Günnis Reviews

Autor: Günni (page 76 of 114)

DER SCHREIHALS – …UND TROTZDEM IST ES MUSIK! CD

(www.derschreihals.de)

Tilo Schnabel, ex-Punkrock-Musiker bei DIE DICKEN MÄDELS und Sänger von KOMMANDO STULLE, gebürtiger Sachse und jetzt Schwabe, versucht sich als Liedermacher, sprich: Akustikklampfe und Gesang. So richtig gut Gitarre spielen kann er dabei eher weniger und Singen schon mal gar nicht, aber wenn seine bemüht humoristischen Songs über Michael Ballack, Hartz IV, Ossis usw. wenigstens lustig wären, wäre das vielleicht gar nicht so schlimm. Sind sie nur leider nicht und so geriet das Hören der CD dieser Musikrichtung, mit der ich ohnehin so meine Probleme habe, zur Qual. Auf dem Cover sieht der Herr Schreihals mit seinem Megaphon übrigens aus wie ein Dorfdisco-Anheizer oder –DJ, doch diese Befürchtungen haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Sorry, Tilo, mit dir kann man bestimmt echt gut einen Saufen gehen oder so, aber das Liedermachen überlasse dann vielleicht doch besser anderen. Wo ist eigentlich ein Franz Josef Degenhardt, wenn man ihn mal braucht? Die CD kommt nur mit Covereinleger ohne Booklet. 18 Lieder in 47 Minuten. Ohne Wertung… Günni

NORMAHL – JONG’R DVD + CD

(www.7us.de) (www.normahl.de)

NORMAHL waren in ihrer mittlerweile (mit Unterbrechung) 30-jährigen Bandgeschichte für so manche Peinlichkeit gut – angefangen bei fragwürdigen Texten auf den frühen Schrammel-LPs über Funpunk auf einem Major-Label inkl. Matthias-Reim-Gedächtnisfrisuren bis hin zu erschreckend durchwachsenen Rock-Alben und Ausflügen in schmalzige Schlagergefilde. Doch trotz allem haben es die Schwaben um Energiebündel Lars Besa geschafft, eine ganze Reihe starker Songs, die eng mit meiner Punksozialisation verbunden sind, zu schreiben, die längst zurecht als Klassiker gelten – sowohl während der HC-Punk-Gehversuche als auch auf jüngeren, rockigeren Scheiben. Dabei hat man textlich nie ein Blatt vor den Mund genommen, starke, gesellschafts-, sozial- und politikkritische Songs kreiert und sich zum Sozialismus bekannt. Ein gutes Händchen bewies die Band oft bei Coverversionen, egal ob von alten Arbeiterliedern, Ennio-Morricone-Soundtracks oder gar Reinhard Mey („Diplomatenjagd“). Zum etwas verspäteten Jubiläum hatte man einen eigenen Spielfilm „von und mit NORMAHL“ (!) angekündigt und eigentlich hatte ich mich schon auf ein unfreiwilliges Trashvergnügen zum Fremdschämen eingestellt. Dieser Film liegt mir nun samt eigens von der Band eingespielten Soundtracks in einer Vorab-Promo-Version vor und ich bin positiv überrascht: Der Film ist nicht schlecht. Ja, wirklich. Bei „Jong’r“ (schwäbisch für „Junge“) handelt es sich um eine Low-Budget-Produktion auf gehobenem Amateur-Niveau, die in 60 extrem kurzweiligen Minuten autobiographisch das Lebensgefühl einer Handvoll junger Punks in einer schwäbischen Kleinstadt Ende der 1970er Jahre nachzeichnet. Es geht um Ärger mit Eltern und anderen Spießern, Prolls, Lehrern etc., um Erfahrungen mit Drogen und Alkohol , unglückliche Liebschaften und natürlich auch Chaos und Spaß. Das Drehbuch stammt von Emanuel Brüssau und Sandro Lang, Letzterer führte auch Regie. Nun, diese Namen sagen mir genauso wenig wie die der Jungdarsteller Aaron Frederik Defant, Julian Trostorf, Hasan Dere u.a., aber die machen ihre Sache wirklich allesamt ziemlich gut, in jedem Falle besser als so mancher Seifenoper-Darsteller im TV. Und da es nicht umsonst hieß „von UND MIT“ spielen die Bandmitglieder im Film doch tatsächlich die Elterngeneration und – Achtung, jetzt kommt’s – es funktioniert! Dank gekonnter Masken- und Make-Up-Arbeit wurden sie glaubwürdig auf alt und spießig getrimmt und Lars Besa, der von den Bandmitgliedern die größte Rolle als Vater (!) des Hauptdarstellers einnimmt, geht darin so richtig auf. Die Szenen, in denen die Dorfgemeinschaft in der Kneipe zusammensitzt und alkoholgeschwängerte Stammtischreden in breitestem, zum Glück untertiteltem Schwäbisch schwingt, sind überaus gelungen und gleichzeitig urkomisch, wenn man Besa als alternden Elvis-Presley-Fan, alleinerziehenden Vater und verbitterten Spießbürger erlebt. Doch damit nicht genug, irgendwie hat man es auch noch hinbekommen, Vorzeigeschwabe Gotthilf Fischer (FISCHERCHÖRE) für einen Kurzauftritt zu gewinnen!? Ich kipp vom Stuhl… Das geringe Budget sieht man dem Film immer dann an, wenn auf absichtlich dilettantische Animationssequenzen zurückgegriffen wurde, um Vorgänge in die Handlung einzuflechten, die z.B. einen anderen Drehort erfordert hätten. Gleichzeitig dienen diese Szenen aber auch als Zeitraffer, um den Film kompakt zu halten. Richtig kurios wird es allerdings, wenn die Punks Ende der ’70er ein NORMAHL-Konzert besuchen und Songs zu hören bekommen, die erst viele Jahre später geschrieben wurden, haha. Inwieweit „Jong’r“ authentisch ist, kann ich schlecht beurteilen, da ich die Zeit damals nicht miterlebt habe, aber Lebensgefühl und -umstände kommen gut rüber und die (diesmal freiwillige) Komik bleibt auch nicht auf der Strecke. Überhaupt tut es sehr gut, dass sich „Jong’r“ selbst nicht bierernst nimmt. Dass das Drehbuch nun sicherlich keinen Preis in Sachen Dramaturgie gewinnen wird und es kein typisches Ende mit einem richtigen Höhepunkt, einer Moral oder Ähnlichem gibt, kann ich dabei verschmerzen. Ich muss zugeben, dass ich das den NORMAHLos in dieser Form nicht mehr zugetraut hätte.
Außerdem enthalten ist eine 30-minütige Bandfeaturette mit Interviews mit den aktuellen Mitgliedern, die natürlich für eine umfassende Aufarbeitung der Bandhistorie viel zu kurz ist, einem aber die Musiker etwas näher bringt. Gespickt mit alten Fernsehaufnahmen und Videoclips wird u.a. auf die Kampagne „Kein Hass im wilden Süden“ eingegangen, die NORMAHL in den 1990er als Zeichen gegen Fremdenhass initiierten, nachdem in Deutschland reihenweise Wohnheime und Wohnungen von Immigranten brannten und Menschen durch feige Anschläge sinnlose Tode starben. NORMAHL haben damals die Öffentlichkeit gesucht und mit Mainstream-Künstlern zusammengearbeitet, was etwas seltsame Blüten trieb und im Nachhinein auch kritisch von der Band gesehen wird. Die Interviewszenen an sich wirken aber ziemlich unkritisch und etwas selbstverliebt und einige Aussagen kann ich so ganz sicher nicht unterschreiben. Lars Besa kommt aber sehr enthusiastisch und hochmotiviert rüber und scheint auch nach all den Jahren noch voller Elan dabei zu sein. Was die Frage nach der zwischenzeitlichen Bandauflösung betrifft, nimmt man es mit der Wahrheit nicht ganz so genau und erzählt augenzwinkernd eine abstruse Geschichte, die hoffentlich niemand glaubt.
Zusätzlich zur DVD wird eine CD mit dem Soundtrack mitgeliefert, der satte 19 von NORMAHL gespielte Songs umfasst inkl. nur zweier kurzer Instrumentalstücke und Coverversionen von ELVIS’ „Suspicious Minds“ (!) und „Holidays In The Sun“ von den SEX PISTOLS, die speziell für den Film angefertigt wurden und sich zu meiner erneuten Überraschung wirklich vernünftig anhören. Neben einer Live-Version von „Deutsche Waffen“ gibt es zwei brandneue Stücke und eine Art ganz kleinen „Best Of“-Querschnitt durch das Schaffen der Band, wobei alle Songs neu eingespielt wurden – darunter uralte Heuler wie „Rockabilly Jimmy“ oder „Verarschung total“ sowie eine LENNONS-Coverversion („Claudia“), und auch das kann sich wirklich hören lassen. Vermutlich stammen einige Neueinspielungen vom unbescheiden betitelten „Das ist Punk“-Album, das entzieht sich gerade meiner genaueren Kenntnis. Ein echter Lacher ist aber die bisher unveröffentlichte Neuaufnahme von „Durst“ im Bierzelt-Musikantenstadl-Sound. Die CD ist auch einzeln erhältlich.
Fazit: Gelungenes Jubiläumspaket, mit dem sich NORMAHL aus meiner Sicht tatsächlich einen Gefallen getan haben. 2. Günni

[N]TICKET – DER TAG AN DEM DER TOD STARB CD

(www.ruuf-records.de) / (www.myspace.com/nticket)

Ich werde einen Teufel tun und das Album von ein paar christlichen Alternative-Rock-Hippies aus Neuwied ernsthaft für dieses Online-Fanzine besprechen. Ich lasse einfach ein Textzitat für sich sprechen: „Er kennt dich, gab seinen Sohn für dich, er reicht dir seine Hand, mit der er dich erschaffen hat.“ Mich mit so einem Mist hier auch noch sachlich auseinanderzusetzen, wäre wie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, insofern verpisst euch doch bitte in eure „Jesus Freaks“-Sekten u.ä., aber erspart mir eure Glaubensbekenntnisse. Odin statt Jesus! Zehn Messen in 33 Minuten. 6. Günni

DIE KASSIERER – PHYSIK LP/CD

(www.kassierer.de) / (www.teenage-rebel.de)

Die mächtigen Kassierer aus Bochum haben kraft ihrer verbesserten Gehirne nach langen Jahren ein neues, sozialethisch nicht desorientierendes, künstlerisches Werk vollbracht, das sich diesmal 53 Minuten lang verstärkt naturwissenschaftlicher Themen annimmt. Nach dem physikalischen Intro geht’s gleich mit einer der berüchtigten KASSIERER-Coverversionen los, die mit „Nieder mit die Arbeit“, das eigentlich „Lied der Pennbrüder“ heißt, ein von Harry Steier in den 1920ern gesungenes Anti-Arbeitslied in Punkmontur packen und damit auf die historischen Wurzeln einer uns allen längst in Fleisch und Blut übergegangenen Lebenseinstellung verweisen. Dass Geschlechtsverkehr besser als Arbeit ist, wird in „Ich fick durch die ganze Wohnung“ deutlich, das Einblicke in Wölfis Zehn-Zimmer-Luxusappartement offenbart. Die KASSIERER-eigene Kombination aus Offbeat und Blasmusik bekommt man mit dem Ohrwurm „Ich war ein Spinner“ kredenzt. „Das Lied vom Kot“ kommt im Elektrogewand und handelt von der schlimmsten Substanz im Weltenall („Furchtbar ist nicht das Strontium und auch nicht das Plutonium“ (…) „Das ist der Kot, der Kot, das ist der Kot“), während „Radioaktiv!“ vom Alltag eines über die Radioaktivität sinnierenden Denkers berichtet. Mit „Schönes Universum“ und auch „Erfindungen“ hat man zwei der besten Sauflieder seit langem intoniert („Nobel erfand das Dynamit, Sputnik war ein Satellit, Röntgen entdeckte seinen Strahl, das ist mir aber scheißegal! Ich danke Gott, dass er den Alkohol erfunden hat…“) und mit „Verliebt in Whisky, Bier und Wein“ zudem eine großartige Mitgrölhymne parat, die hoffentlich auch live zum Besten gegebenen werden wird. Apropos Mitgrölhymnen: Derer gibt es im Vergleich zu vorausgegangenen KASSIERER-Alben insgesamt weniger, was den einen oder anderen Vollproll, der außer „Saufen!“ und „Ficken!“ ohnehin nie etwas verstanden hat, verschrecken könnte, mich aber verständlicherweise weniger stört. Eine weitere Coverversion ist das nihilistische „Mir ist alles piepe“, ein Chanson vom Österreicher Peter Igelhoff. Außerdem hat es den „Song von den brennenden Zeitfragen“ von den VIER NACHRICHTERN ebenso erwischt, wie man sich mit „Was für ein Ticker ist der Politiker?“ einmal mehr des Fundus an Georg-Kreisler-Liedern bediente, wobei Wölfis Gesang lediglich von einem Klavier begleitet wird. Gewohnt großartig. Und wenn wir schon dabei sind: Rolf Zuckowskis nervige „Weihnachtsbäckerei“ wurde für eine fiese Punknummer zum Mitschunkeln in „Wirtshauschlägerei“ umgedichtet. Davon, dass die Band während ihres Physikstudiums die Quantentheorie verstanden hat und zurecht von ihr schockiert ist, zeugt das textlich aufs Wesentliche reduzierte „Quantenphysik“. Ein weiterer Höhepunkt ist „No Future, das war gestern“, eine Art R’n’B/Hip-Hop-Stück, begleitet vom unvergleichlichen MAMBO KURT mit seiner Heimorgel! Sehr guter, kritischer Text, ungewöhnliche, aber nicht minder einfallsreiche Umsetzung. „Zitronenhai“, eine ziemlich sinn- und leider auch humorbefreite Abhandlung über die Unterwasserfauna wird vom einzigen deutschen Zitherorchester (!) begleitet, „Der Mann, der rückwärts spricht“ zu einer lieblichen Melodie von einer Frau gesungen, unterbrochen von Rückwärtssprechparts Wölfis und ein Stück wie „Im Sauerland kann man teleportieren“ ist so daneben, dass es schon wieder gut ist. Sicherlich sind einige Ergüsse wie „Drillinstructor-Song“, „Ich niese immer Scharlatan“ oder eben der „Zitronenhai“ verzichtbar, alles in allem hat die „Genitalherpes der deutschen Musikkultur“ (plattentests.de über DIE KASSIERER) aber einmal mehr ein zivilisationskritisches Zeugnis zwischen Dadaismus, Nihilismus und Hedonismus abgelegt und mir erneut bestätigt, dass sie mir von der Ruhrgebiets-Humor-Dreierachse aus KASSIERER, LOKALMATADORE und EISENPIMMEL die liebsten, weil mit ihrer Mischung aus Asitum, Nerd-Humor und Kapitalismus-/Kultur-Kritik unberechenbarsten sind. Das Cover zeigt die Band mit weißen Kitteln und physikalischem Gerät und das Booklet ist mit Fotos und allen Texten sehr durchblätternswert ausgefallen. Eine LP-Version soll es auch geben, inkl. Download-Gutschein. 21 Songs + gesprochene Grüße und Danksagungen, wobei letztere es in sich haben – und ich mich einmal mehr frage: Wie kommt man auf sowas? 2. Günni

CHEFDENKER – RÖMISCH VIER LP/CD

(www.chefdenker.de) / Trillerfisch Records

Die Kölner CHEFDENKER um ex-KNOCHENFABRIK-Frontmann Claus Lüer holen zum vierten Großangriff aus und entdecken wie gewohnt kleine Geschichten im allgegenwärtigen Wahnsinn des Alltags, die sie in sarkastische bis zynische Texte zu oftmals getragenen, kurzen Punkrockmelodien verpacken. Ob es nun um die Krux des öffentlichen Nahverkehrs („Taxi fahren!“), fragwürdige Fußballexperten („Günther Netzer“), Harndrang im Autobahnstau („Hitlers Autobahn“), die Kopfbedeckungen von MELT-Teilnehmern („Festivalbesucher“), BEACH-BOYS-Konzerte („Polonäse Hüftprothese“), das sog. Wirtschaftswunder („Der Optimismus der 50er Jahre“), zahnärztliche Betrachtungsweisen von Radio-Terror („Das Kartell“) geht oder darum, warum Hartz IV letztlich doch die bessere Alternative ist („Schlau in die Krise…“, „Agentur für Arschvoll“) – die Texte sind wieder einmal das, was die Platte ausmacht, die Musik dient nur zur Darreichung selbiger und gefällt mir immer am besten, wenn es etwas flotter zur Sache geht. Das Hitpotential kann ich nach meinen erst wenigen Durchgängen noch nicht abschließend beurteilen, aber was man an den CHEFDENKERN hat, weiß heutzutage ohnehin jeder und wird deshalb auch hier zugreifen – zurecht. Bei der Cover- und Booklet-Gestaltung treffen übrigens Reminiszenzen an die gute alte, heutzutage fast in Vergessenheit geratene Eingabeschnittstelle bei der Heimcomputernutung, der DOS-Prompt, auf modernste Technologie wie QR-Codes – mit CHEFDENKER in die Zukunft! Wenn das nichts ist? 19 Songs in 39 Minuten. 2. Günni

V.A. – DRUSHB ANTIFA – FIGHT LOCAL RESIST GLOBAL CD

(www.true-rebel-records.com)

Immer wieder hört man von ganz übler Scheiße, die in der ehemaligen Sowjetunion abgeht: Ausgerechnet im Staat, der seinerzeit bei der zum Glück erfolgreichen Bekämpfung Hitlers und seiner verbrecherischen Nazi-Schergen die meisten Opfer der Alliierten zu beklagen hatte, ermorden hirnverbrannte Neonazis Menschen, die nicht in ihr abartiges Weltbild passen und verbreiten ein Klima von Schrecken und Einschüchterung. Aus diesem Grunde veröffentlichte das engagierte Hamburger Label True Rebel Records diesen Solidaritäts-Sampler, der mit satten 22 Songs und über einer Stunde Spielzeit vollgepackt ist mit vornehmlich deutschen und russischen Bands aus dem Punk-, Oi!- und Hardcore-Bereich. An für uns vermutlich bekannteren Namen beteiligten sich u.a. WHAT WE FEEL, LOIKAEMIE, STAGE BOTTLES, EIGHT BALLS, SMALL TOWN RIOT, SS-KALIERT, JESUS SKINS und SMEGMA und setzen damit unmissverständliche Zeichen. Und auch musikalisch kann sich dieser Sampler hören lassen, er enthält einige astreine, kämpferische Hymnen, ein paar Obskuritäten und andere Musikrichtungen sorgen für Abwechslung und die eine oder andere russische Band lässt sich natürlich ebenfalls für sich entdecken. Mit diesem Sampler soll allerdings nicht nur auf die beschissene Situation in Russland hingewiesen, sondern auch Geld für die Freunde vor Ort erwirtschaftet werden, weshalb ich hiermit dazu aufrufe, die CD zu ordern. Sie befindet sich im Vertrieb von Broken Silence, kann aber auch direkt bei True Rebel Records per E-Mail an chef@true-rebel-records.com oder frankiertem Rückumschlag an True Rebel Store, Große Bergstraße 193, 22767 Hamburg für 10,- EUR bestellt werden. Das Booklet enthält einen Infotext zum Hintergrund des Samplers in drei Sprachen. Definitiv eine unterstützungswerte Aktion. 1. Günni

BILLY RÜCKWÄRTS – IM MÄRCHENWALD CD

(www.billyrueckwaerts.de)

Gnadenlos Crazy-United-inkompatibles Zeug, das mir hier auf einer vier Songs umfassenden Vorab-CD dieser seltsamen Studentencombo vorliegt. Irgendwie ganz seltsame, alternative, deutsche Folklieder oder sowas mit Mandoline, Akkordeon etc., das ich gar nicht näher typisieren kann. Ziemlich nichtssagend und harmlos. Dafür hat man aber gleich eine knapp eineinhalbseitige Bandbiografie beigelegt. Kann ich nichts mit anfangen und das wird vermutlich auch keiner unserer Leser. Keine Ahnung, wie sich das hierher verirrt hat. Vier Songs in 15 Minuten. Ohne Wertung. Günni

SMALL TOWN RIOT – SUICIDAL LIFESTYLE CD

(www.true-rebel-records.com) / (www.myspace.com/smalltownriothamburg)

Nach dem großartigen “Selftitled”-Album von vor zwei Jahren legen SMALL TOWN RIOT aus Hamburg und Umgebung ihren dritten, nach einem Zitat von ICE-T (!) betitelten Longplayer nach. Die Songs erscheinen nach dem ersten Hören etwas weniger abwechslungsreich, dafür poppiger als auf dem Vorgänger, sie gehen SOFORT ins Ohr und setzen sich dort fest. Selten eine so dermaßen eingängige und dabei trotzdem nicht glatt polierte Punkplatte gehört. Bei näherer Auseinandersetzung mit den lesenswerten, diesmal ausschließlich englischen Texten wird allerdings schnell deutlich, dass die teils fröhlichen Melodien der Untermalung von fatalistischen, verzweifelten, nachdenklichen Inhalten dienen, die der eigenen Orientierungslosigkeit, Unzufriedenheit und Widersprüchlichkeit selbstkritisch Ausdruck verleihen. Also quasi „gute Mine zum bösen Spiel“, wenn man so will. Mit „Bad Taste In Our Big Mouth“ hat es dann auch ein ziemlich hardcorelastiger Song auf die Platte geschafft, inkl. einem klasse Refrain. Ab diesem Punkt wird das Album wütender und angepisster bzw. auch musikalisch „ernster“ und härter. Ein ganz großes Plus der Band ist immer noch der Wechselgesang zwischen Gitarrist Norman und Drummer Timo, die sich nach wie vor ganz hervorragend ergänzen. Man beherrscht melodischen Gesang ebenso wie die Kelle Dreck und Aggression. Einer der größten Ohrwürmer dürfte „Cry Out“ sein, ein melancholisch angehauchter Song mit Hitgarantie. Beim ruhigen „Meaning Of Life“ kann Norman mal so richtig zeigen, was für ein überaus fähiger Sänger er ist, denn der steht hier im Vordergrund. „Falling Apart“ wiederum ist eine rasante Melodic-HC-Nummer geworden, die mich an den Sound von den SATANIC SURFERS oder VENERA erinnert. Bassist Rock’n’Rolf, der noch auf „Selftitled“ den Viersaiter bediente, wurde übrigens kurz nach Veröffentlichung jenes Albums durch Heiko Billy ersetzt, so dass die Band auch in dieser Besetzung längst ein eingespieltes Team ist. SMALL TOWN RIOT haben es mit „Suicidal Lifestyle“ erneut geschafft, ein Album mit verdammt hoher Hitdichte und ohne einen einzigen Ausfall zu veröffentlichen, so dass ich gar nicht anders kann, als die Höchstnote zu zücken. Zu bemängeln ist lediglich die kurze Spielzeit, zumal ich weiß, dass man noch einige Hits auf Vorrat hat, die darauf brennen, endlich veröffentlicht zu werden. Im schicken Booklet gibt’s alle Texte und viele Fotos und das Cover ist auch wieder ein echter Hingucker geworden. Schönes Ding, Jungs! 13 Songs in 39 Minuten. 1. Günni

DATENSTAU – GIFT-EP CD-R

(www.datenstau.net)

Die „Gift-EP“ dieser Band aus Mittelreidenbach (woher?) ist einfach eine CD-R mit den vier Songs, die kostenlos auf der Website der Band heruntergeladen werden können. Und das solltet ihr evtl. wirklich mal tun, denn die Songs im gut abgemischten und der Band gut zu Gesicht stehendem Lo-Fi-Soundgewand überzeugen mit rauerem, melodischen Punkrock in englischer Sprache und einigen ohrwurmverdächtigen Momenten. Das Tempo wird auch gern mal etwas angezogen, was ebenfalls gut rüberkommt. Und Gitarre spielen kann man definitiv, wie z.B. das Solo in „Won’t find a tear“ beweist. Bei „Tonight“ hingegen sticht der Gesang heraus, wenn er aggressiver wird. Wer Bands wie z.B. SMALL TOWN RIOT mag, wird bestimmt auch hieran Gefallen finden. Gebt der Band eine Chance! Vier Songs in 13 Minuten. 2. Günni

OIRE MUTTER – MUTTERTAG Demo-CD

(www.oiremutter.de)

Ehemalige Mitglieder von NON CONFORM, RAUSCHANGRIFF und FLUTWELLE gründeten zusammen mit einem gewissen Chris an Gesang und Gitarre diese deutschsprachige Oi!-Band, die nun eine Demo-CD fertiggestellt hat. Stampfende Midtempo-Songs mit Ufta-Drums und Klischeetexen. Aufhorchen lässt aber „Geschichten aus der Kurve“, der bereits auf einem Ultras-Soli-Sampler zu hören war, sich gegen Faschos und Bullen in der Fußball-Fankurve ausspricht und mit einem „Fußballfans sind keine Verbrecher“-Schlachtgesang endet. Gar nicht schlecht. Ansonsten ist das aber alles noch ziemlich unspektakulär, aber irgendwie sympathisch. Wer Lust verspürt, unaufgeregten Rumpel-Oi! mit einem gewissen textlichen Niveau anzutesten, bei dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, kann ja mal reinhören. Für eine Bewertung ist es gerade im Vergleich mit ausgereifteren Produktionen glaube ich noch etwas zu früh, gute Ansätze sind aber erkennbar. Sieben Songs + Intro in 19 Minuten. Günni

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