Günnis Reviews

Autor: Günni (page 23 of 115)

09.09.2022, Goldener Salon, Hamburg: ORÄNGÄTTÄNG + SHITSHOW + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

„Lobusch goes Hafenklang“, lautete das Motto: Ein paar im selbstverwalteten Wohn-/Veranstaltungs-/Proberaum-Komplex in der Lobuschstraße probende Bands sollten unentgeltlich im zum Hafenklang gehörenden Goldenen Salon auftreten, um das Minus, das die Covid-19-Pandemie-bedingten Schließungsphasen in die Kasse gerissen hatten, etwas abzufedern. Zusammen mit der Lobusch-Hausband JAUCHENPUMPE sollten’s derer vier werden, krankheitsbedingt blieben die o.g. drei übrig. Zusätzlich wurde eine liebevoll gestaltete Tombola mit etlichen kuriosen bis verdammt töften Gewinnen anberaumt, die auf viel Zuspruch stieß; diverse Merch-Stände rundeten das Ambiente ab. Jede Band durfte sich ‘ne XXL-Pizza beim Bringdienst aussuchen und bekam Freibier sowie zusätzliche Getränkemarken. Eigentlich alles knorke, bis auf den Umstand, dass unser Basser Holler sich die Seuche eingefangen hatte und wir daher ohne ihn auftreten mussten…

Schon am Nachmittag hatten sich meine Bandkollegen zusammen mit Teilen der Veranstalter auf den Weg gemacht, um das Equipment rüberzuwuchten und aufzubauen. Eisenkarl bastelte das Schlagzeug zurecht und trommelte sich sowie das Instrument so lange warm, bis der Sound stimmte. Ich stieß etwas später direkt von der Lohnarbeit kommend hinzu und musste diese erst mal mit ein paar Bierchen abschütteln. Der Einlass war mit 19:00 Uhr relativ früh terminiert und wurde offenbar ernstgenommen, denn überraschend schnell füllten sich der direkt an der Elbe gelegene Vorplatz und der Club.

Damit Drummer Vic, den sich SHITSHOW und ORÄNGÄTTÄNG teilen, nicht zwischen seinen Gigs pausieren muss und wir nicht als letzte Band ranmüssen, machten wir um Punkt 21:00 Uhr den Anfang. Unabhängig von Hollers Ausfall hatten wir geplant, mit unserem ehemaligen Drummer Dr. Tentakel, der in den verdienten Ruhestand gegangen war, die ersten zwei Songs zu zocken, damit er sich noch einmal vor einheimischem Publikum verabschieden kann. Für „Tales of Terror“ und „Elbdisharmonie“ wechselte also Eisenkarl an den Bass, danach wieder an die Drums und wir spielten ohne Bass weiter. Dieses Kuddelmuddel versuchte ich den Anwesenden von der Bühne aus zu erklären. Tatsächlich klappte es wie intendiert: Tentakel zockte noch mal die alten Schoten und heimste sichtlich gerührt Szenenapplaus ein. Danke, Doc!

Um den fehlenden Bass zu kompensieren, improvisierten wir im Anschluss ein wenig: Wir doppelten die tiefen Gitarrenfrequenzen, um akustisch so etwas wie einen Tieftonteppich zu suggerieren, Bass-Intro-Parts spielte Kai auf der Klampfe, Soloparts und Background-Gesang entfielen zwangsläufig. Gemessen an den Umständen funktionierte das passabel, wenn ich auch die Bühne als unangenehm leer empfand. Dass unser erst zweiter Gig seit der langen Zwangspause in einem derart gut gefüllten Saal stattfand, machte mich auch glatt wieder ein bisschen nervös. Ich kam mir jedenfalls hüftsteifer als zuletzt vor, versemmelte den letzten „Montag, der 13.“-Refrain und verschüttete ein Bier, woraufhin mir jemand tatsächlich einen Putzlappen auf die Bühne warf. Dafür stießen wir mit unserem herben Sound auf offene Ohren, erhielten Zuspruch (sowie Beleidigungen aus dem engeren Bekanntenkreis :D) und spielten zum Dank am Ende auch ohne Holler „ACAB“, jene hektisch gesungene Nummer seiner derzeit inaktiven Band PROJEKT PULVERTOASTMANN, die keinerlei Luftholen gestattet. Alles in allem dürften wir uns recht achtbar aus der Affäre gezogen haben. Krischan drehte freundlicherweise ein Video von uns und packte es auf YouTube, wo es gleich mal mit ‘ner Altersprüfung versehen wurde…

Bühne frei für Hamburgs derzeit heißesten Scheiß: Über die aus den Trümmern von SORT OF SOBER entstandenen SHITSHOW spricht man nur in Superlativen, umso gespannter war ich auf den Auftritt. Das Quartett aus Marta (ex-SORT OF SOBER, Bass), Vic (u.a. ORÄNGÄTTÄNG, Drums), Krischan (ex-SORT OF SOBER/ORÄNGÄTTÄNG, Gitarre) und Julia (Gesang) spielt ziemlich mitreißenden Punkrock der ‘77er-Schule mit ordentlich Dampf unterm Kessel, Rotz in der Stimme und Hitfaktor, sodass es nicht zuletzt aufgrund der entfesselten Bühnenshow wenig verwunderlich war, dass vor der Bühne kollektiv am Rad gedreht und ekstatisch getanzt wurde. Das eigene Material wurde mit Coverversionen von DEAD MOON und NEW ORDER (ja, „Blue Monday“!) angereichert. Die meisten Songs sind knackig kurz und bilden fettfreie Filetstücke des Rotzlöffelpunks. Bitte dranbleiben, nicht auswimpen und nicht schon nach der zweiten 7“ wieder auflösen! Die pressfrische Debüt-7“ hatte ich mir ungehört schon vorher eingesteckt und es nicht bereut. Coolste Sau des Abends war in jedem Falle Gitarrist Krischan, der von der Bühne aus verkünden konnte, bei der Tombola eine Lederjacke und damit einen der Hauptgewinne eingesackt zu haben, den er dann auch gleich stolz auf der Bühne trug.

ORÄNGÄTTÄNG sind diejenigen dieses Abends, die schon am längsten existieren, sodass die meisten gewusst haben dürften, was sie erwartet: Wie vom Affen gebissener HC-Punk mit Schrammel-Ecken und T(h)rash-Kanten, englischen Texten und seit einiger Zeit gern auch Crossdressing (das ist keine Salatsoße, sondern bedeutet, dass die drei Herren sich in Damenkleidung/-perücken/-schminke präsentieren) sowie diesmal auch einer Extraportion Bühnennebel. Dieser muss mitverantwortlich sein für die nebulösen Erinnerungen, die ich an den Gig habe… Dem Trio gelang es, das Stimmungslevel hochzuhalten, hin und wieder ließ auch ich mich in den Tanzmob schubsen. Details zum Auftritt bitte woanders erfragen; ich erinnere mich neben der exaltierten Bühnenshow noch an einen gut durchpeitschenden Sound, durch den jedoch gerade zum Ende hin der Gesang immer schwerer durchkam – was sich beim SCHLEIMKEIM-Cover natürlich relativierte, das hat jede und jeder mitgesungen. ORÄNGÄTTÄNG sind live ‘ne sichere Bank und Stimmungsgarant!

Ich blieb noch, bis es kein Bier mehr gab, und wankte dann mit meiner Liebsten nach Hause. Das war die bis jetzt vielleicht beste Party des Jahres – danke allen, die sie ermöglicht haben! Es freut mich insbesondere, dass derart viele dem Aufruf gefolgt sind und sich bei Eintritt auf Spendenbasis solidarisch mit der Lobusch und dem Ethos dahinter gezeigt haben.

Wir spielen nächste Woche Donnerstag. 22.09. noch im Viertelzimmer Münzviertel zusammen mit SOCIAL EXPERIMENT aus Schottland, bevor wir unsere Live-Aktivitäten in Hamburg für den Rest des Jahres wieder zurückschrauben.

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts jungfräuliche Katastrophen

Katastrophen und kein Ende in Sicht – so nicht nur in der realen Welt, sondern auch in der relativ behüteten des pubertierenden schwedischen Jungen Berg Ljung, „Held“ einer fünfzehnbändigen Jugendbuchreihe der schwedischen Vettern, Lehrer und Schriftsteller Sören Olsson und Anders Jacobsson. Diese enthalten Berts Tagebucheinträge vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr und bilden so etwas wie eine launige, sich eigentlich eher an Gleichaltrige richtende Coming-of-Age-Reihe, die zwischen 1987 und 1999 im schwedischen Original und zwischen 1990 bis 2005 in den deutschen Fassungen bei der Verlagsgruppe Friedrich Oetinger erschien.

Wer meine Buchkritiken verfolgt, weiß, dass es sich bei meinen Exemplaren um Tauschschrankfunde handelt, auf die ich mit durch mein Faible für comichafte, bunte Covergestaltung (auch dieses ist wieder ein echter Hingucker) und Coming-of-Age-Geschichten aufmerksam wurde, durch die ich mich bisher aber mehr durchquält habe als dass ich sie genossen hätte – was sich erst mit dem siebten Band „Berts Megakatastrophen“ änderte. „Berts jungfräuliche Katastrophen“ sind dessen direkte Fortsetzung aus dem Jahre 1995 (Schweden) bzw. 1997 (Deutschland). Einmal mehr versuchen sich Olsson und Jacobsson an der Perspektive eines (sporadisch, nicht täglich) tagebuchschreibenden Jugendlichen, um ihre Zielgruppe zu unterhalten und im Idealfall den einen oder anderen Erkenntnisgewinn zu vermitteln, ein bisschen durch die Pubertät zu helfen.

Mit rund 150 Seiten im relativ großzügigen Zeichensatz fällt dieser Band 8 wieder etwas schmaler als der Vorgänger aus. Wie üblich sorgen Sonja Härdings cartooneske Bleistiftzeichnungen für zusätzliche Auflockerung. Im Gegensatz zu Band 7 ist man (bzw. Bert) wieder dazu übergegangen, seine Einträge mit dem jeweiligen Datum zu versehen. Der Zeitraum erstreckt sich vom 25. Dezember bis zum 11. Februar. Bert ist solo, aber notgeil und macht auf cool. Sein potenzielles erstes Mal verpatzt er im Rahmen einer privaten Hausparty (dem Schrecken aller Eltern) allerdings grandios. Seine Mutter bekommt eine Midlife-Krise, seine Eltern streiten sich ständig und können nichts mehr miteinander anfangen, die Oma wird krank. Inmitten dieser Gemengelage sieht sich Bert mit typisch pubertären Irrungen und Wirrungen, einem unklaren Verhältnis zu seiner Ex-Freundin Nadja und nicht zuletzt daraus resultierenden handfesten Enttäuschungen ebenso konfrontiert wie mit sich aufgrund eigener Freundinnen abkapselnder Freunde.

Vieles wird karikierend bis nahezu satirisch überspitzt dargestellt, was gar nicht schlecht mit Berts Bemühen um Abgeklärtheit und der Weltsicht eines glücklicherweise nicht unter Halbstarkendepressionen oder dem Borderline-Syndrom leidenden Heranwachsenden korrespondiert – in dieser Hinsicht haben die Autoren das Authentizitätsproblem bewältigt, das ich mit früheren Bänden hatte. An anderer Stelle verspüre ich eben dieses dann aber doch wieder: Bert ist 15, fast 16, aber gegen Alkohol. Ist das typisch Schweden? Wohl eher nicht, sondern vielmehr ein Versuch, der schwedischen Staatsräson folgend Alkoholgenuss zu verteufeln. Kein Wunder, dass es bei Bert nichts mit dem Pimpern wird…

Dieser schließt seine Tagebucheinträge hier übrigens stets mit einem kleinen Gedicht, aber keine Sorge: Von einem Lyrikband sind „Berts jungfräuliche Katastrophen“ weit entfernt. Wie der Vorgänger endet auch diese Fortsetzung mit einem Cliffhanger, kurz vor Berts 16. Geburtstag: Wird er mit Nadja Sex haben? „Berts jungfräuliche Katastrophen“ sind ein einfaches, meist recht oberflächliches, aber durchaus kurzweiliges Vergnügen, das eine erwachsene Leserschaft in erster Linie daran erinnern dürfte, weshalb es ein Segen ist, kein Teenager mehr zu sein. Bislang der stärkste Band der Reihe.

Sascha Theisen (Hrsg.) – Nach vorne! TORWORT-Geschichten über Fußball

Der für seine Sportbücher bekannte Göttinger Die-Werkstatt-Verlag veröffentlichte im Jahre 2010 diese rund 160-seitige Anekdotensammlung, die im Taschenbuchformat 25 Geschichten aus der von Herausgeber Sascha Theisen initiierten „Torwort“-Lesereihe umfasst. Gesprochenes nun also erstmals zum gemütlichen Nach- oder Erstlesen, handverlesen, kuratiert und mit sieben eigenen Beiträgen vom Herausgeber angereichert.

Neben Theisen versammeln sich Fußballexpert(inn)en und -Fans wie Axel Formeseyn, Philipp Köster und Jens Kirschneck aus der „11 Freunde“-Redaktion, der Schweizer Fernsehreporter Peter Balzli, Humorist Fritz Eckenga, TV-Redakteurin Daniela Schulz sowie viele weitere, deren Namen dem/der einen oder anderen geläufig sein werden, vielen hingegen eher nicht, und das ist letztlich auch schnurz. In einem sind sie sich nämlich einig, und darauf kommt es hier an: Alle empfinden eine ehrliche, herzliche Leidenschaft für den Fußballsport, von spektakulären Weltmeisterschaften bis runter in die Kreisklasse. Die Schreiberinnen und Schreiber verfügen über ein hohes Maß an Selbstreflektion, das jedoch nichts an ihrer irrationalen Faszination für Tritte gegen rundes Kunstleder ändert. Diesem Umstand begegnen sie gern mit einem sympathischen Maß an Selbstironie.

Dieses schlägt sich in den überwiegend lesenswerten Anekdoten zwischen ein und dreizehn Seiten Umfang nieder, die zwischen melancholisch gefärbten Kindheits- und Jugenderinnerungen, unbändiger und ungebrochener Begeisterung(sfähigkeit) sowie lakonischem bis, wie bereits angedeutet, selbstironischem Humor pendeln. Auffallend oft wohnt ihnen das beinahe stoische Ertragen von Enttäuschung und Verzweiflung, nicht nur auf und um dem Fußballplatz herum, inne – wahre Fußballfans sind eben leidgeprüft und -fähig. Mal dominiert der Fußball die Geschichten und Geschichtchen, mal wiederum geht es eigentlich um etwas ganz anderes.

Für mich persönlich besonders heraus stechen Daniela Schulz’ Protokoll ihrer Männerfußballfan-Werdung – die sich auch nicht absurder liest als manch typisch männliche Variante klingt –, Peter Balzlis köstliche, weil pannenreiche Einblicke in seine Tätigkeit als Brasilien-Korrespondent während der WM 2006, Ben Redelings wunderbare, auch ein bisschen augenzwinkernde Ehrerbietung an Mario Krohm von Alemannia Aachen und Sascha Theisens Verarbeitung seines kindlichen Traumas, in der Halbzeit ins Bett zu müssen.

Für stumpfe Fußballprolls ist das alles nichts. Für Freunde vergnüglicher, kurzweiliger Schmöker über (vermeintliche) Nebensachen, aus denen die eine oder andere Erzählung vielleicht auch den Weg ins Langzeitgedächtnis schafft, ist „Nach vorne!“ hingegen durchaus ein Tipp.

12.08.2022, Indra, Hamburg: D.R.I.

Einen Tag vor meinem ersten Erholungsurlaub des Jahres (endlich!) ging’s noch mal in den Indra-Club auf den Kiez, um nach etlichen Jahren tatsächlich mal wieder die texanische HC-Punk- und Crossover-Legende D.R.I. zu sehen, die sich ihrer 40th Anniversary Tour befand. Eine Vorband zu finden war offenbar nicht so einfach, sogar uns (DMF) hatte man angefragt – doch unabhängig von meinen Plänen herrschte bei uns noch Urlaubssaison. Dann eben ohne! D.R.I. hatten, so erfuhr ich am Einlass, zwei verschiedene, von einer Pause unterbrochene Sets geplant, was sich schon mal vielversprechend anhörte. Im anheimelnden Biergarten hatte die Band ihren Merchstand aufgebaut, hinter dem bis kurz vorm Gig Shouter Kurt Brecht persönlich die Waren feilbot.

Das Publikum im ordentlich gefüllten, aber nicht ausverkauften Indra war die erwartete Mischung aus HC-Volk, Headbangern und Punks, die dem kleineren bewegungswütigen Teil großzügig die Fläche vor der Bühne überließ. D.R.I. spielten eine ziemlich geile Mischung aus den kurzen eruptiven HC-Songs der Frühphase über den spritzigen, flotten HC-/Metal-Crossover (den sie miterfanden) bis hin zum Mut-zum-Midtempo-Sound, der in den 1990ern Hits wie „Acid Rain“ hervorbrachte. Die Herren im mittlerweile gesetzteren Alter agierten routiniert, aber nicht gelangweilt. Gitarrist Spike Cassidy ließ sich für seine Soli von den Langhaarigen feiern, und wie locker Drummer Rob Rampy die treibenden Beats aus dem Handgelenk schüttelt, ist nach wie vor aller Ehren wert.

Zwischendurch kam es zu einem kuriosen Vorfall: Jemand aus meinem Bekanntenkreis schnappte sich überraschend den Papiermülleimer der Herrentoilette und entleerte ihn mitten im Set auf der Bühne. Beifall- oder Unmutsbekundung? Das wusste er wohl selbst nicht so genau, die verdutzte Band jedenfalls fasste diese Aktion tendenziell eher als Affront auf. „Ok, I see: Now it’s a gig against the crowd!”, und dieser beflügele ihn besonders, ließ Kurt wissen – und trat weiterhin, nun zwischen etlichen Zellstoffknüllen, kräftig Arsch. Auch ich ließ mich zu manch Tänzchen hinreißen, schwitzte an diesem heißen Augusttag wie die Sau und fragte mich nach jedem Song, wann denn wohl die versprochene Pause kommen würde. Pustekuchen! D.R.I. zockten durch und beendeten den Gig erst nach gefühlt 35 Songs. Besonders freute ich mich über meine Favoriten „Couch Slouch“, „Manifest Destiny“, „5 Year Plan“ und „Thrashard“, die allesamt in einem wuchtigen, aber crunchigen Sound dargeboten wurden. Von mir aus hätte seitens des Publikums gern noch mehr ausgerastet werden dürfen, andererseits konnte ich so unfallfrei die Bewegungsfreiheit vor der Bühne genießen.

Anschließend ging’s noch auf ‘nen Absacker und ‘ne kräftige Dosis Sauerstoff in den Biergarten (und kurz ins Semtex), diesmal aber ohne es zu übertreiben. Fazit: D.R.I. waren genau das Richtige, um sich nach einer stressigen Zeit und unmittelbar vorm Urlaub noch mal schön die Ohren durchblasen zu lassen, bevor’s für zwei Wochen an den Ostseestrand ging und fast nur noch die BEACH BOYS aus der Konserve aufspielten.

Hans Traxler – Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Der gebürtige Tscheche Hans Traxler gehörte zur Redaktion des „Titanic“-Satiremagazins und verdingte sich als Cartoonist, Illustrator und Autor. In seinem Buch „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, ursprünglich im Jahre 1978 im Frankfurter Zweitausendeins-Verlag erschienen, begab er sich aufs Gebiet der „Märchenarchäologie“ und kam mit wissenschaftlicher Akribie einem handfesten Skandal und kaltblütigen Mordfall auf die Spur, den die Gebrüder Grimm mit ihrem berühmten Volksmärchen zu vertuschen halfen. Mir liegt ein Exemplar der Auflage aus dem Jahre 1988 der seit 1983 bei Rowohlt verlegten Taschenbuchausgabe vor. Über rund 120 Seiten inklusive Fotografien Peters v. Tresckows, dem originalen Märchen, Literaturverzeichnis, Zeittafel und Personen-/Sachregister erstrecken sich Traxlers Forschungen, mit denen er bei Georg Ossegg, dem Erfinder der Märchenarchäologie, anknüpfte – und die eine ganz vorzügliche Satire auf (Pseudo-)Wissenschaften darstellen.

Dass diese ursprünglich nicht als solche gekennzeichnet war und ohne jede karikierende Überzeichnung auskommt, ließ nicht wenige Leserinnen und Leser sowie Kritikerinnen und Kritiker seinerzeit glauben, es mit echten Forschungsergebnissen zu tun zu haben – zumal Traxler seiner fiktionalen Figur Georg Ossegg eine ausführliche Biographie angedeihen lässt. Traxler beherrscht den populärwissenschaftlichen Schreibstil perfekt und liefert eine schlüssig wirkende Beweiskette zutage, nach der Hänsel und Gretel eine harm- und arglose Zuckerbäckerin im Auftrag des Nürnberger Lebkuchenklüngels erschlugen. Dafür bedient er sich literaturwissenschaftlicher und eben archäologischer Methoden, fälscht historische Dokumente, zeigt bedeutungsschwangere Fotografien (die er entsprechend kontextualisiert) und gerät anfänglich vielleicht etwas zu leicht auf die richtige geographische Spur.

Jedoch ist man gern geneigt, ihm zu glauben, denn er fügt wie in einem guten Krimi ein Puzzleteil ans andere und ist einer großen Sache auf der Spur, die vor dem Hintergrund ja bedauerlicherweise ganz realer kapitalistischer Abgründe, Frauenfeindlichkeit und religiös verbrämter „Hexenprozesse“ (sprich: Folter) tatsächlich Sinn ergeben würde. Damit gerät „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ auch ein gutes Stück weit zu einer Kritik an den Grausamkeit vergangener Jahrzehnte und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart. Seine ganze Qualität mag dieses Büchlein, dieses Schelmenstück, entfaltet haben, als über den satirischen Gehalt noch nichts bekannt war; aufgrund Traxlers hervorragenden und sich konsequent an seinen populärwissenschaftlichen Vorbildern orientierenden Schreibstils bereitet es aber auch mit diesem Wissen diebische, kurzweilige Freude, die zugleich länger nachwirkt – und im Idealfall, gerade in Zeiten grassierender absurder Verschwörungstheorien und -ideologien, die eigene kritische Medienkompetenz zu schärfen hilft.

Nicht zuletzt ist „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ bestimmt auch ein schönes Geschenk für all diejenigen, die aufgrund ihres Bildungswegs oder ihrer eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit viel zu häufig nicht ganz unähnliche, jedoch gänzlich nichtsatirische Texte zu lesen gezwungen sind…

29.07.2022, Indra, Hamburg: 10 Jahre Tanztee-Soundsystem mit SKASSAPUNKA + GHOSTBASTARDZ + ACULEOS + BOLANOW BRAWL

Es ist die Zeit der Jubiläen: Kürzlich noch bei 8 Jahre Beyond Borders gewesen, nun also 10 Jahre Tanztee-Soundsystem. Vor zehn Jahren haben sich auch BOLANOW BRAWL gegründet, meine unheimlich veröffentlichungsfaule Streetpunk-Band, mit der wir für meine andere Band DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS eingesprungen waren. Diese sollten nämlich eigentlich spielen, entfielen aber aufgrund privater Terminkonfusionen. Es ist eben immer gut, eine Zweitband zur Hand zu haben…

Die passte eigentlich auch besser auf dieses Skinhead-affine zweitägige Festival im Indra, auf dem sich Livebands mit DJ-Sets die Klinke in die Hand gaben. Die rührigen Veranstalter Torben und Anne umsorgten uns mit Speis und Trank und dürften zu den nettesten und entspanntesten Tanzteetrinkern der Szene zählen. Unser Soundcheck lief eigentlich problemlos, die Regel will es aber, dass immer mindestens eine Monitorbox rumzickt (offenbar echt sensibel, diese Dinger). Diesmal gab Oles Monitor keinen Laut, weshalb er kurzerhand gegen ein funktionstüchtiges Exemplar ausgetauscht wurde (der Monitor, nicht Ole). Endlich auch selbst mal auf der Indra-Bühne zu stehen, fand ich schon beim Soundcheck geil, und dass ich ‘nen famosen Monitorsound vom Soundmann gezaubert bekam, war dann die Kirsche auf der Sahnehaube.

Draußen wurde der Grill und drinnen das erste DJ-Set angeworfen, wir begannen, uns zu betrinken und spielten pünktlich ab dem Anpfiff um 21:00 Uhr ein 35-Minuten-Set vor einem sehr sympathischen Publikum, das in beachtlicher Anzahl die allererste Band des Abends begutachtete. Abgesehen vom Umstand, dass Gitarrist Christian in einer halben Stunde drei Stimmpausen unterbringen musste, flutschte alles gut durch und hat so richtig Laune gemacht.

Die Prager SHARP-Band ACULEOS trat ebenfalls in Fünferbesetzung mit zwei Klampfen an und spielte ‘nen recht rauen Oi!-Stiefel mit vornehmlich in Landessprache verfassten Texten. Apropos Stiefel: Der Sänger hatte sich offenbar den Fuß gebrochen und daher selbigen in einem medizinischen Moonboot stecken. Die meiste Zeit über nahm er auf einem Barhocker Platz, zuweilen stand er aber auch kurz auf. ACULEOS ließen eine Whiskey-Buddel im Publikum kreisen, erregten Aufsehen mit einem im mittleren oder hinteren Teil des Sets integrierten, arschgeilen englischsprachigen Song und coverten die 8°6 CREW mit neuem Text („Rebels“). Die THE-OPPRESSED-Nummer „Work Together“ beschloss den regulären Teil des Sets, doch auf die zahlreichen Forderungen nach einer Zugabe hin fasste man sich ein Herz und spielte einen auf der PENNYWISE’schen „Bro Hymn“ basierenden Song, der im Refrain „Skinhead fight tonight“ oder so verlauten ließ und keinesfalls derart in die Länge gezogen wurde wie das Original, sondern viel zu schnell schon wieder vorbei war. Klasse Gig, der entsprechend gut ankam und die allgemeine Stimmung weiter steigerte. Würde ich mir gern beizeiten noch mal ansehen.

Die nachfolgenden Bands GHOSTBASTARDZ und SKASSAPUNKA bekam ich – entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten – nur noch am Rande mit, weil ich mich erst draußen im Biergarten festquatschte und es dann genoss, einfach dort zu bleiben. Sorry! Ich glaube, meine Aufmerksamkeitsspanne war für diesen Abend auch einfach erschöpft. Ach ja, zwischendurch wurde noch Bingo gespielt; und beide Bands wurden wohl gebührend gefeiert und dürften ebenfalls ‘ne verdammt gute Zeit gehabt haben. Am nächsten Tag war ich anderweitig eingespannt. Dem Vernehmen nach war’s Samstag insgesamt wohl etwas weniger Publikum, das sich Bands wie VIETSMORGEN, ASHPIPE, CITY SAINTS u.a. reinzog. Ich hoffe, dass auch dieser Abend dennoch gelungen war und alle auf ihre Kosten gekommen sind.

Glückwunsch zu zehn Jahren Tanztee; danke, dass wir einspringen durften und so gut umsorgt wurden! Auf die nächsten zehn!

P.S.: Danke auch an Svenja für die Fotos unseres Gigs sowie an Small-Town-Timo für diesen Videoausschnitt:

Jan Off / Knut Gabel – Kreuzigungs-Patrouille Karasek. Neues aus der Braunschweiger Sonderschule

Von 1993 bis 2004 erschien im Braunschweiger Verlag Andreas Reiffer die Social-Beat-Literaturzeitschrift SUBH – die nie meine Wege kreuzte. Die Sonderausgabe Nummer 7 aus dem Jahre 1997 entdeckte ich jedoch in einem Hamburger Tauschschrank. Das wie ein DIN-A5-Fanzine aussehende, 48-seitige Heft trägt den Titel „Kreuzigungs-Patrouille Karasek – Neues aus der Braunschweiger Sonderschule“ und enthält Kurzgeschichten des Punk-Literaten Jan Off (offenbar seine dritte Veröffentlichung überhaupt) sowie Comics und Zeichnungen Knut Gabels. Die Geschichten sind sauber zweispaltig im Blocksatz gesetzt und wurden von Gabel mit großflächigen Schwarzweißzeichnungen eher groben Strichs illustriert. Offs „Deutschnationale Turnstunde“ greift die Obrigkeitshörigkeit von Neonazis auf und macht sich über sie in einer fiktionalen Farce lustig, während er in „Muttertag“ Besuch von der Schamhaar-Polizei sowie diverse Anrufe, u.a. von Bundespräsi Roman Herzog und seiner Mutter, erhält. „Fotze“ schreibt er mit „V“. Gabels Funny-Comic „Münster – Krone der Gastlichkeit“ lebt von Asi-, Ekel- und Gewalt-Humor, der eigentliche Kniff aber ist die bewusst angesetzte Schere zwischen dem Gezeichneten und dem seriös geschriebenen Erzähltext.

Michaela Seul füllt eine Seite mit einem Zwischenruf zu Offs damals aktuellem Buch, bevor dieser – einmal mehr fiktional – von seiner Lesereise durch die Schweiz berichtet. „Das ukrainische Bordell“ ist eine weitere ausgedachte Sex’n’Violence-Story Offs. Das liest sich alles schnell und kurzweilig weg und ist leider ebenso schnell wieder vergessen. Mir ist das alles ein bisschen zu belanglos, der Sarkasmus zu bemüht und in der jeweiligen Pointe zu schwach, als dass es mich wirklich packen würde. Trash und Punk-Pulp, der reichlich Klischees verwurstet, aber kaum wirklich etwas zu sagen hat. Wesentlich interessanter hätte ich es gefunden, hätte Off anstelle seiner ausgedachten Geschichtchen aus dem wahren Leben berichtet, in dem man als Punk doch eigentlich so einiges erleben oder erlebt haben sollte. Oder wäre wenigstens der Stil ein realistischerer, der einem etwas über das echte Leben zu erzählen hat und einem vielleicht ein bisschen was mit auf den Weg gibt. Mit diesen absurden, fast ausschließlich auf Geschmacklosigkeiten basierenden Inhalten und dem distanzschaffenden Humor macht er es sich meines Erachtens jedoch zu leicht.

Bevor es unfair wird: Es ist allem Anschein nach jener bewusst gewählte Stil, mit dem ich einfach nicht viel anzufangen weiß. Ich reagiere auch jedes Mal genervt, wenn ich in einem Punk-Fanzine eine ach so provokative, aber eben komplett ersponnene, nie selbst erlebte, dafür umso übertriebener geschriebene Geschichte entdecke und neige zum Überblättern (jüngstes Beispiel: die unsägliche „Dr. Frederik Berndt“-Reihe im ZAP). Gut möglich, dass mich spätere Off-Werke mehr ansprechen würden, ebenso gut möglich aber, dass das alles einfach nicht mein Ding ist.

Nichtsdestotrotz hege ich eine gewisse Sympathie für den Underground-Charme dieser SUBH-Sonderausgabe, die es damals für 3,50 DM zu erwerben gab, bzw. vielmehr das Konzept dahinter.

23.07.2022, Gängeviertel, Hamburg: 8 Jahre Beyond Borders mit DIE SCHWARZEN SCHAFE + FREIDENKERALARM + DR. ULRICH UNDEUTSCH + GESTRÜPP

Fast zwei Wochen war ich in Homeoffice/Covid-19-Isolation, was mich beinahe in den Wahnsinn trieb. Quasi pünktlich zu den endlich wieder negativen Tests feierte die Beyond-Borders-Konzertgruppe ihr Achtjähriges mit einem zweitägigen Festival im großen Konzertsaal des Gängeviertels, was mir wie gerufen kam. Ich musste endlich mal wieder raus, verbrachte den Freitag aber noch im Erholungsmodus. Samstag jedoch raffte ich mich auf, um den zweiten Tag des Festivals mitzunehmen. Ein bisschen zu Hause vorgeglüht und nebenbei noch paar Dinge erledigt, dadurch die ersten GESTRÜPP-Songs verpasst. Es folgten aber noch einige, sodass ich mir einen ersten Eindruck dieser noch jungen Norderstedter Band aus dem SZ-Umfeld verschaffen konnte. Und dieser war positiv: Mit Kontrabass (gespielt von Szenetausendsassa Holli) und wechselnder Instrumentierung spielen GESTRÜPP recht eigenständigen Punk mit Folkeinflüssen. Die Sängerin, die ich noch von AUS DEM RASTER kannte, tauschte ihre Akustikklampfe zuweilen gegen Querflöte und andere folkloristische Instrumente. Das hatte trotzdem alles gut Schmackes, vor allem aber Stil und Atmosphäre. Hat mir gefallen, und beim nächsten Mal werde ich vielleicht auch pünktlich sein und mich besser auf die Band konzentrieren.

DR. ULRICH UNDEUTSCH aus dem Sachsenland hatte ich bereits zweimal genau hier gesehen. Zuletzt waren sie mit zwei Gitarren aufgetreten und hatten einen schön satten Sound, diesmal trat man wieder als Quartett mit nur einer Klampfe auf. Trotzdem gefiel mir die Band so gut wie nie zuvor – entweder haben sich meine Hörgewohnheiten geändert oder der „Undeutschpunk“, wie sie ihren Stil nennen, hat sich gemausert. Die Gitarre sägte amtlich und der flotte Hardcore-Punk wurde von der Rhythmussektion ordentlich nach vorne getrieben. Alles in allem ‘ne runde Sache und für meinen Geschmack hätte der Gesang gern noch etwas lauter gedurft, damit man vielleicht etwas mehr von den hörenswerten, gesellschafts- und politkritischen Texten aufschnappt.

Dies war nämlich beim Trierer FREIDENKERALARM der Fall, die einen Spitzensound bekamen und fast nach mehr als ‘nem Trio klangen: Von der Gesamtscheiße angepisste deutschsprachige Texte, melodisch mit angerautem Organ gesungen, ein angenehmes, tanztaugliches Tempo und vor allem unaufdringlich eingängige, zupackende Gitarrenmelodien bei stets präsentem Druck. Der erste Song klang hingegen noch völlig anders, schien aber eher Intro-Charakter zu haben. Die Darbietung wusste mich doch ziemlich zu begeistern, bis mir das Gequatsche zwischen den Songs zu viel Preaching-to-the-converted-Charakter annahm. Getoppt wurde das noch, als die Band das Publikum aufforderte, den antirassistischen Kniefall durchzuführen – und bis auf zwei, drei Menschen diesem tatsächlich alle nachkamen. Was als Solidaritätsausdruck auf großen Veranstaltungen oder bei TV-Übertragungen, wenn Millionen Augen auf sie gerichtet sind, absolut Sinn ergibt, erscheint mir vor spärlicher Clubkulisse unter Gleichgesinnten eher als kollektiver Akt der Masturbation. Und davon einmal abgesehen fühlt es sich befremdlich an, wenn antiautoritäre, anarchische Punks auf die Knie fallen, weil jemand von der Bühne aus sie dazu auffordert… Dem Gitarristen gelang übrigens das Kunststück, sich während des Gigs gleich zwei Saiten auf einmal zu zerreißen. Es wurde aber rasch Abhilfe geschaffen.

Dass ich DIE SCHWARZEN SCHAFE zuletzt live gesehen hatte, dürfte nicht nur eine halbe, sondern eine ganze Ewigkeit her gewesen sein. Mit ein paar Songs im Ohr hatte ich mich schon auf dem Hinweg in Stimmung gebracht – und jetzt richtig Bock. Sänger Armin hatte ich gar nicht erkannt, als ich ihn wegen seines blauweißen Brasilien-Trikots neben mir auf dem Klo scherzhaft mit „Schalke!“ oder so anlallte… Ich war überrascht, wie frisch die Herren im mittlerweile etwas fortgeschrittenen Alter (noch? wieder? erstmals?) klingen, zudem bekamen sie einen perfekten P.A.-Sound spendiert. Die Düsseldorfer spielten wirklich all ihre Hits – „Die Weber“, „Neue Rituale“, „So lang dabei“, „Zu spät“, „Nacht“ und wie sie alle heißen – und was mir davon geläufig war, sang ich begeistert mit. Während ich ausgelassen vor der Bühne herumsprang, bekamen erst ich und schließlich auch andere des fröhlichen Pogomobs das Mikro zum Mitsingen einzelner Textzeilen hingehalten, Publikum und Band waren schnell aufeinander eingegroovt und interagierten bestens miteinander. Die Ohrwurmmelodien der SCHAFE erstrahlten gegenüber manch alter Plattenaufnahme in vollem Glanz und wurden von einem supertighten Drummer mit so kräftigem Punch versehen, als sei jeder Schlag eine unmissverständliche Einladung zur grobmotorischen Expression. Ohne Zugabe wurde die Band nicht aus dem Viertel gelassen. Großartiger Gig, punk as fuck, Band in Höchstform, euphorisches Publikum – so muss dat. Wenn die irgendwo in der Gegend spielen: Hin da!

Vermutlich waren am ersten Festivalabend ein paar Besucherinnen und Besucher mehr da und pflegten nun ihren Kater, andererseits haben ja gerade fast alle Veranstalterinnen und Veranstalter mit einem gemessen an präpandemischen Zeiten deutlich zurückhaltenderen Publikum zu kämpfen. Ich vermute jedenfalls stark, dass vor ein paar Jahren noch wesentlich mehr Leute einem Abend wie diesem beigewohnt hätten. Der gelungenen Geburtstagsparty tat dies jedoch keinen Abbruch. Glückwunsch an Beyond Borders zum Achtjährigen!

Matthias Sesselmann – Revolution im Herzen. Ein Ex-68er begegnet dem echten Revolutionär

Die Einbandgestaltung mit auffällig roter Farbe, Straßenprotestfoto und stilisiertem „Antifa-proof“-Störer ist anscheinend darauf ausgerichtet, ein entsprechend affines Publikum anzusprechen. Dieses dürfte jedoch schnell dahinterkommen, dass dieses 100-seitige Mini-Taschenbüchlein ein sog. Missionstool (Selbstbezeichnung) des christlichen Münchner Soulbooks-Verlags ist, das 2015 in seiner ersten Auflage erschien und gestaffelt ab 1,- EUR abwärts rausgehauen wird, also in größerer Menge beispielsweise für Straßenmissionierungsaktionen erworben werden kann.

Das Vorwort stammt von den Glücklichen, die sich die gott.de-Domain sichern konnten; Autor Matthias Sesselmann blickt von der Buchrückseite als Jesus-Lookalike mit langen Loden und Augenringen an einem vorbei. Ein ‘68er sei er gewesen, verrät der Klappentext, nach dem „Woodstock-Desaster“ sei jedoch eine „heilsame Ernüchterung“ gefolgt. Der Titel verrät bereits eine Begegnung mit „dem echten Revolutionär“ – na, wer damit wohl gemeint sein wird…?

Der in 18 Kapitel unterteilte Text ist in angenehm großer Schriftgröße auf Recyclingpapier gedruckt und mit zahlreichen Schwarzweißfotos aus Sesselmanns Leben illustriert. Der Einband ist aus fester Pappe und die Mühe, ein Inhaltsverzeichnis voranzustellen, hat man sich auch gemacht. Sesselmann beschreibt die verschiedenen Stationen seines Lebens und, aufgrund seiner Eigenschaft als ehemaliger ‘68er-Polit-Hippie-Aktivist, somit auch der jeweiligen Politik sowie des in seinen Kreisen jeweils vorherrschenden Zeitgeists. Und das könnte alles typischer kaum sein: Demonstrationen und andere Protestaktionen, Ärger mit der Exekutive, Hausbesetzungen, alternative Zentren und schließlich Abkehr vom Radikalismus, Fremdeln mit nachwachsenden Generationen, Enttäuschungen, innere Einkehr und Sinnsuche. Dies ging einher mit Drogenkonsum, Interesse an „östlicher Mystik“, schließlich Drogenabhängigkeit und gesundheitlichen Problemen. Dann die Religion als Rettungsanker und Missionierung in Teestuben, um anderen „verlorenen Seelen“ zu helfen.

Über weitere Strecken lesen sich Sesselmanns Erinnerungen wie ein kurzweiliger, weil durchaus auch hier und da mit etwas Humor versehener Schnelldurchlauf einer typischen Hippiekarriere, die in einem bedenklichen Drogenmissbrauch mündet und als letzte Station der ewigwährenden Sinnsuche die christliche Religion entdeckt. Dass es Sesselmann dabei leider nicht um eine gesunde Spiritualität als Ausgleich zu einer materialistischen Welt geht, um Horizonterweiterung und Selbstfindung oder das Erreichen einer inneren Balance, sondern ums Beharren auf einer monotheistischen Religion mit Jesus als einzig wahrem Anführer, wird dann auf den letzten Metern deutlich, genauer: ab S. 84, wenn er von seiner Plauderei mit Barclay-James-Harvest-Mitglied Lees berichtet, der sich zu seinem Bedauern „nicht in seinem zusammengewürfelten Privat-Glauben“ habe „erschüttern“ lassen. Von nun an zeigt Sesselmann sein wahres Gesicht, geht weiter mit seinem Kontakten zu Bands und nun auch bis in die Politik hausieren, schildert seine Missionierungsversuche und stellt zum Ende hin noch einmal klar, dass man keinesfalls für verschiedene Glaubensrichtungen offen sein solle, sondern besser ausschließlich an Jesus glaube.

Dass ein ehemaliger Weltverbesserer nun einen solch anmaßenden, absolutistischen Ansatz vertritt, zeigt, dass er letztlich nichts – weder von Weltoffenheit und gegenseitiger Akzeptanz noch von den Ursachen der zahlreichen Konflikte auf dieser Welt – verstanden und stattdessen sein Seelenheil gefunden hat, indem er seine geistige Freiheit zugunsten einer monotheistischen religiösen Führergestalt aufgab. Damit landet dieses Buch in meiner kleinen Religionsecke beim anderen bedenklichen Propagandamaterial der Zeugen Jehovas und der Jesus Freaks. Fazit: Never trust a hippie.

30.06.-02.07.2022, Göteborg, Schweden: FRAGILE MOUNTAIN PUNK FESTIVAL

„Fraggles, das sind wir…“

Unser neuer Bassist Holler hat ‘ne Schweden-Connection und konnte für uns eintüten, dass wir auf dem ersten FRAGILE MOUNTAIN (Schwedisch für „Fraggle Rock“) spielen. Somit sollte unser erster Gig seit 7“-Veröffentlichung, Pandemie und Umbesetzung (Drummer Dr. Tentakel ging in Punkrockrente und übergab die Sticks an Eisenkarl, den Bass übernimmt seitdem Holler) direkt auf einem ausländischen Open Air stattfinden – zudem unser erster Auslandsgig überhaupt. Dadurch hatten wir ein Ziel vor Augen, auf das sich hinzuproben lohnte. Außerdem ging es um eine gute Sache: Die Göteburger Punkszene, organisiert als „GBG Punkpöbel“, wollte übers Festival Geld zusammenbekommen, um einen Ort für Punks und Ähnlichgesinnte finanzieren zu können. Ursprünglich waren wir für den Samstag vorgesehen, was mir gut gepasst hätte. Das änderte sich irgendwann, wir sollten Freitag spielen – was mich vor ein Problem stellte. Den ersten Arbeitstag eines Monats kann ich mir normalerweise nur freinehmen, wenn ich dessen Arbeit komplett am vorherigen Tag erledige. Den Ersten und den Tag davor freinehmen geht hingegen gar nicht. Das bedeutete: Donnerstag durchziehen und um 18:00 Uhr direkt nach der Maloche los Richtung Schweden. Unsere Spielzeit war auch immer weiter nach vorn gerückt, mittlerweile hieß es 14:40 Uhr. Der Plan war, bis nach Frederikshaven in Dänemark das Pedal durchzutreten und um 00:15 Uhr die Fähre nach Göteborg zu nehmen, um dort um 3:30 Uhr anzukommen und noch ein paar Stunden Schlaf vorm Auftritt zu kriegen.

Unsere Reisegruppe war illuster: Helldriver T-Check hatte seinen Neunsitzer gesattelt und Holler war schon ‘nen Tag früher abgereist, sodass neben uns übrigen drei Motherfuckern und meiner Liebsten noch weitere Freundinnen und Freunde des erlebnisorientierten Tourismus mitfahren konnten, darunter DK von Erroristic Subculture, der seinen Merchstand dabeihatte, und der für unseren eigentlichen Mercher Dr. Tentakel (leider gesundheitlich verhindert) eingesprungene Carlo, ebenfalls mit gut gefülltem Bauchladen. Britta und Shirin komplettierten die Entourage. Zig Paletten billiges Dosenbier warteten zudem im Kofferraum auf ihre Verköstigung (auf dem Festival herrschte Glasflaschenverbot). Ich kam als Letzter am Treffpunkt an, betrat den Wagen – und das Chaos nahm seinen Lauf.

„…tonnenweise Dosenbier…“

Aufgrund eines Missverständnisses schlug unser Fahrer den Weg zu einer falschen Fähre ein, was er sogar noch irgendwie gesagt hatte, ich als schlechtester Beifahrer der Welt aber gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Bei mir klingelte ohnehin nichts, weil sich Holler um die ganze Planung gekümmert und somit auch unsere Fähre gebucht hatte. Ich hatte zwar die Buchung ausgedruckt dabei, hätte aber nicht ohne abzulesen sagen können, von wo genau unsere Fähre überhaupt ablegen sollte. Relativ frühzeitig fiel das zwar auf und T-Check aktualisierte den Navi – doch, fuck:  Auch wenn wir von vornherein richtig gefahren wären, hätten wir’s zeitlich höchstens gerade so, mit Ach und Krach, rechtzeitig zur Fähre schaffen können. Das war uns Experten gar nicht so bewusst gewesen. Ohne viel Federlesens fasste T-Check den kühnen Entschluss, Fähre Fähre sein zu lassen und über die Brücke auf dem Landweg nach Göteborg zu heizen. Ein Mann, ein Wort. Ich durfte nun auch so viel trinken, wie ich wollte, da der Zeitplan ohnehin über den Haufen geworfen war. Das musste ich auch, allein schon, um die Vorstellung erträglicher zu machen, entweder während der Fahrt zu pennen zu müssen oder kaum noch Schlaf vorm Gig zu finden.

Foto: Kai

Dabei nicht bedacht hatte er allerdings, dass meine Ankündigung, beim Biergenuss ständig pinkeln zu müssen, keinesfalls übertrieben war. So hielten wir auf jedem zweiten Parkplatz, wobei jedes Mal die Dosen aus der Beifahrertür klöterten wie anno dazumal auf dem Weg zum Force Attack oder in seligen Prä-Dosenpfand-Zeiten. Trotzdem durfte ich den DJ machen und lieferte somit den Soundtrack zu dieser Tour de force. Mein Vorsatz, mich nicht schon auf der Hinfahrt zu betrinken, relativierte sich mit jeder getrunkenen Dosenplörre. Dann fiel auch noch der fünfte Gang aus, was uns langsamer zu fahren zwang. Später verabschiedete sich auch der Rückwärtsgang. Am Grenzübergang zu Schweden fragten die Beamt(inn)en, wat wir fürn Haufen seien, woraufhin unser Tross mit „a band“ antwortete. „Which band?“ entgegneten sie, worauf ich ihnen unseren Bandnamen entgegengelallt haben soll, was offenbar für einiges Amüsement sorgte. Kurz vor Ankunft auf dem auf einem Berg gelegenen Gelände (eine zugeschüttete ehemalige allwissende Müllhalde?) am Rande eines Industriegebiets pennte ich ein, kurz vor 7:00 Uhr morgens kamen wir endlich an. Mein erstes Mal in Schweden! Was würde mich erwarten? Ein Festival voller Pippi Langstrumpfs und Michels, die Kinder von Bullerbü als Festival-Crew? Äh, nein. In Empfang nahm uns einer der Ordner, der ausschließlich schlechte Nachrichten für uns hatte. Der Wind hatte das geplante Merch-Zelt zerstört und – Zusammenhang? Unklar. – wir könnten mit dem Wagen dort nicht so stehen bleiben, und sowieso und überhaupt.  Übermüdet und ein bisschen angenervt von allem winkte unser Fahrer ab, zumal wir aufgrund des fehlenden Rückwärtsgangs ohnehin nicht mehr hätten zurücksetzen können. Außerdem stand die Karre doch verdammt gut, so, wie sie stand: in der Backstage-Parkzone am Rand, direkt am Zaun. Also Holler begrüßt, geholfen, das Zelt zum Zeltplatz zu wuchten und dann Google Maps angeschmissen, um den Weg zum 1,7 Kilometer entfernten AirBnB-Zimmer zu finden, das Flo und ich als notorische Camping-Hasser gebucht hatten. Zähneputzen, pipimachen und ab in die Koje.

Menschenzoo

Foto: Kai

Nach wenigen Stündchen Schlaf schreckte mich ein Scherzanruf meiner campenden Bandkollegen auf; nach der zweiten kurzen Pennrunde weckte meine wesentlich bessere Hälfte mich mit Frühstück und nahm mir meine übliche Sorge, durch den Rausch sämtliche Songtexte von der Festplatte gelöscht zu haben. Um 14:00 Uhr sollten wir uns backstage an der Bühne einfinden. Bei brütender Sonne machten wir uns rechtzeitig auf den Weg, ließen das Eingangsprozedere inkl. Filzen und Bändchenkriegen über uns ergehen und verloren ein paar Minuten, weil es dem Gatekeeper nicht reichte, dass Flo ihre Eintrittskarte vorzeigte. Er wollte auch noch die Zahlungsbestätigung sehen, die sie daraufhin umständlich aus ihrem Smartfon heraussuchen musste. Eilig fragte ich mich dann durch, wo ich langmüsse, und traf schließlich auf den Rest. Der hatte sich vorher an der kleinen Bühne versammelt, war von dort aber zur großen geschickt worden. Na, kiek an. Für den Fall meines Nichterscheinens hatte man sich offenbar bereits ernsthafte Gedanken gemacht, wie man die Show gestalten würde…

Die Bands spielten jeweils abwechselnd auf beiden Bühnen, Überschneidungen wurden so vermieden. Seit 13:00 Uhr war der Livebetrieb schon im Gange, tags zuvor hatten schon 23 Bands gezockt. VAROITUS bauten gerade ab und machten die Bühne frei für uns, ich musste erst mal dringend Bier ranschaffen. Auf dem Gelände wurde mit Lebensmittelmarken gearbeitet, jedes Bandmitglied hatte fünf Bier/Cider- und fünf Essensmarken (die für eine Mahlzeit reichten) erhalten. Verabreicht wurde Dosenbier der Sorte „Ey‘ Bro“ mit 5,0 Umdrehungen, in Schweden „Starköl“ genannt. Ich holte für die ganze Mannschaft und bat den „Schankwirt“, die Dinger erst mal geschlossen zu lassen. Das dürfe er nicht, antwortete er, denn dann sei das wie ein Verkauf; er dürfe aber nur ausschenken. Waren wir hier auf dem Fragile Mountain oder auf dem Gipfel der Korinthenkackerei? Schweden und seine Alkoholgesetze – da kannste dir nur an‘ Kopp packen…

Zum Lockerwerden schüttete ich mir das Zeug in den Hals. Schmeckte gar nicht schlecht, verursachte aber – vermutlich katerbedingt – einen latenten, aber schwer zu ignorierenden Kotzreiz bei mir, der sich glücklicherweise ohne Eskalation nach und nach langsam legte. Beim Aufbau und Soundcheck entpuppte sich der Soundmensch als Frankfurter Bub, mit dem wir auf Deutsch sabbeln konnten. Das ging alles reibungslos vonstatten und selten hatte ich einen solch guten Monitorsound auf einer Bühne. Unsere Live-Premiere in dieser Besetzung klappte dann auch beinahe wie am Schnürchen. Ich begrüßte das Fragile-Mountain-Festival und stellte uns als Disillusioned Motherdoozers vor, woraufhin wir uns durch ein Zwölf-Song-Set wüteten und als Zugabe den eigens fürs schwedische Publikum einstudierten PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Hit „ACAB“ brachten. Die Mittagssonne bretzelte kräftig, eine frische Brise ließ sie uns etwas weniger spüren. Gegen Set-Ende spürte ich konditionell trotzdem die mangelnde Live-Erfahrung der letzten Jahre. Kurioserweise fiel, wann immer ich auf der Bühne sprang, die Stromversorgung von Hollers Bass kurz aus, was Eisenkarl am Schlagzeug etwas irritierte. Und so schnell und vor allem ohne Luft zu holen, wie Snorre einst „ACAB“ sang, werde ich’s wohl nie hinbekommen. Dafür sang ein nur mit Badehose bekleideter Besucher in der ersten Reihe den Refrain lauthals mit. Der P.A.-Sound muss sehr wuchtig, klar und differenziert geklungen haben, denn das tat er bei allen nachfolgenden Bands und wurde vom einen oder anderen Gast als ungewöhnlich „professionell“ empfunden. Das glaube ich gern.

Jenes Publikum übrigens hatte sich lediglich in ein paar versprengten Grüppchen vor der Bühne eingefunden. Neben unserer mangelnden Popularität ist der Grund dafür, dass – absurde schwedische Alkoholauflagen, die Zweite – kein Bier vor die Bühnen mitgenommen werden darf. Um’s für die Gäste dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, hat die Festivalleitung den Verzehrbereich genau in der Mitte zwischen beiden Bühnen eingerichtet, wo der Großteil der Besucherinnen und Besucher sich die meiste Zeit aufhielt, trank und den Bands lauschte oder miteinander plauschte. Jener Bereich war mit Gitterzäunen abgetrennt, sodass ein Trinkerinnen- und Trinkerkäfig entstanden war, im Prinzip eine Art Menschenzoo. Wäre mir das vor unserem Auftritt bewusst gewesen, hätte ich die Ansage zu unserem gleichnamigen Song entsprechend angepasst. Bei jedem Betreten oder Verlassen des Käfigs fanden Taschenkontrollen statt, uniformierte Möchtegernbullen vom Ordnungsamt überwachten permanent die Schose und sorgten für ein Gefühl permanenter staatlicher Überwachung. Fuck you, Sweden!

Direkt nach uns spielten auf der kleinen Bühne die latino-berlinerischen DØZIX, von denen ich aber während unseres Abbaus leider nichts so recht mitbekommen habe. Auf der großen beerbten uns REBUKE, die auf diesem Härtnersound-lastigen Festival (uns hatte man wohlgemerkt als punkrockige Auflockerung zwischen all den Crusties eingeladen!) mit flott gespieltem Skatepunk überraschten. Aus Göteborg stammend, hatte man eine kurze Anreise, aber trotzdem die Hi-Hat-Becken vergessen. Eisenkalle half aus und wurde wie ich vom Käfig aus Augen- und Ohrenzeuge eines technisch versierten Gigs mit eingängigen Songs, die zugleich zum Soundtrack meiner Orientierung auf dem Gelände wurden. Aus der Not mit dem zerstörten Merchzelt war eine Tugend gemacht worden; Carlo und DK hatten einen schicken Stand in einer der Ecken des Käfigs aufbauen können, wo er zum echten Hingucker und für unsere Reisegruppe zum Ankerpunkt wurde, um den herum man sich gern versammelte. Das Geschäft lief zudem recht gut und zu beobachten, wie sich Festivalbesucher(innen) mit geilem Scheiß wie z.B. David-Hasselhoff-Buttons eindeckten, machte Spaß. Da war eigentlich ständig was los. Das Publikum war gut gemischt, neben den üblichen Crusties und Iroträgern waren erfreulich viele junge Leute zugegen (einer ließ sich von seiner Mutter eine DOOM-LP kaufen) und nie zuvor habe ich so viele sich offen als nonbinär, also sich der männlich/weiblich-Kategorisierung entziehend, zu erkennen gebende Personen auf einem Punk-Festival gesehen. Wieder andere trugen Black-Metal-Corpsepaint. Generell waren hier gefühlt mehr Black-Metal-Shirts und -Aufnäher als auf ähnlichen Veranstaltungen hierzulande zu sehen. Allgegenwärtig natürlich auch ANTI-CIMEX-Merch an den Körpern. Aber auch auffallend viele Borderlinerinnen und Borderliner waren anhand ihrer Ritznarben auszumachen…

Im direkten Anschluss an REBUKE begab ich mich dann erstmals vor eine Bühne, um mir eine Band etwas fokussierter anzusehen. Meine Aufmerksamkeit geweckt hatten UZI, die einen erfrischenden, mitreißenden Hardcore-Punk-Sound fabrizierten. Die dauerlächelnde Sängerin schien jede Sekunde auf der Bühne mehr als alles andere zu genießen, vor der Bühne war mittlerweile ordentlich was los und der rauere Klang der kleinen Bühne passte perfekt zum Sound der jungen kolumbianischen Band, die bei Bandcamp ein wirklich geiles Album platziert hat. Nach POLIKARPA Y SUS VICIOSAS, die ich gerade auf dem Gaußfest gesehen hatte (und die am nächsten Tag auch hier spielen sollten), also die zweite sehr hörenswerte kolumbianische Combo innerhalb weniger Tage für mich. Zurück im Käfig war’s das dann aber erst mal mit den Bands, denn nun frönte ich dem, was auf Festivals meist genauso viel Spaß macht: dem Begrüßen und Kennenlernen anderer Leute, in meinem Falle in erster Linie anderer Hamburger, die indes schon seit Donnerstag hier waren und sich bereits mit dem halben Publikum angefreundet zu haben schienen. Eine Bier- oder auch mal Cider-Kanne nach der anderen gaben sich die Klinke in die Hand, bis der erste Hamburger auf den Zeltplatz verwiesen wurde, weil er angeblich zu betrunken gewesen sei – was dieser jedoch anstandslos hinnahm. Fuck you, Sweden!

Die musikalische Untermalung der Sause hielt sich in Sachen Krach versus nachvollziehbare Songstrukturen derweil grob die Waage. Die Powerviolencer TJUVKOPPLA fielen mir zumindest an ihrem Merchstand noch mit ihrer genialen Persiflage des ikonischen „Sin egen motståndare“-LP-Covers der schwedischen Band TOTALITÄR (wieso spielten die eigentlich nicht?) auf:

Überhaupt bauten viele Bands ihre Merchstände im Käfig für ein paar Stündchen auf. In Sachen Liveprogramm hellhörig wurde ich noch mal, als eine Reihe Meerjungfrauen auf die große Bühne geschwommen kam und ziemlich krachiges Zeug ablieferte, aber immerhin ein echter Hingucker war. Keine Ahnung, wer das war, aber die Fotos belegen, dass es sich um keine alkohol- oder sonnenstichinduzierte Fata Morgana handelte. Am späten Abend kam es zu einem Zwischenfall, bei dem ein lilafarbener Edding und jemand aus unserer Reisegruppe beteiligt waren und der eigentlich bereits geklärt war, als sich jemand Unbeteiligtes aufspielte und der Rauswurf unseres Freunds die Folge war. Dieser nahm’s jedoch leicht und ging einfach unerkannt wieder rein. Kurz Wogen glätten und gut war’s. Gegen Mitternacht dürfte es gewesen sein, als Flo und mich die Müdigkeit übermannte und wir uns in unser Zimmer zurückzogen. Kai und Eisenkarl hatten sich bereits am späten Nachmittag abgelegt, hatten die Nacht zuvor ja auch fast durchmachen müssen.

The Nightmare Continues

Foto: Kai

Nach einer geruhsamen Nacht, einer erquickenden Dusche und einem stärkenden Frühstück trafen wir unsere Leute beim Mittagsbierchen auf dem Zeltplatz wieder. Eigentlich fand ich es ein bisschen schade, die englischen Anarcho-Pioniere DISORDER verpasst zu haben, erfuhr dann jedoch, dass diese vor dem Kampf mit der Brexit-Bürokratie hatten kapitulieren müssen und somit ausgefallen waren. Fuck you, Boris Johnson! Das „Ey‘ Bro“-Bier war bereits am Vortag ausgegangen und durch „Pripps Blå“ ersetzt worden, das etwas beliebiger schmeckte. BLEACHDRINKER aus Stockholm prügelten einem mit derbem Powerviolence-Geschrote den Schlaf aus den Ohren, der Sänger machte in Sport-BH und Turnhose Frühsport an der Lichttraverse. Die Running Order war an diesem Tag kräftig durchgeschüttelt worden, sodass RAWHEADS aus Stockholm, die eigentlich eröffnen sollten, nun die große Bühne beehrten. Das Trio lenkte meine Aufmerksamkeit mit englischsprachigem HC-Punk/D-Beat-Geprügel, giftigem weiblichen Gesang und einem gewissen Hang zur für diese Musik ungewöhnlichen Eingängigkeit auf sich. Der Drummer goss das auffallend tighte Fundament dieser jungen Band, die mit ihrem Set aber schon wieder durch war, als ich mein Bier ausgetrunken hatte. Anschließend lauschte ich noch kurz bei FIRST IN LINE aus Linköping rein, einer älteren Hardcore-Band. Ich schoss zwar ein paar Fotos, kann mich an den Gig aber ansonsten leider nicht mehr erinnern. Gut möglich, dass es eine der Bands war, die so abartig laut waren, dass es ohne Gehörschutz kaum auszuhalten war und sich tatsächlich der eine oder andere Zuschauer relativ weit hinten positionierte und sich die Ohren zuhielt.

Mit SLÖA KNIVAR folgte tatsächlich mal ‘ne Band, die ich schon kannte – mit meiner anderen Band BOLANOW BRAWL hatten wir mit ihr 2014 mal zusammen in Kiel gespielt. Dort hatte mich die HC-Punk-Combo aus Malmö sehr beeindruckt, weshalb ich auf diesen Gig sehr gespannt war. Zunächst stach ins Auge, dass Sängerin Patricia offenbar einen Image- oder Stilwandel vollzogen hat: Betrat sie in Kiel noch höchst aufgestrapst die Bühne und sparte nicht mit artistischen und akrobatischen Einlagen, machte sie nun mit kurzen Haaren, weitem BODY-COUNT-Shirt und langer Hose einen eher burschikosen Eindruck und beschränkte sich in Sachen Sport auf wenige Moves. Eine ihrer Ansagen übersetzte mir meine des Schwedischen mächtige Freundin: Sie entschuldigte sich für irgendwelchen Ärger, der hinter den Kulissen geschehen sein muss, und begründete diesen mit ihrer mangelhaften Impulskontrolle. Unverändert aber blieb die Musik: Großartiger Hardcore-Punk mit sehr charakteristischem, rotzigem Gesang und überwiegend schwedischen Texten. Am stärksten stach der überaus eingängige Singalong „Depression“ heraus, der von den vorderen Reihen begeistert mitgesungen wurde und sich als veritabler Ohrwurm entpuppte. Zumindest die zweite Songhälfte versuchte ich per Video festzuhalten, versagte dabei aber kläglich, indem ich auf eine falsche Taste tatschte, sodass selbst diese Hälfte nun zweigeteilt ist:

Sei’s drum, SLÖA KNIVAR waren eines meiner Festival-Highlights und hätten hierzulande deutlich mehr Popularität verdient. Fanzinerinnen und Fanziner, knöpft euch diese Band mal vor! Sängerin Patricia ist darüber hinaus auch bei BEYOND PINK aktiv und war im schwedischen Big-Brother-Haus. Wenn das keine Anknüpfpunkte für spannende Interviews sind, weiß ich auch nicht…

Die nächsten Bands ließ ich weitestgehend an mir vorüberziehen und mich dazu überreden, mich an einem Festival-Fanzine-Projekt zu beteiligen, indem ich eine Seite mit meinen Gedanken zum Festival handschriftlich vollklierte. Die Stockholmer Grinder GOD MOTHER erregten immerhin mit den Bühnen- und Zaunklettereinlagen ihres Shouters für Aufsehen – bis eine schwedische Legende im Billing von 1:30 auf 18:10 Uhr wegen des NUKKE-Ausfalls vorgerückt war und an die kleine Bühne lockte: ASOCIAL hatten in den 1980ern ein paar Tapes und Siebenzöller veröffentlicht und sich irgendwann sang- und klanglos aufgelöst. Seit 2017 sind sie zurück und holen nach, was sie damals versäumten: Alben aufnehmen! Drei Stück mit derbstem D-Beat/Crust-Gemetzel in schwedischer Sprache sind seitdem erschienen. Die meisten Songs werden in rund zwei Minuten durchgepeitscht und keine Gefangenen gemacht. Live präsentierten sich die in aller Punkwürde gealterten Herren topfit und angriffslustig. Der kehlig-heiser brüllende Shouter erweiterte den auf der kleinen Bühne ohnehin schon krachigen Bandsound bewusst um Noise-Elemente, indem er Monitorbox-Rückkopplungen mit seinem Mikro erzeugte. It’s not a bug, it’s a feature. Der permanente ASOCIAL-Aggrosound knallte einem endgültig die Synapsen durch – und Kai + DK wurden erstmals beim gemeinsamen Pogo gesichtet.

Eigentlich hätte ich mich nun gern mit etwas BEACH BOYS o. ä. erholt, doch das Fragile Mountain kannte keine Gnade und schickte FREDAG DEN 13:E aus Göteborg ins Rennen. Neo-Crust, also Crust mit bischn (düsterer) Melodie, gab’s nun auf die Omme. Beim Shouter wächst das Haupthaar unten am Kopf statt oben, was zu einem imposanten Rauschebart führte. Auch wenn ich mich nicht wieder vor die Bühne begab, sondern im Käfig dem Biergenuss frönte, empfand ich die Performance als angenehm und atmosphärisch, vor allem auch passend zu den Wetterverhältnissen. Die Sonne verschwand immer öfter hinter dicken Wolken und der Wind blies immer eisiger, sodass es mir mit T-Shirt und Kutte langsam zu kalt wurde. Der Soundtrack dazu kam von der Bühne. Die Band hat mehrere Alben draußen; wer auf diesen Sound steht, sollte die mal anchecken. Kai trieb sein Unwesen wieder vor der Bühne und schwang die morschen Knochen. Im Mob glaubte er, DK wiederentdeckt zu haben, nahm ihn liebevoll in den Schwitzkosten und rubbelte ihm die Fingerknöchel über die Glatze – um dann festzustellen, dass er jemand ganz anderes in der Mangel hatte und dieser entsprechend irritiert dreinblickte. „Irrtum“, sprach der Hahn und stieg von der Ente. Kai hatte übrigens in all seiner Altersweisheit seine EC-Karte zu Hause gelassen. Zum Kauf von Verzehrmarken gab er mir deshalb Bargeld in Euro, damit ich ihm für den jeweiligen Betrag in schwedischen Kronen einige per Zahlung mit meiner Karte besorgte (in Schweden wird alles mit Karte gezahlt, da brauchste kein Geld im Vorfeld wechseln). Gespräch am Nachmittag des Vortags: „Wie viele Biermarken willste denn? Mit fünf kommste nich‘ weit.“ – „Denn mach ma‘ zehn.“ Gesagt, getan. Offenbar hatte er sich im direkten Anschluss pennen gelegt, denn am nächsten Tag konnte er sich daran gar nicht mehr erinnern und wunderte sich über die zehn Biermarken in seinem Besitz…

Der Saufkäfig war mittlerweile prallgefüllt, speziell für diesen hochkarätig besetzten Samstag schien noch einmal wesentlich mehr Publikum gekommen zu sein. Der Soundcheck einiger älterer Herren auf der kleinen Bühne hatte mich neugierig gemacht, also ausgetrunken und hin da, denn THE BRISTLES, weitere schwedische Punk-Pioniere von Beginn der ‘80er, bliesen zum Angriff auf die Gehörgänge. Ihr bewusst rau und ungehobelt gehaltener, schnell gespielter Punkrock mit UK-’82- und Oi!-Punk-Einflüssen sowie englischen Texten bot einen schönen Kontrast zu FREDAG DEN 13:E und zündete sofort. Entsprechend wurde die Band gefeiert. Schönes Ding, wenn mir auch anschließend gut die Ohren klingelten…

Noch während ich am nächsten Bierchen nippte, drangen überraschend ungewöhnliche Klänge an mein Ohr: Die belgischen COCAINE PISS mit garagigem Sound und überdreht klingender Sängerin, mal fast mit Pop-Appeal, dann wieder sperriger oder aggressiver, hysterischer, kaputter. Die Texte englisch, gern wie z. B. in „Fuck This Shit“ aufs Wesentliche beschränkt, die Songs kurz bis ultrakurz. Bei Wind und etwas P.A.-Hall/-Reverb hallte die durchdringende Stimme der Sängerin übers ganze Feld, sodass sich immer mehr Neugierige vor der Bühne versammelten. Lange hielt es die Sängerin nicht auf ihr, dank des extralangen Mikrokabels konnte sie Ausflüge ins Publikum (und über es hinaus) unternehmen und sich im Gras wälzen. Sehr eigenständiges und ebenso unterhaltsames Zeug.

Die nächsten Bands bekam ich nicht so recht mit; Flo und ich beschlossen kurzerhand, kurz zurück zur Bude zu gehen, damit ich auf der Keramik thronen und wir uns etwas Wärmeres überziehen konnten, um DISCHARGE später ohne Zähneklappern genießen zu können. Als wir zurückkamen, war Holler zur Gelbweste geworden und begrüßte uns am zweiten Einlass. Er hatte eine Schicht innerhalb der Fragile-Mountain-Crew übernommen, weil der langsam das Personal ausging. Und er hatte Hiobsbotschaften für uns parat: In der kurzen Zeit, in der wir weg waren, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Jemand aus unserer Reisegruppe hatte im Brausebrand begonnen, die Ordnungsamt-Leute zu necken, welche wiederum keinerlei Spaß verstanden und ihn gleich hinauswarfen. Er kam zurück und sorgte damit offenbar für helle Aufregung, denn nun hatte es die unheilige Dreifaltigkeit aus Ordnungsamt, dem Fragile-Mountain-Crew-Typen, der uns Freitagmorgen in Empfang genommen hatte (und schon die ganze Zeit ein kritisches Auge auf uns zu werfen schien), und den nun erstmals auftauchenden Bullen (!) auf ihn abgesehen – und nicht nur auf ihn, denn plötzlich wurde jemand anderer unserer Gruppe in den Bullenwagen gezerrt. Er erkannte jedoch den Ernst der Lage, blieb ruhig und durfte schließlich wieder gehen. Eine Verwechslung, wie sich später herausstellen sollte. Beide „Delinquenten“ blieben anschließend am bzw. im Zelt, doch zuvor hatte es manch böses Wort zwischen Teilen unserer Gruppe und dem Crew-Mitglied gegeben. Die Folge: Köln-Kalk-, Quatsch, Fragile-Mountain-Verbot und ein wohl endgültig zerschnittenes Tuch zwischen uns und diesem einen Crew-Mitglied. Das wäre sicherlich vermeidbar gewesen, andererseits wird hier offenbar für alles, was in Hamburg eher noch weggelächelt oder deeskaliert würde, gleich ein Fass aufgemacht. Flo und ich hatten das alles jedenfalls verpasst und hörten nun den BRÜNNER TODESMARSCH aus dem tschechischen Brünn dreckig und böse von der kleinen Bühne crustlärmen. Die ebenfalls aus Tschechien stammenden INTERPUNKCE dürften ebendort im direkten Anschluss – erstmals wechselte man sich nicht mit der großen Bühne ab – den Geschwindigkeitsrekord des Festivals aufgestellt haben. „Really fast and crazy hardcore/punk/crust“, hieß es auf der Fragile-Mountain-Website und traf es auf den Punkt.

Nun also der Festival-Headliner, die legendären DISCHARGE, jene Briten, die den D-Beat und damit ein ganzes Subgenre erschufen bzw. zahlreiche Epigonen auf den Plan riefen – und die ich – unfassbar! – bisher kein einziges Mal live gesehen hatte. Die Urväter punkiger Soundtracks zum Untergang. Seit 2014 ist BROKEN-BONES-Sänger JJ auch der DISCHARGE-Sänger, die Band erhält seither wieder überwiegend positive Kritiken, sowohl für aktuelles Material als auch für ihre Liveshows. Der Grund dafür wurde hier deutlich: Eine bestens eingespielte, topfitte Band mit drahtigem, hungrigem Sänger, der sich ideal einfügt. JJ führte mehr als souverän durch ein Best-of-Set, der Sound war zudem perfekt (gar zu perfekt, wie der eine oder andere bekrittelte) und die Stimmung im Publikum gut, wenngleich sich bei manchem – Blog-Chronisten nicht ausgenommen… – ein paar Ermüdungserscheinungen einzustellen schienen. Bei manch Clubgig mit nur einer oder zwei Vorbands geht’s sicherlich noch mal ganz anders zu. Gitarrist Tezz nannte „Ain’t No Feeble Bastard“ einen seiner Favoriten, „Never Again“ wurde aus etlichen heiseren Kehlen mitgesungen und für den letzten Song (Welcher war das? Ich weiß es nicht mehr.) bat man einen befreundeten Gastsänger auf die Bühne. Ich weiß nicht genau, wie lange DISCHARGE spielten, aber von mir aus hätte es gern noch ‘ne halbe Stunde länger sein dürfen. Zugabe-Rufe verhallten leider ungehört – vielleicht, weil diese auf Schwedisch waren… Besagter Gastsänger flog später, wie wir am nächsten Morgen von Holler erfuhren, übrigens auch noch raus. Unsere Freunde schienen also in bester Gesellschaft zu sein 😀

Don’t Pay The Ferryman

Foto: Kai

Die paar weiteren Bands, die noch folgte, u. a. LOWEST CREATURE, auf die ich eigentlich Bock gehabt hätte, sparten wir uns und begaben uns stehend k.o. und vom ungemütlichen Wetter geschafft nach einem letzten Absackerbierchen in die Koje, um am nächsten Morgen pünktlich wie die Maurer um 9:00 Uhr mit gepackten Taschen am Zeltplatz einzutreffen. Als auch der Letzte aus seinem Schlafsack gekrochen gekommen war, wurde abgebaut und gehofft, dass das Auto noch anspringen würde. Das tat es, also rein mit dem ganzen Plunder inklusive uns und zeitig genug Richtung Fähre aufgebrochen, die wir diesmal – obwohl wir, wie uns die Dame am Check-in mitteilte, für die Größe des Vehikels eigentlich die falschen Tickets gebucht hatten – auch bekamen. Dort fläzten wir uns chillig in den Restaurantbereich, aßen, tranken, die ersten griffen schon wieder zum Bier, andere holten noch etwas Schlaf nach. Die über dreistündige Überfahrt verlief zwischenfallfrei und anschließend brachte uns Helldriver T-Check alle, fiesen Wolkenbrüchen und Aquaplaning zum Trotz, sicher von Frederikshaven zurück nach Hamburg. Manch einer verging sich dabei am noch immer in rauen Mengen vorhandenen Dosenbier und obwohl ich gar nicht mittrank, wurde ich für jede Pinkelpause verantwortlich gemacht: „Halt mal an, Günni muss pissen!“ wurde zum Running Gag…

Das war also das erste größere Abenteuer dieses Sommers. Eine sehr gewöhnungsbedürfte Veranstaltung, aufgrund der Gesetzeslage aber anscheinend in Schweden so üblich. Das barg Konfliktpotential. Hatte man sich erst einmal damit abgefunden und sich auf das Konzept mit dem Käfig zwischen beiden Bühnen eingegroovt, konnte man eine Menge interessanter Bands in unheimlich geballter Form erleben und nicht zuletzt einen guten Überblick über die aktuelle schwedische Härtnerpunk-Subszene erlangen. Sich mehr als die Hälfte halbwegs konzentriert reinzuziehen, dürfte aber kaum jemand geschafft und jegliche Aufmerksamkeitsspanne überstrapaziert haben. Wasserklosets gab’s keine, dafür war das seitanbasierte Essen ok und die Getränkepreise mit knapp 3,- EUR für 0,33 l Bier oder Cider moderater, als ich es von Schweden erwartet hatte. Auf einer liebevoll gestalteten, zweisprachigen Webpräsenz wurden sämtliche Bands vorgestellt und verlinkt, was sich insbesondere im Nachhinein bei der Festivalreflektion als angenehmer Service erwies.

Foto: Christoph

An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an den GBG Punkpöbel für die Einladung sowie an alle, die uns unterstützt haben, allen voran Helldriver T-Check mit seiner schier unfassbaren Ausdauer und Geduld auf der Hinfahrt, an Carlo und DK für die Merch-Offensive, an Flo für die Fotos unseres Gigs sowie alle Mitglieder unserer Reisegruppe für die überwiegend geile Zeit! Respekt an die GBG-Punks, dieses Festival allen Widrigkeiten zum Trotz gestemmt zu haben! Die Regel bestätigenden Ausnahmen sind weiter oben beschrieben. Ins Knie ficken sollen sich hingegen die schwedischen Alkoholgesetze und Festivalauflagen bzw. diejenigen, die sie zu verantworten haben. Was für ein idiotischer Kasperkram, insbesondere angesichts des Umstands, dass die Regierung die Bevölkerung in Sachen Covid-19-Schutz weitestgehend auf sich allein gestellt ließ. Während man dabei an die Eigenverantwortung mündiger Bürgerinnen und Bürger appellierte, spricht man sie ihnen in Bezug auf Alkohol ab. Das passt alles nicht so recht zusammen…

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