Günnis Reviews

Kategorie: Konzertberichte (page 30 of 38)

29.09.2012, Hafenklang, Hamburg: MISANDAO + ARRESTED DENIAL + KAOS KABELJAU

MISANDAO, Chinas erste reinrassige (bitte nicht missverstehen ;)) Oi!-Band erfuhr schon immer viel Unterstützung aus Deutschland, dennoch kannte ich bis auf ein paar Videoclips noch nichts von den Peking-Bootboys, geschweige denn, dass ich sie mal live gesehen hätte. An diesem Wochenende, an dem sich Hamburg mal wieder mit interessanten subkulturellen Veranstaltungen überschlug, bekam das Konzert im Hafenklang letztlich meinen Zuschlag, nicht nur wegen des Exoten-Bonus. Eigentlich sollten SCHLOIDERGANG aus Schleswig-Holstein auch mit von der Partie sein, mussten krankheitsbedingt aber leider absagen. Im genau richtig gefüllten Hafenklang – nicht zu übersichtlich, nicht zu drängelig – begannen die KAOS KABELJAUe mit ihrem deutschsprachigen HC-Punk-Set. Engagiert und authentisch, mit drei verschiedenen Gesängen von Sänger, Gitarrist und Schlagzeuger, von denen letzterer am deutlichsten zu verstehen war, während der Frontmann in erster Linie derbe Growls von sich gab. So verkehrt ist das alles nicht, wenn man auch aufgrund der hohen Geschwindigkeit, die oft gefahren wurde, manch Einsatz leicht verpasste und nicht 100%ig synchron agierte. Außerdem ist mir der eine oder andere Song etwas zu sehr mit verschiedenen Parts aufgeblasen und in die Länge gezogen worden, da wäre etwas weniger meines Erachtens mehr. Akustik- bzw. clean gespielte Parts aber lockerten das Brachialgewitter durchaus angenehm auf und sowieso möchte ich meine Worte als wohlwollende konstruktive verstanden wissen, denn grundsätzlich gefällt es mir, was die Stinkefische da so veranstalten. ARRESTED DENIAL folgten, Hamburgs neue deutschsprachige Streetpunk-Hoffnung um u.a. ex-THIS-BELIEF-Valentin und ex-IN-VINO-VERITAS-Sascha. Nachdem ich sie lange nicht mehr live gesehen hatte, verfolgt man interessanterweise mittlerweile ein neues Konzept: Man füllt Gitarrero Sascha mit Hochprozentigem ab, was zur Folge hat, dass sich der Unterhaltungswert so eines Auftritts exponentiell steigert. Während die Band ihre klischee- und parolenfreien, nachdenklichen und intelligenten Songs zum Besten gab, verliehen Stimmungskanone Sascha sowie der wohl größte Fan der Band vor und auch auf der Bühne dem Gig eine schön chaotisch-punkige Note als Kontrast zum häufig betont ernsthaften Inhalt. Der Bassist ließ sich mit anstecken und fortan pogten zeitweise zwei Drittel der Saitenfraktion vor der Bühne, während letztere von Teilen des Publikums in Beschlag genommen wurde. Zwischendrin dann wieder das MAYTALS-Cover „Pressure Drop“ und zur Auflockerung sogar ein paar hardcorige Klänge. Das war alles richtig gut, musikalisch souverän und mit der richtigen Attitüde, und kam beim Publikum auch entsprechend an. Headliner des Abends waren dann jene berüchtigten Chinesen und ich war neugierig, was mich erwarten würde. MISANDAO waren absolut fit an ihren Instrumenten und lieferten einen zum überwiegenden Teil aus (englischsprachigen) Eigenkompositionen bestehenden, authentischeren UK-Oi!-Punk-Sound ab, als ihn der Großteil der alten Recken heute noch zustande bekommt. Große Klasse! Das Publikum ging entsprechend ab und pogte zünftig vor der Bühne, spritze mit Bier und was man eben sonst noch so macht, um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Unermüdlich reihten die Chinesen einen Hit an den anderen; die Songs gingen auch ohne sie zu kennen direkt in Ohr, Bauch und Bein und zündeten sofort. Gegen Ende bewies man gar noch, dass man ohne Weiteres von derbem Oi!-Sound auf leichtfüßigen Two-Tone-Ska-Sound umzuschalten versteht und brachte einige wenige Stücke in diesem Gewand. Als Coverversion musste LAUREL AITKENs „Skinhead“ herhalten, mit gesungenem Bläserpart… dabei fand einmal mehr eine Bühneninvasion statt. Unterm Strich ein genialer Gig einer enorm spielfreudigen Band, die überhaupt keinen Exoten-Bonus nötig hat und es versteht, auf erfrischende Weise den alten Sound mit neuem Leben zu füllen. Der Klang war bei allen drei Bands prima abgemischt und Ärger im gemischten Publikum gab es nach meinen Beobachtungen auch keinen, so dass es letztlich an diesem Konzert nichts zu meckern gab.

22.09.2012, Gaußplatz, Hamburg: SOUL INVADERS

Gesundheitlich angeschlagen ging’s am Samstagabend dann doch noch auf den Gaußplatz, wo Maggie in der Platzkneipe in seinen Geburtstag reinfeierte. Zum eintrittsfreien Tanze spielten die SOUL INVADERS aus Hagen auf, die ich schon ewig nicht mehr live gesehen hatte. Man lieferte eine gute Show mit leckerem Punkrock, der auch gerne mal flotter zur Sache ging. Oldschool und überzeugend, eine gelungene Untermalung der feuchtfröhlichen Zusammenkunft. So richtig berühmt und berüchtigt sind die SOUL INVADERS in den nicht mehr ganz wenigen Jahren ihres Bestehens nie geworden. Vielleicht sind sie dafür etwas zu unspektakulär und schnörkellos, jedenfalls fällt mir auch gerade nichts mehr ein, was ich noch großartig über den Gig schreiben könnte. Die Jungs kamen sympathisch rüber und wurden gut angenommen, ‘ne rundum feine Sache. Mit meiner Erkältung und den DMF-Demoaufnahmen in den Knochen wurde ich aber nicht mehr alt, ignorierte unhöflicherweise kurzerhand den bevorstehenden Geburtstag und setzte mich noch vor Mitternacht in die Bahn nach Hause…

01.09.2012, Rondenbarg, Hamburg: Wagentage mit HAMBURGER ABSCHAUM + THEMOROL + Gedöns

Im Rahmen der „Wagentage“ stellte man auf dem Hamburger Rondenbarg diverse Infotafeln etc. auf und machte noch so dieses und jenes, vor allem aber ließ man es mit einem Konzert krachen, was zugegebenermaßen hauptsächlich mein Interesse weckte. Der Partybereich vor der Konzerthalle des Wagenplatzes war verdammt gut mit Publikum gefüllt, viele waren Gäste von außerhalb, von anderen Wagenplätzen. Als ich mich dazugesellte, zupfte gerade irgendein zotteliger Liedermacher mehr schlecht als recht auf seiner Klampfe herum und nölte dazu ins Mikro. Anschließend fand eine Verlosung zwischen den Gruppen diverser Wagenplätze statt und irgendwann zu leicht fortgeschrittener Stunde war es dann endlich soweit und der HAMBURGER ABSCHAUM erklomm die Bühne. Es wurde ein wie üblich sehr unterhaltsamer Auftritt, eingängiger deutschsprachiger Punkrock mit Humor und Augenzwinkern und einigen Gimmicks. Acht Leute auf der Bühne, davon zwei Sänger, Bläser und einer für die Kettensäge, die als Instrument agiert. Leider hörte man diesmal Hollis Gitarre kaum, die er anscheinend unabsichtlich runtergedreht hatte…?! Schade, denn er hatte wieder sichtlich Spaß auf der Bühne und legte sich gut ins Zeug. Irgendwann, wenn auch recht spät, bekam man aber auch dieses Problem in den Griff. Natürlich kam die Band bei ihrem Heimspiel gut an und wurde entsprechend bejubelt. Schönes Ding! THEMOROL folgten und klangen für meine Ohren anders, als ich es im letzten Jahr noch im Störtebeker empfunden hatte, ehrlich gesagt erkannte ich die Band gar nicht wieder. Erst irgendwann dünkte mir, dass ich den Namen schon mal gehört hatte… Der Sound klang für mich diesmal wie MOTÖRHEAD meets Crustcore oder so, eigentlich auch irgendwie anders, jedenfalls ziemlich derbe und krachig, aber wie sagte meine reizende Begleitung an diesem Abend so treffend zu mir? „Die Band scheint ihren Stil noch nicht ganz gefunden zu haben.“ Allen in allem aber ein respektabler Auftritt! Anschließend stellte man hinsichtlich des Live-Programms seitens der Organisatoren sein musikalisches Abwechslungsreichtum erneut unter Beweis, diesmal in Form eines Techno-/Elektro-Acts namens DISKOCRUNCH, der für meine Ohren nur schwer erträglich war, aber perfekt dazu einlud, den Abend abseits des Geschehens ausklingen zu lassen. Allein schon dank der netten Atmosphäre an diesem lauen Spätsommerabend hatte sich das Erscheinen jedoch gelohnt, zumal die Getränkepreise wie immer günstigst und der Eintritt sogar frei waren!

25.08.2012, Birkenhain, Buxtehude: REVEREND ELVIS & THE UNDEAD SYNCOPATERS

Früher war sicher nicht alles besser, aber zumindest war ich bei vielen Konzerten einer der ersten Gäste und trank erst mal ‘ne halbe Palette Dosenbier (Karlsquell! Hansa! TiP-Bier!) vor der meist noch verschlossenen Tür. Heute ist alles anders, denn ich komme unangenehm auffallend regelmäßig zu spät. So auch zu Arnolds und Bommels Geburtstagsparty am Buxtehuder Birkenhain, jenem eigentlich sehr schönen Freilicht-Veranstaltungsort auf einer Waldlichtung. Zu meiner Verteidigung kann ich aber anbringen, die ersten paar Songs zumindest auf dem nicht ganz einfachen Weg dorthin bereits durch die Nacht schallen gehört zu haben. Als ich dann endlich eintraf und feststellte, wie dermaßen voll ein beträchtlicher Teil der geladenen Gäste, allen voran aber die Gastgeber selbst waren, wurde mir schlagartig bewusst, das an diesem Abend nie wieder aufholen zu können. Doch zurück zur Musik: REVEREND ELVIS & THE UNDEAD SYNCOPATERS stammen aus Dresden, sind eine Zwei-Mann-Band mit offensichtlichem Punk-Background, haben sich aber dem minimalistischen Rockabilly (bzw. Hellbilly/Primitiv Jazz/50’s Punk/Deathcountry/Sacred Blues/Satanic Gospel/whatever) verschrieben. Das scheint konkret zu heißen, dass einer den prätentiösen Standbass zupft, während der andere an Snare und Hihat sitzt, die er mit den Füßen bedient, dabei Gitarre spielt und mit möglichst breitem Südstaaten-Akzent (oder so) schmutzige Lieder – Rock’n’Roll-Klassiker, eingebillyte Evergrenns und satanische Eigenkompositionen – vorträgt. Das wurde mit der (kurzen) Zeit immer besser, stärker und origineller („Kill! Kill! Kill!“ beispielsweise ist nun wirklich ein Hit) und die Bewegung vor der kleinen Pavillon-Bühne stieg an – doch hassenichgesehn: Zack, gab der Stromgenerator den Geist auf. Doch anstatt diese Zwangspause primär konstruktiv zu nutzen, um wieder Elektrizität heranzubekommen, kippte die Stimmung augenblicklich und einige Gäste bekamen sich so sehr in die Haare, dass die beiden Jungs nach ein wenig Beobachtung der Szenerie ihre Sachen packten und die weite Heimreise antraten. Schade, aber sehr gut nachzuvollziehen. Wie hieß es etwas diplomatisch-euphemistisch? „Ihr wart dan n irgendwann mehr mit euch selbst beschäftigt!“ … Der Abend wurde trotzdem noch ein netter und mit denjenigen, die noch einigermaßen klar bei Verstand waren, konnte man sich ums Lagerfeuer versammeln, neue Leute kennenlernen, bekannte Leute besser kennenlernen, lange nicht gesehene Leute wiedertreffen etc. pp und das arg in Mitleidenschaft gezogene Ambiente war am nächsten Tag auch ruckzuck wieder hergerichtet, wenn auch der Schwund anscheinend etwas höher ausfiel als hätte sein müssen (zerdepperte Pavillons etc.). Egal, so oder so danke an die Organisatoren und an die Band für den Ausflug in „verbotene Dorf“, das eigentlich eine sympathische Kleinstadt ist.

18.08.2012, Balduintreppe, Hamburg: Elbdisharmonie-Soli-Festival u.a. mit THRASHING PUMPGUNS / Lobusch, Hamburg: LES RAMONEURS DE MENHIRS

Ab Samstagnachmittag sollte an der Balduintreppe, die u.a. das Onkel Otto mit dem Ahoi verbindet, das Anti-Gentrifidingsbums-Solidaritätsfestival mit dem klangvollen Namen „Elbdisharmonie“ steigen, anlässlich dessen sich musikalische Beiträge unterschiedlichster Art angekündigt hatten. Wirklich interessant waren davon eigentlich nur die THRASHING PUMPGUNGS um ex-SMALL-TOWN-RIOT-Bassist Rolf, der seit geraumer Zeit Shouter dieser Oldschool-Thrash-/HC-Crossover-Combo ist. Das Ambiente hatte schon einmal was für sich: Die Bühne war auf ebenen Mitte zwischen den Treppenabschnitten aufgebaut worden und der Pöbel konnte bequem auf den Treppenstufen platznehmen. Vor der Bühen war aber auch genügend Platz für diejenigen, die sich „körperlich artikulieren“ wollten. Die THRASING PUMPGUNS boten ein derbes Brett schnellen, drückenden, brutalen Sounds, irgendwo zwischen CIRCLE JERKS und hektischem Trash, und Rolf hielt sich hauptsächlich im Publikum auf, sprang auf die Treppen, fegte wie ein Derwisch durch die Meute und keifte aggressiv ins Mikro. Zwischen den Songs gab’s ein paar erhellende Kommentare zu den Inhalten und etwas Kommunikation mit dem Publikum, alles souverän und auf den Punkt wie der ganze Gig. Auch ohne einen Riesen-Moshpit vor der Bühne war die Stimmung gut und die Band kam zurecht gut an. Feine Sache, für die es sich neben dem üblichen „Meet & Greet“ mit unzähligen bekannten Gesichtern gelohnt hat. Über das, was danach musikalisch folgte, hülle ich aber besser den Mantel des Schweigens. Selbstredend konnte das noch nicht alles sein, also brach man langsam, aber sicher auf in Richtung Altona, um der altehrwürdigen Lobusch mal wieder einen Besuch abzustatten:

Folk-Punk aus Frankreich, die Nachfolgeband von BÉRURIER NOIR – was Franzosenpunk betrifft, bin ich ja weitestgehend unbeleckt, was ich eigentlich mal ändern müsste. Ein Kumpel hatte mir kürzlich so einiges vorgespielt, unter anderem von der eben genannten Vorgängerband, und das klang alles verdammt gut. Außerdem ist „Les Rebelles“ ein verdammter Hit. Für ‘nen Fünfer konnte ich mir nun das aktuelle Projekt der Herren ansehen und -hören, eine wilde Mischung aus Folk und Punk mit Flöten und Elektro-Drums. Klingt erst mal reichlich befremdlich, hat es aber in sich. Ohnehin schon gut gelaunt und etwas angeheitert ging diese eigentümliche Mischung verdammt gut ins Bein. Die Lobusch war mittlerweile, nachdem es anfänglich noch etwas mau aussah, sehr respektabel gefüllt und die Leute gingen sehr gut mit, was die Bude innerhalb kürzester Zeit in die reinste Sauna verwandelte. Man wünschte sich einen Backofen zum Abkühlen, doch die Band hatte ein Einsehen und hörte irgendwann auf – jedoch nicht etwa, um das Konzert zu beenden, sondern um eine wohlverdiente Pause einzulegen! Diese eine Band erfüllte locker das Programm für zwei Bands und nach einiger Zeit ging’s tatsächlich weiter. Mich hielt dann irgendwann in Anbetracht der fast schon hypnotisierenden Mucke und der ausgelassenen, freundschaftlichen, schlicht fantastischen Stimmung auch nichts und ich begab mich in den schweißtriefenden Oben-Ohne-Mob vor der Bühne, wo das Bier in Sekundenschnelle verdunstete. Die Band schmetterte alte Arbeiterlieder in die hungrige Masse und wurde gebührend abgefeiert. Da war’s mir auch egal, dass es sich ab einem gewissen Punkt anhörte, als würden die Flöter die ganze Zeit mehr oder weniger dasselbe spielen. Am Ende war die Band glücklich und das Publikum befriedigt und besoffen. Nur ein paar Hartgesottene zogen noch weiter in die nächste Kneipe und ein Blick ins Portemonaine am nächsten Morgen verriet mir, dass ich einer davon war…

13.08.2012, Hafenklang, Hamburg: MUNICIPAL WASTE + TOXIC HOLOCAUST

Was ist schlimmer als Freitag, der 13.? Montag, der 13.! So zumindest normalerweise – nicht aber, wenn man Urlaub und sich das dritte Konzert an drei Tagen reinzieht. Und schon gar nicht, wenn die Oldschool-Thrasher TOXIC HOLOCAUST und die Oldschool-Crossover-Amis MUNICIPAL WASTE im Hafenklang spielen. Leider begann man offenbar pünktlich wie die Maurer, so dass ich die ersten toxischen Holocaust-Minuten verpasste. Als ich mich ins ausverkaufte Hafenklang drängelte, waren die Amis um Joel Grind bereits am zocken und gaben, stilecht in BATHORY- und VENOM-Shirts gehüllt, ihren angeschwärzten Thrash zum Besten. Liegen mir zwar grundsätzlich eher die älteren, oberruppigen TH-Scheiben, muss man aber anerkennen, dass ihnen mit den jüngeren Veröffentlichungen recht große Würfe gelungen sind, die zu einem mittlerweile recht großen Bekanntheitsgrad und vielen guten Kritiken verholfen haben. Die Songauswahl konnte sich hören lassen, wenn auch meine persönlichen Favoriten nicht zum Zuge kamen. Egal, denn die Stimmung war prächtig, der Moshpit euphorisch und die Band schlichtweg gut. Leider verließ man nach gerade mal 35 Minuten ohne Zugabe die Bühne und manch einer, der noch später gekommen war als ich, blickte enttäuscht aus der Wäsche. Zeit also, das Publikum zu begutachten: Metaller, Punks, Hardcore-Volk und andere subkulturell Interessierte gaben sich die Klinke in die Hand – so muss ein Crossover-Publikum aussehen! Draußen vor der Tür hatte man sogar Skaterrampen aufgebaut, die sich in Dauerbetrieb befanden und manch waghalsigen Stunt provozierten. Das Wetter spielte auch optimal, ein lauer Sommerband lud zum Trinken, Quatschen und Fachsimpeln vor den Pforten ein. Noch während der Umbauphase begab ich mich ca. in die Mitte des für dieses Konzert sehr knapp bemessenen Raumes, wo der Pöbel sich unentwegt und lautstark mit „MUNICIPAL WASTE is gonna FUCK YOU UP!!!“-Sprechchören selbst anfeuerte. Ich ahnte bereits ungefährt, was auf mich zukommen würde, und behielt Recht: Mit dem ersten Akkord rasteten alle vollkommen aus, so dass ich mich besser in Sicherheit zu bringen versuchte. Das war diesmal gar nicht so einfach, denn lediglich in den letzten zwei, drei Reihen, direkt vorm Mischpult, ging’s etwas gesitteter zu, davor tobte der Krieg bzw. die reinste Party, schließlich feierte man mit MUNICIPAL WASTE berüchtigte Freunde des alkoholgeschwängerten Thrash-/Punk-Crossovers ab. Zwar war der Sound nicht mehr ganz so stark wie zuvor bei TOXIC HOLOCAUST, doch das tat der Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Die Band, die sich gerade auf Tour befindet, spielte sich in einen wahnsinnigen Rausch und gab alles – Respekt vor dieser Leistung! Ob die in der Lage sind, das wirklich jeden Abend so zu bringen? Das Publikum jedenfalls dankte es von Herzen und moshte, stagedivte, crowdsurfte in der engen Bude – Hammer! Das habe ich im Hanfeklang bisher selten so erlebt. In Erinnerung ist mir das SPERMBIRDS-Konzert vor ein paar Jahren auf einem Sonntagnachmittag geblieben, dort könnte die Stimmung ähnlich gewesen sein. Ich weiß nicht genau, wie lang MUNICIPAL WASTE spielten, aber es war auf jeden Fall amtlich und so lange, dass es sich für mich persönlich ähnlich wie auf Platte dann doch irgendwann etwas abnutzte. Mit dieser Meinung schien ich aber recht allein dazustehen, denn im Mob machten sich kaum Müdigkeitserscheinungen bemerkbar. Unterm Strich war’s ein grandioses Konzert, ein absoluter Siegeszug des Thrash und Crossovers. Wenn man richtig Action will, sollte man zurzeit bevorzugt Konzerte dieser Art aufsuchen. Eines würde ich mir aber dennoch wünschen, auch wenn ich sicherlich niemandem gönne, vor ausverkaufter Hütte abgewiesen zu werden: Die maximale Besucheranzahl etwas einzuschränken, z.B. auf die Menge, die auch tatsächlich in den Konzert“saal“ passt… Dann könnte nämlich auch jeder zahlende Gast das Geschehen nicht nur akustisch verfolgen, sondern sich auch einen Blick auf die Bühne sichern. Anschließend wurde draußen noch immer fleißig weitergeskatet und sich auf die Fresse gepackt und mit dem Hafenklang-Stempel hätte man sogar noch kostenlos den TRASH-TALK-Auftritt im Goldenen Salon darüber aufsuchen können, was ich mir dann aber ersparte und nach ‘nem Absacker und einigen Klönschnacks den Heimweg antrat. Was für eine geile Konzertsause in meinem Urlaub! Alles richtig gemacht!

12.08.2012, Gängeviertel, Hamburg: STAHLSCHWESTER + M.O.R.A. + MURUROA ATTÄCK

Ich hatte eh gerade Urlaub und mein Kater vom Vortag hielt sich in absolut annehmbaren Grenzen, warum also nicht einen kleinen „Drei Konzerte in drei Tagen“-Marathon wagen? Zudem war ich gespannt, ob STAHLSCHWESTER auch den Nüchternheitstest bestehen würde, sprich: Ich sie nüchtern genauso überzeugend wie mit einigen Bierchen und Adrenalin im Körper finden würde. Und erst das Gängeviertel: Regelmäßig finden dort seit geraumer Zeit unkommerzielle Konzerte statt und war noch nie dort! Viele gute Argumente auf einmal. STAHLSCHWESTER machten diesmal den Beginn, und um es kurz zu machen: Trotz verhaltener Publikumsreaktionen an einem Sonntagabend und mit ADOLESCENTS einer starken Konkurrenzveranstaltung im Hafenklang wusste die Band genauso zu gefallen wie am Vorabend. Demnächst erscheint das Debütalbum – endlich mal wieder eine Plattenveröffentlichungsankündigung, die mich wirklich in Vorfreude versetzt. Wenn die Texte dann auch noch entsprechend ausfallen, könnte das evtl. das nächste große Ding aus Hamburg werden. Auch bei der nächsten Band blieb es „female fronted“: M.O.R.A. aus Finnland spielen derben Hardcore, den ich stilistisch so in Richtung NYHC verorten würde. Tiefgestimmt, mit der Zerstörungskraft einer Dampfwalze, leicht metallisch und der gewissen Prise Prolligkeit – vorgetragen von zwei schnieken zeternden und brüllenden Ladys, die entfesselt vor der Bühne herumsprangen und eine eindrucksvolle Show aufs Parkett legten. Voll überzeugend und richtig gut. Am Bass befand sich eine weitere Dame, die restlichen Position waren männlich besetzt. Die drückenden Songs waren glaube ich allesamt recht kurz, auf der in Eigenregie veröffentlichten Debüt-CD befinden sich laut Bandinfo neun Songs in 16 Minuten – da weißte Bescheid. Von den finnischen Texten verstehe ich natürlich nichts, aber von guter Musik, und die gab es hier voll auf die Zwölf. Als letzte Band des Abends standen die Niedersachsen MURUROA ATTÄCK auf dem Plan. Holla, mit gleich sechs Leuten drängelte man sich auf die Bühne: Zwei Gitarristen, zwei Bassisten! Damit erzeugte man eine Menge geordneten Krach, zumeist schneller, teilweise SEHR schneller Hardcore-Punk mit gerne sarkastischen bis zynischen Texten, vorgetragen von Sänger Holger, der eine ziemlich coole Socke ist und sich überhaupt nicht aus dem Konzept bringen lässt, wenn er zunächst einmal vor der engen Bühne den Vortänzer macht und beim Singen angepogt wird. Durch sowas kommt sofort die richtige Attitüde rüber, weiß man gleich, dass man an der richtigen Adresse ist. Die Songs wurden teilweise aufgelockert durch den Einsatz einer Trompete, wofür der dreadgelockte der beiden Bassisten sein Saiteninstrument zeitweise verschonte. Nach ein paar Songs pogte ein ganzer Haufen vor der Bühne und das Konzert war richtig geil. Irgendwie fielen in der Vergangenheit MURUOA ATTÄCK bei mir stets gerade noch so durchs Raster. Ich hab mir seinerzeit die erste EP gekauft, die ich musikalisch gut, textlich so lala fand und immer mal wieder in neuere Promostücke reingehört, unter denen sich echte Schätzchen wie das „Klimperkastenlied“ befanden, aber nie die Alben angeschafft und bisher jedes Konzert verpasst. Ich muss zugeben, dass ich mit einem so derartig überzeugenden Auftritt mit solch starken Songs nicht wirklich gerechnet hatte. Leider konnte ich mir den Gig nicht bis zum Ende ansehen, da aufgrund einer technischen Panne während der M.O.R.A.-Show die Zeit arg vorangeschritten war und ich eine bestimmte Bahn erwischen wollte, aber MURUROA ATTÄCK sind endlich auf der Einkaufsliste gelandet. Und ich hoffe, nicht allzu lange bis zum nächsten Hamburger Konzert warten zu müssen. Der Konzertort im Gängeviertel ist aufgrund seiner zentralen Lage natürlich attraktiv, versprüht von innen rustikalen D.I.Y.-Flair, hat ’ne Anlage mit ordentlich Wumms und ’nen langen Tresen – und der Eintritt betrug ’ne Spende, die Preise für die Getränke (darunter das göttliche Störtebeker-Bier) konnte man sich auch selbst aussuchen!? Ich glaub, ich spinne – Gängeviertel, ich komme wieder!

11.08.2012, Café Flop, Hamburg-Bergedorf: PETRI MEETS PAULI + VIOLENT INSTINCT + TAKE SHIT + CREAM OF THE CRAP + STAHLSCHWESTER

Gut, dass ich am Vorabend noch mal geschaut hatte, was am nächsten Tag so los sein würde: Fischer, den ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte, feierte also zusammen mit ’nem Kumpel seinen Geburtstag nach und lud dafür ins Bergedorfer Flop, wo ich ebenfalls ewig nicht mehr gewesen war. Aufgrund der Vielzahl an Bands begann man leider recht zeitig, weshalb ich PETRI MEETS PAULI und VIOLENT INSTINCT verpasste. Um letztere tat es mir wirklich leid – noch den letztjährigen Auftritt im Headcrash im Vorprogramm der LOST BOYZ ARMY in sehr positiver Erinnerung habend, hätte ich mich sehr gefreut, die Band um die charismatische, talentierte Sängerin Agga mal wieder auf der Bühne zu sehen. Stattdessen nahm ich zunächst Vorlieb mit den Buffetresten, denn im Vorfeld wurde kräftig gegrillt. Als ich dazustieß, hatte ein nicht unerheblicher Teil des Publikums bereits einen beachtlichen Pegel vorzuweisen, den einzuholen schwerfallen sollte. Nachdem ich mir gerade die letzten Reste Nudelsalat zusammengekratzt hatte, stürzte der Buffettisch samt sämtlicher Auflagen zu Boden, als sich jemand ungeschickt angelehnt hatte. Aus der Geburtstagsparty wurde ein Polterabend und Scherben bringen bekanntlich Glück. TAKE SHIT aus Stuttgart war dann die erste Band, die ich mir ansah, nachdem ich den Eintritt ausgewürfelt (!) hatte. Die Platte, die ich mal zugeschickt bekommen hatte, konnte mich nicht sonderlich erwärmen, im Flop vor gut angeheiterter Meute kamen die Schwaben aber hervorragend an. Musikalisch eher, ähm… „rudimentär“ vorgehend, mischte man eigene Songs mit zahlreichen Coverversionen von SCHLEIM-KEIM, den ÄRZTEN und den GOLDENEN ZITRONEN, intonierte das APPD-Lied und grölte zwischen den Songs deren Parolen und stimmte immer wieder ein Geburtstagslied an. Irgendwie scheint bei den TAKE SHITern die Zeit stehengeblieben zu sein; die rockten, als wäre es 1998 und man selbst an die 20 Lenze. Klar, warum nicht, von mir aus – es kam jedenfalls super an und auch die Band hatte sehr offensichtlich verdammt viel Spaß bei der Sache. Mehr was für mich waren dann aber CREAM OF THE CRAP aus Hamburg, die sexy Punkrock/Rotzrock mit sehr cooler Sängerin darboten, der sofort zündete. Der Gitarrist (oder Bassist? Ich weiß es nicht mehr genau) beherrscht ein gewisses Posen jedenfalls aus dem Handgelenk, Riffs und Melodien wussten zu gefallen und veredelt wurde das Ganze vom abwechslungsreichen Gesang, der die englischen Texte mal eher clean, mal rotzig und frech, mal melodischer, mal härter schmetterte und gegen Ende sogar unter Beweis stellte, auch deathmetallisch growlen zu können. Die hymnenartigen, von Chören unterstützten Refrains manch Songs luden direkt beim ersten Hören zum Mitsingen ein, ohne dass man sich in poppige Gefilde anbiederte. Cooler Gig einer weiteren coolen Band, die ich kennenlernen durfte. Und auf hohem Niveau sollte es weitergehen: Als letzte Band des Abends kündigten sich STAHLSCHWESTER an, jene Band um ex-PERLEN-AN-DIE-SÄUE-Sängerin Pebbels, die mittlerweile auch schon seit geraumer Zeit ihr Unwesen treibt, die ich bisher aber stets konsequent entweder verpasst oder ablenkungsbedingt ignoriert hatte. Ein Sakrileg, wie sich herausstellen sollte, denn STAHLSCHWESTER zocken wirklich astreinen, quasi perfekten Hardcore-Punk der alten ’82-Schule mit deutschen Texten, ohne dabei antiquiert oder bemüht retro zu wirken. Zwar wird natürlich bereits im Bandnamen mit der weiblichen besetzten Gesangsposition kokettiert und natürlich ist Pebbels auch ein durchgestylter Augenschmaus, doch musikalisch werden keinerlei Kompromisse gefahren und gibt’s keinen Bullshit, sondern geradlinigen, dabei aber wunderbar abwechslungsreich strukturierten und auch in seiner Geschwindigkeit variierenden Hardcore-Punk mit Wiedererkennungseffekt. Pebbels ist eine fähige Frontfrau, die herrlich aggressiv und angepisst, dabei akzentuiert und kontrolliert singt und hin und wieder von ihren männlichen Kollegen unterstützt wird, woraus ein schöner Kontrast entsteht. Mittlerweile war auch ich in ordentlicher Feierlaune und ließ dies die Band auch spüren, indem ich mich ein wenig austobte, während Lars an den Drums den jeweiligen Hektikfaktor der Songs vorgab und batterieartig durchzog, der Bass seine dominanten Läufe unter die sägende Gitarre legte und der Gesang Songtitel wie „Arbeitslager BRD“, „Realität“ und „Lüge“ herausrotzte. Ich war schwer begeistert – was für ein Ausklang der Party (bei der klangtechnisch übrigens alles soweit prima war)! Danke an Fischer & Co. sowie die Bands für die gelungene Sause!

03.08.2012, Rondenbarg, Hamburg: Sommafest ½ mit KAOS KABELJAU, UPPERCRUST und I.O.N.U.

Erster Teil des Sommerfests auf dem Rondenbarg, freier Eintritt, billige Getränke – und verdammt geile Mucke, wie ich feststellen musste. Vor leider recht übersichtlicher Kulisse machten KAOS KABELJAU aus Hamburg den Anfang mit deutschsprachigem Punkrock/HC-Punk, der mir mit zunehmender Auftrittsdauer immer besser gefiel. Sehr roh und ungeschliffen das Ganze, aber viel Authentizität und Engagement ausstrahlend. Mit einem Song wie „To(t)stedt“ hat man bei mir ohnehin gewonnen und zudem machten die Jungs einen sympathischen Eindruck. Danach brach das absolute musikalische Gewitter los, denn die noch nicht lange existierende, ebenfalls aus Hamburg stammende und sich zu zwei Dritteln aus Leuten von STAHLSCHWESTER zusammensetzende Band UPPERCRUST lieferte ein derbes Hardcore-Punk-Brett mit deutschen Texten ab, so Richtung RECHARGE in richtig gut, um mal einen groben Vergleich heranzuziehen. Den Gesang teilten sich Drummer Lars, durch den ich auf den Gig schon frühzeitig aufmerksam wurde, und der Gitarrist, der sein Instrument pfeilschnell spielte, während Lars die Drums natürlich entsprechend malträtierte. Dem passte sich sogar der Bassist an, der wie in Trance radikal und ohne Rücksicht auf Verluste die tiefen Frequenzen unter vollem Körpereinsatz erzeugte. Hut ab vor dieser schweißtreibenden, kräftezehrenden Leistung! Die Mucke war von vorne bis hinten ein kompromissloses, akzentuiertes Brett, das man dem Publikum erbarmungslos vor die Suffschädel knallte. Total geile Scheiße, die man unbedingt im Auge (und Ohr) behalten sollte! I.O.N.U. stammen aus Österreich und verschrieben sich ebenfalls dem Hardcore-Punk, diesmal mit deutlicher Metal-Kante Richtung Crossover oder auch mal bischn Kruste, die Lady am Mikro röhrte wie ein Kerl und die Bassistin verfügte ebenfalls über genauso viel Talent wie Ausstrahlung – ungehobelter Härtnerpunk mit drückender Gitarrenwand und starker weiblicher Beteiligung, als wäre es das Selbstverständlichste vonne Welt. So muss das sein! Das musikalische Konzept zündete und einige Leute inkl. meiner gingen mittlerweile ganz gut mit. Klasse Auftritt einer klasse Band, die den Abend ausfallfrei zu seinem Ende brachte. Verdammt schön zu beobachten, was sich im härteren Punkbereich momentan so allen an vielversprechenden Bands auftut und auf Hamburger Bühnen tummelt – egal ob lokal oder von außerhalb bzw. weit weg. Das macht Hoffnung und Laune und spricht sich hoffentlich schnell herum, so dass zu Gigs von Bands wie denjenigen, die heute Abend spielten, jede Menge interessierter Pöbel strömt – verdient hätten sie’s!

27./28.07.2012, Innenstadt, Essen: Nord-Open-Air mit AGNOSTIC FRONT, SODOM, ENTOMBED u.a.

nord-open-air 2012, essenAls hervorragendes Trostpflaster für meine diesjährige Festival-Abstinenz erwies sich das Essener Nord-Open-Air Ende Juli. Der Szeneladen Café Nord hatte etwas zu feiern und organisierte direkt vor Ort in der Essener Innenstadt (!) ein kostenloses (!) zweitägiges Open-Air-Festival mit einigen verdammt namhaften Bands. Ich legte meinen Urlaub entsprechend und konnte das Festival damit verbinden, einigen Leute in Hagen einen Besuch abzustatten bzw. diese erst einmal über gemeinsame Bekannte kennenzulernen. Optimale Voraussetzungen also, wenngleich man am Freitag durch die Trägheit der Masse erst relativ spät am Ort des Geschehens anlangte. Feitag stand mehr Punkrock „und so“ auf dem Programm, während Samstag der Metal-Tag werden sollte. Als wir eintrafen, hörte ich von außen bei sehr gutem Sound noch die letzten Songs von MASSENDEFEKT, irgendwelche nervigen Coversongs u.a. aus dem Popbereich. Kackband! Zu den mir zuvor völlig unbekannten MOTORJESUS gesellte man sich dann aufs Gelände, das natürlich gut gefüllt war, aber immer noch ausreichend Bewegungsfreiheit bot. Fremdgetränke durfte man nicht mit hinein nehmen, über den Bierverkauf (2,50 EUR pro Becher) finanzierte man anscheinend das Festival. Das Gelände ist prädestiniert für eine Veranstaltung wie diese, denn zur Bühne hin wird’s leicht abschüssig, so dass man von weiter hin immer noch eine gute Sicht hat. Der Sound war professionell und spitzenmäßig, druckvoll und glasklar. Nicht so der Hit waren hingegen MOTORJESUS, belanglose, moderne Rockmusik, irgendwo zwischen Rotzrock und Indie oder was weiß ich, von der nichts hängenblieb. Der Sänger aber hatte durchaus Entertainment-Qualitäten, unterhaltsamer als die Musik waren seine Ansagen zwischen den Songs. Irgendwann räumten diese dann endlich die Bühne für den Headliner des Abends, NYHC-Legende AGNOSTIC FRONT. Holla, gleich den ersten Song, meinen Allzeitfavoriten „The Eliminator“, verhunzte man aber amtlich (zumindest Miret den Keifgesang), möglicherweise Bühnensoundproblemen geschuldet. Ab dann lief’s aber sehr, sehr rund und die Band riss ein geiles Konzert mit der gewohnt gewagten und deshalb so abwechslungsreichen, vielleicht aber auch deshalb so massenkompatiblen Mischung aus altem, mittlerem und neuerem Material quer durch alle möglichen HC-Spielarten ab, was das Ruhrpott-Publikum überaus dankbar annahm und entsprechend mitging. Mittlerweile war das Gelände natürlich rappelvoll – und zwar mit einem sehr gemischten Publikum quer durch alle möglichen Altersgruppen, Subkulturen, Szenen, pipapo… Manch interessante Bekanntschaft konnte man da machen, z.B. mit aufgeschnalltem Rucksack moshende (!), jüngere Typen, die sich irgendwann völlig verschwitzt aus dem Mob zurückzogen, ganz hin und weg von der Band waren, sich als AF-Affiniciados zu erkennen gaben und lautstark die Texte herrlich falsch mitgrölten… Soweit ich das mitbekommen habe, tat die unterschiedliche Zusammensetzung des Pöbels der Friedlichkeit der Veranstaltung und der guten Stimmung aber keinerlei Abbruch. Ja, AGNOSTIC FRONT überzeugten einmal mehr mit einer energiegeladenen, erruptiven Show, wenn man auch mal wieder das unvermeidliche, zurecht umstrittene „Public Assistance“ brachte und andere Songs der beiden Mitt-Achtziger-Crossover-Scheiben mit dem aktuellen Line-up doch irgendwie ein wenig eigenartig klangen – zumindest für meine Oldschool-Ohren. Die RAMONES-Coverversion „Blitzkrieg Bop“ spannte gegen Ende den Bogen zum ’77-Punkrock, der auch für die FRONT die lokalen Wurzeln darstellt.

sodom @nord-open-air 2012, essen

Amnächsten Tag schafften wir es, etwas früher – dafür in deutlich verminderter Anzahl – einzutreffen und hörten von draußen noch GODSIZED lärmen. Aus reinem Bock auf Livemucke, egal von wem, gesellten wir uns zu VANDERBUYST aufs Gelände, auf dem bei strahlendem Sonnenschein wieder viele Leute herumwuselten, man aber trotzdem noch reichlich Beinfreiheit hatte. Ohne große Erwartungen an sie herangetreten, versüßte mir die holländische Langhaarbande überraschend meinen Altbiergenuss mit völlig unpeinlichem, verdammt arschtretendem, rockigem Oldschool-Metal bzw. Hardrock der derberen, flegelhaften Sorte und einer eindrucksvollen Bühnenperformance voller Energie und Spielfreude. Zum Wachwerden war das wirklich erste Sahne, ein dankbarer Opener für den Abend. Von THE VERY END hatten wir uns aber mehr versprochen. Nach VANDERBUYST angetreten und sich den härteren Klängen verschrieben habend, störten die unpassenden melodischen Parts zwischen den flotteren, knüppeligeren Passagen doch sehr; das klang mehr wie gyhypte moderne Grütze. Fortan wurde das „Sehr-Ende“ also mit Missachtung gestraft und sich auf ENTOMBED gefreut, jene Schweden-Death-Band, die ich bisher immer recht überbewertet fand; so überbewertet, dass ich mir nach dem Debüt „Left Hand Path“ kein weiteres Album mehr angehört hatte. Unsere Begleitung Schimmi hing uns jedoch schon seit Tagen damit in den Ohren, wie geil diese Band doch wäre und dass diese auch eine geniale Spielart des „Death’n’Roll“ zelebrieren würde. Ich war also „open minded“ und gespannt und wurde nicht enttäuscht. Das zottelige Pack auf der Bühne röhrte und schredderte sich die Seele aus dem Leib, die Songs hatten ordentlich Punch, Morbidität und (auch auf die Gefahr hin, diesen Begriff inflationär zu verwenden) Energie, manch Riff setzte Akzente, manch Hookline blieb hängen – und im Zugabenteil nach „Left Hand Path“ ausgiebigst die Titelmelodie der „Das Böse“-Horrorfilmreihe zu spielen, geht einem Genrefan wie mir natürlich runter wie Bier. In der Tat ein überzeugender Gig, auch wenn Schimmi dann doch einige Hits seiner Lieblingsalben vermisst hat. Das an diesem Tag logischerweise zu weitaus größeren Teilen aus Metal-Fans bestehende Publikum erwies sich bis zu diesem Zeitpunkt übrigens als ziemlich pflegeleicht, wie auch schon am Tag zuvor war kein großangelegter Asi-Alarm zu verzeichnen, was möglicherweise bei einem kostenlosen Festival in der Innenstadt zu befürchten gewesen wäre. Nun drängelte auch ich mich nach ganz vorne, denn mein persönlicher Höhepunkt bat zur Audienz: Die Ruhrpott-Thrash-Legende SODOM! Seit jeher eine meiner Lieblingsbands aus dem Extreme-Metal-Bereich und in den letzten Jahren auch zu einer meiner favorisierten Livebands geworden. Und ich musste an diesem Tage feststellen: SODOM im Pott ist ein Heimspiel, das sich nochmals positiv auf ihre Performance auswirkt. Als würden sie vor heimischer Kulisse noch mal extra eine Schippe draufpacken, war der Essener Gig locker noch 25% geiler als beispielsweise in Hamburg. Zwischenzeitlich war der Essener Mob zumindest zu Teilen doch ganz gut alkoholisiert und direkt vor der Bühne links, wo ich mich hingedrängelt hatte, wurde es etwas unangenehm, als sich alkoholisierte, aggressive Metal-Asis breit machten, die zum glück recht bald wieder verschwanden. SODOM begannen mit „In War and Pieces“ von der aktuellen Langrille, der sich einmal mehr als idealer Opener erwies. Was dann folgte, ist nur schwer in Worte zu fassen, ich versuch’s trotzdem: Bei astreinem Klang und idealen Wetterbedingungen haute das infernalische Kult-Trio einen Nackenbrecher nach dem anderen, quer durch ich glaube wirklich alle Alben, raus, dass mir so richtig warm ums Stahlherz wurde. Nur Hits, eine unglaublich geile Songauswahl! Klar, mit ihrem Repertoire könnten SODOM locker mehrere Stunden lang eine Sprengbombe nach der nächsten zünden, aber man bewies wahrlich ein glückliches Händchen bei der Setlist. Zu meiner Verzückung griff man sogar auf schwärzeste Perlen aus den Anfangstagen zurück, entstaubte räudige Kanonenschläge wie „Proselytism Real“ und einen meiner Alltime-Faves, „Burst Command Til War“, und feuerte sie in die gierige Meute. Genial! Der Mob verlangte lautstark nach „Ausgebombt“ und wurde entlohnt. Im Gegensatz zum Wackener Auftritt letztes Jahr wurde auch „Bombenhagel“ komplett durchgezogen, und, meine Fresse, in was für einer fiesen Knüppelversion! Voll auf die Zwölf, ohne Umwege direkt in die feiste Fresse! Ich hatte mich zwei, drei Reihen zurückgezogen, allein schon, um meinem frischen Beintattoo Tribut zu zollen, und siehe da: Nach ein paar Songs hatte ich sogar richtiggehend Platz, während ein verdammt respektabler Teil des Publikums sich eindrucksvoll-heftigen Pogo- und Mosh-Attacken im Pit hingab. Natürlich ließ man sich nicht lumpen und haute auch ein paar Zugaben raus, anscheinend mit der Splittergranate „Among the Weirdcong“ sogar eine mehr, als ursprünglich angedacht. Als Coverversion hielt diesmal MOTÖRHEADS „Ace of Spades“ her und der kultige „Blasphemer“ wurde beendet mit dem VENOM-Zitat „Lay down your soul to the god’s Rock’n’Roll – Black Metal!“ Angelripper und Bernemann verzichteten zwischen den Songs auf sämtliche alberne Showeinlagen, denn diese hat diese Band nicht nötig. Gentlemanlike freundlich wurde das Publikum begrüßt, bis Angelripper rührend sentimental wurde, seine Essener Erinnerungen mit dem Pöbel teilte und als skurrilen Kontrast zu den musikalischen Splitterbomben Liebesbekundungen an die Fans loswurde. Was für ein hundsgenialer Gig, was für ein Ausklang des sympathischen Festivals, von dem ich noch lange zehren werde! Danke ans Café Nord, an die geilen Bands und die Reisegruppe Unangenehm, der ich mich anschließen durfte, sowie unsere Gastgeber in Hagen! Ein Besuch im Pott lohnt sich eben immer und ich werde wiederkommen, keine Frage!

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