Günnis Reviews

Kategorie: Bücher (page 6 of 27)

Der Winterabend-Krimi – Knisternde Spannung für die langen Nächte

Meine Oma las für ihr Leben gern Krimis. Also schenkte ich ihr irgendwann als Kind, es müsste 1990 oder Anfang der 1990er gewesen sein, diesen rund 400-seitigen Taschenbuch-Schmöker aus dem damals renommierten Scherz-Verlag (der sich entgegen seinem Namen nicht etwa auf humoristische, sondern auf Kriminalliteratur spezialisiert und zahlreiche britische Krimis nach Deutschland gebracht hatte) aus dem Jahre 1990 zu Weihnachten. Das hatte sich aufgrund des Titels und der, wie ich finde, recht hübschen Aufmachung angeboten, zumal konnte ich ihn mir für die 9,80 DM, die der Verlag aufgerufen hatte, von meinem Taschengeld leisten. Etliche Jahre nach ihrem Tod kam das Buch – zusammen mit zahlreichen anderen – zu mir zurück. Ihm ist anzusehen, dass sie es gelesen hat, und im vergangenen Winter tat ich es ihr um die Weihnachtszeit herum gleich.

Fast wie ein Adventskalender bringt es diese Zusammenstellung auf 20 Geschichten verschiedener Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Länge, ausgewählt von Gisela Eichhorn:

Patricia Highsmith – Variationen über ein Thema
Spannend und unvorhersehbar geschriebene Dreiecksgeschichte um eine herrliche irre Femme fatale mit fieser Pointe.

Agatha Christie – Vierundzwanzig Schwarzdrosseln
Hercule Poirot erkennt als Einziger einen Mord im Tode eines Sonderlings. Typischer Christie-Stoff – und es geht viel ums Essen.

Roald Dahl – Lammkeule
Eine Frau erschlägt ihren Mann mit einer gefrorenen Lammkeule und verfüttert das Mordwerkzeug anschließend in zubereiteter Form an die Ermittler. Bezieht seine Spannung daraus, was ihr Motiv war – der Mann hat ihr irgendetwas eröffnet, aber man weiß nicht, was. Dies wird aber leider nicht aufgelöst.

Charlotte Armstrong – Kein gewöhnlicher Montag
Breitet recht langatmig anlässlich des Todes eines wehleidigen alten Muttchens ein kompliziertes Familiengeflecht aus, innerhalb dessen die Protagonistin sich auf der Spur einer Verschwörung wähnt.

Bill Pronzini – Das Netz
Auftragsgangster rennt seinem Geld hinterher und kommt dabei einem Mörder auf die Schliche. Gelungen.

Romain Gary – Ein Humanist
Bitterböse und zynisch, zugleich Ehrerbietung an die großen Klassiker der Literatur und Abgesang auf den Humanismus während des Zweiten Weltkriegs.

Ron Goulart – Der Sarg wartet schon
Hübsch makabre Geschichte auf „Geschichten aus der Gruft“-Niveau um fanatische Sammler von Horrorfilm-Devotionalien.

Margaret Millar – McGownyes Wunder
Weist einen etwas poetischeren Stil als die bisherigen Geschichten auf und weiß zu gefallen. Eine erneut makabre Geschichte über eine fehlende Leiche, eine dann doch nicht Tote und eine schräge Liebe mit mehrdeutig interpretierbarem Ende.

Peter Lovesey – Ein vermögender Mann
Lovesey schreibt böse moralisch/moritatisch über Ahnenforschung und Betrugsversuche – mit offenem Ausgang, den man sich aber denken kann.

Stephen Wasylyk – Immer Ärger mit Walter
Schwarzhumorige Moritat über den Mordversuch an einem nervigen Nassauer aus der eigenen Verwandtschaft.

Dorothy Salisbury Davis – Bis daß der Tod uns scheide…
…spielt im Schriftsteller-Business und hat in der deutschen Übersetzung leider ein schlechtes Korrektorat erfahren: Zeichensetzung, Grammatik, Tippfehler wie „Anwald“, „kittis“, „überlasseln“ – das ist umso ärgerlicher, als es in der Geschichte u.a. um überarbeitungswürdige Manuskripte geht. Diese dreht sich um eine toxische Ehe und einen Mord, von dem man zwischenzeitlich glauben gemacht wird, der Ehemann wolle ihn begehen, es dann aber doch anders kommt, und ist langatmig sowie kompliziert konstruiert. Generell finden sich in diesem Buch ein paar holprige Übersetzungen aus dem englischen Original (statt „entgegnete“ heißt es bspw. ständig „versetzte“) sowie der eine oder andere orthographische Fehler.

Edward D. Hoch – Vor die Hunde gegangen
Hoch gewährt Einblicke ins Hunderennen-Wettmilieu, sehr klassisch britisch.

Jack Ritchie – Herzlich willkommen im Kittchen
Zynische Story um einen korrupten Gefängnischef – grandios!

Jonathan Craig – Nenn mich Nick
Hier geht es schwarzhumorig nach dem Motto „Hell ain‘t a bad place to be“ zu, erhält nach einem Mord und einer Wendung aber leider doch noch eine ganz andere Tendenz.

Pauline C. Smith – Russisches Roulette
Ein aus Sicht des ermittelnden Polizisten geschilderter Fall eines ebenso bizarren wie perfiden Selbstmords, bei dem ein etwas einfältiger Arbeiter benutzt wurde, damit der Selbstmörder sich an ihm rächen kann.

Ursula Curtiss – Schneeball
Curtiss fügt die Vorgänge um ein Verlegerehepaar, das sich hasste, eine einsame Blockhütte im Schnee, einen vermuteten Mord, eine Katze und eine Leiche, die erst ganz am Schluss gefunden wird, zu einer unterhaltsamen Kriminalschnurre zusammen.

Joyce Harrington – Vogelperspektiven
Eigenartiger, aber spannend erzählter Psycho-Thriller um zwei Freundinnen und einen Künstler mit Vogelmanie, der Frage danach, wer in seinen Ausführungen Recht hat, und einer leider schwachen, mysteriösen Pointe, die sich mir nicht ganz erschlossenen hat.

Robert L. Fish – Mondscheingärtner
Kleinstädtisch und schwarzhumorig schreibt Fish von einer verschwundenen Ehefrau und wartet mit einer überraschenden Pointe auf, die sich aus der Lektüre aber kaum erklären oder ableiten lässt… oder?

Lawrence Block – Paß in Ordnung
Ein Pärchen versucht den perfekten Mord. Was sich zunächst wie eine Bonnie-und-Clyde-Romanze liest, entpuppt sich nach einer Wendung als zynisches, abgekartetes Spiel.

Gerald Tomlinson – Reingelegt
Launiges Schelmenstück über einen frustrierten Schreiber, der die Öffentlichkeitsarbeit an einem College mit rekordverdächtig schlechter Football-Mannschaft betreibt und kurzerhand ein anderes, wesentlich erfolgreicheres Provinzteam eines fiktiven Provinzcolleges erfindet.

Hat alles in allem Spaß gemacht, denn auf eine schwächere Geschichte folgt meist wieder eine stärkere, die die vorausgegangene vergessen lässt, und der Leseeifer wird mit der einen oder anderen Perle belohnt. Zudem bietet diese Sammlung einen netten Überblick über das Genre im Kurzformat.

Mad-Taschenbuch Nr. 21: Ivica Astalos – Das Mad-Buch der Technik

Astalos‘ zweites Mad-Taschenbuch hatte ich bereits gesprochen, nun endlich kann ich sein Taschenbuch-Debüt nachreichen: „Das Mad-Buch der Technik“ aus dem Jahre 1979 umfasst wie üblich rund 160 unkolorierte Seiten, die in ein Vorwort und elf Kapitel aufgeteilt sind. Jenes Vorwort, in dem Herbert Feuerstein seinen Cartoonisten augenzwinkernd, aber furztrocken beleidigt, ist bereits der erste große Lacher, bevor Astalos diverse Technik bzw. den Glauben an sie aufs Korn nimmt. Alltagsprobleme werden vermeintlichen technischen Lösungen gegenübergestellt, ob nun situationsübergreifend oder spezialisiert auf das morgendliche Aufstehen, den Straßenverkehr, öffentliche Verkehrsmittel oder Comichelden (!). Technische Mängel und ihre (vermeintliche) Abhilfe verballhornt Astalos ebenso satirisch wie die Technik-Historie, die Astalos‘ Texte und Zeichnungen mit absurden „technischen“ Skizzen zu geschichtlichen Ereignissen verbindet.

Die „neuen Methoden zur Abwehr von Autodieben“ haben sich seltsamerweise nicht durchgesetzt, während die „Vorschläge zur Verbesserung des Telefonsystems“ nostalgisch in Festnetz-Zeiten und die mit ihnen verbundenen Probleme zurückblicken lassen – und sich das eine oder andere Problem mittlerweile tatsächlich technisch gelöst hat! Die „klugen Antworten auf dumme Sprüche“ adaptierte Astalos bereits hier von seinem US-Kollegen Al Jaffee, inklusive Mehrfachauswahl und Platz zum Notieren einer jeweils eigenen Antwort. Dass die Technik zum Fluch werden kann, zeigt eindrucksvoll das letzte Kapitel auf, das mit einer ähnlichen Selbstironie wie jener, die das Buch eröffnete, schließt.

Durch die in Teilbereichen relativ detaillierten Zeichnungen und die vielen spaßigen, aber nie zu ausufernden oder das Cartoon- und Karikatur-Konzept ad absurdum führenden Texte liest, guckt und schmunzelt man länger an diesem Mad-Taschenbuch als an manch anderem aus der Reihe. Dass Astalos der Spagat zwischen Albern- und Verspieltheit, findigen Alltagsbeobachtungen und durchaus hintergründigem Humor gut gelingt, macht ihm zu einer meiner favorisierten Mad-Autoren und -Zeichner.

Cinema-Sonderband Nr. 10: Sex im Kino ’85 – Höhepunkte des erotischen Films

Der Cinema-Verlag machte mit seinen fragwürdigen „Sex im Kino“-Jahrbüchern noch eine ganze Weile weiter. Nach den Bänden über die Jahre 1983 und 1984 nun also das Jahr 1985. Viel geändert hat sich auf den ersten Blick nicht: 132-seitiger Softcover-Band, Inhaltsverzeichnis und Vorstellungen derjenigen Filme mit nach Einschätzung der Redaktion mindestens höherem Erotikanteil, die 1985 in die Kinos kommen sollten – bzw. vielleicht hätten kommen können. Die titelgebenden „Höhepunkte“ sind es mit Sicherheit nicht, vielmehr mutet das Buch erneut wie ein Gesamtüberblick an. Immerhin scheint man diesmal glücklicherweise auf die Vermengung pornographischer Filme mit Erotik-/Softsex-Filmen verzichtet zu haben und lässt den Hardcore-Bereich außen vor. Die Vorstellungen von Filmen wie „Baby Cat“, „Geschichte der O., 2. Teil“, „Gegen jede Chance“, „Eine Liebe von Swann“, „Loft“, „Ekstase“ oder auch „Splash – Jungfrau am Haken“ sind wie gewohnt jeweils ein bis sechs Seiten lang ausgefallen, wobei der Großteil aus Fotos von Filmszenen besteht. Diese heben meist den Erotikanteil der quer durch die Genres ausgewählten Filme hervor und sind somit nicht immer unbedingt repräsentativ, aber zumindest häufig hübsch anzusehen.

Bei den Texten handelt es sich überwiegend um reine Promotion, manchmal wird auch die Handlung weitestgehend oder gar komplett gespoilert, hin und wieder findet sich auch eine Filmkritik dazwischen. Ein durchgehendes textliches Konzept lässt sich nicht ausmachen. Teilweise schienen die deutschen Verleihtitel noch nicht festzustehen, sodass sie falsch wiedergegeben oder die Originaltitel genannt werden. Aus Jess Francos Katja-Bienert-Heuler „Diamonds of Kilimandjaro“ wird hier beispielsweise „Liane – frei geboren“. Manche Filme, wie z.B. „Questo e quello“ von Sergio Corbucci mit Désirée Nosbusch, haben es hingegen leider nie nach Deutschland geschafft. Bei „Flamingo Kid“ wusste man nicht, wer der Regisseur ist (Garry Marshall wär’s gewesen), bei „Fear City“ ist von „sexueller Notdurft“ die Rede, was ekliger klingt, als es gemeint gewesen sein dürfte, und in „Le voyage“ „schiffen sich Thomas und Véronique auf einer Autofähre ein“. Ich mag solche Stilblüten. Die „Geschichte der O“-Erstverfilmung datiert man auf Mitte der Sechziger (1975 wäre korrekt) und aus Rob Reiner wird Bob Reiner. Beim Satz „Nichts wünscht er sich sehnlicher, als seine Jugendfreundin Maria heiraten zu Luftwaffen-Colonel beispielsweise, der können, die gerade stolze 15 Jahre alt war, als er ins Feld ziehen mußte“ frage ich mich dann aber doch, wie heiß genau die Nadel eigentlich war, mit der dieser Sex-sells-Cash-in zusammengestrickt wurde.

Mit „La France interdite“ findet sich interessanterweise eine Art obskurer französischer Mondofilm mit Brigitte Lahaie im Buch. Ansonsten irritiert aber die unter dem Buchtitel zusammengefasste Filmauswahl, die bis hin zu harmlosen Fantasy- und Familienkomödien reicht. Somit wiederhole ich mein Fazit bereits zum zweiten Mal mit angepasster Jahreszahl: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1985 hingegen vollkommen ungeeignet.

Mad-Taschenbuch Nr. 4: Don Martin dreht durch

Es musste ja so kommen: Nachdem „Mad“-Stamm- und Kultzeichner Don Martin bereits die Taschenbuchreihe hatte eröffnen dürfen, schnappte er über, als man ihm sagte, dass auch die Nummer 4 wieder ihm ganz allein gewidmet sein würde. Im US-amerikanischen Original erschien diese im Jahre 1974, ein Jahr später stand die deutsche Fassung in den Regalen der Hochliteratur. 160 unnummerierte Schwarzweiß-Seiten strapazieren das Zwerchfell, für die Dick de Bartolo Don Martin bei den Texten unterstützte.

Die versammelten Cartoons und Geschichten erstrecken sich über drei bis etliche Seiten, wobei mit dem Platz großzügig umgegangen wird, weisen sie doch in der Regel lediglich ein Panel auf. Eines der Herzstücke des Buchs ist das eigentliche Taschenbuch-Debüt Käpt’n Hirnis, der hier seltsamerweise noch „Privatdetektiv Feinbein“ heißt und es mit dem „Unhold mit den 1000 Gesichtern“ zu tun bekommt. Schön, wie dort die Schwarzweiß-Gestaltung für einen Telefon-Gag aufgegriffen wird. Ebenfalls recht viel Platz nimmt die Zoologie-Persiflage „Die Küchenschabe als solche“ ein. Wie später im Taschenbuch Nr. 38 findet sich auch hier eine „Die Fliege“-Verballhornung und „King Kong“ bzw. das Hollywood’sche Film-Biz werden ebenfalls kräftig aufs Korn genommen.

Die Macken des Taschenbuch-Debüts wurden ausgemerzt, übrig blieb pures Don-Martin-Destillat, gewonnen aus schrägem Anarcho-Slapstick-Humor, herrlich karikierendem Strich und kreativem Gebrauch von Soundwords. Schön, dass ich diese Lücke endlich habe schließen können.

Frank Schäfer – Zensierte Bücher

Zu meinen favorisierten zeitgenössischen deutschen Autoren sowohl im Sachbuchbereich als auch in der Belletristik zählt der Braunschweiger Literatur- und Musikexperte Frank Schäfer, ohne dessen im Jahre 2007 im Erftstädter Area-Verlag erschienener, rund 400-seitiger Abhandlung über von der Zensur betroffene Bücher ich nicht mehr auszukommen beschloss und sie mir neben Bud Spencer, Eis am Stiel und diversen Comics als Urlaubslektüre einpackte.

Der hübsch gebundene Schmöker widmet sich 32 verschiedenen Werken quer durch die Literaturgeschichte, enthält eine Handvoll Interviews und wird von einem ausführlichen, sich über zehn Seiten erstreckenden Vorwort Schäfers eingeleitet. Bis auf eine Ausnahme hat er bereits in „Kultbücher – Was man wirklich kennen sollte“ rezensierte Bücher ausgespart und äußert sich zu Herangehensweise und Selbstverständnis wie folgt:

„(…) außerdem keine Aufnahme findet der neonazistische, rassistische, antisemitische Dreck der rechten Subkultur. Wer sich auf so ein Niveau begeben will, möge dies tun – ich nicht.
Die Forschung zum Thema ist umfangreich, wenn nicht inflationär. Warum also die vielen Regalmeter Sekundärliteratur noch um drei Zentimeter verlängern? Nun, zum einen, weil die bisherigen (oft auch nicht mehr lieferbaren) Arbeiten schlicht veraltet sind, folglich auf die neueren Zensurfälle gar nicht mehr eingehen konnten.
Zum anderen weil eigentlich allen die Literatur selbst aus dem Blick gerät. Man zeichnet detailliert die Publikations- und Rezeptionsgeschichte nach, aber an einer literaturkritischen Auseinandersetzung ist eigentlich so recht keiner interessiert.“ (S. 19)

Das älteste Buch dieses Reigens stammt aus dem Jahre 1749 („Die Abenteuer der Fanny Hill“), die beiden jüngsten aus 2003 („Esra“ und „Meere“); dazwischen finden sich Titel wie „Die Abenteuer von Huckleberry Finn“, „Lady Chatterley“, „Mephisto“, „Unsere Siemens-Welt“, „Harte Mädchen weinen nicht“ und „American Psycho“, also ganz unterschiedlicher Popularität und Qualität. Schäfer arbeitet religiös verbrämte oder von fragwürdigem und mangelndem Kunstverständnis bis hin zu von der Kontinuität der Nazi-Ideologie geprägte Urteile auf und erwähnt mehrere Grundsatzurteile, die im Laufe der Jahrzehnte gesprochen wurden. Die verhandelten Bücher fasst er auf den Punkt gebracht zusammen, beschreibt und analysiert nie zu lang oder ausschweifend, aber bei entsprechend bescheinigter Qualität Lust auf die jeweilige Primärqualität machend, von denen er Eindrücke durch ausführliche Zitate vermittelt. In eigenen Beurteilungen und Kritiken schreibt er differenziert, sprachlich herausragend und eine große Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben erkennen lassend – wenn auch immer mal wieder in etwas zu gewollt bildungsbürgerlichem Duktus. Und natürlich lässt er es sich auch nicht nehmen, die jeweiligen Urteilsbegründungen süffisant zu kommentieren. Ein großes Plus des Buchs ist es, dass Schäfer Werke und Urteile zeithistorisch einordnet und auch über Zensurversuche berichtet, die mal den Werken vielleicht sogar nützten, häufig aber den Verlagen immensen Schaden zufügten.

Zumindest Teile Schäfers Texts über Timothy Learys „Politik der Ekstase“ kannte ich bereits aus seinem Woodstock-Buch, sein Interview mit Günter Amendt zum Thema LSD im direkten Anschluss hingegen noch nicht. Nicht nur juristisch besonders interessant wird es im Falle „Josefine Mutzenbacher“, wenn sich die Zensoren der Bundesprüfstelle (BPS), der Schäfer „aggressive Ahnungslosigkeit“ attestiert, sogar über das BVerfGE hinwegsetzen, Verlage in dieser Pattsituation aber trotzdem fröhlich veröffentlichen. Der Witz, mit dem Schäfer über Mutzenbacher schreibt, scheint jenem Werk angemessen. Geradezu schildbürgerlich: Von Henry Millers „Opus Pistorum“ wird eine Neuauflage beschlagnahmt, die Originalausgabe aber bleibt unbehelligt. Unfassbar auch die Begründungen auf S. 321, die tief blicken lassen – spricht aus ihnen doch noch der restauratorische Prä-‘68er-Staat zum einen, der paranoide Cancel-Culture-Staat der Zeit der Terror- und Kommunistenparanoia zum anderen. Da schimpft Schäfer dann auch mal wie ein Rohrspatz – zurecht! Einmal verschlägt es dem eigentlich so eloquenten Autor angesichts hanebüchener Urteilsbegründungen auch glatt die Sprache: Man müsse nicht jeden Blödsinn kommentieren. Das Fazit jedenfalls: Die Bundesprüfstelle agiert verfassungsfeindlich.

Die Zensurversuche gegen Comiczeichner Ralf König und andere Comics in den 1990ern hatte ich damals selbst mitbekommen, auch das erfreuliche Kontra der Populär- und Subkultur. Ein skandalöser Fall von Homophobie im Namen des Jugendschutzes durch bayrische Behörden, das Urteil der BPS fiel glücklicherweise zugunsten Königs aus. Kein Fan ist Schäfer von „American Psycho“, um dessen Indizierung die BPS kurioserweise jahrelang und letztlich vergeblich rang, nachdem bereits 70.000 Exemplare abgesetzt worden waren und das Ding anscheinend unabhängig seines jeweiligen rechtlichen Status ein Bestseller über Jahre hinweg geworden war. Bezeichnend ist es, wie sich die BPS regelmäßig über Expertengutachten hinwegsetzt. Häufig geht es um die vermeintliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten und das Abwägen gegen die Kunstfreiheit, so auch im Falle der Autorin Birgit Kempker, die Schäfer ebenfalls interviewte. Zugleich geht es dabei aber auch um den Streisand-Effekt, der sich häufig als Bumerang für die Klagenden erweist.

Interessanterweise findet mit „Esra“ auch ein Fall Berücksichtigung, bei dem eigentlich, so sollte man meinen, das Persönlichkeitsrecht hätte greifen müssen. Schäfer erläutert, warum dem, ungeachtet des seines Erachtens miserablen profilneurotischen Schlüsselromans, nicht so ist bzw. hätte sein sollen. Zudem führte er zu dieser Causa ein Interview mit dem KiWi-Geschäftsführer Helge Malchow. Der letzte Fall, Alban Nikolai Herbsts „Meere“, war bei Drucklegung noch nicht abgeschlossen. Wie er ausging, lässt sich bei Wikipedia & Co. nachlesen.

Viele Prozess- und Urteilsbegründungen offenbaren ein elitäres und dennoch höchstens halbgebildetes Kunstverständnis, das vielleicht die Folge totalitärer deutscher Vergangenheit und ihrer Zensurgeschichte, aber auch einer hochnäsigen Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur ist. Schäfers Buch bietet einen erkenntnisreichen wie unterhaltsamen (also „E“ und „U“ vereinenden) Überblick über deutsche Zensurbemühungen im Literaturbereich und ist ganz sicher nicht nur für, Zitat: „Freunde juristischer Rabulistik“. Lediglich bei seinen Ausführungen zum Fall „Siegfried“ kam ich nicht ganz mit, wenn auf S. 231 von einem Prozess gegen die beiden „Spiegel“-Redakteure die Rede ist. Diese waren es doch (u.a.), die gegen Jörg Schröder geklagt hatten…? Vielleicht hat sich in diesem (mir ansonsten sauber lektoriert erscheinenden) Buch dort lediglich ein falsches Wort eingeschlichen.

Frank, wann kommt eigentlich „Zensierte Musik“?

Bud Spencer – Was ich euch noch sagen wollte…

Der alte Mann und das Netz

Mit der Veröffentlichung der ins Deutsche übersetzten Biographie des Schauspielers Bud Spencers im Jahre 2011, in deren Zuge Spencer auch durch Deutschland tourte, hatte der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf offenbar einen großen Coup gelandet. Böse Zungen behaupten, dass anschließend die Kuh gemolken werden sollte, solange sie noch Geld gibt, sprich: dass die darauf gefolgten drei (!) autobiographischen Bücher vom Verlag lanciert wurden, um aus dem Phänomen des damals schon kränkelnden und 2016 dann ja auch leider verstorbenen Bud Spencer möglichst viel Kapital zu schlagen. Für diese These sprechen die teuren Sondereditionen (Spencer soll sogar 10.000 (!) Exemplare handsigniert haben) und die etlichen Veranstaltungen, die zusammen mit Spencer durchgeführt wurden – zu einem Zeitpunkt, zu dem man dem Mann in erster Linie Ruhe und Zeit mit seiner Familie gegönnt hätte. Ich weiß es natürlich nicht und habe – Schockschwerenot! – seine ersten drei Bücher (von denen zumindest das erste, „Mein Leben, meine Filme“ vorbehaltlos zu empfehlen sein soll) noch nicht einmal gelesen. Beim dritten handelte es sich übrigens um eine philosophische Abhandlung übers Essen.

Gelesen habe ich aber das vierte Buch: „Was ich euch noch sagen wollte…“ Den rund 370-seitigen, 20 Kapitel plus Pro- und Epilog umfassenden gebundenen Wälzer im Schutzumschlag, der im April 2016 (also kurz vor Spencers Tod) bei den Schwarzköpfen erschien, bekam ich einst zum Geburtstag geschenkt und legte mich im Sommer vergangenen Jahres in eine mallorquinische Bucht damit.

Wie zuvor verfasste Spencer das Buch zusammen mit Lorenzo de Luca, die Übersetzung besorgte Johannes Hampel. Spencer nimmt seine neue Facebook-Präsenz „Facebud“ zum Anlass, seine Gefühle bei der Kommunikation mit Fans zu beschreiben, zu erkunden zu versuchen, woher seine anhaltende Popularität rührt, aber auch immer wieder aus seinem Leben zu berichten, Respektsbekundungen und Ehrerbietungen an Kollegen und Regisseure dazulassen und auch einzelne Filme – eigene wie fremde – hervorzuheben sowie seine Arbeitsphilosophie zu erklären. Als Aufhänger dient ihm dabei jeweils eine Antwort auf einen Facebook-Kommentar. Er hält ein Plädoyer gegen Rassismus, liefert Anekdoten und Überlegungen zum Thema Sport (Spencer war einst Leistungsschwimmer) und zur Abschottung junger Menschen durch Flucht in virtuelle Welten. Er bricht eine Lanze für seine Heimat Neapel und gibt sich bodenständig, bescheiden und verständnisvoll, u.a. wenn er beschreibt, wie er damit umzugehen versucht, dass Fans ihn zu einem Mythos stilisieren.

Von der europäischen Idee zeigt er sich begeistert, wirkt aber politisch naiv, wenn er glaubt, China werde sich schon in Richtung Demokratie entwickeln, und verfängt sich ein wenig in der „Seid froh, wie gut es hier habt“-Politphrase, denn: „Das ist die Drohung mit dem Faschismus. sie ist immer da.“ (Ronald M. Schernikau) Spencer schreibt weiter: „Wir schwitzen und rudern herum, aber schließlich haben wir Italiener doch zwei Weltkriege überstanden, haben den Terrorismus, die Inflation und eine endlose Folge von Regierungen und Skandalen überlebt. Wir werden es auch diesmal schaffen.“ (S. 83) Nun ja, dieses Aushalten, Durchstehen und Überleben darf nicht unser europäischer Anspruch sein – gerade nicht nach Faschismus und zwei Weltkriegen. Gegen Kriege spricht er sich dann auch deutlich aus, gegen korrupte Politik und gegen unmenschliche Subjekte ebenso – seine Ansprüche scheinen also doch nicht ganz so niedrig zu sein – und spannt den Bogen zur Kraft der Solidarität und seiner Hoffnung für die Menschheit, ja, bezieht sogar Position für die Solidarität mit übers Mittelmeer kommenden Flüchtlingen und nennt als Ursache unter anderem die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch die sog. Erste Welt. Er ist sich der Abstraktion seiner Filme, ihrer Vermittlung schlichter Weltbilder, bewusst, und kritisiert Banken, Rüstungsindustrie und Kapitalismus. Das sechste Kapitel heißt dann gar „Krieg dem Krieg!“. Leider verfiel er der NATO-Propaganda, im jugoslawischen Krieg habe es KZs gegeben, philosophiert im Anschluss aber klug über Krieg und Frieden und erwähnt eine Reihe Antikriegsfilme lobend.

Er teilt mit seinen Leserinnen und Lesern seine Erinnerungen an seine Zeit als Straßenbauer in Südamerika. Dann lässt er seine 55-jährige glückliche Ehe Revue passieren – ganz wunderbar, ohne sentimental zu werden. Als ehemaliger Raucher spricht er sich gegen das Rauchen aus, bezieht Stellung gegen Drogen und Alkohol und reflektiert auch kurz seine Adipositas. Er stellt echte Freundschaften, auch die zu Terence Hill, dem Geltungsdrang anderer Prominenter im Netz gegenüber. Das ist in Ordnung, eigentlich aber auch klar und sicherlich dem Missverständnis geschuldet, dass Facebook Vernetzungen mit anderen Personen Freundschaften nennt. Anschließend plaudert er ein wenig über Schauspielkollegen, allen voran über Giuliano Gemma weiß er nur Gutes zu berichten. Hiernach geht es um die Regisseure, mit denen er drehte. Ausgehend von einem Facebook-Kommentar geht er noch einmal tiefer auf seine Freundschaft zu Hill ein und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den von ihnen verkörperten Filmfiguren heraus – und zwar während der Konversation mit einem einsamen, introvertierten jungen bei Facebook, der sich ihm öffnet und die Freundschaft zwischen Hill und ihm idealisiert. Spencer scheint sich seiner Verantwortung sehr bewusst. Anhand dieses Kontakts lernt er auch Schattenseiten sozialer Netzwerke kennen. Zum Web 2.0 resümiert er: „(…) ich halte es für ein Eigentor, wenn man sich als älterer Mann in den sozialen Netzwerken so exponiert, denn letztlich wird man ja dann irgendwelche sinnlosen Wortgefechte mit kleinen Jungs austragen, und in gewisser Weise entwürdigt man sich dadurch auch selbst. Der Meinungsaustausch mit den jüngeren Generationen ist sicher sinnvoll; das aber via Web zu machen kitzelt manchmal die hässlichste Seite in den Menschen hervor. (…) Die Kommentarmöglichkeiten im Web kommen mir wie eine Art Prüfstein für den IQ von Menschen vor, die im normalen Leben durchaus angenehme Zeitgenossen sein mögen.“ (S. 153f)

Es folgt ein Kapitel über seine Begeisterung für Motorentechnik, das aber schnell zum Thema Cybermobbing und die Verantwortung der Eltern übergeht. Ein weiterer Exkurs in seine Zeit in Venezuela geht erneut vom Gedankenspiel aus, dass es bereits in den 1950ern PC und Mobilfunk gegeben hätte. Sprunghaft geht es auch im darauffolgenden Kapitel zu: Von seiner Liebe zur Musik über die Frage nach seinem Glauben zu Kritik an US-Actionfilmen und Überlegungen zu Waffenbesitz hin zur Flüchtlingswelle in nur wenigen Zeilen – puh, da kann einem schon mal schwindelig werden. Gedanken zu Politik und zum modernen Fernsehen, Ehrerbietungen an weitere Filmklassiker – dieses Kapitel ringt um seinen Fokus, findet ihn aber schließlich in der Glaubensfrage: Natürlich ist er kein religiöser Fanatiker, dennoch wird’s hier etwas anstrengend, denn an seinen Überlegungen zur Existenz eines Gottes lässt er einen sehr detailliert teilhaben. Darüber landet er jedoch bei Bibelverfilmungen, inklusive einer schönen Anekdote vom „Barabbas“-Set, an dem er mitwirkte. Ein Kapitel weiter geht es ihm um seinen Glauben an ein Leben nach dem Tod, um seine Serienfolge „Extralarge gegen Tod und Teufel“ sowie um neapolitanische Bräuche und Legenden. Vom Teufel persönlich kommt er zum Geld und seinen Umgang damit. Das Kapitel endet köstlich!

Im Netz sieht sich Bud Spencer auch mit Falschmeldungen und Verschwörungstheorien wie von seinem Tod oder der Fälschung der ersten Mondlandung konfrontiert, woraufhin er Überlegungen zu Raumfahrt und Wissenschaft allgemein anstellt. Sein nächster Exkurs in die Vergangenheit führt zu seiner ersten Zusammenarbeit mit Terence Hill – und wie es zur ihr kam. Mit am schönsten ist es, wenn er Beiläufiges aus seinem Privatleben erwähnt, das ihn nahbar macht, zu Facebook und was sich auf seiner dortigen Seite so tut übergeht und dann anhand eines einzelnen Kommentars ein bestimmtes Thema herauspickt und vertieft – so wie in Kapitel 16, als er mit einem Ausreißer chattet. In diesem Zusammenhang spricht er sich gegen Homophobie und für die gleichgeschlechtliche Ehe aus, bittet aber auch darum, die Berichterstattung angemessen zu gewichten und keine Hysterie oder Kontraproduktivität durch Omnipräsenz zu erzeugen. Als er dem Ausreißer rät er müsse seinem Vater auch Zeit lassen, sich an eine Realität, die er nicht kannte, zu gewöhnen (S. 250), mutet dies beinahe exemplarisch für eine mögliche Progression der Gesellschaft auch in ganz anderen Fragen an.

Bud Spencer ist gegen Gewalt, kokettiert aber immer mal wieder mit der cartoonesken Variante eben dieser und seinen Filmen. Er erzählt ehrlich und zugleich herzlich von seinem Vater und beantwortet die 21 ihm am häufigsten gestellten Fragen, darunter jene, wie oft er im Leben jemanden wirklich verdroschen habe. In seiner Antwort fehlt seltsamerweise der Vorfall, den er im nächsten Kapitel erwähnt und schon oft erzählt habe. Ein Spaziergang im Park fördert Erinnerungen und nachdenkliche Gedanken zutage – und endet einmal mehr mit einer köstlichen Pointe. Ein hypothetischer Chat mit seiner Rolle Banana Joe führt ihn zum Thema Bürokratie und dazu, wie gut der Film gealtert sei. Er erwähnt recht häufig alte Meister, besonders gern Philosophen, scheint in dieser Hinsicht wirklich belesen. Dies war offenbar auch Teil seines dritten Buchs „Ich esse, also bin ich“. Das Paradoxon von Achilles‘ Wettlauf mit der Schildkröte wendet er auf seine früheren Sorgen an, in finanzieller Hinsicht ein guter Familienvater zu sein.

Auf Seite 318 liefert er eine Definition seiner Paraderollen des rauen, aber gutmütigen Riesen: „(…) dass jener Außenseiter, sowohl als Solist als auch im Duo, eine Gestalt ist, die gestern wie heute auf unblutige Art die einfachen Menschen vor den Bedrängnissen rettet, denen sie Tag um Tag ausgesetzt sind, ohne sich zur Wehr setzen zu können.“ Von hier aus gelangt er zu Politikern und Politik und schließlich zur Reflektion eben jener Paraderolle. In seiner Bescheidenheit hadert er damit, sich als Schauspieler zu bezeichnen. Im Epilog zieht er ein Stück weit Bilanz eines erfüllten Lebens. Enttäuschend jedoch: Letztlich gibt er zu, dass die Facebook-Kommentare und -Chats frei erfunden waren.

„Was ich euch noch sagen wollte…“ ist gespickt mit dem feinen, selbstironischem Humor eines überwiegend altersweisen, besonnenen Senioren, der gern blumige Sprache verwendet und in Metaphern und Bildnissen schreibt. Große Teile des Buchs sind kreativ und originell verfasst, zudem gut übersetzt. Bud Spencer wirkt am Ende seines Lebens sehr dankbar, gelassen und optimistisch. Sein Buch steckt voller positiver Energie. Unbedingt erwähnenswert sind auch die beiden eingearbeiteten Fotostrecken, die ihn bei einer Stippvisite in Berlin zeigen und Porträtaufnahmen eines schelmischen Bud Spencer enthalten.

Filmfans erfahren sicherlich aus anderen Büchern mehr über Spencers Arbeiten, zudem fehlen mir die Vergleiche mit den von mir ungelesenen vorausgegangenen drei Büchern. Insofern kann ich nicht beurteilen, was zum Beispiel eventuell doppelt und damit redundant wäre. Und noch weniger kann ich wissen, wie groß Spencers Anteil an diesem Buch tatsächlich war und wie viel davon der kreativen Schreibe Lorenzo de Lucas entspringt. Ich fühlte mich aber dann doch überraschend gut unterhalten, fand Inspiration und wurde zum Nachdenken animiert – und erhielt interessante Einblicke in das Leben, Wirken und Denken dieses Schauspielers, der mich seit Kindheitstagen begleitet. Wenn es sich also um aus in erster Linie monetären Gründen nachgeschobenes „Bonusmaterial“ handelt, liest es sich dafür ziemlich gut – wenngleich man auf den „Facebud“-Aufhänger gern hätte verzichten dürfen, suggeriert er doch eine unmittelbare Fan-Nähe, die sich am Ende als Trugschluss erweist.

Guido Sieber – Würgsamkeiten

Das zweite Comicalbum des Berliner Illustrators, Zeichners und Malers Guido Sieber erschien im Jahre 1992 ebenfalls innerhalb der Thurner „Edition Kunst der Comics“ als großformatiger, rund 60-seitiger Hardcover-Band.

Seinem in „Aus lauter Liebe“ etablierten Zeichenstil blieb Sieber grundsätzlich treu, wie bereits die Titelseite offenbart: Ein unförmiger, nackter männlicher Körper mit zombiehafter Visage, durch den allerdings Ausschnitte aus Exemplaren der „Bild-Zeitung“ durchscheinen. Auf schwarzem, mattem Papier folgt ein Zitat E.G. Seeligers, ein Abgesang auf das Medium Zeitung. Im Anschluss versichert Sieber, dass er für „Würgsamkeiten“ ausschließlich Original-Zeitungsschlagzeilen und -Texte verwendet habe, die er weder „zweckentfremdet oder verfälscht, sondern einfach nur untermalt“ habe. Es geht also um eine kritische Reflektion speziell des Sensations- und Boulevard-Journalismus, aber auch um Kritik an generellem Medienkonsum, für die Sieber aufwändige Comiczeichnungs-Zeitungstext-Collagen in seine von alltäglicher Tristesse geprägten Geschichten und Karikaturen einarbeitete.

Das ist nicht immer leicht zu ertragender starker Tobak, der sich in den Abgründen der Gesellschaft suhlt. Daran ändert sich auch nicht viel, wenn er das Mediensujet wie für die Kurzgeschichte „Der kleine Jäger“ verlässt. Von Medien postulierte Klischees greift er zeichnerisch auf und übersteigert sie ins Absurde und Hässliche, Zeitungsmelden illustriert er auf seine ganz eigene Weise; Ausscheidungen, Brutalität und Geisteskrankheit sind allgegenwärtig. Dank des schwarzen Humors gibt es dabei aber durchaus auch etwas zu Schmunzeln, hat man sich erst einmal mit dem grotesk abstoßenden Stil arrangiert. Misanthropie feiert fröhliche Urständ. Schönheit ist tot. Ekel regiert.

Um so etwas an der Zensur vorbeizubringen, muss es vermutlich von vornherein als Kunst etikettiert werden. Das sind die meist handgeletterten „Würgsamkeiten“ ohne jeden Zweifel. Meines Erachtens sogar große.

Ralf Heimann / Jörg Homering-Elsner – Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst

Nachdem ich mit Heimanns und Homering-Elsners „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab“ bereits meine helle Freude hatte, musste auch dieser erste Band der Reihe her, die „Perlen des Lokaljournalismus“ und „Kurioses aus der Presseschau“ sammelt und so etwas wie Best-of-Bände der eigentlich auf Facebook präsentierten Fundstücke darstellen. Die rund 200-seitigen, querformatigen Taschenbücher erscheinen im Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag, los ging’s mit diesem Titel im Jahre 2015.

Pro Seite findet sich ein Presse-Fauxpas aus dem deutschsprachigen Raum in Form eines Fotos bzw. Web-Screenshots, deren Spannbreite von witzigen Rechtschreibfehlern über unglückliche Formulierungen und Stilblüten bis zu irreführenden oder unpassenden Layout-Entscheidungen und purem menschlichen Versagen reicht. Hin und wieder scheint sich indes auch ein bewusst platzierter Scherz seitens der Redaktion eingeschlichen zu haben. Und die launigen Kommentare der Herausgeber setzen oftmals noch einen drauf.

Klar, kann man sich auch alles für lau im Netz angucken und damit den Zehner für das Buch sparen – verpasst dann aber diese hervorragende und vor allem bleibende Zusammenstellung, die mir mehrere Lachanfälle beschert hat und zu den amüsantesten Büchern meiner Bibliothek zählt.

Katja Berlin / Peter Grünlich – Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt: Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken

Der Nachfolger des im Jahre 2012 im Münchner Wilhelm-Heyne-Verlag erschienenen querformatigen Taschenbuchs „Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt: Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken“, einer Art „Best of“ der Grafiken aus dem „Graphitti-Blog“, setzt wenig überraschend aufs gleiche Konzept, wenngleich die verwendeten Diagrammtypen nun etwas abwechslungsreicher ausgefallen sind. Die erneut rund 200-seitige Fortsetzung stellt Alltagsphänomene und menschliche Verhaltensweisen auf satirisch-humorige Art abstrakt dar und verballhornt damit zugleich den Diagramm-Wahn in kommerziellen Präsentationen und wissenschaftlichen Arbeiten. Berlin und Grünlich verzichten diesmal auf ein Vorwort uns steigen direkt ein.

Manches Mal denkt man sich angesichts der scharf beobachteten Verhaltensmuster, die hinter vielen der Diagramme stecken, fast erleichtert: „Es geht also nicht nur mir so!“ Ferner werden Geschlechterklischees aufs Korn genommen, aber auch reproduziert. Demgegenüber steht das eine oder andere nachdenklicher stimmende Diagramm. Wie beim ersten Band ist, das Buch einmal in die Hand genommen, der Durchblätterfaktor hoch, der Spaßfaktor aber ebenfalls und der Preis mit rund 10,- € für ein derart kurzweiliges Vergnügen kein Pappenstiel, aber zu vertreten. Mein Exemplar habe ich mir aber für’n Appel und ‘n Ei antiquarisch besorgt.

Semmels Satire Sammelsurium

Der Kieler Semmel-Verlach (damals noch „-Verlag“) wurde im Jahre 1981 von Winfried „Winni“ Bartnick eigens für die Veröffentlichung der „Werner“-Comics Rötger „Brösel“ Feldmanns gegründet. „Semmels Satire Sammelsurium“ erschien ein Jahr später und dürfte der erste Sammelband des Verlags gewesen sein. Im von den „Werner“-Comics gewohnten etwas größeren Taschenbuchformat vereint er auf seinen leider unnummerierten Schwarzweißseiten Comics und Zeichnungen sechs verschiedener, eingangs kurz vorgestellter Zeichner, die in ihrem Funny-Stil inhaltlich irgendwo zwischen typischem Sponti-Humor und zeitgemäßer punkiger Aggressivität angesiedelt sind – und zwar in einer Direktheit und Radikalität, wie man es heute kaum noch kennt.

Den Anfang macht Brösel, dessen „Werner“ hier nur am Rande auftaucht. Seitenfüllende Einzelzeichnungen treffen auf klassischere mehrpanelige Seiten und changieren zwischen herzlichem Blödsinn und autoritätskritischer Anarcho-Komödie. Tomas M. Bunk wiederum hat dem Band u.a. eine längere, im detailreichen Crumb’schen Schraffurstil gezeichnete Geschichte seines Helden „Karsten Dose – der lachende Miesmacher“ spendiert, die Ausdruck punkiger Endzeit-und-Spaß-dabei-Stimmung ist. Auf eine Einzelzeichnung folgt eine weitere Story, diesmal um „Super-Aujust“, die in der Berliner Hausbesetzerszene spielt – mit massig Zeitkolorit und inklusive einer Seyfried-Hommage (erste Seite rechts unten). Die Bullen greifen ein instandbesetztes Haus an, aber Super-Aujust greift ein und sorgt wieder für Recht und Ordnung – revolutionär, aber anscheinend nur ein schöner Traum. Ein paar Einzelzeichnungen/-Gags (von denen ich den ersten ehrlich gesagt nicht verstanden habe) runden Bunks Anteil am Buch ab.

Harm Bengens Werke bilden mit ihrem weitaus grobschlächtigeren Zeichenstil einen Kontrast, zumal er sehr großzügig mit dem Platz umgeht: Seine inhaltlich in ähnliche Kerben wie seine Kollegen schlagenden Gags beanspruchen meist eine ganze Seite. Rolf Boyke steuert mit „Die Nacht, als der Horror kam“ eine einzelne zusammenhängende Geschichte bei, die im Spontimilieu spielt. Kurioserweise endet auch sie damit, dass sie zu einem Traum erklärt wird. Auch Philips kurze Story spielt in der Besetzerszene, diesmal jedoch aus Sicht ein Bullenspitzels und Agent Provocateurs. Auf ein Intermezzo mit Einzelgags aller Zeichner folgt noch Kai Czucham, der ähnlich wie Brösel sowohl in seitenfüllenden Einzelzeichnungen als auch in Panelform u.a. Autoritäten aufs Korn nimmt. Das Buch schließt mit Werbung für den ersten „Werner“-Band.

„Semmels Satire Sammelsurium” ist nicht nur als frühes Lebenszeichen des herzigen Semmel-Verlachs historisch überaus wertvoll, sondern auch als Zeitdokument einer frechen, aufbegehrenden Underground-Comicszene Deutschlands, die ihre mehr als nachvollziehbare bullen- und kapitalismusfeindliche Haltung in bewegten Zeiten mit reichlich Humor zu Papier brachte und dabei offenbar ohne jegliche Schere im Kopf oder falsche Rücksichtnahme agierte. Für Comic-Archäolog(inn)en, Seyfried-Jünger(innen), U-Comix-Fans und Konsorten!

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