal pünktlich zu FUCKT aus Hannover kam, die ziemlich angepissten Punkrock spielten. Ich hab mir die nicht sonderlich konzentriert angeschaut, aber wenn ich das richtig in Erinnerung habe, handelte es sich um deutsche wie englische Texte und weiblich-männlichen Wechselgesang. Schlecht war’s nicht, aber viel mehr ist bei mir so spontan nicht hängengeblieben, sorry. Beim YARD-BOMB-Soundcheck gab’s irgendwie Probleme mit Rolfs Monitorbox, die sich auch durch den Gig ziehen sollten, dem Vergnügen vor der Bühne aber keinen Abbruch taten. Viele bekannte Wedeler Gesichter waren extra gekommen und um unseren kurioserweise in jüngster Vergangenheit vermehrt auftretenden Verwechslungen Tribut zu zollen, stellte sich Rolf mit „Wir sind YARD BOMB aus Wedel und ich bin Günni“ vor. Es folgte das volle Brett Oldschool-US-Hardcore der Marke BLACK FLAG und CIRCLE JERKS während deren Frühphasen, kurze, eruptive Songs, aggressiv vorgetragen von Rolf, der dazu wie ein Derwisch über die Bretter fegte. Ihm wurde es gedankt durch viel Bewegung vor der Bühne, sogar Circle Pits wurden gesichtet. Ich glaub, zwei BLACK-FLAG-Coverversionen wurden dann auch gebracht sowie der heimliche YARD-BOMB-Hit „Invisible Naked Man“, eingeführt mit der Warnung, da stünde ein Typ in Badelatschen rum, der die ganze Zeit angepogt würde. Als die Badelatschen nach dem Song mit „Achtung, Stagediver!“ ins Publikum flogen, war klar, um wen es sich gehandelt hat – herrlich debiler Humor, ganz mein Geschmack, wie zu 100% der gesamte Auftritt. Die Band beherrscht diesen Stil aus dem Effeff und hat in Rolf den perfekten Frontmann gefunden! Im Gegensatz zum Vortag quasi stocknüchtern trat ich anschließend meine Heimreise an und setzte mich prompt in einen U-Bahn-Waggon, in den jemand kurz zuvor zum Unmut der anderen Fahrgäste seinen übel riechenden Mageninhalt entleert hatte. Als ich an der nächsten Station einen Waggon weiter nach vorne ging, kam eine Gruppe Jugendlicher herein, von denen der offensichtlich vollste sogleich herzhaft auf den Fußboden göbelte – das nennt man wohl „vom Regen in die Traufe“, haha.
Geil, mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS auf dem „Hafengeburtstag von unten“ auf der Onkel-Otto-Bühne vorm Störtebeker spielen, nach Jahren als Besucher selbst aktiv für räudige Beschallung sorgen, während beim städtischen, offiziellen Teil der jährlichen Mega-Veranstaltung i.d.R. höchstens von der Jolly-Roger-Bühne erträgliche Klänge ertönen! Einmal auf der Bühne stehen und Hamburg niederpöbeln, während ahnungslose Touristen zusammen mit selbstgefälligen Einwohnern sich selbst und den Hafen feiern! Doch, oh Graus, Drummer Chrischan wurde von ‘ner fiesen Grippe heimgesucht und musste seine Teilnahme absagen. Glücklicherweise haben wir mit Iron Mike Motherfucker ein echtes Multitalent an Bord, den wir hier eigentlich erstmalig als zweiten Gitarristen einweihen wollten. So aber nahm er kurzerhand hinter der Schießbude platz, prügelte sich innerhalb von nur zwei Proben notdürftig das Programm rein und unser Gig konnte doch noch über die Bühne gehen. Nachdem am Donnerstag eine Art Aufwärmprogramm mit zwei Bands im Onkel Otto stattfand, eröffneten wir am Freitag den Reigen auf der geräumigen Open-Air-Bühne. Die Onkel-Otto-Bühne ist nicht nur für geile, meist rustikalere Mucke berüchtigt, sondern auch für ihre Zeitverschiebungen und -verzögerungen und so wunderte es uns auch wenig, dass man uns im Vorfeld keine wirkliche Anfangszeit mitteilen konnte und aus dem ursprünglich prognostizierten Start am Nachmittag letztlich 20:00 Uhr wurde. Das lag aber u.a. daran, dass eine Band (ich glaub, die DUKES OF CUMSHOWER aus Rostock) kurzfristig abgesagt hatte. War auch alles kein großes Problem, denn die Zeit ließ sich prima mit diversem Gequatsche in angenehmer Atmosphäre mit ebenso angenehmen Zeitgenossen an der Bierzeltgarnitur verbringen, zehn Getränkefreimarken pro Nase sorgten fürs Sabbelwasser, am Cocktailstand kam karibisches Flair auf (und trotz Hafengeburtstag blieb’s diesmal sogar weitestgehend trocken – das Wetter mein ich!) und kurz vorm Soundcheck wurde unfassbar leckeres veganes Gulasch mit frischem Fladenbrot kredenzt, in das ich mich hineinlegen hätte können! Kompliment an den Koch! Mit Norman kümmerte sich ein Mann um den Sound, der uns bereits vom Rondenbarg kannte, optimale Voraussetzungen also. Tatsächlich kamen wir in den Genuss des Luxus funktionierender Monitorboxen und hatten glaub ich sowohl auf als auch vor der Bühne ‘ne verdammt respektable Abmischung. Unser Set hatten wir um einen Song (die Coverversion „Les Rebelles“) leicht gekürzt und den Rest hier und da mal mehr, mal weniger improvisiert in die jetzt auch interessierte und begeisterungsfähige Meute gerotzt. Dabei fiel mir auf, wie geil so’n Open Air ist – man bekommt richtig gut Luft und hat dementsprechend mehr und länger Puste – kein Vergleich zu ’nem verqualmten kleinen Club, könnte man sich dran gewöhnen! Als kleinen Tribut an Chrischan und weil’s schließlich was zu feiern gab, haben wir nach „Aktion Mutante“ Dosenbier spendiert – genauer: ein 5-Liter-Fass Bier, das optimal geeignet war, um das Publikum mit kühlem Nass zu versorgen. Mit ordentlich Druck schoss der Gerstensaft heraus und in durstige Mäuler hinein (DUKES OF BEERSHOWER?). Den Umständen geschuldet sind wir ohne Zugabe von der Bühne runter, haben uns offensichtlich aber neue Motherfuckers erspielt und freuen uns auf den nächsten Gig wieder in regulärer Besetzung. Nichtsdestotrotz an dieser Stelle einen Riesenrespekt an Mike, ohne den wir ganz schön dumm bzw. noch dümmer als sonst aus der Wäsche geschaut hätten.
Eigentlich sollte das Konzert in einer zu einer Art Wohnprojekt gehörenden Lagerhalle irgendwo auf der Hamburger Elbinsel stattfinden, so richtig schön underground. Das fiel jedoch in letzter Sekunde ins Wasser, das Wohnprojekt wird aufgelöst und die Halle stand Veranstalter Tom nicht mehr zur Verfügung. Schöne Scheiße, so’ne Nachricht wenige Tage vorm Konzert. Doch genialerweise war das Wilhelmsburger Kulturzentrum Honigfabrik ausgerechnet an jenem Samstag frei, und noch genialererweise erklärte man sich dort spontan bereit, unser schmutziges Konzert in die heiligen Hallen des edlen Jazzclub-Ambientes zu verlegen. Doch damit nicht genug, man verzichtete gar auf die Mieteinnahmen, so dass der lächerliche Eintrittspreis von 2 Talern (in Worten: ZWEI!) für fünf Bands gehalten werden konnte. Außerdem wurden kurzerhand die Getränkepreise nach unten korrigiert und das Rauchen im Saal gestattet. Was für ein wahnsinniges Entgegenkommen!? Die ursprünglich eingeplante Band mit dem bescheidenen Namen GOTT war leider trotzdem verhindert, dafür sprangen aber ROBINSON KRAUSE ein. So stand einer geilen Punkrock-Party nichts mehr im Wege. Ich war lange nicht mehr in der Honigfabrik, mein letzter Besuch als Gast war Jahre her. Der 04.05. entpuppte sich als sommerlicher Frühlingstag, der zum Aufenthalt im Freien einlud. So tummelten sich bereits am Nachmittag, als wir als erste Band zum Aufbau eintrafen, zahlreiche Einwohner der Migranten-Hochburg sowie spätere Konzertbesucher und Bandmitglieder beim Grillen und Saufen im direkt an der Honigfabrik gelegenen, pittoresken Park. Meine Bandkollegen hatten am frühen Nachmittag noch einmal geprobt und sind anschließend punkertypisch per Taxi mit dem Equipment zum Veranstaltungsort, ich stieß dort dazu. Zunächst galt es, bis zum Konzertbeginn noch einige Stunden totzuschlagen, in denen es ehrlich gesagt nicht sonderlich viel zu tun gab. Also suchte man ’ne Dönerbude auf, unterhielt sich mit den netten Verantwortlichen von der Honigfabrik, begrüßte die nach und nach eintrudelnden Bands und hatte je nach Bandmitglied mal öfter, mal seltener ’ne Vase Pils am Hals. Mit Eintreffen der zweiten Gitarrenbox machten wir dann endlich den Soundcheck auf der für unsere Verhältnisse verdammt geräumigen, professionellen Bühne mit Lichtanlage und Monitorboxen für jeden einzelnen von uns – welch ein Luxus! Ich glaube, schon 22:00 Uhr war es, als wir mit BOLANOW BRAWL – unser zweites Konzert überhaupt – den musikalischen Teil des Abends eröffneten. Der Saal war für solch ein Konzert in Wilhelmsburg doch recht ordentlich gefüllt. Natürlich war dies kein Heimspiel wie unser erster Auftritt im Skorbut, wo wir die einzige Band waren und man gespannt war auf unser Live-Debüt, ja sogar einige Proberaumaufnahmen kannte und manches Mal lauthals mitsang, doch der Großteil der Zuschauer zeigte sich interessiert an unserem englischen Streetpunk, einige kamen auch nach vorne und tanzten, so soll’s sein. Mit Ertönen unseres ersten Songs „Crossed Your Plans“ legte sich bei mir ein Schalter um. Ich hatte zwar nur verdammt wenig getrunken vorher, dafür schoss sofort das Adrenalin durch meinen Körper und ich fühlte mich sauwohl auf der Bühne. Kaum noch Gedanken an möglicherweise vergessene Lyrics ohne griffbereites Textblatt und auch das Lampenfieber war quasi wie weggeblasen. Wir spielten alle elf Songs, quatschten bei den natürlich überhaupt nicht abgesprochenen Ansagen alle fröhlich durcheinander, Ole wurd’s zu eng, so dass er mit seiner Streitaxt ins Publikum sprang und ca. nach der Hälfte des Sets musste ich meinem ausgelebten Bewegungsdrang Tribut zollen und doch sehr mit der Kondition haushalten, um für anstrengende Songs wie „Brainmelt“ noch genügend Puste zu haben. Wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß auf der Bühne und genossen es, endlich mal wieder live zu spielen, müssen aber auch zugeben, im Proberaum in der Regel etwas „tighter“ zu sein, der eine oder andere Verspieler war sicherlich der langen Wartezeit geschuldet, die mit dem einen oder anderen Langeweile-Bierchen zuviel bekämpft wurde. Ich verließ ziemlich verausgabt die Bühne, genoss die Pause und freute mich auf das weitere Programm, das nun ganz entspannt konsumiert werden konnte: Die mir von ihrem Auftritt auf der letztjährigen Buxtehuder Tobsucht-Party bekannte Zweimann-Band TCB war an der Reihe, um nur mit Drums, Gitarre und Shouts ca. 30 kurze Songs zum Themenkomplex Raumfahrt und Science Fiction darzubieten, erneut geschmackvoll in Bundeswehr-Jogginganzüge gehüllt. Das war für den einen oder anderen Lacher gut und erschien mir diesmal wesentlich kurzweiliger als letztes Jahr. LABSKAUS hatte ich bereits ewig nicht mehr gesehen und meinen Spaß am räudigen deutschsprachigen Punk mit seinem Brachialgesang, und bei ROBINSON KRAUSE war dann endlich auch deutlich mehr vor der Bühne los. Mit ihrem sehr eigenständigen deutschen Punkrock haben die Krauses mich positiv überrascht, den Namen sollte man auf jeden Fall im Auge behalten, das schau ich mir auch gern noch mal konzentrierter und „bei vollem Bewusstsein“ an. Melodischer Punk mit manch knackigem Refrain trifft auf außergewöhnliche Texte – feine Sache. Zwischenzeitlich jedoch machte sich bei einigen Gästen der starke Alkoholkonsum bemerkbar und uns selbst will ich da auch gar nicht ausnehmen. Nicht jeder war noch Herr seiner Sinne und Alkoholleichen sowie kleinere Konflikte waren die Begleiterscheinungen des Exzesses. Beim INBREEDING CLAN konnte man dann aber noch mal so richtig die Sau rauslassen, Scum-Punk vom Feinsten kredenzten die Herren da hochgradig authentisch inkl. eines GG-Allin-Covers und wurden (nicht nur) von mir gebührend abgefeiert. Ebenfalls eine absolut positive Überraschung; eine weitere Band, die ich noch wesentlich öfter sehen will! Derweil kümmerten sich Tom und Co. weiter aufopferungsvoll um die Belange ihrer Schützlinge, holten Biernachschub vom Kiosk, nachdem der Backstage leergesoffen war und trugen weiter zum Gelingen der Party bei. Und am Ende war es wieder meine Lady, die mich sicher nach Hause brachte, was mir in meinem mittlerweile „etwas“ desolaten Zustand so sicherlich nicht mehr gelungen wäre. Ein denkwürdiges Konzert mit interessanten Bands unterschiedlichster Punk-Spielarten lag hinter uns, neue Kontakte wurden geknüpft, alte gepflegt und auch im zwischenmenschlichen Bereich führte der Frühling hier und da Männlein und Weiblein zusammen. Ein riesengroßes Dankeschön an Tom und die Honigfabrik und es freut mich, zu hören, dass man auch ohne finanzielle Einbußen aus der Geschichte herauskam! Das war ein spitzenmäßiges kollegiales Miteinander ganz nach meinem Gusto!