Am Donnerstagmorgen gab IVV-Frontsau Ladde bekannt, dass er mit seiner Combo spontan für die ausgefallenen CATTY CLAW eingesprungen war und deshalb im Hafenbahnhof, einer kleinen Kneipe direkt an der Elbe, den ersten Gig in der neuen Besetzung spielen würde, gleichzeitig der erste seit einem satten Jahr. Ebenso spontan warf ich meine Abendplanung über den Haufen und fand mich rechtzeitig vor Ort mit einigen Gleichgesinnten ein. Erst einmal angekommen, klingelte es: Hier war ich doch schon mal vor Jahren und hatte die sympathische Hamburger Surf-Band TOD IM STRANDKORB gesehen! Ein unscheinbarer Laden mitten im Industriegebiet der Großen Elbstraße. Der Eintritt betrug 7 Taler, mich hatte Ladde netterweise auf die Gästeliste geschrieben. Danke! Den Anfang machten SUPERGLUT!, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Das klang nach ‘ner Mischung aus Alternative-Rock, Metal-Anklängen etc. und fällt mir schwer zu definieren. Als es gleich beim ersten Song im Refrain wiederholt „Ich muss kacken wie ein Elch!“ hieß, vorgetragen mit bedeutungsschwangerer Metal-Pathos-Stimme, musste ich doch sehr lachen und hatte die Band bereits abgeschrieben, doch die kommenden Songs waren zumindest teilweise durchaus hörbar, das Gaspedal wurde nie so richtig durchgetreten, stattdessen legte man Wert auf differenziertes Spiel und deutlichen Gesang. Not my cup of pee, aber auch nicht scheiße. Unglaublich aber: Angelockt durch die auch vor der Tür deutlich hörbaren Klänge kam der zufällig des Weges kommende UPPER-CRUST- und STAHLSCHWESTER-Drummer Lars mit Begleitung des Weges, entdeckte mich vor der Tür herumgammelnd und ließ sich darüber informieren, was hier heute Abend noch abgehen würde. Doch der Kerl am Einlass unterstellte ihm schnell, frecherweise hier draußen kostenlos der Musik lauschen zu wollen und scheuchte ihn unwirsch davon! So kann man sich auch seine Gäste vergraulen… Nach der Umbaupause tauschte sich recht schnell das Publikum aus, als IN VINO VERITAS mit ihrem räudigen Knüppel-aus’m-Sack-Oi!-Punk die Bühne enterten. Schon nach kurzer Zeit waren nur noch Anhänger der Band im Laden und wurden Zeuge, wie die Sause mit ‘ner Panne begann, als direkt beim ersten Song einem der beiden Gitarristen ‘ne Seite riss. Also alles wieder auf Anfang, Saite aufziehen, stimmen – und noch mal von vorn. Jetzt aber richtig! Das war wie gesagt das erste Mal, dass ich IVV in dieser Besetzung sah und man merkte ein wenig, dass die noch in einer der alten Besetzungen geschriebenen Songs mitunter noch nicht 100%ig saßen, jedoch nur in Details. Allzu viele gab’s von denen aber ohnehin auch gar nicht, denn Ladde gab an, nun seriös werden zu wollen und deshalb Songs wie „Holsten“ oder „Geschlechtsverkehr“ gestrichen zu haben; ja, er musste sich sogar erst bitten lassen, sich seines Hemds zu entledigen und oberkörperfrei zu agieren! Studentenpunk spielt man aber glücklicherweise noch immer nicht und so gab’s eine grobe deutschsprachige Kelle nach der anderen, wovon die neuen Songs absolut positiv herausstachen, sicher saßen und manch hymnische Refrains zu bieten hatten, die sich in Ohr schmeichelten – klasse! Wir ca. 20 Hanseln vor der Bühne machten das Beste draus und feierten IVV gebührend ab, denn das hat diese Band, die unverständlicherweise Probleme hat, in Hamburg Auftritte zu bekommen, echt mal verdient. Gitarrist Nummer 2 legte zwischenzeitlich seine Klampfe ab und übernahm den Gesang eines Songs, auch das kam gut und brachte zusätzliche Abwechslung. Generell gefällt mir, wie IVV mit Backgroundchören bzw. aus mehreren Kehlen gebrüllten Refrains arbeiten. Der Getränkeumsatz dürfte durchs IVV-Publikum zudem deutlich angekurbelt worden sein, Jever und Astra flossen durstige Kehlen hinunter, die immer wieder skandierten: „Wie, wo, was? IN VINO VERITAS!“ Großes Damentennis, Jungs, und ich freu mich auf unsere gemeinsamen Gigs mit BOLANOW BRAWL! Wooo!

Am nächsten Tag war ich naturgemäß noch ziemlich geschafft vom Vortag, wollte aber auf keinen Fall YARD BOMB verpassen, jene geniale, 100% authentische Hardcore-Band aus Wedel um Frontmann Rolf (THRASHING PUMPGUNS, ex-SMALL-TOWN-RIOT). Das Programm wurde wieder etwas durcheinander gewürfelt, so dass ich zunächst einmal pünktlich zu FUCKT aus Hannover kam, die ziemlich angepissten Punkrock spielten. Ich hab mir die nicht sonderlich konzentriert angeschaut, aber wenn ich das richtig in Erinnerung habe, handelte es sich um deutsche wie englische Texte und weiblich-männlichen Wechselgesang. Schlecht war’s nicht, aber viel mehr ist bei mir so spontan nicht hängengeblieben, sorry. Beim YARD-BOMB-Soundcheck gab’s irgendwie Probleme mit Rolfs Monitorbox, die sich auch durch den Gig ziehen sollten, dem Vergnügen vor der Bühne aber keinen Abbruch taten. Viele bekannte Wedeler Gesichter waren extra gekommen und um unseren kurioserweise in jüngster Vergangenheit vermehrt auftretenden Verwechslungen Tribut zu zollen, stellte sich Rolf mit „Wir sind YARD BOMB aus Wedel und ich bin Günni“ vor. Es folgte das volle Brett Oldschool-US-Hardcore der Marke BLACK FLAG und CIRCLE JERKS während deren Frühphasen, kurze, eruptive Songs, aggressiv vorgetragen von Rolf, der dazu wie ein Derwisch über die Bretter fegte. Ihm wurde es gedankt durch viel Bewegung vor der Bühne, sogar Circle Pits wurden gesichtet. Ich glaub, zwei BLACK-FLAG-Coverversionen wurden dann auch gebracht sowie der heimliche YARD-BOMB-Hit „Invisible Naked Man“, eingeführt mit der Warnung, da stünde ein Typ in Badelatschen rum, der die ganze Zeit angepogt würde. Als die Badelatschen nach dem Song mit „Achtung, Stagediver!“ ins Publikum flogen, war klar, um wen es sich gehandelt hat – herrlich debiler Humor, ganz mein Geschmack, wie zu 100% der gesamte Auftritt. Die Band beherrscht diesen Stil aus dem Effeff und hat in Rolf den perfekten Frontmann gefunden! Im Gegensatz zum Vortag quasi stocknüchtern trat ich anschließend meine Heimreise an und setzte mich prompt in einen U-Bahn-Waggon, in den jemand kurz zuvor zum Unmut der anderen Fahrgäste seinen übel riechenden Mageninhalt entleert hatte. Als ich an der nächsten Station einen Waggon weiter nach vorne ging, kam eine Gruppe Jugendlicher herein, von denen der offensichtlich vollste sogleich herzhaft auf den Fußboden göbelte – das nennt man wohl „vom Regen in die Traufe“, haha.
Geil, mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS auf dem „Hafengeburtstag von unten“ auf der Onkel-Otto-Bühne vorm Störtebeker spielen, nach Jahren als Besucher selbst aktiv für räudige Beschallung sorgen, während beim städtischen, offiziellen Teil der jährlichen Mega-Veranstaltung i.d.R. höchstens von der Jolly-Roger-Bühne erträgliche Klänge ertönen! Einmal auf der Bühne stehen und Hamburg niederpöbeln, während ahnungslose Touristen zusammen mit selbstgefälligen Einwohnern sich selbst und den Hafen feiern! Doch, oh Graus, Drummer Chrischan wurde von ‘ner fiesen Grippe heimgesucht und musste seine Teilnahme absagen. Glücklicherweise haben wir mit Iron Mike Motherfucker ein echtes Multitalent an Bord, den wir hier eigentlich erstmalig als zweiten Gitarristen einweihen wollten. So aber nahm er kurzerhand hinter der Schießbude platz, prügelte sich innerhalb von nur zwei Proben notdürftig das Programm rein und unser Gig konnte doch noch über die Bühne gehen. Nachdem am Donnerstag eine Art Aufwärmprogramm mit zwei Bands im Onkel Otto stattfand, eröffneten wir am Freitag den Reigen auf der geräumigen Open-Air-Bühne. Die Onkel-Otto-Bühne ist nicht nur für geile, meist rustikalere Mucke berüchtigt, sondern auch für ihre Zeitverschiebungen und -verzögerungen und so wunderte es uns auch wenig, dass man uns im Vorfeld keine wirkliche Anfangszeit mitteilen konnte und aus dem ursprünglich prognostizierten Start am Nachmittag letztlich 20:00 Uhr wurde. Das lag aber u.a. daran, dass eine Band (ich glaub, die DUKES OF CUMSHOWER aus Rostock) kurzfristig abgesagt hatte. War auch alles kein großes Problem, denn die Zeit ließ sich prima mit diversem Gequatsche in angenehmer Atmosphäre mit ebenso angenehmen Zeitgenossen an der Bierzeltgarnitur verbringen, zehn Getränkefreimarken pro Nase sorgten fürs Sabbelwasser, am Cocktailstand kam karibisches Flair auf (und trotz Hafengeburtstag blieb’s diesmal sogar weitestgehend trocken – das Wetter mein ich!) und kurz vorm Soundcheck wurde unfassbar leckeres veganes Gulasch mit frischem Fladenbrot kredenzt, in das ich mich hineinlegen hätte können! Kompliment an den Koch! Mit Norman kümmerte sich ein Mann um den Sound, der uns bereits vom Rondenbarg kannte, optimale Voraussetzungen also. Tatsächlich kamen wir in den Genuss des Luxus funktionierender Monitorboxen und hatten glaub ich sowohl auf als auch vor der Bühne ‘ne verdammt respektable Abmischung. Unser Set hatten wir um einen Song (die Coverversion „Les Rebelles“) leicht gekürzt und den Rest hier und da mal mehr, mal weniger improvisiert in die jetzt auch interessierte und begeisterungsfähige Meute gerotzt. Dabei fiel mir auf, wie geil so’n Open Air ist – man bekommt richtig gut Luft und hat dementsprechend mehr und länger Puste – kein Vergleich zu ’nem verqualmten kleinen Club, könnte man sich dran gewöhnen! Als kleinen Tribut an Chrischan und weil’s schließlich was zu feiern gab, haben wir nach „Aktion Mutante“ Dosenbier spendiert – genauer: ein 5-Liter-Fass Bier, das optimal geeignet war, um das Publikum mit kühlem Nass zu versorgen. Mit ordentlich Druck schoss der Gerstensaft heraus und in durstige Mäuler hinein (DUKES OF BEERSHOWER?). Den Umständen geschuldet sind wir ohne Zugabe von der Bühne runter, haben uns offensichtlich aber neue Motherfuckers erspielt und freuen uns auf den nächsten Gig wieder in regulärer Besetzung. Nichtsdestotrotz an dieser Stelle einen Riesenrespekt an Mike, ohne den wir ganz schön dumm bzw. noch dümmer als sonst aus der Wäsche geschaut hätten.
Eigentlich sollte das Konzert in einer zu einer Art Wohnprojekt gehörenden Lagerhalle irgendwo auf der Hamburger Elbinsel stattfinden, so richtig schön underground. Das fiel jedoch in letzter Sekunde ins Wasser, das Wohnprojekt wird aufgelöst und die Halle stand Veranstalter Tom nicht mehr zur Verfügung. Schöne Scheiße, so’ne Nachricht wenige Tage vorm Konzert. Doch genialerweise war das Wilhelmsburger Kulturzentrum Honigfabrik ausgerechnet an jenem Samstag frei, und noch genialererweise erklärte man sich dort spontan bereit, unser schmutziges Konzert in die heiligen Hallen des edlen Jazzclub-Ambientes zu verlegen. Doch damit nicht genug, man verzichtete gar auf die Mieteinnahmen, so dass der lächerliche Eintrittspreis von 2 Talern (in Worten: ZWEI!) für fünf Bands gehalten werden konnte. Außerdem wurden kurzerhand die Getränkepreise nach unten korrigiert und das Rauchen im Saal gestattet. Was für ein wahnsinniges Entgegenkommen!? Die ursprünglich eingeplante Band mit dem bescheidenen Namen GOTT war leider trotzdem verhindert, dafür sprangen aber ROBINSON KRAUSE ein. So stand einer geilen Punkrock-Party nichts mehr im Wege. Ich war lange nicht mehr in der Honigfabrik, mein letzter Besuch als Gast war Jahre her. Der 04.05. entpuppte sich als sommerlicher Frühlingstag, der zum Aufenthalt im Freien einlud. So tummelten sich bereits am Nachmittag, als wir als erste Band zum Aufbau eintrafen, zahlreiche Einwohner der Migranten-Hochburg sowie spätere Konzertbesucher und Bandmitglieder beim Grillen und Saufen im direkt an der Honigfabrik gelegenen, pittoresken Park. Meine Bandkollegen hatten am frühen Nachmittag noch einmal geprobt und sind anschließend punkertypisch per Taxi mit dem Equipment zum Veranstaltungsort, ich stieß dort dazu. Zunächst galt es, bis zum Konzertbeginn noch einige Stunden totzuschlagen, in denen es ehrlich gesagt nicht sonderlich viel zu tun gab. Also suchte man ’ne Dönerbude auf, unterhielt sich mit den netten Verantwortlichen von der Honigfabrik, begrüßte die nach und nach eintrudelnden Bands und hatte je nach Bandmitglied mal öfter, mal seltener ’ne Vase Pils am Hals. Mit Eintreffen der zweiten Gitarrenbox machten wir dann endlich den Soundcheck auf der für unsere Verhältnisse verdammt geräumigen, professionellen Bühne mit Lichtanlage und Monitorboxen für jeden einzelnen von uns – welch ein Luxus! Ich glaube, schon 22:00 Uhr war es, als wir mit BOLANOW BRAWL – unser zweites Konzert überhaupt – den musikalischen Teil des Abends eröffneten. Der Saal war für solch ein Konzert in Wilhelmsburg doch recht ordentlich gefüllt. Natürlich war dies kein Heimspiel wie unser erster Auftritt im Skorbut, wo wir die einzige Band waren und man gespannt war auf unser Live-Debüt, ja sogar einige Proberaumaufnahmen kannte und manches Mal lauthals mitsang, doch der Großteil der Zuschauer zeigte sich interessiert an unserem englischen Streetpunk, einige kamen auch nach vorne und tanzten, so soll’s sein. Mit Ertönen unseres ersten Songs „Crossed Your Plans“ legte sich bei mir ein Schalter um. Ich hatte zwar nur verdammt wenig getrunken vorher, dafür schoss sofort das Adrenalin durch meinen Körper und ich fühlte mich sauwohl auf der Bühne. Kaum noch Gedanken an möglicherweise vergessene Lyrics ohne griffbereites Textblatt und auch das Lampenfieber war quasi wie weggeblasen. Wir spielten alle elf Songs, quatschten bei den natürlich überhaupt nicht abgesprochenen Ansagen alle fröhlich durcheinander, Ole wurd’s zu eng, so dass er mit seiner Streitaxt ins Publikum sprang und ca. nach der Hälfte des Sets musste ich meinem ausgelebten Bewegungsdrang Tribut zollen und doch sehr mit der Kondition haushalten, um für anstrengende Songs wie „Brainmelt“ noch genügend Puste zu haben. Wir hatten auf jeden Fall unseren Spaß auf der Bühne und genossen es, endlich mal wieder live zu spielen, müssen aber auch zugeben, im Proberaum in der Regel etwas „tighter“ zu sein, der eine oder andere Verspieler war sicherlich der langen Wartezeit geschuldet, die mit dem einen oder anderen Langeweile-Bierchen zuviel bekämpft wurde. Ich verließ ziemlich verausgabt die Bühne, genoss die Pause und freute mich auf das weitere Programm, das nun ganz entspannt konsumiert werden konnte: Die mir von ihrem Auftritt auf der letztjährigen Buxtehuder Tobsucht-Party bekannte Zweimann-Band TCB war an der Reihe, um nur mit Drums, Gitarre und Shouts ca. 30 kurze Songs zum Themenkomplex Raumfahrt und Science Fiction darzubieten, erneut geschmackvoll in Bundeswehr-Jogginganzüge gehüllt. Das war für den einen oder anderen Lacher gut und erschien mir diesmal wesentlich kurzweiliger als letztes Jahr. LABSKAUS hatte ich bereits ewig nicht mehr gesehen und meinen Spaß am räudigen deutschsprachigen Punk mit seinem Brachialgesang, und bei ROBINSON KRAUSE war dann endlich auch deutlich mehr vor der Bühne los. Mit ihrem sehr eigenständigen deutschen Punkrock haben die Krauses mich positiv überrascht, den Namen sollte man auf jeden Fall im Auge behalten, das schau ich mir auch gern noch mal konzentrierter und „bei vollem Bewusstsein“ an. Melodischer Punk mit manch knackigem Refrain trifft auf außergewöhnliche Texte – feine Sache. Zwischenzeitlich jedoch machte sich bei einigen Gästen der starke Alkoholkonsum bemerkbar und uns selbst will ich da auch gar nicht ausnehmen. Nicht jeder war noch Herr seiner Sinne und Alkoholleichen sowie kleinere Konflikte waren die Begleiterscheinungen des Exzesses. Beim INBREEDING CLAN konnte man dann aber noch mal so richtig die Sau rauslassen, Scum-Punk vom Feinsten kredenzten die Herren da hochgradig authentisch inkl. eines GG-Allin-Covers und wurden (nicht nur) von mir gebührend abgefeiert. Ebenfalls eine absolut positive Überraschung; eine weitere Band, die ich noch wesentlich öfter sehen will! Derweil kümmerten sich Tom und Co. weiter aufopferungsvoll um die Belange ihrer Schützlinge, holten Biernachschub vom Kiosk, nachdem der Backstage leergesoffen war und trugen weiter zum Gelingen der Party bei. Und am Ende war es wieder meine Lady, die mich sicher nach Hause brachte, was mir in meinem mittlerweile „etwas“ desolaten Zustand so sicherlich nicht mehr gelungen wäre. Ein denkwürdiges Konzert mit interessanten Bands unterschiedlichster Punk-Spielarten lag hinter uns, neue Kontakte wurden geknüpft, alte gepflegt und auch im zwischenmenschlichen Bereich führte der Frühling hier und da Männlein und Weiblein zusammen. Ein riesengroßes Dankeschön an Tom und die Honigfabrik und es freut mich, zu hören, dass man auch ohne finanzielle Einbußen aus der Geschichte herauskam! Das war ein spitzenmäßiges kollegiales Miteinander ganz nach meinem Gusto!
Nachdem wir mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS im Oktober des vergangenen Jahres unseren allerersten Gig in der Kneipe des Wagenplatzes Rondenbarg absolvieren durften, bekamen wir jetzt die Gelegenheit, zu zeigen, wie wir uns in der Zwischenzeit entwickelt haben; Anlass war eine Geburtstagsparty zweier Bewohner, Einlass war kostenlos, aber das Publikum wurde um ’ne kleine Spende für die Bands gebeten. Die Pulvertoasties, ehemalige MeckPommer, mittlerweile allesamt in Hamburg ansässig, waren mit von der Partie, halfen uns beim Aufbau des Equipments und erwiesen sich als überaus umgängliche und nette Zeitgenossen. Haus-und-Hof-Mischer Norman besorgte einmal mehr den Sound, René kredenzte Bockwurst mit Brot. Die gemütliche und gut beheizte Kneipe füllte sich zusehends mit Gästen und manch einer kam extra vorbei, um sich uns erstmalig anzuschauen. Bis es losgehen sollte, verging natürlich wieder manch Stunde, Gitarrero Kai und ich standen irgendwann die meiste Zeit an der provisorischen Bühne und hielten Klönschnacks mit den Gästen. Als es dann langsam einmal losgehen sollte und der Soundcheck anstand, war aber plötzlich keine Spur von Drummer Chrischan, der fortan aufwändig gesucht wurde. Irgendwann war aber auch er glücklicherweise wieder aufgetaucht und nach einer kurzen Soundeinpegelung ging’s mit unserem Intro aus der Konserve los, das nahtlos in „Tales of Terror“ überging. Wir spielten unseren kompletten Set bestehend aus zehn Songs und das Publikum ging gut mit, vereinzelt wurde das Tanzbein geschwungen und die den meisten noch unbekannten Texte mitzugrölen versucht. Auch die Pulvertoasties unterstützten uns tatkräftig und waren in der ersten Reihe anzutreffen. So machte das richtig Laune, wenn es auch nicht ganz pannenfrei ablief: „Victim of Socialisation“ wurde wieder in einer berüchtigten Grützwurst-Version dargeboten und gegen Ende besiegelte Grobian Kais Saitenriss das Schicksal des Songs endgültig. Die Zwangspause nutzte das diesmal sehr mitteilungsfreudige Publikum für manch mehr oder weniger relevante Durchsage und Holli von HAMBURGER ABSCHAUM bewies Entertainer-Qualitäten, als er mit schlechten Witzen die unfreiwillige Halbzeit überbrückte. Am Ende wurde „Elbdisharmonie“ noch einmal gefordert und dann hieß es „Bühne frei für PROJEKT PULVERTOASTMANN“, die mit einem Ersatzschlagzeuger aufwarten mussten. Gleich der erste Song klang dann auch überraschend und seltsam verhaltend, doch bereits beim zweiten stimmte alles und Shouter Snorre & Co. ließen einen deutschsprachigen Hardcore-Punk-Knaller nach dem anderen von der Leine, wovon sich für mich besonders „A.C.A.B.“ und „Freiheit“ (aufgrund des Refrains vermute ich mal, dass das Stück so heißt) hervortaten. Hochmotiviert sprang Snorre durchs Publikum und forderte energisch zu Bewegung auf, nicht ohne Erfolg. Zwischendrin lobte er diese Versammlung an bunten, schrägen Gestalten für ihre gesellschaftskritische Haltung etc., um sich im nächsten Moment wieder voll zu verausgaben. Das geht natürlich auf die Kondition, doch die Jungs hielten wacker bis zum Schluss durch und gingen ebenfalls nicht ohne Zugabe. Bezeichnenderweise riss auch ihnen zwischendurch eine Saite – ob die Kneipenluft die Saiten porös machte? Klasse Auftritt einer Band, die 110% gegeben hat und Lust macht auf mehr, z.B. aus der Konserve. ’ne schöne Plattenaufnahme darf da gerne kurzfristig kommen und ich freue mich schon auf den nächsten Gig mit PROJEKT PULVERTOASTMANN! Die anschließende Party fiel erwartungsgemäß feucht-fröhlich aus, ich traf sogar einen alten Kumpel nach längerer Zeit wieder und zusammen mit meiner Süßen, einem sofort ins Herz geschlossenen Kerl, der erschreckend viele ’80er-Metal-Texte auswendig kennt und manch anderem Freak wurde schwadroniert, gesungen und gelacht bis in die frühen Morgenstunden, bis mich meine Lady sicher zu sich nach Hause bugsierte. Danke für die Einladung, für Speis und Trank, für den geilen Sound und die äußerst gelungene Party an alle, die dazu beigetragen haben!
Die Hamburger Streetpunks ARRESTED DENIAL um ex-IN-VINO-VERITAS-Klampfer Sascha und ex-THIS-BELIEF-Frontmann Valentin haben mit „Our Best Record So Far“ ein vielbeachtetes zweites Album veröffentlicht, diesmal in handfester CD- und Vinyl-Auflage und mit dem „Mad Butcher“-Label im Hintergrund. Eine sehr hörenswerte, geile Platte, die es nach einem Abstecher nach Kiel am Tag zuvor nun im Hamburger Heimathafen zu feiern galt. Am Viersaiter nach Ausstieg des ursprünglichen Bassisten Thorben jetzt Timo (SMALL TOWN RIOT, HIGHSCHOOL NIGHTMARE), aber ansonsten alles beim Bewährten: Raue Punkrock-Hymnen mit Ausschlägen in Richtung Offbeat und Hardcore, Songs beider Alben inkl. einiger Coverversionen (MAYTALS, HATECLUB, DIRE STRAITS) und harmonisierende Chöre. Besonders hervor stachen für mich wieder das geniale „D-Land“ („Deutschland, du hast dich abgeschafft!“) und der Offbeat-Song, dessen Refrain lautet „The upper crust is on another track, the upper crust is coming back“, der seltsamerweise aber nicht „The Upper Crust“ heißt (sorry, hab das Booklet grad nicht zur Hand). Timo machte seine Sache als Bassist tadellos und unterstützte die Chöre nach Kräften, Für drei, vier Songs wurde er zwischenzeitlich jedoch von ex-Bassist Thorben abgelöst, der mit sichtlicher Spielfreude die Stücke zum Besten gab. Eine nette Geste von beiden Seiten, die beweist, dass zwischenmenschlich offensichtlich alles in bester Ordnung ist. Das Publikum, dass das Skorbut alles andere als leer aussehen ließ, aber auch nicht so zahlreich erschienen war, dass es drängelig geworden wäre, unterstützte die Band in den ersten paar Reihen, reckte Arme und Fäuste empor, sang Chöre und Refrains mit und bewegte sich dann und wann auch grobmotorisch. Aufgelockert wurde die Sause von Valentins trockenem Humor, und apropos trocken: Sascha wirkte diesmal überraschend nüchtern. Bewundernswert finde ich die abgewichste Unaufgeregt- und Lockerheit, mit der Valentin singt und Gitarre spielt, von Aufregung oder falschem Respekt keine Spur, dafür aber leidenschaftlich und authentisch. War – bis auf das anscheinend unvermeidliche DIRE-STRAITS-Cover „Walk of Life“ 😉 – ein schöner Gig, der anfänglich etwas mit dem Gitarrensound zu kämpfen hatte, ansonsten aber reibungslos über die Bühne ging und den sympathischen Eindruck, den ich von ARRESTED DENIAL habe, bestätigte. Die Jungs haben sich verdammt weit vorne in den lokalen Punkrock-Gefilden einsortiert und werden nun vermutlich ausziehen, auch andere Regionen zu erobern. Was gelingen wird!
Als ich vor etlichen Jahren zum ersten Mal von der Existenz der Gießener HC-Punks PESTPOCKEN erfuhr, geschah dies in Form der kultigen „Punk aus Hesse, ‚uff die Fresse!“-Sampler-EP, auf der die Band u.a. mit ihrem wenig pazifistischen Klopfer „Auf die Fresse“ vertreten ist. Ich besorgte mir schnell die ein, zwei EPs, die es sonst noch gab, sowie das Demo-Tape und war ziemlich begeistert. Als dann irgendwann die ersten Alben erschienen, steckte ich mittendrin in den damals grassierenden Diskussionen um Oi!- und Polit-Punk etc. und bemerkte, wie sich die Band zunehmend um ein Image bemühte, das möglicherweise nach meinem Geschmack nicht mehr ganz zum genial-kompromisslosen Aus-dem-Bauch-heraus-auf-die-Kacke-Hauen der alten Rotzhammerattacken passen wollte, und verlor ein wenig das Interesse an der Band. Später fiel mir auf, dass die Damen und Herren ab und zu die Besetzung wechselten, aber auch mit ihrem perfekten Nieten- und Stachelpunk-Styling die Öffentlichkeit zu suchen schienen und beispielsweise für den „Chaostage“-Film ihre Rüben vor die Kamera hielten. Mittlerweile hatte ich mich aber auch musikalisch generell etwas umorientiert und die PESTPOCKEN spielten für mich persönlich keine größere Rolle mehr. Die Top-Kritiken, die der jüngste Longplayer gemeinhin eingeheimst hat, sind mir aber ebenfalls nicht entgangen und als ich zum Nachholgig des ursprünglich wegen Krankheit abgesagten Gigs in meiner Hamburger Stammkneipe Skorbut tatsächlich Zeit hatte, war ich dann doch neugierig genug, um mir die Combo nach vielen Jahren mal wieder live zu geben. Ich wurde Zeuge einer Band, die schon längst nicht mehr als unbedingte „Vorzeige-Boy-and-Girl-Group des Deutschpunk“ durchgehen würde, wenngleich Frontsau Danny sich den Scheitel noch immer mit Axt und Wasserwaage zu ziehen scheint. 😉 Aber lassen wir diese unnötigen Oberflächlichkeiten und schlechten Witze, denn zunächst einmal blies mich Andrea ziemlich weg. Der Set schien mir recht stringent zweigeteilt zu sein und zunächst die Songs zu berücksichtigen, die die junge Dame schmettert – und wie sie das tat! Im gut gefüllten Skorbut stellte sie sich ohne jede Skrupel oder Berührungsängste dem gierigen Pöbel und stürzte sich runter von der kleinen Bühne in den Mob, wo sie ebenso aggressiv wie sportlich, in jedem Falle verdammt energie- und wutgeladen, druckvoll und nicht nur konditionell überzeugend Song um Song herausbrüllte, als gäbe es kein Morgen mehr. Das Publikum dankte es entsprechend und ich kann nur sagen: Respekt, die Dame! Das klang alles wie ’ne Art Mischung aus dem klassischen PESTPOCKEN-Sound und derbem Hardcore und ging recht flott zur Sache, ich fand’s auch musikalisch nicht verkehrt. Nach ca. der Hälfte des Sets trat der wesentlich hünenhaftere Danny von der Bühne und es kamen logischerweise die Songs mit vornehmlich männlichem Gesang zum Zuge. Mitten rein in den Mob, hieß sein Motto, und der Härtegrad vor der Bühne steigerte sich. Die Songs schienen sich mir jetzt mehr hin zum altbekannten PESTPOCKEN-Klopper-Sound zu bewegen, mit dem Schlagzeug in Richtung D-Punk-Uffta, aber eben diesem derbst-aggressiven Grölgesang darüber, der leider hin und wieder von Mikroausfallen gestört wurde. Auch das war ’ne sichtbar körperlich anstrengende Nummer, wenn den Mann aber auch so schnell sicher nichts umhaut. Der Pöbel fand manch Song zur lautstarken Unterstützung und die Background-Chöre von der Bühne kaschierten das streikende Mikro oft ziemlich gut. Die den Songs innewohnende Aggressivität fand in einem harten, aber fairen Geschehen vor der Bühne seine optische Entsprechung und das passte alles gut zusammen, hatte Hand und Fuß und war zu jeder Sekunde authentischer und mehr Werbung für Punkrock als manch lahmarschige Studentencombo oder gelackte trendy, ach so coole Sonstwas-Punkband. Die Message, die rüberkam, war: Keine Kompromisse, kein Rumgeeier, ehrlich und direkt auf die Zwölf. Natürlich gefällt mir das, wenn ich mir auch manch Song noch besser und möglicherweise derber vorstellen könnte, würde man den Schlagzeugbeat stärker variieren und sich generell mehr an pfeilschnellem Hardcore orientieren – denn dieser mittlerweile hier von mir oft zitierte PESTPOCKEN-Sound gefiel mir doch immer noch am besten bei den alten Kult-Stücken, von denen ich z.B. ein „Auf die Fresse“ hier schmerzlich vermisste. Ob das einem gestiegenen lyrischen Anspruch gewichen ist, den ich in Ermangelung der jüngeren Tonträger zurzeit leider nicht, äh, „überprüfen“ kann? Wie dem auch sei, so viele Jahre in diesem Metier mit soviel Nachdruck tätig zu sein und seine Energie ohne Rücksicht auf Verluste in einen solchen Auftritt zu legen, erkenne ich voll an und fand den Gig unterm Strich nicht nur interessant, sondern überraschend gut. Anschließend ging ich dann noch ’nem netten Klönschnack mit Gitarrero Chris nach, den ich flüchtig aus manch Internetdiskussion kannte und nun erstmals persönlich traf. Nie gesehen und doch gleich erkannt. 😉 Der eröffnete mir, dass er die Band in Kürze verlassen wird und ein Crust-/Metal-Punk-Projekt am Start hat, auf das er sich dann stärker konzentrieren wird. Man darf gespannt sein, ich wünsche jedenfalls viel Glück und Erfolg. Dass BOLANOW-BRAWL-Bassist Stulle das Gespräch immer wieder jäh mit schier endlosen auswendig gelernten BADESALZ-Zitaten unterbrach, gehört hier allerdings nicht hin… 😉
Lars hatte mal wieder Geburtstag. Lars auch. Eine liebgewonnene Tradition ist es daher, dass beide anlässlich ihres Jahrestags 1x jährlich ein Konzert in der sympathischen Wedeler Villa organisieren. Ich war schon oft als Gast zugegen und durfte dieses Jahr mit meiner eigenen Kombo DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS ran. Da lässt man sich natürlich nicht 2x bitten und so ging’s bei winterlichen Temperaturen in das schleswig-holstein’sche Musik-Mekka, wo die Musikiniative Wedel e.V. seit Jahren hervorragende Arbeit leistet und Bands aus der Umgebung Auftrittsmöglichkeiten in einem dafür spitzenmäßig geeigneten Laden bietet. Also Leute begrüßt, paar Backstage-Bierchen gezischt, Sound gecheckt und gewartet, wie sich der Laden langsam füllte. Wir enterten dann als erste und eine von nur wenigen übrig gebliebenen Bands des ursprünglichen Billings die Bühne und zockten einen für unsere Verhältnisse rekordverdächtigen Set von zehn Songs. Dat neue Intro kam von CD und los ging’s mit dem bekannten Triple „Tales of Terror“, „Menschenzoo“ und „Elbdisharmonie“. Viele bekannte Gesichter fanden sich im Publikum, viele hatten den Weg von Hamburg auf sich genommen, um dem Ereignis beizuwohnen, was nicht selbstverständlich ist für die musikalisch verwöhnten Einwohner der Hansestadt. Der Hammer allerdings war der Besuch der Kameradschaft Wiederaufbau Wehringhausen (KWW)* aus Hagen und Umgebung mit ihrer berüchtigten „Heilanstalt“-Parole, die speziell Sechssaiter Kai zu Ehren angetreten war, denn dieser feierte ebenfalls seinen Geburtstag, wenn auch nach. Mit „Aktion Mutante“ gab’s die Rohfassung unseres jüngsten Songs um die Ohren und anstelle von „Victim of Socialisation“ spielten wir eine ziemliche Grützwurst. Der Rest lief aber gut durch, der Sound war gut und ich hatte erstmals sogar richtige Monitorboxen vor mir auf der Bühne – welch ungewohnter Luxus! Das hatte zur Folge, dass mein Mikro jedes Mal, wenn ich mich gebückt hab – also bei jedem Griff zur Bierbuddel – fiese Rückkopplungen erzeugt hat, aber da musste man durch – die Stimme will schließlich geölt sein. Ok, den einen oder anderen Anfang bzw. Schluss eines Songs haben wir bischn improvisiert, aber das kann man sich problemlos immer genau solange erlauben, wie der Pöbel die Songs kaum oder gar nicht kennt. Das zahlreich erschienene Publikum lauschte konzentriert der Darbietung, behielt sein faules Obst für sich und anschließend ging auch noch die eine oder andere Demo-CD weg, so dass die Auflage jetzt so gut wie weg ist. Ich kann ’nen dicken Haken darunter machen, in einem meiner Lieblingsläden gespielt zu haben, deshalb noch mal danke an Lars!