Günnis Reviews

Autor: Günni (page 23 of 111)

Cinema-Sonderband Nr. 7: Sex im Kino ’83 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex? Im Kino? Nein, hier geht es natürlich nicht um Nümmerchen zwischen den Sitzreihen der Lichtspielhäuser, sondern ums ebendort Gezeigte. Nach den Sonderausgaben/-bänden „Höhepunkte des erotischen Films“ und „Kino der Lüste“ der Hamburger Filmzeitschrift Cinema folgte mit „Sex im Kino ‘83“ deren dritte Beschäftigung mit dem Erotikkino in Form einer Sonderveröffentlichung.

Der 132-seitige, großformatige Softcover-Band mit einem schönen Foto aus „Die intimen Momente der Madame Claude“ auf dem Titel weiß im ersten von zwei Vorworten, die „Kino-Vermarktung nackter Haut“ feiere „von Film zu Film ungebrochen kassenträchtige Triumphe“, und bringt den Aerobic-Trend mit Softsex in Verbindung. Das zweite, in riesigen Lettern wie für Sehschwache gedruckte Vorwort ordnet den Band innerhalb des Cinema-Kanons ein, definiert Selbstverständnis und Anspruchs dieses Werks, informiert über dessen Gliederung – und kündigt an, was wahr werden sollte: „Künftig werden wir Ihnen alljährlich in einem Sonderband die Sexfilme der Saison präsentieren.“ Da von den „erotischen Streifen und Sexfilme[n] des letzten Jahres“ die Rede ist, ist davon auszugehen, dass dieses Buch im Jahre 1984 erschien.

Aufgeteilt wurde es in die drei auf die Filminhalte Bezug nehmenden Hauptkapitel „Schickeria: Hüllenlos auf internationalem Parkett“ (17 Filme), „Provinz: Schürzenjäger auf Dirndlpirsch“ (23 Filme) und „Paradies: Jugendliche Unschuld unter Palmen“ (3 Filme) sowie dem Portraitteil „Sexsymbole unserer Zeit und lustbetonte Filmemacher“, der dem „Paradies“-Abschnitt vorangestellt wurde. Heißt das, dass 1983 43 neue Erotik- und Sexfilmproduktionen ins Kino gekommen waren? Mitnichten – wenngleich es sich noch um die Zeit der Bahnhofs- und Pornokinos handelte, sodass derartige Filme tatsächlich in rauen Mengen gezeigt werden konnten. Vielmehr liefen zahlreiche Filme bereits früher in den Kinos oder es handelt sich um Wiederaufführungen, teilweise gar von ‘70er-Jahre-Erzeugnissen. Die Angaben der Produktionsjahre sind zudem bisweilen nicht korrekt oder fehlen ganz. Klar ist demnach schnell: Nicht nur die „Höhepunkte“ wurden hier berücksichtigt, sondern offenbar schlicht alles.

Einleitend heißt es zum „Schickeria“-Kapitel, dass es sich hierbei um die hochwertigeren Erotikfilme handele. Vielmehr als knappe Inhalts- und ein paar Stabangaben erfährt man jedoch wieder hier noch in den anderen Filmkapiteln über die vorgestellten Streifen. Stattdessen dominieren großformatige Fotos aus dem jeweiligen Film, die bei Weitem schärfer sind, als es die VHS-Kassette jemals darstellen konnte, und die den eigentlich Kaufanreiz dieses Buchs ausgemacht haben dürften. Besonders angetan hatte es den Verantwortlichen anscheinend „Die intimen Momente der Madame Claude“, der es, wie bereits erwähnt, nicht nur auf den Titel schaffte, sondern dem eine sich über satte neun Seiten erstreckende Fotostrecke gewidmet wurde. Alle anderen Filme werden lediglich mit ein bis vier Seiten berücksichtigt.

Hier finden sich Werke wie „Kommt pudelnackt, das Erbe lacht“ und „Ein nackter Po im Schnee“, aber auch „Lady Chatterleys Liebhaber“, „Ganz normal verrückt“, „Obszön – Der Fall Peter Herzl“ und „Nackt unter Kannibalen“. „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ wird als „Laura Gemsers neunter Gefängnisfilm“ bezeichnet, was ich, auch ohne persönlich nachgezählt zu haben, für eine Fehlinformation halte. „Feuer zwischen den Lippen“ sei als Beispiel für einen echten Porno genannt, der es zwischen all die Erotik- und Softsex-Streifen geschafft hat, ohne dass es der Redaktion von Bedeutung erschienen hätte, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Das „Provinz“-Kapitel soll Erotik- und Sexkomödien vereinen, unabhängig davon, „ob der Schauplatz dieser Gaudi ein hinterwäldlerisches bayerisches Dorf, ein italienisches Modestudio oder die lustbetonte Sonneninsel Ibiza“ ist. Dieses Kapitel „Provinz“ zu betiteln und im „Schickeria“-Abschnitt durchaus auch Komödien zu behandeln, führt diese krude Aufteilung endgültig ad absurdum. Hier werden noch munterer als zuvor Hardcore-Pornos mit Softsex-Albereien durcheinandergewürfelt. Dabei kommt es auch zu Fehlern: Der Porno „Intime Spiele im Mädchenpensionat“ wird als Softsexfilm bezeichnet und man verpasst ihm einen falschen Alternativtitel, unter dem er angeblich schon einmal zu sehen gewesen sei. Fragwürdige Formulierungen wie „jugendliche Teenager“ und die offenbar kritiklose Übernahme ebenso blumiger wie mitunter problematischer Inhaltsangaben der Verleiher tragen ihr Übriges bei. Generell stellt sich die Frage, welchen Sinn es ergibt, bei HC-Pornos als einzige Information die Alibihandlung anzugeben. Kritik wird erstmals zur Erotikdoku „Liebe 80“ ausgesprochen, die man als „lustfeindlichen Antiporno“ bezeichnet, spätestens damit aber den Buchtitel „Höhepunkte“ als Lüge entlarvt. Auch von „Die Nacht der wilden Ladies“ zeigte man sich alles andere als begeistert. Da der Umkehrschluss, dass alle mit keinen kritischen Worten, sondern lediglich Inhaltsangaben versehenen Filme gute Vertreter ihrer jeweiligen Zunft seien, unzutreffend ist, wirkt dies wie ein konzeptioneller Bruch.

Wesentlich textlastiger ist der über 30 Seiten lange Portraitteil, der lesenswerte, wenn auch weitestgehend unkritische Portraits der Erotikfilmer Walerian Borowczyk, Just Jaeckin und David Hamilton sowie der „Stars“ (zum Teil eher Sternchen) unter den Darstellerinnen, namentlich Dawn Dunlap, Sibylle Rauch und Clio Goldsmith, bietet. Abschließend folgt das „Paradies“-Kapitel für drei „Die blaue Lagune“-Epigonen, dessen Vorwort die italienische Darstellerin Sabrina Siani als „würdige Nachfolgerin von Jodie Foster, Brooke Shields, Kristy McNichol oder Taum O’Neal“ bezeichnet, was eine krasse Fehleinschätzung ist. Jedoch ist sie an zwei der drei vorgestellten Filme beteiligt, deren Vorstellungen nun wieder über mehrere Seiten mit großformatigen Fotos gestreckt werden. Ihr bzw. Umberto Lenzis „Daughter of the Jungle“, hier als „Tanja – Tochter des Urwalds“ vorgestellt, hatte jedoch gar keinen deutschen Kinostart. Wie er es unter dem deutschen Titel ins Buch geschafft hat, weiß wohl nur die Cinema-Redaktion allein.

Fazit: Ein sehr mit Vorsicht zu genießender Cinema-Sonderband mit dürftigem Informationsgehalt, eher ein Industriekatalog mit unsinniger Sortierung und kontraproduktiver Vermischung von Softsex- und nicht als solchen gekennzeichneten Pornofilmen. Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1983 hingegen vollkommen ungeeignet.

Mad-Taschenbuch Nr. 32: Don Edwing – Mads grimmiges Gruselkabinett

Es dauerte bis zum Jahre 1980, bis auch Mad-Zeichner Don Edwing sein eigenes Taschenbuch bekam. Dieses widmete er seinem Entdecker und Freund Nick Meglin und gewann seinen Kollegen und Namensvetter Don Martin für ein köstliches, ironisches Vorwort. Im gewohnten Umfang von rund 160 unkolorierten, diesmal leider auch unnummerierten Seiten frönt Edwing dem schwarzen Humor: Seine drei- bis fünfseitigen, i.d.R. lediglich ein Panel pro Seite umfassenden, gern mit „Neulich, bei…“, „Am Montag, auf…“ oder „Schon wieder bei…“ betitelten Cartoons im karikierenden Funny-Stil enden nicht selten tödlich. Das am häufigsten wiederkehrende, stets variierte Motiv ist die Hinrichtung eines vor einer Mauer gefesselten Delinquenten, dicht gefolgt vom schwierig zu erreichenden, an Rapunzel gemahnenden Mädchen im Turm. Dazwischen tummeln sich jedoch auch einige harmlosere Vertreter Edwing’schen Humors, bei denen die Pro- oder Antagonisten geringeren oder gar keinen physischen Schaden erleiden. Etwaige Dia- oder Monologe sind aufs Allernötigste beschränkt, nicht wenige Cartoons kommen ganz ohne Sprechblasen aus und beschränken sich auf Soundwords. Ein schöner Spaß für zwischendurch, wenngleich problemlos in 15 bis 20 Minuten und damit etwas arg schnell durchge“lesen“.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – Kommunalwahlfälschung am 7. Mai 1989 in den ehemaligen DDR-Bezirken Rostock, Schwerin, Neubrandenburg

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch zwei Bände zu den Kommunalwahlfälschungen 1989, deren Beobachtung und Aufdeckung durch unabhängige Bürgerinnen und Bürger die Keimzelle für die zahlreichen Proteste großer Teile der DDR-Bevölkerung bildete, die schließlich den Umbruch und damit die Wende einleiteten. Aus dem Rostocker Stasi-Museum habe ich mir den die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg abdeckenden Band mitgenommen.

Es handelt sich um eine 80-seitige Dokumentensammlung im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier, die um ein auf drei Seiten knapp in die Thematik einführendes Vorwort ergänzt wurde. Ein Anhang umfasst ein Abkürzungsverzeichnis, BStU-Kontaktdaten und Quellenachweise. Die Dokumente sind Scans von Originalunterlagen des Inlands-MfS, die in unterschiedlicher Weise mit den Kommunalwahlen in Verbindung stehen. Namen von Bürgerinnen und Bürgern wurden geschwärzt, Namen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht. Die Unterlagen bleiben seitens des BStU vollständig unkommentiert.

So hat man nun also die Möglichkeit, sich durch zahlreiche in Behördendeutsch verfasste MfS- Schreiben zu arbeiten, um einen unverfälschten Eindruck von den Stasi-Beobachtungen hinsichtlich der Kommunalwahlen und ihren Versuchen der Einflussnahme auf die Bevölkerung zu erhalten. Da werden im Vorfeld kritische Stimmen als „negativ-feindlich“ diskreditiert, sorgen einfache Aufkleber im Stadtgebiet mit Botschaften wie „Die Ostsee stirbt. Die Nordsee stirbt. HURRA – WIR LEBEN!“ oder dem Rosa-Luxemburg-Zitat „FREIHEIT ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ für helle Aufregung, wird argwöhnisch beobachtet, wer sich der Wahl zu verweigern gedenkt, werden aber auch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung und die Gründe dafür durchaus korrekt beobachtet und dokumentiert.

Schmunzeln lässt sich über einen freudsch anmutenden Rechtschreibfehler wie „Quallenschutz“ (statt Quellenschutz) und besonders entlarvend wird es, wenn man haarklein dokumentiert, wie einem Wahlbeobachter verwehrt wurde, der Auszählung direkt beizuwohnen, und dass „Einwände einzelner SED-Mitglieder, daß die veröffentlichten Zahlen in der heutigen Zeit ganz einfach stimmen müssen, weil selbst geringste Abweichungen von westlichen Massenmedien ausgeschlachtet werden würden, […] nicht von der Mehrheit des Kollektiv akzeptiert“ worden seien – und auf der nächsten Seite zu lesen ist: „Das Wahlergebnis vom 7. Mai 1989 steht in keiner Übereinstimmung mit dem allgemeinen, insbesondere dem kommunalpolitischen Stimmungsbild!“ Jener Bericht zur Kommunalwahl in Neubrandenburg fährt fort mit einer schriftlich festgehaltenen Dokumentation des Unwissens offenbar einflussreicher Parteikreise über diese Vorgänge, was einen Eindruck von Desinformation und Realitätsverlust einer überalterten Führungsriege vermittelt. Ohnehin ist dieser Bericht ein Quell klarer Worte, guter, sinnvoller Beobachtungen und Einschätzungen, die durchaus konstruktiv verwertbar gewesen wären – woran aber offenbar zum damaligen Zeitpunkt kein Interesse bestand. Er zeigt eine andere Seite des Inlands-MfS.

Letztlich flog dem MfS und der SED der ganze Mist folgerichtig um die Ohren – eigentlich völlig unnötigerweise, denn meines Wissens war das tatsächliche Wahlergebnis immer noch positiv genug, um die Vormachtstellung der SED zu erhalten, wäre aber auch Anlass für einen konstruktiven Dialog und politische Veränderungen innerhalb des Systems gewesen. Die Ignoranz dessen sollte sich sehr bald bitter rächen. Das ungeschönte, DDR-weite Wahlergebnis ist leider kaum jemandem bekannt und wird auch hier nicht genannt. Ich meine mich zu erinnern, es einmal von Egon Krenz im Rahmen eines Interviews vernommen zu haben.

Jegliche erläuternden Kommentierungen oder Einordnungen bleibt diese Dokumentensammlung schuldig, mit dem Wust an Behördenschreiben bleibt man weitestgehend allein. Das ist erst einmal in Ordnung, denn vieles spricht für sich. Etwas unpassend für ein ja ebenfalls von einer Behörde herausgegebenes, hochpolitisches Druckerzeugnis erscheint mir jedoch der umgangssprachliche Duktus im Vorwort, wenn von „Stasi“ und „Mauerfall“ statt vom Ministerium für Staatssicherheit und Maueröffnung die Rede ist. Ersteres ist synonym verwendbar, letzterem kann zumindest ein politisch-historischer Beigeschmack unterstellt werden: „Mauerfall“ ist als Metapher sicherlich geeignet, in Wirklichkeit aber wurden Berliner Mauer und die Grenze zwischen NATO und Warschauer Pakt – zweifelsohne auf massiven Druck hin – unter Leitung Egon Krenz‘ geöffnet. Schwerer wiegen jedoch das Fehlen sämtlicher Statistiken zu den dokumentierten Stasi-Maßnahmen (Inwieweit sind die beschriebenen Maßnahmen exemplarisch oder individuell? Welcher Bevölkerungsanteil war von welchen Maßnahmen direkt betroffen?) und die völlige Intransparenz dahingehend, anhand welcher Kriterien die Dokumente für diese Sammlung ausgewählt wurden. Die die zahlreichen in den Dokumenten verwendeten Abkürzungen aufschlüsselnde Liste im Anhang ist zwar löblich, aber leider unvollständig.

Als Grundlage für wissenschaftlich-analytische Arbeiten ist dieser Band daher leider nur bedingt geeignet. Und weshalb man ausgerechnet an der Bedruckung des Buchrückens sparte, sodass spätestens, wenn man mehrere solcher BStU-Dokumentensammlungen im Regal stehen hat, der Überblick verloren geht, erschließt sich mir in keiner Weise. Nichtsdestotrotz habe ich mir zwei weitere Bände mitgenommen, dazu später mehr…

Frank Schäfer – Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur

Was ich beim Erwerb für eine weitere Rezensionssammlung hielt – weil, analog zum Vorgänger „Alte Autos und Rock’n’Roll“, mit „Der rasende Rezensent 2“ untertitelt –, entpuppte sich vielmehr als ganz dem Literaturbetrieb gewidmetes Potpourri aus 25 Essays über bzw. Interviews mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie einem Musiker, Verleger(innen) und einem Dialogbuchautor/ Synchronregisseur/-sprecher, bisweilen in Form von Homestories: Die Rede ist von „Rumba mit den Rumsäufern“, jener im Jahre 2011 im Oktober-Verlag erschienene Sammlung zuvor mitunter gekürzt in „Zeit online“, „Rolling Stone“ und Konsorten erschienener Texte des Braunschweiger Literaturexperten, Autors und Musikjournalisten Frank Schäfer, dargereicht als rund 230 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Nach einem zweiseitigen Vorwort plaudert Schäfer mit Burroughs- und Bukowski-Übersetzer Carl Weissner, lässt er zusammen mit Hans Herbst dessen Reisen Revue passieren, kitzelt er umfangreiche Antworten aus „Katholikenschreck“ Wenzel Storch heraus und lässt er Ralf Rothmann wunderbar verschiedene Schreibertypen beschreiben. Musiker PeterLicht, den „Mann, den niemand kennt“, bringt er den Leserinnen und Lesern näher, führt mit Günter Amendt ein kritisches Gespräch über LSD und amüsiert mit einer genauen Beschreibung der Wohnverhältnisse Ulrich Holbeins. Sein Interview mit Silvia Bovenschen macht neugierig, er besucht Nachwuchsautor Finn-Ole Heinrich auf der Leipziger Buchmesse und führt eine sehr erhellende Konversation mit Benno Käsmayr, dem Chef des Maro-Verlags, der einst Bukowski nach Deutschland brachte und auch schon Schäfer veröffentlichte, über die Entwicklung des Verlags von Beginn an.

Margitt Lehbert liefert einen Eindruck von der Arbeit ihres Lyrik-Nischenverlags Edition Rugerup (inzwischen dann doch auch bei Amazon und Wikipedia gelistet), Peter Kurzeck darf Kritik an der „Gruppe 47“ üben und der 1994 verstorbene Charles Bukowski stand – man lese und staune – Schäfer 2008 noch Rede und Antwort. Schäfer lässt sich von Detlef Kuhlbrodt zeigen, wie man das Leben liest, knöpft sich, wie schon das Goethe-Institut, den Rapper und Slam-Poeten Bas Böttcher vor und weiß, dass es sich auch bei Synchronarbeit für den Film um Literatur handelt, sodass Kult-Synchronautor Rainer Brandt über seine Karriere schwatzen und mit modernem Blockbuster-Kino hadern darf, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Franz Dobler wiederum scheint so einige Parallelen zu Schäfer aufzuweisen.

Schäfers Essays werden zu kleinen Porträts, die Antworten seiner Gesprächspartner(innen) liefern interessante Einblicke in Schreib- und kreative Schaffensprozesse, aber auch in ganz unterschiedliche Biografien, Herangehensweisen und nicht zuletzt Spleens. Manch einer gibt sogar Auskunft über verkaufte Auflagen, was sich als recht aufschlussreich erweist: Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ sei seinerzeit in die fünfte Auflage gegangen, bisher seien bereits an die 50.000 Exemplare abgesetzt worden. Für Finn-Ole Heinrich bedeutete die siebte Auflage hingegen rund 3.500 verkaufte Exemplare, was sein kleiner Verlag als Erfolg feiert. Wie hoch eine einzelne Auflage jeweils war, lässt sich da leicht ausrechnen.

Von leichten Schwächen im Korrektorat abgesehen, kann ich an „Rumba mit den Rumsäufern“ nichts Falsches finden, im Gegenteil: ein inspirierendes Kleinod, das auch mir als Roman- und Lyrikmuffel (Ausnahmen wie Bukowski oder Strunk bestätigen die Regel) bestens gemundet hat und dafür verantwortlich ist, dass Titel wie Silvia Bovenschens „Schlimmer machen, schlimmer lachen“ oder Günther Ohnemus’ „Zähneputzen in Helsinki“ mein Interesse geweckt haben. Ich würde mir (und ihm) wünschen, jemand würde Schäfer einmal mit einem ähnlichen Interesse interviewen und skizzieren, wie er es hier mit seinem jeweiligen Gegenüber tat. Offenbar hat er bereits 2008 mit „Homestories – Zehn Visiten bei Schriftstellern“ einen thematisch ähnlichen Band veröffentlicht. Diesen habe ich mir nun ebenfalls zugelegt, dazu später mehr.

Phil Foglio – XXXenophile

Noch ein Zufallsfund vom Flohmarkt: „XXXenophile“ ist eine ursprünglich von 1989 bis 1995 im US-amerikanischen Original in zehn Bänden publizierte Erotik-Sci-Fi/Fantasy-Comicreihe des Zeichners und Autors Phil Foglio. Im Juli 2001 veröffentlichte der belgische BD-erotix-Verlag die ersten beiden Bände zusammengefasst in einem großformatigen, 68-seitigen Hardcover-Band, wobei es dann auch blieb – weitere Ausgaben scheinen in keiner deutschen Übersetzung erschienen zu sein. Die neun enthaltenen, jeweils für sich stehenden Kurzgeschichten sind unkoloriert, obwohl einleitend jeweils der Name einer Person angegeben wird, die für die Tusche zuständig gewesen sei – vermutlich war das Original tatsächlich farbig. Die hervorragenden Zeichnungen entsprechen weitestgehend dem Funny-Stil in einem nicht allzu abstrakten Ausmaß, die Panel-Grids sind variabel.

In den fantasievoll gestalteten Geschichten in unterschiedlichsten Settings von Sword-&-Sorcery-Fantasy bis Science-Fiction-Welten geht es stets um Sex in unterschiedlichen Variationen mit einer meist augenzwinkernden Pointe. Weibliche wie männliche Geschlechtsorgane sowie die Sexualakte wurden in der Regel in aller Deutlichkeit gezeichnet, was dem Band den Hinweis „Nur für Erwachsene“ einbrachte. Angenehmerweise sind die Geschichten weit von jeglichem Altherrenhumor oder nichts außer Fremdscham erregendem Sexismus entfernt und trotz ihrer Ausrichtung auf die Sexualität keinesfalls so plump wie befürchtet.

Der Comicgenuss wird indes leider empfindlich durch die schlampige, offenbar gänzlich unlektorierte, weil von zahlreichen Rechtschreibfehlern gezeichnete Übersetzung getrübt, die Foglios Arbeit primitiver erscheinen lassen, als sie ist. Die neun Kurzgeschichten sind ein kurzweiliger, erotischer Spaß, die deutsche Edition hingegen ist, trotz des ersten hochwertigen Eindrucks aufgrund des festen Einbands und des guten Papiers, mangelhaft.

Jordi Bernet / Carlos Trillo / Eduardo Maicas – Betty 5

Ein Flohmarktzufallsfund war dieser fünfte Band der neunteiligen schwarzweißen Erotik-Funny-Comic-Reihe „Betty“ eines spanischen Zeichner-/Autoren-Trios im Softcover und ca. 24 cm hohen Zwischenformat, die zwischen 1999 und 2003 in ihrer deutschen Übersetzung im Verlag Edition Bikini erschien. Aus welchem Zeitraum das spanische Original stammt, ist mir nicht bekannt.

Die titelgebende Protagonistin Betty ist eine Prostituierte, die ihrem Beruf gern nachgeht. Zudem ist sie alleinerziehende Mutter eines Jungen, dessen Vater unbekannt ist – es muss einer ihrer zahlreichen Freier sein. Was woanders Stoff für Dramen wäre, ist hier der Aufhänger für zahlreiche kurze, pointierte Humoresken, die in ihren Darstellungen den Softsex-Bereich nicht überschreiten und etwas gewöhnungsbedürftig ohne eigene Titel oder als solche sofort erkennbare Eröffnungspanels auskommen müssen. Erzählt werden sie für gewöhnlich in sechs bis neun Panels in dreizeiligen Grids pro Seite, derer der Band rund 100 umfasst.

Direkt die erste Pointe will nicht recht zünden, womöglich handelt es sich um ein Übersetzungsproblem. Das ändert sich jedoch schnell und hat man sich erst einmal eingegroovt und mit der Figur sowie dem Humor vertraut gemacht, macht „Betty“ im Stil klassischer Comicstrips durchaus Spaß. Die Sicht auf Betty und ihren Alltag ist stark männlich geprägt und es besteht kein Zweifel daran, dass es sich bei ihr um ein Fantasieprodukt handelt. Dafür dominiert jedoch nicht der altertümliche und oft sexistische Herrenwitz (wenngleich sich die Reihe von diesem nicht vollständig freisprechen kann), sondern eine aus Bettys selbstbewusstem, stolzem Umgang mit ihrem Beruf resultierende Karikatur der Männerwelt. Männliche Figuren werden häufig besonders lächerlich aussehend gezeichnet und wer glaubt, Betty ausnutzen, übervorteilen oder diskriminieren zu können, bekommt schnell sein Fett weg.

Aus der Reihe fällt indes die Geschichte auf S. 62f., in der Betty ungewöhnlich und unpassend naiv dargestellt wird – der Tiefpunkt dieser Ausgabe. Die enthaltene Weihnachtsgeschichte ist sogar richtiggehend traurig. Als Aussage lässt sich jedoch geschichtenübergreifend grob zusammengefasst herauslesen, dass Bettys Beruf keine Schande sei – eher einige ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmende Männer – und es keinen Anlass gibt, sie oder ihren Sohn dafür zu diskreditieren. Neben den Nachteilen, die die Tätigkeit seiner Mutter mit sich bringt, werden sogar gewisse Vorzüge für den Filius skizziert. Trotz männlicher Perspektive und diversen sexualisierten Humors kann „Betty“ damit eine fortschrittliche Haltung attestiert werden.

Intermediale Bezüge werden in einem „Stummfilm“-Strip mit Charlie Chaplin sowie bei Bettys Aufeinandertreffen mit den Classic Universal Monsters hergestellt, was den Spaß erhöht (und mich ein wenig an die zahlreichen „Mad“-Filmparodien und -referenzierungen erinnert). Grotesk mutet es an, wenn Betty das Wort „Hurensohn“ als Beleidigung verwendet – und gerade dadurch zum Nachdenken über den eigentlichen Inhalt dieser anregt. Ein paar Schreibfehler erinnern daran, dass es sich bei „Betty“ um ein Nischenprodukt eines kleinen Verlags handelt.

Die Zeichnungen sind gewitzt und einladend; die Lektüre war durchaus vergnüglich, zwischendurch auch mal befremdlich, aber der positive Eindruck überwog. Sollte mir ein weiterer Band aus der Reihe mal wieder für ‘nen Euro auf einem Flohmarkt in die Hände fallen, würde ich sicherlich zugreifen – meinen Sammlerinstinkt hat „Betty“ jedoch nicht angesprochen.

Stefan Theurer – Frei ab 16

Als ein gutes Geschenk zum sechzehnten Geburtstag bewarb der Frankfurter Eichbornverlag das im September 1993 herausgegebene großformatige Hardcover-Comicalbum „Frei ab 16“ des Autors und Zeichners Stefan Theurer, das mit 22,80 DM alles andere als ein Schnäppchen war. Auf rund 50 leider unnummerierten Seiten finden sich ein- bis dreiseitige, farbenfroh getuschte und großzügig gestaltete, weil nur ein bis zwei rahmenlose Panels pro Seite umfassende und mit riesigen Sprechblasen versehene, pointierte Gags im Funny-Stil, die sich mit favorisierten Themen Heranwachsender wie Liebe und etwas Sex, Musik und Zukunftsplänen befassen. Auffallend ist der starke jugendsubkulturelle Bezug; so finden sich immer wieder vor allem Punks und Headbanger unter den Protagonist(inn)en.

Herzstück des Bands ist jedoch die stilistisch aus der Reihe fallende, weil sich über ganze 20 Seiten erstreckende Geschichte „Suse und Kalle“, die in wesentlich klassischerer Comicform mit weit mehr Panels in variierenden Grids aufwartet. Sie erzählt von den titelgebenden Figuren, die sich ins nächtliche Partyleben stürzen und dabei u.a. ein Punk-Konzert besuchen (illustriert in Form eines schönen Wimmelbilds), Abenteuer mit den Bullen und Rocker-Rowdys erleben und schließlich am nächsten Morgen mit Mick, den sie gerade erst kennengelernt haben, an den Strand fahren. Anarchischer, antiautoritärer, wenn auch recht simpler Humor bestimmt die Handlung, deren Zeichnungen zudem mit echten Songtext-Zitaten damaliger (oder auch wesentlich älterer) Hits und authentischen Bandnamen auf T-Shirts, Plakaten u. ä. angereichert wurden.

Das hat seinen Charme, zeichnet aber auch ein reichlich naives Bild einer Jugend, wie sie 1993 längst nicht mehr war, und verwendet häufiger (zumindest mittlerweile) veraltete Jugendsprache. Als kleiner Spaß zwischendurch geht „Frei ab 16“ ebenso durch wie als Zeitdokument in Bezug auf die Präsenz von Jugendsubkulturen in Comics, der hohe Preis dürfte seinerzeit aber abschreckend gewirkt haben. Mein Exemplar bekam ich tatsächlich vor einiger Zeit geschenkt, wenn auch in antiquarischem Zustand. Passt super, denn als Punk bleibt man bekanntlich immer 16! (Wenn auch in mittlerweile möglicherweise ähnlich antiquarischem Zustand…)

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 7: 1963 – 1964

„Es gibt keine schwerere Bürde als großes Potenzial!“ – Linus, 22. März 1963

Sämtliche aus je vier Panels bestehenden Zeitungsstrips sowie großformatigen Sonntagsseiten der „Peanuts“-Reihe Charles M. Schulz‘ aus den Jahre 1963 und ’64 in ihrer deutschen Übersetzung umfasst chronologisch sortiert der siebte Band der gebundenen Hardcover-Werkausgabe im Schutzumschlag aus dem Hamburger Carlsen-Verlag. In der vierseitigen Einführung berichtet diesmal Bill Mendelez, Regisseur der „Peanuts“-Filme, davon, wie es die Reihe ins Fernsehen schaffte, und schwärmt von der Zusammenarbeit mit Schulz. Wie gewohnt finden sich im Anhang des rund 330 Seiten starken Bands Gary Groths Nachwort, ein Stichwortindex sowie das Glossar mit Erläuterungen zu zeit- und kulturbedingt nicht unbedingt selbsterklärenden Comicstrips.

„Ich sollte nicht draußen spielen…“ – Charlie Brown, 31. Dezember 1964

Was also war damals los bei Charlie Brown und Konsorten? Nun, erwartungsgemäß Charlies Unvermögen, einen Drachen steigen zu lassen, in immer neuen Variationen, seine tiefsitzende Verunsicherung in Bezug auf das kleine rothaarige Mädchen, das er sich nicht einmal anzusprechen traut, und natürlich die von Pleiten geprägte neue Baseball-Saison, die im März beginnt. 1964 bekommt er gar einen Baseball-Arm und Radierophagie. Der Running Gag um Lucy und den Football, den Charlie treten soll, ist längst ebenso obligatorisch wie Lucys Schwärmerei für Schröder (sie beginnt sogar mit Klavierunterricht, um ihn zu beeindrucken), ihr „Job“ als Psychiaterin und die Schmusedeckenmanie ihres kleinen Bruders Linus. Dieser will Anfang 1963 doch tatsächlich Rinderzüchter werden, hadert aber damit, im Frühjahr nicht Klassenbester geworden zu sein. An Halloween steigert er sich auch immer mehr in seinen Glauben an den „großen Kürbis“ hinein. Als seine Anti-Schmusedecken-Oma immer öfter zu Besuch kommt, ist Holland in Not.

„…ich sollte ,Gullivers Reisen‘ lesen und eine Buchbesprechung schreiben…“ – Charlie Brown, 31. Dezember 1964

Der Hitchcock-Film „Die Vögel“ stört Snoopys Verhältnis zu seinen gefiederten Freunden und seine Ohren müssen mehrmals als Antennenmetapher herhalten. Frieda wird nicht müde in ihren Versuchen, aus Snoopy einen Karnickeljäger zu machen, doch seine Reaktion darauf ist großartig (oh, dieser Satz klingt wie eine Clickbaiting-Überschrift). Im Sommer 1963 muss der Gute ins Krankenhaus, das er jedoch vollständig genesen verlassen kann. Nach wie vor schleift er Linus bei seinen Schmusedeckendiebstahlsversuchen über Stock und Stein. Seine Hundehütte wird grundgesäubert, renoviert und ein Fresko an seiner Decke angebracht. Bemerkenswert, was er so alles in seiner Hütte zu horten scheint: Fernseher, Radiowecker, einen Van Gogh, einen Billardtisch im Keller und noch vieles mehr… Kein Wunder, dass so gern Vögel bei ihm vorbeikommen, u.a. um Bridge zu spielen.

Als Reaktion auf die Einführung der Postleitzahlen in den USA führt Schulz den von seinen Eltern nummerierten Jungen „5“ als kurzlebige Figur innerhalb der Reihe ein. Darüber hinaus wimmelt es wieder vor Anspielungen auf historische wie zeitgenössische Persönlichkeiten, u.a. eine Biologin. So denkt Schröder nach seinem Fauxpas im vorherigen Band nun wieder brav an Beethovens Geburtstag und veranstaltet 1964 im Vorfeld besonders viel Brimborium um ihn. Am 21. Juni 1964 feiert Schulz auf einer Sonntagsseite den Vatertag und im Spätsommer erlaubt er sich eine Persiflage auf Protestbewegungen und deren Symbole. Einer der Höhepunkte ist Linus‘ Bewerbung als Schülersprecher, die zu einer Parodie auf politische Wahlkämpfe avanciert. Linus‘ im Herbst 1962 eingeführte Brille ist hingegen kein Thema mehr, diese Idee scheint Schulz schnell wieder fallengelassen zu haben. Auch imitiert Snoopy diesmal keine anderen Lebewesen mehr, möglicherweise war dieser Gag auserzählt und er bereitete sich gerade auf seine Paraderolle als roter Baron vor.

Diese beiden Jahrgänge scheinen den festen Figurenstamm, die einzelnen Rollen und die mit ihnen verbundenen Gags in erster Linie konsolidiert zu haben. Hier und da schimmert Schulz‘ Skepsis gegenüber Politik und ihren Lautsprechern durch, weltbewegende Ereignisse wie die Ermordung John F. Kennedys bleiben jedoch ausgespart. In erster Linie verharrt man im liebgewonnenen Mikrokosmos von Kindern, von denen das eine oder andere viel zu erwachsene Probleme mit sich herumträgt und in seinen Umgang damit sowie seinen Erfahrungen zu einer köstlichen Karikatur menschlichen Miteinanders in der US-Gesellschaft Mitte der 1960er-Jahre wird. Das macht neugierig darauf, inwieweit sich die gesellschaftlichen Veränderungen der Folgejahre in den weiteren „Peanuts“-Abenteuern niederschlagen werden.

Mad-Taschenbuch Nr. 31: Al Jaffee – Und noch ein paar kluge Antworten auf dumme Fragen

Im einunddreißigsten Mad-Taschenbuch, im Jahre 1976 im US-amerikanischen Original und 1981 in seiner deutschen Fassung erschienen, gibt Mads dienstältester Autor und Zeichner Al Jaffee zum fünften Mal eine Soloverstellung: Zum zweiten Mal tritt er in seiner Königsdisziplin, den klugen Antworten auf dumme Fragen, an – wie gewohnt auf rund 160 Schwarzweißseiten. Für alle, die noch nicht wissen, was sie erwartet, führt ein kurzes Vorwort in die Thematik ein, das sich letztlich selbstkritisch das Attribut „überflüssig“ bescheinigt. In zwölf „Abt.“ genannte Kapitel unterteilt wird das bewährte Konzept beibehalten: Je einen Dialog abbildende Comic-Doppelseiten enthalten mehrere Antwortmöglichkeiten inklusive je einer Sprechblase zum Selbstausfüllen und sich über mehrere Seiten erstreckende Comics liefern pro Dialog eine sarkastische Antwort, die sich jedoch als Pointe böse für den Antwortenden rächen. Schlagfertige Reaktionen auf ach so kluge Antworten üben das ursprüngliche Konzept aufs nächsthöhere Level hievende Doppelseiten ein. Und wie bereits in Mad-Taschenbuch Nr. 8 ist das finale Kapitel einem selbstironischen Gag vorbehalten, in dem Jaffee sein eigenes Konzept auf die Füße fällt. Durchzogen ist das Buch zudem von (frei erfundenen) Testimonials historischer Persönlichkeiten. Jaffees „kluge Antworten auf dumme Fragen“ sind neben Don Martins durchgedrehten Comics zurecht der vielleicht größte Mad-Kult – und der hilft insbesondere in heutigen Zeiten, in denen jeder Dummdödel seinen Sermon in asozialen Netzwerken ablädt und seine einfältige Weltsicht öffentlich zur Schau stellt, den dies ungläubig Beobachtenden als eine Art Ventil, womit auch der satirische Anspruch gewissermaßen noch immer erfüllt wird.

Matthias „Gonzo“ Röhr – Meine letzten 48 Stunden mit den Böhsen Onkelz

„Teilweise war der Gesang der Fans im Chor fast lauter als die Musik auf der Bühne.“

Ich bin ein Punk. Ich treibe mich vornehmlich auf kleinen AZ- und Club-Konzerten im musikalischen und subkulturellen Untergrund herum und fühle mich dort wohl. Zu meinen musikalischen Favoriten zählen zig Bands, die jeglicher Gigantomanie gänzlich unverdächtig sind. Come as you are. Seit ich als Knirps im Grundschulalter den Heavy Metal und Bands wie Iron Maiden und Venom für mich entdeckt sowie Berichte über die „Monsters of Rock“-Festivals der 1980er ehrfürchtig verschlungen habe, bin ich aber auch der Faszination für das große Spektakel erlegen, fürs unerhört Prätentiöse, für gigantische Kulisse und Pyroshow. So ist mir dann auch nicht entgangen, welche Dimensionen deutsche Festival-Dauerbrenner wie „Rock am Ring“ oder das „Wacken Open Air“ im Laufe der Jahre angenommen haben – aber ebenso wenig, dass ein spezielles Einzelereignis diese im Juni 2005 sogar noch überflügelt hat:  „Vaya con tioz“, das die damalige Bandtrennung besiegelnde Abschiedsfestival der Böhsen Onkelz am Lausitzring sprengte trotz des kultivierten Underdog-Status der Frankfurter Band mit 100.000 verkauften Tickets alle bisher dagewesenen Dimensionen. Doch während übers W:O:A längst auch in den normalen Nachrichten berichtet worden war, blieb dieses Festival aufgrund des seit jeher zerrissenen Tuchs zwischen der Band und den Massenmedien ein medial lediglich von der Lokal- und der Musikfachpresse aufgegriffenes Ereignis. Kernstück des Festivals waren die Auftritte der Böhsen Onkelz, die an zwei Abenden hintereinander jeweils 27 Songs aus den ersten bzw. zweiten zwölfeinhalb Jahren ihrer Existenz spielten.

Eine Möglichkeit, sich über dieses Festival im Nachhinein aus erster Hand zu informieren, bietet diese großformatige, rund 100 gebundene Hochglanzseiten umfassende Mischung aus Bildband, Sachbuch und Memoiren, die von Onkelz-Gitarrist Gonzo verfasst und von Fotokünstler Ralph Larmann im Jahre 2006 bei Iron Pages Books herausgeben wurde. Natürlich nimmt Gonzo diese Gelegenheit auch zum Anlass, zu resümieren, die Leserinnen und Leser an seinen Gedanken und Gefühlen zur Band und deren (wie man seit 2014 weiß vorläufigem) Ende teilhaben zu lassen. Die Bilder stammen von Ralph Larmann, der seine Festivalimpressionen zumeist künstlerisch verfremdete und sie dadurch unwirklich, schemenhaft, wie leicht verblasste Erinnerungen erscheinen lässt, diese aber mit gestochen scharfen Fotos Gonzos – sogar mit Frau und Kindern – kontrastiert. Aus der Bildauswahl wird deutlich, dass Gonzo hier um Mittelpunkt steht und es um seine ganz persönlichen Eindrücke und Erinnerungen geht – seine Bandkollegen spielen daher eine untergeordnete Rolle.

Nach einem Vorwort sowie einem Rückblick in seine musikalische Sozialisation reflektiert Gonzo einige Seiten lang seine Band und ihr Wirken, stellt noch einmal klar, dass er keinesfalls als Rechtsradikaler in die Musikgeschichte eingehen wollte, äußert aber auch Verständnis für diejenigen, die der Band skeptisch gegenüberstehen. Das Selbstverständnis der Onkelz als ein möglichst breites Spektrum an Hörerinnen und Hörern erreichen und ihnen universelle, von Tages-/Parteipolitik losgelöste Botschaften vermitteln wollende, für Rebellion gegen Kleingeistigkeit, Angepasstheit und Mitläufertum stehende Band lässt sich ebenso herauslesen wie das gespaltene Verhältnis zur Presse. Interessant ist seine Aussage zum Wechsel zur Plattenfirma Bellaphon Anfang der 1990er: „Die Presse hatte uns bis dahin gar nicht zur Kenntnis genommen oder uns einfach totgeschwiegen.“ Das stünde in einem gewissen Widerspruch zu den bereits vorher veröffentlichten Songs „Lügenmarsch“ und „10 Jahre“, in denen Presse/Medien kräftig ihr Fett wegkriegen. Das dürfte sich jedoch widersprüchlicher lesen, als es gemeint war, denn in der Tat waren auch vor den großen Kampagnen Teile der Medienlandschaft zumindest vereinzelt in unseriöser Weise auf die Band angesprungen, die sich wiederum bis ins Jahr 1986 hinein aufgrund ihrer Bühnenpräsentation Rechtsextremismusvorwürfe zurecht gefallen lassen musste. Das in diesem Zusammenhang von Gonzo erwähnte Interview mit der Postille „Metal Hammer“, das er aufs Jahr 1988 datiert, dürfte jenes aus dem Jahre 1987 gewesen sein. Aber das nur am Rande.

Der Hauptteil des Buchs dreht sich schließlich ums Festival, das laut Gonzo seine Idee gewesen ist. Wie selbstverständlich erzählt er davon, wie er in einem Luxushotel residierte, und es fallen Sätze wie „Die nächsten Tage werden dann erst einmal mal mit Einkäufen zugebracht. Meine Bühnengarderobe muss vervollständigt werden […]“, die der Street Credibility nicht wirklich zuträglich sind. Man erfährt aber auch, dass er sich seine Gitarren mittlerweile selbst zusammenbaute, um den verschiedenen Sounds der unterschiedlichen Songs vollauf gerecht werden zu können – was nach nerdigem Soundtüftler klingt, der nichts dem Zufall überlässt. Und dass er sich privat für Hot Rods interessiert passt zu den Autorennen, die Teil der Rahmenprogramms waren: Dragster-Rennen trafen auf verrückte bis absurde Kleinwagenduelle. Sein eigentlicher Festivalbericht ist dann ein weitestgehend gelungener Spagat aus dem Versuch, zahlen- und faktenunterfüttert das Ausmaß auch technisch und logistisch begreifbar zu machen (Tonmeister Gerd Gruss und Tourleiter Thomas Hess kommen persönlich zu Wort), aus diversen, auch erheiternden Anekdoten und seinen Gefühlen auf der Bühne.

Schade ist jedoch, dass Gonzo mit kaum einer Silbe auf die zahlreichen Vorgruppen eingeht, darunter immerhin Kaliber wie Motörhead und Rose Tattoo. Ebenfalls kaum Erwähnung findet Onkelz-Bandkopf Stephan Weidner, mit dem sich Gonzo seinerzeit im Clinch befand – worüber man hier jedoch auch nichts erfährt. Auch der Hauptgrund für die Bandauflösung – Sänger Kevin Russells Polytoximanie und Drogenabhängigkeit, die ein Weitermachen nicht mehr erlaubte – bleibt ausgespart. Darüber, diese nicht an die Öffentlichkeit zu tragen, bestand Einigkeit in der Band. Ein inhaltlicher Fehler hat sich auf S. 52 eingeschlichen: Das erste Liveset erstreckte sich nicht von den Alben „Böse Menschen – böse Lieder“ bis „Wir ham‘ noch lange nicht genug“, sondern von „Der nette Mann“ bis „Heilige Lieder“. Irgendwo steht „Blackmoore“ statt „Blackmore“, aber das sei ebenso wie die nur wenigen Interpunktionsfehler verziehen.

Gonzo schließt seine Ausführungen mit einem positiven Ausblick, der gewissermaßen an seine spontane letzte Bühnenansage auf dem Lausitzring anknüpft, in der er sich gegen Trauer und Schwermut richtete und richtigerweise darauf verwies, dass die Platten und die Songs doch erhalten bleiben – was leider nichts daran änderte, dass unmittelbar nach Bandauflösung die nervigsten Epigonen und Kopisten von der Musikindustrie gehypt wurden, auch von denjenigen, die die Onkelz zuvor jahrelang mit dem Arsch nicht angeguckt hatten. Bourgeoise völkische Nationalisten wie die Italiener Frei.Wild galten plötzlich als tragbar und sollten die kommerzielle Lücke füllen, die nun entstanden war. Um einen ersten Eindruck von diesem Festival aus Sicht eines Onkelz-Musikers zu erlangen, scheint mir Gonzos und Ralph Lermanns Buch ebenso gut geeignet wie als Erinnerungsstück für diejenigen, die vor Ort waren. Wer große Überraschungen oder Enthüllungen, bisher unter Verschluss gehaltene Band-Interna oder gar persönliche Abrechnungen erwartet, ist hier aber an der falschen Adresse.

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