Vor zehn Jahren oder so wurde mir der zweite „Happy Aua“-Teil geschenkt. Als mir der Vorgänger kürzlich auf einem Flohmarkt in die Hände fiel, musste ich ihn mitnehmen – allein schon, um die Lücke im Regal zu schließen. Nach den ersten drei „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“-Spiegel-Online-Zwiebelfisch-Kolumnensammlungen, die sich – nicht immer ganz unumstritten – der deutschen Sprache und ihren Herausforderungen und Fallstricken auf humorvolle, leicht verständliche Art widmen, veröffentlichte Autor Bastian Sick 2007 ebenfalls im Verlag Kiepenheuer & Witsch einen rund 140-seitigen Bildband im Taschenbuch-Format, der aus von seinen Leserinnen und Lesern eingesandten Fundstücken besteht. Zahlreiche Schnappschüsse aus Werbeprospekten und Zeitungsannoncen, von Hinweisschildern und aus Speisekarten, von Flugblättern, aus Schaufenstern etc. bilden, meist inkl. Quellenangaben, die in zahlreiche Kapitel grob strukturierte Basis des Buchs, und eines ist ihnen allen gemein: Sie enthalten auf besonders amüsante, weil zweideutige oder schlicht besonders unglückliche Weise Rechtschreibfehler bis hin zu Stilblüten oder richtiggehenden Sprachvergewaltigungen, die Sick meist Anlass zu kurzen, witzig pointierten Kommentaren gaben. Einige sind offensichtlich mangelnden Deutschkenntnissen ausländischer Mitbürger geschuldet, andere fehlerhaften Übersetzungen, Unaufmerksamkeiten, Missverständnissen, falschen Schlussfolgerungen usw. usf., die gesamte Palette wird abgedeckt. Und nicht wenige der gesammelten Beispiele sind tatsächlich zum Brüllen komisch. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass es sich quasi ausnahmslos um Beispiele aus der Öffentlichkeit handelt, sich der oder die Verfasser sich also unwissentlich durch sie bloßstellten. Dass man darüber lacht, ist vollkommen in Ordnung, denn, wie Sick in seinem gewohnt ansprechenden Vorwort klarstellt: „Natürlich darf man das! Schließlich geht es hier […] nicht darum, einzelne Menschen vorzuführen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Es geht darum zu zeigen, wie haarsträubend komisch unsere Sprache sein kann, wie schnell ein völlig neuer Sinn entsteht, wenn man aus Nachlässigkeit oder Gedankenlosigkeit nur ein paar Buchstaben miteinander vertauscht.“ Hämisch reagiere ich allerdings dann doch, wenn es sich um Beispiele handelt, in denen aus Vermarktungsgründen wieder einmal etwas mit der Brechstange pseudoamerikanisiert werden sollte und dies einmal mehr in die Hose ging. Einzelne Fälle würden unter normalen Umständen – also außerhalb dieses humoristischen und süffisant kommentierten Rahmens – sogar richtiggehend verärgern, nämlich dann, wenn offensichtlich ist, dass der Fehler durch mehrere Instanzen ging, jedoch nie korrigiert wurde, weil er allen schlicht scheißegal war. Denn dann darf man sich als der jeweilige Adressat auch mal gering geschätzt wähnen. Ein Namensregister, in dem sich die Einsender wiederfinden, rundet das Buch ab, das auf den letzten Metern etwas arg platzverschwenderisch mit einseitig bedruckten Werbeseiten zusätzlichen Umfang suggeriert. Unterm Strich ein kurzweiliges, durchaus hintersinniges Vergnügen, im Idealfall mit Lerneffekt. Auffallend ist mit dem heutigen zeitlichen Abstand jedoch, dass die damaligen Handykameras bei Weitem nicht die heute gewohnten gestochen scharfen Bilder produzierten…
















Als Kleinkind wurden mir diverse Bücher vorgelesen und als Grundschüler machte ich mich selbst an eine ganze Reihe Kinderbücher, wenn ich auch hauptsächlich Comics konsumierte. Klassische Jugendliteratur hingegen habe ich kaum gelesen. Die schwedischen Vettern Sören Olsson und Anders Jacobsson, ausgebildete Lehrer, haben eine fünfzehnbändige Jugendbuchreihe um den pubertierenden Bert Ljung verfasst, die sein Leben vom zwölften bis zum 17. Lebensjahr skizziert. Von 1987 bis 1999 erschien sie im schwedischen Original, von 1990 bis 2005 schließlich ins Deutsche übersetzt bei der Hamburger Verlagsgruppe Friedrich Oetinger. Offenbar allen gemein ist, dass sie ausschließlich aus Berts Tagebucheinträgen bestehen, der Erzähler also gleichzeitig die Hauptfigur ist. Als ich die Bände 5 bis 9 im Tauschschrank entdeckte, offenbar ausgemustert von einer Bücherei, griff ich nach etwas Überlegung neugierig zu, nicht zuletzt aufgrund der ansprechenden bunten Einbandgestaltung. Band 5, „Berts hemmungslose Katastrophen“, 1991 bzw. 1995 erschienen, hatte ich mir nun unlängst einmal zu Gemüte geführt, denn das Thema „Coming of Age“ ist zumindest im Filmbereich oftmals ein gerngesehenes.
Poster-Sammler Dennis King ist ein internationaler Plakat-Guru. Für den zweiten Band der „Art of Modern Rock“-Posterbuchreihe hat er rund 200 subthematisch grob sortierte Plakate zusammengestellt, denen gemein ist, dass sie in irgendeiner Form Bezug nehmen auf ikonische weibliche Figuren und diese zur prominenten Illustration nutzen. Neben einigen wenigen Fotografien handelt es sich überwiegend um stilisierte Zeichnungen: Pop-Art, comichaft, karikierend, auf mythologische Vorbilder oder welche aus Filmen verweisend, mal sexy, mal gefährlich, häufig beides, Rollenbilder bestätigend, persiflierend oder negierend, an den Pin-up-Stil der 1950er angelehnt oder modern, meist kunterbunt und immer echte Hingucker, hinter denen die aufgeführten Bands – meist handelt es sich um Konzertankündigungen – nur die zweite Geige spielen. Im Mittelteil wird das knapp 200 Hochglanzseiten auf festem, wertigem Papier umfassende Buch durch ein Kurz-Interview mit Art Chantry ergänzt, das der Frage nachgeht, ob Nacktheit auf Plakaten Frauen degradiert. Doch natürlich handelt es sich hierbei um keinen Schmuddel, sondern um echte, ästhetische Kunst, die auf Plakaten von zahlreichen Garage-, Punk- und Alternative-Bands ihren Ausdruck findet und inspirierend wirkt: im Hinblick auf die Vielfältigkeit eines Motivs, auf die Gestaltungsmöglichkeiten von Postern und Flyern sowie auf die mögliche Symbiose von ikonographischer Kunst und Rock’n’Roll. Darüber hinaus bietet der Band im handlichen Taschenbuchformat natürlich einen schönen Überblick über die Höhepunkte dieser Form von Plakatkunst unter o. g. Prämisse. Ein Vorwort Kings, einige Zitate zum Thema und ein Index runden diese 2008 bei Edition Olms für den deutschsprachigen Markt lizenzierte Ausgabe ab, deren Sprache englisch ist, die jedoch meist verstummt und stattdessen die Bilder für sich sprechen lässt – weshalb es Spaß macht, sie immer mal wieder zur Hand zu nehmen und in ihr zu blättern.
Mad-Stammzeichner Sergio Aragones wurde 1977 ein drittes Taschenbuch gewidmet, das im US-Original bereits 1974 erschienen war. Auf rund 160 (unnummerierten) Seiten tummeln sich zahlreiche Kurzgeschichten in Comic-Form, die erneut ohne Dia- oder Monologe auskommen und neben Aragones’ karikierendem Strich nette Pointen bieten, die jedoch für Mad-Verhältnisse etwas den Biss vermissen lassen und manchmal arg seicht ausfielen, bisweilen aber auch über gesellschaftssatirische Momente verfügen, die herausstechen, während man das Büchlein gewohnt schnell, aber kurzweilig durchgeblättert hat.
Die beliebte „Spion & Spion“-Reihe kam 1977 zum zweiten Mal in den deutschen Mad-Taschenbüchern zu Ehren. Auf (diesmal nummerierten) 160 Seiten wird sich wieder dialogfrei gegenseitig der Garaus gemacht, wobei die sich jeweils über ein paar Seiten erstreckenden Kurzgeschichten diesmal Titel bekommen haben: „Operation Volltreffer“, „Operation Rückschlag“ bis hin zu „Operation Operation“. Abgefahrene technische Kettenreaktionen scheinen mir diesmal bei den gegenseitigen Mordplänen eine noch größere Rolle zu spielen und wie üblich fällt meist derjenige selbst hinein, der dem anderen eine Grube gräbt – jedoch auch nicht immer, sodass der Ausgang nicht immer feststeht. Die Comics leben in erster Linie von ihrem Einfallsreichtum beim originellen Fallenbau, weniger von ihren Pointen. Wer der beiden namenlosen Spitzgesichter jeweils gewinnt, hält sich wie üblich die Waage. In ihrer komplett sinnbefreit anmutenden Reduzierung der Spionagetätigkeiten auf gegenseitiges Abmurksen ist „Spion & Spion“ ein amüsantes und zugleich makaber-satirisches Kind des Kalten Kriegs, das sich noch viele weitere Jahre behaupten sollte.
Zum Jahresbeginn hat mich die Zeitfalle endgültig erwischt: Der Semesterendspurt meines Studiums fordert seinen Tribut. Den Eintrag zu meinem ersten Konzert des noch jungen Jahres, das mich in die Fanräume führte, will ich trotzdem nicht unterschlagen, auch wenn’s etwas länger dauerte. Kohle für Anti-G20-Repressionskosten sollte eingespielt werden und eigentlich waren auch AUS DEM RASTER dabei, die jedoch gerade mit ihrem Set durch waren, als ich am ziemlich gut gefüllten Ort des Geschehens aufschlug. Die LOSER YOUTH um Gitarrist, Sänger und Tausendsassa Thommy prügelte gefühlt 40 schnörkellose, rudimentäre Oldestschool-HC-Punk-Eruptionen durch die P.A., kurze, direkt auf den Punkt kommende Songs mit deutschsprachigen, bewusst provokant-plakativen Texten, garniert mit herrlich stumpfen Ansagen und schönem Bass-Gerödel, das hilft, die Stücke voneinander unterscheiden zu können. Brachte gut Stimmung in die Bude und die entspannte Attitüde der Band, die den einen oder anderen Einstieg vergeigte und bisweilen dann einfach zum nächsten Song überging, ist mal echt sympathisch.











Einen ungeschönten, wenig sentimentalen Blick auf das Leben (eines typischen Mad-Lesers) wirft das neunte Mad-Taschenbuch aus dem Jahre 1976, dessen Inhalt bereit s 1973 in den USA erstveröffentlicht wurde. Das rund 160 Seiten lange Konzept: Links eine großflächige Schwarzweiß-Zeichnung Woodbridges, meist eine Karikatur aus dem Alltag, rechts Larry Siegels (sehr gelungen übersetzter) Text in Strophenform, häufig mit „Schau“ im Imperativ eröffnend: „Schau, ein Baby!“, „Schau, wie du heulst!“, „Schau dich an!“ Auch Interjektionen und Inflektive treten gehäuft und meist wiederholend auf, bereits im Kaufanreiz auf der Büchrückseite: „Scheffel, scheffel, scheffel!“ Sprachlich wird also der kindgerechte Sprachstil herkömmlicher Fibeln persifliert, während es sich inhaltlich um eine absolut pessimistische, desillusorische Sicht auf Leben und Tod eines jugendlichen Versagers und erwachsenen Durchschnittsmanns handelt, der es zwar zu Job, Frau und Kindern im Laufe seiner Existenz bringt, zu dem das wirkliche Glück jedoch stets ausreichend Abstand hält. Neben der augenzwinkernden, ironischen, nicht selten auch auf z.B. Geschlechterklischees zurückgreifenden Betrachtung typischer Lebensstationen wie Kindheit, Jugend, Ehe und Alter schwingt stets Kritik an gesellschaftlichen Konventionen, die die freie Entfaltung des Individuums verhindern, mit, was „Die große Mad-Lebensfibel“ alles in allem zu einem makaber-vergnüglichen, auf den zweiten Blick jedoch durchaus auch etwas traurigen oder zumindest nachdenklich stimmenden, jedenfalls immer etwas hintersinnigen Angelegenheit macht.
Seit 1961 erfreuen sich die „Spion & Spion“-Comics des Zeichners Antonio Prohias im US-amerikanischen Mad-Magazin großer Beliebtheit, fanden ebenso in den deutschen Mad-Heften Beachtung und debütierten im Taschenbuch-Format 1975: Mit dem fünften Mad-Taschenbuch kamen sie nach Don Martin, Sergio Aragones und Al Jafee zur Ehre, sich auf rund 160 (unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten in kurzen Comic-Geschichten sowie großformatigen Einzelbildern gegenseitig an den Kragen gehen zu dürfen. Es handelt sich um zwei spitznasige Gestalten, deren Aussehen an Mensch-Vogel-Hybridwesen erinnert und die sich bis auf ihre weiße bzw. schwarze Kleidung ähneln wie ein Ei dem anderen. Sie versuchen stets, sich gegenseitig zu überlisten, sich geheime Informationen abzujagen oder schlicht, den jeweils anderen auszuschalten. Dabei geht es comichaft überzeichnet gewalttätig zu und derjenige, der dem anderen eine Falle stellt, fällt meist selbst hinein – aber nicht immer, wodurch der Ausgang häufig ungewiss bleibt. Wer jeweils gewinnt, ist sehr ausgewogen und weder Figurengestaltung noch Inhalte lassen Rückschlüsse auf ihre jeweiligen Auftraggeber, ihr politisches Lager oder den konkreten Gegenstand ihrer Spionagetätigkeiten zu. „Spion & Spion“ ist die Persiflage eines Teilbereichs des Kalten Kriegs, die das Schwarzweißdenken jener Ära aufs Korn nimmt, was sich in der Farbgestaltung widerspiegelt. Eine Besonderheit ist, dass die Comics komplett ohne Dialoge, innere Monologe oder erläuternde, einordnende Texte auskommen. Dadurch muss man mitunter schon genauer hinschauen, um die Handlung zu erfassen, was dem Ganzen auch etwas Pantomimisches verleiht, was wiederum ebenfalls zur Schwarzweißgestaltung passt. Mit dem Platz ging man recht großzügig um und platzierte lediglich ein bis zwei Panels pro Seite, sodass man mit diesem Band entsprechend schnell durch ist. „Spion & Spion“ gehören zu den Ikonen der Mad-Welt, sind fest im popkulturellen Gedächtnis verhaftet und wurden später u.a. die titelgebenden Helden von Computerspielen.
Endlich liegt mir nun auch das erste Mad-Taschenbuch vor, bei seinem Erscheinen 1973 noch „Mad Paperback“ genannt. Es war an Stammzeichner Don Martin, dem „Meister des bebilderten Slapsticks und des schwarzen Humors“ (Wikipedia), die 73-bändige Reihe mit seinem unverkennbaren Stil zu eröffnen. 160 Schwarzweiß-Seiten lang darf man sich an seinen Comics erfreuen, derer es neun Stück ins Buch geschafft haben. In „Der Stern von Brooklyn“ macht er sich über das Showgeschäft lustig, „An einem Frühlingstag“ nimmt technischen Fortschritt und Konsum anhand einer – bzw. vieler verschiedener – Armbanduhren aufs Korn, die drei „Rauch über der Prärie“-Teile sind Western-Persiflagen, „Nancy Nett, Stewardess“ ist eine gelungene Parodie auf die Sicherheitsinstruktionen durch Flugbegleiterinnen und mein persönlicher Höhepunkt des Buchs, „Schönheit kann man kaufen“ ist eine Karikatur auf weiblichen Schönheitswahn, „Ein stinknormaler Tag“ zeigt das Privatleben eines Hunds, wenn das Herrchen länger außer Haus ist und „Lance Parkertip“ ist eine jener beliebten Film-noir-Parodien – allesamt natürlich in Martins slapsticklastigem, heillos überzeichnetem, herrlich krudem Stil und mit meist gelungenen, unvorhergesehen Pointen veredelt. Ein bisschen war damals aber schon noch der Wurm drin: Die eine gewichtige Rolle in der ersten Geschichte spielende Spinne hat lediglich sechs Beine und damit eindeutig zwei zu wenig, Hollywood wird teilweise mit „ie“ geschrieben und die Zeichnungen wurden teils sehr unsauber entkoloriert. Bemerkenswertes Detail, das es irgendwie auch in die deutsche Ausgabe geschafft hat: Das eine Domina zierende Hakenkreuz.