Hannes‘ und meine Geburtstagsparty im Gängeviertel, die dritte… Bei der ersten Ausgabe war ja alles noch ganz entspannt für mich: Hannes hatte sich um alles gekümmert und ich brauchte mich nur mit meiner Band auf die Bretter zu wuchten. Beim zweiten Mal hatte ich schon bischn mehr umme Ohren, zudem war’s alles andere als einfach, meine Kapelle zusammenzubekommen: Eisenkarl fiel aus, weshalb wir kurzfristig Pulvertoastie Holler als Interimsbassisten anlernen mussten, Kais Teilnahme stand schließlich auch auf der Kippe und ich hatte mir zu allem Überfluss auch noch derbe einen aufgesackt. In der Ausweich-Örtlichkeit aufgrund der Gängeviertel-Renovierung lief letztlich – warum auch immer – aber doch alles glatt. Dieses Jahr war ich nun involviert wie nie zuvor und vornehmlich damit beschäftigt, das Band-Aufgebot zusammenzustellen. Und das gestaltete sich alles andere als einfach: CRACKMEIER standen eigentlich schon fest, allein schon, weil deren Drummer Martin dann auch gleich seinen Geburtstag hätte mitfeiern können – fielen dann aber doch flach, weil einer der Gitarristen lediglich am Freitag, nicht aber Samstag gekonnt hätte. Außerdem fehlte eine Art Headliner. Ich hab‘ Gott, Satan und die Welt gefragt, doch jedes Mal war irgendjemand unabkömmlich. Dennoch ist’s mir irgendwie gelungen, dann doch gleich drei mehr oder weniger lokale Acts zusammenzutrommeln und damit ein verdammt schlagkräftiges Line-Up aufzufahren. Dass die alle aus der Nähe kommen und LAST LINE OF DEFENSE in Kürze ohnehin schon wieder im Gängeviertel auftreten – geschenkt. Der Vorteil nämlich war, dass es ein Treffen mit Freunden und guten Bekannten wurde.
Doch, oh Graus, nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrs hätte ich gewarnt sein müssen: In der Woche entwickelte Kai eine derart hartnäckige Rückenmuskelblockade, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und im Krankenhaus behandelt werden musste. Es sah verdammt schlecht aus. Und damit nicht genug: Eisenk(r)alle zertrümmerte sich am Donnerstag eine Fingerkuppe. Irgendjemand hatte unsere Voodoo-Puppen mal wieder im vollen Würgegriff… Der schmerz- und furchtlose Kalle meldete zwar Vollzug und war nach kurzer Behandlung wieder zu allem bereit, doch als mir Kai am Freitagmorgen mitteilte, dass es bei ihm wohl nichts werden würde, suchte ich halbherzig und erfolglos nach möglichem kurzfristigsten Ersatz, war jedoch bald mit meinem Latein am Ende. Gänzlich unverhofft meldete er sich am Freitagabend noch einmal und berichtete, dass sein Schmerzmittelcocktail endlich angeschlagen habe und er mittels Seniorengymnastik gerade ganz langsam zum zumindest gebückten Gang zurückfände. Damit war unser Gig auf dem letzten Drücker gerettet. Respekt an Kai, den alten Wemmser und zukünftigen Ausgleichssportler – solch eine Aufregung brauche ich aber echt nicht noch mal… Am frühen Nachmittag war übrigens noch bekannt geworden, dass sich der LAST-LINE-OF-DEFENSE-Gitarrist seine Achillessehne geschrotet hat und mit Hocker auf die Bühne muss. Die LIQUOR SHOP ROCKERS wiederum hatten Meniskus + Ischias + Grippe anzubieten und THEM-FALLS-Gitarrist/-Schreihals Stülpo klagte über Verrotzung. Die Veranstaltung wurde kurzerhand in „Hannes‘ und Günnis Invaliden Birthday Disaster“ umgetauft, glücklicherweise würde mit LLOD-Eloi ein Sanitäter anwesend sein…
Die Equipmentfrage klärte sich dafür umso unkomplizierter: Jeder brachte bischn was mit, THEM FALLS dankenswerterweise die Boxen, nur LAST LINE OF DEFENSE blieben außen vor, weil die arbeitsbedingt ohnehin erst später kommen konnten – was somit zu keinem Problem wurde. Wir baten die drei anderen Bands um 17:00 Uhr zum Gängeviertel, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass alle derart pünktlich sein würden, denn das Equipment-Puzzle wollte ja erst noch zusammengesetzt werden. Doch falsch gedacht: Als ich mit Dr. Tentakel und Kalle vorfuhr, waren THEM FALLS und LIQUOR SHOP ROCKERS bereits vor Ort und hatten den Großteil bereits aufgebaut. Vorbildlich! Also ersma die große Hallo-Runde, Bier kaltstellen, das erste köpfen, dem regen Treiben zusehen, Merch-Plünnen auseinanderfriemeln – und die Kür vor der Pflicht: übers Buffet hermachen. Hannes‘ Bruder Martin hatte Salade de pâtes kredenzt, mit hohem Gemüseanteil für die Volksgesundheit und Tofuwürfeln fürs Tierwohl, dazu Baguette und Crème d’ail gereicht. Dekorativ hatte Hannes zudem reichlich Obst dazugelegt. Noch bevor mich jemand hätte bitten können, den Vorkoster zu machen, genoss ich bereits die Haute Cuisine und vergab Feinschmecker-Sterne. Davor war mir der wegen absoluten Schleppverbots ohne Umweg über den Proberaum direkt ins Gänge4tel gekommene Kai bereits über den Weg „gelaufen“, als er, gestützt von seinen beiden Pflegerinnen, seine Krücken wegwarf, euphorisch „Kann wieder gehen!“ ausstieß und sich mit einem großen Satz strategisch direkt am Tresen positionierte – auf einem rückenfreundlich gepolsterten Barhocker, versteht sich. Mit sich führte er Geschenke, für die sich meine werten Motherfuckers nicht hatten lumpen lassen: Ein nur leicht manipuliertes Bandfoto mit persönlicher Widmung sowie ein endstylishes Skeletor-T-Shirt. Boah, wie geil – werde ich auf dem HOA einweihen!
- Geschenke auspacken
Beim Soundcheck war ich dann froh, dass nicht wir, sondern THEM FALLS auf der Bühne standen: Der zog sich nämlich arg, weil es Probleme mit dem Gesang auf den Monitoren gab. Insbesondere der Bassist und Co-Brüller konnte sich partout so gut wie gar nicht hören und durch die x-maligen Versuche liefen beide Sänger Gefahr, bereits zu diesem Zeitpunkt heiser zu werden. Wir hätten vermutlich schon längst „Scheiß drauf!“ gesagt, doch THEM FALLS, die an diesem Abend ihre Live-Premiere absolvieren sollten, wollten verständlicherweise das Optimum herausholen und hielten tapfer durch, bis nach reichlich Knöpfchengedrehe und Mikrowechseln – sowie einem zwischenzeitlichen Stromausfall! – endlich alles annehmbar klang. Der Song, den sie dafür immer wieder angespielt hatten, war für alle Anwesenden mittlerweile zum Ohrwurm geworden. Gegen 20:00 Uhr wurde die Bude dann offiziell geöffnet, nun wurd’s spannend: RAZORS + RESTMENSCH im Menschenzoo, weitere Konzis im Störtebeker und in den St.-Pauli-Fanräumen – wie viele würden sich bei tropischen Temperaturen ins Gängeviertel verirren?
Oh, so einige. THEM FALLS konnten pünktlich um kurz nach 9 anfangen, ohne dabei vor leerer Kulisse zu stehen, im Gegenteil: Ihr Live-Debüt stieß auf reges Interesse und offene Ohren. Das aus den Trümmern von RODHA hervorgegangene Trio spielt Sludge-Metal mit kehligem Gesang und fetten Effektkoffern, an der Gitarre mein Tätowierer Stülpo, der für fast alle Abziehbildchen auf mir verantwortlich zeichnet, und an der Schießbude ebenfalls ein alter Bekannter: Lynn, der parallel bei UPPER CRUST singt und damit zum dritten Mal in Folge auf Hannes‘ und meinen Geburtstagspartys auf der Bühne stand! Die Aufregung merkte man der überaus konzentriert auftretenden Band nicht an, sehr souverän zog sie ihren Stiefel durch und erfüllte das Gängeviertel mit verdammt schweren Sounds und düsterer Atmosphäre. Im April haben THEM FALLS ihre ersten Aufnahmen auf Bandcamp veröffentlicht, was mir völlig entfallen war, weshalb ich sie hier nachreiche: https://themfalls.bandcamp.com/releases Schönes Ding und ich bin ein bisschen stolz, dass wir die ersten waren, bei denen sie zum gediegenen Schwof aufspielten. Und danke auch an Lynn für die beiden Röhrchen Gelo Revoice!
- Them
- Falls
Eigentlich wollten wir als Zweite spielen, ließen aufgrund der angeschlagenen Gesundheit ihres Drummers Toni aber den LIQUOR SHOP ROCKERS aus Altona den Vortritt. Die Bude war mittlerweile voll, die Temperaturen waren weiter gestiegen und spätestens jetzt wurde die ganze Nummer hier auch für mich zum Saunaabend mit Hopfenaufguss. Weste, Nina, Needlz und Toni verfügen zusammen über ungefähr 150 Jahre Live-Erfahrung in anderen illustren Combos und haben sich vor einiger Zeit zusammengetan, um kräftegebündelt wieder derbe auf die Kacke zu hauen. Die HC-Sozialisation des einen oder anderen Bandmitglieds lässt sich nicht verleugnen und schimmert in ihrem Stil immer wieder stark durch. Ein brachiales Gebräu aus HC-Punk, Streetpunk und klassischem Punkrock, mal frech, mal prollig, nie leise oder subtil, sondern immer mit dem Kopf durch die Wand, vereint gegen den Rest der Welt. Fuck-you-Attitüde trifft auf juvenile Spielfreude trifft auf abgezockte Erfahrung. Needlz scheint an seiner Klampfe oftmals förmlich zu explodieren, Ninas Bass klingt nicht selten fast wie ‘ne zweite Gitarre, Weste hält gern gleich beide Mittelfinger lässig dirigierend in die Luft und Toni hält die Chose präzise und mit entschlossenem Punch zusammen. Das ist die grobe Kelle, die dennoch manch sich festkrallende Melodie offenbart und echt mal auf Vinyl gehört. Folgerichtig stehen demnächst Studioaufnahmen an – hoffentlich bleibt ihnen das Dreckige, Urwüchsige, Ungezähmte erhalten!
- Liquor
- Shop
- Rockers
Wäre ich als Gast hier gewesen, hätte ich mich längst gehengelassen und heillos betrunken. Es galt ja aber noch einen Job zu erledigen. Paar Bierchen gekrallt, rauf auf die Bühne, Line-Check und ab dafür: „Pogromstimmung“, „Tales of Terror“ und „Menschenzoo“ ohne Tüdelüd hintereinander wech, zum zweiten Mal überhaupt die „Spaltaxt“ kreisen gelassen, geschwitzt wie ein Schwein, nachgekippt, zehn weitere Songs durchgeprügelt, Danksagungen, tschüß. So in etwa fühlte sich der Gig an, der wie im Rausch an mir vorbeizog. Ich weiß nicht, ob ich es THEM FALLS zu verdanken habe, aber ich hatte einen astreinen Gesangssound auf den Monitoren. Alles lief weitestgehend glatt, sodass es zu keinen Zwangspausen kam. Kai hielt sich wacker und Kalle schien die funktionsunfähige Fingerkuppe tatsächlich nicht zu beeinträchtigen. Pokerface Dr. Tentakel hielt zudem die Drumzügel fest in der Hand, haderte lediglich mit der Enge in der Schlagzeugbucht, die seines Erachtens gegen geltende Mindeststandards zur artgerechten Drummerhaltung verstoßen. Klar hatten sich ein paar Fehler eingeschlichen, aber nichts Gravierendes, keine Texthänger o.ä. Nach ‘ner Band wie LIQUOR SHOP ROCKERS auf die Bühne zu müssen, hielt ich für keine dankbare Aufgabe, aber offenbar hatten viele auch Bock auf uns, waren neugierig oder blieben aus Höflichkeit, weil ich Geburtstag hatte 😉 Nee, das war schon unseren Ansprüchen genügend abgeliefert und die Resonanz war sehr positiv. Allerdings hörte ich danach bis spät in die Nacht hinein überhaupt nicht mehr zu schwitzen auf und goss mir zum Ausgleich ein Bierchen nach dem anderen rein.
- DMF
Manch einen schien der Abend ähnlich geschlaucht zu haben, ausgerechnet zum Headliner war leider eine deutliche Publikumsabwanderung zu vernehmen. Für eine lauschige Oldschool-Hardcore-Show mit den jüngst wiedervereinten Wedelern LAST LINE OF DEFENSE mangelte es aber noch lange nicht an Menschenmaterial. Ich war besonders gespannt, denn nachdem ich früher diversen LLOD-Gigs beigewohnt hatte, hatte es sich seit der Reunion noch nicht ergeben. Mit ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel und neuem Gitarristen hat man nichts an Durchschlagskraft eingebüßt. Der Gitarrist musste wie erwähnt den Gig sitzend verbringen, was Shouter Eloi mit erhöhtem Laufpensum vor der Bühne wettmachte. Die Songs der überaus geschätzten EP sowie Material, das es nicht auf sie geschafft hatte, wurden neben jüngeren Stücken und einigen Coverversionen von Bands wie WARZONE oder NEGATIVE APPROACH zum Besten gegeben. Als mir Eloi mit zunehmender Freude das Mikro zum Mitsingen hinhielt, war ich mal mehr, mal weniger textsicher und wurde mir schlagartig bewusst, wie lange ich mir all die Klassiker – ob bandeigen oder weltweit populär – eigentlich nicht mehr gedrückt hatte… Aber so oder so ging mir das Herz auf; astreine Nummer, großartige Songs, ein ebenso genialer wie bescheidener Frontmann und ein sympathisches Auftreten, was die Band für unzählige weitere Shows qualifiziert, von denen ich hoffentlich so viele wie möglich werde mitnehmen können. Dieser schnörkellose US-Hardcore-Sound der alten Schule in Kombination mit Spaß am Schreiben richtiger Songs, die auch mal länger als 90 Sekunden gehen, hatte echt auf den Hamburger D.I.Y-Bühnen gefehlt. Speziellen Dank an dieser Stelle noch mal an Drummer Wallace, der mir (passend zum Skeletor-Shirt) ein altes MOTU-Magazin und eine Sid-Vicious-Actionfigur geschenkt hat. Nein, wir sind nicht nerdig – wer behauptet so was nur?!
- LLOD
Im Anschluss machten meine liebe Freundin, die während unseres Gigs wieder Fotos geschossen (s.o.) und sogar ein paar Videos gedreht hatte, und ich uns noch (mal) übers Büffet her, das ich Gierschlund mir am liebsten auch noch für Zuhause eingepackt hätte. Und dann war da ja noch die Spendenaktion, zu der wir zugunsten der Mittelmeer-Seenotrettung aufgerufen hatten. Zwischendurch hatte Martin mir bereits mitgeteilt, welch sensationell hohe Summe sich angesammelt hatte. Letztlich wurden’s sage und schreibe knapp 470,- EUR. Unsere paar Taler an Merch-Einnahmen haben wir noch draufgepackt und ich hab‘ aufgerundet auf 500,- EUR, die an den Sea-Watch e.V. gingen. Deshalb ein ganz großes DANKESCHÖN an alle Spender, generell an alle, die mit uns gefeiert haben, an sämtliche, ausnahmslos geilen Bands und natürlich an Hannes, der die Organisation vor Ort übernommen und einen zuverlässigen Stab verdammt fähiger Helferinnen und Helfer vom Sternekoch über den Soundmann bis zur Thekencrew zusammengetrommelt hatte, ohne die an diesem Abend Dunkeltuten gewesen wäre und denen ebenfalls mein tiefster Dank gilt – und zum Besen griff er am Schluss höchstpersönlich, während wir unser Equipment zusammensammelten, ins Taxi stopften und irgendwann gen Altona aufbrachen.
DAS nenne ich mal eine Geburtstagsparty, die mich nun wirklich für alle Komplikationen im Vorfeld entschädigt hat – nächstes Jahr wieder, oder was?! (Dann gern etwas weniger aufregend, man wird ja nicht jünger…)


























Wie die Wende-Comics
„Treibsand“ ist einer der Comics (bzw. Graphic Novels), die zum 25-jährigen Jubiläum der innerdeutschen Grenzöffnung, also 2014, erschienen. Gezeichnet von Kitty Kahane und erdacht sowie getextet von Max Mönch und Alexander Lahl, die – obwohl selbst Zeitzeugen – im Vorfeld zahlreiche weitere Zeitzeugen befragten, wurde auch dieses Werk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert. Der rund 180-seitige broschierte Band erschien im Metrolit-Verlag.




















Als dieses Konzert der kubanischen Ethno-Groove-Metaller TENDENCIA anberaumt wurde, hatte Menschenzoo-Booker Martin ursprünglich meine Krawallcombo gefragt, ob wir die Vorband machen könnten. Das fiel leider aufgrund beruflicher Verpflichtungen Eisenkalles flach und auch das Angebot, dort als DJ aufzulegen, musste ich ausschlagen, da ich am nächsten Tag relativ früh raus musste. Das Konzert wollte ich mir aber nicht entgehen lassen. Die norddeutschen SOULFORGER machten den Anfang im ca. halbvollen Zoo. Ihren Stil beschreibt diese Band, von der ich zuvor noch nie etwas gehört hatte und die sich anscheinend sehr rar macht, als Melodic Death Metal – anfänglich klangen sie mir jedoch angenehmerweise mehr nach alten SEPULTURA, also nach ruppigem Oldschool-Aggro-Thrash. Tatsächlich wurd’s dann zunehmend melodeathiger mit atmosphärischen bis epischen Melodiebögen, manch Blastbeat-Passage klang sogar richtiggehend angeschwärzt. Kleinere Timingprobleme hier und da änderten nichts am gelungenen Gig, der augen- und ohrenscheinlich recht gut ankam, wenngleich es sich kaum um die bevorzugte Musikrichtung der meisten Anwesenden gehandelt haben dürfte. Diese schienen diesen Blick über den Tellerrand aber durchaus wohlwollend zu goutieren.























Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, zu denen die DDR kaum Thema im Schulunterricht war. U.a. um dies zu ändern haben Bundesstiftungen wie diejenige „zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ eine Reihe von Comics gefördert, die sich möglichst sachlich zumindest mit einzelnen Aspekten der DDR-Geschichte auseinandersetzen und sich effektiv als Unterrichtmaterialien einsetzen lassen sollen. Die Comicform soll dabei helfen, Berührungsängste abzubauen, niedrigschwellig jungen Lesern den Zugang zu ermöglichen und diese für die Thematik zu interessieren. Eines dieser Werke ist der rund 100-seitige broschierte Band „Grenzfall“, der im März 2011 im Avant-Verlag erschienen ist. Die Autoren und Zeichner Thomas Henseler und Susanne Buddenberg widmen sich hier der zu DDR-Zeiten oppositionellen Untergrundzeitung gleichen Namens, die es ab 1986 auf 17 in Ostberlin von der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ produzierte Ausgaben brachte. Mitherausgeber war Peter Grimm, der an diesem Buch mitgearbeitet hat und aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Dabei wurden „aus dramaturgischen Gründen […] Abläufe und Personengruppen zusammengefasst“, heißt es im Vorfeld.
Mawil alias Markus Witzel, Berliner Comiczeichner des Geburtsjahrgangs 1976, arbeitete sieben Jahre an seinem Wende-Comic „Kinderland“, der rund 300 Seiten umfassend 2014 im Reprodukt-Verlag erschien – im Softcover sowie in einer limitierten gebundenen Ausgabe mit festem Einband. Im Gegensatz zu Mawils vorausgegangenen Werken ist „Kinderland“ nicht unmittelbar autobiographischen Inhalts, wenngleich sich zahlreiche Parallelen zum Protagonisten Mirco Watzke allein schon aufgrund dessen Ähnlichkeit des Namens und seines Äußeren (wie ein abgedrucktes altes Passfoto Mawils zeigt) geradezu aufdrängen. Und wie Watzke erlebte auch Mawil die Maueröffnung vom Osten Berlins aus als zu pubertieren beginnender Dreikäsehoch mit.
Anlässlich ihres mittlerweile vierjährigen Bestehens gab die umtriebige Beyond-Borders-Konzertgruppe sich und allen, die Bock darauf hatten, eine Riesenparty in der Fabrique des Gängeviertels, als Headliner hatte sie sich die Duisburger DÖDELHAIE zu ihrem unfassbarerweise erst zweiten (!) Gig in Hamburg geangelt. Ich weiß nicht mehr, welches mein erstes Beyond-Borders-Konzert war. Wenn bereits 

































Als der niedersächsische Radiosender FFN noch nicht endgültig zum gesichtslosen Dudelfunk verkommen war (in den ‘80ern und frühen ‘90ern hörte ich sogar keinen Sender so gern wie diesen), leistete er sich ein allsonntägliches komödiantisches, kabarettistisches Humorprogramm, das kultgewordene Frühstyxradio, in dem spätere TV-Größen wie Oliver Kalkofe oder Oliver Welke sich ihre Sporen verdienten. Zum festen Kreis gehörte auch Dietmar Wischmeyer, auch bekannt als „Der kleine Tierfreund“ oder eben Führer des „Logbuchs einer Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Der Ullstein-Verlag war es, der 1997 seine Sammlung polemischer Glossen in Buchform unters bekloppte und bescheuerte Volk brachte, 59 Stück auf rund 130 Seiten. Trocken, sarkastisch und böse metzelt er sich scharfzüngig und pointiert durch eine verspießte Gesellschaft, die zahlreiche längst als normal erachtete Absonderlichkeiten, nervige Schikanen und dummdreiste Auswüchse gebar, und knöpft sich insbesondere diejenigen vor, die diese befeuern und bedienen oder sich als ihre Nutznießer erweisen: die tumbe breite Masse ebenso wie vorsätzliche Volksverblöder, elitäre Klüngel und privilegierte Minderheiten. Oder genauer: Anwohner, Karnevalfeiernde, Kinder, Beamte, Gaffer, Lindenstraße-Glotzer, „Funsportler“, Rentner, Kellner, Jäger, Bauarbeiter, … Dabei geht er ohne Rücksicht auf Verluste oder Kollateralschäden vor und fächert seine beobachtete Alltagserfahrungen suggerierenden „Logbuch-Einträge“ derart breit, dass beinahe alles und jeder sein Fett wegbekommt. Wischmeyer prangert an und schärft den Blick dafür, was man uns antut, was die Menschen sich selbst antun und wie diejenigen, die da nicht mitmachen wollen, darunter leiden müssen. Dabei findet er durchaus originelle Themen und überrascht mit seinem Blickwinkel auf diese, suhlt sich aber auch gern in Klischees, wenn er Altbekanntes und bereits zuhauf Persifliertes aufgreift. Dass bei all dem auch Phänomene ausgewählt werden, die doch eigentlich gar nicht nerven, gehört vermutlich zum Konzept, soll ich mich doch beim Lesegenuss wahrscheinlich auch selbst hin und wieder ertappt fühlen. Wischmeyers Freude am Umgang mit und Formen von Sprache ist allgegenwärtig, selten wurden Hass und Verachtung derart geschliffen formuliert, ohne auf Reiz- und Schimpfwörter zu verzichten – manch Formulierung wirkt indes dennoch etwas umständlich erzwungen und sein Stil droht sich etwas abzunutzen, liest man zu viele Kapitel unmittelbar nacheinander. Um sicherzugehen, auch wirklich und überall anzuecken, pfeift er zudem auf jegliche politische Korrektheit. So sind Schwarze für ihn recht penetrant nach wie vor Neger und widmet sich konsequenterweise auch ein Kapitel der „Political Correctness“, für die, da muss ich ihm widersprechen es eben doch einen deutschen Begriff gibt – s.o. Als besonders bemerkenswert erachte ich jedoch dessen Inhalt, wenn er sich sprachliche Neuschöpfungen und erzwungene Modifikationen verknöpft und ganz richtig feststellt: „In Lübeck schon brannte das Asylbewerberheim sicherlich genauso gut, wie es das Asylantenheim getan hätte.“ Und widersprechen kann ihm auch niemand, der die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre mitbekommen hat, wenn er jenes Kapitel mit dem Ratschlag schließt: „Drum seid lustig und seid froh, ihr Hottentotten, Kaffern und Kanaken, und gebt Obacht, wenn sie euch die neuen schönen Namen geben, denn dann geht’s euch ganz gewiß recht bald an den Kragen.“ Weder er noch ich positionieren sich damit ernsthaft gegen nicht- oder zumindest weniger diskriminierende Sprache, sondern gegen eine politische Korrektheit, die mittels Euphemismen und schönem Schein dieselbe Menschenverachtung verschleiert, die ohne sie auch für die Bekloppten und Bescheuerten leichter auszumachen wäre. Entrückte pseudophilosophische Kommentare seines Alter Egos Kassowarth von Sondermühlen sowie einige Illustrationen in Form von Fotos runden Wischmeyers erstes Logbuch ab, das mittlerweile immer wieder neu aufgelegt wurde und gleich mehrere Fortsetzungen fand. Für die Bekloppten und Bescheuerten ist das nichts. Für isoliert lebende Freunde von Sprache und Satire ist’s ein vergnügliches Beispiel für den Versuch, bissige Polemik bis an die Grenze zum Zynismus auszureizen. Für diejenigen, die ständig mit den Bekloppten und Bescheuerten konfrontiert werden, handelt es sich hingegen um irgendetwas zwischen Ventil zur Frust- und Wutabfuhr und einer witzigen, hämischen Form des Sich-verstanden-Wähnens fernab jeglicher Verständnispädagogik: Wie einer dieser laut polternden Kumpel, die man nicht ständig um sich haben möchte, mit denen man aber einfach ab und zu mal einen trinken gehen und den Trümmertango tanzen muss. In einem Punkt muss ich Wischmeyer aber korrigieren: Glasflaschen gehörten noch nie in den gelben Sack!
„Woran erinnert sich eine Generation, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt hat wie in einem wiedervereinten?“, fragt der Einband dieser Sammlung der seit 2006 auf den Sonntagsseiten des Berliner Tagesspiegels erschienenen Comicstrip-Reihe des deutschen Zeichners Felix Görmann alias Flix, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist und deren dritte erweiterte Auflage, die anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Öffnung der Berliner Mauer veröffentlicht wurde, ich mir gekauft habe. Sie umfasst im Hardcover 34 inkl. jeweiligem Titelblatt je vierseitige, meist aus zwölf Panels bestehende „Erinnerungen an hier und drüben“, die auf Interviews basieren, die Flix mit Freunden und Bekannten aus Ost- und Westdeutschland geführt hat, um deren individuelle Erinnerungen an die DDR im Funny-Stil auf Papier zu bringen. Die erste entspringt dabei seinem eigenen Hirn, eingeführt durch ein Splash-Panel, das ihn mit einer Gesprächspartnerin in einem Café sitzend zeigt, die ihn explizit nach seiner eigenen Erinnerung fragt. Während die Farbgebung dieses Panels blass ist, wird der Fokus auf diesen Dialog gelegt, indem dessen Figuren und ihr unmittelbares Umfeld durch kräftige Farben hervorgehoben werden. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die bunte Vielfalt der Erinnerungen sich im breiten Farbspektrum des Comics widerspiegelt: Jedes Kapitel verfügt über seine eigene Farbwelt. Inhaltlich reichen sie von kindlich-naiv und -rührend fantasievoll oder absurd-komisch über bemerkenswerte kleine Details des großen Ganzen wie unterschiedliche Gerüche oder den regen DDR-Tauschhandel bis hin zur Dialektik bzw. den Dualismus, den man den Menschen aufzwang, zu Nostalgie, Melancholie und Verklärung, zerplatzten Illusionen und Träumen, Tragik, schreiender Ungerechtigkeit und Tod. Doch nicht nur die DDR wird kritisch betrachtet, mitunter auch die Wiedervereinigung bzw. die BRD. Positive und negative Erinnerungen dürften sich in etwa die Waage halten, völlige Gleichgültigkeit ist selten. Es verdichtet sich jedoch ein Bild von einer in der DDR möglichen sorglosen Kindheit und einer von Widersprüchen geprägten Erwachsenenwelt. Fast sämtliche Facetten des Erinnerungsspektrums werden abgedeckt, ohne dass sie bewertet würden. Große Teile wurden aber sehr humoristisch aufbereitet, ihre Erzähler karikiert und hintergründig ironisiert. Der Humor, den Flix hier an Tag legt, ist ebenso herzlich wie erfrischend, doch auch in den tragikomischen bis tieftraurigen Abschnitten trifft er den richtigen Ton und schafft es, den Leser zu berühren. Wie es Flix gelingt, den Leser auf eine solche Achterbahn der Gefühle in dieser Kompaktheit mitzunehmen, ist große Kunst. Damit ist „Da war mal was…“ ein Wende-Comic, der sich stilistisch wie inhaltlich wohltuend von staatlich geförderten Beiträgen zur Erinnerungskultur abhebt und mir den unlängst mit Preisen überhäuften Flix als Zeichner und Autor eindrücklich empfiehlt. Ich möchte mehr von ihm lesen!