Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 29 of 38)

22.02.2013, Bambi Galore, Hamburg: BLAZE BAYLEY + SHADOWBANE

Blaze Bayley, ex-WOLFSBANE-Shouter, den meisten aber natürlich als IRON-MAIDEN-Sänger in den ’90ern bekannt, nachdem Bruce Dickinson die Band verlassen hatte, befand sich auf Tour und kam mit einem Akustik-Set in die Billstedter Bambi Galore. Was er nach seiner von der Kritik durchwachsen aufgenommenen IRON-MAIDEN-Anstellung getrieben hat, habe ich nie verfolgt und sowieso die MAIDEN-Platten ab den 1990ern erst relativ spät für mich entdeckt. So manchen Song aus der BLAZE-Ära finde ich aber große Klasse und hätte man aus den zwei Alben seinerzeit eines mit den ganzen Hits gemacht, wäre die Kritik wohl damals auch wesentlich besser ausgefallen. Unter seinem Namen hat er anschließend neue Bands gegründet und ist der Musikrichtung treu geblieben. Da sich auch meine Freundin als Fan BAYLEYs entpuppte, wurde ich neugierig auf seinen Auftritt im kleinen, sympathischen Club (in dem doch tatsächlich YARD-BOMB-/THRASHING-PUMPGUNS-Rolf an der Kasse saß), hatte mich absichtlich vorher gar nicht darüber informiert, was zu erwarten sein würde und wollte mich überraschen lassen. Natürlich hoffte ich bzw. hofften wir, dass es ein paar MAIDEN-Klassiker aus seiner Phase ins Programm schaffen würden – und wir sollten nicht enttäuscht werden!

Zunächst aber erklommen verhältnismäßig pünktlich SHADOWBANE als lokaler, nicht-akustischer Opener die Bühne, die ihren Stil als „post-apokalyptischen Power Metal“ bezeichnen und von denen ich natürlich noch nie zuvor gehört hatte. Nun zählt Power Metal nicht unbedingt zu meiner favorisierten Musikrichtung und es dürfte auch nicht allzu häufig vorkommen, dass sich eine Band dieses Stils in einen von mir frequentierten Laden verirrt – umso mehr freute ich mich auf den Gig, denn ab und zu habe ich auch einfach Spaß daran, ein Konzert aufzusuchen, mir ein Bier zu holen und mich vor die Bühne zu stellen, um mich (hoffentlich positiv) überraschen zu lassen, mir einfach mal bischn Metal um die Ohren blasen zu lassen und den Musikern zuzusehen, wie sie versuchen, das Publikum für sich zu gewinnen. Nun, ich möchte behaupten, damit alles richtig gemacht zu haben, denn die fünfköpfige Band legte mit sehr differenziertem, angenehmen Sound los und wusste gleich mit dem ersten Song durchaus zu gefallen. Die Band spielte absolut kompetent und der Sänger überzeugte mit gutklassigem, klarem, nicht zu hoch gepitschtem Gesang. Zu genretypischen Peinlichkeiten ließ man sich nicht herab und machte auch keinen auf „Manowar für Arme“ oder dergleichen. Leider war schon nach dem ersten oder zweiten Song die Fußmaschine des Drummers kaputt und hat auch nach der folgenden Reparaturzwangspause zwischendurch immer mal wieder rumgezickt. Die Band ließ sich davon aber nicht in ihrer Spielfreude trüben und nicht aus dem Konzept bringen. Die Rhythmusgitarre klang vom Riffing her teilweise leicht thrashig, was ich als sehr angenehm empfand. Die Leadgitarre zückte manch feine, nie in „Happy Metal“ abdriftende Melodei und die Songs mit ihren kräftigen Refrains klangen treibend, reif und nach alter Schule. Der Sänger bekam zwischendrin eine Verschnaufpause, als die Band ein ziemlich geiles Instrumentalstück spielte, das mir noch thrashiger als die übrigen Songs klang. Währenddessen betrat eine Typ im ABC-Schutzanzug die Szenerie und schenkte dem Publikum nach Frostschutzmittel aussehenden Schnaps oder Likör aus und der Bassist sprang auf den Tresen – gediegene Showeinlage! Ohne Zugabe durften die Jungs dann auch nicht gehen und spielten daraufhin „Bark at the Moon“ von OZZY OSBOURNE in einer Top-Version! SHADOWBANE haben mich definitiv positiv überrascht und man dürfte bestimmt, wenn ein ganzes Album draußen ist, noch weitaus mehr von den Hamburgern hören!

Den Anwesenden im nicht ausverkauften, zu höchstens zwei Dritteln gefüllten Club hat’s anscheinend ebenfalls recht gut gefallen; der Vorteil an einer Raumausnutzung wie dieser ist, dass man sich recht frei bewegen kann, ohne ständig auf irgendwelche Füße zu trampeln oder angerempelt zu werden und auch die Umbaupause angenehm im Inneren verbringen kann, ohne nach Luft japsend in die Eiseskälte nach draußen zu hechten. Diese nutzte ich für ein Pläuschchen mit Rolf. Tja, BLAZE BAYLEY – da hat er früher die großen Hallen mit IRON MAIDEN gerockt und steht jetzt im kleinen Underground-Club auf der Bühne vor nicht mal ausverkaufter Hütte. Bis dahin sollte es aber noch etwas dauern, denn erst setzte sich ein Jungspund mit einer Akustikklampfe an den linken Bühnenrand und begann, das Gerät zu stimmen und einzuspielen. Evtl. BLAZE’ Gitarrenroadie? Plötzlich begann er, unheimlich fingerfertig und versiert „The Trooper“ von IRON MAIDEN anzustimmen und die Zuschauer vor der Bühne stimmten vorsichtig den Gesang an. Der Junge auf der Bühne entpuppte sich als der 25-jährige Belgier Thomas Zwijsen, der mit seinen Gitarrenkünsten per Youtube zu Popularität gelangte und BLAZE auf seiner Tour begleitet. Ein kleines bzw. großes Gitarren-Wunderkind, das weitere IRON-MAIDEN-Klassiker aus der ersten Dickinson-Ära wie „The Evil That Men Do“, „Aces High“ und „Wasted Years“ intonierte, in Mordsgeschwindigkeit wieselflink über die Seiten shreddete und das Publikum aufforderte, die Texte zu singen – welches ihm Folge leistete. Ich glaube, zu „Run to the Hills“ war es, als eine Violinistin namens Anna zu ihm auf die Bühne kam und Dickinsons Gesangsmelodien zu z.B. „Wasted Love“ nachspielte! SO hatte ich MAIDEN-Songs bisher noch nie gehört und es wurde einmal mehr deutlich, um welch großartige Kompositionen es sich dabei handelt, die vermutlich in JEDER Instrumentierung funktionieren. Mit Akustikgitarre und Violine bekamen diese Songs eine ganz eigene Note, einen ganz eigenen Zauber – und für diese Erfahrung bin ich dankbar. Doch wie war das ganze nun einzuordnen? Ein geheimer „Special Guest“? Diese Frage erübrigte sich, als zu den Klängen von „Lord of the Flies“ BLAZE höchstpersönlich die Bühne mit Mikrophon in der Hand betrat und den Text mit seiner schönen, kräftigen, dunklen Stimme schmetterte. Die beiden waren also seine Begleitband, die quasi etliche Songs lang den Teppich für den Meister ausrollten. Älter isser geworden, klar, Glatze trägt er jetzt, aber die Stimme ist dieselbe, unverkennbar. Nun ging’s also richtig los! Leider fiel gleich während des ersten Songs plötzlich Thomas’ Gitarre aus, was im Laufe des Sets immer wieder vorkommen sollte, wovon sich allerdings ebenso wenig jemand aus der Ruhe bringen ließ wie bei SHADOWBANE von der defekten Fußmaschine. Ich glaube, gleich der zweite Song war mein ersehntes „Judgement of Heaven“, dutzende Kehlen sangen von nun an mehr und mehr laut und kehlig mit, „Futureal“ ließ auch nicht lange auf sich warten, … geil! Ich kam also tatsächlich in den Genuss, die BAYLEY-MAIDEN-Hits vom Originalsänger einmal live zu hören. BLAZE ist demnach nach wie vor bekennendes Mitglied der großen MAIDEN-Familie, und das Schöne an dieser Familie ist, dass jeder nach eigenem Gusto die Songs seiner Ära weiterverwenden darf. So kann man zu Paul Di’Anno gehen, wenn man die ganz alten Klopper hören will (was ich unbedingt noch vorhabe!) und eben zu BLAZE, der in der Mitte des Sets auch einige eigene Songs präsentierte. Und diese klangen ebenfalls höchst angenehm und interessant. BLAZE the Ace war sehr gut bei Stimme, vielleicht besser als früher bei WOLFSBANE und MAIDEN und er hat eine tolle Ausstrahlung, eine große Aura auf der Bühne. Es schien ihm völlig egal zu sein, wie viele Leute letztlich den Weg nach Billstedt gefunden hatten, er schien jeden einzelnen zu dirigieren, gab jedem das Gefühl, direkt angesprochen zu werden – auch das ist die alte MAIDEN-Schule! Zugegeben, mit den Mitmachspielchen („Und jetzt alle so yeeeeaaaahhh!“) hat er’s vielleicht ein bisschen übertrieben, andererseits brachte er dadurch ordentlich Stimmung in den etwas steifen Pöbel und auch ich „sang“ mir die Kehle heiser. Jene Stimmung war natürlich bei den bekannten Stücken am ausgelassensten, doch im geschickt zusammengestellten Set blieb auch reichlich Raum für ruhige Momente, wenn BLATZE-Glatze emotionale, nachdenkliche Ansagen machte wie z.B. zum traurigen „Russian Holiday“, dem Titelstück seiner aktuellen Akustik-EP, bei dem ich fast Pipi inne Augen bekam. Andere seiner jüngeren Songs sind ebenfalls sehr persönlicher Natur, handeln offensichtlich viel von Individualität und dem Glauben an die eigene Persönlichkeit. Das Publikum lauschte aufmerksam und war mit dieser Mischung anscheinend ebenso einverstanden wie ich. Gegen Ende des insgesamt sehr langen Programms häuften sich dann wieder die MAIDEN-Songs, „Sign of the Cross“ wurde ebenso gespielt wie „The Clansmen“, „Man on the Edge“ und sogar UFOs „Doctor Doctor“, seit langer Zeit das Intro für MAIDEN-Konzerte und seinerzeit mit BLAZE am Gesang eine Single-B-Seite. Als Zugabe gab’s dann aber ausgerechnet „The Angel and the Gambler“, einen der MAIDEN-Songs vom „Virtual XI“-Album, den ich nicht leiden kann. Glücklicherweise verzichtete man aber auf die ungefähr 1.000 Wiederholungen des profanen Refrains und sorgte mit einem wahnsinnigen Violinen-Solo im Mittelteil stattdessen für offene Münder. Klasse! Freundlich bedankte sich der Mann bei gefühlt jedem einzelnen für den Besuch des Konzerts und begab sich anschließend für Autogramme etc. hinter den Merchandise-Stand. So neigte sich ein unvergesslicher, überraschungsreicher Abend mit vielen Gänsehautmomenten dem Ende entgegen, der gerade in dieser höchst intimen Atmosphäre grandios war! Ein großes Dankeschön an Sympathiebolzen BLAZE BAYLEY, dessen Auftritte ich unbedingt weiterempfehle und dem ich es von Herzen gönnen würde, noch einmal etwas größer rauszukommen. Viel Glück und Erfolg!

19.01.2013, Lobusch, Hamburg: REACTORY + YARD BOMB + DAWN OF OBLITERATION

Zu einer ebenso ungewöhnlichen wie begrüßenswerten, weil abwechslungsreichen und jegliche Scheuklappen vermissen lassenden Zusammenstellung lud die altehrwürdige Lobusch an diesem Wochenende. Drei gute Bands für ’nen Fünfer, doch bis es endlich losging, ließ man eine Menge Zeit verstreichen – soviel, dass manch Gast alkoholbedingt schon gut angeschlagen war, als die Hamburger DAWN OF OBLITERATION mit ihrem Death Metal den Abend musikalisch eröffneten. Das war die alte räudige Schule, die mich Death-Metal-Muffel an die Anfänge des Genres in den ’80ern angenehm erinnerte und eine schöne, tief gestimmte, räudige Walze übers Publikum hinwegrollen ließ. Am meisten gespannt war ich auf YARD BOMB, die neue Band um Frontmann Rolf (THRASHING PUMPGUNS, ex-ELIMINATORS, ex-SMALL TOWN RIOT), die er zusammen mit Musikern aus der heimlichen Underground-Subkultur-Rock’n’Roll-Hauptstadt Schleswig-Holsteins, nämlich Wedel, kürzlich ins Leben rief. Was einem hier geboten wurde, war schnörkelloser, astreiner Hardcore der ganz alten, ursprünglichen BLACK-FLAG- und CIRCLE-JERKS-Schule: Kurze, präzise Songs, knackig und auf den Punkt dargeboten. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, waren’s deutsche und englische Texte gemischt, vorgetragen von einem gewohnt energiegeladenen Frontmann, der seine Songs lebt und 100%ig authentisch rüberbringt. Man fühlte sich Jahrzehnte zurückversetzt, da auch die Band den Sound tiptop beherrschte, als hätte sie nie etwas anderes gespielt. Großartig! Durchsetzt wurde der Set mit ein paar Coverversionen, von denen Black Flags „Sixpack“ auch als Zugabe noch mal gebracht wurde und der Band ausgezeichnet zu Gesicht steht. Ja, das war der alte Kult-Sound, herübergerettet in die Gegenwart. Besser geht’s eigentlich gar nicht. Ich bin begeistert! Weniger begeistert war ich hingegen von der mittlerweile trotz der kurzen Sets beider Bands schon arg fortgeschrittenen Uhrzeit, die es mir leider verbat, mehr als ich glaube zwei, höchstens drei Songs von REACTORY aus Berlin mir anzusehen, was äußerst schade ist, da der aggressive, dreckige Thrash Metal à la TOXIC HOLOCAUST und Konsorten im Prinzip genau meine Kragenweite war. Hier empfand ich allerdings erstmals den Sound als nicht ganz optimal, denn so sehr ich es mag, wenn der Gesang deutlich im Vordergrund steht, war er hier ZU dominant gemischt worden, während die Gitarre das Nachsehen hatte. Doch davon unabhängig war das, was ich zu hören bekam, richtig geiler Gossen-Thrash, absolut kompetent und glaubwürdig vorgetragen, differenzierter Sound statt chaotischem Matschechaos. Arschgeil! Bleibt nur zu hoffen, dass es weder das letzte Konzert der Band in Hamburg, noch das letzte Billing dieser Art war, denn von mir aus darf man diese Metal-Spielarten gern öfter mal zusammen mit Punk- und Hardcore-Bands auf die Bretter stellen. Das gemischte Publikum sah es offensichtlich ähnlich, denn der Laden war voll und alle Bands wurden gut angenommen. Cross it fucking over!

29.12.2012, El Dorado (Gaußplatz), Hamburg: CITY RATS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

city rats + disillusioned motherfuckers @el dorado, hamburg, 29.12.2012Wenn der Hamburger Gaußplatz spontan für ein Kneipenkonzert anfragt, sagt man natürlich zu – auch, wenn sich der Bassist gerade irgendwo im Exil („Urlaub“) auf einer einsamen Insel befindet, telefonisch nicht erreichbar ist und erst einen Tag vorher in hiesige Breitengrade zurückkehrt. Glücklicherweise war dieser aber Feuer und Flamme, wenngleich er seinen Rückflug verpasste und erst noch später wieder zur Verfügung stehen sollte. Dies war jedoch noch das Harmloseste in einer Kette aus Pleiten, Pech und Pannen, die uns hinsichtlich des letzten DISILLUSIONED-MOTHERFUCKERS-Gigs im Jahre 2012 das Leben erschwerten. Da man sich eigentlich in einer Art Winterpause befand und dementsprechend länger nicht mehr geprobt hatte, wollte man am Nachmittag vor dem Gig noch einmal den Set im Probebus komplett durchzocken. Unglücklicherweise geriet mein Alkoholkonsum auf einer Party in Kiel am Tage zuvor letztlich dann doch ziemlich außer Kontrolle und erwies sich die Rückfahrt in klirrender Kälte derselben Nacht als nicht ganz unkomplex und anstrengend, so dass ich viel zu spät in die Federn kam – und am nächsten Tag mit Mordskater so dermaßen verschlief, dass ich fast rekordverdächtige zwei Stunden zu spät zur Probe antrat. Nach den ersten paar Songs riss zudem eine Saite an Kais Gitarre, Ersatz befand sich nicht auf Lager und alle saitenführenden Läden hatten zu – perfekte Organisation im Hause DMF! Glücklicherweise konnte uns Wurzel, der sich auch um den Sound und allgemeinen Ablauf des Konzerts kümmerte, mit einer Ersatzgitarre aus seinem Fundus aushelfen – dafür noch einmal vielen Dank! Diese war aufgrund ihres verkürzten Halses ungewohnt in der Handhabung für Kai, sollte ihren Dienst aber tadellos verrichten. Meine alternden Knochen jedoch zollten Kälte, Bewegungsmangel etc. Tribut und die damals noch unbehandelten Lendenwirbelprobleme, die ich bereits einige Tage mit mir herumschleppte, erreichten einen neuen Höhepunkt. Normales Gehen wurde zum leichten Hinken, an schmerzfreie Bewegung war nicht zu denken und ich fand mich mit dem Gedanken ab, in der ohnehin schon engen Kneipe in den Bewegungsmöglichkeiten weiter eingeschränkt zu sein. Die Zeit bis zum Beginn nutzte ich, um etwas feste Nahrung in den Magen zu bekommen und mit Konterbieren dem Kater etwas entgegenzusetzen, was jedoch nicht so recht funktionieren wollte. Die gemütliche, beheizte Gaußplatz-Kneipe „El Dorado“ füllte sich zwischenzeitlich zusehends mit vielen Interessierten, die „zwischen den Jahren“ die Nase voll hatten von Idylle und Kitsch und sich durch die Kälte zum Ort des Geschehens schlugen. Irgendwann fiel der Startschuss und wir eröffneten für die CITY RATS aus Israel. Witzigerweise fanden zwei unserer bis dato drei Auftritte auf Bauwagenplätzen mit israelischen Bands statt – um uns eine ausgewiesene Israel-Konnektschn anzudichten, ist es aber wohl noch zu früh. 😉 Wie dem auch sei, im Publikum befanden sich viele, die uns zum ersten Mal sahen und wir gaben unser Bestes; auch das neue Stück „Montag, der 13.“ fand in den Set, wenngleich ich den Text noch vom Zettel ablesen musste. Wie gewohnt von solchen Auftrittsmöglichkeiten gibt es weder eine richtige Bühne noch Monitorboxen, was für solche Orte auch leicht überdimensioniert wäre. So stand man sich also wieder Auge in Auge gegenüber, wie es sich für eine vernünftige Hardcore-Punk-Show gehört. Die Bude war rappelvoll und es wurde somit unser bislang größter Auftritt. Mit letzten Kraftreserven brüllte ich die Texte heraus und vermied schmerzhafte Bewegungen wie z.B. Sprünge. Satan sei Dank konnte ich mich auf meine trotz aller widrigen Umstände souveränen Mitstreiter verlassen, die für eine früh abgebrochene Probe erstaunlich gut bei der Sache waren, nur kleinere Patzer schlichen sich ein wie z.B. eine etwas zusammenimprovisierte Version des Coversongs „Les Rebelles“, was aber kaum jemand bemerkt haben dürfte. Generell versicherten mir anschließend viele, dass man uns bzw. meinem verkaterten und angeschlagenen Häufchen Elend, das von meiner vorherigen Existenz noch übriggeblieben war, davon nichts oder kaum etwas angemerkt hätte und der Gig gut rüberkam, lediglich der Sound für den einen oder anderen wahlweise zu laut oder zu leise war, aber irgendwas ist ja immer und vor allem stark abhängig von der Perspektive zur Bühne. Eine Zugabe noch und: Uff, geschafft, und geschworen: Nie wieder so abschießen am Tag vorher!

Anschließend konnte ich mich endlich entspannt zurücklehnen, weiter am Konterbierchen nuckeln, das nicht mal zu einem Placebo-Effekt zu überreden war, mich von meiner aufopfernden und verständnisvollen besseren Hälfte umsorgen lassen und mir genüsslich den CITY-RATS-Auftritt reinziehen, der besten UK-’82-HC-D-Beat-Chaos-Schießmichtot-Pogo-Punk bot, der ohne Kompromisse sehr respekteinflößend vorgetragen wurde. Die Menge tobte, der Pöbel schwitzte und die Band spielte lange und ausgiebig, setzte immer noch einen drauf und unterstrich ihre seit Jahren bestehende Hamburg-Altona-Verbindung, indem sie Songs über den Fußballclub Altona 93 trällerte etc. Coverversionen fanden auch Berücksichtigung, aber ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern… (ja ja, soviel zum Thema „nicht mal Placebo-Effekt“, is‘ klar…) War’s ein deutsch gesungenes SCHLEIMKEIM-Cover? Egal. Was für eine Power, was für eine Energie! Das komplette Gegenteil davon, wie ich mich fühlte. Das machte besonders zusammen mit dem sympathischen Publikum alles großen Spaß und endlich weiß ich, weshalb die CITY RATS, die ich bisher stets schändlicherweise verpasst hatte, immer wieder nach Hamburg eingeladen werden. Summa summarum ein geiler Gig, den ich unter anderen Umständen sicherlich noch mehr hätte genießen können. Freue mich schon auf den nächsten Hamburg-Besuch der Stadtratten!

30.11.2012, Skorbut, Hamburg: STRAWBERRY BLONDES + SUIZIDE QUEENZ

Andy Unemployed lud zur Geburtstagsparty mit seiner eigenen Band SUIZIDE QUEENZ und den walisischen STRAWBERRY BLONDES ins Skorbut – mein drittes Skorbut-Konzert hintereinander. 6 Taler sollte es kosten und für mich endlich DIE Gelegenheit darstellen, mir die SUIZIDE QUEENZ um ex-SMALL-TOWN-RIOT-Andy und ex-PUSHUPS-Högi mal genauer unter die Lupe zu nehmen, nachdem ich zuvor bisher jedes Konzert verpasst hatte bzw. im Sommer in Ahrensburg so spät gekommen war, dass ich kaum noch etwas mitbekommen hatte. Leider kam ich wie üblich auch diesmal etwas zu spät und verpasste – Überraschung! – die ersten Songs der STRAWBERRY BLONDES, denn diese spielten VOR den QUEENZ. Ich hab das erste Album der BLONDES zuhause, das nach einem sehr netten RANCID-Klon klingt. Weitere Veröffentlichungen habe ich nicht mehr verfolgt, war mir aber sicher, dass die Band für eine geile Punkrockparty prädestiniert sein würde. Und ich wurde nicht enttäuscht; im einmal mehr rappelvollen Skorbut legte das Trio einen geilen Auftritt voller hymnischer Streetpunk-Refrains aufs Parkett, die sofort zum Fäusterecken und Mitsingen einluden. BOLANOW-BRAWL-Kollege Stulle war bereits wieder jenseits von Gut und Böse und zog bei Affenhitze im zugeknöpften Anorak sämtliche Register vor der Bühne. Nach einer kurzen Umbaupause dann die SUIZIDE QUEENZ, die ich mir ja GANZ eigenartig ausgemalt hatte. So war mir der bedenkliche Musikgeschmack Högis bekannt, der auf Glam-L.A.-Metal und Poser-Hardrock schwört, womit man mich aber mal so richtig jagen kann. Frühere Auftritte brachten der Band bereits den Spitznamen SUIZIDE QUEERZ ein, womit man auf Bühnenoutfit und Make-Up anspielte. Ich war also aufs Schlimmste gefasst. Doch diesmal hatte sich auf der Bühne niemand als Indianer verkleidet und das Outfit ging durchaus als punkkompatibel durch – wie auch, und das ist schließlich das Wichtigste, die Mucke! Das klang nach astreinem angeglamten Punk’n’Roll, was da von der Bühne kam, und Högi konnte sich an der Gitarre so richtig austoben und beweisen, welch begnadeter Gitarrist er ist. Die ganze Ausstrahlung, die da rüberkam, war eine überaus positive, glückliche, als hätten alle tierisch Bock auf genau das „Nischending“, was sie da machen. Högi sang sehr hoch und klar, aber gekonnt, melodiös und eingängig. Hier hatte es niemand nötig, auf der Bühne den harten Max zu markieren. Seltsamerweise gefielen mir Sound und Attitüde, ich nahm die Band als willkommene Abwechslung wahr. Ihren Teil dazu bei trug sicherlich die gute Stimmung, aber auch allgemein war‘s für mich ein schöner Abend zum Einfach-mal-Zuhören-und-die-Musik-auf-sich-wirken-lassen. Eine ablehnende Haltung der Band gegenüber halte ich für unangebracht, wurde positiv überrascht, hatte meinen Spaß und guck mir das Ganze gern noch mal an. Högi, Andy & Co. wünsche ich jedenfalls alles Gute für die Zukunft und ziehe meinen Hut davor, dass sie ihren eigenen Stiefel durchziehen.

24.11.2012, Skorbut, Hamburg: BOLANOW BRAWL

Der Tag der Wahrheit war gekommen: Seit ich mich im Frühjahr zum „Vorsingen“ bei einer sänger- und mehr oder weniger namenlosen, melodischen Streetpunk-Band hatte überreden lassen, in der mein alter Kumpel Stulle (ex-DOGS ON SAIL-Frontsau) den Tieftöner zupft, blieb man zusammen, stellte sich aufeinander ein und tüftelte an Songs – zu meiner Überraschung, da ich in diesem Bereich nun wirklich überhaupt keine Erfahrungen vorzuweisen hatte und auch mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS zu jenem Zeitpunkt noch kein einziges Mal auf einer Bühne stand. Irgendwie funktionierte das alles aber halbwegs und die Hauptsache: machte allen Beteiligten inkl. meiner Spaß, so dass man das leicht verfrühte Angebot, am 24. November im Skorbut den ersten Gig zu absolvieren (angepeilt war die „Bühnenreife“ für frühestens Dezember) nach nur kurzer Überlegung dankend annahm. Ein voller Set von zehn Songs und komplett englischen Texten, der meiner Stimme etwas mehr abverlangt als reines aggressives Gebrüll, war (und ist) eine Herausforderung für mich und dementsprechend freudig aufgeregt war ich. Die „Generalprobe“ am Nachmittag desselben Tags verlief aber ok und verschaffte ein wenig bitter nötige Sicherheit. Also Equipment zusammengepackt und gen Skorbut zum Aufbau gebracht. Dort, wo die Bühne ist, befinden sich im „Normalbetrieb“ Sofagarnituren, Tische und Stühle, die zunächst einmal weggeräumt werden mussten, um anschließend alles aufzubauen. Was für ein Aufwand für einen einzelnen, nicht einmal einstündigen Gig unserer jungen Band, der noch dadurch erhöht wurde, dass Soundmann Andy sein Equipment für Liveaufnahmen testen wollte! Irgendwann stand alles an Ort und Stelle und der Soundcheck konnte durchgeführt werden – auch dieser verlief gut. Die Zeit bis zur offiziellen Öffnung der Kneipe nutzte man in vorfreudiger Stimmung für einen Besuch bei Pauli Pizza, deren kulinarische Offenbarungen in lockerer Runde bei Stulle zu Hause verzehrt wurden. Jalapeños sorgten für Feuer in Rachen, Magen und Geist. Für mich war das ein besonderer Moment, eine Art letzte Erdung vor dem unausweichlichen Sturz- oder Höhenflug, je nachdem. Gegen 21:00 Uhr trudelten wir wieder ein und beobachteten, wie der Laden immer voller wurde mit Leuten, die bereitwillig die 3 Taler Eintritt abdrückten. Die Propagandamaschinerie schien im Vorfeld bestens funktioniert zu haben, der Laden wurde voll – obwohl zeitgleich COCK SPARRER in der Sporthalle spielten! Irgendwann zwischen zehn und halb elf ging’s dann auf die kleine Bühne, auf der es mit fünf Leuten schon reichlich eng wird. Aufgrund der niedrigen Decke kann man sich auch im wahrsten Sinne des Wortes keine großen Sprünge erlauben. Massenweise Augenpaare, viele davon gut bekannt, andere noch nie gesehen, starrten interessiert auf den Ort des Geschehens, nun gab es kein Zurück mehr – und mit „Total Escalation“ legten wir los. Das Publikum nahm uns sofort gut auf, einige Freunde unterstützten uns, wie es nur ging und bewegten sich grobmotorisch zur Darbietung, der Funke sprang auf weite Teile des Publikums über. Es wurde getanzt, gelacht, gegrölt, mit Bier gespritzt, die eingängigen Chöre der Refrains mitgesungen… es herrschte ausgelassene Party-Stimmung! Besser hätt’s gar nicht laufen können und so folgte auf „Dirty Streets“ „Alcoholic Heart“, danach „Radio Callboy“, gefolgt von „Brigitte Bordeaux“ – einige hatten dann und wann nie veröffentlichte Probeaufnahmen gehört und konnten bereits den Refrain mitsingen –, und „Fame“ aus alten CRAKEELS-Zeiten von Rhythmusgitarrist Christian und Drummer Raoul. Nach diesem aggressivsten unserer Songs war ich eigentlich bereits fix und alle. Die wenige Luft war verbraucht, meine Puste erst recht und der Schweiß rann mir den Körper herunter, brannte in den Augen. Und dabei hatte ich mich gar nicht viel bewegt, schlicht weil es die Bühne nicht hergab! Verdammt, nun weiß ich, wie es sich für manch Sänger anfühlen muss und habe einen Heidenrespekt davor, wie diese es schaffen, trotz allem noch souverän und lässig auf der Bühne zu wirken. Das Adrenalin, der Spaß, das geile Publikum und die absolut souveräne Band ließen mich natürlich weitermachen, allerdings hatte ich kaum noch ein Gespür dafür, wie es klang, was ich da herauspresste – den Reaktionen nach zu urteilen aber kann das so verkehrt nicht gewesen sein. Der jüngste Song „All I Have To Give“ bereitete keine Textschwierigkeiten (was zuvor eine meiner größten Sorgen gewesen war), „Brainmelt“ besiegelte das Trio der besonders bei dieser Affenhitze so richtig anstrengenden Songs und bei „Three Card Trick“ ging ein weiterer Traum in Erfüllung – mit diesem Song einmal auf einer Bühne! Whew! „Where Is My Hope“ schloss den Set und auch dieser Song war manch einem bereits bekannt, freundlicherweise unterstützte man mich stimmgewaltig. Zwischenzeitlich bekam ich eine Verschnaufpause, als Ladde zum Geburtstag gratuliert wurde. Während des Gigs kursierten unsere drei „Bolanow Brawl“-Blutorange-Wodka-Buddeln im Publikum und flossen gierige Kehlen hinunter – Prost! Als Zugabe ließen wir den Abend enden, wie er begonnen hatte, mit einer „Total Escalation“! Was für ein Auftakt für unsere junge Band – volle Hütte im Skorbut und ein weitestgehend pannenfreier Gig! Ein fettes DANKESCHÖN an alle, die das ermöglicht haben und natürlich an das Publikum, eines jener Sorte, wie man es sich nur wünschen kann. Nach dem Gig machten uns zahlreiche Gratulationen verlegen, bevor sich so langsam das Publikum austauschte und die Leute vom COCK-SPARRER-Gig zurückkamen. Man stürzte sich hier und da noch etwas ins Nachtleben und mit einem sehr guten Gefühl schlief ich irgendwann mit meiner Süßen, die unermüdlich ihr „Ich möcht’n Bier von dir!“-Schild hochgehalten hatte, das ich von der Bühne wegen meiner verdammten Kurzsichtigkeit nicht lesen konnte, in unserer Gästewohnung auf dem Kiez ein. Der erste BOLANOW BRAWL hat uns Blut(orange) lecken lassen, wir sind bereit für mehr! „Bolanow Brawl! Whew!“

10.11.2012, Skorbut, Hamburg: SMALL TOWN RIOT

SMALL TOWN RIOT bliesen einmal mehr zum Heimspiel für einen kleinen, feinen Gig in Sänger/Gitarrist Timos Wohnzimmer, dem Skorbut. Ein Kneipengig auf kleiner Bühne, der so viele Leute zieht, dass es sehr, sehr gemütlich in der Bude wird. SMALL TOWN RIOT bewiesen, dass sie in der aktuellen Besetzung mittlerweile top eingespielt sind und legten eine energiegeladene, raue Punkrock-Show auf die Bretter. Da Timo nicht länger hinter der Schießbude sitzt, sondern dort von Vollbart- und Sympathieträger Herrn Lehmann (MR. BURNS) abgelöst wurde, kann er sich wesentlich besser auf seinen dreckigen Gesang konzentrieren, der im Zusammenspiel mit Normans meist klarem Gesang wunderbar harmoniert. Generell erschien mir der Gig wieder im positiven Sinne etwas ungeschliffener und weniger poppig als die Auftritte in der Besetzung mit Andy an der zweiten Gitarre (inzwischen zu SUIZIDE QUEENZ abgewandert), was der Band meines Erachtens sehr gut zu Gesicht steht, vermutlich aber auch stark mit der Songauswahl zusammenhing. Die Stimmung war ausgelassen und euphorisch, das Publikum ging astrein mit, die oft hymnenartigen Refrains und Chöre erschallten aus einer Vielzahl heiserer und durstiger Kehlen. Einziges Manko wie so oft: Die gemessen daran, welche Vielzahl großartiger Hits man in der Hinterhand hat, etwas überraschungsarme Songauswahl. Probt endlich mal mehr alte Klassiker ein, Jungs – dann habt ihr vielleicht auch noch was übrig, wenn der Mob Zugaben verlangt und ihr müsst nicht unverrichteter Dinge die Bühne verlassen 😉 Geile Band, geile Leute, geiler Laden, geiler Gig!

20.10.2012, Rondenbarg, Hamburg: HAMBURGER ABSCHAUM + MORPHOTRON

Allseits unbeliebtes Line-up-wechsel-dich-Spielchen im Vorfeld, zwei ABSCHAUM-Support-Acts konnten sich gegenseitig nicht leiden und sagten deshalb beide ab, PRAXIS DR. SHIPKE und AN ARCHIA kam letztlich auch noch irgendwas dazwischen und MORPHOTRON waren es, die dann letztendlich tatsächlich bereit standen, um den HAMBURGER ABSCHAUM zu begleiten, als dieser anlässlich der bevorstehenden Albumveröffentlichung das Konzert live mitschnitt. Des ABSCHAUMS Rufe jedenfalls wurden erhört und reichlich Gefolgsleute erschienen, um drei Talerchen abzudrücken. Aufgrund des ganzen technischen Equipments für die Liveaufnahmen spielten ABSCHAUM zuerst und den Sound besorgte diesmal nicht Norman, sondern – wenn ich das richtig verstanden habe – der Produzent des Albums. Man überraschte mit einem ausgefallenen, atmosphärischen Intro, das kurz vor Beginn des Sets eingespielt wurde und auf den Gig einstimmte. Feine Sache, wenn auch alles andere als üblich bei Punkgigs dieser Größenordnung – gerade deshalb gefiel mir das besonders. Über die Band selbst hab ich ja schon reichlich Worte verloren, weshalb ich mich kurz fasse: Auch dieses Konzert wusste zu gefallen. Das Publikum war gut drauf und unterstützte die Band mit Sprech- und Sangeschören, der Band merkte man keinerlei Nervosität an – aber der Sound im Publikum war nicht wirklich optimal. Ungewohnt leise der Gesamtklang und noch mal leiser anscheinend wieder Hollis Gitarre. Auch dieses Manko wurde im Laufe der Zeit wieder besser, jedoch merkte man schon, dass man sich in erster Linie darauf konzentrierte, einen vernünftigen Sound für die Aufnahmen zu bekommen, statt dem Publikum wie sonst die volle Dröhnung um die ungewaschenen Löffel zu schlagen.

MORPHOTRON sind eine relativ neue Band aus Hamburg, an den Drums jedoch niemand Geringerer als Hamburger Punk-Legende George, „hauptberuflich“ Sänger der genialen DOGS ON SAIL. MORPHOTRON stellten sich als angenehm rauer Punkrock mit deutschen Texten heraus, mit schön räudiger Straßenrockkante und ohne Schnörkel. Zwar leerte es sich nach dem ABSCHAUM etwas vor der Bühne, aber nicht wenige nahmen die Gelegenheit wahr, – sicherlich wie ich zum ersten Mal – einem Liveauftritt dieser interessanten Band beizuwohnen. Auf der Bühne wirkt das Trio noch etwas unspektakulär, aber mit der Zeit wird bestimmt mehr Sicherheit und damit mehr Bühnenbewegung kommen. Leider konnte ich mir den Gig nicht bis zum Schluss anschauen, da meine Süße und ich noch etwas anderes vorhatten und die letzte Bahn in die Heimat bekommen mussten. Ein schöner Abend war’s. Bin auf die ABSCHAUM-Platte inkl. der Liveaufnahmen gespannt, scheint etwas wirklich sorgfältig Konzipiertes mit Hand und Fuß zu werden!

06.10.2012, Krombacher-Clubhaus, Ennepetal (bei Hagen): DRUNKEN DISASTER + JEDEN SONNTAG + FROHNATUR + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + Special Guests

drunken disaster + jeden sonntag + frohnatur + disillusioned motherfuckers + special guests @krombacher-clubhaus, ennepetal (bei hagen), 06.10.2012Alte Kumpels unseres Gitarreros Kai luden zur großangelegten Geburtstagsparty mit lokalen Bands nach Ennepetal bei Hagen in unmittelbarer Ruhrpottnähe. Der Veranstaltungsort entpuppte sich als überdimensionierter „Krombacher-Club“, eine Art von Krombacher gesponsertes Vereinsheim/-lokal, das die Eltern der Feiernden zur Verfügung stellten. Man hatte nicht nur einen schönen Kneipenraum mit Tresen, sondern auch noch einen Speisesaal, einen schnieken Backstageraum und den Konzertsaal mit zweigeteilter Bühne und massig Platz vor selbiger. Und alles war mit Krombacher vollgepflastert, überall stand Bier herum, eigener Kühlschank im Backstagebereich, massenweise leckeres Essen – wow! Es gab Freibier bis zum Abwinken und vor allem aber ein Wiedersehen mit den Hagener Chaoten, der KWW etc. Feine Sache das, nur leider kamen dann doch einige Gäste weniger als ursprünglich von den Gastgebern erwartet – eigenartig. Womit kann man denn heutzutage noch Leute vom heimischen Sofa locken, wenn nicht mit einer solchen Party?!

Ob des bevorstehenden zweiten Auftritts mit den DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS hielt man sich natürlich mit Alkoholika zurück, was nicht ganz leicht fiel, da man bereits arschfrüh angekommen war, aber lange Zeit eigentlich nichts weiter zu tun hatte. Unser Plan, als erste oder spätestens zweite Band zu spielen, wurde auch noch jäh durchkreuzt; aufgrund verschiedener Umstände drängelte sich eine Band nach der anderen vor, bis wir schließlich als vierte und somit letzte drankamen. Bis dahin fiel es gar nicht so leicht, den richtigen Pegel zu halten und meine Nervosität stieg. Dafür kam ich aber in den Genuss von FROHNATUR, der anscheinend dienstältesten Punkband Hagens, die ein trashiges Set mit vielen Coverversionen spielte. An den Instrumenten war man ziemlich fit, ich glaube besonders den Drummer hab ich als herausragend in Erinnerung, als Gesang kam jedoch lediglich monotones Genöle. Das hatte ziemlich feisten Asi-Charme und wusste live durchaus zu unterhalten – was davon beabsichtigtes Kalkül und was tatsächlich eingeschränkten Mitteln geschuldet ist, vermag ich nicht zu beurteilen, haha… Wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, folgten DRUNKEN DISASTER, eine großartige Punkband, ebenfalls aus Hagen, die mit astreinem HC-/Chaos-Punk (oder so) vollends überzeugte. Richtig geiles Zeug; ich hoffe, die kommen ordentlich rum und werden noch viel öfter zu sehen sein! JEDEN SONNTAG dann wiederum kamen wesentlich entspannter daher, angepunkter Alternative/Indie-Rock-Sound mit deutschen Texten und viel Melodie, aber nie einen gewissen rauen Charme vermissen lassend. Dank des guten Sounds kam da live auch wirklich was rüber, Druck und Ausstrahlung waren vorhanden. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt befanden sich dann tatsächlich auch die meisten Anwesenden im Konzertsaal und hatten ihren Spaß. Ich sag’s mal so: Nicht ganz meine Mucke, aber ein guter Sound, um Mädels anzulocken und zu begeistern. 😉 Zudem weder doof noch nervig. Deshalb: Respekt, Jungs!

Endlich ließ man dann uns auf die Bühne, es war glaube ich mittlerweile nach Mitternacht. Der Auftritt war wohl ganz ok, ich bin vor der Bühne rumgesprungen, der Rest der Band stand auf selbiger, so hatte jeder genügend Platz. Das mittlerweile locker mind. halbierte Publikum war inzwischen zu Teilen strunzevoll und/oder bekam allgemein nicht mehr so viel mit, einige klebten am Tresen, verpassten den Auftritt komplett und waren anschließend überrascht, dass wir „schon“ gespielt hatten, andere aber waren trotz fortgeschrittener Stunde tatsächlich noch interessiert und zogen sich uns rein. Es blieb Raum für kurzweilige Kommunikation mit dem Publikum, gleich drei Leuten konnte zum Geburtstag gratuliert werden und pipapo. Einige Verspieler waren dem Alkoholkonsum geschuldet, aber das interessierte zu diesem Zeitpunkt keine Sau mehr. Nach ein oder zwei Zugaben in Form von Songwiederholungen war Schluss und endlich konnte ich trinken, soviel ich wollte – und mir mit ausreichend Sicherheitsabstand den mächtigen KAPUTTOR der MONGO KNÜPPELGARDE anschauen, der zusammen mit anderen windeltragenden Schergen der KWW allerlei unnützen Scheiß zu Klump haute bzw. hauen ließ. Doch auch diese großartige Entertainment-Einlage stellte noch nicht den Abschluss des Abends dar, Unermüdliche aus fast allen anwesenden Bands fanden noch einmal auf der Bühne zusammen und jamten wohlklingend und gefühlt stundenlang vor sich hin. Sehr geil – und bald holte mich auch mit dem letzten Bier der finale Rettungsschuss ein und ich sank auf einer Matratze im Backstageraum in traumlosen Schlaf. Danke für die Einladung, für Speis, Trank und alles andere an Gastgeber Pepe & Co.!

04.10.2012, Rondenbarg-Kneipe, Hamburg: ALERT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

alert + disillusioned motherfuckers @rondenbarg, hamburg, 04.10.2012Kurzfristig angeboten bekommen und natürlich nicht ausgeschlagen: Unser (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) allererster Auftritt als „Heimspiel“, proben wir doch seit geraumer Zeit auch auf dem Hamburger Rondenbarg, als Vorgruppe für ALERT aus Israel auf einem Donnerstagabend. Die perfekte „Testumgebung“, um sich live mal auszuprobieren, da eben im kleinen Rahmen der rustikalen Kneipe. Nichtsdestotrotz ging mir bischn die Flatter, die ich mit fester (danke, René, für den schmackhaften Auflauf) und flüssiger Nahrung bekämpfte. Draußen gab’s Hamburg-typisch mal wieder Wetter, Wetter, Wetter, aber in der gemütlichen Kneipe war’s dank Ofen mollig warm. Eine Bühne im engeren Sinne gibt es nicht, man steht also quasi Auge in Auge dem Publikum (sofern vorhanden) gegenüber. Den Sound besorgte Norman am Mischpult, der auch das Konzert organisiert hatte. Irgendwann zu leicht fortgeschrittener Stunde ging’s dann los und wir prügelten unseren satte sieben Songs (wow!) umfassenden Set herunter. Das flutschte eigentlich alles ganz passabel und die rund 40 Anwesenden zeigten sich durchaus interessiert und begeisterungswillig. Als Zugabe gab’s dann noch mal „Elbdisharmonie“, so dass man insgesamt mit paar Ansagen (die ich aufgrund der israelischen Gäste und anderer anwesender Ausländer spontan sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch machte – wenn ich’s nicht gerade vergessen hatte…) auf ca. 25 Minuten „Stagetime“ kam. Im Anschluss hatte ich das gute Gefühl, dass man für solche Gigs in der Tat mittlerweile recht livetauglich ist und konnte mich nun zusammen mit den Bandkollegen ins Vergnügen stürzen und die großartigen ALERT abfeiern, die uns eindrucksvoll bewiesen, wie man als HC-Punk-Band abgehen und das Publikum mit einbeziehen kann, wenn man schon ein paar Jährchen miteinander zockt und ordentlich eingespielt ist. Sehr aggressiver Sound mit Keif-Gesang, stilistisch irgendwo zwischen Anarcho- und Chaos-Punk einzuordnen, von fidelen Jungs, die kurzerhand die nicht vorhandene Bühne vergrößerten und durchs Publikum sprangen etc., jegliche Distanz vermissen ließen und eine geile kleine Donnerstagabend-Party mit uns feierten. Geile Scheiße, gerne wieder und danke an alle für alles!

29.09.2012, Hafenklang, Hamburg: MISANDAO + ARRESTED DENIAL + KAOS KABELJAU

MISANDAO, Chinas erste reinrassige (bitte nicht missverstehen ;)) Oi!-Band erfuhr schon immer viel Unterstützung aus Deutschland, dennoch kannte ich bis auf ein paar Videoclips noch nichts von den Peking-Bootboys, geschweige denn, dass ich sie mal live gesehen hätte. An diesem Wochenende, an dem sich Hamburg mal wieder mit interessanten subkulturellen Veranstaltungen überschlug, bekam das Konzert im Hafenklang letztlich meinen Zuschlag, nicht nur wegen des Exoten-Bonus. Eigentlich sollten SCHLOIDERGANG aus Schleswig-Holstein auch mit von der Partie sein, mussten krankheitsbedingt aber leider absagen. Im genau richtig gefüllten Hafenklang – nicht zu übersichtlich, nicht zu drängelig – begannen die KAOS KABELJAUe mit ihrem deutschsprachigen HC-Punk-Set. Engagiert und authentisch, mit drei verschiedenen Gesängen von Sänger, Gitarrist und Schlagzeuger, von denen letzterer am deutlichsten zu verstehen war, während der Frontmann in erster Linie derbe Growls von sich gab. So verkehrt ist das alles nicht, wenn man auch aufgrund der hohen Geschwindigkeit, die oft gefahren wurde, manch Einsatz leicht verpasste und nicht 100%ig synchron agierte. Außerdem ist mir der eine oder andere Song etwas zu sehr mit verschiedenen Parts aufgeblasen und in die Länge gezogen worden, da wäre etwas weniger meines Erachtens mehr. Akustik- bzw. clean gespielte Parts aber lockerten das Brachialgewitter durchaus angenehm auf und sowieso möchte ich meine Worte als wohlwollende konstruktive verstanden wissen, denn grundsätzlich gefällt es mir, was die Stinkefische da so veranstalten. ARRESTED DENIAL folgten, Hamburgs neue deutschsprachige Streetpunk-Hoffnung um u.a. ex-THIS-BELIEF-Valentin und ex-IN-VINO-VERITAS-Sascha. Nachdem ich sie lange nicht mehr live gesehen hatte, verfolgt man interessanterweise mittlerweile ein neues Konzept: Man füllt Gitarrero Sascha mit Hochprozentigem ab, was zur Folge hat, dass sich der Unterhaltungswert so eines Auftritts exponentiell steigert. Während die Band ihre klischee- und parolenfreien, nachdenklichen und intelligenten Songs zum Besten gab, verliehen Stimmungskanone Sascha sowie der wohl größte Fan der Band vor und auch auf der Bühne dem Gig eine schön chaotisch-punkige Note als Kontrast zum häufig betont ernsthaften Inhalt. Der Bassist ließ sich mit anstecken und fortan pogten zeitweise zwei Drittel der Saitenfraktion vor der Bühne, während letztere von Teilen des Publikums in Beschlag genommen wurde. Zwischendrin dann wieder das MAYTALS-Cover „Pressure Drop“ und zur Auflockerung sogar ein paar hardcorige Klänge. Das war alles richtig gut, musikalisch souverän und mit der richtigen Attitüde, und kam beim Publikum auch entsprechend an. Headliner des Abends waren dann jene berüchtigten Chinesen und ich war neugierig, was mich erwarten würde. MISANDAO waren absolut fit an ihren Instrumenten und lieferten einen zum überwiegenden Teil aus (englischsprachigen) Eigenkompositionen bestehenden, authentischeren UK-Oi!-Punk-Sound ab, als ihn der Großteil der alten Recken heute noch zustande bekommt. Große Klasse! Das Publikum ging entsprechend ab und pogte zünftig vor der Bühne, spritze mit Bier und was man eben sonst noch so macht, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Unermüdlich reihten die Chinesen einen Hit an den anderen; die Songs gingen auch ohne sie zu kennen direkt in Ohr, Bauch und Bein und zündeten sofort. Gegen Ende bewies man gar noch, dass man ohne Weiteres von derbem Oi!-Sound auf leichtfüßigen Two-Tone-Ska-Sound umzuschalten versteht und brachte einige wenige Stücke in diesem Gewand. Als Coverversion musste LAUREL AITKENs „Skinhead“ herhalten, mit gesungenem Bläserpart… dabei fand einmal mehr eine Bühneninvasion statt. Unterm Strich ein genialer Gig einer enorm spielfreudigen Band, die überhaupt keinen Exoten-Bonus nötig hat und es versteht, auf erfrischende Weise den alten Sound mit neuem Leben zu füllen. Der Klang war bei allen drei Bands prima abgemischt und Ärger im gemischten Publikum gab es nach meinen Beobachtungen auch keinen, so dass es letztlich an diesem Konzert nichts zu meckern gab.

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